Samstag, Sonntag, 9./10. Juli 2016

Et hätt noch emmer joot jejange    -   Kölnpfad 171 km

Sonntagmorgen, irgendwann zu sehr früher, nächtlicher Stunde, irgendwo im Wald vor Köln:

Absolute Lichtlosigkeit im Wald. Die viel zu schwache Stirnlampe müht sich verzweifelt mir den Weg zu weisen. Huscht über Unebenheiten, mich vor Stürzen zu bewahren, stöbert Schatten jeder Größe und Form beidseits des Weges auf. Brave, alte Funzel. Wäre sie nachtragend, bestrafte sie mich mit Missfunktion. Hatte sie doch lediglich als Rückversicherung mitgenommen, falls ich mit der Neuen nicht zurechtkomme. Aber sie spendet Licht. Klar, zu wenig, darum ja die Neuanschaffung. Aber was soll ich machen? Kein Saft mehr im Akku der Neuen, aufgebraucht zu Beginn des Trails. 171 überwiegend flache Kilometer meinte ich in allerallerlängstens 22 Stunden meistern zu können. Start um Mitternacht, folglich mit letztem Büchsenlicht des verlöschenden Sams-Tages zurück ins Ziel.

Doch die Ereignisse belehrten mich eines Schlechteren, eines sehr viel Schlechteren! Wie spät ist es? Keine Ahnung und was brächte es auf die Uhr zu schauen? Sonntag, halb eins vielleicht, oder doch erst Mitternacht? Kein Licht, kein Zeitgefühl mehr. Und wie weit bin ich? Auch das vermag ich höchstens grob zu schätzen: 163 Kilometer? Zwei weniger, vielleicht vier mehr? Auch mein sonst so treuer Begleiter „Forerunner“ hat vor etlichen Stunden entkräftet aufgeben müssen. Kein Licht, kein Zeitgefühl, keine räumliche Vorstellung mehr.

Ich muss nicht zum Nordpol, noch ins entlegene Afrika, brauche auch die Wüsten Asiens nicht zu bemühen, um mich auf selten eindringliche Weise einsam und bedroht zu fühlen. Unerwartet, auf letzte Hilfsmittel vertrauend, irgendwo im Wald vor Köln herum zu stolpern pflanzt solche Verlorenheit in meine Seele. Ich laufe immer noch. Lief fast jeden Meter der langen Strecke. Okay, ein paar unausweichliche Ausnahmen gab es, zusammen aber kaum mehr als einen Kilometer. Ich laufe immer noch. Weil es mir seltsamerweise nach so langer Zeit fast beschwerdefrei und vergleichsweise flott vom Fuß geht. Das verstehe ich am allerwenigsten. Vermutlich ist es diese physische Stärke, die mich vor dem mentalen Weltuntergang bewahrt. Oder doch andersrum? Bilden Sturheit und Unbeugsamkeit die Quelle physischer Kraft, lassen Schmerz und Schwäche einfach nicht zu?

Ich laufe. Besser: Ich trabe. Trabe, trabe, trabe. Entschlossen nun bald dieses Ziel in Köln-Höhenhaus zu erreichen. Wusstest du schon, dass Dunkelheit alle Spannen des vierdimensionalen Raums verzerrt? Die Zeit tickt schneller, Längen, Breiten und Höhen werden gedehnt. Du meinst fünf Kilometer geschafft zu haben, dabei ist es gerade mal einer. Und Minuten verrinnen so rasch, wie sonst ein paar Sekunden ... Früher habe ich mich oft gefragt, warum ich so ungern nachts laufe. Meinte so Nebensächliches wie „geringen optischen Erlebniswert“ als Begründung bemühen zu müssen. Alles Quatsch. Die Wahrheit ist: Als Wesen bin ich ein Produkt der Evolution. Und die ist seit der Steinzeit kaum vorangekommen. In jener Ära musste der Mensch bei einbrechender Dunkelheit Deckung suchen. Draußen konnte er sich weder orientieren, noch vor Gefahren schützen. Es ist diese Urangst des Ausgesetztseins, der meine Abneigung gegen nächtliches Laufen entspringt.

Ich trabe, trabe, trabe. Wald, immerzu Wald. Stehen da oben Sterne? Wahrscheinlich, weiß nicht. Muss mich auf die Umgebung konzentrieren. Einerseits, um nicht zu stolpern. Immer wieder male ich mir aus, was geschehen könnte, wenn ich stürze. Nicht um den Raum ringsum noch schwärzer zu malen als er ist. Ich schüre diese Furcht, um erlahmende Aufmerksamkeit neu anzufachen. Ein Auge auf dem Boden, mit dem anderen suche ich Wegmarken: Ab und zu ein „Katzenauge“, grell im fahlen Lampenlicht aufleuchtend, hie und da eine der seltenen Markierungen des „Kölnpfades“: „Weißer Kreis auf schwarzem Grund“. Markierungen in höchst dezenter Farbgebung übrigens, super in Sachen Umweltschutz, nur leider großer Mist fürs spähende Auge.

Kleine Pfeile ergänzen den Kreis, weisen die Richtung. Meistens korrekt. Manchmal falsch. Falsch, weil nach zig Laufstunden wabbelig-müde Hirnmasse sie leicht falsch interpretieren kann. Und ab und an falsch, weil sie einfach falsch weisen. Definitiv. Ich trabe, trabe, trabe. Ab und zu raschelnde Bewegung im wegnahen Gebüsch. Tut mir leid, wenn ich störe, Herr Maus! Soll nicht wieder vorkommen, Frau Wiesel! Ich trabe, trabe, trabe. Nach links, neunzig Grad, … trabe, trabe, trabe, … wieder nach links, neunzig Grad … trabe, trabe, trabe … wieder nach links, neunzig Grad … trabe, trabe, trabe … instinktiv spüre ich, dass da etwas ganz gewaltig nicht stimmt … wieder nach links, neunzig Grad, … trabe, tra… - Verdammter Mist!? Hier war ich schon mal!?? Eindeutig. Die Lichtung, die Anordnung der Büsche. Wie lange her? Viertel- oder halbe Stunde? Im Kreis gelaufen. Kein Zweifel möglich. Nach diesem Moment der Erkenntnis rückt mir die Finsternis massiv zu Leibe. Sie dringt in mich ein und für ein paar Sekunden packt mich so etwas wie Panik. Ich verharre wie angewurzelt und mit sich überstürzenden Gedanken …

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Wer dem Streckenverlauf folgen will, findet bei GPSies eine mit Distanzangaben versehene Karte.

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Mehr als 24 Stunden zuvor:

Freitag, 23:30 Uhr, Köln-Höhenhaus, Start/Ziel-Bereich:

Die Teilnehmerzahl für die vollen 171 und die verkürzte Version des Kölnpfad-Ultras über „nur“ 111 Kilometer ist überschaubar, passt dennoch kaum in den kleinen Aufenthaltsraum. Wir empfangen die Tracker* und einen Hinweis auf eine Streckenänderung infolge Baumaßnahme. Das war’s. Kein spezifisches „Beachte dies! - Vermeide jenes!“, ansonsten Usus bei Einweisungen vor langen Ultras und vor allem Trails. Und gerade das würde mich vor einer gigantischen Laufaufgabe über 171 km interessieren: Was genau kommt da auf mich zu? Nur eine sehr lange Strecke ansonsten keine Schwierigkeiten? In den vielen Waldabschnitten wirkliche Trails, wie es die Bezeichnung „Kölnpfad“ nahelegt? Und vor allem: Wie steht es um die Markierungen, sobald wir den Zubringer hinter uns gebracht haben und auf die Schildchen des Wanderweges angewiesen sind? Keines dieser Themen wird angerissen. Einzig möglicher Schluss: Untergründe und Orientierung werden kaum Probleme bereiten …

*) Die „Tracker“ senden einmal in fünf Minuten die Position ihres Trägers. Sie dienen einerseits der Sicherheit der Läufer, unterbinden Betrügereien und bieten Interessierten die Möglichkeit das „Schicksal“ ihres Läufers auf einer Internetseite mit Karte zu verfolgen.

171 Kilometer, weitgehend flach, nur das letzte Viertel, im Bergischen Land, fordert ein paar Anstiege, insgesamt jedoch nichts, wovor mir bange sein müsste; auch nicht mit dann bereits über 120 Kilometern in den Beinen. Einen „Showstopper“ fürchte ich allerdings und der siedelt tief in mir: Die Regeneration nach den drei Marathonläufen des „Triples“ am Samstag vor einer Woche kann unmöglich abgeschlossen sein. Also werde ich früher oder später gegen (völlige?) Erschöpfung ankämpfen müssen. Will ich, kann ich, werde mich überwinden. Wie immer. Unter diesen mir bekannten Rahmenbedingungen rechne ich mit ungefähr 22 Stunden Laufzeit, alles in allem. Weniger erhoffe ich mir insgeheim, wenn es schlecht läuft, wäre ich auch mit 23 Stunden zufrieden. Länger werde ich sicher nicht brauchen …

Meine Ausrüstung habe ich den Bedingungen angepasst: Trinkrucksack, darin Basecap, eine leichte Jacke, Ersatzstrümpfe und das voll aufgeladene Handy. „On top of the head“ die neue Stirnlampe, im Rucksack die alte Funzel, falls mit der neuen ‘was schiefgeht. Natürlich schleppe ich Gel über den „Kölnpfad“, weil nur die magische Substanz in diesen Beutelchen mir verlässlich Energienachschub beschert. Zum Verpflegungspunkt bei Kilometer 111 habe ich ein „Dropbag“ vorausgeschickt, darin eine komplette, frische Udo-Hülle samt Schuhen und weitere Gels.

Was die Orientierung angeht, traue ich im Grundsatz niemandem und nichts. Obschon Purist und solchen Technikkram verabscheuend, lud ich mir den auf der Kölnpfad-Site abrufbaren „Track“ auf meinen „Forerunner“. Der (hoffentlich) brave „Forerunner“ wird jedoch nach etwa 15 Stunden schlapp machen. Für die Zeit danach habe ich jede Menge Gottvertrauen im Gepäck und - höchst seltsames „Equipment“ für einen Läufer - eine Wanderkarte vom „Kölnpfad“. Denn: „Der Teufel ist ein Eichhörnchen!“ Die diesem Spruch innewohnende Wahrheit wurde mir als Läufer schon etliche Male demonstriert …

Samstag, 0 Uhr, Köln-Höhenhaus, Startbereich:

Wonach sieht das aus? Nach „Rum-“ oder eher wie „Bereitstehen“? Immerhin streben die bisher weiträumig verstreuten, munter plaudernden Grüppchen in Richtung Ausgang zusammen. Eine Startlinie gibt es nicht. Einer der Veranstalter streckt die Arme zur Seite, womit sie symbolisch gezogen wäre. Vom Vorbeter animiert zählt „man“ rückwärts und joggt bei Zero in die Nacht …

Die ersten Schritte auf einer Straße, die nächsten gleich in einem Wäldchen. Ich forsche, alle Spür- und Tastsinne einsetzend, zunächst in Richtung Ausrüstung: Sitzt die neue Stirnlampe bequem und nicht zu locker? Rucksack okay? Schnürung der Schuhe nicht zu fest und nicht zu lose? - Alles scheint zu passen. - Der Streckenauftakt erweist sich als Mix von Wohngebieten, Sträßchen, Waldrand und Wiesenpfad. Ab und an erspähe ich einen grellgelben Pfeil auf Asphalt, ohne mich jedoch ernsthaft mit Orientieren zu beschäftigen. Dafür traben einfach zu viele „Scouts“ voraus, an die ich mich halte. Auch einige tückische Unebenheiten und Löcher abseits befestigter Wege fordern zum Auftakt Konzentration. Für mich immer ein Prozess der Anpassung, zu dem ich mich bewusst aufrufe.

Wald, freies Gelände und keine Ahnung, wo ich bin. Markierungen, speziell für den Lauf ausgebrachte oder solche des „Kölnpfades“, finden meine Augen nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich noch den Zubringer „abarbeite“ oder bereits auf „schwarze Vierecke mit weißen Kreisen“ achten sollte. Es fehlte jeglicher Hinweis auf die Länge des Zubringers. Was mich hier im Dunkel, irgendwo vor den Toren Kölns, aber nicht wundert. Nicht einmal die Markierungen des Kölnpfades wurden vorgestellt. Was ich von ihnen weiß, habe ich meiner Wanderkarte entnommen …

Noch Kölner Revier oder bereits Leverkusen? Scheinbar zum Greifen nah taucht in Sichtschneisen immer wieder die gigantische Leuchtreklame des Chemieriesen „Bayer“, das so genannte „Bayer-Kreuz“, vor mir auf. Angeblich die größte Leuchtreklame der Welt. Es muss schon Jahrzehnte her sein, dass ich die „Bayer-Lichtspiele“, auf der nahen A3 gen Norden brausend, zuletzt sah …

Plötzlich stehen meine (Köln-) Pfadfinder ratlos um eine Kreuzung herum. Suchen Markierungen, studieren ihre GPS-Tracks, wissen anscheinend nicht weiter. Hierhin, dahin, dorthin? „Mister Forerunner“ schweigt. Does this mean: „You are on the right course“? Schließlich einigt man sich und strebt von Hinnen. Wohin (-nen)? Hoffentlich in die korrekte Himmelsrichtung … - Mir wird immer mulmiger, weil ich nicht den mindesten Streckenhinweis sichte. Seit bald einer Stunde renne ich blind wie ein Maulwurf hinter wischenden Lichtern her. Und woran knüpfen die da vorne ihre Überzeugung rechten Kurs zu halten? - Irgendwann dann endlich eine Markierung, seitlich im Halbdunkel huscht sie vorbei: Ein schwarzes Viereck, vielleicht 7 x 7 Zentimeter im Quadrat, darauf der Kreis …

Vermisst du Angaben zu Tempo und Laufgefühl? - Über mehr als rudimentäre Erkenntnisse verfüge ich selbst nicht. Das Tempo bleibt einerseits dem „körpereigenen Tempomaten“ überlassen, zum anderen versuche ich die wandernden Lichtkegel - bisher einzig verlässliche Wegfinder (hoffentlich!) - nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei fühlt sich die nächtliche Joggerei irgendwie „fremd“ an. Als hätte das Sensorische nicht wirklich Verbindung mit dem Bewegungsapparat. Ich laufe und das geht anscheinend ohne große Mühe. Einzig aus dem LWS-Bereich links, via Hüfte in den Oberschenkel, empfange ich Signale diffuser „Steifheit“, etwas Ungelenkes, nicht näher zu bestimmen. Doch solche orthopädischen (?) Ungereimtheiten hat man als Ultraläufer, zumal zu Beginn einer Megadistanz, schlichtweg zu ignorieren. Sollte „da was dran sein“, dann wird „es“ sich schon mit festerer Stimme zu Wort melden …

Wir joggen durch bewohntes Gebiet im Stadtteil „Flittard“. Nie vorher gehört. Gibt’s den wirklich oder habe ich da eine Aufschrift falsch interpretiert? Nach wie vor halte ich vergebens nach Schwarz-weißer-Wegweisung Ausschau. Straße Ende, jetzt Gelände. Einer strebt nach links, zwei geradeaus, eine Frau verharrt gleich mir auf der Stelle. Es dauert ein Weilchen, bis wir den Weiterweg finden, dazu auf einer Stiege einen Hochwasserdamm erklimmen. Und dann stößt Udo auf eine Markierung samt kleinem weißem Pfeil und der zeigt nach links. Was für ein Erfolg! Ich habe selbständig eine Markierung gefunden!! Auf dem Damm folge ich einem Duo, das sich - in muntere Unterhaltung vertieft - von so nebensächlichen Tätigkeiten wie Routenfindung nicht aufhalten lässt. Ohne erkennbaren Zweifel schwenkten sie auf den Weg ein und vollziehen dieses Verhalten auch auf den nächsten Kilometern. Einzig mögliche Schlussfolgerung: Die kennen sich aus! Also bleib dran Udo …

Nach anderthalb Kilometern geht der Damm in einen Spazierweg über und folgt dem Rheinufer. Im Schein meiner Lampe (Hammer, wie hell die leuchtet!) spielen wenig aufregende Wellen mit Kieselsteinchen am Ufer oder lecken nach grünem Bewuchs. Weiter draußen herrscht undurchdringliche Dunkelheit überm Wasser. Verkehren nicht auch nachts Schiffe auf dem Rhein - vom bordeigenen Radarschirm gesichert? Auf der von mir einsehbaren Flusslänge tut sich nichts. Stattdessen immer häufiger, auf ufernahen Mäuerchen oder sonstigen Sitzgelegenheiten lümmelnd, Nachtschwärmer. Sitzen da, reden, trinken … Dann und wann - zu oft für meinen Geschmack - Batterien leerer, verlassener Flaschen. Auch anderer Abfall, wie leere Fastfood-Tüten, zurückgelassen auf Bänken. So weit erkennbar, müht sich die Stadt Köln die in Rhein-Nähe gelegenen, öffentlichen Anlagen ansprechend zu gestalten. Warum nur lassen diese Deppen überall ihren Dreck rumliegen. Eine Art Protest, soweit es sich um Jugendliche handelt? Wie gestaltete sich damals unser Aufbegehren gegen den Muff der Altvorderen? Ich hab’s mit langen Haaren probiert und bitterbösen Artikeln in der Schülerzeitung. In all der Zeit wäre mir jedoch nie in den Sinn gekommen, meinen Abfall woanders als in Mülleimern zu entsorgen und Flaschen auf Wegen zu zerdeppern. Weiträumig weiche ich den Scherben aus …

Klobiges Pflaster jetzt am Rheinufer, 17 km liegen hinter mir. Die beiden Plaudertaschen überholte ich vor ein paar Minuten, als sie einen kurzen Stopp einlegten. Bin nun, was die Wegsuche betrifft, auf mich allein gestellt. Na und? Nichts einfacher als am Rheinufer längs zu joggen … Ich folge dem Weg bis sich voraus eine Gasse öffnet. Rechts neben mir eine Markierung mit Pfeil. Der „hängt ein bisschen auf halb acht“ unter dem Kreis. Hat wohl nix zu bedeuten, fällt ja kaum auf. Man könnte an dieser Stelle einer Treppe nach unten ins Dunkle folgen … Nö, unter Garantie die falsche Richtung. Ich trabe auf die Gasse zu und stückweit hinein, suche nach „schwarz-weißer Offenbarung“ finde sie aber nicht. Und dann meckert Kamerad Forerunner: „Streckenabweichung“ blendet er im Display ein. Mist, zum ersten Mal verlaufen. Also 70 Meter zurück, den Plaudertaschen begegnen, die gerade ihre GPS-Orakel befragen und doch die Treppe runter: Durchstarten in die Dunkelheit!

Weiter dem Rheinufer folgen, nun schon mit Blick auf die „Mülheimer-Brücke“, über die wir zur anderen Rheinseite wechseln werden. Schließlich im rechten Winkel weg vom Fluss (eine Markierung! Hurra!), unter der Brücke entlang, eine Straße queren (Markierung?) auf eine Treppe zu, vor der ich mangels Wegweisung unschlüssig verharre. Irgendwer ruft mir zu, dass wir da rauf müssen. Also steppe ich munter empor, jage mal eben alle Körperfunktionen in den Überlastbereich und erreiche schwer atmend das Brückengeländer. Der Blick rheinaufwärts gen Köln-Zentrum reizt der vielen Lichter wegen. In diesem Augenblick erinnere ich mich meiner Kamera, die ich seit über einer Stunde ignoriere. Stelle sie aufs Brückengeländer und blitze ein paarmal südwärts in die Kölner Nacht. Mehr als Lichtpunkte vermag sie nicht einzufangen, doch vielleicht lässt sich mit Nachbearbeitung noch was rausholen.

Während des Fotointermezzos wurde ich von mehreren Läufern überholt, denen ich nun über die Brücke folge, den Blick meist Richtung Innenstadt gerichtet. Wie nah bin ich eigentlich dem Zentrum? Und könnte man den Dom sehen, wenn man denn etwas sehen könnte? Andererseits müsste man den Dom auch nachts erkennen können, weil er angestrahlt wird. Tatsächlich meine ich ein „Kirchlein“ weit entfernt auszumachen. Sollte das der „Kölner Dom“ sein, dann melde ich hiermit Vollzug: Dom gesichtet! - Auf der anderen Brückenseite vor schmalem Durchlass im Geländer - man glaubt es kaum - eine „Kölnpfad-Markierung“! Sekunden und einen Treppenabgang später spüre ich wieder festen Uferboden unter den Füßen. Orientieren per Erinnerung: Laut Karte folgt der Kölnpfad ab hier wieder dem Ufer Richtung Norden, also weg vom Zentrum.

Rechts kein Rhein und links keine Stadt. Rechts Grünanlagen (sich vermutlich bis zum Ufer hinziehend), links eine Straße, dahinter irgendwelche … hm … Hallen. Lastwagen parken am Straßenrand, zu Dutzenden aufgereiht, als warteten sie auf eine Fährpassage. Alle Führerhäuser sind mit Vorhängen verdunkelt, Fernfahrer im Tiefschlaf. Kilometer 20, 21, 22: Keine Veränderung der nächtlichen Szenerie, bis ich auf einer Rampe an Höhe gewinne, vom Fluss abgewandt eine Brücke betrete und Wasserflächen mit ankernden Schiffen darauf entdecke, wo eigentlich „Festland“ hingehört. Unmittelbar neben der hellen Stirnlampe geht mir ein weiteres Licht auf: Ich überquere einen der Kölner Binnenhäfen …*

*) Hafen „Köln-Niehl I“

Noch ein paar Minuten Rhein-Promenade, dann wendet sich die Route vom Fluss ab und beinahe zeitgleich mit anderen erreiche ich den ersten „unbemannten“ Verpflegungspunkt. (Km 24). Ich beeile mich meine Wasserflaschen zu füllen, trinke bei der Gelegenheit und lege Brennstoff in Form eines Gels nach. Zwanzig Meter weiter noch ein Entsorgungshalt, dann folge ich den enteilten Mitläufern. - Warum hab ich es so eilig? Vermutlich treiben mich mehrere Gründe in solcher Ruhelosigkeit vorwärts. Immerhin bin ich im Wettkampf, will keine Zeit verschwenden. Auch wenn ich weiß, dass auf dem letzten Drittel (Viertel? Fünftel?) eines so weiten Weges die Verpflegungsdauer ein Vielfaches der jetzigen Rast betragen wird. Aber Kleinvieh macht schließlich auch Mist … Ein weiterer Grund besteht darin Tuchfühlung zu Mitläufern halten zu wollen. Inzwischen finde ich zwar „relativ oft“ die Wegweisung ohne fremde Hilfe, doch völlig solo, das scheint mir dann doch etwas gewagt. Unsicherheit spiegelt sich in diesen Überlegungen und sie wird wohl erst mit dem anbrechenden Tag weichen …

Stimmen, Lichter, stückweit voraus, unter meinen Füßen ein Spazierweg, um mich herum ein Park, so viel ist klar. Kreuzung. Hier bogen sie links ab. Und warum? Nirgends ein Hinweis, der das nahelegen würde. Ich mache ein paar zögerliche Schritte in die nämliche Richtung und „Monsieur Forerunner“ spricht: „Streckenabweichung!“. Zurück. In Höhe eines Pavillons drehe ich mich um die eigene Achse, leuchte ich in alle Richtungen. Nichts. Von hinten naht ein anderer Läufer, wählt bereits weit vor meiner Position einen anderen Weg. Ich kürze über eine Wiese ab und folge ihm … Kamerad „Forerunner“ hebt seinen Einspruch wieder auf. Eine halbe Minute Zeitverlust, weiter nichts, noch mal gut gegangen …

Ich ignoriere die Veränderung schon eine ziemliche Weile. Auf unbestimmbare, auch nicht beschreibbare Weise fallen mir die Schritte schwerer. „Etwas“ bremst. Die drei Marathonläufe von vor einer Woche, also fehlende Regeneration, müssen als Erklärung herhalten. Was sonst. Schlechte Tagesform? Nein, dafür diesen Terminus zu bemühen finde ich keine Anhaltspunkte. Was kann ich tun? Schlichtweg gar nichts, außer dagegen anzulaufen …

Park, Wald, jetzt sogar ein Feld (?) links neben mir. Dem Waldrand folgen, Weg queren, nächstes Feld, Pfadspuren in grasigem Geläuf, neuerlich am Waldrand entlang. Kann das der „Kölnpfad“ sein? Irgendwo da vorne „irrlichtert“ es, außerdem schweigt die GPS-Instanz am Handgelenk. Also weiter. Schließlich den Rand einer Straße gewinnen, daran entlang und unter einer Autobahn-(?)-brücke hindurch. Hurra: Endlich mal wieder rundes Weiß auf schwarzem Viereck entdeckt. Schlussendlich trabe ich auf ein Seeufer zu, das ich mir, gegen den Uhrzeigersinn joggend, lange Zeit ansehen darf. Ich habe Gesellschaft. Mal bin ich in Front, mal er. Scheint Probleme mit seiner Lampe zu haben. In Höhe einer Bank bleibt er stehen und kramt im Rucksack. Ich trinke zeitgleich und werfe mir ein weiteres Gel ein. Vielleicht vermag die Zuckerinjektion diese seltsame Leistungseinschränkung zu vertreiben …

Unterdessen tauscht der Mitläufer die Batterien seiner Lampe aus. Ich leuchte so gut es geht in seine Richtung und warte bis er die Handgriffe abgeschlossen hat. Etwa zeitgleich brechen wir auf, umrunden weiter das Seeufer, was zunehmend ein Ausweichen am sanft ansteigenden Hang erfordert. Offensichtlich haben die übermäßigen Regenfälle der letzten Zeit den Weiher übers Ufer schwappen lassen. Einmal rund um den See vermutlich und dann … „Streckenabweichung!“ Mist. Wieder 2 x 50 Meter vergeudet. Mein Mitläufer war vorsichtiger, hat derweil die Markierung entdeckt …

Samstagmorgen, 4 Uhr, Rheinufer, nördlich von Köln, Kilometer 33

Zu meiner Überraschung kehrt die Route ans Rheinufer zurück. Hab ich so nicht in Erinnerung. Andererseits vermag ich mir von 170 Kilometern Rundweg nur ein grobes Abbild einzuprägen. Auf asphaltierter Dammkrone trotte ich vor mich hin, reihe mühsam Schritt an Schritt an Schritt an Schritt … Kurz nach vier, Kilometer 33. Immer wieder ertappte ich mich in der letzten halben Stunde beim Blick auf die viel zu langsam tickende Zeitmaschine. Oh, wie sehr ich mir die Morgendämmerung herbei wünsche! Vielleicht hilft sie diesem elenden „Vorwärtstrotten“ ab. Wie Laufen fühlt es sich jedenfalls nicht an. Mit mir stimmt etwas nicht und das eigentlich Schlimme daran ist, dass ich nicht weiß was. Man stelle sich vor: Da rennt einer mit der Erfahrung von 166 Marathons und Ultras durch die Weltgeschichte und beklagt einen Zustand, den er sich nicht erklären kann!? Ein bisschen fühlt es sich an wie Kontrollverlust, als hätte ich keinen rechten „Zugang“ zu meinem Körper. Oder als reagierte die „Kiste“ auf jeden steuernden Impuls mit ein paar Millisekunden Verzögerung. Ein bisschen schwanke ich, dieser oder jener „angedeutete Stolperer“ ist auch dabei. Was um Himmels Willen ist mit mir los? Vielleicht hilft Tageslicht!? Lange kann es nun nicht mehr dauern bis der Tag anbricht …

Kilometer 33, 34, 35 … Es dämmert. Die Welt gewinnt Konturen. Schattenrisse leben auf, wo vorher Schwärze war. Bis der Morgen die Bilder in Pastell koloriert, werde ich aber noch warten müssen. Doch auch so gefällt mir was ich sehe. Hübsche Häuser am und hinterm Deich, dahinter Felder, Wiesen rechts vom Damm bis hinüber zu Gevatter Rhein. Bilder des erwachenden Tages lenken mich minutenweise von meinem desolaten Zustand ab. Dennoch habe ich jetzt richtig Schiss. Da hilft nicht positives Denken noch Ignorieren: Wenn es sich nicht bessert, werde ich abbrechen müssen. Allein diesen Gedanken zuzulassen erschreckt mich bis ins Mark. Was für ein Sakrileg! 166 Mal gestartet und 166 Mal angekommen. Ich musste noch nie aufgeben. Wer nicht Ultra läuft, kann sich nicht vorstellen, wie viel Selbstvertrauen einem so eine Bilanz verschafft. Und ausgerechnet heute soll die Serie enden?

Kilometer 37, 38 … Etwa zweihundert Meter vor mir laufen zwei Damen. Als ich wieder einmal aufblicke sind sie weg. Also aufpassen! Ohnehin kann es nun nicht mehr weit zum ersten „bemannten“ Verpflegungspunkt sein. Auch auf den setze ich meine Hoffnungen: Trinken, irgendwas vom Tisch naschen, Flaschen auffüllen, Hantieren. Vielleicht finde ich durch solche Aktivitäten zurück zu dem, was mich als Läufer ausmacht!? - Runter vom Deich, weg vom Fluss und aufpassen! Eine Streckenänderung wegen Baustelle wurde uns vorm VP angekündigt. Alsbald nach rechts in einen höchst holprigen Feldweg und prompt meckert mein GPS-Gewissen: „Streckenabweichung!“. Mag sein, aber die Wegweisung war eindeutig. Ein bisschen tief angebracht zwar, aber klar zu erkennen. Jetzt links und … da ist Licht und Bewegung … vermutlich der VP!

Subjektive Erinnerung und objektive GPS-Aufzeichnung klaffen unüberbrückbar auseinander. Ich soll mehr als zehn Minuten an diesem VP zugebracht haben, bis ich mich endlich bedanke und davon zuckele. Mein Kopf gesteht für Essen, Trinken und Wiederauffüllen der Flaschen allerdings höchstens fünf Minuten zu … Und der Rest? Nichts funktioniert wie es soll, nicht einmal meine Wahrnehmung der Zeit. Ein Stück Straße, dann rechts am Waldrand entlang. Ich muss mal und bleibe stehen. Sofort fällt ein Schwarm Stechmücken über mich her und ich nehme Reißaus. Schon den VP umkreisten Kampfgeschwader blutrünstiger Biester. Dort belästigten sie allerdings (noch übler riechende) Mitläufer und ließen mich weitestgehend in Ruhe. Traben am Waldrand, in weitem Bogen. Rechts Felder so weit das Auge reicht. Traben auf übelstem Geläuf: Grasbewachsener Boden, von Fahrzeugen zerfurcht. Ich suche mir einen gangbaren Weg. Stolpere mehr durch die Gegend als zu laufen, bin von meinem Zustand und diesem Drecksweg ziemlich genervt. Egal, voran! Weiter und … Upps! Fast wäre ich über den mobilen Weidezaun gestürzt. Kaum zum Stehen gekommen, höre ich auch schon vor wessen Pferch: Schafe! Und nun? Ist da Strom drauf? Vorsichtig lange ich an die Maschen. Nichts. Also die Sperre runterdrücken und drüber steigen …

Kilometer 42: Dem Wald entronnen, ein Wohngebiet gewonnen. Bahnunterführung, danach ein neuerlicher Stopp. Ich muss was gegen diese vermaledeite Schwäche unternehmen. Sie will und will nicht weichen. Noch ein Gel und trinken. Ein Läufer holt mich ein: „Hast du diesen VP gefunden?“ Er lief dran vorbei und hat sich entschlossen nicht länger zu suchen (dazu müsste er auch mehr als drei Kilometer zurücklaufen). Es komme ohnehin bald eine „Quelle“, wo wir die Wasservorräte auffüllen können. Sagt’s und geht seines Weges. Gehen? Jetzt schon? Was macht er in fünf, sechs, … zehn Stunden?

Wieder trotte ich dahin und die Verzweiflung wächst. Eine Minute lang schien alles paletti, nun hänge ich wieder durch … Vielleicht sollte ich selbst ein Stück gehen, um meinen Energiestoffwechsel irgendwie zu „synchronisieren“!? Das wäre zwar wider meine Natur, aber so wie jetzt kann das nicht mehr lange gut gehen. Also schultere ich mein mieses Läufergewissen und gehe … hundert Meter, zweihundert … bis mich dasselbe dusselige Gefühl überkommt wie vorher beim Laufen. Das gibt’s doch nicht! Was zum Henker ist das? Das kann keine Schwäche sein, wenn es mich auch gehend befällt …

Urplötzlich und endlich!!! platzt der Knoten und ich kapiere mich selbst: Ich bin einfach nur hundemüde. Kurz vorm Einschlafen! Exakt das und sonst gar nichts! Vielleicht kennst du das Gefühl von langen Autobahnfahrten, kurz vor dem gefährlichen Sekundenschlaf!? - Assoziative Verknüpfung: Vor mehr als 40 Jahren - Grundausbildung bei der Bundeswehr - 36 Stundenübung - Udo lehnt am Baum, mitten in der Nacht, muss Wache halten … Später habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich das wirklich erlebte: An einen Baum gelehnt minutenlang im Stehen schlafen. Hier und heute, irgendwo nördlich von Köln, bin ich sicher, es war so. Beim Gehen oder Laufen können die Augen nicht zufallen, doch die Phase kurz davor, die durchleide ich seit Stunden …

Ich wechsele ein paarmal die Gangart: Gehen - Laufen - Gehen - wieder Laufen. Da ich nun weiß, was mit mir los ist, keimt Hoffnung die Müdigkeit zu überwinden - wenn es erst richtig hell ist … - Mitten im Gelände ein größeres Gebäude, umzäunt, unklare Bestimmung. Davor ein aus dem Boden aufragender Wasserspender. Ich stehe vor der angekündigten „Quelle“ und bei dem Gebäude in meinem Rücken handelt es sich um ein Wasserwerk. Ich trinke und fülle meine Flaschen auf. Eine Ausstellung alter Rohrsysteme und Pumpen passierend nehme ich den Wettkampf wieder auf. Ein Udo in Normalform hätte das museale Technik-Sammelsurium nicht ohne Fotonachweis verlassen. Kein Bild schmückt diesen Text: Also weißt du, wie es um mich steht …

Über Feldwege und Wohnstraßen voran. - „Streckenabweichung!“ - Es gab die Möglichkeiten „geradeaus“ oder „links“ jedoch keine Markierung, obschon ich danach suchte. Darüber würde ich mir gerne ein Loch in den Bauch ärgern, bringe aber nur ein Kopfschütteln zustande und trabe die fünfzig Meter zurück. Der alternative Weg schickt mich zwei Minuten später vor die Linse zweier Fotografen und zum nächsten Verpflegungspunkt.

Aus Trotten wird Traben. Kein Glanz umkränzt mein nasses Haupthaar und doch fühle ich mich ein bisschen wie die Königin im Märchen:

Heute back ich, morgen brau ich,

übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;

ach, wie gut, dass niemand weiß,

dass ich Rumpelstilzchen heiß!

Erst musste ich das Böse mit wahrem Namen bedenken, nun scheint es zu weichen. Ich fühle mich zwar nicht unbesiegbar wie weiland Siegfried nach dem Bad im Drachenblut, aber zunehmend wacher mit Reserven für viele Laufkilometer. - Bildbeweis fürs Aufwachen: See mit Insel*, der tatsächlich wieder ansatzweise eine Empfindung der Art „Oh, wie schön!“ erzeugt …

*) „Pescher See“ nahe Ortsteil Köln-Pesch

Samstagmorgen, 6:45 Uhr, Köln-Mengenich, Kilometer 51

Ich schimpfe wie ein Rohrspatz und das mit Recht: Unterführung. Über mir donnert der Verkehr über die A1. Weder davor noch dahinter Erleuchtung in Schwarz-Weiß. Und hinter der Autobahn meckert der GPS-Aufpasser: „Streckenabweichung!“ Also trabe ich zurück und suche vor der Unterführung. Nichts. Verdammt, verdammt, so ein Mist! Rucksack runter, Karte rauskramen, orientieren. Eindeutig durch die Unterführung und dahinter irgendwo links ab in den Wald! Gesagt, getan. Sehr langsam vorwärts, dabei mit den Augen den Wald „abscannen“ und Kamerad Forerunner (Mistkerl!) ignorieren. Nur mit Mühe erspähe ich zwischen üppigem Grün das kleine schwarz-weiße Zeichen. Rein in den Wald. GPS: Daumen hoch! Weg gabelt sich. Wieder keine Wegweisung. Wähle links. GPS: Daumen runter. Zurück und rechts. Paar Meter weiter: Weggabelung ohne Marke. Wähle rechts. GPS: Daumen runter. Zurück und links. GPS: Daumen hoch. Zeitbedarf für effektiv 300 Meter der Route: ca. 11 Minuten! - Gut, dass ich jogge. Bewegung ventiliert den Zorn …

Samstagmorgen, 7:10 Uhr, Köln-Ossendorf, Kilometer 55

Jede Großstadt wird von Parks und Grüngürteln in lebenswerte Bezirke gegliedert. Von Köln kannte ich bisher jedoch nur das Häusermeer der Innenstadt und staune deshalb Bauklötze: Von den bisher über fünfzig Kilometern ließ nur ein Bruchteil ahnen auf dem Boden einer Millionenmetropole unterwegs zu sein. Dichter Wald rechts, lichte Baumreihe links, dahinter Häuser. Ich bewege mich mit gebotener Aufmerksamkeit, verlasse den Wald und … bin wieder mal ratlos: Rechts am Waldrand entlang oder geradeaus auf die Häuser zu? Experimentelle Lösung: Geradeaus und dabei GPS fixieren. - „Streckenabweichung!“ Alles klar: Also über den Rasen der Anlage abkürzen und zum Weg am Waldrand. Dazu meint Forerunner: „Streckenabweichung!“. Nachdenken: Vielleicht vorher im Wald ein Abzweig? Was sonst, also zurück. Im Wald gehe ich und suche … Einen Abzweig gibt es und … sehr versteckt auch das schwarze Viereck mit weißem Kreis. Zeitbedarf für effektiv null Meter der Route: ca. 6 Minuten! - Ungefähr dort denke ich zum ersten Mal den Satz: ‚Wie kann man einen derart besch … markierten Wanderweg zur Laufstrecke erheben?’

Samstagmorgen, 7:35 Uhr, Köln-Bocklemünd, Kilometer 58

Kreuzung, Rumstehen, um die eigene Achse drehen, spähen, Zeit vertun … weißen Kreis auf schwarzem Grund schließlich finden. Unstetes Gezuckel dieser Art im laufenden - man bedenke! - Wettbewerb bin ich mittlerweile gewohnt. Mehr noch: Ich habe gelernt, dass „festgenagelt verharren, sodann orientieren“ häufig die einzige Chance eröffnet sich nicht zu verlaufen. So auch auf dieser Kreuzung, die ich am Rand einer Straßenbahntrasse verlasse. Ein paar Minuten später jogge ich durch ein Kölner Wohngebiet. Zwei Passanten mit Bäckertüten auf Gegenkurs. Frühstückszeit. Bin ich hier richtig? Instinktiv wähne ich mich auf falscher Fährte, doch: Keine Fehlermeldung vom Handgelenk her. Die Straße stößt auf eine Querstraße. Rumstehen, um die eigene Achse drehen, spähen, Zeit vertun … wechsele zur anderen Straßenseite … wiederhole die Pirouette … mehrmals … Nichts!

Passant A betritt die Bühne, fragt den Läufer U., was er denn suche. - „Kölnpfad?“ Von dem habe er schon gehört. Aber der verlaufe doch irgendwo dort oben im Wald … - Passant A verlässt die Bühne in Richtung Bäckerladen, lässt den Läufer ratlos zurück … - Passant B eilt von jenseits der Straße zu Hilfe. Er wisse um den Verlauf des „Kölnpfades“, zückt sein Smartphone und zeigt Läufer U. den Weg. Der dankt, setzt seinen Rucksack auf einer Bank ab, schluckt Gel, trinkt Wasser nach, verstaut die Karte, macht sich startbereit, dreht sich dabei hin und her, blickt auf und … hat die Richtung verloren … - Passant B betritt derweil neuerlich, vom Bäcker kommend die Bühne, deutet infolge hilflosen Läuferblicks einmal mehr die Straße entlang … - Entschlossen joggend verlässt Läufer U. die Bühne in Richtung „Kölnpfad“ (zumindest hofft er das) …

Drehbücher zu derartigen Possen schreibt nur das Läuferleben - gottlob äußerst selten.* Zeitbedarf für diesen Unfug: 6 Minuten.

*) Da selbst nach korrekter Wegweisung durch den Passanten zunächst nirgendwo Markierungen zu finden waren, habe ich die Passage zwischen Karte, eigenem GPS-Track und dem offiziellen abgeglichen. Ich fand heraus, dass sogar der offizielle GPS-Track (dem ich „zufällig“ folgte) dort den „Kölnpfad“ verfehlt. Aus diesem Grund wurde mir die tatsächliche Streckenabweichung auch nicht angezeigt. Markierungen konnte ich nicht finden, weil es dort keine gibt.

Ich folge einer mehrköpfigen Läufergruppe. Vorhin kamen sie „von links“, ergo wähnte ich sie auf falschem Weg (Woher sollte ich auch wissen, dass mich der offizielle Track „nasführte“?). Wieder Wald, zu meiner Rechten sogar ein Rübenfeld, alles am Rand einer Megacity. Stetes Tempo verkürzt den Abstand zur Gruppe, irgendwann bin ich mitten unter ihnen und schliddere in heilloses Nichtverstehen: Zwei von ihnen … paffen!? Keine Glimmstengel. Ich kenne mich damit nicht aus, aber was soll das anderes sein als E-Zigaretten? Die paffen E-Zigarette beim Ultralauf? Bin kurz davor mich zu kneifen. Wahrscheinlich vorhin doch eingeschlafen und nun träume ich Abstruses. Doch für einen Traum sind die Bilder zu real und wahrhaft träumend befällt einen auch nicht der Verdacht zu träumen …

Samstagmorgen, 8:35 Uhr, Köln-Müngersdorf, Kilometer 64

Der Verpflegungspunkt vorm „Müngersdorfer Stadion“ fängt mich auf. Gel „genießen“, trinken, Flaschen auffüllen - der übliche Dreikampf. Drei, vier Minuten, dann frage ich nach dem Weg (er führt westlich am Stadion vorbei) und bin weg … Die Kölner haben ihren Fußballpalast hübsch im Grünen platziert. Riesige Freiflächen drum herum, bombastisch breite Zuwegungen. Für mich wird der ranghöchste Kölner Fußballplatz auf ewig das „Müngersdorfer Stadion“ bleiben - auch wenn die Arena längst den Firmennamen eines Sponsors trägt. Geld regiert die Welt und in zunehmendem Umfang auch den Sport. - Hinter der Arena irre ich ein wenig herum, finde dann aber doch jeweils die Markierung. Das Nicht-Weiterwissen ist mir schon so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich kaum noch ungehalten reagiere. An mir vollzieht sich „Paragraph eins des Kölschen Grundgesetzes“*: „Et es wie et es!“ - Will heißen: Wenn ich diesen Ultraunfug zu Ende bringen will, werde ich mit der mageren Beschilderung auskommen müssen.

*) „Et kölsche Jrundjesetz“ findest du bei Wikipedia.

Es klingt einigermaßen fantastisch, doch ab dem Stadion in Müngersdorf (Km 65) bis zum Rhein (Km 90) verläuft die Route des „Kölnpfades“ fast ausschließlich im Grüngürtel der Stadt, berührt oder schneidet nur selten bewohnte Areale. Teichanlagen inmitten weiträumiger Wiesenflächen, Wälder und Alleen. Kölner mit Lust auf lange Läufe, können sich hier unbegrenzt austoben. Immer wieder meine ich Kölnpfad-Teilnehmer ins Visier zu nehmen, bei genauerem Hinsehen ist es doch nur einer der vielen morgendlichen Jogger …

Für mich ändert sich der Charakter der Umgebung - Parkanlagen, Freizeit und Erholung gewidmet -, doch nicht das Prozedere: Aufpassen hoch zwei, sonst komme ich vom Kurs ab. Dieses Schicksal erleide ich mehrmals, unterwerfe mich dabei „Paragraph zwei des Kölschen Grundgesetzes“ - „Et kütt wie et kütt!“ -, den ich hier in stiller Aue allerdings noch gar nicht kenne. Meist führt mich „Señor Forerunners“ Meckern auf den nach wie vor unzureichend gekennzeichneten Pfad der Tugend zurück. Einmal nehmen drei Kölsche Damen - scheinbar tief im Gespräch versunken und allem Weltlichen entrückt - Notiz von meinem Missgeschick: „Der Kollege ist da lang gelaufen!“ …

„Adenauerweiher“, „Decksteiner Weiher“, später der Teich im „Klettenbergpark“ und „Zollstocker Weiher“, endlose Grünflächen, zahllose Haine und Waldabschnitte - bisweilen könnte man wirklich vergessen unweit des hektischen Getriebes einer deutschen Großstadt unterwegs zu sein. Die Absicht der Väter des „Kölnpfades“ scheint klar: So viele Schönheiten, Sehenswürdigkeiten und Kuriositäten wie möglich unter Inkaufnahme ständiger Richtungswechsel erschließen! Wenn schon keine brauchbare Markierung, so scheint dem „Eifelverein“* zumindest diese Absicht gelungen …

*) Der „Kölnpfad“ wurde vom „Kölner Eifelverein“ im Jahr 2008 ausgeschildert.

Reichlich Laufzeit verführt zum Nachdenken: Mutmaßlich bekommen wir Ultraläufer heute mehr von Kölns wirklichen Schönheiten zu sehen, als mancher „Kölsche Jung“ in seinem ganzen Leben. Wohl nicht jeder Kölner weiß um die Existenz des „Felsengartens am Fort Deckstein“, hat überhaupt je von den Überresten besagter Festungsanlage gehört. Mir wird die Gunst zuteil zumindest einen Blick auf den Eingang des Felsengartens zu werfen und mich vorm Festungstor einmal mehr ein bisschen zu verlaufen … Als Reaktion auf Umherstreunen und unsteten Blick höre ich aus dem Kreis einer übenden Hundeschule wieder von besagtem „Kollegen“. Der habe den Weg durch das alte Festungsportal genommen. Was für ein hilfreicher Kollege, denn neuerlich liegt er richtig …

Samstagmorgen, 11 Uhr, Forstbotanischer Garten Köln, Kilometer 81

Die Hälfte der ursprünglich angepeilten Wettkampfzeit ist um. Schon jetzt ist klar, dass ich nicht vor 23 Uhr ins Ziel laufen werde. Und selbst das wird nur möglich sein, wenn ich mich nicht häufiger verlaufe und nicht mehr Zeit zum Orientieren aufwenden muss als bisher. Und natürlich auch nur unter der Voraussetzung, dass ich nicht irgendwann einbreche. Einen ausgesprochen guten Tag habe ich heute zwar nicht erwischt, doch nachdem mein Triebwerk vor fünf Stunden endlich aufwachte, fällt mir das Traben auch nicht besonders schwer. Aufs Tempo achte ich nicht. Was sollte das auch bringen? Vermutlich liegt es irgendwo zwischen 6:45 und 7 min/km - allerdings nur, wenn ich mal einen Kilometer ohne Zwangspause absolviere, was höchst selten vorkommt. Die erlittenen Zeitverluste gehen zum größten Teil zulasten mangelnder Orientierung: Verlaufen, Suchen nach Markierungen, Nachsehen auf der Karte, Befragen von Passanten. Gemessen an diesem Bonus Malus, hat mich das frühmorgendliche Tief infolge extremer Müdigkeit nur unwesentlich gebremst. Ich lege mich mal fest: Wahrscheinlich werde ich mehr oder weniger deutlich vor Mitternacht das Ziel erreichen …

Die Sonne setzt sich immer häufiger gegen die Wolken durch. Nach langer, kühler Waldpassage (samt zweimaligen Abirrens vom Weg) öffnet sich vor mir eine weite Wiesenfläche mit einzeln stehenden Bäumen und sanftem Hügel. In der Sonne bricht augenblicklich der Schweiß aus allen Poren und ich halte zum Trinken. Das Areal scheint den Prinzipien englischer Landschaftsgärten nachempfunden, so jedenfalls wirkt es auf mich.* Trinkrucksack über und weiter: Man kann in der Tat in hässlicherer Umgebung laufen als dieser …

*) Ich befinde mich zu diesem Zeitpunkt im „Forstbotanischen Garten Köln“.

Ärger wallt keiner mehr auf, ich nehme es einfach nur noch zur Kenntnis. Wieder und wieder komme ich vom Weg ab oder - um ebendies zu vermeiden - stehe minutenlang herum, suche einen Wegweiser oder studiere die Karte. Hin und wieder finden wir uns in wechselnden Duos zusammen. Motto: Gemeinsam ist man gleichermaßen desorientiert und ratlos, kann sich aber den Frust von der Seele reden. - Kilometer 87, 88, 89: Irgendwo im Kölner Süden. Die Parklandschaft wurde längst von landwirtschaftlich genutzten Flächen abgelöst. Nachdem ich nun schon drei Kilometer ohne Verlaufen abhaken konnte, wächst das Misstrauen. Doch GPS und gelegentliche Markierungen bestätigen unisono die Richtung. Schließlich mündet die Route in eine Straße und noch bevor ich die Markierung ausmache, bekomme ich Winkzeichen vom nahen Kontroll- und Verpflegungspunkt am Rheinufer …

Samstagmittag, 12 Uhr, Kontrollstelle am Rheinufer, Kilometer 90

Mit ausreichend Flüssigkeit und Gel im Bauch breche ich guten Mutes auf. Der Optimismus dürfte einerseits dem jetzt konstant sonnigen Wetter - Udos Wetter! - geschuldet sein, nicht zuletzt aber auch dem Wissen, dass nun etliche Rheinuferkilometer folgen werden; also Kurzweil zu Wasser, bei geringem Verlaufungsrisiko. Gute Laune und Fotografierlust sind bei mir zwei Seiten derselben Medaille und die Rheinschifffahrt gibt allemal genügend Motive her. Endlich mal keine Aufmerksamkeit auf die Wegfindung richten müssen! Was für ein Segen …

Ich genieße diesen Streckenabschnitt, der immer wieder reizvolle Blicke zum und über den Fluss zu bieten hat und sogar zum großen Teil im Schatten ufernaher Bewaldung verläuft. Meinetwegen könnte das für die restlichen 80 Kilometer so bleiben. - Stadtteil Rodenkirchen: Den Stadtteil weiß ich einzig deshalb zu benennen, weil der Blick voraus bereits an der „Rodenkirchener Brücke“ hängen bleibt, über die ich ans gegenüberliegende Rheinufer gelangen werde. „Über mächtigen Fluss gespannte Brücke“ ist immer ein 1a-Motiv. Mehrmals verharre ich, um es verwacklungsfrei in den „Kasten“ zu bekommen. Weiter am Ufer, den Blick in Spuren von Faszination gefangen … In dieser Haltung hätte ich den Mann vorm Ufermäuerchen in Rodenkirchen vielleicht nicht übersehen, wäre aber wohl achtlos vorbei gelaufen …

„Hallo Udo!“ - Dieter hatte sein Kommen - irgendwo am Streckenrand - angekündigt. Zum Glück steht er ausgerechnet hier in Rodenkirchen am Rheinufer, wo meine lange Zeit unterkühlte Stimmung von der Sonne bereits wonnig temperiert wurde. Und unser netter Wortwechsel, samt angebotener Cola, hebt die Laune weiter. Fünf, sechs Minuten Zeitverlust. Wäre ich noch dem Wettkampfmodus verpflichtet, die Pause fiele sicher kürzer aus. Seit Stunden ist jedoch klar, dass die irregulären Bedingungen dieses so genannten „Ultralaufes“ nur ein sinnvolles Ziel vorgeben: Irgendwie schadfrei ankommen …

Rodenkirchen hat ein paar hübsche Ecken am Rheinufer zu bieten und nicht zuletzt freien Blick auf die imposante Rheinbrücke. Zu deren „Füßen“ treffe ich wieder einmal auf Sie und Ihn, nicht das erste und nicht das letzte Mal. Zu dritt rätseln wir über die „korrekte Kölnpfad-Brückenquerung“, finden stattdessen eine Treppe bar jeglicher Markierung hoch zur Brücke. Zig Stufen aufwärts, auf denen sich wieder einmal bewahrheitet, wessen ich mich in der Vergangenheit ab und an bezichtigte: Sobald ich in einem Wettkampf gehen musste, liegt die Reizschwelle es zu wiederholen ziemlich niedrig. Also nehme ich die Treppenstufen gehend, obschon meine Form mich nicht dazu zwingt … - Erst von der Brücke bekommt man einen wirklichen Eindruck davon, wie breit Deutschlands mächtigster Strom tatsächlich ist (300 Meter an dieser Stelle). Ich genieße die Aussicht, die mir so unverstellt und lange noch nie geboten wurde. Fast kommt Bedauern auf, als mich die Treppe am anderen Ufer wieder nach unten und zurück ans Ufer führt …

Samstagnachmittag, 13:05, rechtsrheinisch, Nähe Rodenkirchener Brücke, Kilometer 96

Ultralauf ist nicht zuletzt eine Frage der Willenskraft. Ist sie stärker als die Widerstände, reiht man unentwegt Laufschritt an Laufschritt. Das Kunststück besteht darin, den Willen nie erlahmen zu lassen. Wer ein erstrebenswertes Ziel vor Augen hat, dem fällt es leichter Willenskraft zu mobilisieren. Das ist heute nicht leicht. Im Grunde bin ich nur noch unterwegs, um im Hinblick auf mein Saisonziel „Spartathlon“ eine erste überlange Strecke hinter mich zu bringen. Der „Kölnpfad“ selbst, der „Wettkampf“, hat sich längst der Lächerlichkeit preisgegeben. Wann jemand das Ziel erreicht, hängt zunächst davon ab, wie gut er sich auskennt oder wie selten er sich verläuft. Die Ultraleistungsfähigkeit bleibt in ihrer Bedeutung dahinter zurück. Was also motiviert mich? Allem Ungemach häufigen Herumirrens zum Trotz natürlich die vielfach hübschen Ansichten entlang der unbekannten Strecke. Darüber hinaus setze ich mir wie immer Teilziele. Demnächst hole ich mir den Lorbeer der „100 Kilometer“. Wenn die offiziellen Angaben stimmen, dann wird es einen Kilometer nach dem nächsten Verpflegungspunkt so weit sein …

Kann man sich an (friedlichem), von der Sonne beschienenem Wasser eigentlich sattsehen? Szenen am Ufer und auf dem Fluss. - Frau mit Hund direkt an der Wasserlinie. Hund apportiert Ball aus dem Wasser. - Sandiger Uferstreifen zwischen Ahorn und Trauerweide - Lastkahn leicht beladen, flott flussabwärts tuckernd - Ein anderer, von schwerer Last tief in den Strom gedrückt und sich mühsam flussaufwärts kämpfend - Spaziergänger und Radler auf der Uferpromenade - immer wieder auch Schatten, der das Läuferleben ein wenig angenehmer gestaltet. Mit Kreide auf Asphalt und bereits 2,2 km vorher wird der nächste VP angekündigt. Das begleitende, stumme „gogogo“ wirkt wie zusätzliche Anfeuerung …

Was ich dann im Schatten der Uferallee an Verpflegungsangebot finde, übertrifft sicher alles in meinem Ultraleben Gesehene: Süß, salzig, sauer, herb und fruchtig, frisches Obst, Gemüse, Knabbereien, Plätzchen, Schokoladiges und mehr - die Opulenz findet gerade so eben Platz auf ausladendem Campingtisch. Es fällt schwer bei diesem Anblick Verzicht zu üben und sich mit „doofem“ Gel zu bescheiden. Dafür nasche ich im flüssigen Schlaraffenland, vor allem an einer Flasche alkoholfreiem Weizenbier. Und das Schönste: Es ist kalt und meine Lieblingsmarke! Ich bedanke mich artig bei Susanne Alexi, einer erfahrenen Ultraläuferin, der wir die kulinarische Vielfalt zu verdanken haben und mache mich wieder auf den Weg …

… gehend zunächst, dann langsam trabend und ausnahmsweise den Fluss zu meiner Rechten ignorierend. Stattdessen suche ich intensiv den schmalen Hang hinter den Alleebäumen ab. „Houston? Wir haben ein Problem!“ - Mehr als 13 Stunden hatte mein Körper Zeit mich in die Büsche zu befehlen. Ausgerechnet jetzt droht er mit katastrophalen Folgen, wenn ich der Aufforderung nicht alsbald nachkomme … Ausgerechnet hier! Von rechts nach links: Rheinufer, Radweg, Mäuerchen, Lindenallee, dann schmaler Rasenstreifen am Hang, darüber Gestrüpp, über das immer wieder die Fassaden irgendwelcher Wohnhäuser lugen. Einzige Chance: Das Gestrüpp! Ich tippele hundert Meter, zweihundert, dann meine ich eine geeignete Stelle gefunden zu haben, die mir nach oben und zum Fluss hin Sichtschutz gewähren wird. Die Sache selbst kostet lediglich elend viel Zeit. Zum eigentlichen Hindernis gerät jedoch das Mäuerchen am Radweg. Mit fast 100 km in ungelenken Beinen muss ich es mühsam überklettern … Hoffentlich schaut mir dabei keiner zu.

Samstagnachmittag, 14:15, rechtsrheinisch, Zündorf, Kilometer 104

Seit meiner Jugend bis vor einigen Jahren hatte ich häufiger in Köln zu tun. Nichts, was ich bei diesen Gelegenheiten von der Stadt zu sehen bekam, lud mich zum Wiederkommen ein. Zum wiederholten Mal stelle ich auf dieser Runde fest, dass ich mich seinerzeit schlichtweg an den falschen Orten aufhielt. Wie der Stadtteil heißt, vermag ich nicht zu ergründen, auch wenn er mir mit seinen verwinkelten Gässchen und liebevoll restaurierten, alten Häusern ausnehmend gut gefällt. Er will Idylle vermitteln, was allerdings ob der vielen Besucher in Biergärten und Parks misslingt. Dennoch: Hierher würde ich gerne einmal zurückkehren … Eine Weile nach dem weißen Kreis zu suchen bleibt mir jedoch auch an diesem Ort nicht erspart. Zwischen zwei lang gezogenen, beinahe vollständig mit Algen und Wasserpflanzen überzogenen Teichen* bringt mich der Weg zurück ans Rheinufer …

*) Wie ich vor Ort bereits vermutete, handelt es sich bei den Teichen („Obere und Untere Groov“) um einen verlandeten, ehemaligen Flussarm des Rheins.

Mich narrt die höchst ungenaue Vorstellung vom Streckenverlauf. Beinahe minütlich erwarte ich, dass sich der Kurs vom Rhein abwendet. Die immer wieder attraktive Aussicht bleibt mir jedoch für weitere sieben Kilometer erhalten. Häufig bietet die Route beschattete Abschnitte, verläuft zuletzt sogar in dichtem, kühlem Auwald. Bei unentwegt vom Himmel brennender Sonne bin ich dafür dankbar. Kurz vor dem nächsten Verpflegungspunkt endet für mich die Flusspromenade - also Tschüs dann „Gevatter Rhein“! - Auch von meinem GPS verabschiede ich mich in diesen Minuten. Nach mehr als 15 Stunden ist der Akku leer. Von nun an muss ich auf Kamerad „Forerunners“ Korrekturen bei Streckenabweichungen verzichten und bekomme auch keine Kilometerangaben mehr.*

*) Für den Laufbericht bedeutet das: Ohne GPS-Aufzeichnung muss ich mich bei Zeitangaben auf mein Gedächtnis und zwei, drei zeitlich genau fixierbare Daten (u.a. ein Telefonat) stützen. Distanzangaben beruhen auf dem bei „GPsies“ veröffentlichten Track.

Samstagnachmittag, gegen 15:20 Uhr, rechtsrheinisch, VP 7, Kilometer 111

Nach 111 Kilometern stehe ich vor Verpflegungspunkt 7 und meinem „Dropbag“. Doch erst einmal verpflegen und die Wasserflaschen füllen, dabei die Bekleidungsfrage überdenken. Es gilt der Grundsatz „Never change a running system!“ Der stammt zwar aus der Datentechnik, hat sich aber auch beim Laufen bewährt. Andererseits gilt es vorhersehbares Wundsein auszuschalten. Alles an mir ist klatschnass. „Obenrum“ geht davon kein Risiko aus*, „untenrum“ fürchte ich allerdings mich auf den verbleibenden 60 Kilometern wund zu laufen. Letztlich ziehe ich mich komplett um, lasse jedoch das absolut klaglos kooperierende Dreigestirn „Fuß-Strumpf-Schuh“ unangetastet. Die „Peepshow“ läuft unsichtbar für Besatzung und Besucher des VP hinter einem Lieferwagen ab. Was meine zeitweilige Blöße angeht, bin ich schmerzfrei, jedoch nicht hinsichtlich des kläglichen Bildes, das meine steifen Knochen beim Überstreifen von Unter- und Laufhose abgeben …

*) Sehr langes Laufen dämpft die Denkfähigkeit. Tatsächlich spüre ich schon längere Zeit, dass mir der Trinkrucksack den Rücken wundscheuert. Den Zusammenhang zwischen Wundsein am Rücken und dort nassem Shirt, stelle ich allerdings nicht her. Von wegen kein Risiko …

Fünfzehn Kilometer bis zum nächsten VP und angeblich keinerlei Schatten bis dorthin. Und wenn schon, meine Flaschen sind voll und Bangemachen gilt sowieso nicht. Schon auf den ersten Kilometern - zunächst auf einem Hochwasserdamm, dann über Feldwege - zeigt die Sonne, was sie drauf hat. Auch wenn das manchen laufenden Zeitgenossen befremden mag: Lieber sengende Sonne als Kälte und auch nur eine Minute Regen. Udo ist ein Sonnenkind. Was nicht bedeutet, dass ich unter Hitze weniger zu leiden hätte als andere. Es macht mir nur weniger aus. Nach vielen Kilometern Asphalt meckern meine Füße nun vehement über die Feldwege. Beim konzentrierten Versuch Steinen und Unebenheiten auszuweichen passiert es dann auch gleich: Mutmaßlich verlaufen und keiner der protestiert! Keine Markierung an einer Kreuzung. Vielleicht an der nächsten? Doch auch dort finde ich keinen Hinweis. Rucksack ab, Karte raus, orientieren. Vor mir ein Dorf. Ich kann nur vermuten wo ich bin. Wenn stimmt, was ich vermute, dann weit ab vom „Kölnpfad“. Aber glücklicherweise so verfranzt, dass ich im Dorf über die Hauptstraße die Route ohne großen Zeitverlust wieder ansteuern kann …

Zurück auf dem „Kölnpfad“ zwischen Feldern voran, etwa bei Kilometer 115. Ich trabe auf ein Dorf zu, muss dazu noch ein Stück Wiese überwinden. Zweifel keimen auf, werden jedoch von der ausnahmsweise gut auffindbaren Markierung zerstreut. Entlang der Dorfstraße, den Blick immer auf Pfosten oder Häuserecken gerichtet, um nur ja keinen Abzweig zu verpassen. Vor einem Haus sitzen Männer mit Bierflaschen in der Hand. Mit welcher Frage sie mich zum Halten veranlassen, weiß ich nicht mehr genau, weil sich in der Folge ein langes Gespräch mit den Fünfen entspinnt. Sie offerieren mir ein Apfelschorle aus ihrer Kühlbox, das ich dankbar annehme. Sicher mehr als zehn Minuten verbringe ich damit den Männern zu erklären, was Ultralauf ist. Versuche Anfechtungen der Art „Das kann aber doch nicht gesund sein so weit zu laufen!“ zu entkräften und trotzdem ehrlich zu bleiben. Zum Beispiel bei der Frage: „Hör mal, macht das denn heute Spaß?“ - „Weniger als ich gehofft hatte!“ antworte ich und füge hinzu „Weil ich mich zu oft verlaufe und körperlich noch den langen Wettkampf vom vorigen Wochenende spüre.“ Je länger ich „doziere“, umso beeindruckter zeigt sich das Quintett von dem, was da vor seiner Haustür „abgeht“! Als ich mich schließlich verabschiede, springt der Wortführer auf, drückt mir die Hand und wünscht gutes Gelingen …

Mit häufigem Blick zum Flughafen Köln-Bonn durch Felder, kilometerweit an einer Bahnlinie entlang, schließlich über gesichtslose Straßen eines Kölner Stadtteils (Wahn) und nirgendwo Schatten. Kein Anblick, der wert wäre als Foto in meinem Kameraspeicher zu enden. Zweifellos der bisher härteste und langweiligste Abschnitt des „Kölnpfads“. Doch immerhin verlaufe ich mich einstweilen nicht mehr, weil die Markierungen ausnahmslos leicht aufzuspüren sind. Nach und nach brauche ich meinen Wasservorrat auf und bin froh als der Kurs sich dann doch für vielleicht 20 Minuten im Wald erstreckt. An einem Teich krame ich nach langer Zeit wieder einmal die Kamera hervor. Vor allem der am gegenüberliegenden Ufer stehende Reiher hat es mir angetan …

Samstagnachmittag, gegen 18 Uhr, VP 8, Kilometer 126

Autobahn und Bahnlinie queren, dann ein paar Minuten am Waldrand entlang und endlich erreiche ich den nächsten VP. Kurz nach mir kommen zwei weitere Läufer im Duo an, die ich eigentlich vor mir wähnte. „Verlaufen“ lautet der lapidare Kommentar des einen, der nach wie vor über ein funktionstüchtiges GPS-Gerät verfügt …

Nach langer Trinkpause (10 min?) brechen wir gemeinsam auf. Ich glaube mich in ihrer Begleitung sicherer vor Irrwegen in der jetzt vor uns liegenden „Wahner Heide“ und dem sich anschließenden „Königsforst“. Was mir allerdings nicht gefällt, ist, dass sie gehen. Zweihundert Meter weit ertrage ich das und trabe dann an - Begleitung hin, Begleitung her. Anscheinend brauchten sie ein „Vorbild“ - kurz nach mir fallen sie gleichfalls wieder in gemütlichen Laufschritt. In der „Wahner Heide“ - von der allerdings auf unserer Route im Wald so gut wie nichts zu sehen ist - bereitet die Pfadfindung keine Probleme. Das ändert sich erst, als wir jenseits der A3 und kurzer Wartezeit vor einem geschlossenen Bahnübergang (Motto: Wir lassen heute kein Hindernis aus!) den „Königsforst“ betreten.

Eigentlich wirft der Abzweig wegen Eindeutigkeit der Markierung gleichfalls keine Fragen auf: Geradeaus weiter, Abzweig ignorieren! Dummerweise will uns das GPS des Mitläufers in ebendiesen Abzweig schicken. Zum x-ten Mal: Karte raus, Karte einnorden, Karte lesen, orientieren. Diesen „Pseudoabzweig“ im offiziellen Track habe ich mir zu Hause in die Karte eingezeichnet. Nach einem Schlenker schwenkt der Track wieder auf den tatsächlichen „Kölnpfad“ ein. Also Abzweig ignorieren und geradeaus weiter. Wie bitte? - Nein, das war jetzt wirklich nicht „schlimm“, kostete uns lediglich die Kleinigkeit von drei Minuten Rumstehen. Schon die bisherige Bilanz zu diesem höchst merkwürdigen Ultraabenteuer fällt vernichtend aus. Ich hoffe es geschieht nun nichts wirklich Übles mehr.

Im langsamen Trab, ohne Unterlass die Stämme der Bäume nach kleinen Schildern absuchend, frage ich mich, welche „Instanz“ den „Kölnpfad“ nun tatsächlich authentisch wiedergibt. Die Markierungen sind lückenhaft, versteckt und - das ist Fakt! - an seltenen Stellen auch mit irreführenden Pfeilen versehen. Der zum Download angebotene GPS-Track weist diverse und beileibe nicht nur marginale Abweichungen vom tatsächlichen Verlauf der Strecke auf. Bleibt nur noch meine Wanderkarte. Sie erwies sich bisher als verlässliche Ratgeberin. Mir schwant, dass ich sie heute noch brauchen werde …

Samstagabend, gegen 19 Uhr, im Königsforst, Kilometer 133

Eine Kneippanlage mitten im Königsforst und drei Menschen, die sich dieses Vergnügen gerade gönnen. Geradezu magisch zieht mich das Wasser an, wenn auch nicht zum Kneippen. Endlich Hände und Gesicht waschen, nach vielen durchschwitzten Stunden. Wenn die VP auch alles boten, was dem Läuferkörper drinnen gut tut, eine Schale Wasser zum äußerlichen Erfrischen war nirgendwo aufgestellt (oder ich hab sie übersehen). Ich bemühe den Rest des mir verbliebenen Gleichgewichtssinns, zwinge mich auf die Knie und erlebe eine der schönsten Minuten dieses langen Tages …

Noch ein Gel und ein kräftiger Schluck aus meiner Flasche, dann trabe ich los. Länger auf die beiden anderen zu warten, lässt meine Ungeduld nicht zu. Wann ich das Ziel erreichen werde, steht in den Sternen (die dann ganz sicher schon eine Weile am Himmel stehen werden). Ich will aber nach Möglichkeit keine Zeit mehr vertrödeln. Also mache ich mich allein auf über den „Wolfsweg“ zum „Monte Troodelöh“. - Das Gelände hob sich bereits vor der Kneippanlage und weist nun durchaus relevante Steigung auf. Eigentlich sollte mich heute gar nichts mehr überraschen können, diesmal aber kommt das Unerwartete von „innen“. Es fällt mir ausgesprochen leicht diesen Anstieg trabend zu nehmen. Geradezu ein Kinderspiel. Wie kann das sein? In den ersten Stunden diese ätzende Müdigkeit, danach mehr oder weniger hinhaltender Widerstand meines Körpers und nun diese - ja das Wort ist angebracht - diese Leichtigkeit!? Das Barometer meiner Lauflaune dreht augenblicklich auf „schönes Wetter“ …

„Monte Troodelöh“ - ich erinnere mich diese Bezeichnung schon einmal gelesen zu haben. Das war 2011 und ich Teilnehmer am „Königsforst Marathon“, Start und Ziel in Bergisch Gladbach. Dass es sich dabei mit 118 m ü. NN um die höchste Erhebung der Stadt Köln handelt, entgeht mir heute ebenso, wie die Tatsache unmittelbar an diesem Punkt vorbeizulaufen. Vielleicht, weil mich der führende Staffelläufer mit seiner Begleitradlerin kurz davor überholt und in einen kurzen Wortwechsel verwickelt. Danach rastet er kurz in Höhe eines „markanten Felsens“. - Im Nachhinein meine ich in diesem „Felsen“ das Denkmal des „Monte Troodelöh“ zu erkennen …

Gut-drauf-sein drosselt die Aufmerksamkeit, steigert zugleich die Gefahr sich zu verlaufen - zumindest, wenn man schon 19 Stunden einem miserabel ausgezeichneten Weg rund um Köln folgt. Beim ersten Mal bin ich nur auf mich selbst stinkig, da schlichtweg am Abzweig vorbei gerannt. Karte raus, einnorden, orientieren: 200 Meter zurück, leider bergauf. Beim zweiten Malheur gleicher Art wasche ich meine Hände in Unschuld. Die Karte bereitete mich darauf vor die nahe A4 zu unterqueren. Dazu muss ich vom Hauptweg abzweigen. Genauso halte ich es, finde am Abzweig auch den weißen Kreis auf schwarzem Grund samt Pfeil. Also durch die Unterführung und jenseits weiter … Eine geschlagene Viertelstunde jogge ich jenseits der A4 in alle Himmelsrichtungen, um die „doofe“ Markierung zu finden. Dabei erkenne ich unter anderem den Start-/Zielbereich des „Königsforst Marathon“ wieder, bleibe im Übrigen jedoch erfolglos. Des Rätsels Lösung: Wer von dem Abzweig nichts weiß, wird den „schmuddelig“ ausgerichteten Pfeil am Abzweig anders interpretieren: Geradeaus weiter und etwa einen halben Kilometer später die nächste Unterführung nehmen. Zeitbedarf für dies höchst überflüssige Intermezzo: Eine Viertelstunde!

Ich habe keine Lust mehr. Wieder einmal. Dieser Unfug namens „Kölnpfad-Ultra“ geht mir gewaltig auf die Nerven. Warum also breche ich nicht ab, achte sogar weiter darauf keinen unnötigen Meter zu gehen? - Gäbe ich jetzt meiner Unlust nach, brächte ich mich um den Lohn von 20 Laufstunden: Nicht ausreichend weit trainiert, kein abgeschlossener „Wettkampf“, keinen Schimmer, wie ich zurückkommen soll. Überhaupt nichts wäre gewonnen. Also weiter. Kostet erstaunlich wenig Überwindung, ebenso wie der leichte Trab im Bergisch Gladbacher Ortsteil Bensberg. Wieso ich nicht gehe? - Gehen wäre nicht das Training, weswegen ich hier bin. Gehen würde die ganze Sache auch nur unnötig in die Länge ziehen. Außerdem bin ich Läufer, kein Geher.

Samstagabend, gegen 21:00 Uhr, Schloss Bensberg, Kilometer 139

Vor der Bergbesteigung, hier herauf zum Schloss Bensberg, traf ich einen meiner vormaligen Begleiter wieder. Er hatte mich überholt, als ich jenseits der A4 die Strecke suchte. Gemeinsam bewältigten wir den wohl steilsten Anstieg der Route, gemeinsam stehen wir am höchsten Punkt auf dem Platz vorm Schloss, völlig ratlos, wie so oft, und gemeinsam irren wir - ich kann’s nur schätzen - zwanzig Minuten herum und suchen den Weg … Da hilft selbst die Karte nicht, weil ihre zu geringe Auflösung keine exakten Schlüsse zulässt. Am Eck der Mauer ums Schlossgelände ein Kreis mit Pfeil. Folgt man ihm, stößt man auf eine weitere Markierung, jedoch ohne Richtungspfeil. Wir suchen uns in jede denkbare Richtung einen Wolf. Mann, bin ich wütend. Stinksauer. Grober Unfug ist das alles hier! Wir stünden womöglich noch heute dort oben, bewunderten das schöne Schloss und den wirklich atemberaubenden Blick die Schlossstrasse hinunter. Mit Sicherheit kein Zufall, dass Schloss und Schlossstraße als Sichtachse so ausgerichtet wurden, dass einen selbst noch aus dieser Entfernung die Silhouette des Kölner Doms beeindrucken kann …

Aber ich schweife ab: Also wir stünden da noch unverrichteter Laufdinge herum, käme uns nicht der Dritte im Bunde mit seinem GPS zu Hilfe: Seitlich am Schloss vorbei (da waren wir schon), ein paar hundert Meter weiter (verdammt ein paar Schritte weiter und wir hätten vorhin schon die Markierung gesehen!).

Zu dritt steil durch Bensberger Sträßchen hinab und schließlich zurück in den Wald … Ich versuche mich daran Regeln aufzustellen: Wann eher nach der Markierung schauen, wann die Karte zu Rate ziehen, wann dem GPS folgen? Jede der Möglichkeiten narrte mich/uns bereits. Oben am Schloss wären wir ohne GPS nicht weitergekommen. Aber der Track schickte uns auch schon in die Irre … Regeln aufzustellen scheint illusorisch.

Waldwege, runter, rauf, runter, rauf … Nach wie vor spüre ich kein Limit, auch nicht aufwärts. Nur meine Partner schwächeln. Ab und zu lasse ich mich auf ein paar Gehmeter ein, animiere sie dann aber wieder zum Laufen. Schrecksekunden: Den anderen gerade ein paar Meter voraus kommt mir ein Läufer entgegen!??? Völlig selbstverständlich gehe ich davon aus, dass wir die falsche Richtung eingeschlagen haben. - Oh mein Gott! Nicht auch noch das! - Rasch stellt sich jedoch heraus, dass sich der andere verlaufen hat. Und nun übertreibe ich mit keinem Wort: In seinem Gesicht zeichnet sich eine Mischung aus Verzweiflung, Unsicherheit und Gehetztsein ab. Mit raschen Sätzen erklärt er uns, wo er sich verlaufen hat und dass er diese Runde „falsch rum“ nur dreht, um sich keinen Vorteil zu verschaffen … Bisher kaum wahrgenommen, macht sie nun wütend zischend auf sich aufmerksam: Seine Begleitradlerin verpasst ihm einen derben „Anschiss“, dass er doch wohl jetzt die nötige Strecke erbracht habe und überhaupt … Richtig stinkig ist die! Nun verstehe ich Verzweiflung, Unsicherheit und vor allem Gehetztsein meines Gegenübers besser … Was ich allerdings bis heute nicht verstehe: Wenn er weiß, wo er sich verlaufen hat, warum hat er sich dann überhaupt verlaufen? Und warum kehrte er nicht um?

Samstagabend, gegen 21:50 Uhr, im Wald hinter Bensberg, Kilometer 143

Meine Begleiter rasten auf einer Bank nahe einer Waldhütte, um die Stirnlampe aufzusetzen. Ich nutze die Gelegenheit zu Gel und Wasser aus meinen Flaschen, breche dann aber auf. Die Dämmerung ist schon fortgeschritten und ich will möglichst bald den nächsten VP bei Kilometer 146 erreichen. Für die Stirnlampe scheint es mir noch zu früh. Noch sehe ich jede Unebenheit.

Mehrmals, über Stunden verteilt, hörte ich hinterrücks das charakteristische WhatsApp-Pfeifen meines Handys. Vermutlich handelt es sich dabei um die Ton gewordene Verwirrung meiner „Follower“. Der Tracker, den wir vor dem Start ausgehändigt bekamen, stellt meine Position auf einer stilisierten Streckenkarte im Internet dar. Meine Frau und andere werden sich folglich stirnrunzelnd fragen, weshalb ich nur „schneckengleich“ an Distanz gewinne. Da sich meine Laune gerade mal wieder stabilisiert hat, scheint der rechte Moment gekommen zu Hause anzurufen. Kurz erkläre ich Ines welcher Art die „Windmühlenflügel“ sind, gegen die ihr „Ritter von der traurigen Gestalt“ heute reitet. Und dass ich vermutlich nicht vor ein Uhr nachts das Ziel erreichen werde … Ich hätte sicher 20 Kilometer mehr auf dem Zähler, wären die Markierungen von ebensolcher Klarheit wie Ines’ Order: „Egal wie spät es wird: Ruf mich an!“

Dichter Wald und nun sehe ich wirklich kaum mehr was. Als ich mich gerade dazu durchgerungen hab die Stirnlampe aufzusetzen endet der Wald und ich folge einer Straße. Von der auf einen grasigen Feldweg und am Waldrand entlang abwärts, immer weiter abwärts. Ein Schild bereitet mich auf den nahen VP vor und keine fünf Minuten später laufe ich etwas verdutzt unterm Beifall mehrerer Läufer auf die Tränke zu. Diverse Staffelläufer warten hier auf die Ankunft ihrer Staffel (Staffelstart war 8 Uhr morgens). - Noch 25 Kilometer trennen mich vom Ziel und etwa auf der Hälfte gibt es noch einen unbemannten VP, bei dem ich mir die Flaschen auffüllen kann. Ich schaue auf die Uhr und lege mich fest: Deutlich vor zwei Uhr werde ich auf meiner Matratze liegen! - Ersatzlampe auf (die ich eigentlich gar nicht nutzen wollte) und los …

Neuerlich, wie schon so oft heute, bin ich guter Dinge. Rückblickend betrachtet sehe ich darin eines der wirklichen Geheimnisse dieses Unternehmens: Woher nehme ich den Optimismus - um nicht zu sagen: die Naivität -, dass mir nun auf den restlichen 25 Kilometern kein Raum-Zeit-Missgeschick mehr unterlaufen wird? Woraus speist sich diese mentale Fähigkeit des „Sich-immer-wieder-Aufraffens“?

An der Straße entlang weiter abwärts, alsbald links ab, zurück in den Wald. „Reste“ einer Reitveranstaltung auf der nahen Wiese. Wohnmobile, Pferdeanhänger, so was. Und schon bin ich auf dem falschen Weg, leuchte wild mit meinem Stirnlämpchen umher. Von der Wiese her bekomme ich den Tipp, welchen Weg meine „Kollegen“ genommen haben …

Im stockdunklen Wald auf schmalem Pfad. Wurzeln, Steine, das nun auch noch. Mich überfällt eine Sch…angst hier zu stürzen. Sei um Himmels Willen vorsichtig! Langsam! Jetzt, da ich die neue taghelle Stirnlampe bräuchte, steht mir wieder nur die alte, trübe Funzel zur Verfügung! „Weil ich längst im Ziel wäre, hätte ich mich auf diesem Drecksweg nicht gefühlte hundert Mal verlaufen!“ Ich denke das nicht. In mir schreit es diesen Satz …

Von hinten naht ein Staffelläufer mit Affenzahn. Ich mahne ihn zur Vorsicht, weil es gerade steil runter geht. 20 Meter weit? 30? Er überholt, schlägt meine Warnung in den Wind. Spitzkehre. Er ruft mir zu: „Hier geht’s lang!“ Ich passiere irgendwelche Weiher, suche mit klopfendem Herzen nach Markierungen. Finde eine an einem Pfahl in Hüfthöhe, aber keinen Richtungspfeil. Von dem zum nächsten Pfahl spannt sich ein Seil. Und nun? Ich verfluche die fehlende Fantasie des einst Markierenden. Okay, der konnte nicht ahnen, dass jemand auf die unsinnige Idee kommen könnte diesen Wanderweg zum Ultralaufpfad aufzuwerten. Dass folglich mitten in der Nacht ein desorientierter Läufer hier stehen und keine fünf Meter weit blicken könnte. Dass der Betreffende in seiner Unsicherheit auf die dämliche Idee kommen könnte über das Seil zu steigen. Nur, um sich zu vergewissern, dass es tatsächlich dahinter nicht weitergeht. Geht es natürlich nicht. Aber woher soll ich das wissen? Mehrmals habe ich heute Pferde vor der Tränke kotzen sehen …

Auf schmalem Pfad auf und ab, nach wie vor im Wald, dann über eine Straße, am Wohngebiet vorbei und wieder durch den Wald. Steter Wechsel der Richtung, steter Wechsel der Umgebung, meist jedoch im Wald. Wie finde ich meinen Weg? Dann und wann in Form von Markierungen mit eindeutigen Pfeilen. Immer häufiger kleben neben den Markierungen reflektierende „Katzenaugen“. Sind die offiziell? Fast will es scheinen. Doch warum wurde das nicht anlässlich der Einweisung bekannt gemacht. Ich krame in meiner Erinnerung, ob es irgendwo in der Ausschreibung oder pdf-Info gedruckt stand. Nichts. - Elend lange Gerade im Wald und kein Hinweis an den Bäumen links und rechts. Bin ich noch richtig? Ich bleibe stehen wende mich um. Wischender Lichtschein nähert sich rasch. Schließlich rauscht die Staffelläuferin im D-Zug-Tempo vorbei und bestätigt die Richtung …

Ich beschließe den „Katzenaugen“ zu vertrauen. Der Grund dafür ist einfach: Es wäre schlechterdings unmöglich auf Markierungen zu achten (= Lampe eher erhoben) und zugleich den Boden nach Unebenheiten abzusuchen (= Lampe auf den Boden gerichtet). Die Reflektoren erkenne ich dagegen schon von weitem und auch aus dem Augenwinkel. Meist - allerdings nicht immer - kleben sie neben einer „Kölnpfad-Markierung“ …

Müde bin ich nicht, erschöpft auch nicht. Noch immer keine Schwierigkeiten zu traben. Liegt vielleicht auch daran, dass ich ohnehin sehr langsam und vorsichtig zu Werke gehe. Die Bodenverhältnisse sind zwar meist unkritisch, aber eben auch nicht immer. Mal wieder den Wald verlassen und in einer Wohnstraße ankommen. Nur, wo geht es weiter? Keine Markierung und hier unter Straßenlaternen auch kein „Katzenauge“. Karte raus, irgendwie einnorden, orientieren. Gar nicht einfach bei diesen Lichtverhältnissen. Eigentlich gibt es nur eine Stelle auf der Karte, die zu den tatsächlichen Gegebenheiten um mich her passt. Also die Straße rauf und wenn ich recht habe alsbald links ab …

Es wächst das Gefühl mich in Raum und Zeit zu verlieren. Seit Längerem bin ich allein unterwegs und besonders im Wald, bar jeglicher Chance der Orientierung, bedrückt mich das Alleinsein. Bäume, nichts als Bäume, schemenhaft rechts und links der Route, dem Dunkel für Sekunden entrissen. Jedes „Katzenauge“, jede Markierung hebt die Beklemmung kurzzeitig auf, bis sie als Folge unsicherer Orientierung wiederkehrt … Ich trabe, trabe, trabe. Nach links, neunzig Grad, … trabe, trabe, trabe, … wieder nach links, neunzig Grad … trabe, trabe, trabe … wieder nach links, neunzig Grad … trabe, trabe, trabe … instinktiv spüre ich, dass da etwas ganz gewaltig nicht stimmt … wieder nach links, neunzig Grad, … trabe, tra… - Verdammter Mist!? Hier war ich schon mal!?? Eindeutig. Die Lichtung, die Anordnung der Büsche. Wie lange her? Viertel- oder halbe Stunde? Im Kreis gelaufen. Kein Zweifel möglich. Nach diesem Moment der Erkenntnis rückt mir die Finsternis massiv zu Leibe. Sie dringt in mich ein und für ein paar Sekunden packt mich so etwas wie Panik. Ich verharre wie angewurzelt und mit sich überstürzenden Gedanken …

Ich beruhige das Gedankenkarussel und suche nach einem Ausweg. Weiterlaufen? Was wenn sich das Missgeschick wiederholt? Einzig sinnvoll: Einem Lichtschein in bewohntes Gebiet folgen und dort feststellen, wo ich bin. Ich trabe zurück, weil ich vor höchstens zwei Minuten Licht gesehen hab … Zehn Minuten später stehe ich in „Hand“ einem Ortsteil von Bergisch Gladbach. Weitere fünf Minuten später, nach ein bisschen „Umherjoggen“, weiß ich, wo ich mich augenblicklich befinde und präge mir einen sicheren, der Straße folgenden Weg zum letzten VP ein. Mehrmals überdenke ich meinen Entschluss, komme aber immer zum selben Ergebnis: Auf dieser Route kann ich mich nicht verlaufen!

Sonntagmorgen, gegen 1 Uhr, Köln-Dellbrück, ein Kreisverkehr, Kilometer 159

In meinem Kopf herrscht Verwirrung. Ich bin definitiv auf oder nah dem „Kölnpfad“, definitiv nahe dem letzten VP und dennoch unfähig zu sagen, wo es weiter geht. Lese Straßennahmen (fünf Straßen gehen von diesem Kreisverkehr ab) und vergleiche sie mit jenen in der Karte. Vermutlich stehe ich kurz vor der Lösung, als ein Staffelläufer vorbei joggt und mich des Nachdenkens enthebt. Karte einpacken, Rucksack über und ihm nach … Kurz darauf stehe ich vorm letzten VP …

Ich taste mich weiter durch den Wald. Von Optimismus ist da keine Spur mehr. Ich will einfach nur noch ankommen und von diesem ganzen Mist nichts mehr wissen. Doch bis dahin ist Konzentration gefordert. Nicht noch einmal im Kreis laufen! Wald, Wald, Wald, Wald … Kilometer um Kilometer. Unsichere Stelle: Links ab oder weiter geradeaus? Links ein „Katzenauge“. Aus der Nähe betrachtet sieht es anders aus als die bisherigen … Dringe weiter vor, bis der Weg sich zwischen Sträuchern verliert … Wieder zurück auf den ursprünglichen Weg. Eine Staffelläuferin nähert sich. Ihre Ausstattung: Helle Stirnlampe zur Wegsuche, Taschenlampe zur Markierungsfindung, GPS am Handgelenk und GPS auf dem Smartphone. Und selbst sie weiß an diesem Punkt zunächst nicht weiter. Wir versuchen es gemeinsam in der mutmaßlich korrekten Richtung. Treffer! Irgendwann geben ihre elektronischen Kompasse Entwarnung.

Eine Weile meint sie mich in Schlepptau nehmen zu müssen, was meiner Unsicherheit natürlich abhilft, meinem Sportsgeist und Gerechtigkeitssinn allerdings widerstrebt. Also signalisiere ich ihr, sie könne unbesorgt sein und in ihrem Tempo laufen … Was sie dann auch versucht, vom ständigen Suchen und Orientieren jedoch so ausgebremst wird, dass ich immer wieder aufhole. Ein Fixstern im Dunkeln, dem ich nun (fast) blind folge. Ab und zu hole ich mir bei einem erhaschten „Katzenauge“ Absolution, hie und da raunt mir eine Markierung zu: „Passt schon! Lauf zu und bleib an ihr dran!“ Kilometer um Kilometer geht das so. Ich hole wirklich alles an Tempo aus mir heraus, was ich noch zu bieten habe, um meine „Lichtgestalt“ nicht aus den Augen zu verlieren. Erstaunlicherweise geht das noch, nach nun mehr als 160 Kilometern …

Ihr Vorsprung beträgt sicher schon hundert Meter und wenn der Weg abknickt sehe ich sie nicht mehr. Gottlob aber immer wieder mal einen „Lichtwischer“ zwischen Bäumen, also bin ich noch richtig. Irgendwann dann plötzlich Bänder an Büschen und Ästen, gelbe Sprühpfeile auf dem Boden. Also bin ich nun runter vom „Kölnpfad“ und auf dem Weg ins Ziel. Vorbei an einem See, der schimmerte im Dunkel der vorherigen Nacht schon einmal herüber … Längere Gerade und weit vorne, klitzeklein, erkenne ich die Gestalt meiner lichtumflorten Amazone. Bald im Ziel! Sehr bald! Ich lege noch einmal einen Zahn zu, um sie auf dem Rest der Waldstrecke nicht vollends zu verlieren. Pfeil: Passt! Kein huschendes Licht mehr. Trassenband rot-weiß an Busch: Passt! Da vorne ist sie wieder! Ich renne, renne, renne und dann ist sie endgültig weg …

… macht nichts, denke ich, da vorne ist Licht, Wohnstraßen, es kann nicht mehr weit sein. Und dann: Keine Markierung mehr. Verlaufen. Macht nichts, denke ich, suche ich mir eben die nächste Wohnstraße und von da den Rückweg …

Was dann geschieht, klingt nach purer Erfindung. Auf jeden Fall so hahnebüchen, dass ich an einen schlechten Traum glauben müsste, hätte ich nicht Zeugen für den tatsächlichen Hergang: Ich stelle fest, dass ich erst in Köln-Dünnwald bin, dem Nachbarstadtteil von Köln-Höhenhaus, wo das Ziel liegt - Frage einen jungen Mann auf der Straße, wie ich am schnellsten und sichersten dorthin gelange. - Der schickt mich mit brauchbar klingenden Daten in die korrekte Richtung. - Jogge nach seinem Geheiß über einen Bahnübergang und dann weiter wie empfohlen. - Stehe und bin ratlos, immer noch in Köln-Dünnwald, mit der Karte in der Hand. - „Wissen Sie, ob jetzt noch eine S-Bahn fährt?“ fragt mich ein anderer, offensichtlich beschwingter junger Kerl. - „Keine Ahnung …“ antworte ich, „… aber Sie können mir sicher sagen, wie ich nach Höhenhaus komme!“ - Kriegt er aber leider nicht zu Wege - Irgendwann stehe ich dann in Dünnwald auf der „Leuchterstraße“ und suche besagte Straße verzweifelt in meiner Karte: Keine Chance! Schlechtes Licht, winzige Buchstaben auf der Karte, nach mehr als einem Tag Herumstreunen schlechte Augen …

Ich irre die Straße entlang. Frau mit Rollkoffer auf der anderen Seite. Hoffentlich kreischt die nicht, wenn ich mich ihr nähere. Rufe sicherheitshalber lange vorher … Auch sie gibt mir Richtungsangaben, allerdings keine verwertbaren … Zeit verstreicht, Verdruss wächst und wächst … Was tun? Ich weiß tatsächlich keinen Ausweg. Handy-Akku ist leer. Also kann ich keinen Hilferuf aussenden und auch GoogleMaps nicht bemühen. Um halb zwei Uhr morgens ist kein Mensch mehr auf der Straße, den ich fragen könnte. Also irre ich die Straße rauf, dann wieder runter, bald in eine Seitenstraße, suche nach etwas, das mir Orientierung verschaffen könnte. Nichts. Absolut nichts.

Sonntagmorgen, gegen 3:30 Uhr, Köln-Dünnwald, irgendwo am Straßenrand, Kilometer ???

Nachts um halb vier gibt es keine heißen spiegelnden Luftschichten. Also keine Fata Morgana!!! Das Taxi, das gerade um die Ecke biegt und auf meine Position zuhält ist real!!! Ich trete auf die Straße und hebe beide Hände. Je theatralischer die Geste, umso deutlicher signalisiert sie meine Not. Tür auf, Situation schildern und auch den entscheidenden Nachsatz nicht vergessen: „Wo immer ich bin! Ich muss ins Ziel laufen, kann nicht fahren, bin im Wettkampf!“ - Jetzt aufgeben und Autofahren? Ich müsste vollends bekloppt sein! Der Taxifahrer hilft. Und wie er hilft! Zeigt mir auf dem Display seines Smartphones einen nicht zu verfehlenden Straßenweg zurück zum Ziel. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass es mich drängt einen wildfremden Menschen, noch dazu einen taxifahrenden zu herzen …

Sonntagmorgen, 4:07 Uhr, Köln-Höhenhaus, Ziel „Kölnpfad

Die ängstliche Spannung, nicht vielleicht doch noch einmal den Weg zu verfehlen, hält bis zum Thuleweg, an dem irgendwo das Ziel liegt. Je mehr von dieser Spannung weicht, umso wütender werde ich. Im Zeitraffer geht mir dieser ganze verdammte Unsinn namens „Kölnpfad-Ultralauf“ samt finalem Stranden im Dünnwalder Häusermeer noch einmal durch den Kopf. Als ich ins Ziel laufe ist da niemand. Eine Fotografin macht ein Bild. Also melde ich mich im Büro zurück. „Was kann ich denn sonst noch für dich tun!“ Die Dame lächelt und meint es gut. Sie hat so gar nicht verdient, nun all meinen Zorn abzubekommen: „Gar nichts! Ich will nur einfach in Ruhe gelassen werden!“ fauche ich sie an …

Setze mich ins Auto, lasse den Motor an, damit mein Handy „Saft“ hat und gebe die erlösende Nachricht an Ines weiter. Später beruhige ich mich, entschuldige mich bei der unschuldigen Helferin und lasse mich kurz verpflegen. Das war’s so weit und eins ist absolut sicher: Nie, nie, niemals wieder „Kölnpfad“!

Schlussendlich, nach 28 Stunden und 7 Minuten des so genannten „Wettkampfs“, bleibt mir nichts anderes übrig, als noch einmal das Kölsche Grundgesetz zu bemühen, das ganz offensichtlich diese Veranstaltung rechtfertigt:

§ 1: Et es wie et es

§ 2: Et kütt wie et kütt

§ 3: Et hätt noch emmer joot jejange …

 

Ergebnis, das allerdings weder im Guten noch im Schlechten irgendwelche Relevanz aufweist:

Laufzeit: 28:07 Stunden, Platzierung: 7. von 18 Männern

 

Fazit zur Veranstaltung

Beim Schreiben des Laufberichts habe ich die meisten Situationen des Verlaufens und auch des gehäuften Suchens nach dem Weg noch einmal „durchlebt“ und konnte jeweils die Ursache klären: Nicht oder zu spät sichtbare Markierungen, irreführende Markierungen, falscher Track auf dem GPS, zu ungenaue Karte und natürlich auch individuelle Fehler beim Orientieren.

Abzüglich persönlicher Fehlleistungen (die in der Minderheit waren) bleibt die Tatsache bestehen, dass es sich beim „Kölnpfad“ seinem Ursprung nach um einen schlecht markierten Wanderweg handelt. Wanderer mit Karte und Wegbeschreibung mögen damit zurechtkommen. Für Läufer ohne detaillierte Streckenkenntnis ist der „Kölnpfad“ nicht laufbar! Wie jemand auf die Idee kommen kann, Läufer auf so eine Strecke zu schicken, vor allem angesichts der Länge von 171 km!!!, werde ich nie begreifen. 171 Kilometer mit permanentem Risiko sich zu verlaufen! Mit verantwortlichem Handeln eines Veranstalters hat das nicht mehr viel gemein.

Es wurden gehäufte Klagen zur Strecke laut, auf die die Organisatoren jedoch eher ausweichend und humorvoll relativierend als mit echter Einsicht reagierten. Es wird sich also nichts ändern. Damit kann ich nur jedem Läufer, der die Strecke nicht ohnehin kennt, davon abraten sich dieses Abenteuer mit ungewissem Ausgang zuzumuten.

 

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