30. August 2026

Auf Regen folgt Sonne  -  Rund um Rutesheim (RuR)

Mal kurz nachrechnen, wie oft ich hinter den Halbmarathon rund um Rutesheim bereits einen Haken setzte: Zweimal gelang mir ein RuR als Ultra (63,3 km), ergibt 6 Runden. Weitere drei Starts endeten nach dem Marathon, macht weitere 6 RuR-Orbits. Dann war da noch der Comrades Marathon Centenary Run im Jahr 2021, als der berühmte Ultralauf 100 Jahre alt wurde und in Südafrika infolge Pandemie ausfiel. Klaus Neumann nutzte für seinen 88 km langen Centenary Run 4 RuR-Runden nebst kleiner Auftaktrunde (siehe Link). In der Summe ergeben diese Veranstaltungen 16 Rutesheim-Umrundungen. In diesem Jahr stehe ich nach Januar und Juni bereits zum dritten Mal an der Startlinie im Freizeitpark der schwäbischen Kleinstadt nahe Stuttgart.

Mithin kenne ich die Strecke wie meine Westentasche und erwarte unterwegs nichts Neues zu finden oder zu erleben. Meist joggte ich im Uhrzeigersinn, verschaffte mir lediglich 2024 einmalig Abwechslung in Gegenrichtung. Eine Wiederholung dieser Variante habe ich mir heute auf der zweiten Runde vorgenommen. Was ich nicht wiederholen werde, ist die detaillierte Schilderung einer Strecke, die mein Berichtsfundus bereits in allen Einzelheiten abbildet*.

*) Wer sich über einen RuR-Abschnitt näher ins Bild setzen möchte, klickt auf die graue Leiste „Laufbericht finden“ im Menü der Seite. Die Suche nach älteren RuR-Berichten wird rasch zum Erfolg führen.

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Wieso ausgerechnet RuR und warum schon zum dritten Mal in diesem Jahr? - Ursächlich dafür sind einerseits das großzügige Regelwerk des Laufs, das mir ein Finish erleichtert, andererseits meine aktuelle Verfassung, die genau das erschwert. Einen Marathon unter 5:30 Stunden beenden zu wollen, wurde im Jahresverlauf 2026 immer unwahrscheinlicher. Damit scheiden viele potenziell erreichbare Marathonläufe Schlusszeit-bedingt aus. Läufe im Veranstaltungskalender des 100 Marathon Clubs räumen dagegen reichlich Laufzeit ein. Häufig muss das Ziel erst bei Sonnenuntergang erreicht worden sein. Dankbar bin ich auch für Komfort, der die Teilnahme zusätzlich erleichtert. Beim RuR ist das vor allem der individuelle Start nach Eintreffen. Das erlaubt mir zu einer erträglichen Zeit aufzustehen, in etwa zwei Stunden ohne Zeitdruck nach Rutesheim zu zuckeln und schließlich noch an vier Streckenpunkten Wasser- und Geltütchen zu deponieren. Um 9:10 Uhr stand ich heute „gestiefelt und gespornt“ an der Startlinie.

Langeweile rund um Rutesheim? - So oft war ich nun auch noch nicht hier, zudem fand jede Wiederholung unter anderen äußeren und inneren Rahmenbedingungen statt. Heute schienen zunächst die vorteilhaften Umstände zu überwiegen: Nach nur drei Kilometern machte sich die Sonne rar. Zwar verhinderte die herrschende Schwüle (hohe Luftfeuchtigkeit) nicht im eigenen Saft zu schmoren, nachhaltig zu dehydrieren würde mir aber erspart bleiben. Nachteil: Trüber Himmel, der mir nicht selten auch die Laune eintrübt. Tatsächlich musste sich das Wolkengrau infolge meiner fatal miesen Tagesform dafür nicht mal anstrengen. Ab Schritt eins widersetzten sich schwere, müde Beine dem Bemühen einen flüssigen Laufrhythmus aufzunehmen. Eingelaufen wurde es nicht leichter, mitgebrachte Müdigkeit brandete mir in Wellen vor die Brust.

Bei der Suche nach Gründen für eine schlechte Tagesverfassung bewegt man sich immer im Bereich der Spekulation. Als sehr wahrscheinlich kontraproduktiv für den heutigen Lauf werte ich dennoch die Aktion „Winterholz“. Zwei Festmeter Holzscheite, vorgestern geliefert und sofort verräumt, zwangen mich meine Muskulatur drei Stunden lang in ungewohnter Weise zu gebrauchen - Betonung auf „ungewohnt“. Wenig überraschend reagierte mein Körper darauf mit Muskelkater und Erschöpfung. Früher hätte die „Kiste“ das binnen zweier Nächte locker weggesteckt, im Seniorenalter braucht sie dem Lauf der Dinge gehorchend länger. Dass der letzte Marathon drei Wochen zurückliegt, es mir folglich schon wieder an Reichweite gebricht, scheint ebenso wenig hilfreich, wie die unausgesetzt zu überwindenden Buckel, die sich auf knapp 300 Höhenmeter pro RuR-Runde summieren. Auch für die Höhenmeter gilt: „Früher“ kaum erwähnenswert, im Läufer-Spätherbst fast schon eine alpine Hürde.

So viel zum ersten Halbmarathon. Nach Runde eins stehe ich am offenen Kofferraum, lutsche ein Gel, spüle es mit Wasser runter und versuche mich zu konzentrieren. Darauf, was ich zu Runde zwei mitnehmen muss. Ich befürchte Fehler nach 2:45 mit Laufen verbrachten Stunden, zu denen mein Ü70-Denkapparat schon im Grundsatz neigt. Erschwert wird mir die Denkaufgabe von einem, der sein Finish schon in der Tasche hat, meiner ansichtig werdend, seinem fahrbaren Untersatz entsteigt und mich in ein Gespräch verwickelt. Brav antworte ich, frage auch, will keinesfalls unhöflich erscheinen. Als er sich schließlich verabschiedet, fokussiere ich mich auf das Notwendige: Zwei Gels in der Gesäßtasche mitnehmen, ich habe definitiv zu wenige an den Depots hinterlassen. Kamera nicht vergessen, sonst bleibe ich anders 'rum joggend ohne Bilddoku. Was noch? Ach ja: Klatschnasse Klamotten erzählen von hohem Schweißverlust infolge Schwüle. Deswegen hatte ich mir vorgenommen am „Salztopf“ zu naschen. Döschen rauskramen, Deckel runter, mit feuchtem Finger dippen, abschlecken; einmal, zweimal. Sollte reichen. Und sonst? - Der Himmel verdüsterte sich in den letzten zwei Stunden. Schildkappe mitnehmen? Wird’s regnen? - Wohl eher nicht, mehrfach klafften himmelblaue Lücken im Wolkengrau. Eher als Regen erwarte ich, dass sich die Sonne demnächst durchsetzt und mir gewaltig einheizt. Kofferraum zu und ab …

Den elend langen Schlussanstieg von Umlauf eins verwandele ich per Richtungsänderung in Gefälle. Erste, staksige Schritte nach der relativ langen Pause am Auto warnen mich vor. Zumindest sollten sie mir Warnung sein: „Teil zwei wird wehtun!“ Solche Botschaften überhöre ich nur zu gerne, zumal der Laufrhythmus im Gefälle recht bald zurückkehrt - so weit mir ein Laufrhythmus heute überhaupt möglich ist, sollte ich einschränkend hinzufügen. Ein überholendes Feuerwehrauto lenkt mich nachhaltig von inneren Befindlichkeiten ab. Unweit voraus stoppt das Fahrzeug hinter zwei weiteren, mit eingeschaltetem Blaulicht. Was geht da vor? Feuerwehrleute in voller Montur machen sich in der Wiese daneben zu schaffen. Vor ein paar Minuten joggte ich bergauf an der Stelle vorbei. Von einer niedergebrannten Feuerstelle, Aschekreis etwa einen Meter im Durchmesser, stieg eine dünne Rauchsäule auf, Flamme war keine mehr zu sehen. Auf dem Weg, abseits der Rauchsäule stand eine Frau, wie mir jetzt scheint: abwartend. Offenbar hatte die Dame die Feuerwehr alarmiert … War das nötig? - Ist die Gefahr eines Flächen- oder Waldbrandes nach den Regenfällen der letzten Tage noch immer so groß? Von Zweifeln ergriffen tippele ich talwärts weiter. Zweifel, angesichts der jetzt nicht mal mehr rauchenden Brandstelle und dreier Feuerwehrautos, nebst etlicher ihrer Sonntagsruhe beraubter Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr.

Vorbei an Kunstwerken, die ich vorhin, bergwärts, einmal mehr fotografierte, obschon sie bereits mehrfach im Festplattenfundus vergangener Läufe dahindämmern. Knubbelig Unverständliches steht mir Spalier, auch Rostiges und weiter unten, fast in der Talsohle, die „Gestelle mit Vogel“. - Plötzlich doch ein ungewohntes Bild im gewohnten Umfeld: Vorhin observierte ich den Bauern beim Erneuern/Verstärken des Elektrozauns seiner Wiese. Jetzt grasen hier Bullen. Pechschwarze Jungbullen. Schwarze Flecken vor sattgrünem Hintergrund, hübscher Schnappschuss. Noch ein Kilometer sanft bergab … Nützt ja nichts sich selbst zu belügen: schon jetzt lässt mein Halteapparat Robustheit vermissen. Gesäß- und Beinmuskeln versenden unangenehme Signale. Empfinden solcher Art kenne ich von den Schlusskilometern, nicht schon kurz nach halber Marathondistanz.

Tiefsten Punkt der Strecke erreicht, die längste, in dieser Richtung zu laufende Steigung beginnt. Dachte sie mir erträglich und zu Beginn der zweiten Runde im Handumdrehen bewältigt. Eine von Optimismus getränkte Vorstellung, die sich nicht erfüllt; nicht erfüllen kann, nicht heute. Schon jetzt ist es hart. Bloß nicht an die vielen Buckel denken, die mir noch bevorstehen. In Wahrheit liste ich sie in Gedanken auf, einen nach dem anderen, türme sie zum kleinen Gebirge auf. Immer noch hinan, jetzt über die Autobahnbrücke, A8 Karlsruhe-Stuttgart. Verkehr rauscht auf sechs Spuren unter mir hindurch. Schon vorhin, abwärts, wünschte ich mich mit meinem Auto mitten rein ins Verkehrsgetöse, stellte mir vor mit erfolgreichem Marathon im Gepäck heimzufahren. Nützt ja nichts sich selbst zu belügen: Will’s einfach nur hinter mich bringen, nach Spuren von Vergnügen suche ich mittlerweile vergeblich. Am deutlichsten wurde mir das vorhin, vorm offenen Kofferraum, als der Mitläufer sich verabschiedete: „Viel Spaß noch!“

Bin oben, blicke ostwärts über die weite Talsenke vor Leonberg. Zwischen Feldern sanft abwärts, alsbald am Reiterhof vorbei. Vorhin wurde ich aus der Deckung heraus verbellt, klang nach Schäferhund, jedenfalls ein Großer auf vier Pfoten. Jetzt Stille. Vielleicht haben sie ihn vom Gebell genervt weggesperrt. Weiter runter, bisschen steiler jetzt. Was natürlich nur eins bedeuten kann: wenig später wieder rauf. Graffiti voraus, Schmetterling und Blüte, ins Riesenhafte vergrößert, schmücken ein Häuschen. Eher ein niedriges Kabuff, kaum betretbar. Was mag da „Technisches“ drin sein, an dieser Stelle, am Feldrand, weitab bewohnter Areale?

Interessiert es mich wirklich? Grundsätzlich schon, heute, von Anstrengung gezeichnet, nicht wirklich. Kilometer 26. Pause am Kinderspielplatz. Unter abgrenzender Hecke, der Sicht entzogen, liegt ein mit Wasser gefüllter Milchkarton, daneben ein unberührtes und ein schon geleertes Geltütchen. Gel in den Bauch, reichlich Wasser hinterher. Restwasser ausleeren, Karton zusammenfalten, leere Geltütchen einsammeln, den Müll im nahen Abfallkorb des Spielplatzes entsorgen und weiter.

Stur voran durch ein Wohnviertel; gedämpfte Musik von irgendwoher, Kinderstimmen hinter Büschen, ansonsten sonntägliche Stille. Anschließend durch ein Rutesheimer Gewerbegebiet. Sonntags ruht die Arbeit, alles geschlossen. Im Grunde wäre hier sogar Totenstille, rollten nicht alle paar Sekunden fahrbare Untersätze vorbei. Nichts rührt sich im Porschewerk rechts von mir, drüben auf der anderen Straßenseite. Vorbei. Baumarkt links und rechts der Straße, alles verrammelt. Vorbei. Supermarkt und Billigklamotten-Jakob auf meiner Seite. Vorbei. Kreisverkehr. Auto rast heran. Vorsicht! Stehenbleiben! War die richtige Entscheidung, nahezu überlebenswichtig. Tussi lenkt, schwätzt zugleich auf ihre Beifahrerin ein, donnert an mir vorbei in den Kreisverkehr als wäre sie allein auf der Welt. Irre und Rücksichtslose - wie man (-n) sieht beiderlei Geschlechts - gibt‘s überall in diesem Land. Auf Straßen scheinen sie allerdings gehäuft unterwegs, bestimmt, um sich irgendwo zu treffen.

Erst frohlocken: Der bitterböse Buckel hoch zur kleinen Brücke (siehe Bild) bleibt mir infolge Gegenläufigkeit erspart, den darf ich jetzt runtersausen. Dann wehklagen: Fühlt sich auch abwärts übel an im Gebein. Und so tippele ich eher verhalten hinab, wo ich doch eigentlich zügig lange Schritte setzen sollte. - Blick zum Himmel: Hitze bleibt mir auf Runde zwei anscheinend doch erspart, die Wolkendecke ist nun komplett geschlossen. Ich mag Sonne beim Laufen; weiß jeder, der mich kennt. Aber heute kann ich auf Miss Sunshine gut verzichten, triefe auch so schon am ganzen stoffbedeckten Leib. - Mulde mit Streuobstwiesen. Unten und gleich wieder hoch. Oben, kurzer „Weitguck“, schon wieder runter. Links auf einen Feldweg abbiegen, vor dem mir graut: auf teils losem Geröll muss ich Höhenmeter gutmachen.

Waldrand, nächstes Depot: Schlucke Gel aus der Gesäßtasche plus Wasser aus Milchkarton Nummer zwei. Trinken, Rest ausschütten, falten, entsorgen. 20 Meter zum Abfallkorb hin und wieder zurück. Zusatzstrecke. Dass mir 40 Extrameter relevant vorkommen, spricht Bände. Ab in den Wald und laaaange runter, Kilometer 30 meldet die Uhr. Wieder Schritte zu formen will heftig gewollt sein. „Loslaufen“ denken reicht nicht mehr. Nützt ja nichts sich zu belügen: Meine Kräfte lassen nach, bereits jetzt sehne ich mit Inbrunst das Finish herbei. Was sich schlecht mit der Reststrecke verträgt, geschätzte eindreiviertel Stunden werde ich noch brauchen* - weiteren Kräfteverfall gefolgt von Tempoverlust eingerechnet.

*) Am Ende werden es sogar etwas mehr als zwei Stunden sein.

Runter im Wald, immer weiter runter. Wieder hoch im Wald, immer weiter hoch, verdrossen aber stetig. Was halt noch so geht mit entleerten Energiespeichern. Ich beginne auf dem Sachverhalt rumzudenken, hab ja sonst nix zu tun. Rundum Wald, keine Menschenseele, nichts, das mich unterhalten würde. Also grübeln: Fehlt wirklich Ausdauer? Wenn ich rauf muss, schaffe ich es rauf, sogar tippelnd. Müsste ich, so nachhaltig erschöpft, wie es sich anfühlt, nicht zu schwach sein, um noch zu laufen? Liegt nicht eher muskuläre Zerrüttung der wachsenden Laufhemmung zugrunde? - Was ich bergab spüre, scheint diese These zu stützen. Mehrere Wochen hab ich meinem Körper keine solche Distanz mehr abverlangt, über Monate nicht mehr so viele Höhenmeter. Was Wunder, wenn er jetzt mangels Robustheit protestiert? Und dann ist da noch die nervale Ermüdung. Flüssige Laufbewegungen setzen steuernde Impulse voraus, überall in den Beinen, auch den Armen. Impulse, die auf die Mikrosekunde genau das Muskelgewebe anregen müssen … So steif und unrund wie ich mich bewege, scheint sich mein Nervensystem als müdestes aller beteiligten Organe zu outen.

Denken, Sinnen, Grübeln … - Wo bin ich unterdessen? Ringsum Wald, irgendwie fremd, irgendwie alles gleich aussehend. Keine bekannte Wegmarke unter tausend Bäumen, zumal in Gegenrichtung unterwegs. Tippele bergauf, blind vertrauend: wird schon passen … Immer weiter hinan … schließlich doch ein Anfangsverdacht: Ich werde mich doch nicht … Hebe den Blick, erkenne stückweit vor mir einen Waldrand. DAS kann nicht sein, falsche Richtung! Wechsle auf der Uhr zur GPS-Darstellung. Prompt wird aus Verdacht Gewissheit: Verlaufen! Eigentlich müsste die Uhr den Streckenabschnitt von Runde eins als gestrichelte Linie präsentieren und darüber, hinterm Pfeil der aktuellen Position, eine zweite Linie zeichnen. Sehe nur die gegenwärtige Spur: Mist! Blicke umher, alles gleichförmig grün, bin ohne jede Orientierung. Joggte unkonzentriert und arglos einher, achtete nicht auf Weggabelungen. Unterm Strich ergibt das: Verlaufen. Anfängerfehler. Ausgerechnet heute, da ich ohnehin schon auf dem Zahnfleisch gehe, Extrastrecke und -steigung. Ärgerlich. Umdrehen und zurück …

Nur wie weit zurück? - Weggabelung, ich kam von rechts, der Track ist mein Zeuge. An dieser Stelle links abzubiegen brächte mich jedoch früher wieder auf den korrekten Kurs - schlägt mein Orientierungssinn vor und der ist jetzt hellwach. Hellwach aber nicht vor Fehlern gefeit. Trotzdem gehe ich das Risiko ein, schwenke nach links, finde ich mich kurz darauf in Gefälle wieder, weiß instinktiv: Das kommt hin. Halbe Minute später: Auf der Uhr erscheint quer zur Laufrichtung die ersehnte „alte“, gestrichelte Linie und hundert Meter weiter biege ich nochmal links ab, jetzt „back on track“. Und wie könnte es anders sein: erneut stehe ich am Fuß einer Steigung.

Es hat zu nieseln begonnen. Ich senke den ohnehin schon müde hängenden Kopf bis fast auf die Brust, will die Brille trocken halten. Mehr als ein paar Spritzer wird der Himmel nicht hergeben! Hoffnung, an die ich mich einstweilen klammere, die finsteren, gleichförmigen Wolken über mir drohen mit mehr. Mit eingeschränkter Sicht im Wald, abgelenkt von Grübelei und Irrweg, hab ich nicht bemerkt, dass sich was zusammenbraut. Und wenn schon, was hätte ich anderes tun können als weiterzulaufen? Das Nieseln verdichtet sich, gerinnt zu Regen. Erste Tropfen treffen meine Brille. Auch das noch …

Immer weiter aufwärts, gottlob nicht zu steil. Der Schauer intensiviert sich. Wo ich trockenen Boden sehe, setze ich Schritte unter schirmenden Ästen. Hilft nur bedingt. Nach und nach verschwimmt mir die grüngraue Welt vor den Augen. Die Schildkappe liegt im Auto, in meiner Lauftasche, trocken und sicher. Toll. Noch ein Anfängerfehler. Je mehr Marathons ich sammele, umso dämlicher stelle ich mich an. Die Schirmkappe unterm Hosenbund klemmend mitzunehmen hätte nullkommanull Aufwand oder Behinderung bedeutet. Hätte, hätte, Fahrradkette …

Bin oben. Im Regen. Noch im Wald. Wieder runter, nach links, schließlich raus aus dem Wald. Den Wolken gehen die Tropfen aus, bald wird’s aufhören zu regnen. Weiter. Straße mit viel Verkehr. Autos zischen auf nassem Asphalt wie giftige Vipern, ziehen eine Wasserschleppe hinter sich hier. Rüber, runter, jetzt sogar hundert flache Meter. Der Himmel scheint abgedichtet. Ich halte auf die steilste Stelle des Kurses zu, beschließe zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Aufwärts gehen, dabei Brille trocken wischen, was sich nicht ganz unkompliziert gestalten wird. Fische dazu meinen Notvorrat Toilettenpapier aus der Gesäßtasche. Opfere zwei Blätter. Gehe steil aufwärts und tupfe die Brille trocken. Setze sie wieder auf, sehe klar. Höre höhnisches Gelächter böser Mächte, spüre wie das Bombardement der Tropfen neuerlich einsetzt. Fluche natürlich. Fluchen hilft sonst immer. Heute nicht. Fluchen hält Wolken nicht vom Regnen ab. Was für ein besch … Lauf! Welcher Teufel ritt mich heute hierher zu fahren?

Tippele los, der Schauer schwillt an. Unterstellen? - Unterstellen! Ich schlüpfe unter ausladende Äste, harre aus, beschirmt, missmutig in den jetzt dichten Regenvorhang starrend. Wie lange stehe ich da? Eine Minute, zwei? - 10 Kilometer fehlen noch. Himmel eintönig grau, einerlei wohin ich blicke. Ungeduld übernimmt das Kommando: Wozu hier noch länger rumstehen? So bald wird’s nicht aufhören! Also wieder los … und tropf, tropf, tropf platscht es auf die Brillengläser.

Um es kurz zu machen: Weitere zweimal stellt der Himmel die Berieselung ein und weitere zweimal krame ich Papier aus der Gesäßtasche hervor, um wieder klarzusehen. Ziemliches Gefummel plus Zeitverlust, es nervt gewaltig. Auch, weil ich dabei gehen muss und gehend die Beine mehr zwicken als beim Laufen. Der letzte Halbsatz lässt erahnen, wie es auf den verbleibenden 8, 7, 6, 5 … Kilometern um mich bestellt ist. Ich büße zunehmend Schrittweite ein, mein Tempo nimmt stetig ab. Was fehlt, ist nicht Ausdauer. Verliere mehr und mehr die Kontrolle über meinen Bewegungsapparat. Kaum mehr Amplitude beim Heben der Füße.

Zwischen Feldern voran, die kleine Ortschaft Perouse* und ein weiterer Buckel liegen erobert hinter mir. Zweithöchsten Punkt der Strecke überwunden. Weiß ich, weil ich das Streckenprofil gefühlte hundert Mal nach vorangegangenen Läufen beäugte. Jogge auf den zweiten Waldabschnitt der Runde zu. Über mir klart es auf, der Regen hat endgültig verloren. Ich schleppe mich voran. Diese Schwere der Beine, der ziehende Schmerz in allen Fasern - so blockiert war ich schon lange nicht mehr. Grübeln überflüssig: Fast 600 Höhenmeter stecken nun schon in meinen Gräten und ein paar folgen noch. Jetzt zum Beispiel: Rein in den Wald und sanft aufwärts, drei- vielleicht vierhundert Meter weit. Bis zum letzten Wasserdepot. Letztmalig trinken, Rest ausschütten, Karton falten, am Rücken unter den Hosenbund klemmen. Abfalleimer gibt’s hier keinen.

*) Zum außergewöhnlichen, französisch klingenden Ortsnamen steht mehr bei Wikipedia.

Den Müllkübel finde ich etwa einen Kilometer weiter am Rand eines Grillplatzes. Hübscher Holzpavillon zum überdachten Sitzen, daneben die eingefasste, „offizielle“ Feuerstelle. Die ist derzeit im Dreieck von Bauzäunen umstellt, um etwaige Zündler fernzuhalten. Man hat die Zaunelemente sogar miteinander verschraubt, beugt mit einer Verbotstafel jeglichem Missverständnis vor: „Feuer machen verboten! Waldbrandgefahr!“ - Vorhin das Riesenaufgebot der Feuerwehr, jetzt der verrammelte Grillplatz - die Angst vor rasch um sich greifender, nicht mehr beherrschbarer Feuersbrunst sitzt nach dem trockenen Sommer offenbar tief.

Letzte Etappe, einstweilen noch im Wald, zweieinhalb Kilometer bis zum Finish. Mit ausgeprägter Gleichgültigkeit jogge ich am Riesenmammutbaum vorbei. Zu Beginn der ersten Runde galt ihm noch die Aufmerksamkeit meiner Kamera, wie jedes Mal. Da schien auch noch die Sonne, die in diesen Minuten zum Comeback ansetzt. Zu spät, um mir den Rest zu geben. Ich lasse den Wald hinter mir, nehme das hässlichste aller Wegstücke unter die Sohlen. Massenhaft loses Geröll. Was meine Beine, weitgehend sich selbst verwaltend, vollführen, ist mehr Stolpern als Tippeln. Moderat hinan, Schweiß strömt aus allen Poren, noch ein Kilometer. Zuckele parallel zur vielleicht 30 Meter entfernten Autobahn dahin, ohrenbetäubendem Lärm ausgesetzt. Asphalt unter Autoreifen schon wieder trocken. Endlich auch Asphalt unter meinen Sohlen. Noch eine Straße überqueren, dann runter. Zum Endspurt das Tempo forcieren? Wozu? Geht auch nicht mehr, tut zu weh. Unter der Autobahnbrücke hindurch, ein paar Meter aufwärts, rechts abbiegen, hin zur Start-/Ziellinie im Freizeitpark. Uhr stoppen, 6:08:25 Stunden nach dem Start. Ich trotte zum Auto. Im Grunde hake ich diesen total missratenen Marathon schon auf diesen Metern ab. Genieße jetzt den Sonnenschein. Auf Regen folgt Sonne. Wäre fein, wenn’s auch beim Laufen so wäre, nächsten Sonntag will ich schon wieder …

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Laufbericht vom Januar 2024.