21.- 24. März 2019

Dieses unbeschreibliche Blau  -  Lake Balaton Supermarathon 2019

So geht es mir oft: Monate zuvor, wenn ich mein Laufjahr plane, funkelt ein anspruchsvolles Projekt im verlockendsten Licht. Und mit völliger Selbstverständlichkeit gehe ich davon aus der Aufgabe gewachsen zu sein. Weil’s immer so war! Also melde ich mich an und trainiere. Die Grundlage legen Einheiten vor der Haustür, den nötigen Schliff hole ich mir in Aufbauwettkämpfen. Meine Ausdauer wächst, doch Rückschläge sind unvermeidlich. Zeiten unerklärlicher Erschöpfungszustände beispielsweise wider jeden gesunden Läuferverstand. Statt „munter wie ein Rehlein“ durch die Auen zu springen, schlurfe ich an solchen Tagen müde und kraftlos durchs Gelände. Noch ärger setzt mir orthopädische Versehrtheit zu. Neue Beschwerden, Zipperlein, die kommen und gehen, alte, die mir widersetzlich und penetrant den Mittelfinger zeigen. Obschon meine Form Woche um Woche reift, fühle ich mich schwach und verletzlich. Umgekehrt verhält es sich mit dem einst so verlockenden Projekt. Mit schwindender zeitlicher Distanz bläht es sich zum furchterregenden Monster auf, zum „Scheinriesen“, wie Herr Tur Tur in der Geschichte von „Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer“.

Vier Tagesetappen zwischen 43,6 und 52,9 Kilometer, überwiegend flach, fast ausschließlich auf Asphalt zu bewältigen, überdies auf attraktiver Route rund um einen der größten europäischen Binnenseen, den Plattensee (Balaton) in Ungarn. Wer Udos läuferische Vita auch nur in Umrissen kennt, wird die Plattensee-Runde keinesfalls unter der Rubrik „gewaltige Herausforderung“ einreihen. So wenig wie er selbst. Anfänglich. Ungewöhnlich weit oder lange lief er mehrfach, in Griechenland oder rund um Berlin. Und Mehrtagesveranstaltungen sind ihm seit den „10 Marathons in 10 Tagen“ (2017) kein Buch mit sieben Siegeln mehr. Geht alles, ist lediglich eine Frage konsequenter, methodisch sinnvoller Vorbereitung. Okay, der Mann ist älter und langsamer geworden. Seine Ausdauer hat vor allem in den Lebensjahren mit der „6“ in der Zehnerstelle spürbar an Trainierbarkeit eingebüßt. Aber vier „kurze“ Ultras in Serie sollten ihn bis auf Weiteres nicht überfordern.

Warum ist mir dann umso mulmiger zumute, je näher das Ungarn-Abenteuer rückt? - Hier die Maus - also ich - dort der Elefant, die ultralange Strecke. Das frisch gegossene Fundament steht unter gewaltiger Spannung. Brüchiger Beton, der unter läuferischen Selbstzweifeln erodiert statt auszuhärten. Was mich am Plattensee objektiv an meine Grenzen bringen wird, ist vor allem ein Umstand: Limitierte Ausdauer. Einerseits begrenzte der harte, schneereiche Winter meinen Trainingseinsatz. Bedeutsamer ist jedoch die halbjährige Abstinenz vom Wettkampfgeschehen zwischen September 18 und Februar 19.

Eine Zeit der Besinnung, die ich mir verordnete, um meinen Körper einer „Überarbeitung“ zu unterziehen. Bis Januar konsequenter Verzicht auf langes Laufen, dafür mehr Tempo und die Schulung lange vernachlässigter Elemente meiner Kondition wie Kraft, Kraftausdauer, Beweglichkeit, Koordination. Ziele: Grundschnelligkeit erhöhen, Laufstil verbessern, orthopädische Beschwerden zurückdrängen. Verblüffung, Erleichterung und Freude hätten größer nicht sein können, als sich anlässlich dreier Marathons und eines Sechs-Stundenlaufes seit Ende Februar herausstellte, dass ich diese Ziele tatsächlich realisieren konnte. Sogar die über lange Zeit quengelnde Achillessehne ließ sich befrieden.

So weit, so schön. Doch Bäume reißt du im Ultrabereich mit 70, 80 Trainingskilometern pro Woche - und die auch nur seit Ende Februar - keine aus. Auf der Fahrt nach Ungarn wächst der Scheinriese weiter. Stets enden meine Überlegungen in der Gewissheit, auf den vier Etappen mit meinen begrenzten Ressourcen sorgsam umgehen zu müssen. Im Grundsatz gilt die Formel: Belastung ist gleich Distanz mal Tempo. Mit anderen Worten: Zu hohes Tempo kürzt die Reichweite. Und deshalb bin ich bis in die allerletzte Körperzelle felsenfest entschlossen mich auf keine Form von Wettbewerb einzulassen. Weder werde ich mit anderen konkurrieren, noch mir selbst ein Zeitziel auferlegen. Nach vier Tagen und 196 Kilometern ohne Beschwerden und mit einem Lächeln ankommen - das ist mein Ziel. Dazu werde ich die „Sache“ in moderatem Tempo angehen. Welches das sein wird? - Meine Beine werden es mir sagen …

 


 

Donnerstag, 21. März 2019

Etappe eins: 48,45 Kilometer, von Síofok nach Fonyód

… listen up, here’s a story about a little guy that lives in a blue world … *

*) Um das Lied zu hören, auf den Text klicken

Adrenalin und Vorfreude stimulieren den Redefluss. Den der Freunde neben mir. Ich dagegen bin sprachlos, von besinnlichem Schweigen erfüllt. Vorübergehende Stimmbandlähmung. Nicht ungewöhnlich für mich, erst recht im Aufbruch zu Ungewissem oder mutmaßlich Hartem. Verstummt auch in Ehrfurcht vor diesem Blau. Pastellfarben blau und doch intensiv leuchtend, auch wenn das nach Widerspruch klingt. Hellblau, von schwacher Brise kaum gekräuselt, der Spiegel des Plattensees … Wäre da nicht der schmale, horizontal verlaufende Schatten des Nordufers, gegenüber, weit entfernt, die Erhabenheit in Blau setzte sich nahtlos als Frühlingshimmel fort. Wahrscheinlich fühle ich, was vorzeiten ein deutscher Romantiker so ausdrückte: Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …

Unfassbares Wetterglück: Ein bis auf unbedeutende Schleier wolkenloser Himmel, gestern schon bei der Anreise, heute und auch für die nächsten Tage vorhergesagt. Unsere Wetter-Apps übertrumpfen sich in der Prognose nachmittäglicher Wärme. Meine belegt den Spitzenplatz, verspricht in der Spitze 16°C. Mehr noch an den Folgetagen, bis 20°C soll das Quecksilber steigen. Ich will dran glauben. Nein, mehr: Ich bin sicher, dass es so kommen wird. Weil wir es uns so sehr wünschen, vor allem Mike und ich. Mehr als andere dürstet es den Freund und mich nach Sonne, Wärme, gerne auch Hitze.

Immer wieder blicke ich hinaus auf den See und in den Himmel, genieße die wärmende Morgensonne im Windschatten des klotzig hinter meinem Rücken aufragenden Hotels. Unser Hotel seit gestern und auch heute Abend wieder. Teil des Rundumsorglospaketes, das wir für erstaunlich wenig Geld beim Veranstalter buchten. Unterbringung, Mahlzeiten, Bustransfers, von und zu den Hotels. Morgen ziehen wir um, mit Sack und Pack - aber das wird morgen sein und morgen interessiert mich heute so wenig wie gestern. Heute scheint die Sonne und alles ist blau …

Fast alles. Da lockt auch erstes Grün, schräg über mir, aus schlanken, hängenden Zweigen einer Weide sprießend. Grün vor blauem Hintergrund, meine Seele weint eine Freudenträne … I’m blue da ba dee, da ba di … Fast könnte ich vergessen, warum ich hier stehe. Der aufgeregt kommentierende Moderator holt mich zurück ins Wettkampfgeschehen. Mit erregter, sich beinahe überschlagender Stimme schleudert er einen Schwall ungarischer Sätze ins durchdringende Blau. Ungarisch, mit viel „Ü“ und „Ö“, nicht zuletzt auch sägendem „Ä“, wie ich noch belustigt zur Kenntnis nehmen werde. Ungarisch und damit ganz und gar unverständlich. Nicht ein Wort erzeugt ein halbwegs sprachverwandtes Echo, alles phonetisch fremdartig, als stammten die Magyaren von einem Lichtjahre entfernten Planeten. Ich muss auch gar nicht wissen, worüber der Mann redet. Zu Hause versteh‘ ich’s und höre dann meist nicht hin … „Two minutes to the start!“ höre ich in Englisch, mehr muss ich nicht wissen. Zeit sich gegenseitig Glück zu wünschen. Ich umarme Heike, dann Mike und schließlich auch Christian, Heikes Lebensgefährten, der zum Ziel vorausfahren und seiner Kämpferin entgegen radeln wird.

10:45 Uhr. Letzte Fotos, dann der Countdown. Was sollte es anderes sein, denn alle fallen in die Silben ein: … 5, 4, 3, 2, 1 … ich hab’s recherchiert: … öt, négy, három, kettö, egy, Startschuss. Jubel brandet auf. Also doch keine Marsianer, alles Läufer, alles wie immer und überall. Gut eine Minute Verzögerung bis wir zur Startlinie vorrücken. Immerhin muss grob geschätzt ein halbes Tausend Beinpaare das schmale, in seiner Breite von der Uferpromenade begrenzte Starttor passieren. Das hat aber auch sein Gutes, weil vom ersten Meter an genügend Platz für selbstbestimmtes Laufen bleibt. Beifall der Zaungäste und (mutmaßlich) gute Wünsche begleiten den Auftakt. Ich höre es kaum, denn meine Sohlen signalisieren Gefahrenstufe „Gelb”. Der mit Platten gepflasterte, stark verwitterte Uferweg stammt noch aus der Zeit, als Ungarn dem so genannten Gulaschkommunismus huldigte. Als sich am Balaton Massen von BRD- und DDR-Deutschen ein Stelldichein gaben.

Stolperrisiko hin oder her - Fotos müssen sein. Worte allein vermögen Glanz und Zauber dieses dem Ultralaufsport geweihten Morgens nicht zu vermitteln … blue are the feelings that live inside me … da ba dee da ba di … So hatte ich es mir erträumt, genau so. Auf Spuckweite entfernt vom Wasser traben, schauen, genießen. Wie in Zeitlupe hält der Zug der Lemminge auf eine mit goldbraunem Schilf bestandene, stückweit in den See vorspringende Landzunge zu. Sie markiert das vorläufige Ende der Uferpromenade. Wir wenden uns vom Wasser ab und erkunden fortan die Straßen von Síofok.

Touristische Infrastruktur wohin das Auge blickt, Kilometer um Kilometer. Und fast alles noch im Winterschlaf. Die meisten Hotels, Pensionen, Restaurants und sonstige, der Kurzweil des Plattensee-Urlaubers dienende Einrichtungen, sind geschlossen. Ein Segen für uns. Den sommers hier grassierenden Trubel mag ich mir gar nicht erst vorstellen. Alsbald passieren wir eine mit „Plázs & Korsò“ bezeichnete Fußgängerzone. Shops, Imbisse, Läden - alles winterfest verammelt. Und alles sauber. Nirgendwo Hinterlassenschaften „ferkeliger“ Mitmenschen, kein Abfall in Ecken, nicht mal ein Bonbonpapier. Sauberkeit und Aufgeräumtheit fielen mir schon gestern auf, als wir die Grenze nach Ungarn passiert hatten. Ich mag mich täuschen, aber „der Ungar an sich“ scheint pfleglich mit seiner Umwelt zu verfahren. Pfleglicher jedenfalls als ich das von vergleichbaren Orten daheim her kenne.

Das verhutzelte Männlein passt in etwa so gut zu diesem Ultralauf wie ein Scheidungsrichter in schwarzer Robe zu einer Hochzeitsfeier. In trist graue, dicke, viel zu weite Plünnen gehüllt, Schiebermütze über ausgemergeltem Gesicht, gestützt auf einen Gehstock, harrt der Alte dem Defilee der Läufer. Sein Blick aus geweiteten, tief in ihren Höhlen liegenden Augen streift vor allem jene, an deren Brust und Hüften sich unübersehbar Rundungen abzeichnen. Ihm scheint zu gefallen, was er sieht, denn plötzlich kommt Bewegung in die dürre Gestalt. Laut johlend mimt Rumpelstilzchen den Läufer, vergisst für Augenblicke seine Gebrechen, wackelt auf unsicheren Beinen in Laufrichtung. Mir vor allem Indiz, wie viel Leben noch in ihm steckt. Bravo, alter Mann!

Blue ist the color of all that I wear … Blaue Laufschuhe, blaues Singlet mit Vereinsaufdruck über kurzem Unterhemd, auf dem Kopf zur Feier des Frühlingstages lediglich ein dünnes, blaues Multifunktionstuch. Der Rest - Armlinge, Kurztight, Kompressionsstulpen - ist zugegebenermaßen schwarz. Aber schwarz bleibt dezent im Hintergrund, fällt nicht auf. Blau dominiert … blue ist he color of all that I wear … Insgesamt eine recht spärliche, zudem dünne Ausstattung. Vielfach überdachte ich mein Laufkostüm vorab, erwog Ergänzungen, dann wieder Textilverzicht, bis schließlich die jetzige Variante feststand. Dünne Handschuhe versagte ich mir sozusagen erst in letzter Minute. Alles richtig gemacht! In der noch immer kühlen Luft würde ich mit nackten Armen und unbedecktem Kopf frieren. Sobald es warm genug ist, werde ich die Armlinge bis zu den Handgelenken runterziehen …

Hotels, neue und alte. Entkernte, offenbar vor dem Abriss stehende, solche, die in frischem Glanz erstrahlen, andere, von denen erst die Außenmauern stehen. Überall wird um-, aus- oder neu gebaut. Ein Land in Aufbruchstimmung. Noch immer? - Erstaunlich eigentlich, liegt doch der Zusammenbruch der Blöcke bald 30 Jahre zurück. Linksschwenk in Richtung Stadtzentrum. Wir erreichen es nicht, biegen rechts ab, traben alsbald über eine Brücke. Ein paar Meter unbedeutenden Anstieges unterbrechen den Fluss der Gedanken, bringen den Kreislauf auf Touren. Tiefere Atemzüge erinnern mich an meine Mission: Laufen!

Laufen, das völlig automatisiert abläuft. Umsetzung der Absicht keine Absicht zu haben. Zwar gab ich mir eine Pace von 6:30 min/km vor. Jedoch als Grenzwert, um die Pflicht zur Tempomäßigung ins ehrgeizige Läuferhirn zu meißeln. Das spielt jetzt keine Rolle mehr. Jetzt laufe ich und praktiziere „intuitive Tempofindung“; überlasse mich völlig dem, was man gemeinhin mit dem Begriff „Laufgefühl“ schwammig beschreibt. Es gilt Reserven für weitere drei Tage vorzuhalten. Und erfahrungsgemäß noch wichtiger für mich: Ich darf mein Fahrwerk nicht verschleißen! „Tempo tötet!“ lautet eine Langstreckler-Weisheit, also halte ich mich zurück. Wobei diese „Zurückhaltung“ nicht bewusstem Handeln entspringt. Im Französischen gibt es einen treffenden Ausdruck für mein Verhalten: „Laissez faire!“ Wörtlich: „Machen lassen!“ im Sinne von „Lass es einfach laufen!“

„Laissez faire“ bedeutet aber nicht Kontrollverzicht. Immerhin will ich eingreifen können, sollte der Tempomat versagen. Was ich an Zwischenzeiten ablese gruppiert sich um den Mittelwert 6:20 min/km. Das ist schon verdammt schnell für meine Verhältnisse, will überdacht und bewertet werden. Nicht alle paar Minuten aber zumindest dann, wenn wieder eine der im 5 km-Abstand aufgestellten Entfernungstafeln ins Blickfeld rückt. Wie drücke ich verständlich aus, was sich da vollzieht? - Vielleicht so: Ich setze meine Füße mit einer fast schon beunruhigenden Leichtigkeit voreinander. Im Grunde sollte ich mich zwingen langsamer zu laufen, spüre jedoch nichts, das einen stichhaltigen Grund dafür lieferte. Nicht nach Kilometer 5, 10, 15 … Also gut, warten wir die Entwicklung ab!

Stückweit voraus eine Verpflegungsstation, beschildert und ausgewiesen als „Frissítö/Refreshment“. Zunächst, am linken Straßenrand, die Tränke für die Staffelläufer, zwanzig Meter später und rechts des Weges, das bedeutend reichhaltigere Büffet für uns „individual runners“. Alles so, wie es im zig Seiten starken Heft zur Veranstaltung auf Ungarisch und Englisch beschrieben stand. Sogar die Reihenfolge der „Drinks“ war angegeben. Einen Sachverhalt zu kennen, heißt allerdings noch nicht sich bei Bedarf daran erinnern zu können. Zumindest nicht für Udo. Deshalb wunderte der sich vorhin am ersten „Frissítö“, dass da wenig mehr als Wasser und überhaupt nichts zum Naschen angeboten wurde. Ja, genau, so war’s: Die Knalltüte blieb am ersten Stand der Staffelläufer kleben. Manche brauchen eben zwei Anläufe, um das ihnen zugedachte „Manna“ zu finden …

Wir arbeiten Wohnstraße um Wohnstraße ab, traben an Myriaden von Einfamilienhäusern vorbei. Alles adrett, alles sauber, vieles renoviert. Aus diesem oder jenem Anwesen dringen Arbeitsgeräusche an mein Ohr. Sägen, Hämmer und wer weiß was sonst noch in Aktion - Gestalten in seiner handwerklichen Form. Da und dort schwarze Kunststoffsäcke vorm Tor, prall gefüllt mit welkem Laub und Gartenabfällen. Während ich studiere, unter welchen Umständen der Ungar lebt, macht sich ein bisschen Enttäuschung breit. Ich will am See laufen! Und dessen blaue Weite vermisse ich nun schon seit bald zehn Kilometern!

Apropos zehn Kilometer: Nur ein paar Schritte vor der gleichlautenden Tafel erscheint in der Anzeige meines GPS die „10“. Dieselbe erfreulich geringe Abweichung wie schon fünf Kilometer zuvor. Und keine Viertelstunde später gibt es Anlass zu noch größerer Freude: Die Route wendet sich von der Straße ab und endlich wieder dem Ufer zu … and everything he sees is just blue … like him inside and outside … Da ist sie wieder, diese wunderbare Aura, die große hellblaue Wanne, darüber der mit zarten Schleiern dekorierte, blaue Baldachin. Ich kann mich nicht sattsehen. Mehrfach bemühe ich meine Kamera, möchte auch zwei Mitläufer möglichst fotogen vor der Kulisse in Szene setzen … blue are the people here that walk around …

Eine vom Gegenufer vorspringende, hügelige Halbinsel schnürt den ansonsten fünf bis zehn Kilometer breiten Plattensee ein. Schwer einzuschätzen wie weit man an der engsten Stelle schwimmen müsste.* Helle Flecken sprenkeln die bewaldeten Flanken dort drüben, markieren Standorte von Häusern. Obenauf eine Kirche mit Doppeltürmen, umgeben von mächtigen Gebäuden. Wahrscheinlich ein Klosterkomplex.** Genug Muße zum Schauen, traben wir doch gerade über eine neu angelegte Uferpromenade. Beigefarbene Platten, akkurat und kantenfrei verlegt. Dicht an dicht lagern Badegäste auf dem breiten Grünstreifen zwischen Weg und Wasserlinie. Kinder quietschen vor Freude, spielen Fußball, plantschen im Wasser … Nicht heute natürlich, doch unter wärmender Sonne fällt es mir nicht schwer die in ein paar Wochen alltägliche Szene vorm geistigen Auge entstehen zu lassen. Heute gehört der Balaton beinahe ausschließlich den Läufern.

*) An der betreffenden Engstelle ist der Plattensee ungefähr 1.200 Meter breit.

**) Es handelt sich um die Abtei Tihany, ein Benediktinerkloster auf der gleichnamigen Halbinsel.

Uneingeschränkt positiv zu denken hieße für die Abwechslung zu danken. Stattdessen sorge ich mich ein wenig. Aber wirklich nur ein wenig. Der zuletzt mit Platten versiegelte Weg geht abrupt in eine mit feinem Kies bestreute Promenade über. Winzige Kieselsteinchen, die es voller Heimtücke darauf anlegen an den Fersen, zwischen Schuhrand und Strumpf, in die Tiefe meiner Laufschlappen abzutauchen. Für derlei Missgeschick reicht erfahrungsgemäß ein von Schlurfen begleiteter, loses Material aufwirbelnder Schritt. Also laufe ich eine Weile formvollendet, wie fürs Lehrbuch, möglichst flüssig, betont fehlerfrei, hebe die Füße minimal höher. Zumindest vermittele ich mir selbst ein paar Sekunden weit diesen Eindruck … um alsbald die millimeterdicke, kieselig kullernde Gefahr wieder zu vergessen. Denn: Blue are the streets … da ba dee da ba di …

Auf den Zentimeter genau in Höhe der 15 km-Tafel stößt mein GPS einen triumphierenden Piepser aus. Spontaner Gedanke: Die haben die Strecke mit demselben Typ Funzel vermessen, die ich am Arm trage … Das Piepsen nehme ich auch als Wecksignal: Die erste Ration Gel muss rein. Ich nestele einen Beutel aus meinem Hüftgürtel, löse den Schraubverschluss, drücke und sauge zugleich - erledigt. Nur Augenblicke später bleibt mein in Laufrichtung spähender Blick an exakt dem haften, was ich jetzt brauche: An einem Abfalleimer! An Uferpromenaden, in der Fußgängerzone, teils auch an anderen Stellen - vielfach ermahnten Abfalleimer keinesfalls die Umwelt zu verschmutzen. Ich bleibe dabei: In Ungarn hält man auf Sauberkeit!

Demnächst 16 km. Ich halte Ausschau nach der ersten Wechselzone für die Staffeln und ermahne mich noch einmal mit Nachdruck die anstehende Registrierung nicht zu versäumen. Das wäre der Ultrahypersuper-GAU, vor dem mir am meisten von allen denkbaren Fehlern und Versäumnissen graut. Keine Zwischenzeit bescheinigt bekommen und aus der Wertung fliegen. An sich eine „Orga“ vom Feinsten, bislang alles ohne Fehl und Tadel. Doch für die verwendete Zeitmessanlage der Firma SportIdent verpasse ich den Ungarn Note 6 mit Sternchen. Schon beim Mauerweglauf in Berlin äußerte ich meinen Unmut über ein ähnliches System von SportIdent. Entscheidender Nachteil der verwendeten Technik: Der Läufer muss aktiv werden, sicherstellen, dass sein Chip ausgelesen wird. In Berlin reichte es immerhin die Messstelle „nahebei“ zu passieren. Bei der hiesigen - pardon - idiotischen Version des Systems muss man die Spitze des Transponders in ein Lesegerät stecken. Und den an einem Gummiband befestigten Transponder - gleichfalls Teil einer höchst dusseligen Lösung - schiebt man sich mit einem Gummiband über Mittel- oder Ringfinger. Und das (bald) 50 Jahre nach der Mondlandung. Vor KI sollten wir uns fürchten, weil MI sie erfindet!

Menschliche Vergesslichkeit scheint den Verantwortlichen immerhin nicht fremd zu sein. In der Gasse für die Einzelläufer stellt sich mir ein Einweiser in den Weg, deutet unmissverständlich auf das unscheinbare, vielleicht 8x10x5 Zentimeter kleine Kästchen. Man solle das Licht- und/oder akustische Signal abwarten, bevor man das „Maskuline“ aus „Femininen“ wieder zurückzieht. So stand es in der „Gebrauchsanleitung“ (mit etwas anderen als meinen Worten natürlich). Wie menschliche Augen das schwache Aufblinken einer LED unter Beschuss mit grellem Sonnenlicht wahrnehmen sollen, stand da nicht. Ebenso wenig, dass das mickrige Piepsen der Apparatur im Getöse des an jeder (!) „Relaisstation“ polternden Sprechers untergehen muss. Also bleibt mir nur der Glaube an die erfolgreiche „Befruchtung“ des Lesegeräts, nach dreimaligem Vollzug des Koitus … Jetzt noch drei Becher Flüssigkeit in Windeseile schlucken und ab …

Kilometer 20, wieder in Sichtweite des Sees und am Beginn der bisher mondänsten Uferpromenade, einer Doppelreihe alter Platanen, sich schnurgeradeaus und scheinbar endlos hinziehend. Von der fleckigen Rinde der Bäume geht etwas Vornehmes, Anmutiges aus und so nimmt mich nicht Wunder in den folgenden Minuten die Parade herrschaftlich anmutender Villen abzunehmen. Selbstverständlich alle bestens in Schuss, gleich, ob Neu- oder ehrwürdiger Altbau. Ungeachtet des neuerlichen Hinterhalts boshafter Steinchen, gebe ich unumwunden zu, dass die feine Kiesauflage besser zum Charakter des Villenviertels passt als ein schnödes Pflaster … Laufen, schauen, staunen, genießen … da ba dee da ba di …

Dreierlei und reichlich vorhandene Markierungen weisen uns den Weg: Orangefarbene, auf den Asphalt gesprühte Pfeile, Hinweistafeln des Veranstalters oder die grünen Schilder des Balaton-Radweges, der den See komplett umschließt. Selbst wenn ich mir die Mitläufer wegdenke: Verlaufen wäre nur mutwillig oder infolge gröbster Unachtsamkeit möglich. Schon vorzeiten schickten mich die Markierungen ins „Hinterland“ auf reizlose Sträßchen. Mittlerweile habe ich meinen Frieden mit dem zeitweiligen Verlust des „blauen Wunders“ gemacht. Auch daheim kenne ich keine vergleichbar große „Pfütze“, deren Ufer rundum per Fuß- oder Fahrweg erschlossen wäre. Schilfgürtel verhindern das und leider allzu oft Privatbesitz. Dem Jogg abseits des Wassers fehlen die berauschenden Ausblicke, vergnüglich bleibt er trotzdem. Unter anderem der Wärme des Nachmittags wegen, die mich unterdessen die Armlinge abstreifen ließ. Nebenbei bemerkt: Seit es wärmer wurde lese ich flottere Zwischenzeiten ab. Im Schnitt etwa 5 Sekunden weniger pro Kilometer und ohne mein (bewusstes) Zutun.

Heute ist so ein Tag, an dem mir laufend alles gelingt, sich alles zum Guten fügt. Ich profitiere von einer stabilen körperlichen Verfassung und dem überirdisch schönen Wetter … I’m blue, da ba dee da ba di … Aber auch die kleinen, weniger bedeutsamen Wünsche werden mir von dienstbaren Geistern prompt erfüllt: Kaum habe ich mir ein Gel einverleibt, taucht auch schon der nächste Abfalleimer am Streckenrand auf. Als legten Heinzelmännchen es darauf an mir diesen Jogg so komfortabel wie möglich zu gestalten. Und um die tatsächlich zurückgelegte Distanz muss ich mich auch nicht sorgen. Bisher stimmte noch jede Entfernungstafel mit meinem GPS überein. Undenkbar, dass mir heute welches Malheur auch immer zustoßen könnte! Absolut ausgeschlossen - die Götter des Laufsports halten ihre schützenden Hände über mich!

Wieder am See: Zehn Meter Anlauf und ich könnte mich per Hechtsprung in die pastellblauen Balaton-Fluten stürzen. Schwere Fahrzeuge haben tiefe Spurrillen im Asphalt hinterlassen. Dann und wann muss ich heimtückischen Löchern und Rissen ausweichen. Vorhin vornehm bis extravagant, nun kleinbürgerlich gemütlich. Hier wohnen und leben weniger betuchte Ungarn und sie genießen eines der bisher bezauberndsten Panoramen vor ihrer Haustür. Ein mit Schilf bewachsener Uferstreifen löst das steinige, naturbelassen wirkende Ufer ab. Nur vereinzelt stehen Bäume am Wasser, was deren malerische Wirkung aber noch unterstreicht. Sogar jetzt, zu Frühlingsanfang, da sie das Auge noch nicht mit frischem Grün verwöhnen können.

Kilometer 32: Zunehmend überhole ich müde Läufer, ohne selbst Abstriche am Tempo vornehmen zu müssen. Wenn trotzdem jemand an mir vorbei hastet, dann trägt er die grüne Startnummer der Staffelläufer. So oder so reichlich „Wild“ im Schussfeld, um belebte Bilder der reizvollen Landschaft einzufangen. Gedämpfte, noch sehr leise Lautsprecherdurchsagen dringen an mein Ohr. Ein paar hundert Meter voraus, am scheinbaren Ende der Uferstraße, erwartet mich die zweite Wechselzone. Beinahe augenblicklich schrillt Alarm: Achtung Udo! Registrierung nicht vergessen! - Eine menschliche Weiche dirigiert mich in die korrekte Einlaufgasse für „Individuals“. Überflüssig. Die Hinweistafel, hinter der sich der Mann aufgebaut hat, ist in großen Lettern unmissverständlich beschriftet. Nützlicher wäre ein Fingerzeig zum Lesegerät, nach dem ich zunächst vergeblich Ausschau halte. Wo steht/liegt/hängt das Ding? - Wahrscheinlich irgendwo hinter der Tränke, weswegen ich erst einmal drei Becher Flüssigkeit - von farblos bis orange - in meinen Magen kippe. Zögerlich weitergehend lasse ich den Blick schweifen werde aber nicht fündig. Wo steckt dieses verdammte Lesegerät? - Eine Läuferin kommt mir entgegen und noch bevor ich fragen kann, bohrt sie ihren Finger entschlossen in besagtes Kästchen. Da muss man erstmal drauf kommen: An jedem Standbein der Partyzeltdächer pappt so ein Ding. Vergleichsweise winzig und unscheinbar, dazu an einem Ort, wo kulinarische Offerten Läufers Blick für sich reklamieren.

Beschreibung meines aktuellen Sichtfeldes, von rechts nach links: Häuser, Grundstückseinfahrten, Straße, Bahnlinie, dahinter eine weitere Straße - arm an Reizen dieser lange Abschnitt. Piepegal. Inzwischen ist mein Kopf mit so viel Seeblick betankt, dass der Treibstoff für die nächsten Tage reichen würde. Ich fühle mich rundum wohl und zufrieden. Immer wieder stelle ich das praktizierte „Laissez faire“ auf den Prüfstand, bereit mein Tempo zu drosseln, wenn es dem Vorhaben insgesamt diente. Ich spüre aber keinen Grund die Schritte zu mäßigen. Wie von selbst entsteht einer aus dem anderen. Anzeichen von Abnutzung bleiben aus. Seltsamerweise kommt es mir sogar vor, als rauschten die Kilometer in immer kürzeren Intervallen vorbei. Trugschluss. In Wahrheit lese ich im Schnitt unveränderte, nur marginal differierende Zwischenzeiten ab … 37, 38, 39, 40 Kilometer.

Längst kreisen meine Gedanken um das Tagesziel, von dem mich wenig mehr als sechs Kilometer trennen. Plötzlich steckt da eine Tafel in der Erde. Ein Zwischenziel, das mir ein zufriedenes Lächeln entlockt: „Balaton Szupermarathon, daily Marathon, 42,195 km“. Nicht mehr als ein Schild, in ein belangloses Stück Rasenfläche gepflanzt. An einem Ort, dessen Koordinaten das Universum für den Rest des Jahres ignoriert. Marathon - in diesem Augenblick überschreite ich diese Distanz zum 244. Mal. Offiziell. Inoffiziell sogar einmal mehr, weil ich vor Jahren vorm Training vergaß die Strecke zu planen, noch kein GPS besaß und selbstvergessen drauflos joggte …

Die letzten Kilometer. Endlich spüre ich den Tag in den Beinen. Leichte, in keiner Weise besorgniserregende Beschwerden. Am ehesten noch im Bereich der Hüft- und Gesäßmuskulatur. Weiter unten gar nichts. Morgen früh werde ich wieder laufen können! - Das Finale der ersten Balaton-Etappe nimmt eine spannungsgeladene Wendung: Gänzlich unerwartet lenkt der Balaton-Chefdramaturg meine Schritte zurück ans Ufer, präsentiert mir den See im schwindenden Licht des Nachmittags. Alles Dreidimensionale wirft inzwischen lange, weiche Schatten. Stille am See. Beinahe geschlossene Wolkenschleier filtern das Licht wie eine Milchglasscheibe, schaffen eine friedvolle, geheimnisumwobene Stimmung. Ein wundervoller Tag, ein herrlicher Lauf, neigt sich seinem Ende zu. Die Luft hat sich bereits wieder merklich abgekühlt. Was aber vermutlich nur einer Frostbeule wie mir auffällt.

Abschied vom Wasser, für heute. Ein letztes Bild: Stille Oberfläche, stählern grau, der See spiegelt im Gegenlicht. Ein Entenpaar dümpelt in der Bucht, gleichfalls bewegungslos, als wartete das Federvieh auf irgendetwas oder irgendwen. Noch zwei Kilometer, auf denen ich mich auch ohne Mitläufer und Markierungen nicht verlaufen könnte. Das Ziel liegt auf dem Bahnhofsvorplatz von Fonyód und neben der Straße verläuft die Bahntrasse. Ein paar Minuten folge ich schnurgeradeaus den Schienen. Dann ein kaum wahrnehmbares Abknicken von Straße und Bahn und neuerlich geradeaus. Der Zieleinlauf. Im Grunde unspektakulär, vom munter plaudernden Moderator aber stimmungsvoll für jeden Finisher in Szene gesetzt. Nicht zum ersten Mal heute höre ich meine Personalien, eingebettet in unverständliche Vokabeln: „Udo Pitschschsch … Wärringgän!“*

*) Das „sch“ in meinem Namen zischte jeweils nach, als hätte eine Klapperschlange kommentiert. Weitere Eigenarten ungarischer Lautmalerei: In meinem Wohnort „Wehringen“ fehlen sowohl sägend gesprochene „Ä“ als auch glucksend intonierte „G“.

Ergebnis für die 48,5 km der Tagesetappe: 5:08:30 Stunden, Tempo: 6:22 min/km

 


 

Freitag, 22. März 2019

Etappe zwei: 52,9 Kilometer, von Fonyód nach Szigliget

Mein Erfahrungsschatz in Sachen „Sorgfalt des Veranstalters“ ist um eine Hotelnacht und zwei lange Bustransfers reicher. Ich bin beeindruckt von der Präzision, mit der die Ungarn dieses nicht gerade einfache Projekt umsetzen. Alles klappt wie am Schnürchen. Um es nestbeschmutzend zu formulieren: Längst starteten hunderte von Flugzeugen täglich vom Flughafen BER, hätte man die Fertigstellung des Airports einem ungarischen Ingenieurbüro übertragen … Allerdings wird meine Begeisterung für die Magyaren als Macher von Helga und Steffen - zwei deutsche Mitstreiter, die ich vorgestern kennen lernte - nicht vorbehaltlos geteilt. Es gilt die Regel: Wer innerhalb der letzten Viertelstunde vor Zielschluss ankommt, darf am nächsten Tag 20 Minuten eher starten. Deshalb fuhren die beiden mit Bus eins eine halbe Stunde früher hierher und frieren seit ihrer Ankunft. Frost und Frust unterscheiden sich oft nur durch einen unbedeutenden Vokal - wer wüsste das besser als ich? Aber wie soll man den früheren Start anders garantieren? - Ein Zeitpuffer muss sein, falls auf immerhin 50 Kilometer Anfahrt etwas schiefgeht. Da selbstverständlich rein gar nichts schieflief und auch wir mit ausreichend Zeitvorlauf anreisen, liegt der Spruch wohlfeil auf der Zunge: „Da hättet ihr auch mit uns mitfahren können!“

Was mich angeht, so lasse ich schon jetzt nichts mehr auf den Veranstalter kommen. Sogar der einfältigen „Penetrierungszeitmaschine“ erteile ich mit einem wohlwollenden „Sch… drauf“ abschließend Absolution. Nicht unterschlagen sei jedoch, dass solche Milde nicht zuletzt dem geliebten, neuerlich verheißungsvoll vom Himmel strahlenden Stern geschuldet ist. Vor einem Jahr - erzählte uns Helga - hingen tristgraue Wolken am Himmel und die Temperaturen im eisigen Keller. Unter solchen Umständen stünde ich nun bibbernd in der Warteschlange und schimpfte wie ein Rohrspatz. Mit dem Tempo einer Schnecke rücken wir gen Startlinie vor. Ach was rede ich: Das Weichtier wäre längst außer Sichtweite und seine Schleimspur getrocknet … Der Startschuss erfolgte pünktlich um 10:30 Uhr und erst jetzt, 12 Minuten später, ist die Reihe an uns. Vor mir gehen Heike und Mike ins Rennen, danach greift sich der Mann mit dem Lesegerät mein Handgelenk, führt das Konvexe ins Konkave ein, und endlich bin ich frei …

Von wegen „frei“ … die ersten Schritte fühlen sich wie behindert an, als hätte man am Tor der Haftanstalt vergessen meine Fußfesseln zu lösen. Ziemlich eigenartige Fesseln übrigens, wie Gummibänder, mit denen die Beine bis hoch zu den Hüften umwickelt wurden. Der Schock - es ist wirklich ein kleiner Schock - währt jedoch nur kurz, 50, höchstens 100 Meter weit, auf denen die Starre meiner Gliedmaßen Schritt um Schritt zurückweicht. Ich hatte den zigfach erlebten, (zumindest für mich) „normalen“, furchtbar zähen Neustart schlichtweg vergessen. Wie es sich anspürt, wenn man tags zuvor schon marathonweit oder länger unterwegs war.

Noch mehr unfrohe Empfindungen und Eindrücke begleiten den Auftakt: Vom Warten ausgekühlt friere ich in kalter Luft, die nun mit beinahe 10 km/h vorbeistreicht. Armlinge und Multifunktionstuch auf der Birne helfen da nur bedingt und auf Handschuhe meinte ich wieder verzichten zu können. Eine Leitplanke zur Linken und ein Geländer zu meiner Rechten rahmen den schmalen Radweg ein. Keine Chance Krach und Abgasen unablässig vorbei rollender Fahrzeuge zu entkommen. In der Masse vermutlich Betreuer der Läufer und keine Arbeitspendler. Ein Zug rauscht uns bremsend entgegen, der Bahnhof Fonyód ist nah … Ich blicke über Geländer und Schienenstrang hinaus auf den See: Intensiv blaues, von leichtem Wellengang bewegtes Wasser. Weit jenseits der Fluten, hinter morgendlichem Dunst und wie auf der anderen Seite eines Ozeans, wartet ein Streifen geheimnisvoller Erde auf seine Entdecker. Nicht Marco Polo noch Kolumbus, die bunte Kette vorwärts drängender Läufer wird den neuen Kontinent erobern. In den nächsten Stunden schon, spätestens morgen …

Zufrieden registriere ich wie rasch mein Körper Reste von Verspannungen abbaut und sein Versprechen einlöst: „Morgen trage ich dich ohne Probleme über die nächste Etappe!“ - Eine Massage (gehört zum Leistungsumfang) und zwei Saunagänge (selbstverständlich verfügen unsere Hotels über einen Wellness-Bereich) bekämpften gestern Abend Nachwehen, ungeschehen machen können sie ultralange Belastung nicht. Sollen sie auch nicht. Was bliebe ansonsten von der Herausforderung eines Ultra-Etappenlaufes? - Dann wäre jeder dazu fähig und ein bedeutender Teil meiner Selbstachtung (nicht Selbstüberhebung!) ginge da draußen in blauen Fluten unter. Warum die anderen laufen - so weit laufen -, kann ich nur unterstellen. Eins meiner Motive besteht jedoch darin, mich von Mal zu Mal selbst zu überwinden. Wieder und wieder die eigene Stärke zu erfahren. Zu spüren, dass Ausdauer und mentale Kraft reichen, um jenseits der Wohlfühldistanz weiterzulaufen, wenn es richtig hart wird, unangenehm ist oder scheußlich, wehtut. Am Limit zu laufen, wo ich noch viel intensiver als ohnehin schon spüre, dass ich lebe …

Apropos Leben: Meins gestaltet sich im Minutentakt angenehmer. Muskelarbeit erzeugt Wärme und die strömt nun in jede Körperfaser. Den Rest besorgt die Märzsonne. Eine Fortsetzung des Frühlings, die mich lauthals jubilieren ließe, widerspräche das nicht meinem eher zurückhaltenden Naturell. Auch einen Rückfall in die gestrige, närrische Blau-Ekstase wird es nicht geben. Heute, gerade jetzt und zunehmend, macht sich stille Freude breit: Ein herrlicher Tag wurde mir versprochen und ich werde knapp sechs Stunden davon laufend verbringen!

Knapp sechs Stunden!? Wie viel Zeit tatsächlich bis ins Ziel vergehen wird, ist natürlich offen. Fast 53 Kilometer heute, die längste der vier Etappen. Lauffreude kontra Vorsicht: Ich werde dem sonnenseligen Luftikus nicht erlauben den finalen Erfolg aufs Spiel zu setzen. „Reinrollen“ und dem Laufgefühl, dem „Tempomaten“, alles weitere überlassen. Dabei bin ich nicht so naiv zu glauben, dass in klare Gedanken gegossene, sinnvoll begründete Absichten ohne Nachhall blieben. „Ein bisschen langsamer als gestern, weil’s weiter ist, und um mich nicht vorzeitig aufzureiben!“ - Die Idee kreist seit gestern im Oberstübchen und entfaltet nun ihre Wirkung. Kein Wunder also, dass die ersten Zwischenzeiten zwischen 6:20 und 6:30 Minuten pro Kilometer liegen.

Am Anfang war Seeblick, zwei, höchstens drei Kilometer weit, als ich noch fror und die Ansicht zu genießen außerstande war. Seither Straße, Radweg, Wohngebiete, Diverses. Wasser selten und nur noch beim Überqueren von Balaton-Zuflüssen und in den Trinkbechern an Verpflegungsstationen. Letztere reihen sich heute in kürzeren Abständen aneinander als gestern. Nach jeweils etwa fünf Kilometern gibt’s wieder Labsal. Eine nüchterne Bestandsaufnahme des Reizarmen, in der keine Enttäuschung mitschwingen soll, weil ich keine empfinde. Kein bisschen. Alles ist gut!

So verdammt gut, dass mich immer wieder einmal ungläubiges Staunen überwältigt, gefolgt von einem Schub Dankbarkeit. Mit der Balatonrunde hat das nur indirekt zu tun. Insofern als sie mir Strecken liefert. Lange Strecken. Und auf denen bin ich - juchu! - schmerzfrei unterwegs. Ein kleines Wunder, auch wenn ich für dieses Wunder ein halbes Jahr hart an mir arbeiten musste. Hart arbeiten und verzichten. Verzichten auf meine Leidenschaft „Marathon und weiter“. Ein halbes Jahr auf Finish-Entzug, als Ersatzdroge kleine Wochenumfänge vor der Haustür. Dazu Tempoarbeit, Koordinationsschulung, konsequentes Krafttraining, Dehnübungen. Das Meiste davon hasse ich mit Inbrunst. Doch heiligte der Erfolg mir die Mittel. Jetzt laufe ich beschwerdefrei. Kein Vergleich zum orthopädischen Kleinkrieg des Laufjahres 2018. Nicht einmal mehr meine „kaputte“ Achillessehne nörgelt. Sonne nicht nur auf der Haut, Sonne auch im Läuferherzen, das bisweilen vor lauter Freude quietscht - lautlos versteht sich, weil das besser zu mir passt.

Freude, die mich nicht daran hindert mit wachem Interesse meine Umgebung wahrzunehmen. Fremdes zu registrieren, zu enträtseln, Reime darauf zu schmieden. Kurios vorhin: Auf einer Art Ortschild mit kleinem Wappen stand „Leipheim tér“. Wer sie nicht kennt: Leipheim ist eine bayerische Kleinstadt an der Donau, unweit von Ulm. Und „tér“ bedeutet gemäß Internet-Übersetzer so viel wie „Gebiet, Bereich, Raum“. „Raum Leipheim“ also. Leipheim flutscht absolut geschmeidig über die deutsche Zunge. Gerade deshalb eine im ungarischen Apostrophen- und üöä-Kauderwelsch ziemlich fremdartig anmutende Bezeichnung.

Auch heute fällt mir wieder auf, wie viel Wert die Ungarn auf ein sauberes, gepflegtes Umfeld legen. In öffentlichen wie privaten Refugien. Nirgendwo Unrat, alle Abfälle akkurat in Säcken deponiert, die vorm Grundstück auf baldige Abholung warten. Undenkbar leere Gelbeutelchen einfach fallen zu lassen, auch wenn der gestern hilfreiche „Geist vom heiligen Mülleimer“ heute nicht zum Dienst erschienen ist. Fummele ich leere Hüllen eben zurück in den Gürtel und entsorge sie an der nächsten Tränke … Viele Anwesen sind unübersehbar in die Jahre gekommen, werden von ihren Besitzern aber mit Liebe gepflegt und instand gehalten. Zumindest in dieser Hinsicht scheinen sich Magyaren von Eingeborenen nördlich der Alpen nicht zu unterscheiden.

Da isser wieder, der Mann mit dem Etappen-T-Shirt. Bereits gestern hielt ich seine Rückenansicht im Bild fest. Heute steht da „FONYÓD - SZIGLIGET 52,9 KM“. Spätestens jetzt eröffne ich die Jagd, nehme mir vor das Wild auch an den Folgetagen hinterrücks zu „erlegen“. Mit welchem Hintergedanken fiel dir sicher schon ins Auge. Falls nicht, schau nach, jeweils am Beginn eines Etappenberichts …

Gut 16 Kilometer liegen hinter mir. Ich stehe in der ersten Wechselzone vorm Büffet und schütte wahllos ein paar Becher Trinkbares in mich rein. Die gelbe Brühe schmeckt nach Iso, Becher zwei enthielt mit Kalzium versetztes Wasser - wenn man der Beschriftung am Tresen glauben darf -, und der dritte soll mit Magnesium angereichert sein. Egal, Hauptsache trinkbar. Als ich meine Nase aus dem letzten Becher ziehe schaue ich in ein bekanntes, über und über mit Sonnenmilch verkleistertes und trotzdem hochrotes Gesicht. Sandra steht vor mir, die ich gleichfalls erst am Tag vor Etappe eins kennen lernen durfte. Aber Bekanntschaften unter Ultraläufern festigen sich rasch und mit völliger Selbstverständlichkeit. Wie sollte das auch anders sein zwischen Menschen, die derselben Leidenschaft verfallen sind?

„Heike und Mike sind gerade erst weg!“ teilt mir Sandra mit. Als ich in Laufrichtung blicke sehe ich, wie die beiden gerade wieder Fahrt aufnehmen. Ein bisschen irritiert, weil ich Heike und Mike längst enteilt wähnte, breche ich auf. Vier, fünf Schritte, dann lähmt jäher Schrecken meine Beine. Gerade noch rechtzeitig entsinne ich mich der ausstehenden Registrierung. Zurück, Pin ins Loch, LED blinkt (wahrscheinlich) und nun los. Nur knapp und mit Glück einen fatalen Fehler vermieden. Grund genug mir auf den nächsten Metern eine Standpauke zu halten. Nicht druckreife Sätze, alles lautlos versteht sich.

Sandra läuft neben mir. Zu ernsthafter Konversation bin ich allerdings nicht fähig. Im Grundsatz nicht - man kennt mich ja - und unter Blasenhochdruck stehend schon gar nicht. Bisher fand ich nicht ausreichend Deckung am Wegesrand, wollte mein, mehr noch das Schamgefühl der Ungarn nicht verletzen. Und Wartezeit vorm (unter Garantie) besetzten Toi-Toi-Häuschen wollte ich auch nicht vertrödeln. Deshalb wird’s nun mit jeder Minute dringlicher. Offensichtlich bin ich nicht alleine mit diesem Problem. Kurz vor mir schert Mike wieder auf den Weg ein. Vom Freund erfahre ich, dass Heike das anfängliche Tempo drosseln musste und er sie nicht zurücklassen wollte. „Du wirst uns aber bald einholen und kannst Heike dann begleiten!“ Spricht’s und zieht von hinnen, verfolgt von meiner Ablehnung. Ich werde Heike nicht begleiten. Zunächst nicht, weil ich alsbald bekomme, was ich mir ersehne und damit immerhin eine halbe Minute zubringe. Und ich will das auch nicht. Will mich nicht anpassen und den eingespielten Laufrhythmus mutwillig durchbrechen. „Ich muss mein Ding durchziehen!“, drücke ich mich Sandra gegenüber aus. Außerdem käme ich mir als Geleitschutz einer international erfahrenen Läuferin wie Heike ein wenig albern vor.

Ernst und Spaß halten sich in meinem Kopf die Waage. Zunächst beobachte ich den Zitronenfalter nur, fasziniert und alles um mich her vergessend. Studiere wie er in den Luftverwirbelungen hinter der Läuferin taumelt, sich von ihr mitziehen lässt. Schwerelos flatternd hält er dauerhaft hinter ihren Fersen Position, … schon zehn, zwanzig, vierzig Meter weit. Bis bei mir endlich der Groschen fällt und ich die Szene im Bild festhalte. In vielen Bildern, von denen hoffentlich eines die nötige Tiefenschärfe aufweist.

Am nächsten Verpflegungspunkt versammeln wir uns zu viert: Heike, Sandra, Mike und ich. Mike verabschiedet sich von Heike, um nun endlich Tempo zu machen. Ich will mich nicht wortlos davonstehlen und frage Heike der Form halber, ob sie Begleitung braucht. Etwas anderes als ein entschiedenes „Nein, natürlich nicht!“ hätte mich überrascht. Und, um das klarzustellen, hätte mich auch veranlasst ihr nicht von der Seite zu weichen.

Binnen weniger Minuten wandelt die Strecke vollständig ihren Charakter. Nirgendwo mehr Häuser und zeitweilig verliert der Radweg sogar den Kontakt zur Straße. Beidseits des schmalen Asphaltbandes erstrecken sich jetzt Dickicht, zuweilen auch Sümpfe und Auwald. Übermannshohes, verdorrtes Schilf verwehrt den Blick auf den vermutlich nur wenige Meter entfernten See. Die Zivilisation fehlt mir nicht, es darf gerne so naturnah weitergehen … … Ein Wunsch, der sich nur teilweise erfüllt, seeseitig, nachdem sich der Radweg alsbald wieder einer verkehrsreichen Straße anschließt. Verkehr, der nun nicht mehr überwiegend aus Begleitfahrzeugen der Läufer besteht. Baufahrzeuge und schwere Lkw mischen sich röhrend darunter. Eigenartigerweise stört mich der Verkehrslärm nicht. Kein bisschen. Rein gar nichts kann meine blendende Laune heute trüben. Susi Sorglos umrundet den Balaton …

Brücke über die/den „Zala“, so steht’s auf der Tafel. Ob Zu- oder Abfluss, kann ich nicht sagen, das scheinbar stehende Wasser liefert keinen Anhaltspunkt. Wir passieren einen Bahnübergang. Erfreulicherweise verschmäht der Radweg ab hier die laute Straße, schließt ersatzweise dem Bahndamm an. Sofort höre ich wieder Vogelgezwitscher, wie schon vorhin im Auwald. Jenseits der Schienen bewundere ich kunstvoll, in Form flacher Kegel aufgeschichtetes Schilf. Wozu brauchen Menschen Schilf? - Zum stilgerechten Eindecken von Häusern, andere Verwendungen kommen mir nicht in den Sinn.

Radwegen abseits von Straßen haftet etwas Frivoles an. Sie rücken die Lust am Unterwegssein in den Vordergrund, den zweckfreien Aufenthalt in der Natur. Rasches, sicheres Pedalieren von A nach B, die bloße Distanzüberwindung, wird zur Nebensache. Zutiefst anstößig im Empfinden nüchterner Verkehrsplaner - oder nicht? Der hier verantwortliche Ungar mag sich drauf rausreden er habe nur abkürzen wollen. Denn leider lässt unser Radweg den Schienenstrang nun schmählich im Stich, um sich ein paar Laufminuten später reumütig der Straße - irgendeiner Straße - anzudienen. Und wenn schon. Mich stört es nicht (mehr) und die automobile Läufer-Entourage hat wieder Gelegenheit ihre Schützlinge zu unterstützen.

Rätselhaft bleibt bis auf Weiteres der Schlachtruf, mit dem die Ungarn wahllos jeden Läufer anfeuern. Schon gestern hörte ich das Wort vielfach, das wie „Heurä“ oder „Moira“, manchmal aber auch nur entfernt so klingt. Dem Mund des schlaksigen, im Takt müder Läuferbeine Beifall klatschenden Mannes entsteigen gar Laute, die große Ähnlichkeit mit dem Blöken von Schafen haben: „Määähh!“ Kein Witz. Ohne der Landessprache auch nur rudimentär mächtig zu sein, bin ich nun sicher einen Dialekt sprechenden Ungarn vor mir zu haben.

Zu meiner Freude währt die Verbrüderung „Radweg-Straße“ nur zwei Kilometer, dann lassen wir den Fahrweg erneut hinter uns. Für sehr, sehr lange Zeit übrigens, was ich zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht weiß. - Kilometer 29: Hinter dem Bahnübergang erwartet uns weitere Labsal. „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Es war einmal, Aschenputtel 2.0 geht anders: Becherweise Trinkbares rinnt durch meine Kehle, als Dank hinterlasse ich schrumplig leere Gelbeutel in schlaff hängenden Müllsäcken. Mit vollem Magen parallel zum Bahndamm joggend komme ich wieder auf Touren. Ein gelb-roter Triebwagen dieselt und rumpelt vorbei. Dann wird es doch noch ein bisschen märchenhaft. Udo im Feenwald - der Radweg hat die Nase voll von Gleisen und Straßen, erschließt von nun an seine eigene, schmale Schneise im Wald. Ein herrliches Geschenk, wobei ich nicht „vollumfänglich“ zu sagen wüsste, wieso mir dieser Abschnitt so ausnehmend gut gefällt. Zweifellos trabe ich durch ein Wohnzimmer der Natur. Darin Stille, die Bühne zahlreicher gefiederter Sänger. Im Chor auch solche Stimmen, deren Lied mir fremdartig im Ohr klingt. Windgeschützt im Dickicht hat Frühlingsgrün ein paar Wachstumstage Vorsprung. Natur rückt nahe heran, berührt mich, beinahe auch im wörtlichen Sinne. Wohltuend und … wunderschön.

Ich hatte diesen Etappenlauf nicht auf dem Schirm, weder in diesem, noch in einem anderen meiner Ultralaufjahre. Mein Freund Mike stiftete mich dazu an. Seit der ersten Laufminute keimte der Verdacht Zeit, Ort und Typ der Veranstaltung richtig gewählt zu haben. Ungefähr hier und jetzt steht es fest. Hier im Märchenwald, da hinter jeder Wegbiegung die Dornenhecke um Dornröschens Schloss auftauchen könnte. Die Lauferei ist fraglos anstrengend, aber sie erfüllt mich mit Zufriedenheit. Gestern 48 Kilometer, jetzt schon wieder 30 und alle Anzeigen so satt im grünen Bereich, dass zu scheitern ausgeschlossen scheint.

Kilometer 31,7, zweite Wechselzone. Routiniert erledige ich das fällige „Quickie“ … und dann trinke ich. Drei Becher mit und ohne Farbe. Auch wenn ich es nicht erwähnte: Es ist wärmer geworden und längst rinnt der Schweiß. Nach und nach verschaffte ich mir Marscherleichterung, streifte die Armlinge runter, schlang das Kopftuch um den Hüftgurt. Hab ich mich bei den Helfern am Stand bedankt? - Wenn, dann mit der einzigen, mir inzwischen geläufigen ungarischen Vokabel: „Köszennöm!* - Dankeschön!“ Auch den opulenten Ungarischwortschatz verdanke ich dem Freund. Mike ließ sich von einem ungarischstämmigen Arbeitskollegen die wichtigsten Wörter übersetzen. Natürlich enthält die so entstandene Lektüre weit mehr an essentiellem Läufervokabular, wie etwa „Wasser - Víz“, „Rizs - Reis“, „Kartoffeln - Krumpli“, „Nudeln - Tészta“ und nicht zuletzt den im abendlichen Regenerationsprozess unverzichtbaren Satz „Egy sört kérnék! - Ich hätte gern ein Bier!“ Vor der „ö-Orgie“ und Unmengen von Apostrophen, die auf fast allen Buchstaben hocken wie Vogelschwärme auf Freileitungen, hisste ich dann recht schnell die weiße Fahne. Aber meinen Dank möchte ich bei Bedarf dann doch in Landessprache ausdrücken können.

*) Köszenöm: Das ungarische Wort für Dankeschön, wird „Kössenöm“ ausgesprochen.

Der Überholvorgang ist noch nicht abgeschlossen, als mich hinterrücks deutsche Sätze erreichen. Wie es mir gehe, will der Ungar wissen, auch meinen bisherigen Eindruck von der Veranstaltung erfahren. Kurzform: Alles prima, alles wunderbar! Natürlich drücke ich das differenzierter aus und halte abschließend nicht mit meiner Begeisterung für das Wetter hinterm Berg. Sein Aufstöhnen verfolgt mich, dem Ungarn ist es viel zu warm. Dass das mein Wetter ist, lasse ich ihn wissen, verschweige aber wohlweislich, dass es nach meinem Geschmack gerne noch ein paar Grad wärmer sein dürfte. Warum ich damit hinter dem Berg halte? - Weil ich fürchte, der freundliche Mann käme sich veralbert vor, oder - noch schlimmer - erklärte Germanen zur entarteten Spezies … Urbi et orbi: Ich hebe die Hand zum Gruß, wünsche dem sympathischen Kerl noch einen guten Lauf und ziehe meiner Wege … Die Episode mag nach unverfänglichem Läufer-Smalltalk klingen, was sie letztlich wohl auch ist. Mir liefert sie den ultimativen Beweis, wie aufgekratzt ich durch den Tag laufe. Ein redseliger Udo im Land der Magyaren, offenherzig, kommunikativ, wo der Kerl doch sonst eher in sich gekehrt und duckmäuserisch über die Laufwege dieser Welt schleicht …

Für eine Weile nutzen wir nun schon wieder infrastrukturell besser ausgestattete Pfade. Vor allem Infrastruktur, die Freizeit und Tourismus bedient. Badestrand mit Liegewiese, Yachthafen, überdachter Brotzeitplatz und anderes mehr. Angenehm jedoch: Kaum bis kein motorisierter Verkehr auf diesen Nebenwegen. Ein paar hundert Meter wird’s dann sogar beschwerlich für die Füße, wo der Radweg eine Baustelle auf grob geschottertem Behelfsweg quert. Einer von zwei Wohnkomplexen ist schon fertig und bezogen. Könnte ich es mir leisten hier zu wohnen? - Immobile Merkmale: Unverbaubarer Seeblick, eigener Stichkanal zum Wasser, schwarzer, gigantischer, mit Namenszug der Wohnanlage beschrifteter Marmorblock vor der Einfahrt, verschwenderisch designte, an den Ecken großzügig abgerundete Fassaden, Luxus in allen Details. Fraglos Architektur fürs genießerische, in Ästhetik schwelgende Auge, auch für meins. Trotzdem gerinnt mir das „Wow!“ zum kritischen Hinterfragen: Wie viel Hektar Seeufer haben die für den protzigen Bau unwiederbringlich zerstört? Wer genehmigt so etwas? Und: Gibt es in Ungarn keine aus Gesetzen und Verordnungen errichteten Palisaden, die eine ökologische Todsünde dieser Größenordnung abwehren?

Neuauflage: Ein Radweg der vor Straßen flieht, Natur erschließt, dann und wann mit der Bahnlinie eine flüchtige Liaison eingeht. Ein Radweg, der an diesem Werktag fast ausnahmslos den Läufern des „Szupermarathons“ gehört. Höchst selten verirren sich andere Nutzer, etwa radelnde Touristen oder Muttis mit Kinderwagen, auf die Strecke. Seeblicke sind die Ausnahme und irgendwie auch entbehrlich. Das Wasser gibt es ganzjährig, dieses atemberaubend schöne Exemplar eines blühenden Baumes nur für kurze Zeit - jetzt! Zu meiner Erbauung. Frühling. Laue Luft. Wahnsinn, wie schön das ist. Schwitzen unter wärmender Sonne und nicht in mehrlagig textiler Vermummung. Ich möchte ewig so weiter laufen, am liebsten die beiden ausstehenden Etappen gleich anhängen … Na ja, die Kraft würde nicht reichen. Erstens. Zweitens fiele die Pracht in ein paar Stunden der Dunkelheit anheim und die Temperatur in den Keller. Dunkelheit und Kälte? - Pfui Teufel!

Kilometer um Kilometer Genuss. Augen, die sich zu blinzeln weigern, um nur ja kein Detail im grandiosen Gemälde von Mutter Natur zu verpassen. Schilf, Sumpf, Buschwerk und Wald, dazwischen sprossendes und sprießendes Grün. Als Blickfang blühende Hecken und Bäume, weiß bis rosa Flecken, vom Pinsel verschwenderisch hingekleckst. Und über allem leuchtet dieses himmlische Blau. Fifty shades of blue, von durchscheinend milchig bis intensiv Azur. Je nach Laufrichtung, Sonnenstand oder Blickrichtung. Eine Allee aus hohen, noch winterkahlen Pappeln eskortiert mich zum Marathon-Moment des Tages. Freude an belanglosem Ort: „Balaton Szupermarathon, daily Marathon, 42,195 km“. Zu meiner und der Gaudi zufälliger Augenzeugen will ich niederknien, um mich in Selfie-Manier neben der Tafel abzulichten. Allerdings unterschätze ich Wellen von Schmerz, die meine beanspruchten Gliedmaßen dem Versuch sie zu beugen, zu falten oder zu knicken entgegensetzen. Niederknien entfällt! Ich komme dem Schild nicht nahe genug, vermag folglich nur mittels aufliegender Hand und vorgerecktem Knie den Nachweis meiner Gegenwart zu führen …

Apropos niederknien: Lange hielt er sich vor mir verborgen, der Plattensee. Nun zeigt er Ufer wie eine bezaubernde Frau die Schulter: Zum Niederknien schön. Baumgruppe rechts, Schilfkolonie links, Sumpf im Vordergrund, im stahlblauen, stillen Wasser schwimmend ein weißes Boot und über all dem Liebreiz - na, was wohl? - fifty shades of blue.

Lasst diesen Run irgendwann enden ihr Götter, sonst schnappe ich noch über. Beim Laufen, erst recht beim glorreichen Erinnern und Schreiben. Verblöden soll er nicht, entscheiden die Götter und senden eine kleine Schikane. Kilometer 45: Abrupt, im 90°-Winkel, biegt der Weg ab, strebt einem am Hang gelegenen Dorf zu und gewinnt an Höhe. Kurze Trinkpause an einer Verpflegungsstelle, dann weiter hinan. Vorbei an jungen, üppig blühenden, anscheinend nur der Zierde wegen gepflanzten Obst(?)bäumchen. Kein Berg, nicht mal ein steiler Hang, vielleicht 20 Meter Höhenunterschied auf großzügigen drei- bis vierhundert Streckenmetern. Eine moderat ansteigende Rampe, kaum der Rede wert. Nach 45 flachen Kilometern bringt sie Herz und Lunge dennoch in Wallung. Viele gehen. Habe ich zum Glück nicht nötig, sonst wäre mir der Tag gehörig „versaut“. Gehen geht gar nicht! Stattdessen tippeln, gemächlich, bis der Weg schlussendlich in die vor Stunden verlassene Straße mündet. Ab hier und für den Rest der Distanz: Radweg parallel zur Straße.

20 Höhenmeter reichen, um den See wieder überblicken zu können, auch wenn mich nun eine ausgedehnte Wiese vom Ufer trennt. Wiese? - Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich das Grasland als Golfplatz mit bereits sattgrünen Grüns. Jenseits der Straße wächst Wein an sanft geneigten Hängen, stehen blattlose Reben in Reih und Glied wie Zinnsoldaten. Wo sich das Gelände jäh zum steilen Hügel auftürmt, vielleicht einen halben Kilometer hangaufwärts, duckt sich ein Dorf Schutz suchend vor bewaldeten Flanken. Plötzlich wieder Blöken und Applaus! Das Schaf steht am Wegrand, nun schon zum vierten oder fünften Mal. Ob „Moira“, „Heurä“ oder gar „määhh“ - was es ausdrückt reime ich mir zusammen. Wüsste aber zu gerne, wie man es buchstabiert, und was genau es heißt.

Mich umwendend habe ich die einem Wappen nicht unähnliche, auf den Boden gesprühte Markierung schon mehrfach fotografiert. Entfernungsangaben, die in 5 km-Schritten schrumpfen. „UB 115 km“ steht da blau auf weiß. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Überbleibsel des „Ultrabalaton 2018“, der in umgekehrter Laufrichtung ausgetragen wurde. „Ultrabalaton“ - den superlangen Kanten hatte ich schon zweimal auf dem Schirm, wurde 2017 gar Opfer des Teilnehmerlimits. Wer weiß wozu’s gut war? Dachte ich damals und denke ich nun wieder. „Ultrabalaton“: Mehr als 200 Kilometer rund um den Plattensee, non-stop zu laufen! Jeweils im Mai und genau da liegt der Hund begraben. Seit dem „Olympian Race“* im Vorjahr weiß ich, wie übel mir der Winter mitspielt, wenn ich versuche mit frühen Aufbauwettkämpfen und gewaltigen Trainingsumfängen genug Reichweite für Megadistanzen aufzubauen. Mai ist zu früh für eine 200 Kilometer-Runde. Andererseits …, wenn ich hier so langjogge und mir ausmale, wie es im Mai sein könnte … noch wärmer … kurze, laue Nacht … kaum Höhenmeter …

*) Olympian Race: 180 km, mehr als 4.000 Höhenmeter, auf dem Peloponnes in Griechenland, von Archea Nemea nach Olympia.

Lauflust versus Zielsehnsucht. Wenn überhaupt, dann war die Waage in der Vergangenheit nur auf wenigen kurzen Abschnitten meiner Läufe im Gleichgewicht. Dann und wann hätte ich mich am liebsten auch schon kurz hinter der Startlinie ins erlösende Ziel beamen lassen. Es gibt diese Tage, an denen Sandkörner die Dimension von Felsbrocken annehmen, an denen mir alles und jedes im Weg steht - nicht zuletzt ich selbst. Heute vergnüge ich mich Stunde um Stunde mit vielfältigen Entdeckungen am Wegesrand. Noch jetzt, kurz vorm Finale, wiegt die Lauflust schwer, baumelt die Waagschale mit dem Wunsch anzukommen hoch in der Luft. Mit dem begierig mitgezählten Countdown - noch 8, 7, 6, 5 … Kilometer - verbinde ich nicht mehr als Freude auf ein weiteres Finish: Marathon und weiter, Nummer 245.

Und dann endlich der Moment der Aufklärung! Auf einem Transparent steht in großen Lettern: „Hajrá“. Nun weiß ich, was mir die Zaungäste zuriefen, kenne die Schreibweise der phonetisch so unterschiedlichen Versionen. Was „Hajrá“ tatsächlich heißt, lasse ich mir später vom Internet übersetzen: Es entspricht in etwa dem deutschen „Vorwärts!“

Kilometer 50 - mein GPS pflichtet der Tafelaufschrift bei. Auch heute stimmten die Distanzangaben (von zwei Ausreißern abgesehen) wieder mit meiner persönlichen Messung überein. Die „Anhöhe“ mit Blick zum See, die Region des Weinbaus und der vor Hügeln aufgereihten Dörfer, liegt hinter mir. Üppig wuchernde Schilfwälder am Wegesrand stehen für eine sumpfige Niederung, die ich nun auf schnurgeradem Radweg neben belebter Straße durchmesse. Noch verstellen Schilf und Auwald die Sicht auf einen für uneingeweihte Läufer erschreckenden Zieleinlauf. Auf kapitalem, mit Burgruine gekröntem Buckel soll der laut Erzählung stattfinden. Wer sich nähert, mit nur noch 3, 2, einem Kilometer auf dem Zähler, und den Hügel urplötzlich erspäht, muss annehmen das Ziel läge hoch oben auf Burgniveau. Mein Herz schlägt unbekümmert weiter, weil ich die Wahrheit kenne: Das Zieltor liegt verdeckt von Bäumen bereits auf halber Höhe …

Einer der ersten Sätze der biblischen Schöpfungsgeschichte lautet: „ … und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser …“ Ein bisschen gilt das auch für (Ultra-) Laufveranstaltungen. Der Geist der Organisation, ihrer führenden Köpfe, schwebt über dem großen Ganzen und spricht aus vielen Details. Wie sehr hier alles dem Wohle der Läufer dient, verdeutlicht mir dieses Schild, aufgestellt zwischen den Laufkilometern 51 und 52. Drauf steht: „Balaton Szupermaraton Σ100 km“. Warum steht die Tafel da? - Ein unscheinbarer Wegpunkt, mehr als zwei Etappen weit vor dem Ziel. Rein gar nichts ist hier gewonnen. Also: Warum steht die Tafel da? - Ganz einfach: Als offizielles, anerkennendes Schulterklopfen! Sie spornt an, schenkt mir obendrein einen Glücksmoment! Köszenöm!

Allmählich, anfänglich kaum wahrnehmbar, steigt der Radweg an. Nichts, was mich nach mehr als fünf Stunden konstanten Tempos grenzwertig fordern könnte. Das bleibt auch so, als ich laut GPS nur noch einen halben Kilometer vor mir und direkte Sicht auf die zu erstürmende Hügelflanke habe. Die Gewissheit der Burgruine da oben keinen Besuch abstatten zu müssen beruhigt mich allerdings schon. Noch ein bisschen steiler, noch immer „easy“, urteilen meine Beine. Erst nachdem ich vom Radweg abbiege und mich unmittelbar gegen den Hügel wende, schaltet die innere Ampel auf gelb. Ich reagiere und nehme Tempo raus.

Ich tippele bergwärts, nicht ahnend, was mich erwartet. Die finale Härteprüfung kommt erst in Sicht, nachdem ich in den Wald der Hügelflanke eingetaucht bin. Noch etwa 200 „granatensteile“ Meter liegen vor mir. Dahinter, unsichtbar, wohl auf einer Art Plateau, nur am gedämpften Lautsprecherlärm festzumachen, vermutlich, hoffentlich, bitte, bitte, das Ziel. 10° Steigung, mindestens. Natürlich ist Gehen keine Option. Ich steppe auf den Fußballen empor, Schrittchen für Schrittchen. Puls steigt, Atemzüge nehmen an Frequenz und Volumen zu. Unter Garantie ist mein Gesicht von der Strapaze gezeichnet, doch innerlich lächle ich, genieße den Triumph des Augenblicks. Weil ich selbst nach über 50 Kilometern an brachial steilem Hang nicht gehen muss. Eine jener seltenen Phasen, da sich körperliche und mentale Empfindungen total widersprechen.

Da ist jemand frischer als ich, schneller, setzt zum Überholen an. Eine Sie, vermutlich die Schlussläuferin einer Staffel. Die Anstrengung verlangsamt meinen Denkapparat und so dauert es zwei, drei Sekunden, bis ich stehenbleibe und meine Kamera knapp über dem Boden schussbereit habe. Foto! Für unbedarfte Beobachter muss meine „Übung“ aussehen, als hätten mich just an dieser Stelle die Kräfte verlassen, als hätte ich mich zusammenbrechend gerade noch gefangen. Der schnelle Ralf, vermutlich vor Stundenfrist schon im Ziel und gerade des Weges kommend, will wissen, was ich da mache. Mich wieder aufrichtend und neuerlich hinan tippelnd, beginne ich einen Kurzvortrag zum Thema „Perspektivischer Einfluss der Kameraposition bei Schnappschüssen am Berg“: „Je knapper über dem Boden man die Kamera hält, umso steiler wirkt der Weg im Bild!“

Die letzten Meter, der Weg flacht ab, Zieltor und -gasse kommen in Sicht, ich pumpe wie ein Maikäfer kurz vorm Abheben. „Udo Pitschschsch … Wärringgen“ tönt es mir entgegen und der Überschwang in der Stimme des Sprechers hallt in meiner Läuferseele wider. Randvoll mit Glück überschreite die Ziellinie und setze zum Selfie an. Wäre nicht nötig gewesen, denn plötzlich steht mein Freund Mike vor mir, arrangiert ein Zielfoto, dokumentiert den wunderbaren Augenblick mit seinem Handy.

Ergebnis für die 52,9 km der Tagesetappe: 5:41:17 Stunden, Tempo: 6:27 min/km

 


 

Samstag, 23. März 2019

Etappe drei: 43,6 Kilometer, von Badacsony nach Balatonfüred

Von uns Ultras unbemerkt schickte der Veranstalter gestern eine unbekannte Zahl von Halbmarathonis über die letzten 21,2 Kilometer der Strecke. Auch heute findet ein Parallelwettbewerb statt. Ein Marathon, der gleichfalls in Balatonfüred endet. Von den Marathonis werde ich allenfalls einige der Langsameren einholen können, weil der Marathon bereits um 9:40 Uhr startet, wir erst um 10:20 Uhr. Außerdem steht unser Startportal 1,4 Kilometer vor dem der Marathonis. All diese Details entnehme ich dem dicken Programmheft. Wieso man sich die Mühe macht an diesem Tag die Aufbauten für zwei Starts zu organisieren, darüber kann ich nur spekulieren. Etwa so: 1. Ein Marathon ist ein Marathon, klassische 42,195 km! 2. Der „Balaton Supermarathon“ besteht aus vier Ultraetappen. Und Ultra heißt nun mal weiter als Marathon!

Die Nacht verbrachten wir in einem Traum von Hotel, ein paar Kilometer abseits vom See. Vier Sterne, Luxus pur: Geräumige Zimmer, köstlich üppige Büffets am Abend und zum Frühstück, dazu ein Wellnessbereich, der fast schon dem Angebot kleinerer Spaßbäder daheim gleichkommt. Woran ich mich nie gewöhnen werde und wogegen ich dann auch demonstrativ verstieß, ist die ungarische Unsitte in der Sauna mit Badeklamotten zu hocken. Ich werde hier keine Schreib-Kraft mit der Erörterung von Saunaregeln verschwenden - nur so viel: Das geht gar nicht!

Auch die Bustransporte, gestern zum, heute vom Hotel, lassen an Bequemlichkeit und Pünktlichkeit keine Wünsche offen. Reibungslos ist noch untertrieben. Mit Helga, Steffen, Mike, Ralf und mir nutzen wir zu fünft das Hotel- und Transportpaket des Veranstalters. Beim Essen treffen wir auf Familie Kaufmann: Vater, Mutter, Tochter - alle drei als Einzelstarter unterwegs. Tochter Kaufmann konnte die gestrige Etappe leider nicht zu Ende bringen: Nach mehrfachem Erbrechen gab sie entkräftet auf. Heute steht sie wieder am Start, ein Opfer eines der wenigen Wermutstropfen in dieser Veranstaltung: Medaille und Urkunde erhält nur, wer alle vier Etappen durchsteht. Wem eine Etappe fehlt, der fährt ohne jede Ehrung nach Hause.

Heike und ihr Begleiter Christian, wie auch Sandra, mussten ihre Unterbringung in Eigenregie organisieren, weil das Angebot des Veranstalters bereits ausgebucht war. Im Startbereich treffen wir uns wieder, gut gelaunt, alle wohlauf, alle zuversichtlich mit Blick auf die heutige „Kurzetappe“. 10 Kilometer weniger als gestern - ein Klacks. Natürlich erlaube ich mir nicht so zu denken, bin aber machtlos gegen mein Empfinden. Möglicher Unvernunft schiebe ich einen Riegel vor: Du wirst nicht schneller laufen, Udo! Ziel ist auf verkürzter Distanz die Kräfte für den Finaltag zu schonen und morgen vielleicht sogar besser erholt am Start zu stehen als heute!

Alles wie gestern, fast 12 Minuten Anstehen, um die persönliche Zeitmessung auszulösen. Erste, von muskulärer Widerborstigkeit gehemmte Schritte. Sukzessives Freilaufen, bis es sich anfühlt, als hätte ich die Vortage faul chillend auf der Couch verbracht. Anfängliches Frösteln in kalter Luft, bis mein Kreislauf ausreichend innere, von Muskelarbeit erzeugte Wärme in den letzten Körperwinkel geschaufelt hat. Scheinbar alles wie gestern. Natürlich auch das Wetter. Blauer Himmel, Sonne satt. Mike zieht davon, ich verliere ihn bereits nach wenigen Minuten aus den Augen. Wettete jemand dagegen, ich setzte einen namhaften Betrag: Mike wird heute keine vier Stunden brauchen! - Heike und Sandra lassen es ruhiger angehen, ich überhole die beiden kurz nach dem Start. Vom schnellen Ralf habe ich nichts gesehen, vielleicht ist der schon im Ziel … Fehlen noch Helga und Steffen: Wie gestern starteten sie auch heute mit der ersten Gruppe, zwanzig Minuten vor uns.

Nach gut 10 Kilometern ziehen erste Wolken auf. Nicht am Himmel, in meinem Gemüt. Schuld ist nicht die Strecke, wenngleich sie heute partout nicht von der begleitenden Straße lassen will. Auch nicht Abgase und Lärm immer wieder stockender, bisweilen endlos scheinender Autokolonnen. Noch will ich der Aussicht wegen Beschwerde führen. Blühende Bäume, heute noch zahlreicher als gestern, machen den zuweilen verstellten Seeblick wett. Was nicht passt, kommt von innen. Mein Körper sträubt sich. Die Nachwehen der ersten Etappen vollständig abzuschütteln will mir nicht gelingen. Laufen fühlt sich „zäh“ an. Ich kann dieses Empfinden von Widerstand weder konkret beschreiben, noch genauer lokalisieren. Und objektiv messbar ist es auch nicht. Meine Kilometerzeiten fallen sogar besser aus als gestern, ohne dass ich darum kämpfen müsste. Außerdem spüre ich seit Kurzem noch dieses Ziehen an (in?) meiner linken Hüfte. Nicht wirklich schmerzhaft, eher ein stets präsenter, Zweifel sähender Störenfried. Die Regung an sich wäre mir egal, zumal sie an Intensität nicht zunimmt. Ich sorge mich um morgen. Wie wird sich das morgen anspüren, mit einem weiteren Ultra in den Knochen?

20, 30 Meter steiler Buckel, ohne Vorwarnung im ansonsten flachen Terrain. Harmlos wenige Höhenmeter und nach erst einer Dreiviertelstunde Laufzeit geben sich Lunge und Herz ohnehin noch gelangweilt. Immerhin Hinweis und Erinnerung, womit die Strecke uns heute necken wird: Im eifrig studierten Profil zeichnen sich mehrere Zacken ab. Zwar keiner, der mehr als vielleicht vierzig Höhenmeter überwindet, aber Kleinvieh macht bekanntlich auch Mist.

Nach zwei Tagen Höhenflug heute „Business as usual“. Stimmung „so lala“. Mein Körper spricht mit mir. Anscheinend hat er keinen Bock auf Laufen und mosert vermittels träger Beine und doofem Hüftziehen vor sich hin. Ultralaufen - das ist meine feste Überzeugung - verändert die Einstellung zum eigenen Körper. Eine Selbstverständlichkeit, denn ein gesunder und trainierter Organismus ist Voraussetzung für stundenlange Ausdauerleistungen. Es ist wirklich so: Mein Körper spricht mit mir. Sagt, was ihm guttut und was nicht. Ich lernte zuzuhören und mit ihm zu reden. Unterwegs versuche ich ihn mit Gedanken und Emotionen zum Durchhalten zu bewegen. Bin beileibe kein esoterischer Spinner, lediglich ein Läufer, der verstanden hat, dass Körper und Geist eine Einheit bilden; dass sie sich wechselseitig in einem oft unterschätzten Maße bedingen, im Guten wie im Schlechten. Natürlich „weiß“ mein Körper, dass ich seinem Nörgeln - mehr scheint es einstweilen nicht zu sein - nicht willfahre. Wäre ich in der Birne so nachgiebig „gestrickt“, ich hätte kein halbwegs anspruchsvolles Ziel je erreicht. Trotzdem meckert die „Kiste“. Vorsorglich. Ich biete einen „Deal“ an: Heute und morgen noch Top-Leistung, dann gebe ich eine Woche lang Ruhe! Nur zwei kurze Trainingseinheiten, Dienstag und Donnerstag … Wer meine Ernsthaftigkeit in allen Belangen des Laufens kennt, zweifelt nicht daran, dass ich mein Versprechen einlösen werde!

Die Strecke heute: Parallel zu Straße oder Bahnlinie verlaufend, oft auch zwischen beiden, selten abseits davon. Reichlich schöne Bilder fängt meine Kamera trotzdem ein. Sonnenschein vertreibt das Hässliche, rückt Schönes in wunderbares Licht, lässt Farben leuchten. Zum Beispiel diese Stiefmütterchen, gelb-rot, in Blumenkästen. Irgendwer war sich nicht zu schade ein unansehnliches Brückengeländer auf diese Weise zu verschönern. Ich lenke meine Schritte an gelb blühenden Vorhängen vorbei. Ausladende Trauerweiden, deren hängende Äste bei Windstößen mit sprießenden Grashalmen Ringelreihen spielen. Eine Allee am Fuß des Bahndamms weiß mir zu gefallen. Noch kein Grün, keine Blüten, kahle Äste, die ins Himmelblau ragen. Perspektivisch ungemein anregend, wenn man Blick und Sinn dafür hat.

Einer von vielen Bahnübergängen, die wir seit vorgestern überqueren mussten. Ich spiele eine weitere Runde „Russisch Roulette“ nach Art und Regeln des „Balaton Supermarathons“. Nicht auf Leben oder Tod aber trotzdem jedes Mal spannend. Wird mich einer der regelmäßig verkehrenden Züge stoppen oder komme ich neuerlich ohne Verzögerung rüber? - Unschön, falls es passieren sollte, weil jeder Halt den Laufrhythmus bricht und ich auf den Wiederanlaufschmerz nach ein, zwei Minuten Zwangspause gerne verzichte. Andererseits reizt es mich durchaus das Prozedere zu erleben, mit der die „Bahnwache“ den dabei erlittenen Wettbewerbsnachteil aufheben würde. Man stelle sich den Helferaufwand vor: Heute müssen sechs, morgen gar acht Bahnübergänge gesichert werden. Mehrmals konnte ich zwei Sicherungsposten ausmachen, von denen mindestens einer das nun schon sattsam bekannte kleine Kästchen bei sich trug. Regel: Wer vor Bahnübergängen warten muss, stöpselt sich aus dem Rennen. Wenn er weiterläuft, stöpselt er sich wieder rein. Die Zeitdifferenz wird von der Bruttozeit abgezogen.

Ich komme ungeschoren rüber (was übrigens bis zum Ende der 196 km so bleiben wird) und betrete jenseits der Gleise den Bahnsteig von „Balatonrendes“. Ich musste nach Ungarn reisen, um einen infolge Platznot mit einem Bahnsteig zusammengelegten Radweg zu erleben! Also ein „Radsteig“ oder doch eher ein „Bahnweg“? - Wie auch immer, eine andere Verkehrsführung war nicht möglich. „Radsteig“ und Straße trennen keine drei Meter und ein Graben. Wie sich vor und hinterm Ortsausgang zeigt, scheint der Gemeinderat von „Balatonrendes“ die Forderungen der neuen Zeit verschlafen zu haben. Eine nicht enden wollende Reihe von Pylonen soll uns die Autoflut vom Leib halten. Bürgersteig, Radweg? - Fehlanzeige.

Rauf und jetzt wieder runter. Unmerklich bis sanft nimmt sich im Gelände aus, was im Profil erschreckend nach Reißzahn aussieht. Der Blick zum „Tacho“ attestiert mir nach wie vor höheres Tempo als gestern. Die ständige Zwiesprache Udo-Körper zu erwähnen verschwendete unnötig Schreib-Kraft. Deshalb nur so viel: Fühle mich immer noch „unflott“ und in Hüfthöhe links belästigt. - Wohnhäuser, davor die Straße, davor das Gleis der Balaton-Bahn, davor ich auf dem Radweg, rechts von mir eine hundert (?) Meter breite Liegewiese, dann endlich Plattensee. Breit wie der Atlantik, Gegenufer nur als mikroschmaler Streifen im Morgendunst zu erahnen. Schön.

Seeidyll hoch zwei: Wer stolpert und fällt, wird nass. Abstand Weg zum See: Kleiner fünfzig Zentimeter. Die Route tangiert eine reizvolle Bucht, helltürkisblaues Wasser, milchig trüb aber sauber, Schilfinseln, Kähne die kopfüber am Ufer liegen und auf den Sommer warten. Herrlich auch die Allee mächtiger, alter Bäume, die uns hier begleiten. Eigentümlich weiße Rinde, unregelmäßig gesprenkelt mit grauen und schwarzen Flecken. Ähnlich dem Stamm von Birken, nur anders. Ich wüsste schon gerne, unter welchem Namen ihr im Buch des Botanikers verzeichnet steht!

Die nächste vor sich hin stinkende Autokolonne, verursacht auch von mir. Wechsel der Straßenseite, weil der Radweg seeseitig am auslaufenden Hang keinen Platz mehr fand. Hang in Südlage, das bedeutet Weinbau. Rebstöcke bevölkern das Terrain zwischen Straße und Dorf. Auch schön anzusehen und formidabler Stoff für die Kamera. Schön anzusehen, leider von überall her, was meine über Kilometer und mangels Gelegenheit aufgestaute Not noch vergrößert. Mehr Deckung gibt’s wohl demnächst nicht und von den stückweit entfernten Häusern aus wird meine Blöße kaum zu erkennen sein. Ich schere aus und stelle mich hinter ein Gebüsch. Was der Fahrtwind kaschiert, stillstehend rinnt es an den Schläfen zusammen: Schweiß. Kein Problem, führe ich doch gerade den Beweis bisher ausreichend getrunken zu haben.

Back on the route … Weingärten … Dorfstraße … Bürgersteige entlang der Hauptstraße … reichlich Autoverkehr … Läufer die sich grüppchen- und schubweise auf dem Trottoir vorwärts bewegen … Radbegleiter, für die eigentlich nirgendwo Platz ist, die entweder Läufer behindern oder von einem gnädigen Schicksal vorm Überfahrenwerden bewahrt werden. Zum Glück nur ein paar hundert Meter, dann wird es auf einer Wohnstraße wieder ruhiger. Und hier habe ich auch Gelegenheit meinen „Etappenmann“ mit der Kamera einzufangen: „BADACSONY - BALATONFÜRED, 43,6 km“ - Gedächtnisstütze für jene, die die Rahmendaten des Tages vergessen haben.

Eigentlich wollte ich den „Etappenmann“ schon auf der Hauptstraße ablichten. Ging aber nicht. „Speicherkartenfehler“ meldete die Kamera. Die Meldung hatte ich gestern schon mal, sie ließ sich aber durch Aus- und Wiedereinschalten beheben. Heute nicht. Keine Bilder vom Rest der Etappe, morgen womöglich gar keine - unvorstellbar, eine Katastrophe. Kennst du das Gefühl, wenn sich Panik im ganzen Körper ausbreitet? Adrenalin im Blut, das die Quelle von Lösungsansätzen und alternativen Ideen einem Geysir gleich sprudeln lässt. Noch bevor ich zu fummeln beginne überwältigt mich ein Gedanke: Morgen Handy mitnehmen! Dann beginnt der Techniker in mir analytisch zu denken: Entweder liegt ein Software- oder ein Kontaktfehler vor. Natürlich könnte die während vieler Einsätze eingedrungene Feuchtigkeit auch Teile der Elektronik lahm gelegt haben. Wird schon nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf! Erster Schritt: Akku rausziehen, paar Sekunden warten und damit einen Reset des Steuerprogramms erzwingen. Einschalten und … „Speicherkartenfehler“. Also doch was Mechanisches, hoffentlich nur ein oxidierter Kontakt. Zweiter Schritt: Speicherkarte lösen, wieder arretieren und diesen Vorgang in „scheuernder“ Manier mehrfach wiederholen. Einschalten und … na bitte, geht doch!

Der zweite Zacken im Profil erweist sich als gleichermaßen harmlos. Mehrere hundert Meter weit sanft aufwärts, weg vom See, die autofreie Zone verlassen, zurück an die Straße. Wieder ein Stau, wieder durch uns. Zur anderen Seite, beschirmt von Polizei und weiter an der Straße entlang. Die Natur betreibt weiß- bis rosafarbene Wiedergutmachung. Immer wieder ziehen blühende Büsche das Auge magisch an. Besonders prächtig dieses Exemplar: Über und über bedeckt mit großen Blüten, Grundton weiß für die Fernwirkung und glutrot lockend der Kelch, wenn Sumsi dann gelandet nach süßem Nektar sucht …

Schon wieder ein Panikmoment, vielleicht fünfzig Meter nach Verlassen der Tränke, kurz vor Kilometer 26. Irgendwie trudelte ich die letzte Stunde selbstvergessen durchs Sonnenlicht wie ein Schmetterling. War da eine Messstation an der Tränke? - Abrupt bleibe ich stehen, wende mich um, forsche, bin aber zu weit entfernt. Ich spreche einen nahenden Mitläufer an, der mich hinter der Sprachbarriere, meiner und seiner, natürlich nicht versteht. Zunächst. Ich deute auf den „Penetrator“ an meinem Finger, dann auf die Tränke hinter ihm und werfe ihm ein paar englische Brocken vor die Füße. So was wie „Time Check!“. Er versteht - Geste oder englische Brocken, was immer - und schüttelt den Kopf, überschüttet mich mit ungarischen Sätzen, deutet zugleich energisch in Laufrichtung. Letzteres kapiere auch ich, murmele ein abschließendes „Köszönöm!“ und trabe beruhigt weiter.

Anstieg Nummer drei. Wieder moderat, doch diesmal zieht er sich … gut einen Kilometer weit. Lediglich zum Schluss, kurz vor der unvermeidlichen Rückkehr zur Landstraße, hundert Schritte auf steilerem Geläuf. Doch auch die stellen mich vor kein Problem. Einen großen Teil meiner Mitstreiter dagegen schon, all jene an denen ich nun stur vorbei trotte.

Kilometer 31. In Science Fiction Filmen ein dramatischer, mit Spannung aufgeladener Moment: Wird der Astronaut sein Raumschiff millimetergenau andocken und die Mission erfolgreich abschließen können? Oder hat Houston ein weiteres Problem? - Sorgfältig navigierend dirigiere ich den Nippel zur Lasche, führe ihn ein … Kontakt! signalisiert ein schwaches, rotes Glimmen: Ich belohne mich mit Wässrigem und fülle mir den Bauch.

Keine Minute nach der Tränke hat ein kleines Mädchen sein eigenes Läuferbüffet aufgebaut, bietet Wasser in Bechern und in Stücke geschnittene Früchte an. Essen will ich nicht und trinken kann ich nicht - Magen prall gefüllt. Zuwinken würde ich ihr gerne, „Köszönöm!“ per Geste, leider schaut sie woanders hin … Ein paar Minuten Radweg solo, abseits von allem, nicht mal der See lässt sich blicken. Büsche, Bäume, Rasen, Bänke zum Verweilen und Veilchen. Massen von blühenden Veilchen, kleine blauviolette Sternchen zwischen zaghaft sprießendem Grün. Und dann - es war nur eine Frage der Zeit - back to route seventy-one. Landstraße 71, die das Balatonufer in einigem Abstand mindestens bis Balatonfüred begleitet. Entschädigung rückt ins Bild: Zwei blendend weiße Kirchtürme erheben sich stückweit voraus über die Häuser des Dorfes. Malerisch und irgendwie typisch für den Landstrich, ohne dass ich beschreiben könnte wieso. Vielleicht der weißen, schmucklosen Kirchenbauten wegen. Ja, kann sein, davon kamen mir in den letzten Tagen bereits einige unter.

Laufende Schweden sind nicht zu übersehen und unverwechselbar. Nationalstolz in blau mit gelbem Kreuz flattert als Nackenschutz oder Rückendeko im Wind - wenn sie laufen. Die beiden vor mir laufen aber nicht mehr, gehen nur noch. Flasche leer. War gestern schon so, überholte sie auf dem letzten Drittel der Strecke. Na ja, wer weiß, vielleicht waren es auch zwei andere ihrer Landsleute.

Noch sechs Kilometer und heute sehne ich den Zieleinlauf mit Inbrunst herbei. Das Zähe meiner Schritte ließ sich auf keinem Meter abschütteln und für die Schlussphase stimmte sich der Chor der orthopädisch Geknechteten schon vorzeiten ein. Beides, Scheinschwäche - das Tempo hat sich nicht verändert - und quengelndes Fleisch, nehme ich ohne Anflug von Besorgnis zur Kenntnis. Vor allem, weil mein Körper den Deal angenommen zu haben scheint: Wann es geschah, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls hat sich das Ziehen an der Hüfte in Nichts aufgelöst. Vielleicht ein Fall von „Das musst du dir rauslaufen, Udo!“ So lautete vor Jahren der Rat eines Ultra-Laufbekannten. Von Einem der inzwischen Bücher schreibt.

Fast unmerklich habe ich mir wieder Höhe erarbeitet. Seewärts fällt das Land sanft in Wellen ab. Mein Blick reicht über grüne, mit Wintersaat bestellte Felder bis zu einer Bucht. Mehrmals pendeln meine Augen zwischen Weg und Ferne, zwischen Vorsicht und Neugier, bis ich die Ansicht verstehe. Eine hügelige Landzunge reicht weit in den See hinaus. Wahrscheinlich jene Halbinsel, die ich vorgestern von der anderen Uferseite aus bewundern durfte.

Schicklich ist es nicht, aber eine lässliche Sünde, weil es die Betroffene nicht merkt. Nicht die Figur, noch ihre Eigenschaft als Frau zieht meinen Blick auf sich. Von ihrem grell leuchtenden Outfit kann ich den Blick nicht lassen. Wieder so eine Begebenheit, die mir vor Augen führt wie sehr ich Farben mag. Kräftig pink ihr Oberteil, neongelbgrün Laufrock und Kompressionsstrümpfe. Künstliche, eingerahmt von natürlichen Farben, dem satten Grün der Felder und dem blauesten Märzhimmel seit Menschengedenken.

Dennoch muss ich vorbei, mache einen Bogen um Dame samt Radbegleiter und ziehe davon. Die Hügel der Halbinsel bilden inzwischen eine natürliche Barriere in Laufrichtung. Doch schon von meiner augenblicklichen Warte aus ist zu erkennen, dass wir die Erhebungen nur streifen werden. Eine Hinweistafel an der Straße verbessert meine Allgemeinbildung. Die Silhouette einer Kirche mit Doppeltürmen ist darauf abgebildet und mit „Tihany“ bezeichnet. Wer das sakrale Denkmal besuchen will, muss in 900 Metern rechts abbiegen. Die bewaldeten Hügel erlauben keinen Blick auf das Bauwerk. Vermutlich wurde es an einer nicht einsehbaren, seewärts liegenden Hügelflanke errichtet. Wahrscheinlich handelt es sich bei „Tihany“ um jenen Klosterkomplex, den ich vorgestern auf Etappe eins vom Gegenufer her ausmachen konnte.

Bisschen rauf, bisschen runter, schon ist die Landzunge durchquert. Sagen mir Landkarte im Kopf und gesunder, geologischer Menschenverstand. Einen bestätigenden Blick zum See gewährt die Geländeformation leider nicht. Ist mir auch ziemlich egal, wiewohl alles andere um mich herum inzwischen an Reiz eingebüßt hat. Keine ernsthaften Beschwerden im Fahrwerk, die das morgige Finale gefährden könnten, Tempo trotz Gegenwehr meines Körpers gleichmäßig gehalten und lediglich noch drei Kilometer bis ins Ziel. Nur das zählt jetzt noch.

„Balaton Szupermarathon, daily Marathon, 42,195 km“ - nicht mal anderthalb Kilometer vorm Ziel steckt die Tafel auch heute am Wegrand. Bedeutungsloses Detail? - Kann man so sehen. Für mich ein Indiz für Sorgfalt und Liebe mit der die Verantwortlichen diese Veranstaltung vorbereiteten und durchführen. Darüber hinaus ein Moment der Bestätigung und des Ansporns: Wieder mal marathonweit gelaufen!

Balatonfüred - ein bisschen gespannt bin ich schon auf den führenden Touristenort am Plattensee. Immerhin einziger der vielen Ortsnamen, der mir vor diesem Etappenlauf schon mal zu Ohren gekommen war. Alles sauber auch hier, dazu alles auf der Höhe der Zeit. Gepflegte Anlagen, fast ausnahmslos wie neu angelegt wirkend. Straßen, Wege, Gebäude - nirgendwo erkennt man den Zahn der Zeit, der doch unentwegt und an allem nagt. Schnurgeradeaus, an breiter Ausfallstraße entlang. Große, bisweilen Hochhäusern ähnliche Hotels verneigen sich, um mich willkommen zu heißen. Auch sie wie neu wirkend, wenngleich die etwas einfallslose, ausschließlich der geometrischen Form des Rechtecks huldigende Architektur auf Umbau und geglückte Renovierung hindeutet. Ich renne vorbei. Wahrscheinlich renne ich gar nicht, empfinde es nur so.

Renne immer weiter geradeaus, nun entlang der Shoppingmeile der Stadt. Ich schaue nicht genau hin, eile dennoch mit der Vorstellung vorbei, dass hier hochpreisiger Luxus feilgeboten wird. Luxus, den sich der Durchschnittsungar, wenn überhaupt, nur ausnahmsweise leisten kann. Samstagnachmittag. Menschen unterwegs, die mit unserer Veranstaltung nichts zu tun haben. Touristen, Ausflügler. Einige. Will ich mir die Menschendichte an diesem Ort zur Hochsaison vorstellen? - Nein, will ich nicht. Sprachfetzen aus Lautsprechern hallen mir entgegen, vor mir liegen ein großer Park, darin unübersehbar die Zielaufbauten … Geschafft!

Ergebnis für die 43,6 km der Tagesetappe: 4:34:55 Stunden, Tempo: 6:18 min/km

 


 

Sonntag, 24. März 2019

Etappe vier: 51,3 Kilometer, von Balatonfüred nach Siófok

Als Läufer lernst du den verlässlichen, möglichst pünktlichen Stoffwechsel zu schätzen. Viel früher als der Rest der Menschheit, der sich erst im Alter, da einiges ins Stocken gerät, möglicherweise aber auch gar nicht darum zu scheren braucht. „Es“ vorm Wettkampf zu erledigen ist mindestens so wichtig wie verlässlich geschnürte Laufschuhe, passende Kleidung oder ausreichend Ladung im Akku der Uhr. Wie bitte? Ein unpassendes Thema zur Einleitung eines Laufberichtes? - Nö, gar nicht. Erstens muss jeder Läufer damit irgendwie klarkommen, „es“ in seiner Vorbereitung bedenken. Zweitens ereignet sich die eingangs zu berichtende Szene nun mal in der Warteschlange vor einem Klohäuschen. Dort stehe ich tagträumend und harre der Möglichkeit „es“ an diesem erneut sonnigen Sonntagmorgen zu erledigen. Und ebendort unterbricht ein quietschvergnügtes „Guten Morgen!“ den ruhigen Fluss meiner Gedanken. Soeben hat Sandra, zwei Bedürftige weiter hinten, die rote Laterne am Ende der Schlange übernommen.

„Ich laufe heute in der ersten Gruppe!“ - Ob sie sich dazu aus freien Stücken entschloss oder wegen sehr späten Zieleinlaufs in Gruppe eins eingeteilt wurde, bleibt unklar. Statt zu fragen, was mich durchaus interessiert, entgegne ich effekthaschend spontan: „Nö, wirst du nicht - die erste Gruppe ist nämlich schon weg! Vor fünf Minuten gestartet!“ Die Erinnerung an blitzartig aus dem Gesicht weichende Farbe muss mein Kopf erfunden haben. Sandras Konterfei ist von drei Tagen Sonne feuerrot lackiert, was auch die frische Schicht Sonnencreme, Schutzfaktor sicher 1.000.000, nicht kaschieren kann. Aber ihr morgenfrohes, zuversichtliches Lächeln erstirbt im Bruchteil einer Sekunde: „Bist du sicher?“ - Bin ich tausendprozentig, weil ich dem Startprozedere ein paar Schnappschüsse lang mit meiner Kamera beiwohnte. Das lapidar festzustellen wäre aber nicht genug, weil ich den Schrecken in ihrer Seele gut nachfühlen kann. Also relativiere ich die Bedeutung des verpassten Startes: „Ist doch egal, startest du eben mit uns! Deine Zeit beginnt erst zu laufen, wenn du sie mit dem Chip auslöst! Und keiner führt Buch, wer, wann starten sollte!“ Vorteil meiner Rede: Sie entspricht den Tatsachen!

Wie jeden Morgen stehen wir in den letzten Minuten vorm Start zusammen. Heike, Sandra, Mike, Ralf und ich, dazu Christian, der zwar „nur“ Heike coacht, aber dazugehört als liefe er selbst. Ich mache mir Gedanken über die Selbstverständlichkeit dieser Gruppenbildung, das Fehlen von Distanz. Vom ersten Moment an, sobald man sich darüber ausgetauscht und erkannt hat dasselbe Ziel zu verfolgen. Helga und Steffen stünden sicher nicht abseits, wären sie nicht mit der früheren Startgruppe aufgebrochen. Ich könnte das Mysterium - für mich ist es eins - dieser Rudelbildung mit „Herdentrieb“ oder „gleiche Muttersprache“ abtun, träfe damit aber nicht exakt ins Schwarze. Da ist mehr, muss mehr sein, wenn sogar ein so zurückhaltendes Ego wie meins bereitwillig zur „brüderlichen Umarmung“ gleichgesinnter, ansonsten jedoch fremder Menschen neigt. Es hat sicher auch mit der Nichtalltäglichkeit unserer Laufvorhaben zu tun. Wer tut, was wir tun, wer läuft, was wir laufen, dem steht der Kreis offen, ohne sich emotional qualifizieren zu müssen. Ich beschreibe das rein sachlich, ohne Dünkel, schon allein deshalb, weil ich mich selbst nicht als etwas Besonderes wahrnehme. Einer von Milliarden auf dem Planeten, jeder auf seine Weise außergewöhnlich (was nur leider viele nicht von sich wissen).

8:30 Uhr vorbei … zehn Minuten Beine in den Bauch stehen nach dem Startschuss - schon längst kein Thema mehr. Ralf ist weg, wahrscheinlich schon auf der Strecke. Als bislang Viertplatzierter in seiner Altersklasse, mit nur wenigen Minuten Rückstand, kämpft er heute um einen Platz auf dem Siegertreppchen. Er gab sich noch unentschieden, ob er das Duell gegen den unerkannten Kontrahenten annehmen und mit vollem Einsatz laufen soll. Er wird die Chance nutzen, da bin ich sicher (Am Ende belegt Ralf tatsächlich den dritten Platz in seiner Altersklasse. Es passt aber zu seiner sympathisch stoischen Art, beim verdienten Zielbier sitzend, die eigene Siegerehrung zu verpassen.) Ich reihe mich hinter den Freunden ein, wie schon an den Tagen zuvor. Will in diesen letzten Sekunden nicht reden müssen, fokussiere mich lieber auf das Bevorstehende. Vielleicht führte ich die innere Zwiesprache kurz vorm Start früher bewusst herbei. Ich weiß das wirklich nicht mehr. Inzwischen ist auch dieser Teil meiner Wettkampfvorbereitung vollautomatisiert. Bevor es losgeht Körper und Geist in Gleichklang bringen, auf das gemeinsame Ziel einschwören - ich messe dem Bedeutung bei.

Schon die ersten, noch von Frösteln begleitenden Schritte entlang der mondänen Uferpromenade von Balatonfüred entheben mich letzter Zweifel. Heute wird nichts schiefgehen. Ich fühle mich ausgeruht, leistungsfähig und spüre keinerlei inneren Widerstand. Selbst die Einlaufschritte fallen mir heute leichter als an den Tagen zuvor. Erstaunlicherweise bin ich schon nach ein paar Minuten im Wettkampf angekommen. Und dann - verzeih, wenn ich dir schon wieder damit komme - und dann ist da wieder dieses magische Licht, den vierten Lauftag in Folge. Dieses strahlende Blau in stufenloser Sättigung, von beinahe weiß bis azur. Alles umfangend, alles durchdringend.

Die ersten Kilometer der Route überraschen mich, meinte ich doch beständig an der Straße entlang laufen zu müssen. Wegstrecke, die wir bereits zweimal im Bus zurücklegten, gestern zum Hotel und heute Morgen auf dem Weg zum Start. Tatsächlich kennt der Radweg idyllischere Pfade, schlängelt sich durch Auwald, nutzt ufernahe Wege … Da steht er wieder! Der gute Geist meiner Balaton-Etappen. Trägt wie jeden Tag Jeans, weißes Oberteil und eine schwarze Kappe. Endlich gelingt mir auch ein Foto von dem Mann. Verwechseln kann man ihn nicht. Ein neckisches, auf vertikales Reststreifenformat gestutztes Kinnbärtchen verhindert das und seine kräftige, tiefe Stimme. Anfeuerungsrufe, die sein unablässiges Beifallklatschen begleiten. Seit vier Tagen taucht er alle paar Kilometer vor mir auf. Natürlich steht er nicht meinetwegen an der Strecke. Sein eigentlicher Schützling scheint in meinem „Kielwasser“ unterwegs zu sein. Dennoch zollt er auch mir Anerkennung, gönnt mir stets Blickkontakt, oft ein freundliches Nicken und stets Beifall. Ich bedanke mich jedes Mal mit artigem Lächeln und hochgerecktem Daumen.

Der letzte Tag, morgen haben wir frei, meine Beine und ich. Für die Schlussetappe habe ich mir kein Tempolimit auferlegt, dem Tempomaten allerdings eingeimpft, wie ich mir den Zieleinlauf vorstelle: Laufend, lächelnd und in Würde! Mein Laufgefühl wird mich leiten, wird bremsen, falls nötig. Es war nicht unbedingt zu erwarten, überrascht mich aber auch nicht, die bisher flottesten Zwischenzeiten aller vier Tage abzulesen. Ein paarmal schon um die 6:05 Minuten, ziemlich anspruchsvoll für meine Verhältnisse. Trotzdem fühlt es sich … richtig an, nicht überzogen. Außerdem darf ich am Finaltag etwas wagen und vertrauen: Meine Beine werden schon wissen, was sie noch drauf haben!

„Balaton Szupermarathon, Σ150 km“ - zur anderen Straßenseite auszuscheren und stehend ein Bild mit Läufern einzufangen kostet Zeit. Das ist es mir wert. Schon um jenem Menschen seine Mühe zu lohnen, der die 150 km-Marke abgemessen und mit einer Tafel versehen hat. Aufmerksamkeiten dieser Art erfreuen mich wie ein Kind, dem Papa unerwartet ein Eis spendiert. - Wir laufen aufs Seeufer zu, biegen jedoch vor Liegewiese, Strand und Steg links ab. Stückweit voraus rückt die erste Verpflegungsstation des Tages ins Blickfeld. Wie immer mit Transparenten und Schildern als solche gekennzeichnet. „Frissítö“ buchstabierte ich dort jeweils. Heute, oberflächlich drüber gelesen, zum ersten Mal „Friss es!“ Ich schaue genauer hin und schmunzele, vom unbeabsichtigten ungarisch-deutschen Kalauer bestens unterhalten. Tatsächlich steht da „Frissítés“, wahrscheinlich ein Plural.

Durch die „rosarote Brille“ schaut man mit ungebremstem, zugleich unrealistischem Optimismus voraus. Die Gläser meiner Brille haben seit Tagen eine intensive Blautönung. Vorteil: Positive Weltsicht und gute Laune, ohne dabei das Machbare aus den Augen zu verlieren. Klappte vorzüglich, wenn auch gestern mit Abstrichen. Da hatte ich wohl meine Sehhilfe im Hotel vergessen. Zu viel Straße, Abgasgestank und Lärm lautete mein Resümee zur Etappe. Heute stört mich kein Meter Straße, nichts beleidigt meine Riechzellen und mein Gehör scheint vollkommen immun. Heute ist alles gut! Saugut! - ich bitte mir die verbale Entgleisung zu verzeihen, will damit lediglich das hohe Niveau meines aktuell guten Gemütszustandes unterstreichen. Ich bin zufrieden. Nein, mehr, ich bin glücklich. Schon jetzt mit jedem Schritt und lange vor dem letzten …

Eine „Henne-Ei-Frage“: Bin ich meiner offenbar exzellenten körperlichen Verfassung wegen so gut drauf? Oder ist es eher umgekehrt? - Es begann heute Morgen mit einem Traum von Sonnenaufgang über dem Balaton, kurz nach dem Aufstehen, aus dem Hotelzimmer im siebten Stock betrachtet. Er weckte Mikes und meine Vorfreude auf die Abschlussetappe. Ist es das, was mir heute Beine macht? - Wie auch immer: Ich halte dieses Höllentempo im vollen Bewusstsein, dass das auch schiefgehen kann. Und wenn schon, sagt mein Ehrgeiz, und kein Spruch ist ihm zu dämlich: No risk, no fun!

Fast könnte man der Idee verfallen die Laufregie habe sich die exklusiven, abschließend runderneuerten Badeorte für die Schlussetappe aufgehoben. Damit die Fremden - in- wie ausländische - den Eindruck eleganter Promenaden, verschwenderisch angelegter Parks, blitzsauberer Fußgängerzonen und nobler Badeanstalten als letzten im Gedächtnis behalten. Besonders am ersten Tag bekamen wir noch genügend Beispiele maroder Infrastruktur zu sehen, die nach und nach verschwinden oder saniert werden wird. Drüben, auf der anderen Seeseite. Hier ist man weiter. Viel weiter. Hier wirkt alles wie frisch aus dem Ei gepellt, ist renoviert oder neu erstanden, jedenfalls perfekt. Was ich auf meinem Weg zu sehen bekomme, braucht den Vergleich mit Einrichtungen rund um heimische Seen nicht zu scheuen.

Die nächste Spielrunde „Schaff‘-ich’s-oder-schaff‘-ich’s-nicht?“ steht an. Bahnübergang in Káptalanfüred. Im Hintergrund der Bahnsteig, davor eine Überdachung, der die Bezeichnung „Bahnhof“ mehr als nur schmeicheln würde. Káptalanfüred, eine von zig Milchkannen, an denen die Balaton-Ringbahn hält. Keine Ahnung, warum ich das jedes Mal spannend finde: Ich fixiere die Halbschranken, vor allem aber die drei Augen des Lichtsignals. Sie bilden ein auf der Spitze stehendes Dreieck. So lange das untere weiße Auge blinkt, ist der Weg frei - so meine bisher nicht widerlegte Arbeitshypothese, errichtet auf Erfahrungswerten des nun schon den vierten Tag andauernden Prozesses empirischer Informationsgewinnung. Einmal rauschte eine Bahn kurz nach dem Überqueren der Gleise an mir vorbei. Wirklich knapp war es nie. Vielleicht jetzt? … 200 Meter, 100, 50, … der mit Warnweste und Zeitmaschine ausstaffierte Offizielle zeigt keine Regung … 30 Meter, 20, 10 und … drüber. Rekordverdächtige acht Runden werden heute ausgewürfelt. Vielleicht erwischt es mich ja bei der nächsten … (aufmerksame, nicht unter Erinnerungsschwäche leidende Leser kennen die Antwort bereits).

Kaum Remmidemmi rund um die erste Wechselzone - eine neue Erfahrung. Liegt vielleicht am Wochentag und der ungewöhnlich frühen Tageszeit. Immerhin wurden wir zwei Stunden eher als sonst zur Schlussetappe entlassen. Ich registriere mich, entsorge schrumplige Geltütchen, trinke, breche wieder auf, trabe an … Im selben Augenblick „braust ein Ruf wie Donnerhall“ durch die dörflich friedliche Gasse. Nicht die Wacht am Rhein, ein Helfer hat den Brüller losgelassen. Köpfe fahren irritiert herum und ein Läufer, keine 30 Meter vor mir, erstarrt in der Bewegung. Falsche Richtung! Hinter der Tränke nach rechts. Auch das musste ich bei über zweihundert Mal Marathon und weiter lernen: Auf jeder langen Strecke gibt es mindestens die eine, perfide Stelle, wo die verlockend offensichtliche, nicht der tatsächlichen Richtung entspricht. Ohne Zeuge des Irrtums zu werden, hätte man vermutlich auch hinter mir her schreien müssen.

Wäre ich nicht von Ehrgeiz getrieben, hier müsste ich verweilen: Eine Fußgängerbrücke, sicher nicht älter als ein Jahr, wölbt sich in kühnem Bogen über den Fluss. Schilfzonen begleiten den Blick landein- und seewärts. Fernab glitzert ein schmaler Streifen Balaton, eine beschauliche Bucht, im Gegenlicht des späten Vormittags. Ruderboote liegen vertäut am Ufer. Ach was Ruderboote - zu unpoetisch das Wort in dieser Idylle hoch drei: Nachen liegen vertäut am Ufer … Nur Sekunden bleiben mir, die Impressionen vom Brückenscheitel aus zu erfassen und im Bild festzuhalten. Dann bin ich wieder unten. Fluss und See verschwinden hinter Schilf und ich betrete einen nigelnagelneuen Radweg. Von gelber Mittellinie in zwei Fahrtrichtungen aufgeteilt zieht er sich Schlangenlinien beschreibend durch den Auwald. Fußgänger, mithin auch Läufer, genießen auf dem fußfreundlich glatten Asphalt eigentlich kein Wegerecht. Ein parallel angelegter, mit Grünstreifen abgetrennter Schotterweg lädt stattdessen zum Spaziergang ein. Für heute scheint allerdings ein abgewandeltes Nutzungsrecht zu gelten: Asphalt für die Läufer, Schotterweg für den Rest der Menschheit.

Er und Sie in trauter Läuferzweisamkeit. Die beiden traben nebeneinander her, plaudern munter, lachen und kichern zwischendurch. Ob sie von Radweg und Hobby abgesehen auch Tisch und Bett miteinander teilen? Meine Neugier ergötzt und genügt sich wie meist im Spekulativen. Antworten braucht sie nicht. Ich bin geringfügig schneller als die beiden, hole langsam auf. Irgendwann wird das Paar trotzdem zum Hindernis. Für Sekunden beschleunige ich meine Schritte, ziehe vorbei und setze mich mit großzügig bemessenem Abstand vor das Laufduo. Was dann geschieht, hasse ich wie die Pest: Wovon auch immer animiert - keine halbe Minute später zuckeln die beiden wieder an mir vorbei. Die Dame schert unmittelbar vor mir ein und wird augenblicklich langsamer. Hielte ich Tempo und Kurs unverändert bei, ich träte ihr mit den nächsten Schritten in die Hacken … Das gibt’s doch nicht! Wie doof muss man sein, um ein so idiotisches Manöver zu inszenieren? - Mir bleibt nur eine Lösung: Mit einem Zwischensprint verschaffe mir genügend Abstand zu den beiden … Raubbau an meinen Ausdauerreserven, der hoffentlich nicht bestraft werden wird.

Wenn ich laufe, verraucht Unmut schnell, wird in Bewegungsenergie transformiert. Zornig düsteres Rot im Kopf erloschen, alles wieder blau und hell. Eine bekannte Melodie schwillt an. Offene Autotüren, Musikanlage voll aufgedreht … I know I can treat you better … better than he can … Shawn Mendes‘ leidenschaftliche Stimme, mehr noch der unwiderstehliche Rhythmus des Liedes erfasst meine Beine, breitet sich blitzartig im ganzen Körper aus … and any girl like you deserves a gentleman … Aus Lauf- werden Tanzschritte, meine Arme fuchteln umher … will gar nicht wissen wie das auf einen unbedarften Beobachter wirken muss … Promise I won’t let you down … Oh Gott! Der Kerl hat einen epiletischen Anfall! Ruft die Sanis … I know I can treat you better … better than he can … … better than he can …

Musikalisches Sekundenglück passé, Hochstimmung flaut ab. Aber nur bis aufs Niveau von „herrlich!“ Der Radweg durchtunnelt Märchenwald. Frische Blattspitzen lugen in die Sonne, immergrüne Bodendecker bilden einen undurchdringlichen Teppich, Efeu rankt an Baumstämmen empor. Eine grüne, sich in extremer Zeitlupe vollziehende Explosion. Neues Leben. Mittendurch der Radweg. Der wandelt sich für eine Weile zur unterhaltsamen Achterbahn. Schlingert hin und her, schmeißt mir ein paar Buckel vor die Füße, lässt mich vor Laufvergnügen jubilieren.

Gemüt wieder „normal temperiert“. Nicht, dass ich Langweiliges oder gar Hässliches vorbeiziehen sähe. Der Weg bleibt kurzweilig, offeriert aber auch keine spannenden Ansichten oder Bilder, die mich in Begeisterungsstürme ausbrechen ließen. Der Kopf ist frei, um mal wieder lauftaktisch - Tempo? Gefühl? - alles paletti! - und an den bevorstehenden, markanten Anstieg zu denken. Etwa fünfzig Höhenmeter, die im Streckenprofil so steil und lebensbedrohlich aussehen wie die Eigernordwand. Was soll’s? Es sind nur fünfzig Höhenmeter zu überwinden, überdies die einzig erwähnenswerte, vertikale Herausforderung des Tages. Die Straße steigt an, Ende nicht abzusehen. Wir Läufer tippeln auf dem Trottoir. Isser das, der Anstieg? - Anscheinend doch nicht. Wir biegen in eine Seitenstraße ab, verlieren prompt wieder an Höhe. Ein, zwei Kilometer weit, dann neuerlich und brachial aufwärts. „Brachial“ gibt die Steigung wahrheitsgetreu wieder, zumindest wenn ich die Anstiege der letzten Tage zum Vergleich bemühe. Als einer von wenigen behalte ich die Gangart Laufen bei. Gewicht auf den Fußballen, kurze Tippelschritte.

Auf der asphaltierten Rampe steht die Luft und zum ersten Mal überhaupt empfinde ich einen Anflug von (willkommener) Hitze. Schweiß bricht aus allen Poren, rinnt an mir herab. Ein tolles Gefühl, das ich monatelang nur in der Sauna genießen durfte. Lang gezogene Rechtskurve, kein Ende abzusehen. Musik und Sprachfetzen hallen mir entgegen, anscheinend erwartet mich am Gipfel des Eigers die zweite Wechselzone … Daheim im Training kann ich Anstiegen wenig Erfreuliches abgewinnen, empfinde sie als anstrengend und allenfalls noch als Abwechslung. Hier und heute erfüllt mich schweißgetränkte Freude. Weil ich kann, was viele andere nicht mehr können: Am vierten Ultralauftag, nach fast 180 Kilometern, die fordernde Rampe noch weitgehend unbeeindruckt erstürmen. Das Empfinden ungebrochener Stärke beflügelt mich, hebt einen Teil planetarer Schwerkraft auf, lässt mich zügiger vorankommen. Der Weg wird flacher. Ich vollende die Kurve und biege in die Gasse der Wechselzone ab. Als „Udo Pitschsch aus Wärringgen!“ gefolgt von „Wie geht’s dir Udo? Alles gut?“ werde ich diesmal sogar in Deutsch willkommen geheißen. Erst Finger-V für „Victory“, dann Registrieren, Trinken und weiter …

Etliche Zeilen und kaum Bemerkungen zu Lauftempo und orthopädischer Befindlichkeit. Das kann nur eines bedeuten: Alles rosarot oder genauer: Himmelblau! Ich durfte überwiegend schnelle Kilometer ablesen, aber auch ein paar langsame, wie etwa jener in der Eigernordwand. Mein Durchschnittstempo liegt grob überschlagen bei etwa 6:15 Minuten pro Kilometer. Aufregend schnell, schneller als an jedem Tag zuvor. Und das ohne Anflug von Schmerz. Zum Glück ist so flott zu laufen anstrengend, sonst ließe mich die völlige Beschwerdefreiheit ausflippen. Unfassbar: Dieser Körper ist 65 Jahre alt und es wäre eine dreiste Lüge, würde ich behaupten ihn stets mit gebotener Sorgfalt umhegt zu haben. Seit ich Marathon laufe, belaste ich ihn obendrein sehr einseitig und über die Jahre mit gewaltigem Pensum. Die Folge waren Beschwerden, manchmal Schmerzen, auch Verletzungen. Im letzten Jahr kein Trainingslauf, kein Wettkampf ohne Zipperlein mehr. Mein Körper sprach nicht mehr nur mit mir. Er reichte Klage ein, beim Tribunal meines Gewissens. Ich unternahm dies, versuchte das, probierte jenes zu meiner Entlastung. Reicht nicht, du musst mehr tun, forderten die Sachverständigen, meine Beine. Schließlich Einsicht beim Angeklagten, der Vorwurf und Buße akzeptiert: Wettkampfpause, alles auf Anfang, konditionelle Parameter verbessern. So geschehen vor einem Dreivierteljahr und nun das: Phoenix aus der Asche!

Nun gibt es keinen Zweifel mehr. Ein maximal talentierter Autor schrieb das Drehbuch zu diesem Film! Hob sich den grandiosen, nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt bis zum Schluss auf! Vielleicht fünf Meter rechts des Weges bricht das Hochplateau steil in die Tiefe ab. Vermutlich jene fünfzig, sechzig Meter tief, die ich mir vorhin, reichlich Schweiß produzierend, erkämpfte. In mir vermischen sich verschiedene Gefühle, nicht zuletzt eine Riesenportion Erregung. Will festhalten, was ich sehe: Mein Blick reicht bis ans Ende der Welt, so kommt es mir vor. Mindestens aber bis zum Horizont, wo sich das westliche Ende des Plattensees hinter der Erdkrümmung versteckt. Vorne, oben, rechts von mir alles blau. Ein unbeschreibliches, unwiderstehliches, atemberaubendes, zauberhaftes, jegliche Materie durchdringendes Blau. Wasser, Himmel, sogar der hinter Dunst verschwimmende, schmale Uferstreifen gegenüber, alles unifarben blau.

Laufen ist in diesen Minuten nur Mittel zum Zweck. Schauen, erleben, das Wunderbare ganz tief inhalieren. Selbst, wenn ich es wollte: Nie wieder könnte ich dieses Panorama aus meinem Gedächtnis tilgen. Ganz und gar unmöglich. Eine Randnotiz, die den Reiz des Abschnitts noch unterstreicht: Da joggt er wieder, der Modegeck, trabte mal vor, mal hinter mir. Als Type durchgestylt vom Scheitel bis zur Sohle. Kopfbehaarung - soweit noch vorhanden - akkurat gelegt, feinster Laufzwirn, neu und trendy, nicht im Mindesten von Schweiß besudelt. Um ihn herum blonde Weiblichkeit auf coolen Bikes und in einer Weise körperbetont gekleidet, dass sich jeder-Manns Augen reflexartig weiten. Jegliche Maid von einer Modellagentur beigestellt, direkt vom Catwalk zur Strecke verbracht … Keine Zeit euch anzusehen! Da drüben, hinterm Abgrund, lockt ungleich Reizvolleres, dieses fantastische Blau …

Auch dem Marathonschild schenke ich heute nicht mehr als flüchtige Aufmerksamkeit. Ein Alibifoto aus ungebremstem Lauf und weiter … laufen und schauen, schauen und laufen … Mal wieder ein Blick zur Anzeige der Uhr, unabsichtlich, ein Reflex: Noch acht Kilometer, weniger als zehn, einstellig. Die „neun“, sonst stets gefeierter, einstelliger Meilenstein, habe ich in all der Aufregung verpasst. Genauer: Verträumt. Sollte längst den Countdown runterzählen, das Ende herbei sehnen, mich „ganz doll“ auf die Ziellinie freuen. Nicht möglich. Nicht hier oben, nicht so lange ich rüber bis nach Amerika gucken kann …

Und dann geht es ratzfatz: Anfangs senkt sich das Sträßchen gemächlich, um schlussendlich zum Sturzflug anzusetzen. Steil hinab und im Schuss über die Schienen der Balatonbahn … Noch ein Stück steile Straße, dann ist der Höhenvorteil aufgebraucht. Die nächsten vier Kilometer durchmessen optische Tristesse, zwischen Bahntrasse am Hang (alsbald Bahntrasse ebenerdig) und einer endlosen Folge von bewohnten Grundstücken.

Dass mir dann doch nicht langweilig wird, geht auf das Konto des hochaufgeschossenen, schlaksigen Mannes im grünen Laufdress. Wer er ist, weiß ich zwar nicht, erinnere mich aber daran ihn mindestens auf den Etappen zwei und drei jeweils kurz vorm Ziel überholt zu haben. Entweder besitzt er mehrere der schmucklos grünen Trikots, oder er wusch sie allabendlich durch oder … Der Wind steht zwar günstig, dennoch mache ich einen weiten Bogen um die wie ein im Wind flatterndes Segel anmutende Gestalt. Der Mann flattert, nicht das Hemd. Seltsam verkrümmt, irgendwie seitwärts und nach vorne, eiert er dem Zielstrich entgegen. Neben der Straße übrigens, jeden Quadratzentimeter unbefestigten Geläufs ausnutzend. Der ist „dem Ende nahe“ und zwar in mehrfacher Bedeutung der Wortverbindung. Denke ich bei mir, während sein Schlurfen hinter mir verklingt. Denke ich immer noch, als das Schlurfen wieder deutlicher zu vernehmen ist. Näher kommt, dann sogar als grüner Fleck in meinem Augenwinkel rechts erscheint …

Was ist denn mit dem los? Will der ein Duell? - Falls es ihm nur darum zu tun wäre, sich an mich dranzuhängen, sich ein bisschen ziehen zu lassen, mental ein bisschen zu schmarotzen, hielte er Abstand. Der will aber überholen!? Empfindet er’s als unehrenhaft sich von diesem Deutschen auch heute wieder abhängen zu lassen? - Ein Wettlauf im Wettkampf, nach mehr als 190 Kilometern an vier Tagen. Ist es das, was du willst? - Okay, kannst du haben! Von einem Schritt zum nächsten ziehe ich das Tempo an und das nicht zu knapp. Erst scheint es, als wolle er mithalten, dann wird das Schlurfen leiser, … noch leiser, … verstummt … Ein Zwischenspurt sollte es werden, um den lästigen Verfolger ab- und in seine Schranken zu verweisen. Ein kleiner Zusatztriumpf an einem Tag, der mich bereits mit fast allem beschenkte, was mir die Laufleidenschaft geben kann. Seltsamerweise fühlt sich dieses irre Tempo … gut an. Überhaupt nicht so, als müsste ich alsbald zum Straßenrand hin ausscheren, um dort schnappatmend zu verenden.

Eine verwegene Idee, unvermeidlich und verführerisch: Was, wenn ich das jetzt so durchziehe? Diesen Wahnwitz weit unter sechs Minuten pro Kilometer? Ich weiß nicht, was mich mehr berauscht, das Tempo an sich oder die Gewissheit finaler Stärke. Die hätte ich mir nicht mehr zugetraut, nicht so … Noch vier Kilometer. Eisenbahn links, Anwesen rechts, Straße schnurgeradeaus, in der Ferne läuft Paralleles in einem Punkt zusammen. Perspektivische Verzerrung. Ich halte auf den Punkt zu. Lunge pumpt, Herz schlägt, Beine trommeln auf die Straße, noch drei Kilometer. Ich kann noch rennen wie ein Hase auf der Flucht. Wie geil ist das denn? - Schaue auch mal auf die Uhr, auf den GPS-basierten Tacho. Freue mich wie Bolle über mein Höllentempo. Noch zwei Kilometer.

Ein Streckenposten rückt ins Blickfeld: Rechts abbiegen, auf die Uferpromenade zuhalten, zwei-, dreihundert Meter, dann nach links, vorbei an der Tafel mit der „50“. Der letzte von 196 Kilometern … Ich könnte schreien vor Freude, jauchzen und jublieren. Und vielleicht täte ich genau das, hätte ich Luft dafür. Aber die brauche ich in meinen Lungen, um nun meinen Traum vom Zieleinlauf zu verwirklichen, das Bild, das ich seit Tagen immer wieder in mir aufrufe. Laufend, lächelnd, genießend ankommen. Dass mir das aus einem über mehr als vier Kilometer andauernden, irren Schlussspurt heraus gelingen würde, hätte ich nicht einmal zu hoffen gewagt. Umso schöner ist es jetzt. Da vorne - das Ziel!!! Und noch ehe ich den Fuß in die Zielgasse setze, höre ich ein letztes Mal meinen Namen: „Udo Pitschsch … Wärringgen!“

Ich könnte die ganze Welt umarmen. Stellvertretend falle ich Mike um den Hals und er mir. Der Freund hat in Zielnähe gewartet und porträtiert den „Helden“. Mike war lange vor mir im Ziel. Auch er hatte heute noch jede Menge Pfeile im Köcher. Helga ist auch schon da und Ralf steht längst unter der Dusche. Nach und nach treffen die anderen ein. Heike, Sandra, schlussendlich Steffen. Alle erfolgreich, das vergoldet den eigenen Sieg.

Ergebnis für die 51,3 km der Tagesetappe: 5:17:00 Stunden, Tempo: 6:11 min/km

Gesamtergebnis über 4 Etappen, 196 km: 20:41:42 Stunden, Tempo: 6:20 min/km

 

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Während der achtstündigen Heimfahrt hängen Mike und ich unseren Gedanken nach. Noch kapiere ich nicht so recht, wie mir geschah. Erst nach und nach, in vollem Umfang sicher erst in den kommenden Tagen, wird sich mir das Erlebnis „Balaton Szupermaraton“ in seiner ganzen Dimension erschließen. Mehr als ein Etappenlauf, viel mehr. Da war meine Leistung, die ich auf diesem Niveau nicht erwartet, nicht mal erhofft hatte. Dann das Gemeinschaftserlebnis: Neue plus alte Lauffreundschaften, selbstverständliche Harmonie, viel Spaß und Lachen. Mike, mit dem ich das Zimmer teilte und dessen Freundschaft ich als wertvolles Geschenk betrachte. Da waren reizvolle Landschaften, Ansichten und Erlebnisse, häuften sich Begebenheiten und Anekdoten. Vier Tage, in denen ich ausschließlich für meine Leidenschaft, den Langstreckenlauf, brennen durfte. Vier Tage in wärmender Frühlingssonne und durchdrungen von diesem unbeschreiblichen Blau …

 


 

Gesamtergebnis

  Etappe 1 Etappe 2 Etappe 3 Etappe 4 Gesamt Tempo
Ralf 4:23:04 4:53:37 3:47:29 4:31:53 17:36:03 5:23
Mike 5:05:43 5:14:32 3:58:31 4:46:01 19:04:47 5:50
Udo 5:08:30 5:41:17 4:34:55 5:17:00 20:41:42 6:20
Helga 5:37:01 6:05:39 4:39:47 5:28:57 21:51:24 6:41
Sandra 5:18:16 6:31:39 5:11:02 5:28:32 22:29:29 6:53
Heike 5:05:41 6:13:20 5:02:19 6:08:17 22:29:37 6:53
Steffen 5:52:52 6:48:04 4:57:54 6:18:47 23:57:37 7:20

 


 

 

Fazit zur Veranstaltung

Eine kurze Streckenbeschreibung von 196 Kilometern an vier Tagen würde mich überfordern. Sie ergibt sich aus dem Bericht. Entscheidende Parameter: Weitgehend flach, lediglich auf den Etappen 3 und 4 trifft man weitgehend harmlose Anstiege an. Bis auf einen unbedeutenden Teil der ersten Etappe ausschließlich asphaltierte Wege.

Die Organisation des Veranstalters kann ich nur in den höchsten Tönen loben. Vor allem um die ausländischen Teilnehmer kümmerten sich die zahlreichen Helfer rührend. Wartezeiten entstanden vor Massagen, die man sich nach der Etappe im Ziel oder später im Hotel angedeihen lassen konnte. Nach meiner Einschätzung ist die Variante „Massage im Hotel“ die weniger zeitintensive Lösung. Unschön auch das verwendete Zeitmesssystem, weil es beim Start zu Wartezeiten führt und man sich unterwegs aktiv um die Registrierung bemühen muss.

Wer die Balatonrunde laufen möchte, sollte nach Freischaltung der Anmeldung nicht zögern. Die vom Veranstalter zu günstigen Pauschalpreisen angebotenen Arrangements für Hotelunterbringung und Bustransfers sind begrenzt und rasch ausgebucht.

Fazit: Jederzeit mit Freu(n)den wieder!

 

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