Samstag, 6. Juli 2019

Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern  -  Thüringen Ultra 2019

Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern.

Freddy Quinn, österreichischer Schlagersänger (*1931)

Samstagfrüh, 3:55 Uhr: „Udo!? - Noch fünf Minuten!“ Mike mahnt von draußen, fürchtet anscheinend ich könnte den Start verpassen. Fünf Minuten sind eine „kleine Ewigkeit“. Ein paar Sekunden davon zweige ich noch ab. Will nicht gleich hinter Fröttstädt Deckung suchen müssen. Natürlich verstehe den Anflug von Nervosität, der vom Freund Besitz ergriffen hat. Ging mir zuweilen auch schon so. Wahrscheinlich scharrte ich auch ein bisschen unruhiger mit den Füßen, wäre ich wach - soll heißen: bei vollem Bewusstsein, im Vollbesitz mentaler und physischer Kräfte. Bin ich aber nicht. Nicht mitten in der Nacht. Sollte es mir gelingen in Kürze tatsächlich proper gekleidet und ohne Ausrüstungsdefizit loszulaufen, dann dank hundertfach eingeübter Routine. Unvorhersehbares absolut unerwünscht! Und so mir etwas auf dem Weg zur Startlinie „zustößt“ - wie vorhin die Widersetzlichkeit des doofen Transponderarmbandes - türmt es sich zum gewaltigen Hindernis auf. Vergleichbar mit der Auffaltung der Alpen vor Millionen Jahren. Dann komme ich mir unter all den notorisch gutgelaunten, widerlich ausgeschlafenen Laufmenschen vor wie ein Dinosaurier. Kommt erdgeschichtlich sogar hin: Tyrannosaurus, Velociraptor und Co. bevölkerten den Planeten zu einer Zeit, als der sich anschickte alpine Parcours für Trailläufer aus dem Meer zu heben …

Die letzte Minute der „kleinen Ewigkeit“ verbringe ich schweigend neben Mike, am hinteren Ende des erstaunliche 250 Köpfe umfassenden Startaufgebotes. „Hinten“, wo ich unzweifelhaft hingehöre. „Schweigend“ aus demselben Grund: Das wird heute nichts! - Woraus sollte ich Ausdauer schöpfen, um 2.150 Höhenmeter verteilt auf hundert Kilometer einigermaßen „beschwingt“ abzuspulen? Ich befürchte ein ähnliches Desaster wie Mitte Mai beim Alb-Traum (siehe Laufbericht). Auch damals war ich dem Anspruch der Laufaufgabe nicht gewachsen. Nur die Gründe waren andere.

„Training wird absolut überschätzt!“ Über den Spruch lache ich oft und gerne - wenn andere Läufer damit ihr drohendes oder erstaunlicherweise ausgebliebenes Scheitern kommentieren. Nicht, wenn er auf meinen Ausdauerzustand passt. In den vergangenen vier Wochen, seit meinem Triumph beim Comrades Marathon (siehe Laufbericht), brachte ich es gerade mal auf klägliche 140 Trainingskilometer. Mehr waren in dreieinhalb Urlaubswochen Südafrika einfach nicht drin. Wenig mehr als nichts für einen, der vom Trainingsfleiß „lebt“; der seine Ausdauer Woche um Woche mit vielen Trainingsstunden unterfüttern muss, so er zu einem nicht allzu fernen Zeitpunkt darüber verfügen will. Was für eine Schnapsidee nur eine Woche nach Rückkehr vom südlichen Ende der Welt und mit genussvoll erworbenem Übergewicht einen Hunderter anzugehen … Wobei „anzugehen“ eine zeitweilige Fortbewegungsart impliziert, die ich kategorisch ablehne! Keiner der Anstiege des Thüringen Ultra ist so fordernd, dass ich mir „Gehen“ als Alternative zugestehen würde.

Mehr als Ausdauerdelle und Übergewicht fürchte ich die rätselhafte Hinfälligkeit - Schwäche gepaart mit Brummschädel -, die mich gestern beherrschte. Autofahren war möglich, von zu Hause hierher nach Thüringen, Laufen hingegen ausgeschlossen. Was, wenn mich das Startsignal gleich aufweckt und Reste jener Gebrechlichkeit noch nachwirken?

Wir umarmen uns, Mike und ich. Auf gutes Gelingen, Spaß, Erfolg, schöne Erlebnisse. Auf all das, wofür wir hier sind. Wofür auch ich, den unguten Voraussetzungen zum Trotz, hier stehe. Noch aus einem weiteren Grund bereue ich die „Schnapsidee“ nicht, selbst wenn sie wie vermutet in Selbstgeißelung ausarten sollte. Derzeit außer Form, will ich doch in sechs Wochen 100 Meilen rund um Berlin laufen. Bestmöglich austrainiert. Auf dem Weg dahin bietet der Thüringen Ultra die Chance Ausdauer quasi mit der Brechstange zu erwerben. Wie dem auch sei: Ich bin hier, laufe in diesem Moment los und damit hat jegliches Zaudern und Lamentieren zu verstummen. Möglicherweise hätte ich Alternativen zum Thüringen Ultra finden können - von diesem Augenblick an gibt es nur noch eine: Nach 100 Kilometern finishen! Auf gar keinen Fall werde ich abbrechen!

Ich bereue nichts. Damit verschwendet man nur Zeit, die immer wertvoller wird.

Peter Ustinov, britischer Schauspieler (1921-2004)

Stockfinstere Nacht, aufgehellt von vereinzelten Stirnlampen vorsichtiger Mitläufer und Straßenlaternen im „Ultralaufdorf Fröttstädt“. Ich riskiere einen Blick in den Sternenhimmel und sichte den Großen Bären. Als ich zuletzt nächtens in den Kosmos blickte, waren mir alle Sterne fremd. Mehr als zehn Flugstunden von hier, im südlichen Afrika … Bereits auf der schmalen Chaussee hinter Fröttstädt schickt die einsetzende Morgendämmerung ein paar Lumen Licht von Nordosten herüber. Angereichert mit einem Quäntchen Gottvertrauen und auf gutem Asphalt ausreichend, um die Füße ohne Risiko aufzusetzen. Zunächst auf der Chaussee, dann im Weiler Laucha, alsbald auf unschwierigem Schotterweg. Nach knapp fünf Kilometern, um halb fünf Uhr früh, ist es auch für die Piste schon hell genug.

Das ändert sich als der Feld- zum Waldweg wird. In fast noch kompletter Dunkelheit zeichnen Unebenheiten nur schemenhafte Konturen auf die Netzhaut. Ängstlich hebe ich meine Füße höher als gewöhnlich. Will mir gar nicht ausmalen, was wäre, wenn … Vom Bemühen nicht zu Stolpern abgesehen, richte ich meine Aufmerksamkeit überwiegend nach innen. Das gestrige, diffus kränkliche Befinden scheint verschwunden. Grund zu vorsichtigem Optimismus!

Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen, fünfzig, um schweigen zu lernen

Ernest Hemingway, US-amerikanischer Schriftsteller (1899 - 1961)

Paarlauf im Thüringer Wald, Mike neben oder vor mir. „Ergibt sich oder ergibt sich nicht“ - einst gemeinschaftlich auf diese knappe Formel reduziert, bedurfte es keiner Absprache. Ohnehin sucht der eine unwillkürlich die Nähe des anderen. Trotz Nähe schweigen wir uns an. Schweigen das überwiegend von mir ausgeht. Jedenfalls empfinde ich es so. Komme mir vor wie ein „akustisches Schwarzes Loch“. Meine von Bedenken beherrschte Stimmung, die Mike instinktiv ortet und respektiert, knebelt mich. Zudem gehen mir zwei Labersäcke - nur wenige Meter hinter uns - gewaltig auf den Senkel. Läuferlatein. Reden ohne Punkt und Komma. Von Gewesenem und Geplantem. Und das mit ätzend monotoner Stimme seitens einer der Plaudertaschen. Nicht allein vom Veranstalter gezündete Knicklichter glimmen im düsteren Wald - möchte wetten zunehmend auch Mordlust in meinen Augen … Wir vertreten in vielem dieselbe Auffassung, Mike und ich, nicht nur rund um unsere Laufleidenschaft. Dass die Schwätzer den beredsamen Freund gleichermaßen nerven wie mich, darauf hätte ich allerdings keine Wette abgeschlossen. Mikes halblaute, nur mein Ohr erreichende Bemerkung lässt daran keinen Zweifel. Sprechen geht nicht, also brumme ich entschieden zustimmend.

Mehr und mehr zweifele ich daran dieser Route schon einmal in meinem Läuferleben gefolgt zu sein. Den Weg bis zum Wald meinte ich noch wiederzuerkennen, seitdem nichts mehr. Mitten im Wald einprägsame Wegmarken zu isolieren ist zugegebenermaßen schwer, zumal im Halbdunkel. Außerdem jährt sich mein erstes Thüringen-Ultra-Erlebnis bereits zum siebten Mal. Damals verzeichnete mein Laufbuch noch keine hundert Wettkämpfe „Marathon und weiter“, heute mehr als 250. Mithin abertausend Wettkampfkilometer, deren Sedimente ältere Erinnerungen überdecken. Und doch sollte mir dieses oder jenes wenigstens bekannt vorkommen …

Fehlanzeige: Selbst als der Forst zugunsten einer Wiesenmulde zurückweicht, wir eine Weile dem Waldrand folgen und alsbald über Gras auf ein Dorf zuhalten, bleiben Echos in meiner Erinnerung aus. Zehn Kilometer meldet die Uhr in Höhe des namenlosen Weilers und der hier installierten ersten Verpflegungsstation. Ich trinke Iso und Wasser. Drei Becher. Sicher mehr als andere zu diesem frühen Zeitpunkt, kurz nach fünf Uhr früh, in sich reinschütten. Auch mehr Flüssigkeit als ich selbst nach kurzem Jogg in empfindlich kalter Morgenluft ersetzen müsste. „Liquide Vorsorge“, zu der mich ein spärlich bewölkter Himmel und das Wissen um baldige steile Anstiege ermuntern.

Wir kehren dem Dorf den Rücken, traben ein paar Meter … „Ich Depp!“ murmele ich plötzlich halblaut vor mich hin und komme nochmals zum Stehen. Gel vergessen! Mein „Ernährungsplan“ für diesen Tag befiehlt eine erste Portion Gel in meinen Magen. Exakt nach zehn Kilometern und von nun an nach jeweils weiteren fünf. Dass ich die Angelegenheit just an dieser Stelle erledige, dient der Beruhigung meines Umweltschutzgewissens. Ich schiebe das ausgequetsche Beutelchen in einen von mehreren geleerten Bechern, die sich am Wegrand bereits häufen. Mein Gel-Intermezzo versorgt mich mit Treibstoff, sprengt jedoch zugleich das Laufduo „Mike-Udo“. Der Freund enteilte unterdessen etwa 50 Meter weit. Die Distanz im beginnenden Anstieg zu verkürzen wage ich nicht. Zumal das plötzliche Empfinden schwerer Beine meine Sorge wieder ins Kraut schießen lässt: ‚Sollte etwa doch noch ein Rest der gestrigen Schwäche meine Beine lähmen?' - Statt aufzuholen mäßige ich mein Tempo. Prompt vergrößert sich die Lücke zwischen dem Freund und mir. Mike blickt sich mehrmals um, bis er das Unabänderliche akzeptiert. Im Ziel - Langdistanztraining - stimmen wir überein, nur leider nicht im heute möglichen Tempo.

Das Gefühl schwerer Beine will in der sich über mehrere Kilometer hinziehenden Steigung nicht weichen. Zwischen „mangelndem Pepp“ und „Anspruch des Geländes“ als Ursache anteilig zu differenzieren ist aussichtslos. Schicksalsergebenheit stellt sich ein, die mit jedem anstrengenden Höhenmeter anschwillt und banges Sich-selbst-Beobachten einstweilen verdrängt. Dass ich mich früher und intensiver als üblich würde quälen müssen, wusste ich vorher schon. Was ich jetzt spüre, beendet lediglich die grundlose Hoffnung auf einen trotz Trainingsrückstandes weitgehend unbeschwerten Lauf.

Wieder bleibt der Wald zurück, entlässt mich auf einen Wiesenpfad. Ein Hauch von Morgenrot überzieht Landschaft und Himmel mit warmem Glanz. Eine berückend schöne Ansicht, die mich ein wenig mit dem Schlafabbruch zur Unzeit versöhnt … Ich schieße die ersten verwertbaren Fotos. Fange dabei eine Läufergruppe ein, die stückweit voraus den Forst hinter sich lässt. Abgekürzt! Reflexhaft, da von entsprechenden Erlebnissen verdorben, unterstelle ich einen Regelverstoß. Zu Hause, nach Darstellung des aufgezeichneten Tracks in Google Earth, leiste ich den Laufkameraden „da vorne“ allerdings reumütig Abbitte. Abzukürzen war gar nicht möglich, einen kleinen Umweg infolge Verlaufens in Kauf nehmen zu müssen, dagegen schon …

Vom Wald aufgesogen und ohne Erinnerung auf einer Strecke unterwegs, die mir beständig vorgaukelt nie hier gewesen zu sein. Seinerzeit war sich zu orientieren stellenweise schwierig. Ob infolge spärlicher Wegmarken oder höheren Lauftempos, vermag ich nicht zu sagen. Heute setzt sich zu verlaufen grobe Unachtsamkeit oder Vorsatz voraus. Die Markierung der Strecke ist mehr als vorbildlich: Vielfach, in kurzen Abständen und auf jeden Fall vor und nach Richtungswechseln, finde ich das kleine, gelbe „u“ samt Pfeil. Oftmals auch Flatterbänder. Zig Mannstunden, wenn nicht Manntage, muss die Markierungsarbeit verschlungen haben. Auf Schotterwegen wurde der Untergrund zunächst aufwändig präpariert. Loses Material zur Seite gebürstet, erst dann Farbe durch eine Schablone aufgesprüht. Den Track auf die Uhr zu laden war folglich überflüssig. Die GPS-Spur habe ich bisher nur einmal aufgerufen und auch nur, um mich davon zu überzeugen, dass sie korrekt im Hintergrund „mitläuft“.

Abzweig in Höhe eines aufgestauten Weihers. Auch an die „Pfütze“ erinnere ich mich nicht, wohl aber an den hier beginnenden brachialen Anstieg. Brachial steil, vor allem aber langatmig. Daten gefällig? - Länge: Zwei Kilometer; Steigung: Durchschnittlich 10 Prozent; Laufdauer: 20 Minuten. Ich laufe tatsächlich, verkürze dafür meinen Schritt auf ein gerade noch erträgliches Maß. Wie nicht anders zu erwarten bin ich der einzige Sturkopf, der die Gangart beibehält. Alle anderen gehen. Ich will nicht gehen. Gehenmüssen verdirbt mir die Laune. Außerdem entwertet jeder gehend verbrachte Meter meine Leistung. Das mag objektiv betrachtet Unfug sein. Entscheidend ist jedoch mein Empfinden. Also tippele ich bergan und hoffe mich damit nicht vorzeitig „abzuschießen“. Gegen Ende der ultralangen Distanz komplett einzubrechen war selten so wahrscheinlich wie heute. Einerlei: So lange ich laufen kann, werde ich laufen. Auch am Berg!

Eine einsame Frau am Streckenrand, mitten im Thüringer Wald. Ich nehme die Dame als kleines Geschenk. Mehr noch das, was sie mehrfach in Varianten wiederholt: „Bravo! Hier ist der lange Anstieg zu Ende!“ Ich hoffe, das beabsichtige Lächeln manifestiert sich in meinem von Anstrengung gezeichneten Gesicht. Sicherheitshalber vollführe ich noch eine sparsame, nichtsdestoweniger dankbare Geste mit der Hand. Für Worte reicht es „hier oben“ noch weniger als in den Stunden davor. Endlich oben, endlich ein paar hundert Meter flache Wegstrecke und dann auch schon wieder hinab …

Streckenänderung! - mehrmals bin ich halbwegs sicher mich auf einer anderen als der „bekannten“ Route zu bewegen. Bis mitten im Unbekannten Bilder auftauchen, die ein Echo auslösen. Es ist ja auch nicht so, dass ich keinerlei Erinnerungen abrufen könnte. Ein paar davon konnte ich inzwischen mit meinen Schritten verbinden. Etwa die Waldpassage nach einer Wiese, die mich damals hundert Meter Umweg infolge Verlaufens kostete. Oder Teile eines Wirtschaftsweges, der sich in meinem Gedächtnis als unablässig ansteigend und mit prächtigen Stauden des Roten Fingerhuts verewigte. Der Fingerhut gedeiht noch immer großartig hier. Die giftig schönen Blütenstände lassen mich auch heute mehrmals für Fotos innehalten. Dass dieser Wirtschaftsweg einer Straße zustrebt, diese zunächst an der einen, nach Überquerung auf der anderen Seite begleitet, gehört zu den verschollenen, nun wieder belebten Ansichten. Erstes Jammern begleitet diese Passage und es geht von meinen malträtierten Füßen aus. Sehnsuchtsvoll schielen sie nach nebenan, zum glatten Asphalt.

Schließlich ein Abschnitt des „Rennsteigs“, keine zweihundert Schritte. Es dauert eine Weile bis ich den unter Ultraläufern legendären Weg wiedererkenne. Dreimal trabte ich hier schon in Gegenrichtung entlang: Nach Start in Eisenach zum Ziel in Schmiedefeld, 73 Kilometer „Supermarathon auf dem Rennsteig“. Wirklich sicher bin ich auch erst in Höhe „Glasbachwiese“. Sowohl beim „Rennsteiglauf“ als auch beim „Thüringen Ultra“ ein Ort der Labsal. Einziges Mysterium: Zufahrtsstraßen gibt es hier, massenhaft Bäume - gemeinhin unter dem Begriff „Wald“ zusammengefasst -, jedoch keine Wiese!

Staffelläufer übergeben einander am Verpflegungspunkt „Glasbachwiese“, nach 27 Kilometern, das „elektronische Staffelholz“. Wir Einzelläufer konnten Dropbags hierher vorausschicken. Tausche Gels gegen Armlinge. Erstere deponiere ich im Hüftgürtel, letztere bleiben im Dropbag zurück. Dem frühen Verzicht auf Armlinge ging übrigens ein zähes Ringen mit dem verfrorensten Läufer voraus, den ich kenne - mit mir selbst. Viertel nach sieben Uhr morgens: Bis zuletzt durchquerte ich immer wieder Zonen lausig kalter Luft. Hoffentlich werde ich meine Entscheidung nicht bereuen.

Schließlich trinken und trinken und trinken … Dabei fällt mein Blick auf den Transponder am nun entblößten Arm. Schrecksekunde: Wo ist/steht/hängt das Lesegerät? Wechselpunkte sind zugleich Messstellen. Ein paar Meter vor der Tränke erspähe ich den Apparat auf einem Dreibein. Lief bereits mit schätzungsweise einem Meter Seitenabstand dran vorbei. Sicher ist sicher: Ich investiere ein paar rückwärtsgewandte Schritte, bis die Leuchtdiode meines Transponders in hektisches Blinken verfällt und setze dann den Wettkampf fort.

Wünsche dir nicht, dass es einfacher wird. Wünsche dir, dass du stärker wirst.

Jim Rohn,US-amerikanischer Autor und Motivationstrainer (1930 - 2009)

Waldwege. Abwärts, aufwärts; nichts, was meine Erinnerung anspricht. Abgesehen von einer Lichtung, wo die noch tief stehende Sonne reizvolle Schatteneffekte auf den Boden zaubert. Tat sie das vor sieben Jahren auch schon? - Waldwege. Abwärts, aufwärts, inzwischen mehr als 30 Kilometer auf der Uhr. Und ich bin müde. Die Erkenntnis verdrängen zu wollen wäre sinnlos, weil sich das Gefühl alle paar Minuten „Gespür“ verschafft. Ich überdenke die Konsequenzen: Vermutlich werden sich meine Schritte bald verkürzen. Nach und nach. Bis auf ein Maß, bei dem sich reduzierter Energiebedarf und mobilisierte Kraft auf erträgliche Weise die Waage halten. Gel verzögert den schleichenden Prozess. Gel half mir in Situationen frühzeitiger Ermattung stets aus der Patsche. So wird es lange Zeit weitergehen und das Leiden wird wachsen. Ich kenne das. War schon häufiger so. Wusste, es würde auch heute so geschehen, ließ mich freiwillig darauf ein. Gerate auch nicht in Panik, mache mir nicht einmal Sorgen. Weil ich weiß, dass ich das Ziel trotzdem erreichen kann und werde.

Der Waldweg mündet in eine Straße, deren Rand uns ein paar hundert Meter weiter zur nächsten Verpflegungsstelle bringt. „Uns“ soll ausdrücken, dass auch jetzt, nach mehr als vier Stunden Laufzeit, stets eine Handvoll Mitläufer in Sichtweite trabt. - Warum trinken Menschen? - Entweder, um ihren Durst zu stillen oder aus Genuss. Im Idealfall ergänzen sich beide Motive. In diesem Sinne dürfen sich Läufer nicht unbedingt „menschlich“ nennen. Weder verspüre ich Durst, noch schmeckt mir, was ich im Übermaß in mich reinkippe. Kein Wasser. Iso und Cola, weil darin gelöst ein bisschen Zuckerenergie ’rumschwimmt. Darüber hinaus trinke ich vorbeugend, um nicht auszutrocknen, der Devise „Besser zu viel als zu wenig!“ anhängend. Zu viel scheidet der Körper wieder aus. Zu wenig oder eine Zeit lang gar nicht, führt zur Austrocknung. Ein Zustand, der - einmal eingetreten - auch mit vermehrtem Trinken nicht mehr zu kompensieren wäre. Darf nicht passieren, also rein damit …

Gegenüber weiter. Straße überqueren und zwischen Wiesen einem Feldweg folgen. Einem Weg, den ich bereits vor sieben Jahren als „Radweg“ wiedererkannte. 2009, am Tag des „Rennsteiglaufes“, strampelte ich, über die Straße von der „Glasbachwiese“ kommend, mit dem Rad hier vorbei. Seinerzeit bekleidete ich die Rolle des „Supporters“ für meinen Freund Kraxi. Auf den Versorgungspunkt „Glasbachwiese“ folgt der Anstieg zum „Großen Inselsberg“, den der fußschnelle „Kraxi“ ansteuerte. Ein Ding der Unmöglichkeit mit dem Rad. Wege zu schlecht und zu steil. Also musste ich den „Inselsberg“ umfahren, um Kraxi dahinter wieder zu versorgen …

Es ist an der Zeit Braut und Bräutigam vorzustellen. Nachdem sich die beiden als Duo „Sie läuft, er begleitet mit dem Rad“ immer wieder in mein Gesichtsfeld schoben, darf ich die kleine Sensation des „Thüringen Ultra 2019“ nicht länger verschweigen. Ich bleibe beim unpersönlichen „Sie“, weil ich ihren Namen nicht kenne. Ihn zu erfahren hieße Fragen zu stellen. Was wiederum Worte mit den Lippen zu formen voraussetzt und das geschieht heute sicher nur, wenn man mich dazu zwingt … Also: „Sie“ trägt ein Brautkleid. Ob echtes Brautkleid oder nur länger fallendes Tütü, vermag ich nicht zu erkennen. Jedenfalls ein weißes Kleidchen mit enorm viel Tüll. Vorn und hinten tief ausgeschnitten, damit die Dame nicht infolge Hitzetodes ihre eigene Hochzeit versäumt. Heute Nachmittag, um 17 Uhr, im Ziel, soll sie stattfinden. Diese Daten habe ich irgendwann aufgeschnappt. 13 Stunden bleiben der Glücklichen demnach für die hundert Kilometer.

Um ehrlich zu sein, ziehe ich den Zeitpunkt der tatsächlichen Eheschließung in Zweifel. Weil das Brautpaar im Durchschnitt gleichermaßen langsam unterwegs ist wie ich. Und mir selbst räume ich kaum Chancen ein die Aufgabe in 13 Stunden zu lösen. Ich mache das an der Relation „erst absolvierte Kilometer“ und „dafür schon verbrauchte Zeit“ fest. Grob geschätzt wird es so kommen, wenngleich ich mir ernst gemeinte, also genauere Hochrechnungen energisch untersage.

Verweile nicht in der Vergangenheit, träume nicht von der Zukunft. Konzentriere dich auf den gegenwärtigen Moment.

Buddha (Siddharta Gautama), indischer Religionstifter (563-483 v.Chr. [Daten umstritten])

Der Weg strebt der Flanke des „Großen Inselberges“ entgegen. Einer der wenigen Abschnitte mit quasi Rundumsicht. In südlicher Richtung reicht der Blick über ein Tal bis hinüber zur nächsten Anhöhe. Um das reizvolle Panorama in vollen Zügen zu genießen, bräuchte ich ein bisschen mehr Kraft in den Beinen. Der Anstieg zum Waldrand hin lässt mich die fortgeschrittene Ermüdung in aller Deutlichkeit spüren. Meinen Starrsinn aufzugeben und zumindest in steileren Passagen zu gehen wäre vernünftig. Will ich aber nicht! So lange ein Fünkchen Hoffnung glimmt, vielleicht doch jeden Meter zu laufen, werde ich mich quälen.

Zurück im Wald und ab auf die Achterbahn. Links, rechts, runter, rauf … überwiegend allerdings letzteres. Ich sehe mich schweißgebadet hier entlang radeln, nur eines im Sinn: Rechtzeitig die hintere Flanke des „Inselsberges“ erreichen, bevor der schnelle Kraxi dort vorbeizischt …

Kilometer 40, 41, 42: Seit einer ganzen Weile schon bergab. Eigentlich Gelegenheit am Zeitkonto zu arbeiten. Nicht für mich, nicht heute. Stattdessen betont gemächlich hinab. Ich bin dankbar für jeden Meter Gefälle, auf dem ich meine Reserven schonen und ein wenig regenerieren darf. Unterdessen breitet sich ein ziemlich unangenehmes Spannungsgefühl im Unterleib aus. Wirklich wohlgefühlt habe ich mich in dieser Körperregion von Beginn an nicht. Wie es scheint, drängen die heftigeren Erschütterungen der vergangenen Minuten im Gefälle nun auf eine „Lösung“… … Und irgendwie auch wieder nicht. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Auf Zeitverschwendung, wenn ich zu früh Deckung aufsuche, habe ich keine Lust. Also laufe ich weiter und warte auf ein eindeutiges Signal. Was soll schon passieren? - Immerhin renne ich durch den Thüringer Wald, umzingelt von einer Milliarde Bäumen …

Kurz hinterm nächsten Verpflegungspunkt bin ich dann entschlossen mir das Problem endlich vom Hals, besser gesagt: vom Leib zu schaffen … Gefühlt kostet mich die Aktion eine Viertelstunde Laufzeit (in Wirklichkeit nicht mal die Hälfte). Noch ein Grund, weshalb ich es hasse, mitten in der Nacht aufzustehen und - was für eine passende Formulierung! - unverrichteter Dinge in den Morgen zu laufen. Dass ich der „Angelegenheit“ einige Zeilen widme, hat zwei Gründe. Noch-nicht-Ultra-Laufende mögen erkennen, dass so ein „weitläufiges“ Ultraschicksal durchaus seine Schattenseiten hat. Und ja: Manchmal ist da entsetzlich viel Schatten und nur wenig Licht. Erstens. Zweitens markiert das erfolgreiche Lösen der Unterleibsspannung den Beginn einer Phase, in der mir das Laufen leichter fällt.

Das ist einerseits dem Umstand geschuldet einstweilen Kraft sparendes Gefälle unter den Füßen zu spüren. Aber nicht ausschließlich. Tatsächlich fühle ich mich nun insgesamt … ??? - Es gibt keinen Ausdruck, der es treffend beschreiben würde. Ich fühle mich etwas leistungsfähiger, zugleich von mehr Optimismus getrieben, in gewisser Weise befreit … Ich fühle mich … wohler. Wohler aber natürlich nicht wohl, dafür bin bereits zu müde.

Weiter abwärts. Zuweilen auf Untergründen, die ich ärgsten Feinden nicht unter ihre Sohlen wünsche. Kantige oder spitze Steine. Gerade noch auszuhalten, wenn sie im Boden verankert meine Füße malträtieren. Ein Anschlag auf die körperliche Unversehrtheit, wenn lose herumliegend, egal in welcher Körnung. Unberechenbar die Folgen, so ich drauftrete, umzuknicken drohe oder dagegen kicke und ein schier unerträglicher Schmerz den ganzen, einsachtzig hohen Udo von den Zehen- bis in die Haarspitzen durchzuckt. Dass meiner Erinnerung etliche, kaum unterscheidbare Weglängen im Wald entfielen, nimmt sicher niemanden Wunder. Doch wie konnte ich das abschnittsweise granatenschlechte Geläuf vergessen?

Vorstehende Zeilen lassen erahnen, mit welchem Aufatmen ich den aufs Vorzüglichste (!) asphaltierten, lange herbei gesehnten Radweg begrüße! Herrlich: Wo einst Dampflokomotiven durch den Thüringer Wald schnauften, dürfen sich nun meine Füße erholen. Herrlicher: Die Teilstrecke beginnt bei Kilometer 50 und wird sich - das gibt meine Erinnerung zweifelsfrei her - bis zum zweiten Wechselpunkt bei Kilometer 55 hinziehen. Und am herrlichsten: Fünf geschenkte Kilometer in stetem, moderatem Gefälle!

Ich scheine nicht der Einzige zu sein, der die zum Radweg umgebaute Eisenbahntrasse als Segen begreift und sich davon beflügeln lässt. Rasch nähern sich mir von hinten vertraute Tippelschritte, hochfrequent und leichtfüßig, bis Helga schließlich vorbeizieht. Nicht zum ersten Mal an diesem Tag, doch bislang nicht so flott. Helga reiste mit Mike von Berlin an. Kennen lernte ich die ungemein zähe Frau im März, anlässlich der Etappen um den Plattensee in Ungarn (siehe Laufbericht). Offenbar blieben die von ihr befürchteten Folgen einer noch nicht völlig überstandenen Infektion bisher aus. Müde, schlaff und leistungsschwach von uns Ü65-Jährigen bin heute nur ich …

Auch die Braut, flankiert vom radelnden Bräutigam, überholt mich fliegenden Schrittes. Ich widerstehe dem Impuls mein Tempo gleichfalls zu erhöhen, was möglich wäre. Im kilometerlangen Abwärtsparcours habe ich mich ein wenig erholt. Ich kann den Zugewinn spüren, will ihn aber nicht in Geschwindigkeit ummünzen und gleich wieder verpulvern. Denn: Der nächste Anstieg kommt bestimmt!

Kilometer 51, 52, 53: Die Hälfte des „Thüringen Ultra“ liegt hinter mir. Ich habe es tatsächlich geschafft nach 50 Kilometern nicht auf die Uhr zu sehen und damit reflexhaftem Verdoppeln der Laufzeit einen Riegel vorgeschoben. Tempo, Laufzeit, Endzeit - nichts davon spielt heute eine Rolle. Nur ankommen will ich und - wenn möglich - jeden Meter laufen. Objektiv betrachtet steht es schlecht um mich. Ich bin bereits so erschöpft, dass ich, in heimischen Gefilden und nicht vom laufenden Wettkampf animiert, längst die Waffen gestreckt hätte. Zudem nörgeln meine „Knochen“, die nicht kapieren wollen, was es bringt, die Quälerei fortzusetzen. Objektiv betrachtet „habe ich fertig“. Dennoch weiterzulaufen ist eine Frage des Willens. Mit Gel und Willenskraft werde ich die zweite Hälfte stemmen. Ungeachtet „objektiver Schwäche“ ist mein Optimismus ungebrochen. Mehr noch: Er gewinnt gerade an Schwung hinzu. Weil’s mir augenblicklich leichter vom Fuß geht. Nicht zuletzt aber auch, weil ich „hinter der Hälfte“ laufe. „Hinter der Hälfte“ fühle ich mich auf unbegreifliche Weise dem Ziel bedeutend näher als vor ein paar Minuten und „vor der Hälfte“. Erklären kann ich das nicht. Will ich auch nicht. Was, wenn ich die Ursache „entmystifizierte“ und damit den Effekt für immer aushebelte?

Verpflegungspunkt und Wechselzone Nummer zwei in Floh-Seligenthal. Im Kopf hake ich meine Pflichten ab: Zweite Zwischenzeitnahme erfolgt (hab die Leuchtdiode meines Transponders rot blinken sehen). Dropbag aufgebrochen, Gels verstaut. Kappe und Windel (für den Fall schwülheißer Witterung) im Beutel belassen und diesen wieder zurück in die Transportschachtel gelegt. Abschließend vier volle Becher Flüssigkeit getrunken. Alles erledigt und nun wieder los. Wie viel Zeit mich die Prozedur kostete, interessiert mich in diesem Moment nicht*. Mein aktuelles Problem besteht darin wieder ins Traben zurückzufinden. Müde wie ich bin, muss ich es mir befehlen. Muss bewusst denken: „Lauf los!“ Fürchte auch den Wiederanlaufschmerz nach mehreren Minuten Fußuntätigkeit. Fürchte die Tortur der ersten Schritte, die mich zwingen einen von Gras überwachsenen Pfad und ein paar Höhenmeter zu überwinden …

*) Ziemlich genau sechs Minuten laut GPS-Aufzeichnung.

Geschafft. Trab restauriert, auf brauchbarem Wirtschaftsweg voran. Erst einigermaßen flach in der Talsohle, dann moderat hinan. Genaue Vorstellungen vom bevorstehenden Anstieg habe ich nicht. Kann mich auch nicht ans Profil erinnern, das mir darüber Auskunft gäbe. Ich rechne mal mit drei Kilometern erträglich ansteigender Rampe … Ich tippele aufwärts, wieder mal als einziger. Helga geht, hundert Meter voraus. Ich wäre in der Lage ihre Silhouette zwischen tausend anderen unverwechselbar auszumachen. Wie ein schmaler Strich in der Landschaft. So schmal, dass die Powerfrau sogar Probleme hatte die - zugegeben überdimensionale - Startnummer auf ihrer Vorderseite anzuheften. Einzig von Schulter zu Schulter war die Fläche ausreichend groß … Irgendwann zuckele ich an Helga vorbei. Wie mehrmals zuvor geschieht das schweigend. Was immer es mitzuteilen gäbe, wir werden es uns heute Abend erzählen, bei einem Bier.

Ich verkürze den Abstand zu einem Läuferpaar. Bin gleichauf, dann einen Meter in Front. Höre wie mich einer der beiden erkennt, höre es am „Ach!“, einen Atemzug später gefolgt von „Wie geht es dir heute Udo?“ - Nun muss ich mein Schweigen brechen, zwinge mich zum ersten Satz seit dem Startschuss: „Gar nicht gut heute!“ Und das war’s dann auch schon, zumal ich den Mann, der an meinem Schicksal Anteil nimmt, nicht zuordnen kann. Nie gesehen urteilt mein Gedächtnis. Dem traue ich in dieser Hinsicht natürlich nicht über den Weg und entwickele unverzüglich ein bisschen Scham … Sicherheitshalber präge ich mir seine Startnummer ein, um wenigstens hinterher Orte früherer Begegnungen zu rekonstruieren.* Und ein Foto könnte auch nicht schaden, falls ich die Startnummer wieder vergessen sollte. Darin habe ich ungemein viel Übung - im Vergessen meine ich …

*) War nicht nötig, weil er sich im Zielbereich erklärt. Es stellt sich heraus, dass wir uns einmal, vor längerer Zeit, beim „Elm-Trail“ begegneten. Einmal ist keinmal. So gesehen wird er mir mein Nichterkennen verzeihen. Dass er sich an mich erinnerte, dürfte überdies dem nicht alltäglichen Auftritt eines Laufduos „Mensch-Hund“ geschuldet sein. Beim Elm-Trail begleitete mich unsere Hündin Roxi, 70 km weit. Bis heute Roxis Rekord!

Mein Bemühen um ein Bild nimmt er zum Anlass mir die Kamera aus der Hand zu nehmen. Will mich seinerseits mit einem gepixelten Konterfei beglücken. Bin nahe daran mich zu weigern. Will eigentlich gar nicht wissen wie tief die Furchen sind, die der Weg bereits in mein Gesicht gegraben hat. Seine Schuld übrigens! Meiner Antwort „Heute gar nicht gut!“ folgte wie aus der Pistole geschossen sein „Das sieht man!“ Zum Glück ist die Digicam auf Weitwinkel eingestellt. Außerdem ringt sich der infolgedessen „kleinwüchsig“ eingefangene Udo ein Lächeln ab und reckt beide Daumen empor. Welche Bedeutung auch immer der Geste von ihrem Erfinder zugedacht war, auf diesem Foto bedeutet sie nicht mehr als „Schaut her ich laufe, also lebe ich noch …“

Es gibt Fehler, von denen wir uns nicht trennen wollen, denn manche Fehler machen uns liebenswert.

Monika Kühn-Görg, Autorin (*1942)

Ich laufe, was mir ungemein schwer fällt - schwer fallen muss. Welchen Grund sonst hätte der rational handelnde Teil des Feldes - das sind alle außer mir - zu gehen? - Demnächst sechzig Kilometer. Kurz, Minuten vor und hinter einer weiteren Tränke, schöpfte ich Hoffnung die Höhe genommen zu haben. Ein Trugschluss. Wunderschöne Landschaft beidseits des Weges: Hügelige Wiesen, durchsetzt mit einzelnen Bäumen und Baumgruppen. Ansichten, die mir vor sieben Jahren schon mehrere Schnappschüsse wert waren. Schnappschüsse, die ich heute wiederhole.

Ich erinnere mich. Aber nur in Form von Momentaufnahmen. Wie im Bilderrahmen, Breite mal Höhe. Die Dimension „Länge“ ging verloren. Die vielen Schritte, die es aneinander gereiht braucht, um aus dem tiefen Loch „Floh-Seligenthal“ steigend den „Rennsteig“ zu erreichen. Mehr als 350 Höhen-, verteilt auf letztendlich sieben (!) Kilometer. Ein unsäglicher Kraftakt. Drei Pausen lege ich hier oben ein. Zwei erwünschte, um das Einschwenken auf die Route mit dem „R“ wie „Rennsteig“ fotografisch zu dokumentieren. Eine weitere zwangsweise, weil mir ausgerechnet das kurze Wegschnipsel „Rennsteig“ einen Stein in den Schuh schmuggelt. Am Rastplatz „Ebertswiese“ - jedem Rennsteigläufer ein Begriff - nutze ich eine Bank, um den Eindringling wieder rauszuschmeißen.

Man muss die Zukunft abwarten und die Gegenwart genießen oder ertragen.

Wilhelm von Humboldt, preußischer Gelehrter, Schriftsteller und Staatsmann (1767-1835)

Seit einer Weile abwärts. Aufwärts war um einiges anstrengender. Dennoch wünsche ich mir „aufwärts“ mit Inbrunst zurück. Schuld ist dieser scheußliche Pfad. Meine Füße brüllen vor Schmerz. Stein gewordener Horror. Nicht Schwäche und Anstrengung verheizen meine Lauflust. Bezeichnenderweise sind es solche Momente, in denen ich mir die Sinnfrage stelle: „Muss ich mir das in meinem Alter eigentlich noch antun?“ - Muss ich natürlich nicht, mach’s aber trotzdem … Irgendwann endet der Eiertanz, entlässt mich das bösartige Geläuf auf einen brauchbaren Talweg.

Mit Seitenblick auf weidende Kühe und idyllische Seerosenteiche erholen sich meine Füße. Der Ärger liegt hinter mir, die Bestandsaufnahme fällt wieder positiv aus: Noch genug Strom im Akku, um unablässig zu traben. Im leichten Gefälle des auslaufenden Tales sogar einigermaßen flott. Verstohlenes Schielen zum GPS-basierten Tacho untermauert mein Tempogefühl. Darüber hinaus keinerlei Weh im Gebein, das auf sich anbahnende Verletzungen hindeuten würde. Nichts davon, nicht mal Blasen. Was ich spüre ist Folge von Dauerlast und miserablen Wegen.

Tambach-Dietharz heißt die Ortschaft. Über Lautsprecher werde ich mit Namen und Herkunft begrüßt, was bei den Helfern an der Tränke Augsburg-Wissen freisetzt. „Da gibt’s die Puppenkiste!“ meint der eine. Ein anderer kramt Schulkenntnisse hervor: „War da nicht mal was mit den Fuggern in Augsburg?“ - Und in diesem Moment geschieht das Unerhörte! Udo spricht: „Da war sogar ganz viel mit den Fuggern …“ - Es liegt an der Inhaltsschwere nicht an der plumpen Formulierung meines Satzes, die mich sofort wieder verstummen lässt. Augsburg und die Fugger - selbst mir, dem in dieser Hinsicht nur oberflächlich Beleckten, kommen so viele Fakten in den Sinn, dass es für einen längeren Vortrag reichen würde. Länger reden? Grässlicher Gedanke. Also nur dieser Satz, dann noch „Danke!“ und tschüss …

Tambach-Dietharz - ich erinnere mich ziemlich genau an die Passage im Ort: Erst der zentrale Platz mit der Verpflegungsstelle, anschließend um eine Ecke biegen und einen steilen Anstieg vor sich sehen - einen der „hochprozentigsten“ des Tages. Aber keine Panik, der ist wenigstens asphaltiert … Der Schock ist gewaltig: Hinterm Häusereck gibt es keine Straße mehr! Genauer gesagt existiert die Straße zwar noch, man hat sie jedoch ihrer Asphaltdecke beraubt. Stattdessen schlurfen die Füße jetzt über eine von Baumaschinen bucklig hinterlassene Piste. Steine, Sand, Vertiefungen … grauenhaft. Zwei-, dreimal bleibe ich heftig schnaufend stehen, dokumentiere das Elend. Über und unter mir nimmt man das Hindernis gehend. Darf ich nicht, kann ich nicht, WILL ich nicht! Beiße mich durch, tippele empor, darf endlich den Fuß wieder auf festen Boden setzen. Zugleich flacht die Gemeinheit ab, erreiche ich eine Art Absatz mit erträglicher Steigung. Herzschlag, Atem, Schweißproduktion - wichtige Körperfunktionen normalisieren sich.

Für jeden Zipfel Asphalt oder jeden Meter plane Piste sende ich ein Dankgebet gen Himmel. Zehen, Sohlen, Gelenke jammern im Chor über den groben DDR-Wegebau. Holprig wäre ein zu vornehmes Wort für das, was mir zwischen Bäumen abschnittsweise den Weg verlegt. Ich halte es aus, doch wehe Füße sind lahme Füße. Auf solchen Untergründen komme ich abwärts kaum schneller voran als bergan … Bessere Piste jetzt wieder, die dann - juchu! - innerorts in eine Straße mündet. Nur leider nicht weit. Aufflackerndes Wiedererkennen des Abschnitts schützt vor Illusionen. Zweihundert Meter? Dreihundert? - Mit Umsicht die Dorfstraße überqueren und jenseits im Wald abtauchen. Höhe gewinnen, was sonst? - Waldweg mit losem Geröll, was sonst? - Ich lerne die Farbe Altrosa zu hassen. Die Farbe des in dieser Gegend vorwiegend ausgebrachten Wegeschotters. Graues Altrosa, wo das Material vor undenklichen Zeiten verbaut wurde, frischeres Altrosa gerade jetzt unter meinen Sohlen … Was für eine abscheuliche Farbe!

Abwärts im Ort Finsterbergen. Der Ortsname: Erinnerung oder irgendwo gelesen? - Weiß nicht. Vorbei am menschenleeren Schwimmbad. Menschenleer? - Es ist Sommer, inzwischen unter beständig scheinender Sonne warm und ich jogge durch ein Urlaubsgebiet. Wieso vermittelt die Badeanstalt an einem Samstag den Eindruck als hätte man die Badegäste gerade evakuiert? - Ich trabe aufs Gelände des örtlichen Sportvereins, meine Uhr meldet 76 Kilometer. Letzter Wechselpunkt. Ich suche und finde die Zeitmessung. Leuchtdiode blinkt. Ich suche und finde mein drittes und letztes Dropbag. Diesmal wühle ich in Kartons. Offenbar kam niemand auf die Idee, Taschen und Tüten übersichtlich nebeneinander auszubreiten. Zum Glück verwende ich für Dropbags immer knallig grüne Kunststofftüten. So brauche ich nur zwei, drei der eher farblosen Gepäckstücke umzudrehen, bis mir ein grüner Fleck entgegen leuchtet… Dann trinken. Viel trinken. Es ist ziemlich warm geworden. In der letzten Stunde musste ich mir häufiger den Schweiß aus der Stirn wischen als zuvor.

Mit dem letzten Becher alk-freies Bier in der Hand breche ich auf. Die Bauchdecke spannt enorm. Trinkmengenbedingt und der Kohlensäure wegen. Ich marschiere nippend einher und grübele zum wiederholten Male darüber nach, was mit dem vermissten Gelpäckchen geschehen ist. 18 Stück hatte ich im Einsatz. Gemäß Planung abgezählt (siehe oben) reicht dieser Vorrat bis Kilometer 95. Irgendwann fehlte mir eins, mein „Abzählreim“ endet seither bei 90. Den Dropbags entnahm ich zweimal fünf und gerade eben die letzten drei Portionen. Macht dreizehn. Weitere fünf steckten am Start im Gürtel, ergibt 18. Einzig wahrscheinliche Erklärung: Unterwegs eins verloren. Lösung: Gel strecken. Viermal das Intervall von fünf auf sechs Kilometer verlängern, dann reicht der „Stoff“ bis Kilometer 94.

Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende.

Woody Allen, US-amerikanischer Schauspieler und Regisseur (*1935)

Noch 24 Kilometer. Nicht weit als Tagesleistung. Unendlich weit am Ende einer Ultrastrecke, auf der mir schon vor Vollendung der Halbdistanz die Lichter auszugehen drohten. Ich walze den Gedanken aus, ohne vor dem zurückzuschrecken, was noch kommt. Hängen bleibt nur die „24“. Und „24“ ist eine kleine Zahl … Asphalt für drei Minuten, dann wieder Schotter, wieder bergauf. Nicht wirklich steil, fühlt sich aber so an. Weil nun jeder noch so poplige Hügel einen Zacken aus der Krone meiner Sturheit bricht. Eigensinn, der mich nötigt alle Hügel im Laufschritt zu nehmen. Eigensinn, den ich noch einmal vehement unterstreiche: ‚Das Schlimmste hast du hinter dir und der Rest wird dich auch nicht besiegen!’ Eine lediglich mental geballte Faust, mit einer körperlichen Gebärde vergeudete ich nur Kraft. - Steil hinab, heftiger als je zuvor auf dieser Route. Oberschenkel kurz vorm Platzen. Knie, die zu zerreißen drohen. Füße? - Geht, die Bodenbeschaffenheit ist ausnahmsweise erträglich. Runter, runter, runter. Fühlt sich wie Stunden an, dauert aber nur Minuten. Plötzlich eine Straße, weiter auf dem Trottoir, linkerhand ein großer, stilvoller Hotelkomplex. Wechsel der Straßenseite und auf brauchbarem, kaum Höhe gewinnendem Waldweg voran …

An den Wegen gibt’s seit einer Dreiviertelstunde nichts mehr auszusetzen. Entweder fein und fest geschottert oder - wie gerade jetzt - Asphalt. Die Kur- oder Urlaubergemeinden am Nordostrand des Thüringer Waldes haben einiges in den Wegebau investiert, um Gästen ortsnahe Spaziergänge so schmackhaft wie möglich zu machen. Noch 15 Kilometer. In der vergangenen Stunde habe ich kräftemäßig spürbar abgebaut. Vielleicht liegt das an der gestiegenen Temperatur!? Eine ziemliche Spanne weit brannte die Sonne ohne Unterlass vom Himmel. Zuletzt gab sie sich wieder überwiegend bedeckt. Vielleicht bleibt das so, worüber ich ausnahmsweise keine Träne vergösse. Bald werde ich den Wald „für immer“ verlassen und auf den letzten zehn, zwölf Kilometern, in offener Wiesen- und Ackerlandschaft, keinen Schatten mehr finden!

Ich erkenne ihn sofort am Klang der Stimme, auch wenn mich - in dumpfes Brüten versunken - der Inhalt seiner hinterrücks gesprochenen Sätze nicht erreicht. Ins Diesseits zurückgekehrt blicke ich ins Jörgs lächelndes Konterfei. Kapiere auch sofort, dass er als Staffelläufer unterwegs ist. „Mich schaffen 30 Kilometer mehr, als dich der ganze Ultra!“ Natürlich weiß ich nicht wie es „in ihm drin“ aussieht. Von „außen“ betrachtet lässt sich seine Behauptung jedenfalls mit nichts untermauern. Und was mich angeht, scheine ich um ein Beträchtliches „frischer“ auf mein Umfeld zu wirken als ich mich fühle. „Hallo Jörg!“ Zu mehr reicht es nicht. Stundenlang hatte ich keine Lust und nun schlicht nicht mehr die Kraft für Konversation. Nullkommanull. Macht nichts. Wir kennen uns lange genug. Jörg, das Rennsteig- und Ultraurgestein aus Thüringen, weiß um meine „autistisch geprägte Redseligkeit on Tour“. So stapfe ich denn auch unbeirrt weiter und überwinde die noch fehlenden drei Kilometer bis zum nächsten Verpflegungspunkt.

Zum ersten Mal sehne ich eine Tränke inständig herbei, von trockenem Mund und Durst geplagt. Also lasse ich mir Zeit, trinke, trinke, trinke und … trinke. Zeit genug für ein Foto von Jörg und mir. Auf seinen Wunsch, verbunden mit meinen Hoffnungen, dass sich darauf nicht abbilden möge, wie ich mich fühle. Ich schenke mir einen weiteren Becher Bier ein, der eigentlich nicht mehr reinpasst, so prall, wie zum Platzen aufgebläht, fühlt sich mein Magen an. Und doch trichtere ich mir die Flüssigkeit ein. Geht nicht anders. Der Wolkenvorhang hat sich geöffnet und mein Lieblingsgestirn strahlt mich munter lächelnd an. Und es sieht ganz danach aus, als sollte es auf den zwölf deckungslosen Schlusskilometern dabei bleiben.

Ich muss mich zum Tippeln inständig überreden. Das dauert bereits entsetzlich lange. Weil’s am Waldrand aufwärts geht, dazu über seitwärts hängende Grassoden und mein Körper von der Hüfte an abwärts bohrende Schmerzen aussendet. Es gelingt mir trotzdem irgendwie voran zu stolpern. Rechtwinklig abbiegen, jetzt nach unten, quer durch die Wiese. Langsam, sehr, sehr langsam. Noch elf Kilometer. Hochrechnungen lasse ich seit einer Weile zu. Überraschenderweise prognostizieren sie meine Zielankunft nach 13 Stunden, plus/minus. Damit hatte ich nach den ersten 50 Kilometern nicht mehr gerechnet. Vermutlich liegt es daran, dass das letzte Streckenviertel weniger Hindernisse aufweist. Schaun ’mer mal - mein häufig benutztes Motto: Noch bin ich nicht im Ziel heißt das!

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.

Peter Ustinov, britischer Schauspieler (1921-2004)

Wir traben durch Bad Tabarz. Im Ort hat sich in den letzten sieben Jahren mindestens zweierlei verändert: Aus „Tabarz“ wurde „Bad Tabarz“. Und die Akzeptanz des Thüringen Ultra scheint - von Fröttstädt, dem Ausrichterdorf, abgesehen - nirgendwo größer zu sein als hier. Vielfach stehen Eimer mit Wasser zum Abkühlen, Trinkwasser in Bechern, auch Mineralwässer in Flaschen an der Dorfstraße bereit. Sogar an Gebäck und Früchten könnte ich mich laben, so es nötig wäre. Alle Stationen sind verwaist. Nur hinter einem Tisch, etwas zurückgesetzt - Bleibt mir von der Straße weg Kinder! - applaudieren ein Junge und ein Mädchen. Welcher Erwachsene hätte auch Zeit und Muße stundenlang an der Strecke auszuharren und vorbei tröpfelnden Läufern Beifall zu zollen. Ein Läufer bedient sich, ein anderer nicht. Der lässt dafür an jeder Station ein weithin hallendes „Danke für dies“ oder „Danke für jenes“ erschallen. Ich kann meinen Dank nur stumm in Richtung der Behausungen adressieren. Mir fehlt der Mumm mich hörbar einzulassen. Er hätte mir zu diesem Zeitpunkt auch schon vor sieben Jahren gefehlt, so es das Angebot seinerzeit gegeben hätte. Auch damals fühlte ich mich auf dieser Dorfstraße bereits ziemlich „ausgelutscht“ …

Meine sportliche Leistung in jenem Jahr kommt mir nicht zum ersten Mal in den Sinn. Eine Leistung, die mir heute unfassbar vorkommt. Als hätte sie mein Double in einem Paralleluniversum vollbracht: Keine zehn Stunden brauchte ich bis ins Ziel. Folglich war ich etwa drei Stunden früher in Tabarz … DREI STUNDEN??? - Nun gut: Ich war noch keine sechzig und im Gegensatz zu heute bestens vorbereitet. Und doch … drei Stunden, 180 Minuten früher … Aber egal, lange her und es entspricht nicht meiner Natur einstigen Meriten nachzutrauern. Nichts ist so alt wie der Erfolg von gestern! Was zählt, ist, dass ich dieses „Ding“ immer noch durchstehe, dem Anspruch sogar unter heute miesen, subjektiven Bedingungen gerecht werde!

Als hätte jemand die Uhr zwei Wochen zurückgedreht: Einer der „Big Five“ auf thüringischer Wiese. Eine Herde Büffel grast nebenan. Ihre wild lebenden, afrikanischen Verwandten durfte ich in Südafrika in mehreren Wildparks abschießen. Natürlich nur mit der Kamera … Ein Bulle starrt mich an. Muss ein Bulle sein, so aggressiv wie der mich anguckt. Weiter zwischen Wiese und Gründstücken, schließlich inmitten von Getreidefeldern noch einmal hinan. Nur ein paar Höhenmeter, in meiner Erinnerung die letzten. Trotzig stolpere aufwärts: „Du blöder Buckel bringst mich auch nicht mehr zur Strecke!“ Infantil anmutendes Gedankengut, dessen ich mich zuletzt mehrfach bediente. Primitiv aber motivierend und nur das zählt.

Die Braut geht, ich trotte vorbei. Eine Staffelläuferin gesellte sich zu ihr und schüttet ein wahres Füllhorn verbaler Begeisterung über ihr aus. Eine Hochzeit am Ende von hundert Kilometer Laufstrecke!!! Grenzenlose Bewunderung, mit ehrlichem Nachdruck geäußerte gute Wünsche. Die Idee einer Hochzeit im Ultraziel findet sie wahnsinnig originell, fantastisch … wiederholt es mehrmals. Stellt auch Fragen, nötigt die Heiratswillige im Tüll zu ganzen Sätzen, die sich zur Rede aneinanderreihen. Nach 93 Kilometern so viel reden müssen … Und es geschieht ja nicht zum ersten Mal. Ich war oft genug in ihrer Nähe, um das Auskunfts- und Mitteilungsbedürfnis der mit diesem Ultralauf befassten Menschheit zu registrieren. Wahrscheinlich genießt sie diese Aufmerksamkeit. Ich hoffe es für sie. Glück geht - falsch: joggt! - manchmal seltsame Wege. Allerdings - nur mal kurz im Kopf überschlagen -, wenn sie in diesem - meinem - Tempo weitermacht, wird das nix mit der Hochzeit um 17 Uhr. Ich werde länger als 13 Stunden brauchen.

An der nächsten Tränke schwappt eine weitere Welle Enthusiasmus über das Brautpaar hinweg. Tenor: „DAS hatten wir hier noch nie!“ Weicht Fragen der Helferinnen am Stand nicht aus, gibt trinkend Auskunft. Scheint inzwischen selbst die drohende Verspätung realisiert zu haben und macht sich mit entsprechender Bemerkung kurz vor mir auf den Weg. Erst im Ziel werde ich sie wiedersehen …

Ich habe es nicht eilig. Seit einer Weile - da war unter 13 Stunden zu bleiben noch im Bereich des Möglichen - untersage ich mir jeden Gedanken an eine Tempoverschärfung. Ich kenne mich, weiß, dass so ein „Reiz“ irgendwann die Dämme bricht. Und nichts wäre mit mehr Risiko für meine jammernde „Orthopädie“ verknüpft als allerletzte Kräfte für ein völlig sinnloses Zeitziel zu mobilisieren. Ich zwinge mich langsam zu laufen. Langsam traben, nicht trödeln. Weil ich mir nichts sehnlicher wünsche als diese Quälerei endlich zu beenden. Noch sechs Kilometer.

Zeit die wir uns nehmen, ist Zeit, die uns etwas gibt.

Ernst Ferstl, österreichischer Lehrer und Schriftsteller (*1955)

Unter sengender Sonne auf freiem Feld: Weit voraus erkenne ich bereits die Vorschlussattraktion des Thüringen Ultra, den „Kilometer 95“. Der wird hier zelebriert. Näherkommend schallt mir ein „Herzlich Willkommen, Udo! Willkommen an Kilometer 95!“ entgegen. Chearleader bilden eine Gasse, begrüßen mich mit „La Ola“. Nehme die Geste als Ganzes wahr, habe keine Augen mehr für „hübsche, junge Mädchen“. Andernfalls hätte nicht erst daheim, beim Betrachten des Fotos, ein Grinsen mein Gesicht überzogen. Mindestens drei der Mädchen stellen Bärte und unrasierte Beine zur Schau …

Der Rest ist Kampf. Einsatz letzter Reserven, freigesetzt mit unbeugsamem Willen. Ich spüre, dass meine Beine immer schwerer werden. Nicht schlimm, weil mir nichts Erwähnenswertes mehr den Weg verlegt. Straße, Asphalt, flach. Ich trabe die letzten Kilometer runter. Gewerbegebiet, unter der Autobahn A4 hindurch, Dorfstraße, lange geradeaus. Welches Dorf? Keine Ahnung. Anscheinend noch nicht Fröttstädt. Bahnunterführung. Runter geht, rauf gerade noch. Ortseingang Fröttstädt. Ein Empfangskomitee beklatscht meine letzten Meter. Per Funkgerät kündigt jemand die Ankunft der Startnummer 181 an. Meine Startnummer … Abschüssig in Richtung Ziel und mit Schwung in den Zielkanal. Warum nicht ein bisschen Stolz demonstrieren? - Hundert Kilometer rauf und runter, über Stock und Stein und jeden verdammten Meter gelaufen … Nach 13:07:15 Stunden erfüllt sich meine Sehnsucht: Endlich angekommen!

 

Unsere Konsum- und Marktwirtschaft beruht auf der Idee, daß man Glück kaufen kann, wie man alles kaufen kann. Und wenn man kein Geld bezahlen muß für etwas, dann kann es einen auch nicht glücklich machen. Daß Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kostet, daß Glück das "Billigste" ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen.

Erich Fromm, US-amerik. Psychoanalytiker deutscher Herkunft (1900-80)

 

 

Fazit zum Wettkampf

Hervorragend organisierte, stimmungsvolle Laufveranstaltung! Aus meiner Sicht perfekt und läufergerecht in jedem Detail. Fröttstädt lebt den Ultralauf, vermutlich nicht nur am Tag des „Thüringen Ultra“. Ein herzliches Dankeschön an die OrgTruppe des Thüringen Ultra!

Die Strecke ist anspruchsvoll und landschaftlich reizvoll. Nach meinem Dafürhalten anspruchsvoller und um einiges attraktiver als beispielsweise der Supermarathon über den Rennsteig. Der ist seit langem Kult und der Thüringen Ultra scheint auf dem besten Wege dahin.

Ein Riesenteam von Helfern sorgt für das leibliche Wohl der Teilnehmer. Organisierte Übernachtungsmöglichkeiten und nächtliches Läuferfrühstück dokumentieren die Bereitschaft einer 400-Seelen-Gemeinde für drei Tage dem Laufsport in allen Belangen Vorfahrt einzuräumen.

Fazit: Fröttstädt und Thüringen Ultra? Mein Urteil hat sich nicht geändert: Jederzeit wieder!

 

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