18. Mai 2019

Unlösbar - Alb-Traum 2019

Die Aufgabe ist nicht lösbar. Eine pessimistische Einschätzung, die nicht den Lauf selbst betrifft. Obschon die Absicht 115 Kilometer plus 3.500 Höhenmeter zu überwinden den meisten Zeitgenossen - ob sportlich engagiert oder Couch Potatoe - wie ein Stück aus dem Tollhaus vorkommen muss. Was mir aussichtslos vorkommt, ist vielmehr diese irrsinnig lange Route in einen halbwegs unterhaltsamen Laufbericht zu packen! Damit ist die Katze stückweit aus dem Sack: Wie könnte ich eine Geschichte erzählen wollen, die ich nicht erlebt habe? - Angekommen bin ich folglich. Und wer nicht mehr braucht als pure Fakten, dem sei auch noch verraten, dass ich dafür 18:14 Stunden brauchte.

Wenn zu Beginn eines Tatort-Krimis der Mörder die Axt hebt, mit dem Messer ausholt, den Hahn seiner Pistole spannt - auf welche Weise auch immer -, jedenfalls entschlossen die ruchlose Tat unter Millionen Augen begeht, dann bin ich zunächst enttäuscht. Mit dem Finger auf den Täter zeigen zu können, scheint mir jeglichen Nervenkitzel zu rauben. Meist gelingt es den Filmemachern dennoch einen Spannungsbogen aufzubauen und den Zuschauer vorm Einschlafen zu bewahren. Manchmal ist eben nicht das Ende aufschlussreich, sondern der an Wendungen reiche Weg dorthin. Wenn ich loslaufe, unbeschadet der (Ultra-) Distanz und aller Hindernisse, die es zu überwinden gilt, dann komme ich auch an. Wer meine Laufberichte hin und wieder liest, wittert in dieser Aussage keinen Anflug von Größenwahn. Bislang ist meine Serie makellos: 253 Mal brach ich zu Marathon oder weiter auf, und ebenso häufig erreichte ich das Ziel.

Dafür gibt es gute Gründe. Zum Beispiel trete ich nur zu Läufen an, wenn ich mich wenigstens ausreichend vorbereitet wähne. Darüber hinaus haben meine Ahnen mir ein gerüttelt Maß an Leidensfähigkeit vererbt. Womit die vielleicht wichtigsten zwei Voraussetzungen für ein erfolgreiches Finish bezeichnet wären. Zwischen „Vorbereitung“ und „Leiden“ besteht ein direkter Zusammenhang: Je schlechter die Vorbereitung, umso heftiger das Leiden. Und damit zum Alb-Traum: Ich glaube mich ausreichend vorbereitet. Da ich jedoch nur die Eckdaten „115 km/3.500 Höhenmeter auf einem Wanderweg“ kenne, gibt es eine fett gedruckte Unbekannte: Der Charakter der Wege!

Am Freitagabend, während des Briefings in der Geislinger Stadthalle, erschließt sich mir ein Teil des Unbekannten: 15 Kilometer Straße, 50 Kilometer Feld- und Waldwege und weitere 50 Kilometer Trails. Schon die schiere Zahl „50“ in Verbindung mit „Trail“ ist geeignet mein Herz ein Stück tiefer in die Hose rutschen zu lassen. Obschon die Zahl nichts über den Zustand der Pfade aussagt. Nichts über den Grad der Steilheit auf- und abwärts, die Bewehrung mit Steinen und Wurzeln, noch die Schlüpfrigkeit oder Ausgesetztheit - kurzum nichts über technischen Anspruch und Gefahren des Geläufs. Es gilt: Je schwieriger, umso auszehrender, oder: Je schwieriger, umso früher muss ich leiden …

Eigentlich sind Berg- und Trailläufe - meist zwei Seiten derselben Medaille - meine Sache nicht. Weil ich alles laufen will. Ein Ding der Unmöglichkeit an steilen Hängen. Darüber hinaus fehlt mir alles „Filigrane“. Sowohl, was den Körperbau angeht, als auch motorisch. Ich weiß das seit Langem, wage mich dennoch immer wieder auf hochgradig „trailige“ Wege. Der wichtigste Grund: Ich liebe Natur und Landschaften. Und um Landschaften zu erleben, muss man sie entweder tagelang erwandern oder eben an einem Tag durchlaufen.

Die Landschaft, um die es geht, ist die Schwäbische Alb. Präziser: Der so genannte Albtrauf. Als „Albtrauf“ wird der Steilabfall der Schwäbischen Alb gegen Nordwesten bezeichnet. Eine Landschaft deren grundsätzlichen Charakter jeder kennt, der schon einmal die Autobahn A8 zwischen Ulm und Stuttgart befahren hat. Dabei erlebt er den Albtrauf in Richtung Stuttgart auf stauträchtigen Abschnitten wie dem auf 80 km/h begrenzten Abstieg am „Drackensteiner Hang“ und dem „Aichelberg“.

 

Der Alb-Traum beginnt

Mitte Mai, um vier Uhr morgens, in der Dunkelheit neben der Geislinger Stadthalle, sieht man vom Albtrauf rein gar nichts. Es ist windstill bei etwa 10°C. Der Tag soll sonnig und warm werden. Witterung, die es mir erlaubt in Kurz-kurz-Staffage aufzubrechen, fürs Erste mit Armlingen. Den ersten Kilometer innerhalb der Stadt Geislingen an der Steige sollen wir „neutralisiert“, also eskortiert von Start- und Schlussläufer, im Pulk absolvieren. „Behördliche Auflage“ hieß es lapidar beim Briefing.

Die morgendliche vierte Stunde verbringe ich fast ausnahmslos im Bett, in tiefer Sorg- und Bewusstlosigkeit. Und wenn ich zur üblichen Zeit aufstehe, bin ich auf tausendfach wiederholte Routinen angewiesen, um dabei aufwachen zu können. Nichts ist grässlicher, als in dieser Phase denken oder gar entscheiden zu müssen. Unbegreiflich somit, dass ich heute nach Aufstehen (2:25 Uhr), Ankleiden, kurzer Autofahrt zur Halle, Frühstück, Toilette und letzten Verrichtungen ohne Fehler oder Versäumnis blieb!? Bis jetzt, bis zu den letzten vielleicht zehn Sekunden vorm Start. Oh Gott, die Uhr! GPS!! Navigation starten!!! Hektisch, fahrig bediene ich meine Suunto … drücke während der Startsequenz einen falschen Knopf … beginne von vorne, während sich der Tross bereits in Bewegung setzt und der menschenleeren Geislinger Fußgängerzone zuwendet …

Die technologische Entwicklung verändert das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert unaufhaltsam und immer rasanter. Das gilt auch für den Laufsport. Outfit und Equipment (veralteter Sprech: Bekleidung und Ausrüstung) verändern den Charakter von Wettkämpfen nachhaltig. Besonders bei wie Pilze aus der Erde schießenden, immer anspruchsvoller gestalteten Trailläufen wird diese Entwicklung deutlich. Da gibt es bereits Läufe, an denen du ohne Navigationsgerät nicht teilnehmen kannst. Weil die Route nicht markiert ist, wie beispielsweise beim „Joker Trail“ in Heidelberg (siehe Laufbericht 2018). Oder die Strecke entspricht einem Wanderweg, dessen Markierungen unzureichend oder vielfach unauffindbar sind. Das erlebte ich 2016 auf den 171 Kilometern des so genannten „Kölnpfades“, dem mit Abstand gröbsten Unfug, der sich je als Laufveranstaltung tarnte.

Auch heute werden wir weitgehend auf die Ausschilderung eines Wanderweges, des „Albtraufgängers“, angewiesen sein. Kann klappen, muss aber nicht. Schon beim Briefing war viel von „Verlaufen“ die Rede, im letzten Jahr, da der Alb-Traum erstmalig ausgerichtet wurde. Meine „Suunto Ambit3 Peak“ hat (wie viele Laufuhren) die Fähigkeit den „Track“ (Folge von Koordinaten) einer Route zu speichern und darzustellen. Ein aus Hard- und Software bestehendes technisches Wunderwerk. Als jemand, der den Aufbruch der Mikroelektronik „aktiv“ begleitete, kann ich das beurteilen. Der Vergleich meiner Suunto mit jenen Anfängen nötigt mir nahezu ehrfürchtige Gefühle ab. Um mich nicht zu verlaufen muss ich darauf achten, den kleinen Pfeil auf dem Display der Uhr mit dem Strich der Route deckungsgleich zu halten. Klingt simpel oder etwa nicht?

Ein hoffentlich gut markierter Weg, da und dort vom Veranstalter mit eigenen Markierungen ergänzt und als „Back Up“ das Navi am Handgelenk - Verlaufen scheint ausgeschlossen. In den ersten Minuten ohnehin, da brauche ich nur irgendwie dem Pulk der Lemminge hinterher zu hecheln. Was morgens um vier und nicht eingelaufen durchaus den Tatbestand der (freiwillig erlittenen) Körperverletzung erfüllt. Auf mich selbst gestellt hätte ich das eingeschlagene Tempo nicht so forsch gewählt. In Höhe der Bundesstraße B10, die die Stadt in zwei Hälften schneidet, schafft blitzendes Blaulicht eine verunsichernde Atmosphäre. Eine Polizeistreife sichert den Übergang. Und nur zwei Minuten später, am Fuß des ersten Aufstiegs, vor einer Treppe, beginnt der Spaß „Alb-Traum“ endgültig …

Für mich im Stau vor einer Treppe und mit dem Einschalten der Stirnlampe. Da mich ungefähr in Stundenfrist einsetzende Dämmerung bereits des Sicht-/Lichtproblems entheben wird, habe ich mich für die alte Kopflampe entschieden. „Alt“ bedeutet geringere Leuchtkraft bei zugleich höherem Stromverbrauch. Licht für ungefähr zwei bis drei Stunden. Und abends? - Meine Überlegungen hinsichtlich der Laufzeit - das gebe ich unumwunden zu - waren weder „defensiv“ noch von fundierter Kenntnis der Streckenverhältnisse beleckt. 16 Stunden meine ich maximal zu brauchen. Eine grobe Schätzung, mehr nicht … Somit wäre ich gegen 20 Uhr und noch gut eine Stunde vor der Dunkelheit „back home“.

Laufen in der Dunkelheit mag ich nicht. Weil ich - unter anderem - laufe, um Landschaften zu erleben. Ziemlich aussichtslos - in jedem Sinne des Wortes - so lange der Planet mich im Finstern mit Blindheit schlägt. Laufen in steilen Hängen mag ich auch nicht. Weil ich dort nicht laufen, nur gehen kann. Und gehen geht nicht. Eigentlich. Macht mir auch schlechte Laune, weil ich nun mal Läufer und kein Geher bin. Augenblicklich, im Licht meiner Lampe, sollte ich folglich recht übellaunig hinter den lichtumflorten Konturen meines Vordermann einher stapfen. Dass dem nicht so ist, liegt an der Unausweichlichkeit der Umstände. Entweder ist es morgens dunkel oder abends. Die Distanz lässt keine andere Wahl. Und 3.500 zuweilen steile Höhenmeter packt niemand im Laufschritt. Nicht mal hoch ausdauertrainierte jüngere Teilnehmer.

Verzicht oder gehen! Auf die mutmaßlich wunderschöne Exkursion verzichten wollte ich nicht, also finde ich mich ab … und wandere empor. Und latsche und steige … bei minimaler Lichtstufe meiner Lampe, weil sich der Pfad als unschwierig erweist. Außerdem profitiere ich häufig vom Streulicht meiner Mitläufer. Den Schwaben sagt man übertriebene Sparsamkeit nach. Ich bin kein Schwabe, spare aber Strom im Schwabenland. Keiner dunklen Vorahnung gehorchend. Pure Routine, allgemeine Vorsorge, mehr nicht.

Und steige und gehe und wandere … Das beinahe schon schmerzhafte Ziehen in den Waden beunruhigt mich nicht. Völlig normal, weil ich schnelles Gehen im steilen Gelände nicht gewöhnt bin. Auf kürzeren Strecken bleibe ich im Laufschritt und damit auf den Fußballen, wodurch die Wadenmuskeln nicht in dieser Weise überdehnt werden. Und steige und gehe und wandere … Irgendwann höre ich Rufe von oben. Was gerufen wird, verstehe ich erst als ich mein Debüt „Albtrauf-Aufstieg“ nach ungefähr 200 Höhenmetern feiern darf: „Super! Ihr habt den ersten Aufstieg schon geschafft!“ - Das kleine A … in Hirnwindung 0815, das auch diesmal nicht daheim bleiben wollte, bilanziert mit Häme: 200 hast du geschafft aber noch mehr als 3.000 vor dir! Es nimmt sicher niemanden Wunder, dass mich die Begeisterung in der Stimme der anfeuernden Dame nicht wirklich ansteckt.

Immerhin oben und wirklich anstrengend war’s auch nicht … Ein großes Holzkreuz soll auf diesem von einer Wiese bedeckten Hochplateau stehen. So weit ich sehe, und das ist nicht weiter als die Kegel diverser Lampen reichen, sehe ich nichts. Schemenhaft Waldränder, die sich pechschwarz vom nicht ganz so schwarzen Himmel abheben. Aber kein Kreuz. Ich suche auch nicht danach, weil mich der Mond von Geislingen, scheinbar zum Greifen nah, direkt in Laufrichtung, in seinen Bann schlägt. Das ist so ungefähr das erste Mal, dass ich beim Laufen (ab jetzt laufe ich!) der Dunkelheit etwas Positives, wenn nicht gar Romantisches abgewinnen kann. Ein wirklich zauberhafter Anblick.

Der natürlich nie länger als mehrfach wimpernschlag-kurzes Hinsehen währt, weil ich auf den Boden zwei Meter vor meinen Füßen achten muss. Einzelheiten dieses Weges aufzählen zu wollen würde dich langweilen. Steht meist auch unter Vorbehalt fehlender Erinnerung, in der Dunkelheit ohnehin. Einstweilen trabe ich guten Mutes einher, auf Wegen mit nur geringer Neigung, im Wald oder an dessen Rand. Rasch zieht sich das ohnehin kleine, vielleicht 80 Teilnehmer starke Feld auseinander. Vor allem steil abwärts, nach etwa zweieinhalb Kilometern, ein Umstand, den ich begrüße. Nichts macht einen nervöser als der Mann im Nacken. Und Nervosität kann ich mir auf den Serpentinen dieses an Wurzeln und Steinen, teilweise felsigen Stufen nicht armen Waldpfades überhaupt nicht leisten. Volle Konzentration ist angesagt!

Eine Phalanx scheußlich spitzer Zähne in den Kiefern des Krokodils lässt geschnappter Beute keine Chance zu entkommen. Wer so einem Tier ins Maul schaut braucht gute Nerven. Ähnlich geht es mir mit dem Profil des Alb-Traums. Je häufiger ich die schier endlose Reihe spitzer Zähne studierte, die es zu erklimmen gilt, umso mulmiger wurde mir. Der Anspruch dieses Höhenprofils wird unzureichend vorbereitete Läufer unter Garantie zermalmen wie die Kiefer des Krokodils ihr Opfer. Einzige offene Frage: Bin ich stark genug oder werde ich untergehen? - Wie dem auch sei: Der erste „Zahn“ im Routenprofil - 200 Höhenmeter - liegt hinter mir, ohne dass ich mich nennenswert angegriffen fühle. Wie auch, nach erst einer Stunde und sieben absolvierten Kilometern …

 

Lemminge

Schon droben, auf der Hochebene, war gen Osten blickend ein „Silberstreif“ am Horizont auszumachen. Inzwischen dämmert es. Abhängig von der Dichte des Blätterdachs über mir verzichte ich zeitweise auf Stirnlicht, spare Strom. Nach einer weiteren Viertelstunde ist die Lampe vollends überflüssig und bleibt aus. Begünstigt auch vom breiten, von Stolperfallen freien Waldweg. Meine Beine bestimmen ihr Tempo selbst, wollen zwei Läufer überholen … … Weggabelung in spitzem Winkel. Links einigermaßen steil aufwärts, rechts eben weiter. Keine Markierung, die mich leiten würde. Weder das stilisierte schwarze „T“ auf gelbem Rechteck (ca. 10 x10 cm) des Wanderweges, noch ein Sprühpfeil auf dem Boden. Also „befrage“ ich das Navi am Handgelenk. Pfeil (= ich) und Strich (= Strecke) bleiben stumm, wollen interpretiert* werden. Ich entscheide mich für „links aufwärts“ und gehe … und gehe …

*) Grundsätzlich gilt: Pfeil (Standort) und Strich/Track (Strecke) sollen sich decken. Die Interpretation einer aktuellen Relation Pfeil-Track ist auf dem vergleichsweise winzigen Display einer Laufuhr nicht immer einfach. Meine Suunto wechselt automatisch zwischen zwei Auflösungen: 100 und 500 Metern. Nicht selten liegt der Pfeil neben dem Track. Das kann bedeuten einen falschen Weg eingeschlagen zu haben, aber auch Folge einer der häufigen Anzeigeabweichungen sein. Sich beim Laufen (weitgehend) sicher mit einem Track zu orientieren erfordert Übung/Erfahrung mit der jeweiligen Uhr. Erfahrung, über die ich nur sehr begrenzt verfüge.

Der Pfeil (= Udo) deckt sich nicht mit dem Strich (= Strecke), liegt leicht daneben. Aber das war auch schon vorm Abzweig so. Kommt häufiger vor. Insbesondere im Wald, der das GPS-Signal „verfälschen“ kann. Ich schlappe weiter am steilen Hang aufwärts, komme gehörig ins Schwitzen. Mein Blick springt im Dreieck: Boden - Bäumstämme - Uhr. Will nicht stolpern, suche eine Markierung und prüfe, ob der Pfeil (= Udo) korrekten Kurs hält … Und steige und schwitze …

Warum diese sich tausendfach ähnlich wiederholende Situation detailliert beschreiben, wenn nicht aus einem Grund: Verlaufen! - Markierungen finde ich keine und der Pfeil zeigt irgendwann so eindeutig ins Nirwana, dass Zweifel zur Gewissheit verhärten. Ich bleibe stehen und wende mich an die munter über Gott und die Laufwelt schwatzenden Mitläufer: „Seid ihr sicher, dass das der richtige Weg ist?“ - Kettenreaktion der Lemminge: Die beiden verharren ihrerseits und linsen verdutzt auf ihre Uhren. Bleiben unschlüssig. Beraten sich, talwärts rufend, mit zwei, dann drei weiteren Lemmingen. Offenbar stiefelte ein jeder seinem jeweiligen Vordermann hinterher. Und der vorderste Vordermann war ich …

Alle stehen, prüfen, wägen ab … Ich steige noch ein paar Meter weiter hinan, meine im Zwielicht etwas auszumachen, das eine Markierung sein könnte … Als ich dort anlange und mich von einer optischen Täuschung genarrt sehe, kommt endlich Order von gaaaanz unten: „Wir müssen zurück! Verlaufen!“

 

Sonnenaufgang

Bevor es richtig hell wird, schleiche ich einmal mehr durchs Halbdunkel unter geschlossenem Blätterdach. Aufwärts, steil, in Serpentinen, bisweilen auch Steinstufen überwindend. Offenbar gilt es den zweiten Reißzahn im Gebiss des Monsters zu erklimmen. Immer weiter hinauf. War das ein Blitz weiter oben im Wald? Vorhin „lauerten“ uns schon einmal Fotografen auf. Aber hier, abseits von Fahrstraßen? Ich verwerfe den Gedanken. Nur, um ihn Minuten später bestätigt zu sehen. Der will anscheinend spektakuläre Bilder schießen. Kriecht durchs Unterholz, stellt sich ins Bett eines kleinen Bachs, um freies Schussfeld zum Steg zu haben, den ich gerade überquere. Ich bezweifle zwar, dass der Blitz auf diese Distanz die Szene ausleuchtet, setze aber sicherheitshalber ein Lächeln auf. Obendrein dienen meine Finger der Kamera ein „V“ als Zeichen des erhofften Sieges an. Hat’s im selben Moment geblitzt? Ich erinnere mich nicht.

Wieder belästigt mich das Ziehen in den Waden. Soll ich langsamer gehen, um es zu loszuwerden? - Keine Lust, komme ohnehin nur im Schneckentempo vorwärts. „Irgendwann“ erreiche ich die Abbruchkante der Alb, den Albtrauf. Um „irgendwann“ mit Parametern zu unterfüttern, habe ich den aufgezeichneten Track ausgewertet: Nach 840 Geh-Metern stehe ich 162 Meter höher als zuvor. Das entspricht einer durchschnittlichen Steigung von knapp 20 Prozent. Dafür brauchte ich ziemlich genau 12 Minuten, woraus sich ein Tempo von 14:17 Minuten pro Kilometer errechnet. Fürwahr „Schneckentempo“ und das zu einem frühen Zeitpunkt, ohne Anzeichen von Ermüdung.

Solche Werte machen mich unzufrieden, auch wenn ich sie nirgends ablesen kann. Ich spüre sie. Zum Glück darf ich nun wieder laufen, wenn auch hoch konzentriert und verhalten, um nicht zu stolpern. Zunächst folgt die Pfadspur im Wald der Kante des Albtraufs, meist in mäßigem Auf und Ab. Ein kurzer Blick gen Osten lässt mein Herz höher schlagen: Bald wird die Sonne aufgehen. Als es schließlich soweit ist, bemüht sie Nebel und Wolkenbänke, um das Ereignis mit einer grandiosen Farbshow in Szene zu setzen. Von Violett über Rosa und Rot, bis hin zu Orange und Gelb sind alle Farbtöne und -übergänge vertreten. Wunderschön. Ich bleibe stehen, investiere Zeit für mehrere Fotos. Mehrere von fast dreihundert an diesem Tag, ein nicht zu unterschätzender Zeitverlust.

 

Und aus den Wiesen steiget …

Der unschwierige Waldpfad wirft mir wenig Knüppel zwischen die Beine. Tatsächlich ertappe ich mich dabei den Trail zu genießen. Ich komme gut voran. Ein Umstand der trügerische Hoffnungen weckt: Vielleicht bleibt es so!? Ab und zu im Aufstieg schuften, gefolgt von einem gutmütigen Trail, schließlich wieder runter. Und der Rest auf guten Wegen. Wie um solches Wunschdenken zu festigen stellt der zweite Abstieg mein motorisches Geschick kaum auf die Probe. Aufpassen muss ich und jeden Schritt kontrolliert setzen, darf nicht sorglos Blicke an die Umgebung verschwenden. Aber das macht nichts. Was ich aus dem Augenwinkel wahrnehme, reicht, um die Natur zu genießen. Und vor Besonderem, wie jetzt dieser kleinen Kapelle auf einer Lichtung, verharre ich sekundenkurz zum Betrachten und für Fotos.

„Ave Maria“ heißt das Kloster, dem ich mich vom Berg kommend, den Klostergarten passierend nähere. Wie verlassen liegt die sakrale Anlage da, kurz nach sechs Uhr morgens. Heißt es nicht Mönche stünden früh auf, um noch vor dem Frühstück zu beten?* Im Hof hinter der Klosterkirche bleibe ich kurz stehen, um mich zu orientieren: Rechts neben dem Gotteshaus weiter oder durch den Torbogen voraus?

*) Die letzten vier Kapuzinermönche sollen „Ave Maria“ im Herbst 2018 verlassen haben.

Ich entscheide mich goldrichtig für den Torbogen, verlasse „Ave Maria“ treppab und stehe alsbald vor der ersten Verpflegungsstation. Ich kenne diverse Bezeichnungen für diese von Ultraläufern oft herbeigesehnten Orte der Labsal: Getränkestation, Verpflegungspunkt oder flapsig „Tränke“. In Österreich „Labe“, im englischen Sprachraum „Food point“ oder „Refreshment Station“, ungarisch „Frissítö“. Oft spricht man auch von „Checkpoint“, weil gleichzeitig die Einhaltung einer Cutoff-Zeit geprüft wird. Einer „Traumstation“ bin ich auf abertausend Wettkampfkilometern allerdings noch nie begegnet. „Traumstation 1, Kloster Ave Maria, … “ Der Text setzt sich mit unauffällig Kleingedrucktem fort. Humorig Geistreiches, wie ich anlässlich häuslicher Nachlese feststelle. Vor Ort nehme ich nicht mal bewusst wahr, dass das noch was steht. Geschweige denn hätte ich jetzt Muße es zu lesen. Trinken muss ich, um das erste Gel runterzuspülen. Meine kaum benutzten Flaschen brauche ich nicht nachzufüllen. Ich hinterlasse den beiden „Traumhelfern“ ein Dankeschön und mache mich wieder auf den Weg. - Das mit den „Traumhelfern“ habe übrigens nicht ich mir ausgedacht. Später werde ich die Wortschöpfung auf roten Helfer-Shirts lesen.

„Unten“ oder „oben“ hält man sich beim „Alb-Traum“ stets vorübergehend auf. Gegenwärtig bin ich „unten“, beginne aber nach nur einem halben Kilometer mit dem nächsten Aufstieg. Stramm wandern heißt das, die Waden strapazieren, was sich diesmal auf gutem, nicht übermäßig steilem Waldweg in Grenzen hält. Zwischendrin verliere ich sogar mal die Nerven und falle in angestrengten Trab. Fast hätte ich den Geher vor mir eingeholt, da wechseln wir auf einen steileren Abzweig. Und auf diesem Abschnitt erinnere ich einen weiteren Grund, warum ich es hasse in Wettkämpfen zu gehen. Ich gehe zu langsam! Ob physiologische Ursachen zugrunde liegen oder mir schlicht Motivation zum forschen Steigen fehlt - ich weiß es nicht. Unaufhaltsam vergrößert sich die Lücke zwischen dem Mitläufer und mir …

Oben und traben! Waldpfad, unschwierig, zuweilen Ausblicke talwärts, diesmal auch über die Hochebene zur Linken. Freude hält im Läuferherzen Einkehr, alles wieder gut. Ein Jäger lauert mir auf, legt an, feuert … aber nur mit dem Tele seiner Kamera. Wetzt ein Stück seitwärts hinter ein Wäldchen, um sich neuerlich in einen Hinterhalt zu legen. Die Markierung ist eindeutig: Ich streune durch den Hain, bis fast an die Abbruchkante. Für Sekunden genieße ich die überwältigende Aussicht ins dunstige Tal und zu umliegenden Höhen. Augenblicke frei von jeglichem Zweifel, ob es richtig war sich die Strapaze „Alb-Traum“ anzutun.

Ein paar Treffer des Wildschützen muss ich noch hinnehmen, bevor ich unauffindbar im Forst untertauche. Es kommt nicht oft vor, dass mir Trails Vergnügen bereiten. Falls doch, sind sie nicht allzu lang, wie jene auf bekannten Trainingsstrecken. Oder sie erweisen sich als technisch anspruchslos wie dieser hier. Technisch anspruchslos und immer wieder optische Leckerbissen offerierend: Nebel liegt auf den Wiesen der Hochebene. Schimmert geheimnisvoll, wo sich Strahlen der aufgehenden Sonne darin verfangen. Aussichtskanzeln fordern zum Stehenbleiben auf, um Abbrüche und Täler des Albtraufs aus hundert Perspektiven zu genießen. Und ich genieße, wenn auch nur für Sekunden. „So viel Zeit muss sein!“ Nicht genau das, aber etwas in dieser Bedeutung hält die gleich mir verharrende Dame einem Mitläufer vor. Sein „Halt! Da geht’s nur zum Aussichtspunkt!“ verkennt vollkommen ihre und meine Intention: Ich will die Landschaft mit allen Sinnen spüren. Wettkampf und Zeitschinden - danach steht mir heute nicht der Sinn.

Und die Sinne kommen hier oben noch mehrmals auf ihre Kosten. Witterung und Zeitpunkt passen zufällig genau, um zu sehen, was ich sehen darf: Weiße Schleier wabern über Wiesen mit „Pusteblumen“. Nebel flutet vom nahen Waldrand zwischen die Bäume, stimmungsvoll von der Sonne erleuchtet. Unvergesslich auch der Anblick wie meine Mitläuferin von goldenen Schwaden scheinbar aufgesogen wird …

 

Extratouren

Runter. Steil aber ohne Schwierigkeiten. Die Erwartung binnen Minuten wieder im Tal zu stehen erfüllt sich zunächst nicht. Stattdessen treffe ich auf einen Streckenposten. Einer von wenigen, an dieser Stelle jedoch unverzichtbar: Der Pfad setzt sich jenseits eines Wirtschaftsweges fort, woran die Markierung keinen Zweifel lässt. Unerwartet daher die Anweisung zunächst die Forststraße aufwärts zur Burg (?) zu nehmen. Erst nach dem „Schlenker“ ginge es dann gegenüber weiter erklärt er mir. Also latsche ich den Forstweg hoch. Burgen liegen nun mal nicht am Hang, sie thronen exponiert auf Höhen.

Offen gestanden bin ich von der „Hiltenburg“, besser gesagt von den spärlichen Mauerresten, die noch von ihr übrig sind, ein wenig enttäuscht. Dafür feiere ich die Aussicht übers Schwabenland mit einer ganzen Salve von Schnappschüssen … bevor ich mich von roten Sprühpfeilen über Stiegen und Treppen durch die Anlage führen lasse. Eine Minute auf der Höhe, dann wieder hinab im Wald. Runter nutzt die Wanderroute einen alternativen, steilen, vom vielen Regen schmierigen und deshalb nicht ganz unschwierigen Pfad. Ich winke dem Streckenposten zu und verschwinde im grünen Dschungel, der den folgenden Abschnitt begleitet. Äste ragen zu Hauf in den Laufweg, wodurch es praktisch unmöglich ist „Körperkontakt“ mit der Natur zu vermeiden. Dass ich davor Scheu empfinde, ist dem gestrigen „Briefing“ geschuldet. Vom „FSME-Hochrisikogebiet“ war da die Rede. Zeckenstiche können unangenehme Folgen haben, juckende Schwellungen rufen sie allemal hervor. Bislang verging kein Jahr, ohne wenigstens einmal von so einem Widerling belästigt zu werden. Daheim brauche ich danach allerdings nur auf Anzeichen einer Borreliose-Infektion zu achten. Jetzt auch noch auf FSME, Gehirnhautentzündung … schon das Wort klingt ekelhaft nach Lebensgefahr. Beruhigender Gedanke, während mich sanfte, grüne Hände streicheln: Zecken sind jetzt noch nicht aktiv, dazu ist es noch zu kalt.

Sogar als Ortsfremder wäre es mir ein Leichtes hier zu betrügen. Der Track auf meiner Uhr formt einen rechteckigen Umweg. Offenbar dem Waldsaum entsprechend, der die Wiese voraus einfasst. Die im 90°-Winkel abknickende, die Wiese querende Pfadspur drängt sich als Abkürzung auf. Unwillkürlich frage ich mich, ob es Kontrahenten gab, die der Verlockung anheim fielen … Außer in echter Not wäre mir selbst „eine krumme Tour“ - um die Redensart im wahren Sinne zu gebrauchen - unmöglich. Und wirkliche Not bedeutete ohnehin vorzeitig abbrechen zu müssen. Allerdings bin ich nicht (mehr) naiv genug, in der Herde der Ultraläufer nur weiße Schafe zu vermuten. Ohne Argwohn, rein zufällig, erwischte ich über die Jahre das eine oder andere schwarze oder zumindest gefleckte Schaf auf Abwegen. Und was mir darüber hinaus glaubhaft, etwa als Entscheidung eines Wettkampfgerichts, zu Ohren kam, taucht die Läuferwelt auch nicht in besseres Licht.

Ein Mann mit Hund an der Leine kommt mir am Waldrand oberhalb der Ortschaft Gosbach entgegen; grüßt, applaudiert, hilft bei der Wegfindung: „Nächstmögliche links!“ Die sonst eher von Fahrlehrern benutzte Formulierung verfehlt ihre Wirkung nicht. Mit erhöhter Wachsamkeit fahnde ich nach einem Abzweig … und hätte ihn ohne den Hinweis vielleicht sogar verpasst. Merke: Die offensichtliche entspricht nicht immer der korrekten Laufrichtung! So aber stehe ich eine Minute später vor der „Traumstation 2“ in Gosbach und ergänze zunächst den Wasservorrat in meinem Rucksack. Trinke sodann ein paar Becher Cola und tue etwas, wozu ich mich nur selten versteige: Ich greife auf dargebotene Köstlichkeiten zu …

Das Sonderbare solchen Handelns wird nur verstehen, wer meine grundsätzliche Ernährungstaktik bei Wettkämpfen kennt: Gel plus Wasser und sonst nichts! Schon hie und da auch mal Iso oder Cola, aber keine „feste“ Nahrung. „Pampiges“ Gel weist die höchste Energiedichte auf, wird vollständig verdaut, belastet weder Magen noch Darm. Das gilt bei mir uneingeschränkt, bisher ausnahmslos, im Übrigen für jede Gel-Marke. Gel war bereits mehrfach mein „Retter in der Not“. Heute habe ich 16 Gelrationen vorgesehen. Einige davon im Rucksack bei mir, den Rest zum VP5 bei Kilometer 66 als Dropbag vorausgeschickt. 16 Gels à 100 kcal klingt nach Überversorgung. Liegt aber unterm Durchschnitt, legt man die üblicherweise bei überlangen Distanzen von mir konsumierte Menge zugrunde. Auf solchen Strecken kalkuliere ich durchaus mit zwei bis drei Gels pro Laufstunde.

Mein heutiger Sinneswandel, der mich nach Wurststücken und Kräckern greifen lässt, wurzelt in diffusen Bedenken, die mich in der letzten Stunde beschlichen. Obschon mir die Schritte nach nun 27 Kilometern noch nicht allzu schwer fallen, ist genau das abzusehen. Die Strecke wird ihren Charakter nicht ändern. Knackige Anstiege bis zum Schluss und immer wieder Kraft zehrende Trails. Schon jetzt dämmert mir, dass ich diese Aufgabe unterschätzt habe. Dass ich sie lösen muss, ohne befriedigend darauf vorbereitet zu sein. Also lege ich mir schwer Verdauliches in den Magen, in der Hoffnung, dass es langfristig Energie bereitstellt und in der Absicht das nun an jedem VP zu wiederholen …

 

Es ist ein Kreuz mit dem Weg

Die Besatzung der „Traumstation“ widmet sich ihren zwei „Kunden“ mit Hingabe. Kann aber nicht mehr tun als uns beim Verzehr zuzusehen und mit Worten Mut zu machen. Ein „Dankeschön“, dann breche ich auf und folge der enteilenden Gestalt einer Mitläuferin mitten durch die Ortschaft talwärts … Ein Läufer trabt von rechts aus einer Seitenstraße und wird von der Vorausläuferin zum Verpflegungspunkt geschickt. Dass ihm kein „Mann mit Hund“ begegnete, er folglich am unscheinbaren Abzweig die „offensichtliche Laufrichtung“ wählte, liegt auf der Hand. Glück im Unglück für ihn, dass er uns in die Arme lief. Ansonsten hätte er unter Garantie seinen Weg bergab, Richtung Orstmitte, fortgesetzt und die „Traumstation“ verfehlt.

An einer Fußgängerampel hole ich meine Mitläuferin ein. Brav warten wir die Grünphase ab. Dass es mir nicht schwer fällt dafür Geduld aufzubringen, liegt auch am Steilhang gegenüber, den die Sprühpfeile androhen. Auf dem bisher brutalsten Anstieg überfällt mich mehr als eine Ahnung davon, wie hart es noch werden wird. Zum ersten Mal an diesem sonnigen Morgen treibt mir pralle Morgensonne den Schweiß auf die Stirn. Merkzettel an die gedankliche Pinwand: Ab jetzt mehr trinken! Der Pfad mündet in einen grob geschotterten Weg, flacher wird’s allerdings nicht. „Jeder hat sein Kreuz zu tragen!“ sagt der Volksmund. Mit Jesus verbindet mich die Freiwilligkeit des Leidens. Obwohl: Flehte er nicht noch kurz vorm Opfergang „Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen?“ - Wer’s vergaß, das Leiden und Sterben Jesu, dem wird es auf dieser Bergfahrt stationsweise vorgeführt. Gerade passiere ich „Station VIII“ des Kreuzweges: Jesus begegnet den weinenden Frauen*. Ziemlich teilnahmslos streifen meine Augen den Erlöser und die trauernden Weiber. Will mein Kreuz so rasch wie möglich auf den Berg Golgata hoch wuchten. Das war’s dann auch schon mit der Parallele: Den Herrn nagelten sie dort oben ans Holz, mir winkt dagegen die läuferische Freiheit - Kreuz abwerfen, weglaufen, wenigstens ein paar Minuten, bis man es mir wieder aufbürdet …

*) Ich bin keineswegs bibelfest. „Station VIII, die weinenden Frauen“ habe ich nachträglich recherchiert und mit meinem Foto verglichen.

Kreuzwege findet man meist an Hängen und in der Nähe von Gotteshäusern. Meine Überraschung hält sich also in Grenzen am Ende der schweißtreibenden Rampe eine hübsche Kapelle in Bilderbuchlage vorzufinden. Vielleicht dreißig Schritte und ich stünde neben dem Kirchlein, genösse von dort unter Garantie einen wunderbar sonnigen Ausblick über den Albtrauf. Dass ich mir den Genuss versage, legt beredtes Zeugnis ab. Von der Überfülle wunderbarer Natur, die ich bereits schauen durfte. Und von ersten Signalen müder Beine, die mir den kleinen Abstecher ausreden.

 

Früher war nicht vieles besser, manches aber schon

Vielleicht wird es doch nicht so „schlimm“ wie mich der „Kreuzweg“ glauben machen wollte!? Die Forststraße jedenfalls scheint Wiedergutmachung leisten zu wollen. Brauchbarer Untergrund, wenn aufwärts dann gemäßigt, also laufbar und alsbald der Übergang in sanftes Gefälle. Mehrere Kilometer weit geht das so, ich komme zügig voran. Bald bleibt der Wald zurück und ich finde mich in einem traumhaft schönen Tal wieder. Saftige Blumenwiesen, zaunfrei, so weit das Auge reicht, darüber die bewaldeten Kuppen der Alb. Als hätte Riese Rübezahl die Talmulde mit grünen Teppichen ausgelegt. Alles in einem frischen, hellen Grün gehalten, mit dem dich nur sonnige Maitage beschenken. Was könnte ich anderes empfinden als eine Welle der Lust? - Lust zu schauen und zu laufen. Bedenken spült die Welle davon, zumal der Weg weiterhin moderat abwärts führt.

Wann ich sie erstmals bewusst wahrnehme, die Fahrgeräusche, wüsste ich nicht zu sagen. Ein unablässiges, kaum moduliertes Rauschen ist zu hören und schwillt an. Offensichtlich eine viel befahrene Straße, auf die wir da zuhalten … Bis es mir von einem zum anderen Augenblick wie Schuppen von den Augen fällt: Zu Fuß war ich hier noch nie unterwegs, mit dem Auto aber hundert Mal und mehr! Was sich da quer durchs Blickfeld erstreckt und zumindest akustisch jeden Genuss zerstört, ist die Autobahn A8. Von Ulm (also von links) her kommend ahne ich die kühne Anlage des Drackensteiner Hanges. Die andere Fahrtrichtung, der Albaufstieg, spaltet sich unweit von hier ab und erklimmt die Alb auf gleichermaßen abenteuerlichen, am Hang „klebenden“ Brücken und Terrassen. Jeden noch so kleinen Abschnitt dieser Straße könnte ich aus dem Gedächtnis herbeten. Früher freute ich mich wie ein Kind, wenn ich auf dieser Autobahn den spektakulären Albtrauf erleben durfte, ab- wie aufwärts. Ja, früher - als Autobahnen einem noch erlaubten zügig von A nach B zu reisen. Früher - als Aichelberg, Drackensteiner Hang und Co. noch nicht zu den stauträchtigsten Straßen Deutschlands zählten …

Das Autobahnrauschen setzt sich in den Gehörgängen fest. Will nicht weichen, als ich durch die Ortschaft „Mühlhausen im Täle“ trabe. Haftet dort noch immer, als ich am Gegenhang des Tales wieder an Höhe und Überblick gewinne. Die Augen hangeln sich am Band der Autobahn entlang und ich wundere mich über den starken Verkehr. Samstag, die meisten Menschen haben frei. Wo kommen die alle her und wo wollen die alle hin? - Auf frisch planierter, schrundiger, zudem entsetzlich steiler Trasse steige ich empor. Wieder im Wald, der das Rauschen reduziert aber nicht aufhebt. Als hätte ich eine große Muschel am Ohr, mit der man Kindern vormacht, sie speichere auf ewig das Rauschen des Meeres, dem sie entstammt.

Schweiß tropft auf den überbreiten, hässlichen Weg. Hässlich nicht nur da steil und grobschlächtig. Ich empfinde die Rampe wie eine schwärende Wunde, die dem Wald ohne erfindlichen Grund geschlagen wurde. Wie viele Bäume fielen der Trasse zum Opfer? - Weiter aufwärts, nun wieder auf schmalem Pfad. Unter mir die Häuser von Mühlhausen. Auf der gegenüberliegenden Talseite hangelt sich die Autobahn am Albtrauf empor. Unablässig hinan, also gehe ich, überwinde die x-te Stufe des Alb-Traums. Ich habe aufgehört zu zählen. Genau genommen habe ich nie angefangen zu zählen. Ebenso wenig wie ich heute ernsthaft auf gelaufene Distanz und Laufzeit achte. Auf meiner Uhr lotst mich der Track. Will ich Leistungsdaten sehen, muss ich den Anzeigemodus wechseln, was nur selten, eher reflexhaft geschieht.

 

Die Parabel

Oben und sofort wieder runter, diesmal kein Trail auf einem Hochplateau. Mindestens ebenso steil und über trocken felsiges Grasland hinab. Das hat was von Lüneburger Heide ist nur um ein Vielfaches schroffer. An Schafspferchen vorbei, denen eigentlich nur eines fehlt: Schafe. Der Pfad stürzt in Serpentinen ausholend jählings in eine Schlucht. Harte Arbeit für die Oberschenkel, die mein für einen Läufer hohes Gewicht bei jedem Schritt abfangen müssen. Das ändert sich auch nicht, als der Wanderweg in eine Wohnstraße mündet und mich in Minutenfrist zum Talgrund bringt.

Nur Reste mathematischen Schulwissens sind mir geblieben. Dazu gehören Gestalt und Eigenschaften der Parabel: Auf einem Parabelast Schussfahrt hinab zum Wendepunkt und ohne zu Verweilen, spiegelbildlich identisch, gegenüber wieder hinauf. Gnadenlos die tiefste Stelle: Steigung null, also flach, ist die Kurve rein rechnerisch nur in einem Punkt. Ein Punkt hat keine Ausdehnung. Auf gleichermaßen böse Weise springt der Wanderweg mit mir um: Ich kreuze eine quer verlaufende Straße und stehe mit dem nächsten Schritt am Fuß des nächsten Hangs.

Ein wunderschöner Trail schließt sich an. Wunderschön, auch wenn er mir keinen Genuss bereitet. Aufwärts gehend ohnehin nicht und nach mittlerweile fast 40 Kilometern fehlt mir auch schon ein bisschen die Kraft zum Freuen. Überwältigende, große Teile des Tales einbeziehende Panoramen wechseln mit „Innenansichten“ des Laubwaldes. Eine Felspassage setzt einen rauen Akzent, scheint mir selfietauglich. Offensichtlich misslingt die Absicht für die Dauer des Schnappschusses zu verbergen, wie sehr die Passage an meinen Kräften zehrt …

 

Traum im Alb-Traum

Gerade mal ein paar hundert unerhört ebene Meter entlang einer Blumenwiese sind mir „oben“ vergönnt, dann schickt der Pfad mich neuerlich in die Tiefe. Technisch unschwierig hinab mit verhaltenem Tempo, einmal mehr die Stationen eines Kreuzweges abnehmend. Schneller will ich nicht, um Kräfte zu sparen und kein Risiko einzugehen. Bleibe auch mal stehen, um einen Blick auf die reizvolle Ortschaft zu meinen Füßen zu werfen. Fachwerkhäuser rahmen das mächtige Schiff der Kirche ein. Nur ein Turm war den Erbauern nicht genug, um die Bedeutung ihres Glaubens auszudrücken. Flüchtig hinsehend könnte man meinen eine mittelalterliche Kleinstadt vor sich zu haben.

Vermutlich habe ich den romantischen Fachwerkfassaden und der insgesamt guten Erhaltung des ursprünglichen Ortsbildes zu verdanken, dass ich mir „Wiesensteig“ auf einer anderthalb Kilometer langen Schleife ausführlich ansehen darf. Worüber ich nicht böse bin. Einerseits, weil ich die Aufgabe zur Gänze im Laufschritt erledigen darf. Zum anderen lohnt der aufs Beste und Schönste restaurierte Ortskern jeden noch so weiten Anmarschweg. Pittoresk - ein Adjektiv, das ich meide, doch hier trifft es den Punkt!

„Traumstation 3, Papiermühle, bereits in den Beinen: 43 km …“ Essen, Trinken, Wasservorrat auffüllen. Gut vier Minuten lasse ich am Verpflegungspunkt liegen. Den Wasservorrat zu ergänzen und ein paar Becher durch die Kehle rinnen zu lassen wäre rascher erledigt. Wurststücke und Kräcker zu kauen, schlucken, nachspülen - also sozusagen vollwertig zu „essen“ - kostet Zeit. Ein Grund mehr es normalerweise zu unterlassen. Ich bedanke mich herzlich beim VP-Team und mache mich wieder auf den Weg …

… Ein Weg, der auf den nächsten Kilometern jeden Naturfreund in Stürme der Begeisterung ausbrechen lässt. Zunächst begleitet die Fils, ein Nebenfluss des Neckars, auf diesem Abschnitt nicht mehr als ein breiter Bach, meinen Weg. Plätschert, gurgelt, rauscht über niedrige Kaskaden, umspült grüne Inseln, staut sich in tiefen Wannen, neckt die Augen mit Lichtreflexen. Hier würde ich gerne gehen, um die Eindrücke möglichst lange zu genießen. Doch hier muss ich laufen, weil ich laufen kann. Am Ufer, über einen Steg, schließlich mit Blick zum immer schmäler werdenden, durch eine Wiese mäandernden Bächlein. Nicht mehr weit bis zum Ursprung der Fils, auf den vorhin eine Tafel hinwies.

Die Quelle bekomme ich allerdings nicht zu sehen, oder übersehe sie schlichtweg. Habe jetzt auch nur noch Augen für dieses zauberhafte, sanft ansteigende Tal. Sanfte Buckel und Blumenwiesen täuschen ein bisschen Allgäu vor. Doppelt schön, weil ich auf breiter, fein geschotterter Piste unausgesetzt Traben darf. Offensichtlich ein wenig erholt, halte ich meine Wunschgangart diesmal sogar in herberen Steigungen durch. Eine Zeit lang, bis die Piste im Forst jählings ansteigt und wieder Gehen erzwingt.

 

Rapunzel lass dein Haar herunter

Rascher Raumgewinn auf den nächsten Kilometern. Zum einen treffe ich auf wenig rabiate Anstiege, trabe zum anderen über recht brauchbare Forstwege. Und dann geschieht es wieder, dass ich mich verlaufe. Der Weg teilt sich: Rechts weiter, nahezu geradeaus, oder nach links, einer weit ausholenden Kurve folgen? Keine Markierung, die mich leiten könnte und die Pfeilspitze auf der Uhr lässt Spielraum … Ich wähle die Linkskurve. Nach gut 100 Metern hat sich der Pfeil entschieden, zeigt nun fast im rechten Winkel weg von der Route … Höchstens 300 Meter Umweg und ich ärgere mich als wären es drei Kilometer. Warum spendierte der Streckenverantwortliche ausgerechnet an dieser Stelle keinen der anderenorts großzügig ausgebrachten Sprühpfeile? Und was, wenn ich ohne technischen Schnickschnack am Handgelenk unterwegs gewesen wäre? - Ohne Track auf der Uhr hätte ich mich wahrscheinlich auf Anhieb - probehalber - für die korrekte Richtung entschieden. In diesem Fall irritierte mich das Navi mehr als es half.

Der Wald bleibt zurück. Ich genieße einen Kilometer Sonne auf der Schwäbischen Alb. Genieße die Wärme des späten Vormittags und die Aussicht über Blumenwiesen. Ich genieße nicht allein. Spaziergänger, meist mit Kindern, sind unterwegs, sogar zwei Männer mit prall beladenem Bollerwagen: Essen, Trinken und alles, was man zum Grillen braucht. Eine Art Prozession, die einem geheimen Treffpunkt zuzustreben scheint. Schließlich stehe ich an einer felsigen Abbruchkante, für die ich 20 Meter Umweg in Kauf nehmen muss. Ein Umweg, der mich mit einem der imposantesten Panoramen des Tages belohnt. Tiefblick in eines der Albtäler, zur Linken und gegenüber dicht bewaldete Höhen, zu meiner Rechten die auf einem Felsen thronende Ruine der Burg Reußenstein. Eine Seilschaft hängt in der Felswand unter schroffen Burgmauern. Samstägliche Kletterübungen. „Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ könnte der Seilerste locken, um sich das Sichern zu erleichtern. Und unter Garantie fiele ihm die blonde, märchenhaft lange Haarpracht besagten Burgfräuleins entgegen …

Viel Betrieb rings um die Burg. Eltern mit Kindern, Senioren, junge Paare. Ein Picknickplatz bestätigt, was ich angesichts des grill-relevanten Bollerwagens schon vermutete. Mich nimmt ein Trail in Empfang, der allerdings recht bald vor einem Bauernhof endet. Aus modernem, offenem Stall linsen Rindviecher herüber. Vermutlich fragen sie sich, was diese bunten, in unregelmäßigen Abständen vorbei defilierenden Menschen antreibt. Empfinden Stehen und Fressen, dann Liegen und Wiederkäuen als ungleich angenehmere Formen ihr Leben zu fristen … Ich stelle mir auch eine Frage, die mit den Kühen zu tun hat: Warum pfercht man die Tiere in einen Stall, wo doch ringsum saftig, grüne Wiesen zum Grasen einladen? - Ich weiß auch Antworten, nur gefallen sie mir nicht …

Das sanft ansteigende, schmale Asphaltband animiert mich zu traben, während drei Mitläufer in Sichtweite gehen. Klüger wäre wahrscheinlich ihrem Beispiel zu folgen. Klüger schon, aber vorm inneren Schiedsrichter nicht zu rechtfertigen. Ein paar hundert Meter Asphalt, dann durch die Wiese zurück an den Rand des Albtraufs. Hier wie dort und auch danach Gras unter den Füßen. Gras dämpft die Schritte und kostet Kraft. Ein kurz aufblitzender Gedanke, vom wunderschönen Ausblick rasch verdrängt. Wiesen mit Blumen und Schafgarbe, hüfthoch die Halme, baldigen Schnitt erwartend. Vermutlich wartet der Bauer auf stabil warmes Wetter. Ein sonniger Tag heute, wenn die Prognose stimmt auch noch morgen - das scheint nicht genug. Oder er fürchtet Gewitter, die heute Nachmittag wahrscheinlich sind … … … Erneut hätte ein ortskundiger Läufer betrügen können: Nach anstrengendem Wiesenschlenker biege ich auf das zuvor verlassene Sträßchen ein und stehe Minuten später vor „Traumstation 4, Eckhöfe, bereits in den Beinen 53,3 km …“

 

Schwieriges Terrain

Wie es passieren konnte, weiß ich nicht so genau. Einerseits scheint der Weg, den ich nehme, alternativlos. Um den Beginn des unauffällig vom Hauptweg abzweigenden Pfads nicht zu verpassen, muss man hochkonzentriert laufen. Zu meiner Ehrenrettung sei gesagt, dass ich wieder die Uhr befrage. Und die „rät“ mir nicht davon ab auf dem breiten Forstweg zu bleiben. Willig gebe ich Höhe auf, erst wenig, dann immer rasanter. Als mir endlich Zweifel kommen, weil keine Markierung meine Richtung bestätigt, muss ich umkehren und die verlorenen 50 Höhenmeter mühsam und gehend zurückerobern. Diesmal gibt es niemandem, dem ich die Schuld für den Umweg in die Schuhe schieben kann. Zu eindeutig prangt am Eingang zum Trail das gelbe Täfelchen mit dem „T“. Ich gehe knallhart mit mir ins Gericht, damit sich das nicht noch einmal, womöglich mit noch übleren Konsequenzen, wiederholt.

Und es darf sich nicht wiederholen, weil solche Kapriolen viel Kraft verschwenden. Wie ausgerechnet jetzt, vorm bisher anspruchsvollsten Trail der Tour. Anspruchsvoll da lang, technisch schwierig und gespickt mit Höhenmetern. Natürlich auch geschmückt mit Naturschönheiten, von denen ich einige mit der Kamera einfange. Orchideen zum Beispiel oder blühende Hecken und die zahllosen Fernblicke gen Westen. Inzwischen gestattet meine „Gel-Planung“ Energie in 6 km-Intervallen zu konsumieren. Dringend erforderlich, weil der Kräfteverfall bereits deutlich spürbar ist. Und das an einem Punkt, da ich ziemlich genau noch die Hälfte der Distanz vor mir habe …

 

Unschönes Terrain

Nach knapp 60 Kilometern stehe ich auf dem Boßler, dem höchsten Punkt der Strecke. Davon weiß ich allerdings nichts. Distanz, Höhenmeter und Name der Erhebung interessieren mich nicht die Bohne. Ich kämpfe hart und nehme dankbar zur Kenntnis, dass ich nun eine Weile abwärts tippeln darf. Das strapaziert zwar die Oberschenkel, schont aber die Ausdauerreserve. Meine Oberschenkel zeigen sich übrigens unerwartet kooperativ. Minimales Ziehen in stark abschüssigen Passagen, mehr nicht. Das Bergtraining letzte Woche - 700 Höhenmeter nonstop rauf und gleich wieder runter - war goldrichtig.

Noch im Wald und in zahllosen Serpentinen rasch an Höhe verlierend erreicht mich das Rauschen von der Autobahn A8. Ich sehe sie nicht, kenne auch die Gegend nicht, dennoch bin ich sicher alsbald die A8 wieder queren zu müssen. Bevor es dazu kommt, trabe ich allerdings mehrere Kilometer mehr oder weniger parallel zur Autobahn, akustisch unablässig vom starken Verkehr belästigt. Wie kann sich ein Hotel hier halten? Wer steigt in einem „Etablissement“ ab, gegen dessen Wände ständig Autobahnlärm brandet? - Wie bereits erwähnt: Ich kenne die A8 wie meine Westentasche. Und deshalb frage ich mich an welcher Stelle der Seitenwechsel erfolgt. Als der Lärm im Takt der Schritte anschwillt, ich offensichtlich frontal auf die Autobahn zulaufe, keimt ein Verdacht. Erst auf den letzten Metern stellt er sich als richtig heraus: In Richtung Stuttgart fahrend, passiert man kurz vor der Ausfahrt „Aichelberg“ den Tunnel einer Vegetationsbrücke. Und ebendiese „Brücke“ nutze ich nun. Heute eine Art Wildwechsel für Läufer, um ungesehen zur anderen Seite zu gelangen. Weder sehen mich die Autofahrer, noch gelingt mir ein Blick zur Fahrbahn. Auch auf der Gegenseite angekommen und ein paar Meter oberhalb, parallel zur Fahrbahn joggend, bleibt mir direkte Sicht verwehrt. Dazu müsste ich mich schon auf die Brüstung der Mauer stellen, die errichtet wurde, um Steinschlag und Erdrutsche zu verhindern.

Der unschöne, mit reichlich Lärm und optischen Beeinträchtigungen verschmutzte Teil des Albtraufs liegt hinter mir. Zumindest hoffe ich das. Die Region der Blumenwiesen und der weitgehenden Stille umfängt meine Schritte wieder. Gehschritte manchmal, weil auf abschüssiges Terrain immer wieder jäh ansteigende, wenngleich kurze Passagen folgen. Ein Zermürbungskrieg „Landschaft kontra Udo“. Wer am Ende den Kürzeren ziehen wird, ist längst klar. Das ist aber nicht meine einzige Sorge: In Laufrichtung voraus braut sich ein Gewitter zusammen. Blaugrau dräuende Wolkengebirge lassen daran keinen Zweifel. Aber wie heißt es so schön schicksalsergeben: Die Hoffnung stirbt zuletzt!

 

Die lange Pause

Es kann nun nicht mehr weit sein bis zum nächsten VP bei Kilometer 66. Am tiefsten Punkt der Strecke, in der Ortschaft „Eckwälden“ ist es dann so weit: Essen, Trinken, Vorräte ergänzen. Diesmal auch den Vorrat an Gelpäckchen, die ich meinem Dropbag entnehme und im Rucksack verstaue. Hätte mich danach jemand die Dauer der Pause schätzen lassen, ich hätte mich mit sieben, acht Minuten maßlos verschätzt. Der aufgezeichnete GPS-Track ist unbestechlich und legt mir eine geschlagene Viertelstunde (!) Bewegungslosigkeit zur Last. Möglicherweise lähmte mich auch die Aussicht auf ein baldiges Rendezvous mit dem Donnergott. Eine der Helferinnen an der „Traumstation“ telefoniert gerade mit ihrem Mann, der an einem anderen Ort der Alb-Traum-Route dem Unwetter trotzt.

Als ich mich endlich zum Aufbruch entschließe, treffe ich noch einen Bekannten. Gesicht und Haltung unterstreichen, was er mir eröffnet: „Ein guter Ort zum Aufhören! Null Bock weiter zu laufen!“ - Ich kann das nicht. Aufhören. Abbrechen. Aufgeben. Wörter, die es in meinem läuferischen Sprachschatz nicht gibt. Versteh’ mich nicht falsch: Damit will ich mich keineswegs in besseres Licht rücken. Eher im Gegenteil. Manchmal beneide ich jene Mitläufer, die sich weiteres Leiden und Verletzungsrisiko ersparen, indem sie genau zu wissen scheinen, wann es genug ist! Ich wüsste den Zeitpunkt vielleicht auch zu benennen. Nur brächte ich es nicht über mich der Vernunft (?) das Regiment zu überlassen. Ich schleppe mich so lange voran, wie es geht. Bis „irgendetwas“ meinen Willen beugt. Unerträgliche Schmerzen, schwere Verletzung, totale Kraftlosigkeit - was weiß ich? So weit war es nie und so weit soll es auch nie kommen. „Null Bock“ ist jedenfalls keine Befindlichkeit, die mich aufhalten könnte. „Null Bock“, das sei hier eindeutig festgestellt, begleitet mich schon eine ganze Weile. Erst war’s Genuss, dann ging’s so „lala“, schließlich wurde es hart und ungefähr ab da stand fest: Null Bock!

Wenn ich „null Bock“ nachgegeben hätte, wäre ich bei keiner meiner bedeutendsten Langdistanzwettkämpfe ins Ziel gekommen. Nicht beim „Spartathlon“, noch bei „Olympian Race“ oder den 24-Stundenläufen, die mir zweimal den Titel eines Deutschen Seniorenmeisters eintrugen. Irgendwann ist der Spaß vorbei und der Kampf gegen den Dämon Schwäche beginnt. Und wo der haust, wird die Hölle mit Unlust geschürt. Unlust - der vornehmere Ausdruck für „null Bock“.

 

Lasst diesen Kelch an mir vorüber geh’n

Die Sonne macht sich rar. Eine paar schöne Ansichten sammele ich trotzdem. Friedlich grasende Pferde, Streuobstwiesen, uralte, gigantische Eichen, sanft zum Tal hin auslaufende, mit Butterblumen gesegnete Wiesen. Unübersehbar aber auch die Gewitterfront und nur Taube könnten das unaufhaltsam näher kommende Donnergrollen überhören. Was tun? - Die Situation ist neu und sie trifft mich weitgehend unvorbereitet. Nie zuvor musste ich während eines Wettkampfs mit den Unbilden eines Gewitters umgehen. Dass es geschehen könnte, wusste ich, verzichtete dennoch auf eine Jacke im Gepäck. Die Kappe ruht seit der Pause griffbereit in einer vorderen Tasche. Obwohl längst überfällig, verzichtete ich auch darauf die Armlinge auszuziehen und im Rucksack zu verstauen. Dann wären da noch dünne Handschuhe, die ich eigentlich für die kalten Morgenstunden vorgesehen hatte aber nicht brauchte.

Was tun? - Während ich einmal mehr im Wald abtauche und mich seiner trügerischen „Sicherheit“ ausliefere, schmiede ich ein Notfallkonzept: Häufig gab es Unterstände, Hütten mit vorspringenden Dächern oder Ähnliches am Wegrand. Vielleicht habe ich Glück so ein Gelass zu finden, wenn es zu schütten beginnt. Dann stelle ich mich unter. Die Zeit spielt ohnehin keine Rolle mehr. Längst habe ich mich damit abgefunden, zum unguten Schluss wieder in die Dunkelheit zu laufen. Falls ich nass werde, muss ich permanent in Bewegung bleiben, um mich warm zu halten. Weniger gehen, mehr traben, heißt das unter anderem.

Ich bitte die Laufheiligen den Kelch an mir vorübergehen zu lassen, erflehe ein kleines Wetterwunder ... Die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Genau genommen sterben mehrere Hoffnungen nacheinander. Erst beginnt es zu leicht zu regnen und ich dichte mich nach und nach ab. Kappe auf, Armlinge hochziehen. Dann fällt mir noch die grüne Plastiktüte meines Dropbags ein. Ich nestele sie aus dem Rucksack und ziehe sie mir als Regenschutz zusätzlich über den Kopf. Alsbald prasselt der Regen stärker auf mich herab. Weit und breit keine Hütte, kein Haus, nicht mal ein Jägeransitz, nichts. Ein paar Minuten, dann ist sich unterzustellen sinnlos geworden, weil ich bereits durchnässt bin. Donner rollt über mich hinweg, Blitze hellen den Wald für Sekundenbruchteile auf. Nein, ich habe keine Angst. Nicht im Flachland. Im Hochgebirge ginge mir „der Arsch auf Grundeis“ und ich kauerte mich irgendwo in den Schutz eines Felsens. Aber hier … die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Blitz ausgerechnet einen Baum aussucht, an dem ich gerade vorbei laufe, strebt gegen null …

Mehr Getöse als Wasser von oben! Der befürchtete Wolkenbruch bleibt gottlob aus. Ich bin zwar nass, doch bleiben meine Füße vergleichsweise verschont. Kein Wasser in den Schuhen! Als ich zwischen den ersten Häusern der nächsten Ortschaft trabe, tröpfelt es nur noch. Die ersten Unterstellmöglichkeiten verschmähe ich. Dann entschließe ich mich doch zu halten, um die Handschuhe über meine klammen Hände zu ziehen. Und meiner Frau Ines mitzuteilen, dass sie sich keine Sorgen machen muss, wenn sie erst am späten Abend die Nachricht von der erfolgreichen Zielankunft erreicht. Das Eingeständnis also, mich hinsichtlich der Laufzeit in geradezu astronomischem Ausmaß verschätzt zu haben. Weitere 11 Minuten Laufzeit frisst dieser Zwangsaufenthalt.

Die Kamera verbrachte den Regenguss vor Nässe geschützt im Rucksack. Nun halte ich sie wieder in der Hand, um weitere Highlights zu dokumentieren. Die gibt es auch jetzt noch. Allerdings seltener, weil Panoramen unter nach wie vor düsterem Himmel nicht mehr begeistern können. In Waldpassagen zieht mir ständig der herbe Geruch von Bärlauch durch die Nase. Wächst und blüht hier überall in Massen. Aber nicht in solch plantagen-artiger Ausdehnung wie an dieser Stelle: Ich bleibe stehen, um trotz mangelhafter Lichtverhältnisse ein scharfes Bild der Bärlauchplantage zu schießen.

 

Buckel um Buckel

Mehr und mehr rauscht das Draußen an mir vorbei. Die Augen liefern Bilder ohne Unterlass, nur dringt kaum mehr etwas mit solcher Intensität durch, dass ich mich damit gedanklich befassen würde. Mit ein paar Fotos versuche ich die bleibend düstere Nach-Gewitter-Stimmung einzufangen. Vielleicht ist sie aber auch gar nicht so düster, wie ich es empfinde. Die Sonne schimmert durch eine Wolkenschicht, hat aber keine Chance sich durchzusetzen. Obschon ich vor allem bergauf genügend innere Wärme produziere, spüre ich kein Bedürfnis die Armlinge wieder runterzustreifen. Der Regen hat den warmen Tag weggespült. Wolken und später Nachmittag verhindern seine Wiederauferstehung.

Rauf und runter, mehrheitlich rauf. Keine Messung oder gesicherte Wahrnehmung. Es fühlt sich einfach so an. Was Erinnerung werden will, muss heftig sein. Oder besonders. Oder gar furchteinflößend … Erinnerungsbeispiele gefällig?

 

Geislingen und kein Ende

Es fällt mir immer schwerer nach Gehschritten in verhaltenen Trab zu fallen. Ich muss mich quasi überreden. Mir bewusst vorsagen „Das ist flach genug, hier kannst du laufen!“ Es fällt mir schwer, aber es geht noch. Mit Energiegel konnte ich den Verfall meiner Kräfte aufhalten. Bis auf weiteres. Die Umgebung interessiert mich nur noch insofern, als sie mich hindert oder dabei unterstützt voranzukommen. Fotos entstehen in einer Art Reflex. Ich nehme einen Eindruck wahr, verarbeite ihn aber gedanklich nur soweit, dass sich mein Arm hebt und der Finger den Auslöser drückt.

Wirklich Leben kommt in den Kerl erst wieder im Wald, am Fuß einer weiteren Kuppe. Dort stoße ich auf zwei handgemalte Schilder: „Km 100“ steht auf dem einen. Nur noch 15 Kilometer denkt „es“ in mir sofort. Bevor ich „es“ unterdrücken kann denkt „es“ unwillkürlich weiter: 15 Kilometer, das sind mindestens noch zweieinhalb Stunden. Dennoch macht mir das Schild Mut: ‚Ich hab 100 geschafft, da werden mich die restlichen 15 Kilometer nicht zur Strecke bringen!’

Die zweite Tafel, ein paar Schritte weiter, will mich loben: „Du hast’s trauf!“ steht da. Der Name des Wanderweges „Der Albtraufgänger“ lädt zu solchen Wortspielen geradezu ein. Allerdings bin ich zu diesem Zeitpunkt bereits abschließend und entschieden der Meinung, dass genau das auf mich nicht zutrifft. Ich hab’s eben nicht „trauf“. Nicht diese endlose Distanz von 115 Kilometern. Nicht 50 Kilometer reine Trails und schon gar nicht 3.500 Höhenmeter. Und weil das so ist, ich überdies eine Veranstaltung dieses Anspruchs nie als Saisonhöhepunkt „gut“ vorbereitet in Angriff nehmen werde, habe ich vorzeiten einen Entschluss gefasst. Nein, eigentlich nicht gefasst. Der Gedanke war als Überzeugung und Notwendigkeit irgendwann da: Nie wieder einen Ultratrail dieser Länge! Nichts mehr, was mir „trailend“ mehr als vielleicht die Hälfte des Alb-Traums abfordert! Seit Stunden schon weiß ich, dass der parallel veranstaltete „Halb-Traum“ meiner Ausdauer und meinem Können angemessen gewesen wäre.

Wieder aufwärts. Ich habe lange gewartet bis ich das Wortspiel aller Wortspiele anbringe. Bis ich den Leser raten lasse, ob es inzwischen wohl so weit ist. So weit, dass mir der Alb-Traum zum Albtraum gerinnt. Natürlich gefällt mir der Kalauer, nur nehme ich ihn nicht für mich in Anspruch. Ich kann noch immer jeden flachen und abschüssigen Meter im Trab überbrücken. Und das Jammern meiner Knochen ist auszuhalten. Da ist kein Quaken, das sich aus dem allgemeinen Sumpf der Schmerzen erheben würde. Es geht. Noch. Und wenn ich es vorhersagen müsste: An dieser Befindlichkeit wird sich bis ins Ziel nichts ändern …

Ich sehe eine Stadt unter mir und auch voraus. Weitere 13 Kilometer fehlen noch, weswegen ich zunächst in Zweifel ziehe, dass es sich um Geislingen handeln könnte. Doch dann identifiziere ich den ausgedehnten Werkskomplex der Firma WMF und auch das große Kreuz am Berg gegenüber. Jene Stelle also, wo wir nach dem ersten Aufstieg heute morgen erstmals Alb-Niveau erreichten. Schon oberhalb von Geislingen und immer noch 12 Kilometer?

Auf halber Hanghöhe etwa trabe ich an Geislingen vorbei. Geislingen in seiner ganzen Ausdehnung. Irgendwann neigt sich der Trail dem Tal zu. Immer tiefer hinab, bis ich in einem Außenbezirk der Stadt den Talboden erreiche. Am Bahndamm entlang geht’s weiter, dann quer über einen Parkplatz. Noch über einen Bach und schlussendlich zur letzten „Traumstation“ vor den Anlagen eines Sportvereins. Ich schaue zur Uhr: 20:31 Uhr und noch neun Kilometer. Mehr als eine Stunde, weil ein letzter Aufstieg noch vor mir liegt. Ich bin gespannt, wie weit ich es ohne Stirnlampe schaffen werde.

Essen, Trinken und ein bisschen den Gesprächen der „Traumhelferinnen“ zuhören. Der Sohn des „OB“ ist gerade aufgebrochen, mit zwei Begleiterinnen. War wohl ziemlich fertig, der Sohn. So wie die drei ausstaffiert waren, wanderten sie maximal die Pfade des „Halb-Traums“ ab. Dass der „OB“ selbst Teilnehmer war oder ist, erfahre ich ebenso, wie die Einschätzung seines enteilten Sohnes, dass der Vater die Strecke nicht packen wird … Kann sein der „OB“ packt den Halb-Traum nicht, dafür packe ich aber den ganzen Alb-Traum! Nach Hinterlassen einer Dankesformel mache ich mich entschlossen und ein letztes Mal auf den Weg.

 

Mysteriös

Stückweit flach am Waldrand entlang und … Ein qualvoller, bislang nie vernommener Ton meiner Suunto durchbricht die abendliche Stille. Der Blick auf das Display zeigt mir, dass die Uhr die Navigation und die Aufzeichnung des Laufes abgebrochen hat. Dann folgen ein paar freche Meldungen: „Laufdaten gespeichert!“ und „Uhr bitte aufladen!“ Gerade mal noch 4 Prozent Ladung meldet die Anzeige. Zu wenig für GPS. Der „Selbsterhaltungstrieb“ hat meine Suunto veranlasst sich abzuschalten. Nach „nur“ 16:38 Stunden. Einen Moment bin ich fassungslos, waren mir doch 20 Stunden Akkukapazität im besten GPS-Modus versprochen. Ein Wert, den die Restprozente nach langen Aufzeichnungen, bisher immer bestätigten. Und nun nicht mehr!? - Offenbar verbraucht die Uhr bei gleichzeitigem Navigieren und Aufzeichnen mehr Energie.

Von jetzt ab bin ich allein auf meine „pfadfinderischen“ Fähigkeiten angewiesen und das bei hereinbrechender Dunkelheit … Die Dämmerung verstärkt sich schlagartig als ich vom Waldrand in ein Seitental abbiege und unter dichten Baumkronen trabe. Nach und nach wird der Weg steiler. Ich gehe. Die Wände der Schlucht rücken näher heran. Der Einschnitt verschmälert sich zur Klamm. Im Beinahedunkel passiere ich geheimnisvolle Felsgebilde. Bemooster Stein, den der Blitz meiner Kamera nur unzulänglich dem Dunkel entreißt. Dieses sogenannte „Felsenmeer“ (dass es so heißt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt nicht) hätte ich gerne bei Tageslicht gesehen. Ebenso die metallene Steiganlage, die das Überwinden einer mehrere Meter hohen Felsbarriere ermöglicht.

Drüber hinweg und weiter hinan, schon mit einer Ahnung des nahen Waldrandes und immer noch ohne Stirnlampe. Ich bin einfach zu faul die Lampe jetzt schon rauszukramen. 21 Uhr. Letzte Lichtquanten reichen, um aufwärts unfallfrei den Wald hinter sich zu lassen. Bevor es so weit ist, erspähe ich über mir zwischen Ästen eines Baumes ein Transparent: „Gratulation - Felsental überlebt … Noch 6 km!“

Die letzten Bäume. Ein Wegweiser des Veranstalters schickt mich nach links und dann sehe ich ihn: „Guter Mond, du gehst so stille!“ - Eine Art Andacht bemächtigt sich meiner. Jede andere Formulierung wäre untertrieben. Zu schön das Bild, der in warmem Farbton leuchtenden, knapp über dem Horizont stehenden Scheibe des Vollmondes. Natürlich versuche ich mich als Fotograf und überfordere damit meine kleine Kamera hoffnungslos. Das beste Resultat mehrerer Aufnahmen vermag den Zauber des Anblicks nicht wirklich wiederzugeben.

Hochplateau. Zwischen Feldern und Wiesen finde ich unschwierig meinen Weg. Unter freiem Himmel brauche ich auch auf diesem Abschnitt noch keine Lampe. Erst etwa zwei Kilometer weiter, gegen 21:30 Uhr krame ich die Lampe hervor und setze sie zumindest schon mal auf. Damit ich sie einschalten kann, wenn ich wieder durch Wald oder abwärts laufe.

Abwärts und durch erste Wohnstraßen. Mutmaßlich ein höher gelegener Stadtteil Geislingens. Zunächst finde ich den Weg unschwierig, richte mich nach den kleinen, gelben Täfelchen des Wanderweges oder roten Pfeilen des Veranstalters. Auf einer Kreuzung verliere ich die Orientierung: Keinerlei Markierung, kein Pfeil, nichts. Ich mache ein paar Schritte in jede mögliche Richtung: Nichts. Bin ich weiter oben falsch abgebogen? Habe im Dunkeln trotz Stirnlampe den Pfad übersehen? Also hundert Meter zurück bis zur letzten Markierung. Dort suche ich in alle Richtungen, sogar entlang eines Zaunes. Nach ein paar Schritten spricht unversehrte Vegetation allerdings eine klare Sprache: Hier geht’s nicht weiter. Es gibt keine Alternative zu der bereits eingeschlagenen Richtung. Also wieder runter zur Kreuzung und dann versuchsweise geradeaus weiter. Einhundert Meter Verunsicherung bis ich endlich ein gelbes Täfelchen sichte. Die Luft entweicht aus dem mit banger Spannung gefüllten Ballon: Pffffffffffffft … Mit Track wäre ich nicht so hilflos gewesen. Einen Hinweis in Richtung Veranstalter kann ich mir dennoch nicht verkneifen: Ein Sprühpfeil an jener Kreuzung hätte mir die Sucherei erspart!

Abwärts auf Licht und Stimmen zu. Erst sehr spät erkenne ich die Burgruine. Offensichtlich erleuchtet in der Nacht, damit man sie vom Tal aus sehen kann. Die starken Scheinwerfer blenden mich. Ich frage zwei Männer, wo es zur Stadt geht und bekomme Auskunft: „Hier entlang, dann rechts die Treppe runter!“ Durch ein Gewölbe über zahlreiche Stufen strebe ich weiter der Stadt zu. Einen letzten Trail - inzwischen ist es stockdunkel - kann ich nur im Licht meiner Lampe überwinden. Wohl dem der heute Morgen Akkuladung übrig behalten oder Ersatzbatterien eingepackt hat … Der Trail spuckt mich auf einen stark abschüssigen Weg, rote Sprühpfeile übernehmen das Regiment. Im Augenwinkel sehe ich eine gelbe Markierung mit Pfeil, der nach links zeigt. Offensichtlich zweigt die Laufstrecke an dieser Stelle vom Wanderweg ab. „Noch 1 km“ steht auf dem großen, roten Wimpel und mein Herz wird um mehrere Kilo leichter. Nun kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

In der Stadt: Auf einer Fußgängerbrücke überquere ich die Gleise am Geislinger Bahnhof, steige weitere Stufen hinab. Suche am Bahnhofsvorplatz nach Markierungen auf dem Asphalt. Werde zuletzt fündig, wäre aber auch von einem auf Kundschaft wartenden Taxifahrer hilfreich bedient worden: „Durch die Unterführung weiter!“ ruft er mir zu. Unterführung und weiter bergab, schließlich in den Geislinger Stadtpark, die letzten hundert Meter. Und auf diesen letzten Metern fällt die ganze Last, alle Schinderei von mir ab. Macht Platz für ein bisschen Zufriedenheit und das kleine Glück. Das Große kommt noch, später … Letzte vom Beifall des Empfangskomitees begleitete Schritte und in Siegerpose ins Ziel.

Den Lauf brachte ich schlussendlich zu einem guten Ende. Ob ich die eingangs als unlösbar eingestufte Aufgabe 115 Kilometer, mehr als 18 Stunden Wegzeit, in einem Laufbericht befriedigend zusammenzufassen, auch zu lösen vermochte, überlasse ich der Einschätzung des Lesers …

Ergebnis: 18:14 Stunden, Platz 40 von 62 Teilnehmern, Platz 1 von 2 in M65 (ältester Teilnehmer an diesem Tag)

 

 

Fazit zur Veranstaltung

Übergeordnetes Ziel der Veranstaltung ist die Unterstützung sozialer Projekte. Die Startgelder fließen in einen Topf, aus dem gemeinützige/karitativ tätige Organisationen bezuschusst werden. Daher wird jedem Teilnehmer eine Spendenbescheinigung in Höhe seines Startgeldes ausgestellt.

Die Strecke macht ihrem Namen Ehre. Der Alb-Traum verwöhnt den Läufer mit unvergleichlich schönen Bildern. 115 Kilometer gesamt, davon 50 Kilometer Trails und 3.500 Höhenmeter machen die Strecke zur ernsten, nicht zu unterschätzenden Unternehmung.

Die Durchführung der Veranstaltung, von der Ausgabe der Startunterlagen, über Briefing, mögliche Übernachtung am Startort in einer Halle, Versorgung untertags und Versorgung nach Zielankunft, lässt keinerlei Wünsche offen. Alles absolut vom Feinsten! Nicht unerwähnt bleiben darf, wie zuvorkommend, freundlich und hilfsbereit alle Offiziellen, vom Leitungsteam bis zur letzten Helferin auf Wünsche und Bedürfnisse der Läufer eingingen!

Aus meiner Sicht einzig verbesserungswürdig: Die Markierung der Strecke. Wobei sich überhaupt nicht zu verlaufen auch mit noch so guter Wegweisung nicht zu garantieren ist. Nicht auf langen 115 Kilometern mit zahllosen Abzweigen.

Fazit: Trailspezialisten werden ihre helle Freude an dieser Aufgabe haben. Sehr empfehlenswert, auch wenn ich selbst mich dieser Aufgabe nicht noch einmal stellen werde. Bei Bedarf gibt es aber den Halb-Traum, den ich mir bis auf weiteres zutraue.

 

Wir über uns Gästebuch Trekkingseiten Ines' Seite Haftung
logo-links logo-rechts

zum Seitenanfang