19. April 2026

We 🩷 Udo   -   Munich Urban Trail (MUCUT) 2026

Der Einstieg reizt zum Ausstieg, steht also im krassen Widerspruch zur Titelzeile des Berichts. Fünf Minuten vorm Start kippt eine düstere Wolke ihre klatschnasse Last über uns aus. Flugs verziehe ich mich unter ein Baugerüst, um eine dünne Regenhaut überzustreifen. Als begossener Pudel stehe ich dennoch rum, vermag die gute Laune um mich her nicht zu spiegeln. Nässe sickert in mein banges, von Unruhe angegriffenes Gemüt. We love Udo? - Die Herrscher über mein „Läuferschicksal“ schienen zuletzt, beim Ostermarathon in Berlin, den Gegenbeweis führen zu wollen. Und deshalb ist heute nur eins von Bedeutung: Laufend ankommen, ohne unterwegs vom bösen „Phänomen“ belästigt zu werden.*

*) Eine Erläuterung des „Phänomens“ steht u.a. im Laufbericht zum Ostermarathon Berlin. Der Link führt direkt zum erklärenden Text.

Regen Ende, Himmel wieder heller und los. Mist: Kein Track auf der Uhr zu sehen. Uhr neu starten: Okay, nun funktioniert die Technik. Ich setze den anderen nach, allerdings in der Erwartung baldiger „Einsamkeit“. Ich werde rigoros meinen „Stiefel“ durchziehen, soll heißen: sehr, sehr langsam traben! Zielzeit ist ein Begriff, den ich in meinem Wortschatz ganz weit nach hinten verbannt habe. Der Pulk um Veranstalter Andreas* - außer ihm noch Judith, Bernie, Roland und Frank - tippelt jedoch so verhalten übers Münchner Trottoir, dass ich mühelos Anschluss halten kann. Hinzu kommt, dass unser Trip mehr dem Abklappern touristischer Ziele gleicht, als einer Laufveranstaltung. Vielfach bleiben wir kurz stehen, schauen, fotografieren, hören Erklärungen aus dem reichen Kenntnis- und Erfahrungsschatz des Veranstalters und München-Eingeborenen Andreas.

*) Andreas Bettingen schreibt von Zeit zu Zeit auf seiner Seite isarmarathon.de Marathonläufe in München und Umgebung aus.

Nach und nach erobern wir die Münchner Innenstadt: kommen am Hofbräuhaus vorbei, überqueren anschließend den Marienplatz mit dem Münchner Rathaus. Vor der Frauenkirche, der Münchner Domkirche, legen wir den Kopf in den Nacken um die Kuppeln auf den zwei fast 100 Meter hohen Türmen zu erspähen; tippeln wenig später über den Max-Joseph-Platz, dabei Nationaltheater und Residenz in Augenschein nehmend - beides Münchner Renommierbauten, an denen in einer Hauptstadt mit reicher Geschichte natürlich kein Mangel herrscht. Weiter mit klangvollen Namen: Haken hinter der (derzeit eingerüsteten) Feldherrnhalle, Blick zur gelben Fassade der Theatinerkirche und voraus über den Odeonsplatz. Kurios: Von Beginn an hasten mit Startnummern dekorierte Läuferinnen und Läufer vorbei. Überholen, kommen entgegen, rasen von rechts nach links oder andersrum, verharren zuweilen kurz, um einen Blick auf die Karte in ihrer Hand zu werfen. Offenbar findet just an diesem Sonntag ein Orientierungslauf im historischen Münchner Stadtkern statt*.

*) Der Lauf ist Teil des „Munich Orienteering Festival“, vom 17 - 19. April 2026

Unser vielfach von Sightseeing unterbrochener Stadtbummel spielt mir in die Karten. Immer wieder kommen Puls und Energiebedarf runter, das in mir wohnende Monster darf ungestört weiterschlafen - Visualisierung eines im eigenen Leib lauernden, sporadisch und anfallartig einsetzenden Effekts, die mit der Realität tatsächlicher Körperprozesse wohl wenig gemein hat. Dafür dämpft sie Befürchtungen, die mich natürlich mit dem Start nicht losließen und noch eine ganze Weile begleiten werden. Einstweilen alles palletti in mir auf dem Weg durch den Hofgarten der Residenz, vorbei an der Bayerischen Staatskanzlei, auch noch in Höhe des Denkmals für die „Weiße Rose“*.

*) Die „Weiße Rose“ war eine Widerstandsbewegung von Studenten im Zweiten Weltkrieg. Bekannteste Mitglieder waren die Geschwister Hans und Sophie Scholl, 1943 von den Nazis hingerichtet.

Es beginnen gut drei Kilometer im Englischen Garten. Für sich genommen schon ein läuferisches Highlight, heute mit nicht alltäglicher Ouvertüre. Andreas macht sich die Mühe bei der berittenen Polizeistreife um Fotoerlaubnis nachzusuchen, ich halte meine Linse einfach drauf - sie werden mich schon nicht erschießen oder in ihren Kerker werfen. - Frisches Grün dominiert, nicht nur hier im Park. Generell fällt auf, dass die Belaubung an Münchens Bäumen und Büschen viel weiter fortgeschritten ist als bei mir zu Hause, 60 km Luftlinie westlich von hier. Alsbald kommt es zum erwarteten Stelldichein der Gruppe vorm erhöht errichten Rundtempel Monopteros. Immer wieder famos der Blick von hier oben über den weitläufigen Englischen Garten hin zu den Münchner Altstadttürmen.

Ich nutze die Pause, um mich aus Rucksack und Regenjacke zu pellen. Letztere ist längst schweiß-, nicht mehr regennass. Jacke verstauen, Rucksack über und weiter im Park, es gibt noch mehr zu sehen. Zum Beispiel den berühmten Chinesischen Turm samt Biergarten zu seinen Füßen, außerdem Teiche, Wasserläufe und natürlich viele Menschen. Menschen bei sonntäglichen Freizeitbeschäftigungen: Kinderwagen schieben, Hund ausführen, Joggen, Spazierengehen und anderes mehr.

Kilometer 7: Wir verlassen den Englischen Garten und beginnen mit der Ost-West-Durchquerung von Münchens vielleicht bekanntestem Stadtteil: Schwabing. Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Das gilt ganz sicher auch für jene des eigenen Körpers. Dennoch schielte ich zuletzt häufiger zur Entfernungsanzeige. Der elende siebte Kilometer, auf dem in Berlin das Verhängnis seinen Anfang nahm, liegt hinter mir - ereignislos. Und so intensiv ich auch in mich reinspüre, der schlafende Drache, das Phänomen, „es“, gibt keinen Pieps von sich. Gut so, darf so bleiben.

In Schwabing wechseln sich in rascher Folge bebaute, nicht der Erwähnung werte Straßenzüge mit Sehenswertem ab: Prachtvoll blühende, rosa Kirschbäume, Gänse am Schwabinger See, die mit uns um die Wette watscheln und die Wetterschutzsegel der wahrscheinlich stylishsten Trambahnhaltestelle, wenn nicht der Welt, so doch wenigstens von ganz München. Alsbald danach: Nichts für Touristen, eher etwas zum Nachdenken und Schaudern. Das Schild steht vorm unscheinbaren Seitentrakt der Schwabinger Klinik, drauf steht: „Babynest“. Ein Pfeil zeigt zum diskret verwinkelten, dadurch nicht einsehbaren Eingang. Wie oft sich wohl verzweifelte Mütter hierher aufmachen? Es gibt die Hölle auf Erden, genauer gesagt viele Höllen. Das eigene Kind per Babyklappe in fremde Hände zu geben ist sicher eine davon.

Schwabing endet für uns hinterm Luitpoldpark, genauer gesagt nach der Überschreitung eines 37 Meter hoch aufragenden Trümmerberges. Um den heute als Aussichtspunkt dienenden Hügel aufzuschütten, mussten zig Straßenzüge in Schutt und Asche sinken. Kriegsfolgen, die man dem begrünten, von hohen Bäumen bewachsenen Buckel nicht mehr ansieht. Zeit heilt manche Wunden. Leider leistet Zeit auch dem Vergessen Vorschub. Und empor zum Trümmerkreuz verirren sich wohl nur wenige jener Verblendeten, die heute die eklige Partei wählen. Dabei richtet sich der Appell, die Inschrift des Kreuzes, besonders an diese Leute: „Betet und gedenket all der unter den Bergen von Trümmern Verstorbenen!“

Westlich von Schwabing ragt ein weiterer, noch gewaltigerer Trümmerhaufen in den Münchner Himmel, dem Rest der Welt seit 1972 eher bekannt als Olympiaberg. Drum herum erstreckt sich einer der zugleich weitläufigsten und belebtesten Freizeitparks der Republik, das Olympiagelände. Kaum aufzählbar, was hier an fix installierten Attraktionen und zahlreich übers Jahr verteilten Veranstaltungen den Menschen der Region angeboten wird. Olympiapark und in seinem Zentrum Olympiaberg nutzen wir auf den nächsten 5 Kilometern als Spielwiese. Dabei verstreicht eine volle Stunde! Die fünfzig Meter Steilhang des prächtig übergrünten Schuttberges zu erklimmen dauert gar nicht mal so lange. Mehr Zeit brauchen wir zum Auftakt für den Schlenker durchs einstige Olympiadorf, das heute von Studenten in kleinen oder Familien in größeren Wohneinheiten bevölkert wird. Vor der Gedenktafel für die getöteten israelischen Sportler erfasst mich Schaudern. Bilder eines ausgebrannten Helikopters und maskierter Terroristen steigen aus dem Bodensatz grauenvoller Erinnerungen auf. Wie gut, dass Laufen den Kopf freimacht.

Nach der Schleife durchs Olympiadorf durchqueren wir die engere Zone der Sportstätten. Wie jedes Mal begeistert mich das so genannte Olympia-Zeltdach, das sich nun schon länger als 50 Jahre über die olympischen Sportstätten - Stadion, Sport- und Schwimmhalle - spannt. Spannende, in der Welt einzigartige Architektur, von zeitloser Eleganz und Schönheit. - Andreas meinte das tatsächlich ernst in seiner Mail: Wer will kann durchs Olympiaschwimmbad laufen. Hätte ich solo unterlassen, in der Gruppe bin ich natürlich frech und für jeden Unfug zu haben. So ergibt sich ein interessanter Abstecher in eine andere Klimazone. Schwülwarm umlullt beobachten wir für ein, zwei Minuten den Badebetrieb im 50-Meter-Becken tief unter uns. Anschließend ein neuerlicher Klimawechsel beim Verlassen der Halle, jetzt von tropisch nach gefühlt beinahe arktisch. Wirft die Frage nach dem Laufklima auf: Ist Udo zufrieden mit dem Wetter? - Einstweilen gibt es nix zu meckern. Zwar bleibt die Luft kühl, doch mehrfach reißt der Himmel auf, wärmen mich ein paar Sonnenstrahlen. Irgendwo auf dem Weg zum Olympiaberg streife ich sogar die Armlinge ab.

Der grüne Buckel verlangt mir ein ziemliches Stück Laufarbeit ab. 72 Jahre alt und uneinsichtig: Will da rauf laufen, nicht gehen. Jeden verdammten Meter. Laufen auch auf den Abschnitten mit elend grobem Kopfsteinpflaster. Erst 15 Kilometer stehen auf der Uhr, Kraft ist noch da. Steil, steiler, … schließlich geschafft. Die Aussicht von hier oben ist überwältigend. München liegt mir in allen Himmelsrichtungen zu Füßen: Im Norden Olympia 1972 in allen Teilen, südwärts die Altstadt und weit im Osten jener Ort, wo heute Nachmittag vielleicht der Deutsche Fußballmeister gekürt werden wird. Voraussetzung: Der FC Bayern München erspielt mindestens ein Unentschieden in der heimatlichen Allianzarena.

Abstieg vom Berg. Sehr langsam. Außer meinem sind auch die rekonvaleszenten bzw. angeschlagenen Knie von Andreas und Judith in Bandagen verpackt. Kurioserweise vom selben Hersteller, so dass wir optisch den „flotten Dreier“ geben. Mäßig steil runter, teils Serpentinen nutzend, schließlich aufs Olympiastadion zu, daran vorbei und rüber zur neu erbauten Mehrzweckhalle „SAP Garden“ - sportlich die Heimstatt der Münchner Eishockey- und Basketball Erstligisten. Wir folgen einem der Kanäle, die das Olympiagelände durchziehen schnurgeradeaus, lassen Olympia 1972 endgültig hinter uns.

Auf der MUCUT-Strecke erlebte ich und erlebe auch heute die „Relativität des Raumes“. Mir kommt die Route viel länger vor als andere Marathonstrecken. Das liegt unter anderem am heftigen Schlussabschnitt, auf den der Leser sich noch freuen darf. Und natürlich verzerrt unser Stopp-and-Go-Gezuckel samt bei-läufigen Sightseeings die Wahrnehmung der Entfernungen. Vor allem aber verantwortlich ist die dichte, jeweils nur kurz unterbrochene Serie von Höhepunkten. Und auch jetzt gibt’s wieder massig Futter fürs Auge des Genießers: Zunächst traben wir am Ufer des strikt geradeaus angelegten Nymphenburger Kanals. Erst nach mehr als einem Kilometer endet er vor dem Nymphenburger Schloss*. Durch ein seitliches Tor gelangen wir in den Schlossgarten.

*) Hinterm Schloss, im Nymphenburger Park, setzt sich der Kanal fort. Schmale Verbindungskanäle umfließen den Haupttrakt des Schlosses und gleichen den Wasserstand an.

Das Schloss kostet Zeit zum Frischmachen und Füllen der Wasserflaschen in der öffentlichen Toilette, für Fotos natürlich und das Warten aufeinander. Bin eh der Langsamste der Gruppe, also tippele ich schon mal los und erobere den östlichen Teil des Schlossparks. Minuten, die ich läuferisch solo unter Spaziergängern verbringe. Schlussendlich bringt mich der Track zu einer Gittertür, von der ich hoffe, dass sie nicht verschlossen ist. Vor zwei Jahren war es so und … heute auch. Weiter durch sehr junges München, zwischen Wohn- und Büroblocks, hin zum Hirschgarten. Hirschgarten ist einerseits die Bezeichnung für einen großen Münchner Park, zugleich der Name eines Biergartens. Beim Zugang zum Hirschgarten gibt mir der Track Rätsel auf. Ich kenne den Weg, joggte bereits dreimal hier entlang, doch heute steht ein unbekannter Trail zwischen Bäumen an. Solo unterwegs ist mir das zu kompliziert, also halte ich mich an die von Andreas zugestandene Alternative und nehme den mir bekannten Weg durch die grüne Oase …

Hirschgarten Ende. Nun wieder unterwegs in Häuserschluchten zwischen mehrstöckigen Gebäuden. Ich jogge mehr oder weniger geradeaus, fast genau gen Osten. Mangels äußerem „Thrill“ fokussiere ich mich auf den inneren: 25 Kilometer gelaufen, bisher keinerlei Mucken des Phänomens. Das kann sich jederzeit ändern, doch einstweilen mache ich in Optimismus: Heute erlebe ich einen meiner besseren Marathontage, heute wird „es“ mich in Ruhe lassen.

Unterführung: Tippele versonnen abwärts … tippelte womöglich dran vorbei, wären da nicht rote Herzen in Augenhöhe plakatiert. Ich muss zweimal hinschauen, um es einmal zu glauben. Tatsächlich, da steht: „We🩷Udo“. Auch ohne www-Zugriff per abgebildetem QR-Code ist sofort klar, wen das Plakat in Wirklichkeit meint. Nachdem Udo Jürgens' Gebeine längst verblichen sein dürften, kommt nur der letzte noch lebende Musik-Udo und Kultrocker Udo Lindenberg in Frage. Und doch fühle ich mich auf angenehme Art gebauchpinselt: We🩷Udo. So sei es, ihr Götter des Laufsports! Sorgt gefälligst dafür, dass Udo heute ungeschoren davonkommt! Damit stimmt, was sein Namensvetter singt: „Wenn ich geh, dann so wie ich gekommen bin …“ - Nun gut, vielleicht nicht „ … wie ein Komet der zweimal einschlägt“, aber bitte aufrecht auf eigenen Füßen.

Immer weiter geradeaus, weiter Richtung Osten, bis zum nächsten Udo-Wasserdepot. Vier habe ich heute Morgen vor dem Lauf angelegt, eins nach Verlassen des Olympiageländes bereits geplündert. Letztlich weitgehend überflüssiger Aufwand, weil es öffentlich zugängige Wasserstellen gibt. Aber sicher ist sicher. Ich hole den umfunktionierten Milchkarton aus seinem Versteck unter einem Busch und ergänze den Wasservorrat der Rucksackflasche. Trinke aus dem Karton, einmal, zweimal, mehrmals; sehe unterdessen meine Verfolger nahen und plärre ihnen fragend entgegen, ob jemand Wasser braucht. Unisono und dankend ernte ich Ablehnung, schütte folglich den Rest weg, knautsche die Packung zusammen und entsorge sie in einem Müllkorb … erfreulicherweise gleich hinter der nächsten Ecke.

Sie leistet trotz Aufstiegs keinen erhebenden aber doch jedes Mal einen bemerkenswerten Beitrag zum Erlebnis „MUCUT“, die Überquerung der Donnersbergerbrücke. Im Lärm des glücklicherweise mäßigen Wochenendverkehrs (auf acht Fahrspuren des Mittleren Rings) wechseln wir die Seite der Bahntrasse. Beeindruckend der Blick runter in die „Schlangengrube“ von mehr als 20 parallelen Gleiskörpern für S-Bahn, Nahverkehrs- und Fernzüge. Von hier oben reicht der Blick bis zu den Türmen der knapp drei Kilometer Luftlinie entfernten Frauenkirche. Vor einigen Jahren konnte man von hier aus bis zur Hackerbrücke und dem dunklen Maul der Halle des Hauptbahnhofs schauen. Nur noch Geschichte, seit ein paar hundert Meter von hier die Schienen mit einer Fußgängerbrücke überbaut wurden. Auf ebendiesem Steg wechseln wir Minuten später abermals die Seite … Ein Kuriosum bildet der Abstieg am Ende des Stegs. Hier geht’s schraubenförmig in die Tiefe, zwei vollständige Windungen weit. Radler bremsen, Fußgänger - also wir - sammeln ca. 130 Meter Strecke (hab ich Pi mal Daumen mit π in der Kreisformel ausgerechnet).

Wieder trabe ich durch jüngst erbautes, sonntäglich totes München. Wir joggen parallel zu den Gleisen, die sich hinter einer Zeile von Bürogebäuden erstrecken. Gegenüber, jenseits des Arnulfparks, im gleichnamigen Viertel, wird gewohnt - besser und unter Garantie: sündhaft teuer residiert. Zentraler und moderner geht’s kaum mehr. Ich hab‘ mal spaßeshalber ein bisschen im Netz gestöbert und stieß auf eine Wohnung von 85 Quadratmetern mit Gartenanteil zum Schnäppchenpreis von € 895.000,-. Na bitte, dass kann sich doch fast jeder leisten! - Vom „Park“ sollte man sich keine falschen Vorstellungen machen: Arnulfpark meint eine kahle, schnöde Rasenfläche, auf der ein paar junge, licht gepflanzte Bäume ihre Einsamkeit betrauern. - Ende Arnulfpark. Voraus entern Roland und Frank die Hackerbrücke. Nach massenhaft Neubauten endlich Patina auf den eisernen Trägern der Brücke aus dem 19. Jahrhundert (1894 fertiggestellt). Früher hätte ich das klotzige Ding als hässlich verunglimpft, heute „salbt sein filigraner Anblick mein ergrautes Gemüt“.

Jenseits der Hackerbrücke weiter Richtung Theresienwiese. Die ist derzeit weder voll noch leer. Sie füllt sich ab August prall, wenn mit dem Aufbau der „Zelte“ und Fahrgeschäfte fürs Oktoberfest begonnen wird. Danach leert sie sich, verkommt zu einer Brache gigantischen Ausmaßes mitten in der Millionenmetropole. Zu sehen sogar aus dem All, zuletzt von den Artemis-Astronauten - so sich München gerade unterm Orbit der Kapsel vorbeidrehte und die Raumfahrer Muße hatten hinzuschauen. Dieser Tage belegt das Münchner Frühlingsfest mit Riesenrad und allerlei sonstigen Lustbarkeiten vielleicht ein Drittel der Fläche. Wir tippeln auf der Theresienhöhe vorbei am Remmidemmi, schlussendlich in Höhe der Dame „Bavaria“, die wie immer jeglichem Treiben ungerührt beiwohnt, hinunter auf Wiesenniveau. By the way, für alle die noch nie da waren: Die „Wies’n“ heißt nur so, was es hier überhaupt nicht gibt ist Wiese. Nullkommanull Gras, dafür weite Asphalt-, Beton- oder Kiesflächen. Okay, übers Jahr gerechnet, wagt sicher das eine oder andere verirrte Samenkorn den Versuch grasig grüne Vitalität zu entfalten, ohne Überlebenschance allerdings.

Quer über die Wies’n voran, von deren Rand zum Goetheplatz, unter diesem hindurch*, schließlich quer durch den Südfriedhof. In diesen Minuten reißt mein Kontakt zur Gruppe ab. Bin einfach zu beschäftigt, um Schritt halten zu können: Fotografieren, auch mal Notdurft verrichten und kurz hinter der Alten Utting kostet das Plündern von Wasserdepot Nummer drei weitere Zeit. Hinterher rennen? Nö, das könnte den im Bauchraum schlafenden Drachen wecken. No risk, much fun! lautet meine Devise. - Wie war die Frage? Ach so, ja, bei der Alten Utting handelt es sich um ein ausgedientes Fahrgastschiff, das einst auf dem Ammersee umher schipperte. Man verbrachte den Kahn nach München und platzierte ihn auf einer Bahnbrücke, deren Gleis nicht mehr gebraucht wurde. Seitdem lädt der Blickfang als Szenegasthaus zum Essen und Trinken ein.

*) Allein das Ab und Auf von mehreren Straßenunterquerungen dürfte etwa 50 Höhenmeter zum Streckenprofil beitragen. Der MUCUT fordert mit etlichen Höhenmetern!

Ich folge dem Großen Stadtbach. Was in der Kanalrinne fließt ist geraubtes Isar-Wasser. Abhängig von Jahreszeit und Wetter entnimmt man dem Wildfluss südlich der Landeshauptstadt einen mehr oder weniger großen Teil seiner Flut. Vom Stadtbach jogge ich einen Abstecher zum Isarufer und kreuze dort unter der Brudermühlbrücke den vielspurigen Mittleren Ring zum inzwischen siebten Mal*. Hinter der Brücke wende ich mich im dichten Wald der Isarauen wieder dem Großen Stadtbach zu - 34 getrabte Kilometer meldet mein GPS-Wecker auf diesem Abschnitt. Mit Blick zum ehrwürdigen E-Werk Isar 2, fertiggestellt noch vor dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1907, geht's zum jenseitigen Ufer des Stadtbachs. Sicher bin ich nicht, unterstelle Veranstalter Andreas aber pure Absicht uns ausgerechnet über diese Stadtbachbrücke zu schicken. Ihr findet sie in Karten mit dem Namen Schinderbrücke bezeichnet.

*) Die ersten fünf Über- oder Unterquerungen des Mittleren Rings vor der Donnersbergerbrücke, einmal im Englischen Garten, einmal in Schwabing und dreimal im Olympiagelände sind im Text nicht erwähnt.

In Laufrichtung hinterm E-Werk fließt mir der Große Stadtbach inkognito als Isarwerkkanal entgegen - ab hier parallel zur wasserarmen, kiesigen Original-Isar. Ich jogge unmittelbar am Ufer der Kanalrinne, mit den Füßen tiefer als die Wasseroberfläche, erspähe Schwäne, Enten und Blesshühner, aber keinen noch so winzigen Kiesel der Ur-Isar. Die rauscht hier im Verborgenen ein paar Meter tiefer vorbei. Es gibt unendlich viel zu berichten und mit Details auszuschmücken auf diesem Kurs. Kein Wunder, dass ich bisher kaum über Befindlichkeiten lamentierte. Jetzt muss es aber raus: Selbstverständlich bin ich längst müde, was - wie gewohnt - die in kürzer werdenden Intervallen geschluckten Gels nicht verhindern konnten (insgesamt werde ich heute sieben Tütchen Süßpampe naschen). Schwere Beine also. Aber deutlich später und nicht so ausgeprägt, wie ich das in diesem Jahr schon mehrfach erlebte. Da auch das Phänomen sich nach wie vor still verhält, bin ich einstweilen zufrieden. Glücklich noch nicht, zum Finisher-Glück fehlen immerhin noch etwa neun Kilometer und 4 (in Worten: vier!) steile Anstiege.

Der erste Aufstieg fordert mich nach Überquerung von Isarwerkkanal und Kies-Rest-Isar auf dem breiten, hölzernen Marienklausensteg. Unmittelbar dahinter erhebt sich das steil abfallende Ostufer der Isar. Ein asphaltierter Pfad erschließt in Serpentinen die etwa 30 Höhenmeter des Abbruchs. Ich packe das in zwei Tippeletappen. Etappe 1: Von der Marienklause (nach Art eines Blockhauses 1866 errichtete Kapelle) bis zur ersten Kehre. Dort kurz verschnaufen (= Bedarf an Schnappschüssen vortäuschen). Dann hieve ich den unterdessen tonnenschweren Udo rauf zur Abbruchkante, identisch mit dem Rand des Stadtteils Giesing-Harlaching. Fußballadepten werden wissen: Unweit von hier, angeblich in inniger Feindschaft benachbart, liegen die Trainingsareale der großen Münchner Clubs; des einst erfolgreichen, jetzt drittklassigen TSV 1860 München und des FC Bayern München, der heute den ersten von drei möglichen Titeln holen kann.

Was den Laufsportler Udo angeht: der wird heute keinen Lorbeer von anderer als persönlicher Bedeutung ernten. Wer ihm dennoch folgt, kann ihn an der Abbruchkante des Isarhangs entlang schlappen sehen. Und im Gegensatz zu ihm vielleicht nicht ahnen, dass da unten, am Fuß der Steilstufe, im Tierpark Hellbrunn, ein bemerkenswerter Querschnitt der Fauna des Planeten auf Besucher wartet. Abbruchkante Ende, vorläufig jedenfalls, ich gebe Höhe auf, jogge, unten angekommen, an einem der Tierparkausgänge vorbei. Gegenüber berge ich mein viertes und letztes Wasserdepot aus seinem Versteck. Flasche auffüllen (wahrscheinlich überflüssig, da nur noch 6 km vor mir liegen), trinken, Rest wegschütten, das leere Tetrapak in eine unweit stehende Tonne entsorgen, weiter …

Drei Minuten flach, dann wieder rauf, erneut in zwei Etappen. Ich könnt’s in einer erzwingen, doch wozu das Läuferschicksal herausfordern? Zeit ist eine unbeschränkte Ressource, körperliche, von Attacken bedrohte Unversehrtheit keineswegs. You remember: No risk, much fun! Neuerlich oben angekommen, mit Blick nach Giesing. Aus dunklem Himmel fallen erste Tropfen. War abzusehen, aber auch die Wetterhoffnung stirbt zuletzt. Ich setze die Kappe auf und muss binnen weniger Sekunden erleben wie sich harmloses Getröpfel zum wilden Stakkato eines Platzregens steigert. Einmaliges Donnergrollen bestätigt meine Einschätzung, dass der Guss nur von kurzer Dauer sein wird. Trotzdem suche ich vor einer dichten Hecke Schutz: kein Bock klatschnass, womöglich vor Kälte schlotternd in nassen Plünnen das Abenteuer MUCUT ausklingen zu lassen.

Im versiegenden Regen trabe ich wieder los, es sind nur wenige Minuten vergangen. Ach ja, ich erinnere mich: An dieser Stelle wählten Bernie (ist heute auch dabei) und ich vor zwei Jahren den falschen Abzweig. Bitte heute nicht, der Fehler würde mit einem zusätzlicher Anstieg bestraft werden. Also wähle ich von zwei in spitzem Winkel auseinander strebenden Pfaden den rechten. Zwischen Baumkronen zeichnen sich bereits die Konturen des Stadions an der Grünwalder Straße ab. Einst Münchens Fußballtempel Nummer eins, dieser Tage mit nur 15.000 Plätzen gerade noch ausreichend für Drittligaspiele des TSV 1860 München. Unmittelbar hinterm Stadion setze ich auf einem Steg zum jetzt achten und letzten Mal über den Mittleren Ring, der an dieser Stelle allerdings im Tunnel unter einer anderen Straße verläuft.

Wieder geht es runter auf Isaruferniveau und dort parallel zum Fuß des Abbruchs weiter. Von der Isar trennen mich an dieser Stelle etwa 400 m Luftlinie und einige Häuserzeilen. Ich kenne die Strecke, bin also nicht überrascht als mich der Track kurz darauf wieder nach oben schickt. Die Abbruchkante ist inzwischen niedriger ausgeprägt, weswegen ich die Serpentinchen in einem Rutsch empor trotte. Kaum oben und hinterm Ausgang einer sich anschließenden Unterführung angekommen, finde ich mich mitten im Baustellenchaos wieder. Ich hatte mich zwischen zwei Ausgängen entscheiden müssen und nahm mit schlafwandlerischer Sicherheit den falschen. Notgedrungen überwinde ich Absperrungen - echte Männer kehren keinesfalls um! -, latsche durch gottlob flache, sonntäglich verwaiste Baugruben, bis ich schließlich aufatmend zum jenseitigen Treppenaufgang der Heilig-Kreuz-Kirche gelange … Soll ich den Herrn lobpreisen und eine Kerze stiften? - Zwischen Baken, Gattern und Sperrzäunen klafften Lücken. Offenbar bahnten sich hier schon andere Doofe (Verzweifelte?, Opfer?) ihren Weg.

Vorbei an der Kirche, auf guten Wegen durch Grünanlagen, alsbald über einen Fußgängersteig. Fotopause: Unter mir ein elektrifizierter Gleiskörper. Der Ausblick gen Westen macht, durch Menschenaugen betrachtet, mehr her, als ein Foto wiedergeben kann. Jenseits des Stegs erwartet mich ein kleiner Park, kurz darauf die nächste weltbekannte Münchner Attraktion, der Paulaner „Biertempel“ auf dem Nockherberg. Hier trifft sich politische „Elite“ alljährlich zur Fastenzeit beim Starkbieranstich. Hauptmotiv: sich derblecken lassen. Derblecken ist bayerisch und steht für „durch den Kakao ziehen“. Beim Starkbieranstich auf dem Nockherberg dürfte es sich um die einzige politisch-kulturelle Veranstaltung in Bayern, wenn nicht der ganzen Welt handeln, die so genannte „Spitzenpolitiker“ nur dann zufrieden verlassen, wenn sie maximal ihr Fett wegbekommen haben. Geltung und Bedeutung hat im politischen Bayern, wem Kabarettisten die Wort- und Liedkeule auf dem Nockherberg richtig derb über den Kopf ziehen. Dass dabei Verfehlungen und charakterliche Untiefen Anwesender am Pranger landen, juckt die be-dirndl-den Damen und einge-janker-ten Herren im Publikum überhaupt nicht.

In Luftlinie gemessen trennen mich jetzt nicht mal mehr anderthalb Kilometer vom Ziel. Doch man ahnt es: Folterknecht Andreas hält noch eine hübsche Schikane für mich bereit. Letztmalig über Serpentinchen runter in den Stadtteil Au - mit klitzekleinen Schrittchen übrigens, um das rekonvaleszente, inzwischen von mehr als 40 Kilometern drangsalierte Knie nicht zu beleidigen. Drunten über den rauschenden Auer Mühlbach, vorbei an der „Polizeiinspektion 21-Au“ und hin zum Mariahilfplatz. Der ist heute über und über mit Buden zugestellt. Während ich noch rätsele, welche Sause hier demnächst losgehen wird*, zieht das rote Backsteingemäuer der Mariahilfkirche (1839 fertiggestellt) den Blick auf sich. Ich trotte außen um den rechteckigen Platz herum und beginne den - hurra! - allerletzten Aufstieg …

*) Die Buden wurden für die Auer Dult (Jahrmarkt) errichtet. Sie findet dreimal jährlich statt. Die Maidult beginnt am letzten Samstag vor dem 1. Mai.

Am steilen Hang schuftend, als Nichtbayer dem Bayerischen aus einem früheren Leben mächtig, denkt’s in mir: „I mog nimma!“ Nicht nur die Hax‘n, der ganze Kerl ist schwach. Dann bin ich oben und hab das Minütchen dämlicher Selbstgeißelung infolge Nicht-Gehen-Wollens schon wieder vergessen. Vorwärts jetzt, es ist nicht mehr weit. Ein kurzer Halt noch für ein Foto von den golden glänzenden Vögeln auf der Spitze eines Brückenobelisken … Weiter an der Kante entlang, die eine letzte Entscheidung verlangt: Links der Rampe folgend runter oder noch ein Stück gerade aus. „Rampe runter“ kommt mir bekannt vor. Aber der Track zielt eher geradeaus. Gehorsam folgt Lemming Udo dem Track, trottet natürlich in die Irre. Nicht schlimm, kurz darauf über die letzten Serpentinchen des Tages abwärts, ein weiteres Mal über den Auer Mühlbach, schließlich ans Ufer der Isar. Drüben auf der Isarinsel könnte ich das Deutsche Museum sehen, wenn ich hinschaute. Stattdessen steuere ich auf den Fußweg zu, der unter der Ludwigsbrücke hindurch führt. Natürlich erst nach Vollendung eines Porträtfotos der dauerposenden Frau Bukolika. Die bronzene, sonnenbadende Isarnixe ist so etwas wie eine liebgewordene Freundin. Diverse Andreas-Marathons verschafften mir schon Rendezvous mit der Dame. Das Tolle daran: Vom Zielstrich trennen mich hier gerade mal noch 200 Meter.

Tschüß properes Mädel, Udo muss weiter … taucht unter der Brücke hindurch, trottet an der Mauer zwischen Isar und altehrwürdigem Müllerschem Volksbad entlang, blickt zur rauschenden Isar runter, schnuppert warme, chlorschwangere Abluft aus dem Badetempel, tippelt um die hintere Gebäudeecke, vollführt letzte Schritte, bis er schlussENDLICH die imaginäre Ziellinie überschritten hat. 6:48:42 Stunden sind seit dem Aufbruch ins MUCUT-Abenteuer vergangen.

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Kommentar aus dem Jahr 2023!

 


Die Fotos im Text stammen teilweise von Andreas Bettingen und anderen Teilnehmern des Laufes. Die Aufnahme von der Donnersbergerbrücke über die Bahntrasse Richtung Innenstadt datiert aus dem Jahr 2024.