24. Mai 2021

Freiräume gestalten  -  Comrades Marathon Centenary Run

Gedenklauf 100 Jahre (1921 - 2021)

Mitlaufen oder Fernbleiben? - Es wird niemanden überraschen, dass ich nicht anders konnte als am Pfingstmontag nach Rutesheim bei Stuttgart zu fahren und am Jubiläumslauf 100 Jahre Comrades Marathon teilzunehmen. Eher schon, dass mich dorthin Furcht vor einer deftigen Niederlage begleitete. Letzteres ist rasch erklärt: Vor zwei Wochen, auf derselben Rundstrecke, musste ich entsetzlich leiden. Und das auf weniger als den heute geforderten 88 Kilometern. Andererseits lag mir viel daran, gerade den "CMCR" (Comrades Marathon Centenary Run) nicht zu versäumen. Warum das so war, steht rechts unten im Kasten.

Also bin ich hier, bereit und breche gegen 8:15 Uhr auf ... Startzeitpunkt beliebig, um gemäß geltender Covid-19-Verordnung unerlaubter Gruppenbildung vorzubeugen. Ich will eine kleine Auftakt- und vier große Runden laufen, rechnerisch: 5,8 + 4x20,5 = ca. 88 Kilometer. Ich muss allerdings "nur" die kleine und mindestens zwei große Runden überstehen, etwa 48 km, will ich Zählbares mit nach Hause nehmen. Dritte Alternative: "1+3", ergibt 67 Kilometer. Wie "alternativ" sind diese Alternativen für mich? - Überlegungen dazu gehen mir auf den ersten Kilometern durch den Kopf. Immer wieder unterbrochen von strikten, aus dem Laufgefühl abgeleiteten Tempokontrollen. Zugrunde liegende Strategie: Um Himmels Willen extrem langsam beginnen! Vor allem in Steigungen äußerste Zurückhaltung, um nicht vorzeitig Ausdauer zu verschleudern!

Die kurze Auftaktrunde deckt sich nur teilweise mit den späteren großen Runden, die ich bereits vom Rund um Rutesheim Ultralauf (RuR) kenne. Vom Sportplatz durch Perouse, einem Ortsteil des Städtchens Rutesheim, zunächst den gelben Pfeilen folgend. Am Ortsrand lasse ich mich ausnahmsweise und einmalig von rosa Pfeilen in den nahen Wald lenken. Darin moderat aufwärts, ungewohnt langsam aufwärts für Udo. - Die Alternativen: Wie alternativ sind die für mich? Die Furcht vor ähnlichem, vielleicht noch schlimmerem Leiden als vor zwei Wochen lässt mich die kürzeren Varianten zumindest "erwägen". Eine Art Beruhigungspille in Form zweier "Notausstiege". In Wahrheit wird mein Ehrgeiz jedoch kein vorzeitiges Ende akzeptieren. Nicht so lange ich Schritte aneinander zu reihen vermag, die irgendwie nach Laufen aussehen. Vielfache Erfahrung mit mir selbst belegt, dass mir das noch über Stunden nach Beginn der Quälerei gelingt. Mit anderen Worten: Keine echten Alternativen, eher Selbstbetrug, um meine Bedenken zu knebeln.

Bedenken, die nach dem Start stetig an Bedeutung verlieren, zerstreut vom Gleichmaß der Schritte und der Fokussierung auf gebotene Zurückhaltung. Ein erster sanfter Anstieg im Wald liegt hinter mir, auf leicht abschüssigem Weg kreuze ich die spätere große Runde. Was ist heute anders als vor zwei Wochen? - Umwelt: Gerade mal 7°C zum Start, bedeckter Himmel und die Temperatur wird deutlich unter der 20°C-Marke bleiben. Am Nachmittag rechne ich dem Wetterbericht zufolge gar mit Regen. Kein Vergleich mit den subtropischen Verhältnissen vor Zweiwochenfrist. Der Laubwald ringsum präsentiert unterdessen ein lückenloses Blattkleid. Nur werde ich diesen Sonnenschirm heute kaum brauchen. Und in mir drin? Was tut sich da? - Da tut sich gar nix. Wie denn auch, bei dieser "Schleichfahrt" und nach erst vier Kilometern. Frühestens zu Beginn der zweiten langen Runde erwarte ich eine Tendenz, ob eher "hopp oder top".

100 Jahre Comrades Marathon! - 1921 startete erstmals ein kleines Teilnehmerfeld in Südafrika auf der legendären Strecke zwischen Pietermaritzburg und Durban. Nur der Zweite Weltkrieg und das verfluchte Virus konnten die alljährliche Austragung des Wettkampfes unterbrechen. Nach 2020 wurde der Comrades dieses Jahr zum zweiten Mal abgesagt. Besonders im Jubiläumsjahr eine schmerzhafte Zäsur. Wie schmerzhaft ist für Europäer nicht leicht zu verstehen. Dabei hilft zu wissen, dass der Comrades in Südafrika ähnliches Aufsehen erregt wie etwa Wimbledon in Großbritannien oder die Tour de France in Frankreich.

Dafür verantwortlich sind die lange Tradition des Sportereignisses aber auch dessen Dimensionen. Die Strecke von knapp 90 Kilometern muss in maximal 12 Stunden gelaufen werden. Das versuchen in jedem Jahr sage und schreibe etwa 20.000 (!!) Läufer. Damit gilt der Comrades nicht nur als ältester sondern auch als größter Ultralauf weltweit. Nur eine Minderheit der Teilnehmer kommt aus dem Ausland. Dass sich so viele Südafrikaner knapp 90 Laufkilometer zumuten, zeigt, in welchem Maß ein geglücktes Finish deren gesellschaftliche Stellung aufwertet. Dafür riskieren manche ihre Gesundheit, treten mit übergroßem Ehrgeiz und ungenügend trainiert die lange "Reise" an. Etwa 20 Prozent der Starter scheitern. In jedem Jahr gibt es für die medizinische Abteilung des Comrades reichlich zu tun. Am Ziel wird das zu Friedenszeiten größte Lazarett weltweit aufgebaut. Etliche Sanitäter kümmern sich um Läufer, die kurz vor Ablauf der 12-Stundenfrist auf den letzten Metern kollabieren.

Uns ausländischen Teilnehmern erschließt sich die Bedeutung des Ereignisses "Comrades" nicht unbedingt in voller Tragweite. Wir betrachten den Wettbewerb aus unserem Blickwinkel als gewaltiges Laufspektakel mit Volksfestcharakter, dazu ein jeder entsprechend seiner Leistungsfähigkeit als sportliche Herausforderung. Der Comrades aber ist mehr - viel mehr - für Südafrikaner. Vermutlich erwirbt ein "South African" schon allein durch Teilnahme den Nimbus eines willensstarken und körperlich gesegneten Menschen. Ein erfolgreiches Finish macht ihn zum hoch angesehenen Sportler mit herausgehobener gesellschaftlicher Stellung, unbeschadet seiner sonstigen sozioökonomischen Realität. Diese Erkenntnis hätte sich mir vermutlich nicht in voller Tragweite erschlossen, hätte ich die "segensreiche Wirkung" eines Comrades-Finishes nicht am eigenen Leibe erfahren. Da waren einerseits anerkennende Blicke und Bemerkungen, wenn ich irgendwo im sich anschließenden Urlaub stolz mein Finisher-Shirt zur Schau stellte. Was mir jedoch bis heute Schauer über den Rücken jagt, war die Reaktion eines Polizisten, der mich wegen (unwissentlich) erheblich überhöhter Geschwindigkeit anhielt und eine Strafe von mehreren hundert Euro verhängen wollte. Einzig die Tatsache des (beiläufig erwähnten) Comrades-Finishes sorgte dafür, dass er meine bereits notierten Daten löschte und es bei einer Ermahnung beließ. Niemals werde ich die - ohne Übertreibung - Verehrung in seinen Gesichtszügen vergessen und den abrupten Wechsel in der Art mich zu behandeln. Gerade noch ausländischer Verkehrssünder und plötzlich ein Held. Wie sich das zutrug steht am Ende meines Laufberichtes zum Comrades Ultramarathon.

Auf asphaltiertem Sträßchen zwischen Wald und Feld sanft hinan. Auch hier Veränderung: Der Raps steht nun in voller Blüte, die Pflänzchen auf dem Acker der "SOLAWI-Kooperative" (Solidarische Landwirtschaft) haben an Größe zugelegt. In geringerem Maße jedoch, als im Wonnemonat Mai zu erwarten gewesen wäre. Anhaltende Kälte in diesem nur dem Namen nach existenten Frühling ließ nicht mehr zu. Auf dem Kartoffelacker herrscht erdbraune Leere, da reckt sich noch nichts vorwitzig Grünes gen Himmel. Obzwar "tierischen" und nicht pflanzlichen Ursprungs litt auch ich oft unter Sonnen- und Wärmeentzug. Ein Wagnis demnach morgendlicher Frische in dünnem Trikot und Armlingen zu begegnen. Nicht irgendein Trikot übrigens, mein Comrades-Finisher-Shirt zu tragen wollte ich mir nicht nehmen lassen!

Ein Akt des Gedenkens, der zu Beginn der großen Runde, mit Anlegen des Rucksacks, seinen Sinn verliert. An meiner quer über den Rucksack gehefteten Original-Startnummer bleibe ich dennoch als Comrades-Eleve erkennbar. Am Auto: Trinken, "Umstyling" und ein paar Sätze mit anderen "Centenaries". Gefühlt verstreicht eine Viertelstunde, tatsächlich verbrauche ich nur vier Minuten - laut unbestechlicher Datenaufzeichnung. Nicht mehr als ein Wimpernschlag, gemessen an mutmaßlich elf bis zwölf Stunden, die mich das Unternehmen "CMCR" (Comrades Marahton Centenary Run) mutmaßlich in Atem halten wird. Statt Furcht erfüllt mich unterdessen eine seltsame Unruhe. Ungeduld vielleicht? Kenne ich so nicht, womöglich eine Nebenwirkung bemüht zurückhaltender Schritte.

Große Runde eins (Kilometer bisher: 5,8 / Laufzeit einschließlich Pause: 44 min)

Gegen Unruhe hilft ... laufen. Da ich das auf der mir bekannten, großen RuR (Runde um Rutesheim)* reichlich tun darf, werde ich nach und nach ruhiger. Ich durchquere das von morgendlicher Feiertagslähmung befallene Perouse, erschrecke lediglich einen vom Brötchenkauf heimwärts träumenden Fußgänger; "erstürme" hinterm Ortsausgang zum ersten Mal den Lärmschutzwall samt sich anschließender Fußgängerbrücke. Unter meinen Füßen, auf der Umgehungsstraße, noch "tote" Hose, in Erwartung baldiger Wiederbelebung.In sanftem Anstieg parallel zur Straße hin zur Ampel. Ich möchte mich beeilen, die Grünphase erwischen, darf aber nicht. Rot für Fußgänger. Kurz sichere ich in allen Richtungen, nirgendwo eine Menschenseele, weit und breit kein Auto, also rüber. Das vielfache "Sssstt! Sssstt!" vorbeirasender Autos auf der sechsspurigen A8 beendet die Illusion vom verschlafenen Pfingstmontag. Wo kommen die alle her und wo wollen die alle hin, trotz noch immer geltender Kontaktbeschränkungen?

*) Die "große Runde" des heutigen CMCR entspricht der Strecke der "RuR-Marathonserie" ("Rund um Rutesheim", ausgerichtet von Norbert und Birgit Fender), auf der ich vor zwei Wochen einen Ultralauf (3 Runden, ca. 63 km) absolvierte. Wer eine genauere Streckenbeschreibung sucht, findet sie im betreffenden Laufbericht.

Die lärmende Autobahn-Pfingst-Rallye bereitet mich auf quirliges Treiben im Freizeitpark vor. Vor der schmerzhaft kitschigen Kraxl-Almhütte* biege ich vom Radweg ab und bin ... angenehm überrascht: Ein paar Autos verlieren sich auf dem Parkplatz, ansonsten Menschenleere. Rasches Überschlagen der Uhrzeit: Startzeit plus bisherige Laufzeit ... verstehe: noch zu früh. Die Freizeitpark-Klientel sitzt kurz nach neun noch beim Frühstück. Ein Blick in die Waldschneise zum Eingang der Kletteranlage bestätigt meinen Eindruck: Gähnende Leere, der Park öffnet erst später. Auch auf den nächsten Abschnitten der Route begegne ich kaum Menschen. Da und dort ein Frühsportler mit oder ohne Stöcke, zuweilen Gassigeher samt Vierbeiner, ansonsten Stille.

*) Gasthaus im Freizeitpark im alpinen Almhütten-Stil

Stille vor allem im sich anschließenden Waldgebiet, das mich für drei Kilometer auf eine anstrengende Achterbahn schickt. Alsbald ein fordernder Buckel aufwärts, danach in eine abschüssige Rechtskurve, gefolgt von moderatem, dafür langem Anstieg, neuerlich bergab, im noch schärferen Neigungswinkel einer Linkskurve. Am vorläufigen Tiefpunkt angekommen wappne ich mich mental fürs knackige Ende: Fordernd aufwärts auf endlos empfundenen fast tausend Metern. Dass ich die Runde kenne, somit weiß, welcher Streckenanspruch mich jeweils im Detail erwartet, werte ich als Glücksfall. Kann "taktische Zurückhaltung" exakt planen und konzentriert durchhalten. Immer wieder erneuere ich meinen Vorsatz: ‚Langsam! Ganz langsam! Mit den Reserven haushalten!’

Vom Wald in die "grüne Wanne" vorm Städtchen Rutesheim. Am Grund der Wanne Streuobstwiesen und Felder. Vom "Wannenrand" über den vorläufig letzten nicht asphaltierten Weg hinab, die Ideallinie suchend. Anders als bei Stadtmarathons entspricht die Ideallinie nicht dem kürzesten, sondern dem für meine Sohlen am wenigsten rauen Weg. Wieder auf Asphalt überwinde ich einen ersten harmlosen Buckel. Forschender, die Wetterentwicklung abschätzender Blick in den Himmel. Der Tag begann bedeckt und kühl, mit drohend dunkler Front, wenn ich nach Süden blickte. Zu Beginn der langen Runde riss die Wolkendecke unerwartet auf. Es wurde spürbar wärmer, endlich fror ich nicht mehr an den Händen. Hoffnung auf ein paar Stunden Sonnenschein, die sich wieder zerschlägt. Eine milchig dünne, geschlossene Wolkenschicht verdichtet sich zusehends und die dunkelblaugraue Front aus Süd-Südost scheint näher zu rücken ...

Wieder abwärts in der Wanne, zuletzt krummen Weges auf einen der bestgehassten Hügel des Kurses zu. Eigentlich kein Hügel: Vor mir liegt der andere "Wannenrand", auf den letzten dreißig Metern bös‘ "versteilt". Ziel: Brücklein über die Umgehungsstraße. Man sieht Udo kurzschrittigst tippeln, unterstellt uneingeweiht ziemliche Erschöpfung. Wie es sich tatsächlich verhält - der Leser weiß es.

Die Route schneidet das Gewerbegebiet von Rutesheim. Kommerzielle Ödnis beidseits der Strecke, geprägt von Namenskürzeln. Gibt es einen bundesweiten Wettbewerb fürs kürzeste Kürzel? Eine Drogeriemarktkette schießt den Vogel ab: Zwei Buchstaben. Sensationell! Gefolgt von einem Textildiscounter, der sich mit drei Lettern unverwechselbar bezeichnet. Bronze geht an den billigen Jakob für (fast) alles, hauptsächlich jedoch Lebensmittel. Wenig begeisternde vier Buchstaben braucht der Laden, um sein Markenzeichen kryptografisch zu verschlüsseln. Vorbei am großen Parkplatz, um den sich die Läden gruppieren. Ich bin in Rutesheim - Koordinaten bekannt. Ebenso gut könnte ich mich aber auch an tausend anderen Stellen der Republik aufhalten, denn Filialen dieser Marken gibt es allerorten.

Kommerzielle Ödnis setzt sich fort: Gegenüber, als Baumarkt und Automobilwerk, diesseits der Straße in Werkshallen und einem Supermarkt (lange fünf Buchstaben? schwach, sehr, sehr schwach!). Dazwischen Labsal für die Augen, ein Mittelständler, der sich dem Landschaftsbau verschrieben hat. Nicht das Metier an sich unterhält, dafür die einladende Aufmachung des Geschäfts: In riesigen Pflanztrögen sprießen meterhohe Bambusstauden lotrecht in den Himmel. Es folgen Vorgarten-Demos, aufgelockert von farbigen Akzenten in Form mannshoher Glaswände. Ein Banner vor dekorativer Holzverkleidung des Gebäudes wirbt mit einem Sinnspruch: "Freiräume gestalten". Es wird noch dauern bis ich das Motto auf mich selbst und mein Tun an diesem Tag beziehe. Auch ich gestalte meine Freiräume, renne mal eben zig Stunden im Kreis herum. Warum ich das mache? Der Alte Fritz fand dafür dieses Wort: " ... hier mus ein jeder nach seiner Fasson Selich werden."*

*) Zitat aus einer Bemerkung Friedrichs des Großen (1712-1768), mit der er die freie Ausübung des katholischen Glaubens im protestantisch verfassten Preußen kommentierte.

Dem Ortsrand von Rutesheim folgend voran - rechts Wohnhäuser, links ein Maisfeld mit zaghaft sprossenden Pflänzchen. Kurz eine Wohnstraße nutzend und wieder hinaus aufs freie Feld, vorbei an einem Spielplatz. Stopp! Trinkpause! Zwei Flaschen Iso-Getränk, Inhalt 0,5 Liter, je eine halbe pro Runde, hinterlegte ich vorm Start im Gebüsch auf der Rückseite des Spielplatzes. Die Stelle entspricht ziemlich genau einer halben Runde. Nach einer Viertelrunde nuckelte ich an den Rucksackflaschen, trinke jetzt hier und werde nach drei Vierteln des Umlaufs einmal mehr dem mitgeführten Wasser zusprechen. Zur vollen Runde am Auto werde ich so viel mein Magen goutiert "einfüllen", zugleich den Rucksackvorrat ergänzen. Diese Trinktaktik ergab sich aus stundenlangem Durstleiden vor zwei Wochen, bei 28°C. Heute wird der Schweißverlust geringer ausfallen. Dennoch bin ich auf alles vorbereitet, verwahre die Vorräte im Auto sogar in einer Kühltasche. Schlimmer noch als Wassermangel unterwegs empfand ich das im heißen Auto erhitzte Wasser runterwürgen zu müssen.

Leicht abschüssig zwischen Wiesen und Feldern voran, rechts abbiegen und aufwärts. Einen einsam gelegenen Pferdehof lasse ich links liegen, biege neuerlich rechts ab und laufe parallel zum Rauschen der Autobahn auf den Stadtrand von Rutesheim zu. Moderat in einer Steigung versteht sich, weil die Strecke im Grunde nur zwei Orientierungen kennt: Rauf oder runter. Flach bleibt die Ausnahme und hält auch nie länger als ein paar Meter vor. Die Stadt zu betreten bleibt mir verwehrt, mein Weg führt mich über die Autobahn. Auf sechs Spuren dicht an dicht fließt mittlerweile dort unten der Verkehr. Für mich heißt es fortan Superlative des Rundkurses abzuarbeiten: Jenseits der Autobahnbrücke auf der längsten abschüssigen Rampe - fast anderthalb Kilometer - hinab zum tiefsten Punkt. Und anschließend vielfach hügelan zu einem der höchstgelegenen Orte, wo das Auto steht. Noch sechs Kilometer bis dorthin.

Der Wiederaufstieg beginnt in einem Geländeeinschnitt, am Rande eines Bachlaufes und das mit einem Rätsel. Auf den ersten hundert Metern fehlt dem Bach, was einen Bach eigentlich ausmacht: Wasser. Ein paar sandige Pfützen verblieben in der Rinne, mehr nicht. Stückweit später streift der Blick erneut das Bachbett und plötzlich fließt da ... Wasser!? Wasser in einer Menge wie ich es vom letzten Mal in Erinnerung habe. Denksportaufgabe: Wieso strömt an dieser Stelle reichlich Wasser und weiter unten im Bachbett nicht? - Zeitraubende Ermittlungen scheiden aus, ersatzweise assoziiert mein Hirn ebenso schlüssig wie absurd: Vorm geistigen Auge erscheint ein Erinnerungsbild der "Donauversinkung"*. Unsinn, der mich immerhin spekulieren lässt: Weiter unten säumen Anwesen den Bach. Vielleicht leitet einer das Wasser ab? Wohl kaum: Die Häuser liegen am Hang, außerdem: Was will einer mit so viel Wasser? Das Rätsel bleibt ungelöst - einstweilen ...

*) Zwischen Immendingen und Fridingen im Landkreis Tuttlingen versickert das Wasser der Donau bei niedrigem Wasserstand an verschiedenen Stellen im Flussbett. Man kann das völlige Versiegen des Flusses innerhalb weniger Meter beobachten. Hier noch Wasser, ein paar Schritte weiter kein Wasser mehr. Das Donauwasser fließt in unterirdischen Hohlräumen dem Aachtopf zu, mehrere Kilometer weiter südlich, wo es wieder zu Tage tritt. Die Donau speist sich hinter der Versinkung aus Nebenflüssen neu.

Auf die Enge mit Bachlauf folgt der landschaftlich vielleicht reizvollste Teil der Runde. Hier fließt der Bach durch Blumenwiesen. Wo jetzt Pusteblumen auf Windböen warten, erstreckte sich vor zwei Wochen ein gelber Teppich aus Löwenzahn. Heute konkurriert das Gelb dicht an dicht stehender Butterblumen mit dem Grün kniehoher Gräser. Irgendwer oder irgendwas schützt diese Aue, sonst wären die Wiesen längst gemäht, wie überall entlang der Route. Intensive landwirtschaftliche Nutzung ließe überdies nicht solche Blumenpracht gedeihen.

Unweit des Baches zwischen Wiesen empor. Bevor ich die Autobahnbrücke sehe, erreicht mich bereits das Wummern unablässig vorbeiströmenden Verkehrs. Dann rückt die Brücke ins Blickfeld, wird größer und mächtiger. Reißt ihr gewaltiges Maul auf wie ein Monster in schaurigem Film, droht mich zu verschlingen. Doch heute gönne ich der Bestie das Vergnügen nicht. Vor zwei Wochen musste ich mehrfach drunter durch, um den Start-/Zielbereich dahinter zu erreichen. Heute entkomme ich dem Schlund seitwärts, um mich unversehens einem anderen Ungeheuer gegenüber zu sehen. Vor mir erhebt sich der steilste Aufschwung der Runde, zum Glück asphaltiert ... eine Minute bis es flacher wird ... flacher aber nicht flach.

Der Radweg kreuzt eine Straße, drüben weiter auf der Zufahrt zur Deponie für Grünabfälle. Zwei Autos kommen mir entgegen, eines mit Anhänger. Grünschnitt entsorgen am Pfingstmontag? Wer kommt denn auf so eine Idee? Na ja, wie schon zitiert: Jeder nach seiner Fasson. Wirklich nur Grünschnitt? Unübersehbar lugen Plastikabfälle, Folien oder auch Blumentöpfe, aus den Gartenabfällen hervor. Müll, der vorm Häkseln der Pflanzenreste von Hand aussortiert werden muss. Deshalb unverblümt: Wir schreiben das Jahr 2021. Welcher Dummkopf hat System und Sinn der Mülltrennung noch immer nicht verstanden oder setzt sich in grob rücksichtsloser Weise darüber hinweg?

Wer guckt wem bei der Fortbewegung zu? Die vorbei Brausenden auf der Autobahn dem Läufer oder umgekehrt? Einen halben Kilometer später bin ich jedenfalls froh dem Straßenlärm ins zweite Waldstück des Kurses entfliehen zu können. Auf drei Kilometern Vogelstimmen, meine Schritte auf fein geschotterten Wegen, nichts sonst. Das ändert sich noch mal kurzzeitig, wo lediglich ein schmaler Waldsaum Weg und Autobahn trennt, doch dort lenkt mich der "Mammutbaum"* ab. Eigentlich auf unserem Kontinent nicht heimisch, dennoch eine überaus beeindruckende Schöpfung von Mutter Natur.

*) Erläuterungen zum in Nordamerika heimischen Mammutbaum, nicht zuletzt wie ein Exemplar dieser Gattung in die Nähe von Rutesheim gelangen konnte, stehen im Laufbericht zum "RuR-Ultra".

Auch heute züngeln Flammen in der Grillstelle an der Wegekreuzung. Im Unterstand daneben bereiten Ausflügler ihr Mittagsmahl vor. Weiter, von Laubwald flankiert der baldigen Vollendung der ersten Runde entgegen. Auf Markierungen achtete ich kaum noch, kenne die Strecke in und (beinahe) auswendig. Trügerische Sicherheit, die mich vor Minutenfrist, ins Grübeln versunken, den falschen Weg einschlagen ließ ... Eine unbekannte Weggabelung holt mich aus der Welt meiner Gedanken zurück in die reale: Hier war ich noch nie! Hundert Meter zurück, ausnahmsweise einen der gelben Pfeile am Boden mit Blicken würdigen und ihm in die korrekte Richtung folgen.

Zum zweiten Mal am Waldrand entlang, mit Blick über den Flickenteppich bunter Äcker, grün, braun, gelb - noch etwas mehr als ein Kilometer bis zum Auto. Die Wetterheiligen spielen Katz und Maus mit mir. Vor zwei Stunden brach sich die Sonne Bahn, vor einer trübte sich der Himmel wieder ein und seit einer halben überwiegt neuerlich Blau dort oben. Kein Regen in Sicht, womöglich gelingt mir eine weitere trockene Runde!? Den letzten Anstieg vorm Zielbereich erkläre ich zum "Fahrwerksprüfstand": Peinlich genau achte ich auf die Entwicklung von Puls und Atem, auch wie sich die Anstrengung in den Beinen "anspürt". Nach der nächsten Runde hoffe ich aus dem Grad zwischenzeitlicher Abnutzung auf den Ausgang des CMCR-Abenteuers schließen zu können. Derzeit übermittelt mein Körper noch keine Warnsignale - so darf es gerne weitergehen!

Große Runde zwei (Kilometer bisher: 27 / Laufzeit: 3:12 Stunden)

Nach drei Minuten an der Tränke "Kofferraum" breche ich mit vollen Rucksackflaschen und prallem Bauch wieder auf. Im Magen ein erstes Gel, das ich mit köstlich kühlem Wasser runterspülte. Verbleibenden Durst löschte ich mit gleichermaßen behaglich temperiertem Iso, der Kühlbox sei Dank. Tatsächlich Durst, obwohl ich etwa alle fünf Kilometer trank und dabei nicht sparte. Voller Zuversicht laufe ich auf die ersten Häuser von Perouse zu. Bedenken, gleich welcher Art, blieben unterdessen im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Alles wird gutgehen! Auch wenn ich keine Belege beibringen kann, die diese Annahme stützen. Einzig vielleicht den, dass ich heute nach 27 km und gut drei Stunden noch munter drauflos trabe. Vor zwei Wochen war ich zur selben Zeit schon von Anstrengung und Umständen gezeichnet.

Ich nehme die Rampe am Lärmschutzwall in Angriff, Perouse bleibt zurück. Inzwischen verdient der Wall wieder seinen Namen. Auf der Umgehungsstraße, wo vor zwei Stunden noch "tote Hose" war, zirkelt jetzt, kurz vor Mittag, lebhafter Verkehr. Das gilt wenig später auch für die Verkehrssituation an der Fußgängerampel: Einfach bei "Rot" rüber geht nicht mehr. Also warte ich und vollführe - mich mit Händen am Ampelmast festhaltend - Kniebeugen. Was das bringt? - Vermutlich gar nichts außer dem guten Gefühl die Zeit genutzt zu haben.

Auch in Höhe Kraxl-Alm "geht inzwischen die Post ab": Außengastronomie ist wieder erlaubt, der kleine Biergarten vor der Kitschhütte daher brechend voll. Und im Spielepark dahinter drangsaliert man kleine weiße Bälle mit langstieligen Instrumenten. Wie vor zwei Wochen an gleicher Stelle muss ich mich mit beherztem Sidestep vor einem autofahrenden Deppen in Sicherheit bringen. Ignorant, rücksichtslos oder nur grob unfähig am Steuer? - Der Kletterwald hat jetzt auch geöffnet. In Baumkronen hinter dichtem Grün verborgen zwitschern sonst nur Vögel, jetzt Kinderstimmen.

Vor reichlich zwei Stunden war ich rund um Rutesheim beinahe allein unterwegs. Inzwischen sind die Parkplätze am Streckenrand gut gefüllt und die Wege voller Menschen: Spaziergänger, Gassigeher, Wanderer, Walker, Jogger, Radfahrer. Zum zweiten Mal "fahre ich Achterbahn" im Wald, rauf, runter, hin und her. Trinken steht an: Wo noch mal war eine "Viertelrunde" vollendet? Mir fällt partout der Kilometerstand nicht ein, mit dem ich am Auto aufbrach ... keine Chance, vergessen. Und die Runde vorher, an welcher Stelle nuckelte ich da an meinen Flaschen? Ist mir gleichfalls entfallen, geht im Kopf alles durcheinander ... egal. Ich erinnere mich an einen Pavillon am Fuß der überlangen Schlusssteigung. Möglicherweise finde ich dort auch einen Abfalleimer, um das leere, oft klebrige Geltütchen zu entsorgen ... Keineswegs zufällige Gedanken. Natürlich habe ich den Müllbehälter im Vorbeilaufen "wahrgenommen", heute einmal und mehrmals vor zwei Wochen. Nur eben nie bewusst registriert. Doch wofür besitzen Menschen ein Unterbewusstsein?

Zweiter Anlauf zum langen Wald-Endanstieg. "Anlauf" nicht im sportlichen sondern im kriegerischen Sinne: Der U-Boot-Kommandant befiehlt den "Anlauf" auf ein feindliches Schiff, um es mit Torpedoabschuss zu versenken. Die entsprechenden Szenen kennt jeder. Oder gibt es etwa Menschen, die den Filmklassiker "Das Boot" noch nicht gesehen haben? Mein zweiter "Anlauf" gelingt vergleichsweise mühelos, noch verfügt der Feind nicht über die Macht mich aufzuhalten.

Die himmlische Unentschiedenheit setzt sich fort, einstweilen hat sich das freundliche Blau verabschiedet, verbirgt sich erneut hinter dünner Schichtbewölkung. Von der geht keine feuchte Drohung aus, dafür immer noch von der nahezu stationären graudunklen Walze in Süd-Südost. Und wenn schon, denke ich trotzig, dann laufe ich halt den Rest im Regen ... Wanne vor Rutesheim ... Gewerbegebiet ... alsbald stehe ich am Spielplatz vorm Getränkedepot. Restliches Iso in den Bauch, leere Plastikflasche ins hintere Rucksackfach und wieder los ... Es läuft gut. Eigentlich zu gut. Irgendwas passiert da noch! unkt der Bedenkenträger aus der fürs "Sorgenmachen" zuständigen Hirnregion und lenkt meinen Blick nach Süd-Südost.

Raus aufs Feld, leicht abschüssig, nach rechts und wieder hinan, vorbei am Pferdehof und untermalt vom Rauschen der Autobahn "back to" Rutesheim. Über die Autobahn mit Aussicht nach Osten, zum wenige Kilometer entfernten Leonberger Dreieck. Trotz feiertäglichem Lkw-Fahrverbot ergießt sich ein unablässiger Strom von Fahrzeugen über sechs Spuren. Pfingstmontag in der Pandemie und die Autobahn ist brechend voll. Wie geht das zusammen? Du bist doch auch unterwegs, gebe ich mir postwendend zu bedenken. Und wenn du einen Grund zum Autofahren findest, wieso sollte der Rest der automobilen Gesellschaft am freien Pfingstmontag nicht auch seine "Freiräume gestalten"?

Runter ins Loch. Am Bach beginnt der Wiederaufstieg. Am Bach, wo das etwa zweieinhalb Stunden alte Rätsel nun zum Mysterium eskaliert: Überall nun wieder Wasser im Bach, auch hier am Unterlauf. Sollte ich vorhin just in jener Minute hier vorbei gelaufen sein, da der Zufluss wieder freigegeben wurde? Am Oberlauf des Baches, hinter der Autobahnbrücke, gibt es eine Kläranlage. Vielleicht fließt geklärtes Wasser von dort nur zeitweise ab? Oder zeitweise eben nicht und dann fällt die Rinne trocken? Ich habe Durst: Wissensdurst. Wenn ich den schon nicht stillen kann, dann wenigstens den physischen in meiner Kehle. Muss nur noch am Bach entlang zur Brücke hoch, dort ist die Dreiviertelrunde komplett und Zeit zum Trinken.

Komplett ist wenig später auch der Marathon, ein Zwischenziel damit erreicht. Vorbei am Häkselplatz, von dem mir wieder Abfallentsorger entgegen fahren. Alsbald verabschiede ich mich ins zweite Waldgebiet, besuche den Mammutbaum und die Grillenthusiasten, wähle einen halben Kilometer weiter diesmal die korrekte Richtung. Lange Gerade abwärts im Wald und nach Rechtsschwenk zum dritten Mal am Waldrand entlang. Vermutet hatte ich es schon unter dichtem Blätterdach, nun freue mich einfach drüber: Blauer Himmel, wärmender Sonnenschein, satte Farben. Nach ausgiebigem Rundblick halte ich es für nahezu ausgeschlossen, dass es heute noch regnet.

Und nun zur "Fahrwerksprüfung", der Teststand naht, letzter Anstieg vorm Auto. Ich achte auf Signale aus Muskulatur, Sehnen und Gelenken ... ... ... fühlt sich "beansprucht" an, leichtes "Ziehen" überall. Vollkommen normal nach 47 Kilometern. Nichts Alarmierendes, das als beginnende Erschöpfung zu deuten wäre. Wie zu Anfang mir selbst unterstellt: Ich werde den Kelch bis zum (hoffentlich nicht bitteren) Ende leeren. Nach der nächsten Runde - keine allzu gewagte Prognose - werde ich zwar müder sein als jetzt aber längst nicht erschöpft.

Große Runde drei (Kilometer bisher: 47,5 / Laufzeit: 5:43)

Was soll ich von diesem Umlauf berichten? Nach und nach verschwimmen alle Eindrücke. Da ist nur wenig, das sich sicher zuordnen lässt. Etwas, das mich erzürnt: An derselben Stelle neben der Kraxl-Alm im Freizeitpark kommt mir erneut ein Geisterfahrer auf Kollisionskurs entgegen. Einmal mehr entgehe ich dem Überfahrenwerden nur durch reaktionsschnelles Ausweichen. Was geht hier ab? Lauern irgendwo im Hintergrund des Parkplatzes Killer, um Udo im Augenblick seines Erscheinens zu meucheln? Und wer hat den Mordauftrag erteilt?

Viertel nach zwei am Nachmittag: Im Laufbericht zum RuR Ultra wählte ich die Vokabel "Wimmelbild", um vom Menschenauflauf in der und um die Freizeitarena ein Bild zu vermitteln. Verglichen mit dem, was sich heute am Pfingstmontag hier abspielt hätte ich mir die Superlative besser aufheben sollen. Alles proppenvoll: Biergarten, Spieleareal, Zugang zum Kletterwald, Parkplätze ohnehin, sogar die Wege sind randseitig zugeparkt. Menschen über Menschen. Und hinter dem Freizeitpark setzt sich der Auftrieb fort. Trauben von Spaziergängern kommen mir entgegen. Wenig später verstehe ich wieso: Die Überfüllung voraussehend parken sie dezentral, laufen den Kilometer zu Fuß zum Freizeitpark. Ruhiger wird es erst als ich mich neuerlich in den Wald absetze und die Achterbahn besteige ...

Schlussanstieg: "Anlauf" Nummer drei, noch immer keine grenzwertige Belastung. Wenn dem so wäre, müsste ich kurz rasten und verschnaufen. Stattdessen bewältige ich das Hindernis in einem Zuge. Raus aus dem Wald, rein in die "Wanne", quer durchs Gewerbegebiet, zur letzten verbliebenen Iso- Flasche am Spielplatz. Halb austrinken und ... Ein Junge spielt mit seinen Kameraden Verstecken, blickt zu mir rüber. Zu riskant, die Flasche unter Beobachtung zu deponieren. Für ihn wär’s willkommener Schabernack, mir fehlte nachher Iso-Brühe zum Durstlöschen. Also nehme ich die angebrochene Pulle mit und versenke sie zweihundert Meter weiter an markanter Stelle in hüfthohem Gras.

Natürlich meckern meine Gräten nach nunmehr 57 Kilometern. Aber wirklich erschöpft sind sie nicht. Inzwischen spiele ich U-Boot-Käpt’n und betrachte alle Buckel als Feinde. Jeder "Anlauf" endet mit einem Sieg, erneuert meine Zuversicht und bringt mich dem Ziel ein Stückchen näher. Runter ins Loch und neuerlich: "Anlauf!" Widerborstig gebärdet sich der Buckel neben der Autobahnbrücke. Inzwischen hat tatsächlich jemand die Steigung um ein paar Prozent erhöht. Pech gehabt: Reicht nicht, um mich aufzuhalten ...

Voraus ein Läuferpaar Sie und Er. Beide gehen, folglich verkürze ich rasch den Abstand. Wer nie Marathon und Ultra lief, nie mit schmerzenden aber noch ausreichend lauffähigen Beinen gehende Mitläufer erst ein-, dann überholte, kann nicht verstehen wie sehr so ein Manöver motiviert. Du fühlst dich stark, wenn andere offenbar schwächeln oder zumindest zurückstecken. Und plötzlich glaubst du dich nicht mehr so schlecht trainiert, wie noch ein paar Minuten zuvor ... Mit "Hallo!" - oder irgendwas in der Art - grüße ich die beiden Geher einigermaßen freudetrunken. Freudig auch, weil ich endlich jemanden auf der Strecke treffe, der zur Veranstaltung zählt. Beide sind an ihrem T-Shirt als Comrades-Teilnehmer zu erkennen. Mich "entlarvt" die Startnummer auf dem Rucksack. - Seine Frage eilt mir hinterher: "Da steht null Medaillen! Und wie viele sind es jetzt?"*

*) Die "0" auf meiner Startnummer bedeutet, dass ich noch kein Finish vorzuweisen habe. Comrades Startnummern zu lesen, lernt man perfekt auf dem Weg von Durban nach Pietermaritzburg. Die Startnummernfarbe "blau" bezeichnet den Ausländer, der Buchstabe "D" gibt den Block an, aus dem man starten darf ("A" ganz vorne, "H" am Ende der 20.000 Körper langen Startaufstellung).

Ich bin nicht flotter unterwegs als vor der Begegnung, aber auch nicht böse, dass es sich trotzdem so anfühlt. Umso leichter fallen mir die drei Wald-Kilometer. Vorbei am Mammutbaum, dann zum Grill. Den erwarte ich rauchen zu sehen, wie zweimal zuvor. Bei den augenblicklichen "Besitzern" von Feuerstelle und Pavillon steht Fisch auf der Speisekarte. Zwei beachtliche Exemplare bruzzeln aufgespießt überm Feuer ...

Wann genau mich Frösteln veranlasste meine Armlinge wieder überzustreifen, weiß ich nicht. Vier Uhr am Nachmittag und es ist deutlich kälter geworden. Darüber hinaus scheint sich der Himmel wieder verdüstert zu haben. Ein Eindruck, der sich hinterm Wald, beim "Anlauf" auf den finalen Hügel vorm Parkplatz bestätigt: Geschlossene Wolkendecke. Ein Kilometer Zeit zu entscheiden, ob ich die Regenjacke in den Rucksack packen soll oder nicht ... zur letzten Runde, die ich zweifellos auch noch ohne Gehschritte aber vielleicht nicht mehr trocken abschließen werde ...

Große Runde vier (Kilometer bisher: 68 / Laufzeit: 8:22 Stunden)

Die Schlussrunde trete ich nach sieben Minuten Versorgungsstopp ohne Regenjacke und mit unrund eckigen Schritten an. Sieben Minuten Unterbrechung waren schlicht zu lang. Dass es sieben waren, würde ich allerdings abstreiten, die Pause kommt mir viel kürzer vor. In den Straßen von Perouse laufe ich mich wieder frei, suche und finde meinen vormaligen Rhythmus. An Kraft gebricht es mir noch immer nicht. Vermutlich bin ich ein bisschen langsamer unterwegs, aber ganz sicher nicht wesentlich. Und einbrechen werde ich auch nicht, danach fühlt es sich einfach nicht an. Nach und nach hake ich alle Schauplätze ab, nun zum vierten Mal. Freizeitpark, Weg zum Wald, Achterbahn im Wald.

Gel am Abfalleimer vorm Pavillon mit Zwischenfall: Die Packung weist ein Loch auf, aus dem es dünnflüssig quillt und mir die Finger versaut. So gut es geht lecke ich die klebrige Masse von den Fingern, reibe den Rest an den schweißnassen Klamotten ab. Irgendeine Lösung gibt es für jedes Problem unterwegs ... Dann: "Anlauf"! Mein viertes und letztes Torpedo trifft mittschiffs und versenkt das Feindboot. Mit "Hurra" in die grüne "Wanne" vor Rutesheim - zum letzten Mal. Gewerbegebiet zum letzten Mal. Ein besorgter Blick gilt dem Himmel, der sich nun immer weiter eintrübt. Mehr als eine Stunde liegt noch vor mir, doch ich bleibe Optimist.

Kilometer 78: Flasche aus dem hohen Gras bergen, gehend austrinken, leer im Rucksack deponieren und wieder antraben, noch zehn Kilometer. Seid ich vorhin dem Wald den Rücken kehrte, streicht eklig kalter, nach und nach auffrischender Wind aus Westen übers Land. Anfangs schiebender Helfer, nach Richtungswechsel nun übler Widersacher. Ich kämpfe mich gegen die kräfte- und wärmezehrende Brise voran. Bringt der Wind den Regen? Letztendlich dann aus Westen, von wo über Stunden immer wieder die Aufheiterungen zu kommen schienen?

Runter ins Loch, am Bachlauf entlang und so flott es eben geht hoch zur Autobahnbrücke, noch sechs Kilometer und kein Regen ... Der Wind wird immer stärker. Vielleicht kommt es mir auch nur so vor, weil ich entlang der Autobahn frontal dagegen anrenne und friere. Erlösung bringt der Wald, noch fünf Kilometer. Der Drops ist gelutscht! Regen würde mir jetzt kaum noch zusetzen. Spannung weicht, macht schon jetzt großer Zufriedenheit Platz. Dass es so gut laufen würde, stand wirklich nicht zu vermuten. Nicht nur, dass ich unter elf Stunden bleiben werde lässt mich staunen. Käme es drauf an, wäre ich fähig noch eine weitere Runde anzuhängen und mehr als 100 Kilometer zu laufen. Alles in allem scheine ich in besserer Ausdauerverfassung als ich mir vorab attestiert hatte.

Ein letztes Mal am Waldrand entlang, Schluss-"Anlauf" hoch zum Sportplatz. Und kein Regen! In einer Periode wochenlang wechselhaften, kalten Wetters habe ich tatsächlich elf trockene Laufstunden erwischt! Die Anstrengung des letzten Buckels dämpft die Freude noch ein paar Minuten, dann bin ich oben und sie bricht sich Bahn. Gleich geschafft, letzte Meter ... Ich biege auf die Zufahrt zum Sportplatz ein und laufe aufs Ziel zu. Dort räumen Norbert und Birgit gerade das Comrades-Banner ab und so finden sich vier Hände die meinen Zieleinlauf beklatschen: Nach 10:52:19 Stunden beende ich - überaus zufrieden und rundum glücklich - den Comrades Marathon Centenary Run.

 

Fazit zur Veranstaltung

Herzlichen Dank an Klaus Neumann* für die Idee zu diesem Lauf und die erforderliche Vorbereitung. Vielen Dank auch an Norbert und Birgit Fender (Veranstalter der Marathon-/Ultra-Serie "Rund um Rutesheim"), die bei der Durchführung unterstützten.

Fazit: Rundum gelungen. Warum nicht den Lauf wiederholen? Ein Anlass wird sich finden.

*) Klaus Neumann ist auch Veranstalter der Serie Frauenkopf Marathon in Stuttgart. Darüber hinaus fungiert er als Comrades Botschafter für Deutschland und betreut in dieser Eigenschaft Landsleute vor ihrem Start in Südafrika.

 

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