11. März 2023
Von dieser Titelzeile müssen sich alle mäßig ausdauertrainierten Marathonas und Marathonis provoziert fühlen. Über die Frage stolperte ich vor Jahren im größten deutschen Läuferforum. Zu einer Zeit, da ich selbst mit hohem Trainingsaufwand eine Laufzeit von unter drei Stunden anstrebte (was letztlich an knapp zwei Minuten zu viel auf der Uhr scheiterte). Heute, hier in München, 17 Jahre später, werde ich für einen Marathon fast sechs Stunden brauchen.
Beinahe das Doppelte meiner persönlichen Bestzeit von 2006. Und doch hätte bereits der „flinke Udo“ früher Marathonjahre dieselbe Antwort gegeben, die dem Marathon-Opa gerade jetzt auf der Zunge liegt. Willst du wissen welche? - bitte übe dich noch ein bisschen in Geduld …
Um die beträchtliche Endzeit von 5:57:27 Stunden ein wenig zurechtzurücken, vorab so viel: Ein Marathon in München ist mitnichten flach. Jedenfalls nicht, wenn man Judith Strack und Andreas Bettingen (beide selbst Teilnehmer) die Strecke planen lässt. Die fordert mit 300 Freilufthöhenmetern. Hinzu kommen diverse Treppen im Münchner Untergrund. Teilnehmen kann nur, wer sich komplett selbst verpflegt. Was auf meinem Rücken einen unpraktischen Laufrucksack voraussetzt, der mich mehrmals zu langwierigen Verpflegungsstopps zwingt. Dabei vergehen schon mal drei, später auch mehr Minuten. Weitere Verzögerungen ergeben sich aus roten Ampeln, zigfachem Schauen und Fotografieren. Wo ich mich auf den gpx-Track verlasse, vertickt so manche Sekunde durch möglichst genaues (= häufiges) Orientieren. Wer es dabei an Sorgfalt fehlen lässt, bezahlt in der Währung „Verlaufen“. Summa summarum dürfte rund eine Dreiviertelstunde für diese „Nebentätigkeiten“ draufgegangen sein.
„Laufzeitbezüglich“ schaut’s nun besser aus. Besser aber nicht gut, was aufs Konto einer miserablen Tagesform geht, die ich zum „urbanen Trailen“ nach München mitgebracht habe. Obschon nicht unbedingt erwartet, überrascht mich das Tief nicht. Auf gut acht, zum Lockern der Beine verjoggten Kilometern kam ich schon gestern auf keinen grünen Zweig. Dass sie einem Biorhythmus unterliegen, wird Menschen - auch sportlich aktiven - oft
erst im Herbst ihres Lebens bewusst. Mein Biorhythmus verstieg sich im Laufe dieser Woche im Keller - aber so was von!
Wir treffen uns am Isarufer, auf der Rückseite des Müllerschen Volksbades, unweit des Deutschen Museums. Auf den Jugendstilbau des Müllerschen Volksbades, einst modernstes Hallenbad seiner Zeit, näher einzugehen, verkneife ich mir. Der Bericht wird reichlich hochkarätige Sehenswürdigkeiten aufzählen. Ich muss mich also einschränken, wenn der Bericht nicht aus allen Nähten platzen soll … 10 Vermummte, darunter zwei Frauen - ich nenn’ die Gruppe von nun an „MUCUT-10“ -, bibbern fürs Erinnerungsfoto in die selbstauslösende Linse. Manche meinen der Winter sei zurückgekehrt. Nach meinem Empfinden war er nie weg. 2°C beschert
er uns heute zu Beginn, womit wir allerdings gut bedient sind. Anderenorts schneite es heute Nacht und noch gestern brauste Sturm durchs Geäst. Zudem zeigt sich der Himmel über München derzeit, kurz vor 10 Uhr,
von seiner freundlichen, weiß-blauen Seite. Ein Betonpfosten mit orangerot lackierter Kappe bezeichnet Start und Ziel. So ganz genau weiß Andreas nicht, welche Ausdehnung die Strecke haben wird. Wem’s zu kurz ist, der solle am Ende so lange hin und her joggen, bis er mit der Anzeige seiner GPS-Uhr zufrieden ist. In solche Verlegenheit werde ich nicht kommen: mein Zählwerk wird im Ziel fast 44 km anzeigen.
Alle anwesend, alle gerüstet, Andreas gibt das Kommando und alle starten ihre Uhr. Ein paar Meter nordwärts, dann trabt die Gruppe nahezu geschlossen rüber ans andere Isarufer. Schon auf diesen ersten Metern gerate ich ins Hintertreffen. Der Fotos wegen, auf die ich nicht verzichten will, außerdem
schalten alle zum Laufen benötigten Körperfunktionen erstmal auf stur. Dank der ersten roten Ampel geselle ich mich wieder zum Tross. Auf dem Weg ins Münchner Zentrum will der Knoten immer noch nicht platzen. Mehr schlecht als recht vermag ich auf den ersten beiden Kilometern Anschluss an die Gruppe zu halten. Um schneller zu laufen, müsste ich mir Gewalt antun, wofür meine Gräten mich final ganz sicher abstrafen würden. Also begnüge ich mich mit der Rolle des zurückhängenden Schlusslichts.
Die anderen sind gottlob „unstet“ unterwegs, da immer wieder mit Schauen beschäftigt. Es steht also nicht zu befürchten gleich zu Anfang die Stadt als Solist erkunden zu müssen. Was mir an sich nichts ausmachen würde. Nur entbindet mich der Sichtkontakt zu Andreas von der Notwendigkeit den Track im
Auge zu behalten. Entlang eines der mondänen Boulevards Münchens, der Maximilianstraße, passieren wir ein paar Designerläden. Aus Klimaanlagen oder offen stehenden Eingängen wabern Geruchswolken, die den Ratschluss „Edelboutique“ selbst mit geschlossenen Augen zuließen. Alsbald Linksschwenk, hin zu einem der touristisch
bedeutsamsten Münchner Viertel. Nach wenigen Schritten joggen wir übers „Platzl“, im Grunde nicht mehr als die platzartige Erweiterung sich kreuzender Straßen. Weltweit bekannt allerdings, weil hier das (heute leider mit Lkw zugestellte) Hofbräuhaus steht. Spätestens ab jetzt und bis auf weiteres bin ich mit unserem Laufweg bestens vertraut.
Durch eine Ladenpassage zur Straße „Tal“, hier rechts zum Marienplatz mit dem Neuen Münchner Rathaus. Die „schlanke“ Routenbeschreibung unterschlägt diverse Sehenswürdigkeiten, die ich nur mit flüchtigen Blicken bedenke: Heilig Geist Kirche, dahinter der Viktualienmarkt, Giebel und Turm des Alten Rathauses („Spielzeugmuseum“) und mit
St. Peter eine weitere, der größeren Münchner Kirchen. Zum Schauen habe ich auch auf dem Marienplatz und in der angrenzenden Fußgängerzone keine Muße. Samstagvormittag halb elf: Als Jogger bleibt dir nichts anderes übrig als Slalom um Sightseeing- und Shoppingbesucher zu laufen. Nur ein paar Meter durch die Kaufinger Straße, Münchens längste Einkaufsmeile,
dann in eine Gasse abbiegen. Automatisch legt man den Kopf in den Nacken. Selbst die Weitwinkellinse meiner Kamera hat Mühe die knapp hundert Meter Turm der Frauenkirche komplett abzubilden. Rund um den Münchner Dom zieht’s wie Hechtsuppe. Das belebt spontan entsprechend frostige Erfahrungen - etwa vorm Kölner Dom vor etlichen Jahren. „Rund um große Kirchen fegt immer ein eisiger Wind!“ wende ich mich an den unweit hinter mir laufenden Jürgen.
Um den Dom herum durch enge Gassen, bis sich der Blick übern Max-Joseph-Platz öffnet. Hinterm Denkmal für Maximilian I. Joseph imponieren der einem griechischen Tempel nachempfundene Säuleneingang zum Nationaltheater und - im rechten Winkel dazu errichtet - der Königsbau der Münchner Residenz.
Seitlich an letzterer vorbei, auf weitere geschichtsträchtige Stätten zu. Den Blick auf Odeonsplatz, damit auch auf Feldherrnhalle und die in der Sonne leuchtende Theatiner Kirche, verstellt eine Phalanx aufgefahrener Marktstände. Vier überlebensgroße, bronzene Löwen bewachen die Hofeinfahrten zur
Residenz. Eine der Skulpturen erregt mein fotografisches Interesse … „Du musst dran reiben! Das soll Glück bringen!“ Jürgen spricht die Empfehlung aus, deren Versprechen ich natürlich nicht ungenutzt lasse. Kleiner Schönheitsfehler: Ich berühre die von abertausendfachem Wischen blanke Schnauze des kleinen Löwen am Sockel des großen Löwen mit behandschuhter Hand. Ob der Zauber auch durchs Fleecegewebe des Handschuhs wirkt?
Der nächste Abschnitt führt Jürgen und mich - als Tandem mittlerweile die Nachhut der MUCUT-10 - durch den Hofgarten hinter der Residenz und alsbald an der Bayerischen Staatskanzlei vorbei. Der komplett mit Glasflächen und -kuppeln eingefasste Prunk- oder soll ich sagen „Protzbau“ ähnelt im Aussehen
den Orangerien diverser Schlossanlagen. Und tatsächlich gedeihen dort drüben im lichtdurchfluteten bayerischen Machtzentrum nicht selten seltsam exotische, nach öffentlicher Wahrnehmung gierende Pflanzen …
Wir holen den Mittelteil der MUCUT-10 - Judith, Andreas, Charly und Roland - in Höhe des Denkmals zur Erinnerung an die Weiße Rose* wieder ein. Zu sechst tauchen wir im Untergrund ab,
um eine der vielbefahrenen Straßen Münchens zu unterqueren. Drüben angekommen finden wir uns übergangslos in der größten Münchner Parkoase wieder, dem Englischen Garten. Gestaltete, gehegte Natur, die dem Charakter englischer Landschaftsgärten gehorchend Wildwuchs vortäuscht. Bis auf zwei, drei Besuche zum Schauen und Biertrinken am Chinesischen Turm war ich im Englischen Garten stets als Marathonläufer unterwegs: Viermal als Teilnehmer am München Marathon und letztes Jahr als Teilnehmer an Andreas’ und Judiths Erinnerungslauf 50 Jahre Olympiamarathon 1972. Den Rundtempel Monopteros, eines der Wahrzeichen des
Englischen Gartens, auf seinem Hügel weithin sichtbar thronend, erblickte ich bislang nur aus einigem Abstand. Mit ein bisschen Mühe ändert sich das heute, der Track verlangt die Besteigung des Hügels. Mühe, die bei schönem Wetter mit einer reizvollen Aussicht zu einigen bekannten Münchner Turmspitzen belohnt wird. Wer nicht verweilt und schaut, ist selber schuld. Über Wiesen und Baumwipfel des Englischen Gartens zur Münchner Skyline und auch den auf 10 Säulen lastenden Monopteros zu inspizieren lohnt den Aufstieg. Wieder zwei, drei Sightseeing-Minuten perdu - nur zur Erläuterung der final gewaltigen Laufzeit erwähnt, beileibe kein Ausdruck des Bedauerns.
*) Die „Weiße Rose“ war eine Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg.
Andreas betätigt sich als Fremdenführer, erläutert dies und das entlang unseres Weges durch den Landschaftspark. Als in Schwabing aufgewachsener, noch heute in München ansässiger „Munich Native“ dürfte kein anderer der MUCUT-10 dafür besser geeignet sein. Nach knapp vier Kilometern, etwa der Hälfte seiner Nord-Süd-Ausdehnung, verlassen wir den Englischen Garten. Es folgen Schwabinger Wohnstraßen, die meiner Kamera eine Pause gönnen und den Fokus mehr auf innere Wahrnehmungen lenken: Nicht gut, was ich da spüre, gar nicht gut. Und nach inzwischen etwa 9
Kilometern lasse ich letzte Hoffnung fahren, mein stotternder Antrieb könne noch zu harmonischem Rundlauf finden. Es ist, wie es ist. Für ein erträgliches Finish wird’s reichen, der Rest ist zweitrangig.
Wohnstraßen säumen den Weg aber auch viel Grün - demnächst im Frühling, wenn die vielen Bäume sich wieder grün einkleiden. Und nicht nur Grün lockert den Stadtteil auf: unvermittelt stehen wir am Ufer des kleinen, idyllischen Schwabinger Sees. „Als Auswärtiger kriegst du solche Orte nie zu Gesicht!“ richte ich das Wort an einen Mitläufer, schon jetzt Dankbarkeit für die tolle Streckenführung ausdrückend. Auf dem See tummeln sich flügelschlagend Gänse. Auch der Biber ist hier heimisch, wovon zahlreiche gefällte Bäume Zeugnis ablegen. Klingt nach ausgedehnter Natur inmitten einer Metropole, bezeichnet tatsächlich aber einen recht begrenzten, allseitig von besten Wohnlagen eingehegten Park. Den verlassen wir in Richtung eines futuristisch anmutenden Platzes. Zwei die Trambahnhaltestelle überspannende, an „Segel“ erinnernde Dächer erwecken diesen Eindruck, moderne, gar nicht mal hässliche Zweckbauten unterstreichen ihn.
Eine Ampel erzwingt Stillstand, schickt uns bei Grün sicher über die Leopoldstraße und weiter gen Westen durch Schwabing. Zwei Straßen später weckt eine kuriose Hinweistafel samt Pfeil meine Neugier. Ich kann mir ein Schmunzeln samt Erinnerungsfoto nicht verkneifen. Im Schwabinger Kinderkrankenhaus gibt es also ein „Babynest“. ‚Was mag das sein, ein Babynest?’ überlege ich arglos, unterstelle schlussendlich eine ambulante Sprechstunde für Kleinkinder. Gerade eben, beim Berichtschreiben, hab’ ich’s „geguggelt“. Zunächst neuerliches Schmunzeln als mir
unter „Babynest“ zahllose „Stoffnester“ zur Bettung von Babies offeriert werden. Nester, die ans biblische Binsenkörbchen erinnern, in dem einst Moses im Nil ausgesetzt wurde. Das Schmunzeln blieb mir dann allerdings im Halse stecken, als ich die Suchmaschine mit „Babynest Kinderkrankenhaus Schwabing“ fütterte: Der Pfeil weist den Weg zu einer Babyklappe.
Von solcher Gewissheit unbeschwert verschwinde ich einmal mehr im Münchner Untergrund. Hinter der Unterführung atme ich schwer, beharrte wie üblich darauf alle Treppenstufen im Laufschritt zu nehmen. Das hätte ich mal besser unterlassen, denn unmittelbar hinterm Treppenaufgang beginnt der Anstieg zu einem Münchner Trümmerberg. Etliche Dekaden nach dem Krieg präsentiert sich der Schutthaufen als schmuckes Grünland mit Namen „Luitpoldpark“. Auf steilem, in asphaltierten Serpentinen hinan führendem Pfad erreichen wir nach ein paar Minuten einen weiteren Aussichtspunkt, der sich ein paar Schritte abseits sogar mit einem Gipfelkreuz schmückt. Einmal mehr stehe ich an einem Ort Münchens, dessen Existenz mir bislang völlig unbekannt war.
Auf der als Rodelpiste ausgewiesenen Seite des Luitpoldparks - Skifahren explizit verboten! - steil hinab. Steil runter fühlt sich ungut an im Kreuz. Spontan bedauere ich auf die den LWS-Bereich wärmende Manschette verzichtet zu haben. Trage lediglich ein Langarmshirt, darüber eine verhältnismäßig dünne Laufjacke - hoffentlich kühlt meine Achillesferse, der untere Rücken, nicht zu sehr aus … Unten angekommen bringen uns ein
paar hundert Schritte zum Fuß des nächsten „Bergmassivs“, dem Olympiaberg im Olympiapark. Auch dieser Hügel besteht im Kern aus Trümmerschutt. 60 Höhenmeter verlangt er jedem ab, der die Aussicht von ganz oben genießen will. Heute hält sich das Genießen in Grenzen. Meinem Credo „Alles laufen!“ gehorchend setze ich Tippelschritte, die in bescheidener Tagesform zur Quälerei gerinnen. Und als ich endlich „on top“ ankomme, wollen mich eiskalte Windböen gleich wieder runterpusten. Frierend vollbringe ich Erinnerungsarbeit: Schieße einerseits Fotos zur Unterstützung künftigen Erinnerns und lasse mir die Wettkampfsituation vor bald 40 Jahren durch den Kopf gehen. Auch damals war’s die pure Tortur, zumal für einen gänzlich unerfahrenen Läufer. „Geländelauf im Wehrbereich VI“ - so oder so ähnlich war die Veranstaltung überschrieben. In Ermangelung ernsthaft trainierender Läufer meinte mein damaliger Verband, das Jagdbombergeschwader 32 (längst aufgelöst), mich als Teil seiner vierköpfigen Mannschaft entsenden zu müssen. Das geschah lange vor meiner Marathonzeit und dem Beginn strukturierten Trainings.
Abwärts mit Blick auf Olympiastadion, Olympiahalle, Olympiasee und Olympiaturm. Alles ganz und gar olympisch. Die 60 Meter Abstieg fahren mir wieder
ordentlich ins Gebein, lassen mich überdies spüren, dass die beiden Anstiege bereits Raubbau an meinen heute begrenzten Ressourcen betrieben. Nach gerade mal 14 Kilometern dennoch kein Grund zur Panik: Bin ich nicht immer angekommen? - Vorbei am Olympiastadion und dem ehemaligen Standort* des Olympia-Radstadions lassen wir das Olympiagelände hinter uns.
*) Das Rad-Stadion wurde 2015 abgerissen. Inzwischen entsteht an gleicher Stelle eine Multifunktionshalle, in der künftig Münchner Bundesligisten Basketball- und Eishockeyspiele austragen sollen.
Anderthalb Kilometer Wohnbebauung folgen. Mit nichts darin, das geeignet wäre ein dauerhaftes Echo in meiner Erinnerung zu hinterlassen. Weiter als besagte anderthalb Kilometer kann man im zentrumsnahen München aber kaum joggen, bis sich die nächste Attraktion vor die Kameralinse schiebt. So wie jetzt der schnurgerade angelegte Nymphenburger Kanal, dem wir dreieinhalb Kilometer weit folgen werden. Das „Wir“ schrumpfte unterdessen zum Trio: Charly, Roland und ich. Etwa auf halber Länge des Kanals erwartet uns Schloss Nymphenburg, dahinter der ausgedehnte Schlosspark. Doch zunächst legen wir am Kanalufer Slalomschleifen um zahlreiche Spaziergänger. Es muss an der Perspektive liegen, dass mich das konstant zwanzig Meter breite, ins schier Endlose verlängerte, ganz und gar künstliche Gewässer nicht
langweilt. Im Gegenteil: Die sich verjüngende Ansicht weckt Erwartungen, von der im Fluchtpunkt sichtbaren Schlossfassade zum Versprechen verstärkt. Da will ich hin, das will ich sehen und schon alleine deswegen behalte ich den Laufschritt bei …
Das stille, innere „Wow!“ bleibt diesmal aus. Beim Olympia-Erinnerungsmarathon durfte ich Kanal, Schloss und Park bereits ausgiebig bewundern. Damals wurde mir erstmals die enorme Ausdehnung des Schlosskomplexes bewusst. Über eine Breite von 650 Metern und rechtwinklig zum Kanal erstrecken sich Haupt- und zugehörige Wirtschaftsgebäude. Weitere Lustschlösschen und funktionelle Bauten gruppieren sich drum herum oder „verstecken“ sich im bewaldeten Schlosspark. Die in wärmeren Monaten vorm Schloss
sprühende Fontäne muss ich mir heute dazu denken. Wie gesagt: Der Abschied des Winters, den zumindest ein Deutscher mit Inbrunst herbeisehnt, steht noch aus …
Seitlich des Hauptgebäudes passieren wir die Pforte und tippeln in Richtung Park. Meine Begleiter biegen zum Schloss hin ab, vermutlich suchen sie eine Toilette. Ich tippele unentschlossen weiter durch den noch wintertristen Schlossgarten. „Natur-gemäß“ fehlen zu dieser Jahreszeit blühende Rabatten und subtropische Zierbäumchen. Erstere müssen noch bepflanzt und letztere aus dem Winterquartier herbei gekarrt werden. Die zahlreich den Garten bevölkernden Marmorskulpturen umhüllte man zum Schutz vor Witterungsschäden mit Holzwänden. Nun warten sie nach Art gigantischer „Matroschkas“ aufs Auspacken im nahenden Frühling. - Zumindest Charly schien sich bislang auf meine Navigation zu verlassen. Also beschließe ich in Höhe einer Parkbank auf die Notdürftigen zu warten. Eine Pause zum „Nachladen der Akkus“ wäre ohnehin bald fällig. Rucksack ab, Gel rein, Wasser hinterher.
Minuten später messen wir einen weiteren Kilometer Nymphenburger Kanal ab; im Schlosspark, also auf jener Seite, die dem einfachen Volk zu Königs Zeiten verwehrt blieb. Zur frühen Nachmittagsstunde kommt uns viel von diesem „einfachen Volk“ spazierend entgegen. Was die wohl von drei rucksackbepackten Joggern halten? Nehmen sie uns überhaupt wahr? - Die kunstvoll gestaltete, so genannte Große Kaskade bildet das Ende des Nymphenburger Kanals. Ihre Wasserfälle speisen den Kanal, jedenfalls reimte ich es mir letzten September, auf „olympischer Route“ so zusammen. Doch die Becken der Kaskade hat man frostschutzsicher trocken gelegt. Wie oder woher bezieht demnach der Kanal sein Wasser?
Hinter der Kaskade setzt sich der Wasserlauf auf höherem Niveau fort. Vermutlich versorgen unterirdische Rohrleitungen den Kanal. Alsbald verlassen wir den Park durch die offen stehende Tür eines Sperrgitters, das sich über den Kanal und mehrere Meter beidseits davon erstreckt. Ein
paar hundert Meter folgen wir noch dem weiterhin schnurgeraden Wasserlauf, biegen dann aber in Höhe eines Bahndamms südwärts ab. Der Weg schmiegt sich wenig später an die Parkmauer. Eine Mauerkonstruktion,
die mir Rätsel aufgibt. Überwiegend als „normale“, übermannshohe Mauer teilt sie das Gelände in Hüben und Drüben. Dient mehrmals aber auch der Begrenzung und Stütze tiefer, etwa 20 Meter langer Gruben. Dergleichen kenne ich nur aus dem Zoo: Dort garantiert die Bauweise den unverstellten Blick zum Außengelände, um etwa Elefanten, Nashörner oder andere Großtiere besser beobachten zu können. Doch wozu dienen die mauerbewehrten Gruben hier? Welche Monster lauern da drüben im Jurassic Park?
Weg und Gelände außerhalb des Schlossparks kommen mir endlos vor. Nach inzwischen mehr als 20 Kilometern ist das vor allem meiner Hinfälligkeit geschuldet. Ich trotte mehr als ich laufe, weswegen der Rückstand auf Charly und Roland stetig wächst. Das Empfinden von Weite speist sich aber auch aus dem großzügig bemessenen Brachland zu meiner Rechten. Unweit der City, zwischen den Stadtteilen Pasing, Laim und Nymphenburg gelegen, sind von der Parkmauer abgesehen zunächst keine Grenzen erkennbar.
Erst nach etwa anderthalb Kilometern erreiche ich das Ende der brach liegenden Flur, biege links ab und trabe stückweit noch an der Mauer entlang. Fast exakt ostwärts schickt mich jetzt der Track. Zur besseren Orientierung rufe ich meine „innere“ Münchenkarte auf und verorte mich unweit der Hauptbahntrasse. Dass ich alsbald nagelneu wirkende, großzügig angelegte Wohnviertel durchquere, passt zu meiner Vorstellung. Über die Jahre entstanden auf dieser Seite der Gleise, auf ursprünglich als Bahnbetriebsgelände verwendetem Terrain, Wohn- und Bürogebäude für viele tausend Menschen. Der so entstandene Neubaustreifen zieht sich über mehrere Kilometer bis fast zum Hauptbahnhof hin …
Von der Wohnbebauung schweifen wir in einen der alten Münchner Parks ab, den Hirschgarten. Von dessen Vorhandensein weiß ich auch erst seit letztem September. Ein paar hundert Meter weit deckt sich die einstige, olympische Marathonstrecke mit dem heutigen Kurs. Der Abstand zum vorauslaufenden Tandem blieb zuletzt auf Rufweite halbwegs konstant. Deshalb gelingt es mir die beiden zur Umkehr zu bewegen, als sie im nächsten, „stylisch“ wirkenden Wohnviertel den falschen Weg einschlagen. Unweit der Stelle steigen
nächtliche Erinnerungsbilder in mir auf: Hier war ich schon mal! Damals war’s dunkel, doch unzweifelhaft ist das der Ort - „Backstage“ steht am Eingang - an dem ich vor einigen Jahren mit meiner Frau ein Konzert von Heinz Rudolf Kunze besuchte. Doch, doch, den kennst du. Vielleicht nicht sein Gesicht, aber ganz sicher seine - zugegeben nicht mehr taufrischen - Ohrwürmer wie „Finden sie Mabel“, „Alles was sie will“ und andere.
Ich halte auf eine der wichtigsten Münchner Verkehrsadern zu, den Mittleren Ring, der die Bahntrasse auf der Donnersbergerbrücke überquert. Dasselbe steht nun mir bevor. Ein paar Höhenmeter mehr, an Brücken und Unterführungen kommt da schon einiges zusammen. Auf erträglicher Steigung hinan. Ist die schon grenzwertig für meine Beine? Kann es nicht einschätzen, bin von den auf mich einströmenden Eindrücken zu sehr gefangen. Erst die aufregenden
Perspektiven eines modernen Geschäftsviertels, das sich - wie erwähnt - auf einstigem Bahngelände gen Osten erstreckt. Alsbald der Blick über zig parallele, scheinbar einem fernen Punkt zustrebenden Bahngleise. Sie enden im Hauptbahnhof, also noch weit vor den Türmen der Frauenkirche, die sich klitzeklein im Hintergrund erheben.
Ein paar Sekunden der Unaufmerksamkeit auf der Donnersbergerbrücke, ein paar Schritte zu weit nicht „ge-trackt“, stattdessen dem „offensichtlichen“ Weg gefolgt und schon verlaufen. Zum Glück nicht weiter als 50 Meter. Ich kehre um, wenngleich mich die scheinbar geschlossene Gebäudefront rätseln lässt: Wo sollte da ein Abzweig sein? Bis ich den schmalen Durchgang finde und mich auf vorgesehener Route zurückmelde …
Unsicher und wie eingefroren halte ich meine Position, studiere sekundenlang die Anzeige auf der Uhr ... dann ist alles klar: Über diese Fußgängerbrücke („Arnulfsteg“), nur etwa 300 Meter von der Donnersbergerbrücke entfernt, geht’s zurück auf die Nordseite der Gleise.
Ich fasse mir ein Herz, steppe die steile Treppe empor, tippele auf schweren Beinen hinüber und „stürze“ mich dort angekommen per Spirale abwärts. Zwei komplette Windungen in die Tiefe, damit die Neigung für Radler beherrschbar bleibt.
Weiter geht’s wie gehabt parallel zum Bahngelände, jetzt inmitten hypermoderner Architektur. Teils (unter Garantie hyperteuer) bewohnt, teils dem Arbeitsleben gewidmet. Gerade trabe ich am verlassen wirkenden Domizil von Google vorbei. Schnurstracks voran, ich kenne mein nächstes Zwischenziel vom Streckenstudium. Ein weiteres Mal werde ich das Gleisvorfeld des Hauptbahnhofs überqueren. Diesmal, bereits in Sichtweite der Bahnhofshalle, entere ich zu diesem Zweck die altehrwürdige Hackerbrücke. Nieten halten das im Grunde potthässlich düstere, aus Eisenträgern gefertigte Tragwerk der Brücke
seit gut 130 Jahren zusammen. Ihren Namen erhielt die Hackerbrücke von der gleichnamigen Brauerei, die noch heute unweit von hier Gerstensaft in Flaschen und Fässer abfüllt (nach Fusion seit längerem: Hacker-Pschorr-Brauerei).
Auf der Hackerbrücke reihe ich mich in die Prozession der Schatten ein. Sehe sie von den Bahnsteigen der unter der Brücke haltenden S-Bahn heraufsteigen, sich südwärts wenden und in Massen den Weg zum gelobten, feuchtfröhlichen Land einschlagen. Ein halbes Jahr ist die Prozession jetzt wieder her. Menschen aus aller Welt schließt sie ein, angelockt vom Ruf Münchens als Bierstadt und dem Oktoberfest als Höhepunkt des Jahres. Auch wenn er über die Jahre stark verblichen ist, so folge ich doch auch meinem eigenen Schatten auf dem halben Kilometer Fußweg hin zu Festwiese und Bavaria. Seit 170 Jahren blickt die in Bronze gegossene
Patronin Bayerns von ihrem Standort über der Theresienwiese zum Zentrum Münchens. Beobachtet Zecher, die aus einem der riesigen Bierzelte torkeln, nicht selten um zu ihren Füßen Magen oder Blase zu erleichtern. Unter blauem Himmel und gegen die Sonne mühe ich mich redlich Bavarias kolossale Statur vor der Ruhmeshalle fotografisch in Szene zu setzen.
Es ist wie mit allen Sehenswürdigkeiten, die man in seinem Leben mehrfach zu Gesicht bekommt: Der jeweiligen Befindlichkeit entsprechend erscheinen sie einem mal in diesem, mal in jenem Licht. So eingehend wie heute habe ich die alte Dame noch nie beäugt. Von nun an wird sie mich an die tiefe Erschöpfung erinnern, die mich nach nur 29 km gefangen hält. Ich reiße mich los, wende mich der breiten Treppe zu und steige zu Bavarias Füßen auf die Ebene bierseliger Feierbiester hinunter. Ende September bis Anfang Oktober weilt diese Spezies zu abertausenden hier, jetzt ist der riesige Platz gähnend leer. Wirkt aus dem All betrachtet - lasst euch den Anblick bei Google Earth nicht entgehen - wie eine schwärende Wunde im dicht besiedelten Stadtgebiet. 42
Hektar unbebautes München in feinster Innenstadtlage, etwa 100 Fußballplätze fänden darauf Platz. Anders als meine launigen Worte vielleicht vermuten lassen, bin ich kein Gegner des alljährlich seit 1810 (mit Ausnahme von Kriegsjahren und Pandemie) veranstalteten Bierfestes. Auch wenn es lange her ist - mehrfach war ich selbst amüsierter Teil des Rummels. Beim Durchqueren der Leere auf elefantös widerwilligen Beinen erinnere ich allerdings eher Unschönes und Tragisches. Zum Beispiel die Flugzeugkatastrophe, die an der St. Pauls Kirche begann, drüben hinterm Nordrand der „Wiesn“ (die schon lange keine Wiese mehr ist). 1960 streifte ein
Flugzeug die Spitze des Kirchturms und stürzte auf eine Straßenbahn. 20 Menschen im Flieger und 32 am Boden starben. Auch die Toten und Verletzten des Oktoberfestattentates von 1980 kommen mir in den Sinn. Bis heute wurden die Umstände des Attentats nur unzulänglich aufgeklärt, nicht alle Spuren und Zeugenaussagen mit gleichem Eifer ausgewertet. Auch 50 Jahre danach schießen noch Spekulationen ins Kraut, die die offiziell verlautbarte Alleintäterschaft eines Rechtsextremen in Zweifel ziehen.
Wen wundern angesichts solchen Versagens mangelndes Vertrauen in staatliche Institutionen und wilde Verschwörungstheorien, wenn in unseren Tagen Unerhörtes geschieht? Ein paar motorisierte Verschwörungstheoretiker sind am Ostende der Wiesn aufgefahren. Das Blech ihrer fahrbaren Untersätze verschwindet überwiegend unter großflächig geklebten Parolen. Verbale Rundumschläge zu Themen, die die Menschen in letzter Zeit vor allem beschäftigten: Pandemie, Krieg und Waffenlieferungen an die Ukraine. Was hat die Handvoll Leute vor? Hier auf der leeren Festwiese fehlt ihnen das Publikum. Brechen sie bald zu einer Demo auf? Zwei unweit davon geparkte Streifenwagen und vier Polizeimotorräder, drum herum gelangweilte Uniformierte, legen die Vermutung nahe.
Ich wende mich angrenzenden Wohn- und Geschäftsstraßen zu und unterquere nur Minuten später den Goetheplatz. Dem miefigen Hades entstiegen, demonstriert mein GPS-Wecker zunächst fehlende Orientierung. Ich stehe still und halte den Elektronikknecht waagerecht in die Luft. Biestig verweigert er weiterhin verlässliche Auskunft. Versuchsweise schlage ich eine Richtung ein, die das „Dings“ mit einem gefühlten „Ätsch!“ als Irrtum einstuft. 10 Meter hin und 10 Meter zurück, eine andere Straße nehmen, dann stimmt die Richtung wieder. Eine ganze Weile begegnet mir nichts Erwähnenswertes auf meinem Weg. Im Alten
Südfriedhof mache ich mir gerade fotografisch an roten, aus Backsteinen gemauerten Arkaden zu schaffen, als ich hinter mir Schritte höre. Roland? Wo kommt der denn her? - Er und Charly schienen längst enteilt. Als mich Roland überholt bestätigt er meine Vermutung: Verlaufen.
Wieder ein idyllisches Plätzchen mitten in einem mir völlig unbekannten Teil Münchens. Ich folge einem eingefassten, beidseits von Bäumen und Buschwerk gesäumten Bachlauf. Wasser aus der Isar? Bin ich schon nahe dran? - Nicht zuletzt Durst ist der Vater dieses Gedankens. Nein, ich will nicht aus der Isar saufen. Doch unweit der Isar, am Rand eines Parkplatzes, habe ich heute Morgen vorm Lauf meine zweite Trinkflasche deponiert. Den letzten Schluck aus Flasche eins haben meine Poren schon vor beinahe einer Stunde verdampft.
Kilometer 32: Ich tippele noch immer durch fremde, jetzt auch unansehnliche Straßen. Nach diversen Richtungswechseln ging obendrein die Orientierung verloren, bis ich schließlich um eine Ecke biege und die Alte Utting erspähe. Bis ins Jahr 2016 verkehrte
der Dampfer auf dem Ammersee (ca. 30 km Luftlinie von hier), dann wurde er hierher verbracht, um fortan dort oben im Trockenen, auf einer ehemaligen Bahnbrücke, als „Partylocation“ seinen Lebensabend zu fristen. Immer noch besser als verschrottet werden, mag die Alte Utting denken, so sie denn denken kann. Ein paar Schritte weiter duckt sich meine Trinkflasche zwischen Einfassungmauer eines Parkplatzes und Gestrüpp. Unversehrt bringe ich sie an mich und gönne mir erst einmal einen herzhaften Schluck aus der Pulle. Minuten verrinnen beim Trinken, Verstauen der Flasche und unweit dieser Stelle vor einer roten Ampel.
Irgendwo hinter Bäumen fließt die Isar. Vorhin, als ich die Brudermühlbrücke (Teil des Mittleren Rings) unterquerte, touchierte ich kurz ihr Ufer, trotte inzwischen durch parkähnlich angelegten Wald. Kilometer 34: Eine Brücke schickt mich über breit strömendes Wasser, entlassen von einem Kraftwerk.
Daran vorbei, anschließend folge ich eine Weile einem breiten Wasserlauf. Zweifelsfrei der Isar gestohlenes Wasser, das über diesen Kanal dem Kraftwerk zufließt. Wo ist die Rest-Isar? Wahrscheinlich rinnt, was vom Fluss noch übrig ist, hinterm Kanal nordwärts.
Ich tippele weiter Richtung Süden, entferne mich alsbald wieder vom Wasser. Ungeduldig halte ich Ausschau nach einer Brücke. Will rüber ans Gegenufer, denn erst dort geht’s Richtung Norden und endlich dem Ziel entgegen. Damit keine Zweifel aufkommen: Ich will alles „mitnehmen“, was der Weg mir an Attraktionen noch zu bieten hat. Aber ich bin auch müde. Entsetzlich müde. Erschöpfung konterkariert die Lust aufs Schauen und Erleben, steigert die Zielsehnsucht gewaltig. - Da vorne! Eine Brücke, Autos setzen zur anderen Seite über. Nicht mehr weit, dann darf auch ich … alsbald die Enttäuschung: Der Track schickt mich unter der Brücke durch und weiter Isar-aufwärts …
Kanäle und Bäche zerschneiden topografisch verwirrendes, mir fremdes München. Irgendwann passiere ich das Becken der Floßlände, erkenne sie aber nicht. Wie sollte ich auch? Nur einmal, vor vielen Jahren, saß auch ich auf einem Isarfloß. Wir starteten in Wolfratshausen und gaben uns bis hierher nach München der Gaudi hin. Gaudi hieß: Nass werden bis auf die Haut, wenn das Floß an Wehren durch die Wasserrutschen schoss, im Übrigen unterhalten von Blasmusik nach Gusto Gerstensaft und Brotzeit zusprechen … Ein ganzer Berufsstand - die Flößer - lebt von dieser Gaudi. An der Lände zerlegen sie das Floß
in einzelne Baumstämme, verladen sie auf Lkw, karren sie zurück zum Start, setzen sie dort wieder zusammen, um anderntags mit der nächsten Fuhre Gaudiburschen und -madeln an Bord wieder gen München zu schwimmen.
Über den Fußgängern und Radlern vorbehaltenen Marienklausensteg tippele ich dem anderen Isarufer entgegen. Immer höher baut sich drüben der Abhang auf. Vor Urzeiten grub sich der damals mächtige Isarstrom in die Landschaft, hinterließ eine unüberwindlich wirkende Steilwand. Weil ich weiß, was mich erwartet, lege ich eine letzte Verpflegungspause ein. Schlucke ein Gel und spüle es mit Wasser runter. Roland und Charly, die ich den Hang aufwärts nehmen sah, kehrten derweil wieder um. Offenbar gibt Rolands Navi keine eindeutige Richtung vor. Meines schon: Wir müssen da rauf! Noch ein kurzer Fotostopp
vor der Marienklause - eine im 19. Jahrhundert am Fuß des Hanges erbaute Kapelle -, dann nehme ich den steilen Fußweg hoch zur Kante. Das geht zwar noch tippelnd, aber nicht mehr in einem Rutsch.
Ein paar Sekunden Atempause auf zwei Dritteln Hanghöhe, dann erreiche ich heftig atmend die Abbruchkante (zugleich Rand des Stadtteils Giesing).
Zu Beginn, als Andreas die Buckel im Schlussstück der Strecke erwähnte, stapelte ich gedanklich eher tief: „Wird schon nicht so schlimm werden!“ Nun wäre ich zu wüsten Übertreibungen fähig, baue aber messtechnisch vor: Lediglich 20 Höhenmeter musste ich mein Elefantengewicht hier rauf hieven. Eigentlich ein Klacks, noch immer auch für mich - wenn’s nicht gar so steil oder ich noch einigermaßen bei Kräften wäre. Nach inzwischen 37 Kilometern in unterirdischer Tagesform fühle ich mich allerdings ausgelaugt bis in die hinterletzte Körperzelle. „Udo jetzt laufen schwach wie eine Flasche leer!“ Mit diesen Worten hätte womöglich jener legendäre Italiener meinen Laufstil bewertet, der einst unweit von hier, an der „Säbener Straße“, Millionäre übern Rasen scheuchte … Doch immerhin trotte ich weiter vor mich hin und das wird bis zum erfolgreichen Ende auch so bleiben.
Dort unten, auf dem von Isar, Hang und Straße begrenzten Dreiecksterrain des Tierparks Hellabrunn, streifte ich schon ein paarmal umher. „Hier oben“ noch nie. „Terra incognita Monacum“: Dass ich am Rand Giesings entlang jogge, werde ich erst in ein paar Minuten realisieren; dass sich die Stammsitze der Fußballvereine 1860 München und FC Bayern nur steinwurfweit abseits meines Laufwegs erstrecken sogar erst anlässlich einer GPS-basierten Nachlese. Ist es seltsam, dass ich mich nie dafür interessierte, wo genau Giesing liegt und wo dort die „Säbener Straße“? - Ich schleiche ein paar Minuten an der Abbruchkante entlang. Ab und an erspähe ich noch die Rücken von Charly und Roland, doch mein Rückstand wächst. Schließlich mündet der Weg in eine Straße und der
Track verlangt ihr bergab zu folgen. Vorbei am Zoo-Parkplatz, weiter Tuchfühlung halten zum Hang und nach ein paar hundert Schritten geht’s wieder rauf. Weniger steil aber gleichfalls erschöpfend.
Ein älterer Gebäudekomplex zu meiner Rechten schmückt sich mit einem Turm. Der Turm ist offenbar Teil eines integrierten oder angebauten Gotteshauses. Neugier hält sich in von Müdigkeit gesteckten Grenzen, gibt sich nach Erspähen eines Roten Kreuzes am rückwärtigen Eingang mit der Vermutung „Krankenhaus“ zufrieden.* Blick zur Uhr: Schon vorzeiten vermutet, jetzt Gewissheit: Ich werde das Zielband nicht bei 42,195 Kilometern sondern deutlich später reißen. Weiter auf Kurs, tippelnd, schleichend, mehr schlecht als recht, aber guten Mutes. Wie fremd mir doch diese Stadt abseits ausgetretener Pfade ist! Trotz vielfacher Anwesenheiten schon in meiner Jugend. München gab meinem Vater Arbeit, in den großen Ferien zweimal auch mir. Dabei kam ich rum und doch scheinen mir 99,9 Prozent Münchens bislang verborgen geblieben zu sein. Flutlichtmasten und Tribünen des Stadions an der Grünwalder Straße voraus. Bis zum Bau des Olympiastadions war diese Arena Heimat jeglichen Spitzenfußballs in München. Derzeit kicken hier wohl auch wieder die in die Viertklassigkeit abgestiegenen „Sechz’ger“ (TSV 1860 München).
*) Schön Klinik für Orthopädie
Vorbei am stillen Stadion, dahinter übern lärmenden Münchner Ring, alsbald talwärts auf asphaltierten Serpentinen im Hang. Jeder Schritt fährt mir in die Knochen als wollten sie beim übernächsten zerspringen. Am Fuß des Hangs entlang. Mein Unterbewusstsein sucht unentwegt Anlässe, um die quälende Tippelei zu unterbrechen. Glaubt dabei immer noch, ich käme ihm nicht auf die Schliche. Fordert mich beispielsweise auf stehenzubleiben, als ich die Silhouette eines Hundes auf einem Anschlag abgebildet sehe. Ich mag Hunde. Sehr sogar, zu Hause wartet einer auf mich! Dennoch liefe ich normalerweise an dieser Bude vorbei. Stattdessen halte ich inne und lese. Zähflüssige Gedanken machen sich folgenden Reim aufs Gelesene: Ehedem Corona-Teststation, die damit wirbt, dass die mitgebrachten „Zamperl“ im Hof angebunden warten dürfen. Hilft nix, weiter: Los ihr Füße, wieder Laufschritte setzen!
Kurz darauf neuerlich den Berg hoch, zur Abwechslung über Treppenstufen. Ich investiere an Puste, was mir noch blieb. Komme schlussendlich „oben“ an und trotte an einem Beispiel des hinlänglich bekannten „Bayerischen Doppelpacks“ vorbei. Ob’s sonst wer so nennt, weiß ich nicht. Ich jedenfalls kenn’s nicht anders: Überall in Bayern stehen Kirche und Wirtshaus in enger Verbindung, räumlich nicht selten sogar unmittelbar nebeneinander. Wie jetzt hier, wobei ich gestehe,
dass mich die Kirche gerade eher weniger, dafür die Traditionswirtschaft „Giesinger Bräuhaus“ umso mehr interessiert. Außer mir jedoch merkwürdigerweise kaum jemand sonst!? Am hellen Samstagnachmittag, bei brauchbarem Wetter so gut wie kein Publikumsverkehr? - Ein Aufschrei aus hundert Kehlen löst mir das Rätsel: Vor ein paar Minuten war Anstoß im Spiel FC Bayern München gegen den FC Augsburg. Und drinnen im Saal verfolgen sie das Spiel ganz sicher auf einer Großleinwand. Ein Schrei der Wände erzittern lässt. Also ein Tor. Für wen? War’s Jubel oder Enttäuschung? Wie auch immer: Als (inaktiver) „Fan“ sowohl des FC Bayern als auch des FC Augsburg bin ich in jedem Fall fein raus …
Hinterm Bräuhaus über die Straße, so will es der Track. Und über eine Treppe hoch vor die Giesinger Heilig Kreuz Kirche. Ich bleibe zu Füßen des Gotteshauses noch einmal stehen und befrage mein Navi. Will sichergehen. Mich jetzt noch zu verlaufen wäre vor allem im körperlichen Sinne „schmerzlich“. Passt so, also weiter und baldigst per Steg über eine tief eingeschnittene Bahnstrecke hinweg. Wie an vielen Stellen genießt man auch von diesem Steg aus einen toller Blick über die vorgelagerte Stadt. Ultrakurz mein Blick, weil ich Passanten ausweichen muss. Passanten und den Beinen einer jungen Frau, die auf dem Boden sitzend der Nachmittagssonne selig lächelnd ihr Gesicht zuwendet.
Drüben ein paar Meter durch einen Park und rein in die Verwirrung. Publikum in feinem Zwirn, viele davon in bayerischer Tracht. Besonders der Träger einer kurzen Lederhose erregt mein verfrorenes Gemüt. Natürlich nur bis ich das Paulaner Wappen am Garteneingang gegenüber ausmache und endlich kapiere,
wo ich bin. Vorbei am Traditionsgasthaus Nockherberg in dem gerade die Post-Faschings-Starkbierzeit gefeiert wird. Daher also Lederhosen und Dirndln. Das „Derblecken“, die humorige Politikerschelte zur Eröffnung der Starkbiersaison, fand schon vor ein paar Tagen im Saal vor geladenen Gästen statt. Ein Ereignis mit langer Tradition und für die Riege bayerischer Spitzenpolitiker, vom einst bissig stiernackigen Strauß bis zum heute wendehalsigen Söder, mindestens so wichtig wie Prognosen von Wahlforschern. Nur wer in der launigen Büttenrede erwähnt und im sich anschließenden kabarettistischen Singspiel parodiert wird, gilt etwas im Freistaat.
Ich lasse die vor den Türen paffenden Lederhosen und Dirndln hinter mir, vollziehe einen Ausfallschritt über schon trockenes Erbrochenes - Starkbier heißt Starkbier, weil es stark ist! - und wende mich dem nächsten Abschnitt der Strecke zu. Wieder dauert es nicht lang, bis es dem allmächtigen Streckenplaner gefällt mich „downstairs“ zu schicken. Da ich ein Stückchen zu weit und an asphaltierter Schräge vorbei gelaufen bin, tatsächlich jede Menge „stairs“. Drunten angekommen finde ich mich in der Au wieder, im Stadtteil Au-Haidhausen. „Drunt in da greana Au steht a Birnbam, sche blau, juche ...“ Einen Birnbaum finde ich zwar nicht, nachdem ich über den Auer Mühlbach hinweg bin, jedoch die Polizeiinspektion des Stadtteils. Alsbald messen meine Füße das Rechteck des Mariahilfplatzes ab. Die gleichnamige, umfänglich eingerüstete Mariahilfkirche reihe ich in ihrer derzeitigen Aufmachung nicht unter der Rubrik „Attraktionen“ ein. Wie man’s befürchtet, so trifft es ein: Hinterm Mariahilfplatz zum vierten und wahrscheinlich letzten Mal bergauf.
Mich auf die Gebsattelbrücke (erbaut 1901), die einen darunter liegenden Straßeneinschnitt überwindet, hochzuwuchten hat sich gelohnt. Im Auto drunter her fahrend fielen mir die mittig im Brückengeländer verankerten, mit merkwürdig „dürren Vögeln“ gekrönten Obelisken schon früher auf. Erstmals stehe ich am
Fuß des Obelisken und hole den in Bronze gegossenen „dürren Vogel“ mit der Linse näher heran. So sehr ich auch meine Augen gegen das Sonnenlicht abschirmend anstrenge, ich vermag die Vogelplastik keiner Gattung zuzuordnen. Für einen Adler ist er eindeutig zu schmächtig, zu „boanig“, wie der Bayer es ausdrückt … Aber wozu gibt’s Internet? Werd’s zu Hause klären!*
*) Es handelt sich um einen Reiher, der eine Lilie im Schnabel trägt.
Es kann nun nicht mehr weit sein. Schon vorzeiten schälte mein Blick unweit voraus den Turm des Deutschen Museums aus dem Meer der Dächer heraus. Vom Museum zum Müllerschen Stadtbad, meinem Ziel, kann man fast spucken … Ein paar Schritte noch „oben“, entlang der Kante. Endlich zweigt ein Fußweg im spitzen Winkel ab, der mich vergleichsweise sanft nach „unten“ brächte. Real im spitzen Winkel verzweigende Wege führen einen auf dem winzigen Uhrendisplay gerne in die Irre (Erfahrungstatsache!). Ich checke mehrfach die Routenabbildung auf der Uhr, tippele ein paar Schritte probehalber bergab ...
der kleine Pfeil (= ich) bleibt auf dem Track: Passt so! Unten angekommen trabe ich einmal mehr über den Auer Mühlbach, studiere en passant ein Mauergraffiti und stehe kurz darauf am Ufer der Isar. Drüben, auf der Museumsinsel, erhebt sich die Front des Deutschen Museums, das ich gefühlte hundert Mal in meinem Leben besuchte.
Treppe runter und unter der Ludwigsbrücke hindurch. Dahinter erfasst mein Blick die gelb gestrichene Fassade des Müllerschen Volksbades. Am Isarufer jogge ich daran vorbei, setze letzte Schritte hin zur orangefarbenen Kappe des Betonsockels und stoppe nach 5:57:27 Stunden meine Uhr.
Eine Antwort auf die Titelfrage blieb ich bislang schuldig:
Ist ein Marathon über fünf Stunden überhaupt noch ein Marathon?
Ich will dem provokanten Fragesteller gerne zugutehalten, dass er sich gut austrainiert, überdies vom Alter noch in keiner Weise gezeichnet, in derart verkennender Weise äußerte. Zum einen verkennend, dass es Menschen gibt, denen mangels Zeit oder Talent nie ein Marathon unter vier Stunden vergönnt sein wird. Die unzulänglich trainiert auch schon mal mehr als fünf Stunden brauchen, selbst wenn sie die komplette Strecke im Tippelschritt bewältigen. Menschen, die älter werden und trotzdem auf ihre geliebten, magischen 42,195 Kilometer nicht verzichten wollen. Ihr Trainingsfleiß mag ungebrochen sein, die Fähigkeit Ausdauer zu erwerben büßen sie dennoch nach und nach ein.
Unser „Provokateur“ mag auch nichts anderes als einen flachen Stadtmarathon mit Rundumversorgung entlang der Strecke im Sinn gehabt haben. So jemandem fehlen die Erfahrungen unterschiedlichster Lauferlebnisse. Weder sind ihm knochenharte Marathontrails geläufig, noch Veranstaltungen, bei denen man Versorgung und Navigation selbst organisieren muss. Schon gar nicht kennt er Läufe wie den MUCUT, an deren Strecke sich versündigte, wer am Sehenswerten achtlos oder auch nur raschen Schrittes vorbeiliefe. Die Zeit auf der Uhr ist nur ein Teil des Erlebnisses, das einen Marathon ausmacht. Und manchmal ist sie sogar völlig bedeutungslos.
Andreas und Judith stellten eine grandiose, wunderschöne, mit Sehenswürdigkeiten gespickte, auch ziemlich anstrengende (Selbstversorger-) Route durch München zusammen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt die sich auf solche Weise in den Dienst anderer Läufer stellen.
Fazit: Jederzeit mit Freuden wieder!