Sonntag, 9. Juni 2019

„Ku lezontaba“ in Südafrika  -  Comrades Ultramarathon 2019

Manchmal entscheidet der Schritt vor die Tür, in welcher Stimmung ich einen Wettkampf beginne. Gestern Abend fegte der Wind Regenwolken über den Strand hinaus aufs offene Meer. Frühwinter in Durban, Südafrika, am Indischen Ozean. Mit Unbehagen verlasse ich Sonntagmorgen um 4:45 Uhr bei noch völliger Dunkelheit das Hotel und „nehme Witterung auf“: Keine Sterne am Himmel, Windstille, feuchte, laue Luft, vielleicht 15°C. Zumindest nicht unangenehm. Auch wenn mir die hiesigen meteorologischen Verhältnisse fremd und Vorhersagen der Wetter-App nicht immer verlässlich sind, lege ich mich fest: Es wird trocken bleiben. Im Tagesverlauf sollen die Wolken ohnehin auflockern, später restlos verschwinden. Optimismus macht sich breit, der „Tanz“ kann beginnen.

Zusammen mit meiner Frau Ines und den Läufern unserer Reisegruppe - Deutsche und Österreicher - stapfe ich durchs nächtliche Durban. 20 Minuten vom Hotel zum Start. In einer Art Rotlichtviertel treffen wir auf etliche „alternative Lebensentwürfe“. Auf jene, die die Nacht zum Tage machten, mithin noch keinen Schlaf bekamen. Musik dröhnt aus Amüsierkneipen, deren offene Türen mir wie der Schlund zur Hölle vorkommen. Ausschließlich schwarze Gesichter, die nahezu jeden denkbaren menschlichen Gesichtsausdruck zur Schau stellen. Manche offensichtlich betrunken oder bekifft. Eine junge Frau singt lauthals den Text eines unbekannten Popsongs mit, bewegt sich dazu im Rhythmus der Musik. Dann umgibt uns nur noch die Dunkelheit der Großstadt. Aus Seitenstraßen strömen nach und nach Läufer zusammen. 20.000 werden sich im Startbereich versammeln, ein gewaltiger Menschenauflauf. Kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt inmitten eines derart immensen Aufgebotes stand.

Der kluge Mann baut vor. Heute war ich zu klug, bin über meinem Wettkampfkostüm viel zu warm angezogen: Ein altes Laufshirt, das ich vorm Start über die Brüstung des Startblocks werfen werde, zusätzlich die warme Fleecejacke, die Ines an sich nehmen wird. Um nicht dem Hitzetod zu erliegen, reiße ich mir wenigstens die Wintermütze vom Kopf. Schließlich hält das deutsch-österreichische Rudel mitten auf einer breiten, für den Comrades gesperrten Avenue. Vor uns liegt das Ende des letzten Startblocks. Kaum sind die üblichen guten Wünsche ausgetauscht, stiebt die kleine Gruppe auseinander. Ich umarme Ines und mache mich im Halbdunkel auf die Suche nach meinem Startblock „D“. Rascher und von weniger Gedränge behindert als befürchtet passiere ich die hinteren Startblöcke …

Das Regelwerk einer Laufveranstaltung gilt mir als Gesetzbuch, dem ich buchstabengetreu folge. Sklavisch gar, soweit es sich um Paragraphen handelt, die Vorteile verschaffen, so man sie missachtet. Zum Beispiel fahndete ich intensiv nach einem Verbot externer Unterstützung. Untersagt ist lediglich „mobile Begleitung“, „Stand and hand“ dagegen erlaubt. Deshalb wird Ines mir an vereinbarter Stelle Energiegels reichen. Sorge bereiteten mir Zeilen die „anti-social behaviour“ und „Fouling“ untersagen. Darunter versteht man keineswegs Unsportlichkeiten begangen an Mitläufern, sondern die Verschmutzung der Streckenränder mit menschlichen Stoffwechselendprodukten. Einheimische Läufer demonstrieren mir allerdings unmittelbar neben den Dixies, vor denen sich erwartungsgemäß lange Schlangen gebildet haben, wie sie das mit dem „Fouling“ handhaben. Solidarisch stelle ich mich daneben und entsorge, was in mir überflüssig wurde …

Vorm Startblock „D“ drängt ein beträchtlicher Pulk auf Einlass. Zwei „Marshals“ - die heißen wirklich so - kontrollieren die Zugangsberechtigung, ein auf die Startnummer aufgedrucktes „D“. Brav hebe ich mein wärmendes Überhemd und darf passieren. Noch reichlich Platz im Block, ich rücke etwa bis zur Mitte hin vor. Ob der Zugang zum Block wirklich eine Viertelstunde vorm Start geschlossen wird, wie es das Regelwerk androht, wage ich zu bezweifeln. Wie sollten die Marshals Druck und Unmut Einlass begehrender Läufer widerstehen, die sich nach Verriegeln von „Käfig D“ hinterm allerletzten Block einreihen müssten?

Wiedervereint mit Matthias dem Sachsen. Matthias wiederzufinden war einfach, überragt er doch leuchtturmartig das Feld um mehr als Haupteslänge. Wir unterhalten uns. Über Bevorstehendes, Gegenwärtiges, schließlich, da das Startritual auf sich warten lässt, auch über unsere Lauflebensläufe. Wenn einer so viele Kerben im Marathonholz hat wie ich, muss er an sich halten, um nicht vom Leder zu ziehen. Ich suche es zu vermeiden, weil ich seit dem Kennenlernen spüre, unter welcher Anspannung Matthias dem Comrades-Start entgegenfiebert. Dass meine Vita schon „ein paar“ Marathons und Ultras auflistet, bleibt dem Sachsen allerdings nicht verborgen. Nötigt ihn gar zur Frage, ob ich aufgeregt sei. Jeder, der mich kennt, könnte ihm diese Frage beantworten. Wenn morgens um halb sechs Worte wasserfallartig aus Udos Mund plätschern, dann sind Drogen im Spiel: Kaffee und Adrenalin. Meine Antwort kleide ich in einen Scherz: „Natürlich bin ich aufgeregt - im Rahmen meiner Möglichkeiten. Um die Uhrzeit bin ich allerdings nicht wirklich wach!“

Von Ungeduld getrieben streifte ich das wärmende Überhemd bereits vor einigen Minuten ab und warf es ins Dunkel jenseits des Käfigs. Kein Lüftchen regt sich und Adrenalin scheint auch die Körperheizung anzuregen … Auslöser war jedoch der Wunsch meine Herkunft preiszugeben. Über der Startnummer auf Brust und Rücken verleiht ein kleines Banner meiner Verbundenheit mit Südafrika Ausdruck: Die Kluft zwischen südafrikanischen und deutschen Landesfarben überbrückt ein lachendes, rennendes Herz. Gedacht als Verbeugung vor den Gastgebern. Noch kann ich nicht ahnen, wie viel persönliche Ansprache mir diese Geste eintragen wird …

Inzwischen hat sich der Startblock gefüllt. Rings umher stehen die Läufer dicht an dicht. Die mit der südafrikanischen Nationalhymne einsetzende Zeremonie beendet die Konversation mit Matthias.

Ich stehe und schweige …

… das gebietet schon die Höflichkeit gegenüber einheimischen Läufern. Viele der Umstehenden verharren stumm, in sich gekehrt, andere singen mit. Feierlichkeit, fast mit Händen zu greifen. Tausend Gedanken schießen mir in diesen Sekunden durch den Kopf. Was ist, was war, was werden wird. Hart wird es werden, wie stets auf ultralanger Distanz. Fürchte ich mich davor? - Nein. Ohne Selbstüberhebung gedacht: „Nur“ 87 Kilometer - zweimal rannte ich alleine in diesem Jahr bereits weiter. Ich studiere die einheimischen Mitläufer, mein Blick streift viele Gesichter. Überwiegend farbige Läufer, deutlich geringer die Anzahl der weißen. Dennoch spiegelt das Feld nicht die tatsächliche Verteilung der Ethnien im Lande wieder, in dem die Weißen nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Ein schwarzer Mitläufer, mehr als einen Schritt rechts von mir stehend, streckt mir seine Hand entgegen. Obschon verblüfft, lege ich meine Hand ganz automatisch in seine. „All the best for you! Enjoy the race!“ - Er spricht es mit beeindruckendem Ernst, von ansatzweisem Lächeln begleitet. „Same to you!“ Meine Antwort fällt kürzer aus. Mehr fällt dem verdatterten Udo einfach nicht ein. Kaum wieder dem Geschehen zugewandt, tritt von der anderen Seite eine kleine, farbige Läuferin auf mich zu und reicht mir ihre Hand. Ich blicke in dunkle Augen, sehe und spüre mit welcher Inbrunst sie dem Fremden aus dem fernen Deutschland gutes Gelingen wünscht …

Ich stehe und bin ergriffen …

Comrades-ABC

Der Laufbericht zitiert Begriffe und Zusammenhänge, die zum besseren Verständnis vorab in diesem Kasten erläutert werden.

Arthur’s Seat: Ein paar hundert Meter nach der „Wall of Honour“ (siehe unten) passieren die Läufer „Arthur’s Seat“, eine in den Sandstein der Straßenböschung gehauene Nische. Die Legende besagt, dass Arthur F. H. Newton, der den Comrades in den 1920er-Anfangsjahren fünfmal gewann, diese Nische eigenhändig in den Fels gehauen habe. Als Sitzgelegenheit, um dort - ungefähr in Streckenmitte - zu rasten. Vollends dem Diesseitigen entrückt erscheint das Prozedere, dem sich Läufer unserer Tage unterziehen, um sich Arthur’s Segen zu sichern: Wer eine Blume in der Nische ablege, sodann seine Hand gegen den oberen Rand der Nische drücke und dabei Arthur mit einem „Good morning Sir“ die Ehre erweise, dem winke eine erfolgreiche zweite Hälfte.

Big Five: Die Strecke steigt noch in Durban beginnend an und überwindet danach unzählige Hügel. Ein Streckenabschnitt durchschneidet beispielsweise das „Valley of 1000 Hills“. Fünf markante Hügel, die „Big Five“, erhielten von den Läufern Namen: „Cowies Hill“, „Field’s Hill“, „Bothas Hill“, „Inchanga“ und „Polly Shortts“. Diese und andere Anstiege fordern vor allem durch ihre Länge, weniger mit Steigung. Die Bezeichnung „Big Five“ lehnt sich an die animalischen „Big Five“ Afrikas an: Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard, Büffel.

Cut Off: Wer es in die Wertung schaffen will, muss den Lauf innerhalb von 12 Stunden beenden (Bruttozeit gilt). Der Start erfolgt um 5:30 Uhr, Zielschluss ist 17:30 Uhr, nicht eine (!) Sekunde später. Der Cut Off wird an sechs Checkpoints vorweggenommen, die gleichfalls in Maximalzeit zu passieren sind. Andernfalls wird der Läufer aus dem Wettkampf genommen. Die Zwischen-Cut-Offs sind großzügig berechnet, so dass bei verspätetem Eintreffen ohnehin keine realistische Chance auf ein rechtzeitiges Finish mehr bestünde. Generell gilt, dass südafrikanische Veranstalter ihr Reglement strikt einhalten und keine Ausnahmen zulassen.

Down Run / Up Run: Die Laufrichtung wechselt jährlich. Der „Down Run“ startet in Pietermaritzburg und endet in Durban am Indischen Ozean. Folglich überwiegen die negativen Höhenmeter. Der „Up Run“ - wie in diesem Jahr - nutzt dieselbe Strecke in umgekehrter Richtung, wobei 1.500 Höhenmeter „up“ zu überwinden sind. Läufer, die bereits beide Richtungen absolvierten, empfanden den Up Run als die „schönere“ Alternative. Wer den Comrades in zwei aufeinanderfolgenden Jahren finished, dem wird zusätzlich eine so genannte „Back to back Medaille“ verliehen.

Ethembeni School: Ungefähr bei Kilometer 52 (Up Run) befindet sich die „Ethembeni School“, eine Schule für körperlich und geistig behinderte Kinder. Die Einrichtung wird anlässlich der Streckenbesichtigung (siehe unten) von den internationalen Läufern besucht. Die Kinder begrüßen ihre ausländischen Gäste mit Tänzen und Gesängen. Da die Schule weitgehend von Spenden lebt, sollte man großzügig sein und Geld in bereitstehende Boxen werfen. Gerne werden auch Sachspenden in Form gebrauchter Laufschuhe und -bekleidung genommen. Über die Möglichkeit der Spende hinaus, sollte man sich bewusst sein, dass der „Comrades“ für diese Kinder den Höhepunkt des Jahres markiert. Sowohl anlässlich des Besuches, als auch am Lauftag, wenn die Kinder beidseits der Strecke aufgereiht die Läufer abklatschen möchten.

Alle Kinder der Ethembeni School sind schwarz. Sogar die beinahe „schneeweißen“, denen aufgrund eines Gendefektes Hautpigmente fehlen. Die einheitlich schwarze Hautfarbe ergibt sich aus der wirtschaftlichen Situation der Eltern. Schwarz zu sein bedeutet in Südafrika noch immer eher mittellosen Schichten der Bevölkerung zu anzugehören.

Green Number: Eine grüne Startnummer auf Lebenszeit erhält, wer den Comrades dreimal gewinnt oder fünfmal eine Goldmedaille (siehe unten) erringt oder mindestens zehnmal finished. Green Number Läufer starten unabhängig von ihrer Qualifikationszeit (siehe unten) mindestens aus Block „E“.

Medaillen: Finishermedaillen gibt es in acht verschiedenen Kategorien. Goldmedaillen für die ersten 10, Silbermedaillen, Medaillen, die den Namen von Siegern des Comrades tragen und natürlich auch Bronzemedaillen. Letztere werden beispielsweise jenen Läufern ehrenhalber umgehängt, die zwischen 10 und maximal 11 Stunden das Ziel erreichen. Die von diesem abgestuften „Belohnungssystem“ ausgehende Motivation schneller zu laufen sollte nicht unterschätzt werden. Vermutlich nötigt sie viele Läufer zu für ihre Verhältnisse überzogenem Tempo.

Qualifikation: Um beim Comrades starten zu dürfen, muss man eine Qualifikationszeit von mindestens fünf Stunden oder besser bei einem Marathon erbringen. Die Quali kann auch über Ultrastrecken und sogar eine anlässlich eines Ironmans gelaufende Marathonzeit erbracht werden. Die Quali muss in einem jährlich von der Comrades Marathon Association (CMA) festgelegten Zeitraum erbracht werden. Für den Comrades 2020 gelten beispielsweise alle Marathons vom 25.August 2019 bis 2. Mai 2020.

Startblöcke: Läufer werden entsprechend der Qualifikationszeit in acht Startblöcke A (schnellster) bis H eingeteilt. Der Zugang zu den Startblöcken wird kontrolliert. Da man eher von Startkäfigen statt -blöcken sprechen muss, ist „illegales“ Betreten nicht möglich. Mitglieder des „Green Number Clubs“ - grüne Startnummer - starten ungeachtet einer etwaigen schlechteren Qualifikationszeit mindestens aus Startblock „E“. Die Einordnung in einen vorderen Startblock hat vor allem Bedeutung für jene Läufer, die an der 12-Stunden-Frist (Bruttozeit gilt!) zu scheitern drohen. In der Mitte des Startblocks stehend brauchte ich mehr als fünf Minuten, um bis zur Startlinie vorzurücken. Für Startblock „D“ benötigt man eine Marathonzeit von 3:40 bis 3:59:59 Stunden.

Startnummer: Läufer tragen zwei Startnummern, je eine auf Brust und Rücken. Die Startnummer gibt Auskunft über den Vornamen des Läufers, seinen Startblock und seine Medaillen-Erfolgsbilanz. 10 Medaillen sind mindestens für eine grüne Startnummer erforderlich (Green Number, siehe oben). Gelbe Startnummern (9 Medaillen) weisen darauf hin, dass der betreffende Läufer vor seiner „Erhebung in den Adelsstand“ der „Green Number“ steht. Gelb unterlegte Medaillenzahlen deuten an, dass der Läufer unterwegs ist, um den nächsten Zehner zu vollenden (19, 29, usw.). Meine blaue Startnummer kennzeichnet mich als internationalen Läufer.

Startzeremonie: Drei nacheinander eingespielte Musikstücke bilden den Hauptteil der feierlichen Startzeremonie. Zunächst die südafrikanische Nationalhymne, dann das Lied „Shoholoza“, zuletzt die Filmmusik „Chariots of Fire“ von Vangelis, eine Art Comrades-Hymne. Auf die Hymne folgt ein zweimaliger Hahnenschrei, dann als Startschuss das Abfeuern einer Kanone.

Das Lied „Shosholoza“ sangen ursprünglich Arbeiter aus Zimbabwe, die mit dem Zug von ihren Arbeitsstellen in südafrikanischen Minen heimkehrten. „Shosho …“ (sprich: scho scho) imitiert dabei das Geräusch einer fahrenden Dampflokomotive. Der Text zu „Shosholoza“ enthält Liedzeilen oder Vokabeln, die gut zum Lauf über eine anstrengende, hügelige Strecke passen. Zum Beispiel „Ku lezontaba“, das als „über die Berge rennen“ interpretiert werden kann. Oder das Wort „baleka“, was so viel wie „schnell laufen“ bzw. „weglaufen“ bedeutet.

Streckenbesichtigung / Bustour: Der Veranstalter bietet internationalen Startern eine kostenpflichtige Streckenbesichtigung zwei Tage vorm Start an. Die Fahrt im deutsch-englischen Bus wird von einem Englisch sprechenden Guide und dem deutschen „Comrades Botschafter“ mit Erklärungen in Englisch und Deutsch begleitet. An verschiedenen Punkten, etwa der „Wall of Honour“ (siehe unten) und der „Ethembeni School“, besteht die Möglichkeit zum Aussteigen. Ein Imbiss zur Mittagszeit ist gleichfalls inbegriffen. Wer die Strecke nicht kennt, sollte die Besichtigung bei der Anmeldung unbedingt mitbuchen, um Anspruch und Schwierigkeiten vorab kennen zu lernen.

Verpflegungsstellen: Alle zwei Kilometer, manchmal in noch kürzerem Abstand, werden Verpflegungsstellen eingerichtet. Für Ausländer ungewohnt ist die Darreichung von Wasser und Iso in so genannten „Cachets“. Das sind kleine, verschweißte Plastikbeutel. Wer’s nicht kennt, wird die Handhabung nach dem ein oder anderen Missgeschick rasch erlernen: Mit den Zähnen ein Loch reißen, zugleich saugen und drücken, trinken. Cachets lassen sich auch gut in der Hand halten und mitnehmen. Das Regelwerk erwähnt allerdings eine Grenze nach der Verpflegungsstelle, ab der kein Abfall mehr weggeworfen werden darf. Diese Grenze konnte ich nicht in einem Fall erkennen. Angesichts der „Weltplastikkrise“ sollte man in Nähe der Verpflegungsstation trinken und leere Behältnisse dort wegwerfen. Im Falle der Mitnahme die leeren Hüllen wenigstens bis zur nächsten Tränke tragen und dort entsorgen. Cola wird (vermutlich der Kohlensäure wegen) in Bechern gereicht.

Wall of Honour: Grob gerechnet an der Hälfte des Kurses erstreckt sich über etwa 200 Meter die „Comrades Marathon Wall of Honour“. Eine sandig-lehmige Hügelflanke wurde mit übereinander geschichteten Betonsteinen befestigt. Auf den Steinen prangen Plaketen mit den Namen von Comrades-Finishern. Schon nach einem Finish erwirbt man das Recht seinen Namen gegen Gebühr dort anbringen zu lassen. Die Verweildauer der eigenen Plakette ist begrenzt, kann aber durch wiederholte Zahlungen verlängert werden.

 


 

Declaration in terms of Political Correctness

(Meine persönliche Menschenrechtserklärung)

Für mich sind alle Menschen gleich und frei. Unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit und Äußerlichkeiten, wie etwa der Hautfarbe, bringe ich jedem Menschen denselben Respekt und dieselbe Ehrerbietung entgegen. Rassistische Tendenzen jeder Art verurteile und verabscheue ich. Auf Basis dieser Einstellung bitte ich etwaige politische Unkorrektheiten im Laufbericht schlicht zu ignorieren. Wenn ich von „schwarzen“, „farbigen“, „weißen“ oder sonstwie „gefärbten“ Menschen schreibe, dann lediglich zur Klarstellung ihrer jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit. Dass die Hautfarbe überhaupt eine Rolle spielt in diesem Text, möglicherweise sogar häufig, ist dem brutalen Unrecht der Apartheid geschuldet, die in Südafrika bis 1994 mit Waffengewalt vollzogen wurde. Jahrhunderte der Unterdrückung und Entrechtung von mehr als 50 Millionen „Schwarzen“ und „Farbigen“ durch weniger als 5 Millionen „Weiße“, waren in nunmehr 25 Jahren nicht gutzumachen. Ein böses Erbe, das in diesem wunderschönen Land Südafrika noch lange fortwirken wird.

… vom Verhalten der mir unbekannten Menschen und dem jetzt eingespielten Lied „Shosholoza“ … Grenzenlose Sehnsucht transportieren Melodie und Worte. Wie gerne fiele ich ein, sänge oder spräche die mir fremden Worte mit wie Tausende um mich her. Woran denken diese Menschen jetzt? An den langen, beschwerlichen Weg? An das hoffentlich glückliche Finish?

Auf „Shosholoza“ folgt die Comrades-Hymne „Chariots of Fire“ und ich verliere die Fassung …

… ich stehe mit Tränen der Rührung in den Augen.

Ich kann mich nicht erinnern, wann zuletzt und ob überhaupt ich einen Marathonstart mit feuchten Augen erlebte. Auf so eindringliche Weise angefasst wie beim „Comrades“ war ich noch nie, so viel ist sicher. Mitläufer, die mir unbedingt die Hand schütteln wollen, feierliche Zeremonie, in Musik verpackte Sehnsüchte … zusammen eine Nummer zu emotional für mich. Ich hielt mich läuferisch für ziemlich abgebrüht und nun das: Vorm 256. Marathon oder weiter zerfließe ich vor Rührung.

Urplötzlich bricht die Hymne ab und zwei durch Mark und Bein gehende Hahnenschreie durchdringen das Halbdunkel zwischen grellen Scheinwerfern. Sekunden später ein gewaltiger Böller, der vom Startportal, etwa hundert Meter voraus, heran hallt. Von diesem Moment an läuft die Zeit … zwölf Stunden für 87 Kilometer, um den finalen Schritt über die Ziellinie in Pietermaritzburg zu setzen. Ich drehe mich zu Matthias um und wünsche ihm einen guten Lauf. Alsbald drängt die Menge vorwärts. Weit vor der Startlinie - der Startböller mag etwa eine Minute verhallt sein - kommt mir die Bedeutungslosigkeit der Nettozeit in den Sinn. Für die Cut-Off-Zeiten, auch die Vergabe der unterschiedlichen Medaillenstufen, zählt allein die Bruttozeit. Hastig drücke ich meine Uhr ab. Bis ich endlich die Startlinie überschreite, vergehen weitere vier Minuten. Mit der „fehlenden“ Minute verfahre ich wie folgt: „Keep it in mind!“

Kurz vorm Starttor fällt die Meute in verhaltenen Trab, um ein paar Schritte dahinter im ersten Stau zu verharren. Ziehharmonikaeffekt: Wer ihn nicht von Laufveranstaltungen kennt, den nervt er auf deutschen Autobahnen. Danach geht es zögerlich voran. Schneller, langsamer, links oder rechts vorbei? - ausgeschlossen, dafür ist das Feld zu dicht gestaffelt. Offen gestanden kommt mir das zupass. Will nicht schon beim Einlaufen übermäßig Pulver verschießen. Die Stadt beidseits der Laufstrecke bleibt mir verborgen. Weil ich nicht hinsehe. Voll konzentriert richte ich meinen Blick auf die wenigen Quadratzentimeter einsehbaren Straßenbelags vor meinen Füßen. Will in kein Loch treten, über kein Hindernis stolpern und vor allem den Hacken des Vordermannes nicht zu nahe kommen. Bilder vorm geistigen Auge von großflächig aufgeschürfter Haut und heftig blutenden Wunden an Knien und Ellbogen lasse ich bewusst zu. Sie halten mich fokussiert aufs sichere Setzen meiner Schritte.

Rechtsschwenk des Feldes. Am inneren Rand des Zirkels, wo ich trabe, stockt der Fluss. Vorsicht! - Weiter in verhaltenem Tempo und nur wenige Meter später erstmals aufwärts. Der Lindwurm wälzt sich über die Einfahrt hoch zur Autobahn, alsbald über die vier Spuren der gesperrten linken Fahrbahn. Aufwärts, immer weiter aufwärts. Eine Tendenz, die sich auf den ersten 40 (!) Kilometern mit nur wenigen meist kurzen Unterbrechungen fortsetzen wird. Von etwa null Metern Seehöhe in Durban bis auf die 700 der Kuppe des zweiten Hügels der „Big Five“. Per Knopfdruck könnte ich das Display meiner Uhr beleuchten. Kein Bedarf! Welche Pace ich mittlerweile erreiche, interessiert mich nicht die Bohne. Ich laufe rein nach Gefühl und das rät mir zur Mäßigung.

Träume hat sicher jeder Läufer. Ultras träumen vom frühen Finish. Einen „Comrades Up Run“ unter zehn Stunden stufte ich als realistisch ein - ohne Streckenkenntnis und dem winzigen, veröffentlichten Profil vertrauend. Seit der Besichtigungstour weiß ich dreierlei: Erstens: Das Profil lügt, dass sich die Balken biegen! Es gesteht lediglich Tendenzen und markante Hügel, leugnet jedoch tausendundeinen der kleineren Buckel. Zweitens: 1.500 Höhenmeter gesamt, in Form unausgesetzter „Ups and Downs“, führen einen Zermürbungskrieg gegen jeden Läufer. Drittens: Ob ausgerechnet ich diese Schlacht unter zehn Stunden für mich entscheiden kann, ist mehr als fraglich. Fazit: Keine Tempovorgabe, laufen nach Gefühl. Die Uhr keines Blickes würdigen und Hochrechnungen auf die Endzeit unterlassen - einstweilen jedenfalls.

Sechs Uhr morgens. Nur wenige Fahrzeuge kommen uns auf der für den Verkehr freigegebenen, rechten Fahrbahn* entgegen. Mäßig helle Straßenlaternen verbreiten kaum mehr als Zwielicht. Wie ein Heer fressgieriger Termiten wirken die auf drei Spuren unbeirrbar voran flutenden Läufer. Als gälte es alles niederzuwalzen, was sich dem Feldzug in den Weg stellen sollte. Leicht abwärts in diesen Sekunden, eine Mulde mit tausenden von Oberkörpern ausfüllend, weiter vorne wieder bergan. Eine gespenstische Atmosphäre. Eine von vielen, stroboskopisch kurzen Momentaufnahmen. Länger hinzusehen bärge ein zu hohes Risiko. Noch immer dicht umringt von Mitläufern. Wenn einer stürzte, die Nachfolgenden erlitten dasselbe Schicksal. Auch vor „Katzenaugen“ wurde allenthalben gewarnt. Wer sie nicht kennt: Kleine, kaum zentimeterhohe, in den Straßenbelag eingelassene Reflektoren. Ich wähnte die Stolperfallen am Rand der Straße, als optische Begrenzung in der Nacht. Zum Glück erkannte ich rasch, dass sie auch Mittelstreifen oder Spurbegrenzungen rückstrahlend markieren. Seitdem halte ich konsequent Kurs in Spurmitte. Wie gefährlich die Dinger tatsächlich sind, werde ich noch erleben. Zum Glück nicht am eigenen Leib. Zwei Beinahe- und einem vollendeten Sturz werde ich mit geringem Seitenabstand live „beiwohnen“ …

*) Linksverkehr in Südafrika.

„Hoh Ha! Hoh Ha! Hoh Ha! …“ Tief und dunkel wie dieser Morgen, offenbar im Rhythmus der Schritte, dringt es aus mehreren Kehlen. Ein gedehntes „Hoh!“ gefolgt von einem ultrakurzen „Ha!“, das wie ein totbringender Streich mit der Machete klingt. Ich brauche nicht viel Fantasie, um mir eine Horde bis an die Zähne bewaffneter dunkelhäutiger Kämpfer vorzustellen, deren Schlachtruf die Feinde das Fürchten lehrt. „Hoh ha! Hoh Ha! …“ Die Laute kommen näher, offenbar holt die Gruppe auf. Im weiterhin kompakten Feld kaum vorstellbar. Da ist kein Platz für geschlossen voran drängende Gruppen. Anscheinend erfüllt das Kriegsgeschrei seinen Zweck!? Doch, wie lange wird ihr Atem reichen?

Nach sechs Kilometern verlassen wir die Autobahn über eine Ausfahrt. Wenn ich gehofft hatte, das Feld würde sich alsbald auseinander ziehen, so wurde ich längst eines Schlechteren belehrt. Auf der nun engeren Nebenstraße kommt es immer wieder zu Stockungen. Die Dämmerung setzt ein. Bald wird es hell genug sein, um ohne das spärliche Licht der Straßenbeleuchtung die Füße sicher aufsetzen zu können. Mein Tempo strengt mich derzeit nicht sonderlich an. Schwer einzuschätzen wie sich das in drei, vier Stunden, oder zum Ende hin, mit etlichen Höhenmetern mehr in den Muskeln, anfühlen wird. Zu den üblichen Unwägbarkeiten wie tatsächlicher Trainingszustand und Tagesform gesellt sich heute die unbekannte Strecke. Eine Strecke „gesehen“ zu haben, bedeutet noch lange nicht sie auch in der Wirkung auf den Bewegungsapparat hinlänglich einschätzen zu können. Um möglichst wirtschaftlich mit den Ausdauervorräten umzugehen, versuche ich stets das richtige Tempo zu treffen und es gleichmäßig, über die ganze Distanz, durchzuhalten. Ob mir das heute gelingt? - Niemand könnte der Antwort auf diese Frage mit mehr Spannung entgegen laufen als ich selbst …

Bereits in Durban, zu Beginn des Anstieges, machte ich den 10-Stunden-Pacemaker ganz in meiner Nähe aus. Auf gelbem, hoch über seinem Kopf flatterndem Wimpel prangt die Aufschrift „10h“. Mal trabte sein Schwarm stückweit hinter, ein anderes Mal neben, irgendwann auch vor mir. Zog schließlich Zentimeter um Zentimeter im Anstieg davon. Natürlich musste ich den Drang zu folgen unterdrücken. Ich übte mich darin das offenbar Unabänderliche zu akzeptieren: Zehn Stunden sind nicht zu schaffen! Finde dich damit ab! - Überraschenderweise taucht die Zehn- Stunden-Meute dann wieder in meinem Gesichtskreis auf. Die Tempogestaltung des Schrittmachers gibt mir Rätsel auf. Hat er seine Kundschaft stückweit am Berg gehen lassen oder an einer Verpflegungsstelle eine Pause eingelegt?

Apropos Verpflegungspunkt: Erstmals nach sechs, dann jeden zweiten Kilometer steht flüssige und meist auch feste Labsal bereit. Vorerst greife ich mir an jeder Tränke zwei der roten, mit erträglich schmeckendem Iso gefüllten Beutel. Vorteil der in Plastikfolie eingeschweißten Flüssigkeit: Das Trinkmanöver gelingt „in voller Fahrt“. Ein bisschen Übung ist allerdings erforderlich, will man sich nicht besudeln: Ecke in den Mund, aufreißen mit den Zähnen, dabei schon saugen, drücken, schlucken und weiter saugen. In Höhe der Tränken ist die Straße patschnass und mit abertausend schlaffen Hüllen übersät. Leider flutschen den Läufern auch volle Beutel aus der Hand und warten als überdimensionale Knallerbsen auf Läufersohlen. Was sich wie ein Pistolenschuss anhört, war nur wieder ein geplatztes volles Beutelchen, das seinen Inhalt in unvorhersehbare Richtung entlud. In einem Fall vom Nebenmann auf meine Beine. Ein anderes Mal latschte ich selbst auf eine rote Mine und verpasste mir eine bis in Brusthöhe sprühende Dusche.

Jeder Beutel Iso enthält schätzungsweise 0,15 Liter Flüssigkeit. Es mag dir übertrieben vorkommen in Zwei-Kilometer-Frequenz 0,3 Liter Iso zu trinken. Allerdings schwitze ich seit dem ersten Schritt um halb sechs enorm. In Durban, auf Seehöhe, war die Luft kühl aber ungemein schwül. Inzwischen, weiter oben, spüre ich keine Schwüle mehr, dafür treibt das stete Hinan Ströme von Schweiß aus allen Poren. Seit geraumer Zeit trage ich keinen trockenen Fetzen mehr am Leib. Einfache Gleichung: Nasse Klamotten = viel trinken, um der Austrocknung vorzubeugen. Als weitere „Wasserstandsanzeige“ interpretiere ich fehlende Signale meiner Blase. Entgegen aller Erwartung spüre ich dort keine Not.

Noch Morgengrauen oder schon Tag? - Jedenfalls ausreichend Helligkeit um Schritte ohne Kunstlicht sicher setzen zu können. Muss auch so sein, weil sich der Strom der Läufer seit geraumer Zeit über unbeleuchtete Straßen wälzt. Seit dem Startböller liegt die Kamera nutzlos in meiner rechten Hand. In der Dunkelheit Läufer mit Blitz zu irritieren war mir zu gewagt. Und im herauf dämmernden Morgen misslingt erfahrungsgemäß jeder Schnappschuss. Die Wetterentwicklung am Morgenhimmel weiß ich nicht recht zu deuten. Einerseits nähren große, blaue Lücken in der Wolkendecke meine Hoffnung auf gutes Laufwetter. Derlei Zuversicht dämpfen watteweiche Wolkenfetzen, die nur wenige hundert Meter über den Hügeln hängen. Was haben die zu bedeuten? - Der allerorten feuchte, stellenweise sogar noch patschnasse Straßenbelag erzählt von Regen, der nicht allzu lange her sein kann. Ich leiste mir Optimismus: Sonne war versprochen und auf dieses Versprechen verlasse ich mich …

Unterführung und scharfe Rechtskurve. Ich erkenne die Stelle wieder, hier beginnt der erste der „Big Five“. Als „Cowies Hill“ kennen (fürchten?) Comrades-Routiniers den Buckel. Udos Gedächtnis war von der Informationsfülle anlässlich der Streckenbesichtigung überfordert. Wie üblich blendet es vieles vom „nice to know“ aus. So auch die Namen der Hügel, erst recht, weswegen sie heißen wie sie heißen. Der Auftakt zu „Cowies Hill“ ist nur mit Mühe zu bewältigen, lässt mich in Gedanken aufstöhnen: ‚Wenn das so weitergeht …‘ Gottlob geht es alsbald moderater weiter. Anspruchsvoll aber zügig laufbar. Was viele nicht wollen oder können. Zwischen menschlichen Slalomstangen suche ich die Ideallinie. Einstweilen empfinde ich mich nicht als Exot, weil etwa die Hälfte des Feldes gleichfalls den Laufschritt beibehält.

Die Montage einer zweiten Startnummer auf dem Rücken ist lästig, in Südafrika jedoch gängige Praxis. Beim „Two Oceans Marathon“ in Kapstadt (siehe Laufbericht in 2015) war sie gleichfalls vorgeschrieben. Inzwischen bin ich allerdings dankbar für diesen Teil des Regelwerks. Die Rückennummern zu „lesen“ unterhält und lenkt ab. Von den Vornamen meiner schwarzen Mitläufer bin ich dermaßen fasziniert, dass ich sie Mal um Mal von hinten ablichte. Wo sonst auf der Welt könnte ich mit einem Sibongiseni, Muziwandile, Nkululeko, Nkabinde, Hlengiwe, Zakhele und vielen anderen, vielfach unaussprechlichen Vornamen im selben Feld laufen? - Die Rückennummer „entlarvt“ aber auch Comrades-Mehrfachtäter. Unter dem kleingedruckten Wort „Medals“ steht unübersehbar die Anzahl erfolgreicher Finishes. Wir „Nullen“, ob weiß oder schwarz, In- oder Ausländer, bilden augenscheinlich eine Minderheit. Der Comrades scheint Suchtpotenzial* zu besitzen, wenn ich die Erfolgsbilanzen diverser Vor-mir-her-Läufer richtig deute. In ein paar Stunden wird mir sogar ein Veteran vor die Linse laufen, der sage und schreibe 42 Comrades-Medaillen sein eigen nennt. Und Ines wird von einer „47“ zu berichten wissen, deren Zielankunft mit Ehrengeleit sie beiwohnte.

*) Von wegen Suchtpotenzial: Es wird Tage dauern, die vielfache Sichtung des mit offensichtlichem Stolz getragenen Finisher-Shirts in verschiedenen Landesteilen Südafrikas erfordern und mir erst anlässlich einer Polizeikontrolle vollends einleuchten, welchen Stellenwert eine erfolgreiche Comrades-Teilnahme in der südafrikanischen Gesellschaft besitzt.

War’s das? Erster der „Big Five“ Geschichte? - Ich fahnde nach dem „Denkmal“, das die Comrades Community dem ersten Hügel gesetzt hat. Ein Ziegelmäuerchen, etwa einen Meter hoch, mit Comrades-Emblem und der Inschrift „Cowies Hill“. Mehrfach halte ich Ausschau, werde jedoch nicht fündig. Entweder übersehen oder hinterm unverändert dichten Strom der Läufer verborgen. Dafür entdecke ich erstmals Kilometertafeln. Offenbar stehen die in Abständen von zwei Kilometern!?* Ungewohnt und für sensible Gemüter eine stete Gefahr der Entmutigung ist die Zählweise des „to go“. Statt positives Denken - etwa: „Super! 23 Kilometer geschafft. Klar spüre ich die schon!“ - zu fördern, schickt die Tafel „64 km to go“ sensible Gemüter geradewegs in den mentalen Hades: „Boaah! Noch ewig weite 64 Kilometer und ich habe schon jetzt schwere Beine! Das schaffe ich nie …“

*) Später, auf übersichtlicheren Abschnitten der Route, werde ich für jeden Kilometer eine Markierung auf der Straße finden. Viele mit, manche ohne auffällige Tafel.

Erste Signale dauergestresster Laufwerkzeuge können meine Zuversicht nicht dämpfen. Dem schiebt schon läuferische Selbstsicherheit auf Basis einer lupenreinen Serie hunderter Lauferfolge einen Riegel vor. Zudem naht mein erstes Etappenziel, ein ganz privates und freudiges. Ungefähr in Höhe von Kilometer 33 wird Ines an der Strecke stehen. Nicht mehr weit bis dahin. - Bislang hatte die Strecke wenig Reizvolles zu bieten. Vor allem landschaftlich hatte ich mehr erwartet. Immerhin renne ich durchs südliche Afrika. Auch vom allenthalben gepriesenen Zuschauerzuspruch war zunächst wenig zu spüren. Das hat sich allerdings auf den letzten Kilometern radikal geändert. Am Fuß von „Cowies Hill“ stand das Publikum so dicht, dass wir uns durch einen schmalen Korridor zwängen mussten. Prompt staute sich das Feld und ich musste wieder achtgeben niemandem in die Hacken zu treten. Im Städtchen Pinetown begleitete eine kaum überschaubar und frenetisch anfeuernde Menschenmenge den Zug der Lemminge. Obwohl die Uhr gerade mal halb acht überschritten hat, nimmt das Event bereits Züge eines Straßenfestes an. Sogar rauchende Grills sind da und dort nicht zu übersehen. Gegrilltes am frühen Morgen? - Ach ja : South African Breakfast …

„2nd Cut off in 1 km“ - Meine Spannung, wie weit ich der Maximalzeit vorauseile, hält sich in Grenzen. Den ersten Cut Off habe ich sogar komplett verpennt. 3:21:xx Stunden zeigt meine Uhr schließlich an, 1:09 Stunden Vorsprung auf die Hunde, die redensartlich „den Letzten beißen“. Ein komfortables Polster nach erst 29 absolvierten Kilometern. Die Situation ähnelt der beim Spartathlon, weist jedoch nicht annähernd die damalige Dramatik auf: Zwischen Athen und Sparta war der Cut Off so knapp bemessen, dass ich auf den ersten 40 Kilometern dem Cut Off zur Schonung meiner Kräfte nur wenige Minuten voraus war.

Kilometer 32: Meine Augen springen fortlaufend zwischen Straßenbelag - dem ich nach wie vor misstraue - und Straßenrand hin und her. Wo genau Ines stehen wird, weiß ich nicht, auch wenn ich mir die Stelle bei der Streckenbesichtigung einzuprägen versuchte: Eine Straßenkreuzung mit Ampeln in einer Mulde. Vorgestern waren die Straßenränder allerdings noch nicht mit Menschen zugestellt. Heute wird die Kreuzung für den Verkehr gesperrt und gleichfalls von tausenden Menschen gesäumt sein. Kilometer 33,5 - noch immer keine Übereinstimmung des Geländes mit dem Abbild in meinem Kopf. Sollte ich die Stelle etwa verschlafen haben? - Schließlich eine abschüssige Linkskurve. Hundert Schritte noch und ich bin sicher: Dort unten wird sie irgendwo stehen.

Trotz einer imposanten Ansammlung von Zaungästen entdecke ich Ines lange vorher und winke ihr zu. Dass auch sie mich unter vielen Vorbeiläufern ausmacht, beweist die auf mich gerichtete Kameralinse. So war es verabredet. Vorrang haben aussagekräftige Fotos, zum Übernehmen der Gels werde ich mir Zeit lassen. Am wertvollsten ist jedoch die Begegnung an sich. Eine unter hunderttausend, die sich hier meinetwegen die Beine in den Bauch steht. Für zwei, drei kurze Minuten des Wiedersehens. Fraglos stehe ich so eine „Kiste“ auch völlig auf mich gestellt durch. Dennoch ist der „emotionale Mehrwert“, wenn Ines meinen Weg an der Strecke und im Ziel begleitet, gewaltig und schlecht in Worte zu fassen …

Noch 53 Kilometer. Erst im Ziel werden wir uns wiedersehen. Ein weiterer Versuch sich mit dem Auto zur Strecke „durchzuschlagen“ gestaltete sich infolge gehäufter Staus ungewiss. Zumindest für Auswärtige, die keine Schleichwege kennen. Einerlei - ich habe alles, was ich brauche. Ausreichende Vorräte an Zuversicht und Gel. Wenn überhaupt, dann wird mir Letzteres ausgehen. Eine mögliche Folge knapper Kalkulation - zehn Beutelchen insgesamt -, um ohne Laufrucksack auszukommen. Dem frühen, alsdann fortwährenden Anstieg Rechnung tragend habe ich heute bereits bei Kilometer 10 (!) zum ersten Mal mit Zucker gedopt. Zwei weitere Gels nach 18 und 26 Kilometern, das vierte direkt aus Ines‘ Hand. Die verbleibenden Beutel werde ich möglichst genau in Höhe der Kilometer 42, 50, 58, 66, 73 und 80 verbrauchen. Durch die zum Ende hin (geringfügig) verkürzten Intervalle und die (angeblich?) mit geringerem Kraftaufwand zu bewältigende zweite Streckenhälfte hoffe ich mit zehn Gels auszukommen.

Wieder aufwärts. Was sonst. Gefühlt trabe ich fast ständig bergauf und höchst selten im Gefälle. Dass mir die Schritte hinan unterdessen schwerer fallen, habe ich genauso erwartet. Kein Grund zur Sorge. Langsamer bin ich höchstwahrscheinlich nicht unterwegs. Kontrollieren will ich mein Tempo noch immer nicht. Welchen Nutzen könnte ich aus dem wie auch immer gearteten Messergebnis ziehen? - Auf mein Laufgefühl war in aller Regel Verlass und einzig davon lasse ich mich leiten. Um mich her bekommt die Fraktion der Geher Zuwachs. Die Rampe zieht sich in die Länge. Aber war das je anders, seit wir von der flachen Startgerade in Durban abbogen? - Dass ich gerade die Kuppe des zweiten der „Big Five“, „Botha’s Hill“, erstürme, ist mir zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. Tatsächlich werde ich lediglich noch einen der als heftig apostrophierten Buckel wiedererkennen, den letzten dann sogar an falscher Stelle vermuten …

Weniger fordernd, nichtsdestoweniger weiter hinan, in herbstlich anmutender Allee, vorbei an Studenten des Kearsney College. Für die im blauen Anzug mit Krawatte dem Spektakel harrenden Zöglinge wurde eigens eine Tribüne errichtet. Die ist abgesehen von einem eher unbeteiligt aus der Wäsche guckenden Eleven leer. Eine Gruppe steht diskutierend und gestikulierend daneben. Ausschließlich junge, weiße Südafrikaner mit teils geröteten Gesichtern unter blauer Kappe. Einer aus unserer Reisegruppe wird später im Ziel mutmaßen, zu diesem Zeitpunkt habe der Blutalkoholspiegel der Studenten schon einen atemberaubenden Pegel erreicht. Auch gerauchte Joints brachte er ins Spiel, die übrigens vor Kurzem in Südafrika legalisiert wurden. Dass ich die Rotgesichtigen im blauen Dress überhaupt zuzuordnen vermag, liegt an der Randnotiz, die uns anlässlich der Streckenbesichtigung dargeboten wurde: Absolventen des Colleges, die in späteren Jahren an ihrer Schule vorbeilaufen, geben sich mit einem roten Luftballon zu erkennen, den sie in Höhe der Tribüne aufsteigen lassen. Die Studenten grüßen den Ihren ehrerbietig durch Ziehen ihrer Kappe.

Freie Sicht und Panorama. Endlich Landschaft. Außerdem sanft abwärts und inzwischen ausreichend Platz zum Laufen. Vorausschauend vermag ich ein paar Meter Straße als risikolos einzustufen, darf auch mal für zwei, drei Sekunden woanders hinsehen. Im Dunst des noch nicht allzu fortgeschrittenen Morgens schweift der Blick über tiefer liegende Hügel und Täler. Wunderschönes Südafrika. Auch dafür bin ich hier, ab morgen, dann beginnen die „Holidays“ richtig. Immer wieder möchte ich die Aussicht über die Hügellandschaft - die Gegend trägt den Beinamen „Valley of 1.000 Hills“ - zu meiner Rechten genießen. Die alsbald wieder geschlossene Phalanx der Zuschauer schiebt diesem Unterfangen allerdings - und das im wahrsten Sinne des Wortes - einen Riegel vor.

„Hallo Udo!“ - plötzlich trabt Eckard neben mir. Unter 20.000 Läufern ausgerechnet Eckard. Natürlich wusste ich, dass er am Start stand, wie schon im letzten Jahr. Unsere Wege kreuzten sich zudem in Durban beim Abholen der Startnummer und anlässlich eines Trainingsjoggs in Strandnähe. Aber hier und jetzt? - Zumal ich ihn, dazu befragt, das eine oder andere Tausend Läufer weiter vorne vermutet hätte. Wir wechseln ein paar Worte - das war’s dann auch schon. Nicht eben üppig für zwei, die sich so lange kennen, einander zudem übers Weite-Distanzen-Laufen kennen und schätzen lernten. An Eckard liegt es sicher nicht. So wie es nie am anderen liegt, wenn Zwiegespräche mit mir verlaufen wie zwischen Nachbarn, die sich zwar grüßen, einander im Grunde aber nicht ausstehen können. Häufig - wahrscheinlich meist - bin ich meiner Natur gehorchend eher wortkarg unterwegs. Mag nicht reden, bin in mich gekehrt, fokussiere Denken und Fühlen auf den einen Brennpunkt: Erfolgreich ankommen.

Eckard kennt mich, wird verstehen. Und so wetzen wir noch eine Weile mit geringem Abstand neben- oder hintereinander her. Trudeln durchs All wie zwei Asteroiden, die in spitzem Winkel sanft kollidierten und nun wieder auseinander triften. In Höhe der „Wall of Honour“ trabt Eckard stückweit voraus. Unweit danach legt er ein paar Läufer vor mir die Hand auf die Erinnerungsplakete über „Arthurs Seat“. Lasse ich mich vom Beispiel der anderen Gläubigen verführen oder warum renne ich nicht einfach an diesem Tabernakel der Comrades-Religion vorbei? - Weder Legende noch Aberglaube lenken meine Schritte zum Felsen hin. Was also dann? Herdentrieb? Massenpsychose? Oder will ich nichts versäumen, dem ich mit einem bedauernden „hättest du doch …“ irgendwann hinterher trauern müsste? - Wahrscheinlich ist die Antwort viel einfacher: Es macht Spaß und den gönne ich mir …

Ich sehne Sonne zum Laufen herbei. Immer. Möglichst aus blitzblank-blaugescheuertem Himmel. Rein bio-thermisch betrachtet erschwerte mir Frau Sonne manchen Weg. Aber was ist das schon gemessen an der mentalen Schubkraft, die sie mir verleiht. Wärme in einer Welt leuchtender Farben - kein anderes Wetter könnte leistungsfördernder sein. Seit ich Ines begegnete behauptet der Stern sich am Himmel. Verdampfte nach und nach morgendliche Wolkenreste, scheint nun gewillt mich fortwährend zu begleiten. Aberglauben verfängt bei mir nicht. Andererseits: Sollte es mir nicht zu denken geben, dass das Erscheinen zweier Sonnen an meinem Himmel zeitlich zusammenfiel?

Halbzeit. Präziser ausgedrückt: Halbe Distanz. Gegen 10:20 Uhr, also nach ziemlich genau 4:50 Stunden passiere ich die Lila-Werbeorgie eines Wettanbieters. Kommt mir vor als hätte ein Schweizer Schokoladefabrikant seine Marketing-Idee mit der lila Kuh, ans südliche Ende Afrikas verkauft. 50 Meter lila Gasse zwischen lila Banden und lila Beachflags. Unterm lila Marathontor durchhuschen, dabei von lila gewandeten Bediensteten Getränke empfangen und einem in lila Ganzkörperkondom verpackten Bannerträger ausweichen. Nicht kleckern, sondern klotzen! In Südafrika - das fiel mir im Rahmen dieser Laufveranstaltung mehrmals auf - zieht man alle erdenklichen Reklame-Register. Insofern einigermaßen befremdlich, da Werbeaufdrucke auf Läuferbekleidung, die ein vergleichsweise winzig-unauffälliges Format übersteigen zur Disqualifizierung führen. Wer oder was auf dieser Welt ist eigentlich frei von Widersprüchen?

Wildes Anfeuerungsgeschrei begleitet meine Schritte durch die lila Gasse. Ob das aus überwiegend lila Kehlen schallt, vermag ich nicht zu sagen. Jedenfalls hindert es mich am Rechnen. Als es wieder stiller wird tue ich spaßeshalber so, als entspräche halbe Distanz zugleich halber Zeit: 4:50 mal 2 ergibt 9:40 Stunden. Am Ende tatsächlich unter den erträumten 10 Stunden zu bleiben, scheint mir trotzdem weiterhin wie der Griff nach den Sternen. Unterdessen spüre ich die 43,xx gelaufenen Kilometer in allen Fasern und rechne damit die Pace nicht ins Ziel retten zu können.

Die Nagelprobe folgt auf dem Fuße: Mühsam arbeite ich mich an einem der Big Five ab. Erkenne den Buckel wieder, weiß nur nicht mehr, dass er unter Eingeweihten als „Inchanga“ Gänsehaut erzeugt. Stellenweise steil aufwärts. Noch immer vermag ich die Höhe in akzeptablem Laufschritt zu nehmen. Im Gegensatz zu unterdessen fast allen Mitläufern um mich her. Die Gehenden umschiffe ich im Schlingerkurs. Mal außen, mal innen vorbei, egal wie. Überraschenderweise verkürze ich in diesen Minuten den Abstand zum 10-Stunden-Pacemaker und seiner vielleicht 30 Köpfe zählenden Gruppe. Auf dem folgenden Kilometer entspinnt sich dann ein kurioses, für mich jedoch überaus nerviges Duell: Udo versus 10-Stunden-Meute. Der Pacemaker geht am Berg, ergo gehen auch seine Getreuen. Bin schließlich gleichauf, will überholen, finde keine Lücke, mogele mich am Rand, über Geröll und Gras vorbei. Kostet ungemein Körner, was ich Eingeweihten nicht erläutern muss …

Glücklich dem Moloch entronnen ertönt hinterrücks eine Trillerpfeife, gefolgt vom rhythmischen Schlagen eines Tamburins. Auch ohne visuelle Bestätigung, weiß ich, was das zu bedeuten hat: Der Pacemaker ermuntert die Seinen zum Weiterlaufen und gibt den Laufrhythmus vor. Alsbald „überrollt“ mich der Schwarm in einem „Affenzahn“. Gerade so als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her. Keine dreißig Meter vor mir endet die wilde Hatz. Kein Schellengeklingel mehr, neuerlich gehen alle. Und Udo? - Zuckelt unbeirrt und moderaten Schrittes hinan, holt auf und muss wieder außen vorbei … Dieses enervierende Manöver wiederholt sich mehrmals. Schriller Pfiff, rhythmische Schellen, hurtiger Schritt, vorbei und wieder gehen, Straße in kompletter Breite blockieren. Und Udo tippelt über Stock und Stein vorbei. Meinen Nachteil hintanstellend sei angemerkt: Unklüger kann ein Pacemaker Steigungen kaum angehen: Rennen, gehen, rennen, gehen, … and so on. Wirtschaftlicher Kräfteeinsatz geht anders. Eine Version davon praktiziere ich. - Auf der Hügelkuppe vor einer Tränke endet das böse Spiel. Für mich, der ich mir einen Beutel Iso in der Bewegung schnappe, leere und mich dabei von der Meute absetze. Den Bedauernswerten hingegen, die sich dem gnadenlosen Schleifer mit Pfeife und Tamburin auslieferten, drohen weitere Runden ruinösen Kräfteverschleißes …*

*) Fußnote dazu am Ende des Laufberichts. Wer sich die Spannung erhalten möchte, wie mein Comrades-Abenteuer endete, verzichtet vorerst auf die Anmerkung. Wer nicht, klickt hier.

Dem Wiedersehen mit den Kindern der Ethembeni School sehe ich mit Spannung und Freude entgegen, ohne dass ich zu erklären wüsste wieso. An Geist oder Körper geschädigte Kinder, für die die Ethembeni School die einzige Chance bedeutet ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Vorgestern, anlässlich unserer Besichtigungstour, wurden wir in ihrer Schule willkommen geheißen. Ein großer Tag, an dem sie sich den internationalen Gästen mit Tanz und Gesang präsentieren dürfen. Nicht minder wichtig der Lauftag selbst, das unablässige Defilee und vielfache Abklatschen der Läufer. In langer Reihe sitzen oder stehen sie am Straßenrand. Links oder rechts? - Rechts halte ich die Kamera, also links vorbei. In vermindertem Tempo, um auch ja jede ausgestreckte Hand zu erwischen. Einige sind blind, sehen nicht, hören nur und fühlen. Wie das große, schlanke Mädchen, das zaghaft seine Hand erhebt. Natürlich werde ich nie nachfühlen können, was ihr die flüchtige Berührung (m-)einer fremden Hand bedeutet. Doch die Worte, die sie mir mit auf den Weg gibt, lassen es mich zumindest ahnen: Die englische Version von „Möge Gott dich allzeit beschützen!“

Dass meine Beine das noch erleben dürfen! Die Kilometer 55 bis 57 - oder als Comrades-Countdown: 32 bis 30 to go - sind gemessen an der bisherigen Topographie flach. So flach, dass sich die Lauferei seltsam fremd anfühlt. Ohne Witz und Übertreibung. Erst zaghaft, dann Mal um Mal mutiger wage ich den Blick zum GPS-basierten Tacho und lese erstaunliche Werte ab: Tatsächlich nur ein paar Sekunden über 6 min pro Kilometer. Obwohl ich mich ziemlich ausgelaugt und „laufbehindert“ fühle. Ich rufe Erfahrungen auf und versuche das aktuelle Empfinden einzuordnen. Doch, ja, so war es schon häufiger: Willenskraft treibt mich vorwärts, obwohl der Körper längst Erholung einfordert. Und wenn es sich so anfühlte, reichten die Vorräte oft noch für Stunden.

Und dann, beim vierten Cut Off, erlebe ich den Moment, der meine Comrades-Einstellung grundlegend ändert: 8:10 Stunden Maximum, davon verbraucht habe ich lediglich 6:20 Stunden. Mit jedem Mal wuchs mein Abstand zum Cut Off, beträgt jetzt 1:50 Stunden. Wenn ich mein Tempo auch nur annähernd halten kann, sollte ich deutlich unter 10 Stunden bleiben! Oder anders gerechnet: Noch 30 Kilometer to go. Um die magischen „10“ zu unterbieten bleiben mir 3:40 Stunden. Das kann ich schaffen. Also erhebe ich die „Sub10Stunden“ vom Status „vage Möglichkeit“ zum fixen Ziel!

Gehen wird für mehr und mehr Läufer zur häufigen Notwendigkeit. Inzwischen nicht mehr nur bergauf. Anfangs - ungefähr im ersten Drittel der Distanz - schien sich die Zahl derer, die ich überholte, mit derjenigen, die mich überholen, die Waage zu halten. Danach ließ ich „gefühlt“ tausende hinter mir. Vor allem, wenn ich bergan trabte. Wie meist (immer?) bedeutet mir das im Hinblick auf die Platzierung herzlich wenig. Mein Ehrgeiz richtet sich nun mal nicht gegen andere, sondern auf Ziele, die ich mir stecke. Dennoch freue ich mich über jeden, der hinter mir zurückbleibt. Kein Widerspruch. Die dauernden Überholmanöver führen mir die eigene Stärke vor Augen. Zugleich relativieren sie die zunehmende Quälerei, die dadurch in den Hintergrund rückt.

Die zweite Streckenhälfte bietet landschaftlich weit mehr fürs Auge. Nun fast ständig Ausblicke, gelegentlich Panoramen. War die Umgebung zunächst vom Einfluss der Großstadt Durban geprägt, von Verkehrswegen, Gewerbeflächen und Wohngebieten, so dominiert nun vielfach Landwirtschaft. An Farmen kommen wir vorbei, wovon unter anderem grasende Rindviecher und Zuckerrohrfelder Zeugnis ablegen. Südafrika ist nicht nur ethnisch kunterbunt durchmischt. Alle Weltreligionen scheinen hier vertreten. Anders vermag ich die Moschee, deren Minarett schon von weitem ein Ausrufezeichen in die Gegend setzt, nicht zu deuten. Eine Moschee auf flachem, eher dünn besiedeltem Land? Wo doch Südafrika überwiegend christlich geprägt sein soll? Ich frage mich, wo die vielen Muslime wohnen, die so ein Gotteshaus füllen?

Der Wasserturm kommt in Sicht. Anlässlich der Info-Tour mit Daten überladen, bringe ich einiges durcheinander. So meine ich zu Fuße des Wasserturmes nicht nur den höchsten Punkt der Strecke (810 m), sondern zugleich den „Gipfel“ des letzten der Big Five zu passieren. Ein Irrtum, wenn auch kein entscheidender, von dem ich psychologisch zunächst sogar profitiere. Weil ich auf den verbleibenden 20 Kilometern keine bedeutenden Anstiege mehr vermute, die meinen „Sub10-Erfolg“ noch vereiteln könnten. Der hier oben abgehakte Cut Off Nummer fünf bringt dann mein Fass an Zuversicht zum Überlaufen. Maximum: 9:30, Ist: 7:27 Stunden. Auf den letzten 10 Kilometern konnte ich weitere 13 Minuten gutmachen. Oder anders gerechnet: 2:33 Stunden für 20 Kilometer bleiben, um mein Traumziel zu realisieren.

Mehr als vier Kilometer zügig bergab. Zügig aber nicht rasant. Ich werde kein Risiko eingehen, wenngleich einwandfreier Straßenbelag und geringe Läuferdichte zu Sorglosigkeit geradezu einladen. Nur ein Sturz könnte meinen Triumph nun noch verhindern. Das Gefälle stresst meinen Bewegungsapparat enorm, schont dafür die Ausdauerreserve. Flüsschen samt Brücke darüber beenden die „Pein im Gebein“, schicken mich nahezu übergangslos wieder hinan. Nehme ich nicht ernst. Eine ziemliche Weile. Bis ich den Kopf hebe und erstaunt kein Ende einer mehrere hundert Meter langen Rampe mit herber Steigung erblicke … Und wenn schon, dieses letzte ernsthafte Hindernis, 12 Kilometer vorm Ziel, packe ich auch noch …

Ich tippele aufwärts, muss Tempo rausnehmen. Obwohl ich vor einer Viertelstunde Gel-Energie nachgetankt habe, fühlen sich die Beine schwerer an als noch vorm Wasserturm. Elf Kilometer noch, kein Grund zur Sorge. Trotzdem beschließe ich die letzte Ration Gel früher als geplant zu konsumieren. Damit provoziere ich zwar einen Einbruch auf den Schlusskilometern, über den sollte mich aber die Euphorie des nahen Zieles hinweg tragen. Also rein damit!

Oben und wieder runter und … … neuerlich rauf?? Unfassbar! Wie kann das sein? Unglaublich steil türmt sich ein weiterer Anstieg vor mir auf. Mit dieser Steilheit der längste der ganzen Route. Das bilde ich mir nicht ein. Auch wenn ich müde bin, so müde … meine Sohlen scheinen auf dem Asphalt zu kleben. - Udo gegen die Schwerkraft im Anstieg zum tatsächlich letzten der Big Five - „Polly Shorts“. Da er das nicht weiß, fixiert er verwirrt und sehnsuchtsvoll das Zählwerk der Uhr: Noch 9,5 Kilometer …

„9 km to go“, die Tafel am Straßenrand gibt Sicherheit. Einstellig. Nur noch neun Kilometer. Und massenhaft Zeit, um unter zehn zu bleiben. „Unter zehn“ ist Pflicht. Auch nur eine Sekunde drüber empfände ich jetzt als schmähliche Niederlage. Wird nicht passieren, selbst wenn ich nicht mehr den Mumm hätte den Rest komplett zu laufen. Auch dieser Umstand gibt Sicherheit. Induziert sogar einen Schuss Übermut. Ich postiere mich vorm Schild und versuche krampfhaft ein Selfie zustande zu bringen. Was mir auf wackeligen Beinen nicht recht gelingen will. Nach einem Stolperer - Ungeschick und Schwäche in unguter Allianz - fehlt nicht viel und ich landete im Straßengraben. Ein Mitläufer rettet die Situation, bietet an das Bild von mir zu schießen …

Die Fotosession kostet mich mehr als zwei Minuten. Da die Kraft schwindet, ist Zeit die einzige Währung über die ich noch reichlich verfüge. Aber vielleicht war die kleine Pause genau das, was ich brauchte, um diesen Mount Everest auch noch zu bezwingen. Mühsam setze ich mich wieder in Bewegung … komme quälend langsam auf Touren … frage mich nicht zum ersten Mal, wieso es ausgerechnet dieser, der mit Abstand gemeinste „Hill“ nicht in die Hitliste der „Big Five“ geschafft hat … tippele nach Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, einen Tick flotter, weil die Hügelkuppe naht … bin schließlich oben und passiere den letzten Cut Off nach 8:53 Stunden. Noch etwa 7,5 km bis Pietermaritzburg. Spielend unter zehn Stunden zu schaffen!! Denke ich frevelnd, obschon ich nach stundenlangem, zähem Ringen meine Lektion eigentlich gelernt haben sollte …

Der Hügelterror geht weiter. Deutlich kürzer im Anstieg zwar, doch jeder Meter aufwärts treibt mich nun tiefer in die Erschöpfung. Dazu kommt, dass ich mich in ebenen oder abschüssigen Passagen nicht mehr erhole. Schnelle Atmung, in Strömen rinnender Schweiß, fassdicke, tonnenschwere Beine. Längst durchquere ich Außenbezirke von Pietermaritzburg. Jede Kuppe gilt mir als die letzte. ‚Das war’s jetzt! Ganz sicher! Von nun an nur noch abwärts!‘ Nicht weit und die nächste kurze Rampe baut sich vor mir auf. Ich fluche. Das hilft. Fluche lautlos. Gönne keinem das Schauspiel meiner Hinfälligkeit. Trinkende, grillende, speisende Zaungäste applaudieren mir. Dem einzigen, der noch so etwas wie Laufschritte zustande bringt … „Go Udo! Go Germany!“

Aus dem Feld und vom Streckenrand habe ich heute jede mögliche Intonation meines Vornamens gehört. Beispiele erspare ich dir, schließlich wollen wir beide endlich ins Ziel. Außerdem ist Tonales schriftlich kaum zu vermitteln. Viele zollten mir Respekt. Mir oder meinem Land. Häufig wurde „Germany“ erwähnt, wenn man mich anfeuerte, mir einen guten Lauf wünschte oder mich schlicht begrüßte. Warum ausgerechnet mich und „mein“ Germany? - Den Grund dafür trage ich über der Startnummer auf Brust und Rücken: Die Flagge des Gastgebers Südafrika neben der meines Heimatlandes. Verknüpft durch ein laufendes Herz. Unschwer zu verstehen, dass mir Südafrika am Herzen liegt …

Das war’s jetzt aber wirklich! Diesmal bin ich sicher, erkenne die Straße, erblicke an ihrem Ende bereits das Gelände der Pferderennbahn. Tiefer gelegen. Nur noch runter, ein paar hundert Meter weit. Weiter dürfte es auch nicht mehr sein. Meine Beine trügen mich nicht länger. Wacklig weich fühlen sie sich an. Endlich auf der Rennbahn, nach rechts und … abwärts. Ich schüttele ungläubig den Kopf. Abwärts, durch eine Art Tunnel und auf der anderen Seite - na was wohl - ein allerallerletzter, kurzer Anstieg. Ich lache über den gelungenen Scherz. Auch wenn der Streckenplaner sicher keinen Schabernack im Sinn hatte. Lache triumphierend, weil ich auch diese kleine Schikane mit Resten von Muskel- und einem Ozean an Willenskraft im Laufschritt nehme. Lachen, das in Freude umschlägt, als ich Ines am Ende der Rampe erkenne. Wir klatschen uns ab und wie jedes Mal spiegelt sich mein Glück in ihrem Gesicht.

Letzte Meter im S-förmig gewundenen Zielkanal. Begleitet von stürmischem Applaus und leidenschaftlicher Anfeuerung. Laufen im Gras. Auch das noch. Kann meine Schritte kaum noch kontrollieren. Aus dem Zielkanal auf die Zielgerade. Breit wie eine Autobahn, ausgelegt mit grünem Filz. Filz auf Rasen. So muss es sich anfühlen, wenn man durch Watte watet. Komme kaum voran. Und dann ist es fast vollbracht, nur zehn Meter fehlen noch. Ich bleibe stehen, drehe mich mit dem Rücken zum Zieltor. In aller Seelenruhe, untermalt vom Jubel amüsierter Zuschauer, schieße ich ein Selfie. Noch ein paar Schritte und die Uhr bleibt stehen, bei 9:40:41 Stunden.

---

Netto 9:35:35 Stunden - ein Ergebnis, das ich nach der Streckenbesichtigung als aussichtsloses Unterfangen verworfen hätte. Dass es mir gelang meine Traummarke Sub10Stunden eindeutig zu unterbieten untermauert neben der passablen Vorbereitung auch die Tatsache einer außergewöhnlich guten Tagesform. Dazu kommt, dass ich die an diesem Tag mögliche Pace intuitiv und mit seltener Genauigkeit traf. Nach dem Zieleinlauf überfiel mich eine Form der Erschöpfung, unter der ich davor nur einmal, vor etlichen Jahren, zu leiden hatte. Etwa eine Viertelstunde verbrachte ich in einem Schwebezustand drohenden Erbrechens und der Unfähigkeit dieses Befinden stehend oder gehend zu überwinden.

---

Der Comrades endet nicht mit dem eigenen Finish! Wenn die Sonne bereits untergegangen und der Zielkanal in fortgeschrittener Dämmerung versunken ist, strebt das Drama seinem Höhepunkt entgegen. Der Zieleinlauf der ersten drei Männer und Frauen - mit Fabelzeiten übrigens - ist bemerkenswert, toll, super, fantastisch. All das. Doch die eigentlichen Titanen nähern sich kurz vor Ablauf der 12-Stundenfrist dem Ziel. Dann schwillt der Strom der Läufer noch einmal an. Frauen und Männer, die ALLES geben, um noch in den letzten Minuten und Sekunden den Schritt über die Ziellinie zu schaffen. Denn der Cut Off des Comrades wird absolut gnadenlos vollstreckt.

12:00:00 Stunden: Geschafft!

12:00:01 Stunden: Did not finish - DNF!!!

Was in diesen letzten Minuten im Zielkanal geschieht, hätte ich nicht für möglich gehalten. Völlig erschöpfte Läufer gehen, hasten, hinken, bewegen sich irgendwie in Richtung Finish. Sinken in sich zusammen, rappeln sich wieder auf. Halten sich für Sekunden an der Seitenwand fest, schleppen sich erneut voran. Manche fallen um und bleiben liegen. Werden von herbei eilenden Sanitätstrupps - und von denen gibt es mehrere - auf eine Bahre gelegt und ins Sanitätszelt getragen. Den akustischen Hintergrund bilden Rockmusik und die sich schier überschlagende Stimme des Moderators. Mehrfach sagt er dem Zug der Schwachen und Siechen die Zeit an. Zwischen schmerz- und von Erschöpfung verzerrten Gesichtern immer wieder auch lächelnde. Jene, denen nichts fehlt, die es verstanden die 12 Stunden voll auszureizen und wissen, dass ihnen das Finish nicht mehr zu nehmen ist.

Jetzt unbedingt hier klicken und erst weiterlesen wenn die Musik einsetzt!!!

Die Musik muss ein Sadist ausgesucht haben. Monumentales, das die Spannung dem Siedepunkt entgegen treibt. Und unablässig schleppen sich Läufer vorbei. Schließlich schallt „The final Countdown“ der Gruppe Europe aus unzähligen Lautsprechern im Zielgelände. Pure Gänsehaut. Alle, die die Liedzeile hören, die noch einen Funken Hoffnung in sich tragen, es noch schaffen wollen, die winzige, die unendlich weite Spanne zwischen sich und dem Marathontor zu überwinden, bevor die Hymne zu Ende ist, sie alle verdoppeln noch einmal ihre Anstrengungen. Reihenweise kollabieren Läufer. Das ist kein Ultralauf mehr, das ist eine Schlacht. Und wie im Krieg gibt es Opfer … Schließlich: Lied aus, die letzten Sekunden, der Moderator zählt sie herunter und dann ist Schluss.

Sanitätsteams bringen noch eine Weile damit zu Entkräftete zu versorgen und nötigenfalls ins Lazarett zu tragen. Wenn stimmt, was man mir berichtete, dann wird für den Comrades alljährlich das größte Lazarett außerhalb aktueller Kriegsgebiete errichtet. Die Vielzahl der alleine auf dem von mir einsehbaren, etwa 30 Meter langen Abschnitt des Zielkanals kollabierenden oder infolge versagender Muskulatur zusammenbrechenden Läufer erhärtet diesen Superlativ. Schon das Publikumsinteresse entlang der Strecke ließ erahnen, wie begehrt ein Comrades-Finish unter südafrikanischen Läufern ist. Das Geschehen im Zielkanal untermauerte diesen Eindruck. Wer in diesem Jahr scheiterte, wird unter Garantie im nächsten einen neuen Versuch unternehmen.

Zu guter Letzt noch eine Episode, die mir den wahren Stellenwert des „Comrades“ in Südafrika nicht klarer hätte vor Augen führen können. Zumindest soweit es sich um Sportinteressierte handelt, die einen Großteil der Gesellschaft quer durch alle Ethnien auszumachen scheinen. In meiner Erzählung geht es nicht um Comrades-Finishershirts, die noch Tage nach dem Lauf an den verschiedensten Schauplätzen unseres sich anschließenden Urlaubs stolz getragen wurden. Auch die respektvollen Blicke, die mir Unbeteiligte - etwa Hotelpersonal - zu Teil werden ließen, wenn mein „Comrades-Finish“ zur Sprache kam, erwähne ich lediglich als Randnotiz. Ich habe vielmehr eine nicht unbeträchtliche Ordnungswidrigkeit beim Befahren der Straße N2 zu gestehen. Nicht mit Vorsatz begangen, sondern in Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse. Vereinfacht dargestellt: Statt vermeintlich erlaubter 120 km/h galt eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 80 km/h. Der mich anhaltende Polizist machte mir den Verstoß recht unmissverständlich klar.

Den auf Englisch und von meiner Seite einsichtig geführten Dialog erspare ich dem geneigten Leser. Nachdem er mir mein Vergehen erläutert hatte, hieß mich der Polizist auszusteigen. An seiner Laserpistole zeigte er mir die tatsächlich von mir gefahrenen 114 km/h. Von der ersten Sekunde an hatte ich das Gefühl, dass der Beamte mit äußerster Korrektheit vorging. Vielleicht, weil meine Haut weiß und seine schwarz war. Oder weil er in mir unschwer den Ausländer erkannte.

Nach der Beweiserhebung, derzufolge ich satte 34 km/h zu schnell gefahren war, blätterte er im südafrikanischen Bußgeldkatalog, zeigte schließlich mit dem Finger auf den für meine Tempoüberschreitung festgesetzten Betrag: 1.500 Rand, derzeit etwa 100 Euro. Danach begann er in seiner Kladde, in der bereits etliche andere „Sünder“ verzeichnet standen, meine Daten zu notieren. Datum, Autokennzeichnen … Meinen Führerschein studierend, um weitere Personendaten zu erfassen, fragte er mich beiläufig, seit wann wir in Südafrika seien. Da mir das Datum spontan nicht einfallen wollte, sagte ich nur „Since Comrades Marathon“ - drei Wörter, die mein „Autofahrer-Schicksal“ änderten. Sein bis dahin korrekter aber distanziert vorwurfsvoller Tonfall schlug in Neugier und Verwunderung um: „Did you run Comrades?“ - „Yes I did“ entgegnete ich und erwartete, dass damit der für mich angenehme Teil des Dialoges beendet sei. Doch er drang weiter in mich: „Did you finish?“ - Darauf ich, einigermaßen verunsichert, welche Relevanz mein Lauferfolg für unser gemeinsames „Dienstgeschäft“ haben könnte: „Yes I finished Comrades!“ - Das brachte ihn hörbar aus der Fassung: „Are you shure?“

Um es kurz zu machen: Er brach den Eintrag meines Verstoßes in seine Kladde ab, gab mir den Führerschein zurück und entließ mich den Worten - die ich hoffentlich korrekt verstanden habe: „I forgive you for this time!“

Bei allen Laufheiligen schwöre ich, dass genau das am Rand der Schnellstraße N2 in Südafrika, Provinz KwaZulu Natal, geschehen ist. Als einzigen Kunstgriff habe ich mir erlaubt den Dialog auf die wesentlichen Sätze zu reduzieren.

 

---

*) Meine an den Cut Off Punkten aufgezeichneten Parameter zeigen, dass ich das Durchschnittstempo von Durban bis Pietermaritzburg weitgehend konstant durchstehen konnte. Da ich buchstäblich ins Ziel wankte, also mit dem „letzten Tropfen Sprit“ dort ankam, ist der wirtschaftliche Einsatz meiner Ressourcen belegt. Meine Bruttolaufzeit betrug rund 9:40 Stunden. Ich kam folglich etwa 20 Minuten vor der Gruppe um den Pacemaker „10h“ ins Ziel. Und das, obwohl die Gruppe noch kurz nach Halbzeit (= Halbdistanz) mit mir gleichauf war. Das kann nur bedeuten, dass der Pacemaker auf der zweiten Streckenhälfte deutlich langsamer unterwegs war. Oder anders ausgedrückt: Mit anfänglich überzogenem Tempo schmälerte er die Aussichten seiner Klienten auf das begehrte Sub10Stunden-Finish. Zum überzogenen Anfangstempo addiert sich der übermäßige Kräfteverschleiß durch die unsinnige, oben beschriebene Taktik am Berg. Bei der Streckenbesichtigung wurde uns davon abgeraten, den „unzuverlässigen“ Pacemakern beim Comrades Vertrauen zu schenken. Nun kenne ich einen der Gründe, die diese Aussage rechtfertigen.

 

---

Fazit zur Veranstaltung

Der Comrades Marathon ist Kult in Südafrika. Wer ultralange Strecken läuft und die nicht unerhebliche finanzielle Belastung stemmen kann, sollte sich dieses Erlebnis nicht entgehen lassen. Möglicherweise erliegt er dann auch der Faszination, die sogar viele internationale Läufer Jahr für Jahr up and down zwischen Durban und Pietermaritzburg laufen lässt.

Meine Erwartungen wurden in allem was Tradition, Emotionalität und Größe angeht mehr als nur übertroffen. Weitgehend unerfüllt blieb mein Wunsch nach reizvollen Landschaften. Die Läuferdichte auf den ersten dreißig Kilometern und die davon verursachten Behinderungen empfand ich als überaus nervig.

Fazit: Alles in allem ein reizvolles Erlebnis, das ich keineswegs missen möchte. Eine Wiederholung wird es für mich jedoch nicht geben.

 

Wir über uns Gästebuch Trekkingseiten Ines' Seite Haftung
logo-links logo-rechts

zum Seitenanfang