22. Juni 2026

Der Lauf ehrt Werner Sonntag (1926 - 2021), der am 22.Juni vor 100 Jahren geboren wurde. Er war Pionier des Ultralaufs, Mitbegründer des 100 Marathon Clubs, beruflich Journalist, darüber hinaus Autor von Lauflektüre. Bekannt wurde vor allem sein Buch „Irgendwann musst du nach Biel“.
Ich will: Früh aufstehen und früh loslaufen. Um Viertel nach fünf lässt mich das Bett widerstrebend ziehen, um Viertel vor sechs sitze ich im Auto. Zwei Stunden dauert die Fahrt, weitere Zeit verstreicht beim Anlegen zweier Wasserdepots an der Strecke. Als ich im Körschtal, nahe der gleichnamigen Halle, beim grünen Start-/Zielpunkt beginnend, endlich die ersten Schritte aneinanderreihe, sind die beiden Glockenschläge der Scharnhauser Kirchturmuhr bereits verklungen - halb neun vorbei und das ist mindestens „ungut“. Addiere ich sechs Stunden Laufzeit hinzu, steht unterm Strich 14:30 Uhr als Schlusszeit. Klimatisch eingeordnet: Ich
werde mehr als die Hälfte der Strecke bei mehr als 30°C laufen müssen. Dächte ich drüber nach (was ich vermeide), wäre mir klar: nicht mal sechs Stunden werden unter solchen Bedingungen reichen.
Aber Bangemachen gilt nicht - Hitze vertrug ich stets gut, so auch dieser Tage als Ü70-Laufopa. Außerdem habe ich die mobile Klimaanlage dabei, eine Art Geheimwaffe, die bei Bedarf zum Einsatz kommen wird. Zu Beginn lässt sich die Sache sogar wohlig an, zumal ich nur bei striktem Schneckentempo „überleben“ werde und diesen Trott konsequent einhalte. Bei vielleicht 26°C genieße ich Sonne und Wärme im Körschtal in vollen Zügen. Vom Bach, der dem Tal den Namen gibt, kann ich nur an einer Stelle einen Blick erhaschen. Ansonsten bedecken Wiesen sowie Grün von Büschen und Bäumen die breite Talsohle. Etwa einen Kilometer weit traben die Sohlen auf geschottertem Untergrund. Dessen Ende markiert ein erster Anstieg. Höchste Zeit mit mir selbst die Höhenmeter-Taktik auszuhandeln. Dabei prallen Anspruch der Strecke und Anspruch an mich selbst aufeinander. Drei 14 km lange Runden ergeben den Marathon. Pro Umlauf sind drei hinsichtlich Steilheit und/oder
Länge relevante Anstiege zu bewältigen. Was ich im Grundsatz von mir vordere, ist bekannt: Alles laufen, Rast nur zum Ver- und Entsorgen. Dem Realisten in mir ist klar, dass er heute scheitern würde, sollte er versuchen diese Forderung kompromisslos umzusetzen. Also nehme ich mir vor zwar alles zu laufen, aber bewusst kurze Pausen „am Berg“ einzulegen, um mein Pulver nicht vorfristig zu verschießen. Ich kenne den Kurs, er ist identisch mit der Runde des Ostfildern Marathons, den ich bereits fünfmal in mein Laufbuch eintragen durfte. Grenzwertig fordern wird mich erfahrungsgemäß Runde drei.
Am Ende des ersten, kurzen Brachialanstiegs plätschert ein Brunnen. Aus dessen Einlaufrohr sprudelt reichlich Wasser, was mich gedanklich einen Merker setzen lässt! Zwar bin ich hier erst einen Kilometer vom Wasservorrat meines Basislagers „Auto“ entfernt; doch, wer weiß, vielleicht brauche ich den Brunnen in ein paar Stunden trotzdem. Jetzt im ersten Umlauf kühle ich lediglich meine Arme unterm Wasserstrahl, so viel Zeit muss sein. Wiewohl ich einmal mehr keine Schlusszeit ins Auge fasse, mir folglich jede Unterbrechung gestatte, einerlei wozu und wie lange. Was mich dennoch dazu treibt keine Zeit zu verschwenden, ist drohende Gluthitze zum Finale hin.
Zwei Superlative: Weiter talabwärts bis mich nach drei Kilometern, an der tiefsten Stelle des Kurses, die härteste Prüfung erwartet, der zweite Anstieg: 60 Höhenmeter ungleich verteilt auf 800 Streckenmeter. Also Wechsel zwischen steil, steiler und am steilsten, um auch die anderen Steigerungsformen ins Spiel zu bringen. Ich folge der
vorab bedachten Taktik, lege an zwei schattigen Stellen kurze Pausen ein. Der Zickzackanstieg endet mit Überschreiten einer Brücke der Klasse 30/30 mit der Bauwerksnummer 7221-760. So steht’s auf einer Tafel am Brückengeländer. Das Schild fiel mir in bisher 15 Runden nie auf. Vermutlich, weil ich erstmals an dieser Stelle einen Halt einlege. Hinter der Brücke bin ich einstweilen oben und in scheinbar flacher, agrarisch genutzter Landschaft unterwegs. Das mit der Nutzung stimmt, die Flachheit hält nur kurze Zeit vor, dann senkt sich der Weg in
den nächsten Einschnitt. Ich gebe nur wenig Höhe auf und stehe nach knapp fünf Kilometern, am Rande einer Streuobstwiese, vorm ersten Wasserdepot. Hohes Gras am Stammfuß eines Obstbaumes verbirgt die vormaligen Milch- bzw. Saftkartons vor neugierigen Blicken. Zwei Kartons, also zwei Liter Wasser für drei Umläufe. Klingt nach viel, ist auch viel, werde ich aber brauchen, und das nicht nur zum Trinken. Einstweilen trinke ich reichlich, vorsorglich so viel, wie mit sanfter Gewalt in meinen Magen passt. Schon auf dem ersten Abschnitt brachte ich der Sonnengöttin ein beträchtliches Schweißopfer dar!
Weiter, will heißen: ab hier wieder aufwärts, etwa drei Kilometer weit mit normalerweise kaum erwähnenswerter Steigung. Doch heute ist nichts normal, weder meine Form, noch die rasch kletternde Quecksilbersäule - beides schon jetzt nicht mehr zu überspüren. Also langsam! und jedes noch so winzige Schattenfleckchen
nutzen! Wie sich die Zeiten ändern: Früher galt mir die Gerade zwischen zwei Punkten als Ideallinie, auch bei Hitzeläufen. In einer Geschwindigkeit, die mir dieser Tage vorkommt, als hätte ein Doppelgänger im Paralleluniversum das Schrittstakkato auf den Boden getrommelt, rannte ich stundenlang unter sengender Sonne. Auch der Laufopa freut sich noch über Sonne und Wärme, vorzugsweise aber im schattigen Wald.
Ich durchquere den Ortsteil Nellingen und finde mich anschließend erneut zwischen Feldern wieder. Zwischen Feldern auf den Fildern.* Als Filder bezeichnet man eine fruchtbare Landschaft, die sich über Teile der Landkreise Stuttgart und Esslingen erstreckt. Unweit der Laufstrecke schneiden Arbeiter erntereifes
Gemüse, verstauen es in flachen Steigen, die auf einen Transporter verladen werden. Was sie ernten, kann ich nicht erkennen. Dass dort drüben Tagelöhner vom Balkan schuften, ist dagegen nicht zu überhören. Laute, unseren Ohren fremde, mit Sehnsucht überladene Musik schallt herüber. Möchte ich diesen Job tun? Bei inzwischen mutmaßlich 30°C im Schatten? Schatten, den diese Menschen bei ihrer Arbeit auf den Feldern nie finden? - Ganz sicher nicht und schon gar nicht für den geltenden Mindestlohn, den man den Leuten wahrscheinlich zahlt.
*) Die Wortverwandtschaft zwischen Feld und Filder, oder auch Gefilde, ist offensichtlich. Vielfach sind die Filder auch Teil von Namen oder Bezeichnungen. Etwa anlässlich der Stadtgründung von „Ostfildern“ im Jahre 1975, dem Zusammenschluss diverser Gemeinden, wie Nellingen, Kemnat, Scharnhausen und anderen. Die Filder waren früher vor allem für ihren Gemüseanbau bekannt, auch überregional. Die Anbaufläche schrumpfte in den letzten Jahrzehnten allerdings dramatisch. Gründe sind die Erweiterung von Verkehrsflächen (Flughafen Stuttgart, Bahn, Autobahn A8, regionale Straßen) sowie Flächenfraß durch Bebauung.
Ein Stück weiter überquere ich die Trasse der in kurzer Taktung verkehrenden Stuttgarter Stadtbahn. Dabei sind stets Um- und Vorsicht vonnöten. Kaum drüben beginnen die Schienen zu „singen“ und Sekunden später rauscht die Straßenbahn hinter mir vorbei. Weitere Gemüsefelder auf den Fildern zu meiner Linken: auf
diesen Parzellen gedeihen Petersilie und Schnittlauch in fotogen gepflanzten Reihen. Nun über die Straße und dem parallelen Radweg folgen, dabei auf den heikelsten Punkt der Strecke zuhalten. Die Streckenmarkierung schickt den Läufer - so er infolge Ablenkung nicht dran vorbei tippelt - über die Begrenzung des Radwegs, dann seitwärts „in die Büsche“. Beinahe sofort steil aufwärts über den bepflanzten Wall, der das Nellinger Sportgelände optisch und akustisch von der Straße trennt. Eine mit Akzent Deutsch sprechende Läuferin steht, offenbar orientierungslos, ein paar Meter abseits des Weges. Mit beherztem „Hier geht’s lang!“ fange ich sie ein und tauche aufwärts tippelnd im Strauchwerk unter. „Nun am Zaun des Sportplatzes entlang, wenn der zu Ende ist geradeaus weiter!“ assistiere
ich der jungen Frau beim Navigieren. Zum Dank raubt sie mir mit einer als Kompliment gemeinten Bemerkung die letzte Illusion: „Schon toll, dass Sie in dem Alter noch Marathon laufen!“ Na super! Bislang lagen Fremde mit ihren Schätzungen mehr oder weniger deutlich unter meinem kalendarischen Alter …
Die dritte, erst zum Ende hin fordernde Steigung beginnt. Ich halte mich ans Konzept und lege zwei sekundenlange Verschnaufpausen ein. Trotzdem bleibt die junge Läuferin in Sichtweite: Unstet wechselt sie zwischen Laufen und Gehen. Mein Mund ist schon wieder trocken, die Hitze macht mir inzwischen zu schaffen. Beides war in der Vergangenheit die Ausnahme; sowohl ein Laufklima mit dem Substantiv „Hitze“ zu charakterisieren, als auch höhere Temperaturen als belastend zu empfinden. In diesen Minuten beschließe ich am zweiten Wasserdepot die „mobile Klimaanlage in Betrieb zu
nehmen“. Etwa tausend (fast) flache Meter dorthin fehlen noch. Zwischen Schrebergärten trotte ich voran, fahnde nach Schatten finde aber keinen. Auf einem kleinen, hüfthoch eingezäunten Wiesenstück am Weg, wo sich bisher immer gackerndes Leben zu Hauf tummelte, dazwischen Laufenten und Perlhühner stelzten, herrscht heute hitzebedingt Leere. Aus angrenzenden Büschen reckt sich mir ein Hühnerhals entgegen und leises
Schnattern hinterm Gesträuch lässt den Schluss zu, dass auch die Enten noch leben.
Langsamkeit ist Trumpf, so kommt mir der Abschnitt ewig vor. Zuletzt steuere ich eine hüfthohe Hecke an, hinter der sich meine beiden Literkartons mit Wasser verbergen. Ungefähr neun Kilometer - erst! - liegen hinter mir. Das erste Gel des Tages spüle ich mit reichlich Wasser runter. Trinke nochmal, dann bereite ich die „mobile Klimaanlage“ auf ihren Einsatz vor:
Fertig ist der Beduine. Erstmals seit fast 10 Jahren, seit dem Spartathlon, greife ich zu dieser Ausrüstungsvariante. Wenige Male hatte ich Windel und Kappe zu Veranstaltungen mitgenommen, auf den Einsatz aber verzichtet. Auch in seiner weißen, presswurstengen Lauftight sah man Udo zuletzt nach 246 gelaufenen Kilometern zu Füßen von König Leonidas‘ Standbild in Sparta. Ehedem weiße, wäschebedingt etwas eingegraute Kompressionsstulpen und natürlich ein blendend weißes Shirt vervollständigen mein Tropenhabit. Etwaige Jogger, so mir welche begegnen, werden sich unschwer einen Reim auf meine feenhaft weiße, wenn auch elefantös plumpe Erscheinung machen können. Ich frage mich, wie seltsam mein Auftritt wohl auf Passanten wirkt, die nichts mit Dauerlauf am Hut haben!?
Wo vor knapp 35 Jahren noch Hubschrauber der US-Army stationiert waren, erstreckt sich inzwischen der jüngste Stadtteil Ostfilderns, der Scharnhauser Park. Wie der Name besagt, wuchsen hier nicht nur Wohnanlagen aus dem ehemals militärisch genutzen Filderboden. Ein großes Areal des Flugfeldes wurde in eine weit-„läufige“ Parkanlage umgewandelt. Etliche Hektar
Wiesen, durchzogen von jungen Alleen. Ein fast „leerer“ Park, der mich noch jedes Mal mit ebendieser Leere und seiner Geometrie gewinnen konnte. Das ist heute nicht anders, wenngleich ich mich vor allem auf den Schattenwurf der Alleebäume fokussiere. Pralle, ungefilterte Sonne hat die Grasflächen aufgeheizt, heiße Luft weht von dort herüber. Die Windel-Cap-Kombi gibt mich optischer Lächerlichkeit preis, erfüllt aber zum Glück ihren Zweck, kühlt Wangen, Schultern und den Nacken, beugt zugleich drohendem Sonnenbrand vor.
Auch heute komme ich nicht an den Sitz- und Flitzhasen vorbei, ohne das großflächige Kunstwerk mit einer Schnappschussserie aufs Korn zu nehmen. Die in Pink und Neongrün erstarrten Langohren gruppieren sich kreisrund um eine gigantische 7-Meter-Möhre. Natürlich habe ich längst wieder vergessen, was die
Künstlerin mit ihrem Skulpturenensemble ausdrücken wollte - so ich es je wusste. Und in flirrender Hitze strebt die Neigung Wissensschnipsel aus dem grundlosen Sumpf meiner Erinnerungen zu fischen gegen null … Zwei Kilometer Laufstrecke im Scharnhauser Park enden in Höhe des früheren Offizierskasinos. Hier schlage ich einen Flitzhasen-gleichen 90°-Haken und betrete die so genannte Landschaftstreppe. Die Bezeichnung meint eine reizvolle, sacht über Treppenabsätze ansteigende, von zwei Pappelreihen flankierte, sehr breite Schneise, die den jungen Stadtteil in Ost- und Westteil trennt. Alles Außergewöhnliche im
Scharnhauser Park, die Sitz- und Flitzhasen, andere Objekte und eben auch die Landschaftstreppe, blieben von der Landesgartenschau 2002 übrig, deren Gastgeberin die Stadt Ostfildern seinerzeit war.
Die junge Läuferin mit Rucksack konnte sich seit unserem verbalen Kontakt nicht entscheidend absetzen. Meist blieb sie in meinem Blickfeld, als optische Randnotiz, wirkliche Beachtung zollte ich ihr nicht. Als ich die Landschaftstreppe empor tippele, fängt mein Blick sie wieder ein. Wo rennt die Frau hin? Zu weit, Abzweig verpasst! Jeden Moment wird sie das Verlaufen erkennen und umdrehen. Am Ort, wo der Kurs die Pappelallee verlässt, ist sie längst vorbei. Ich bleibe dort stehen und schreie hinter ihr her: „HALLOOO!“ und „HEEE!“. Mehrfach, so laut ich kann. Keine Reaktion. Trägt sie Kopfhörer? Was soll ich tun? - Sie ist schon zu weit entfernt, um ihr nachzusetzen. Ich verfüge definitiv über keine Reserven für Umwege, erst recht nicht im Spurt, um die Frau einzuholen. Noch immer ausharrend plärre ich ein letztes Mal, die Hände zum Schalltrichter geformt, in ihre Richtung. Schon möglich, dass ein paar Spatzen vor Schreck von den Pappeln fallen, die Frau indes zieht unbeirrt weiter … Dann ist das eben so, in Bälde wird sie ihren Irrtum bemerken und umkehren.
Minimales Gefälle unterstützte mein Laufvorhaben bereits entlang des ehemaligen Flugfelds. Die finalen anderthalb Kilometer geht es nun mit zunehmendem Gefälle hinab ins Körschtal. Das spart neben Körnern auch Schweiß; im teils noch vorhandenen Schatten von Büschen, Hecken, Bäumen hielt sich ein Rest
morgendlicher Frische. In der Talsohle angekommen trotte ich die noch fehlenden, paar hundert Meter bis zum Wendepunkt. Exakt dort steht auch mein Auto. Trinken, Gel runter spülen, Windel und Kappe nässen, nochmal trinken, trinken, trinken. Windel über, Kappe drauf, Kofferraumklappe zu, Loslaufen. Zeitbedarf für Runde 1: ca. 2:07 Stunden
Runde 2, ich komme! - Gedankliche Entschlossenheit, die unter sengender Sonne binnen Minuten verdampft - unter Garantie steht das Quecksilber bereits oberhalb der 30°C-Marke. Schon der erste Anstieg, etwa 200 steile Meter weit, wird zur Prüfung. Wahnsinn ist das hart. Nur mit Mühe mobilisiere ich die für den Trott bergwärts nötige Kraft, schiele dabei gierig zum Brunnen „on top“. Unterm Wasserstrahl kühle ich ausgiebig Arme und
Gesicht, trotte schließlich weiter auf wachsweichen Beinen. Zwei junge Rinder, fast noch Kälber, liegen reglos im Schatten. Selbst zum Wiederkäuen, so mein Eindruck, scheint ihnen die Lust zu fehlen. Als ich vorbei laufe, drehen sie mir nicht mal den Kopf zu, würdigen menschlichen Unverstand lediglich aus den Augenwinkeln: Laufen? Bei dieser Hitze?
Sanft talwärts unter der Körschtalbrücke hindurch; der kühne Betonbogen hoch über mir reizt wie eh und je zu Fotos. Weiter voran, was auch bedeutet weiter auf zurückhaltende Pace achten. Dabei entwickelt sich eine Art Schlingerkurs: Von einem schattigen Fleck hüben, zum nächsten drüben, auf der anderen Wegseite. Meist bin ich jedoch unter praller Sonne unterwegs, einzig erfrischt von der feuchten Beduinen-Kombi auf meinem Kopf. Nicht mehr „nass“, nur noch „feucht“, viel
zu rasch trocknet das dünne Gewebe durch. Den Effekt kenne ich vom Spartathlon: Dort reihte sich im Abstand von jeweils drei bis vier Kilometern Checkpoint an Checkpoint. Und bei jeder Verpflegungsstation musste ich Kappe und Windel erneut am Wassereimer tränken.
Längster und härtester Aufstieg: Heftig. Selbst wenn ich wollte, nun nicht mehr in einem Zuge zu bewältigen. Kurze Erholungsstopps im Schatten, durchatmen, Schweiß wischen, runterkommen, wieder antraben.
Über mir rauscht ein Jet im Steigflug vorbei. Sicher keine Minute her, dass er vom nahegelegenen Flughafen Stuttgart abhob und sein Vorausflieger aus meinem Gesichtsfeld verschwand. Dann bin ich oben auf den Fildern und strebe Nellingen zu. In der Senke fällt mein Blick einmal mehr auf einen dieser im Asphalt eingelassenen „Deckel“. Was hat es damit für eine Bewandtnis? Die Deckel deckeln nichts, der Asphalt umschließt sie nahtlos. Auch fehlt eine Vertiefung, in der ein Werkzeug ansetzen könnte, um die mit Apfel- und Blumenrelief verzierte Metallplatte anzuheben. Eine Plakette also, fest im Boden verankert, die etwas symbolisiert - nur was?
*) Der Veranstalter des Laufs, Michael Weber, Vorstandsmitglied im 100 Marathon Club, Ausrichter auch der Ostfildern Marathonserie und des Neckarufer Marathons in Stuttgart, recherchierte die Bedeutung der Plaketten. Sie markieren den „Obstlehrpfad“ in Ostfildern, dessen Route sich in Teilen mit derjenigen des Marathons deckt.
Trinken an Depot eins, Kappe und Windel tränken, beides auf dem Kopf zurecht zurren und weiter. Es wird immer heißer. Ich schätze mich glücklich, dass mir ein hohes Maß an Hitzeresistenz in die Wiege gelegt wurde. Eine Eigenschaft, die trotz Älterwerdens und seltenen Gebrauchs überwiegend erhalten blieb - anders als Muskulatur und Ausdauer. Was natürlich nicht bedeutet, dass meine Laufleistung nahe der 30°C-Marke keine Einbußen erleidet. Darum die dauernde Suche nach Schatten, der hier, auf den Fildern hinter Nellingen, allerdings gänzlich fehlt.
Bei Kilometer 20, kurz vor Überqueren der Trasse der Straßenbahn: Es geschieht, wovor ich mich von Kilometer eins an fürchtete, das „Unerklärliche“ überwältigt mich binnen Sekunden, nötigt mich zu kurzem Halt. Sekundenlanger Druck in der Magengegend, verbunden mit plötzlicher Schwäche, medizinisch nicht
fass-/messbar. Welche Körperteile stellte ich nicht schon unter Verdacht mir diesen üblen Streich zu spielen. Erst den Magen, weil der mich schon im jungen Mannesalter zuweilen narrte. Dann die Atmung, die Sauerstoffversorgung; also versuchte ich es „wegzuatmen“. Was aber auch nicht hilft. Inzwischen schiebe ich die Erscheinung meinem Kreislauf in die Schuhe. Genauer gesagt einem plötzlichen Blutdruckabfall oder so was Ähnlichem. Was soll es sonst sein, wenn der Beinmuskulatur von jetzt auf gleich die Kraft abhanden kommt? Druckabfall im Kreislauf, verminderte Blutzufuhr in den Beinen, geringere Sauerstoffversorgung der Muskulatur und damit „Low Power“. Die Frage, was den spontanen Druckabfall auslöst, falls meine Vermutung der Wahrheit näherkommt als frühere Spekulationen, bliebe dennoch ungelöst.
Wenige Sekunden „after breakdown“ tippele ich weiter, die Beinkraft kehrt zurück. Erst mal langsamer voran. Aber nicht weit und ich falle in den ursprünglichen Trott zurück. Offenbar habe ich heute einen Tag erwischt, da mich das Unerklärliche wieder aus seinen Fängen lässt. Anders als in Berlin an Ostern oder vor kurzem in Görlitz, als nach erstem „Zuschnappen“ gar nichts mehr ging. Zur Hitze gesellt sich ab jetzt eine weitere Bürde: Werde ich die volle Distanz schaffen??
Es geht voran; schleppend zwar aber voran. Depot zwei (ca. Km 24) erwartete ich sehnlichst, mit nahezu trockenem Mund und ebensolchem Kopfputz. Das anfängliche Tropfen aus nun wieder klatschnasser Windel endet nur Minuten nach Wiederanlaufen. Und beim Durchqueren des weitläufigen Parks fühlt sich der Lappen schon halbwegs trocken an. Von wegen Park: Die Grasfläche empfinde ich jetzt eher als sonnendurchglühte Wüste. Wabernde Hitze über halbdürrem Gras. Offenbar arbeitet auch mein Hirn hitzebedingt langsamer. Nur allmählich sickert der Kahlschlag ins Bewusstsein, der sich hier in den letzten zweieinhalb Stunden vollzog. Ein Großteil der Wiesen, auf denen vorhin Gräser noch hüfthoch standen, wurde unterdessen gemäht. Als ich mich dem Ende der Allee nähere sind zwei Trecker emsig dabei ihr Werk unter Einsatz von Hochleistungsmähwerken zu vollenden. Hochleistung die enormen Lärm verursacht und - ich las es erst vor ein
paar Tagen - ungefähr zwei Dritteln aller Insekten, die im hohen Gras leben, den Garaus macht. Der Gedanke ist nur ein paar Sekunden alt, als ich die Heuschrecke vor meinen Füßen entdecke und eine weitere panisch vorbeiflattern und am Stamm eines Alleebaumes Schutz suchen sehe. Zwei Flügelwesen, die das Massaker nebenan überlebt haben. Ich bleibe tatsächlich stehen, um mich von der Unversehrtheit der Schrecken zu überzeugen. Ist es Tierliebe oder einfach ein Trick des müden, hitzegeplagten Organismus?
Lange Zeit ungeschoren reihe ich in dieser Runde 2 Schritt an Schritt, bis das Unerklärliche kurz vorm „Rücksturz“ ins Körschtal wieder „zubeißt“. Warum jetzt? Warum hier? Sinnlos sich darüber den fast trockenen Kopf zu zerbrechen. Belastung spielt keine Rolle, eher ein Lastwechsel. Die Hitze hat damit schon gar nichts zu tun. Als es mir letztes Jahr zum ersten Mal passierte, war’s kalt. Nicht grübeln, wieder loslaufen und von der Schwerkraft bergab treiben lassen …
Zweifache Rehydrierung am Auto - innen für den Körper, außen für den Beduinen-Kopf - abgeschlossen. Ich setzte wieder zu Laufschritten an, 4:23 Stunden sind vergangen, davon 2:16 Stunden für Runde zwei. Trotz brutaler Hitze nur etwa 9 min länger als im ersten Umlauf. Zeiten, von denen ich zu diesem Zeitpunkt nichts weiß. Die Uhr trage ich lediglich zur Aufzeichnung und zum Nachweis der gelaufenen Strecke am Arm, würdige sie ansonsten keines Blickes. Wäre mir die bisher durchaus positive zeitliche Entwicklung bekannt, sie stärkte nicht meine Zuversicht. Schon zu Beginn der finalen Runde muss ich meinen elefantös schweren Beinen Schritt um Schritt abtrotzen. Dann baut sich die steile erste Rampe vor mir auf und meine Gegenwehr, ein Rest sportlichen Ehrgeizes, erlischt: Schnaufend und gezwungenermaßen gemächlich stapfe ich hinauf zum Brunnen. Dort bringe ich die mobile Klimaanlage erneut zum Triefen und - ordinär aber passend ausgedrückt - saufe Wasser wie es Rindviecher tun: reichlich und bedenkenlos. Den Warnhinweis streifen meine Augen erst, als ich mich vom köstlich kühlen Nass wieder abwende: „Kein Trinkwasser“. Ihr könnt‘ euch nicht vorstellen, wie egal mir das ist!
Körschtal sanft abwärts auf saft- und kraftlosen Beinen. Schlappheit, die nichts mit dem Phänomen zu tun hat. Mehr Leistung vermag mein über viereinhalb Laufstunden in schier glühender Luft aufgeheizter Organismus nicht mehr bereitzustellen. Den langen zweiten Anstieg überwinde ich in einem Mix aus Gehen, Tippeln im flacheren Terrain, neuerlich Gehen, Stehen, wenn das Unerklärliche zubeißt, weiter gehen, endlich oben ankommen. Noch 17 km, eine ernüchternde Zahl. Lieber andersrum rechnen: Schon vier Kilometer der letzten Runde geschafft!
Depot 1: Trinken, Kopfputz tropfnass machen, nochmal trinken, trinken und trinken. Beide Kartons sind leer, zwei Liter Wasser verbraucht. Ich falte sie zusammen, halte sie tippelnd zunächst in der Hand, entsorge sie wenig später in einer gelben Tonne. Mein Dank gilt dem unbekannten Nutzer der Tonne und natürlich der Müllabfuhr der Stadt Ostfildern.
Viel geht nicht mehr, aber was noch geht bringt mich auf den Fildern voran. Von der Verkürzung der Reststrecke abgesehen interessiert mich nichts mehr beidseits der Route. Meine Sinne dienen nur noch dem Überleben beim Überqueren von Straßen oder den Schienen der Straßenbahn. Dritter Anstieg: Außer Gehen geht nichts mehr. Unendlich dehnt sich die Zeit. Um zu beschreiben, was ich fühle, fehlen mir die Worte. Sprache kennt als höchste Steigerungsform den Superlativ.
Eine Sprachvariante, die nicht hinreicht akutes Begrenztsein, Erschöpftsein, Bedrängtsein fassbar zum Ausdruck zu bringen. Lichtjahre später: Endlich Depot zwei erreicht. Trinken, Nässen, Trinken, Trinken, Trinken ... Beide Kartons leer, weitere zwei Liter verbraucht. Die Kartons verschwinden in einem Abfalleimer nahebei.
Nur noch fünf Kilometer, nur noch Gefälle. Erst leicht, später heftiger. Klingt doch gut! Fühlt sich aber nicht gut an. Fünf Kilometer kommen mir vor wie 15 oder 50. Beine schwer, so schwer. Ursache: Affenhitze. Ein letztes Mal nehme ich die Parkallee unter die Sohlen. Trotte voran, tippele einher. Oder wanke ich schon? Geht so, gerade noch so. Und dann mache ich einen Riesenfehler. Aus unerfindlichem Grund bleibe ich kurz stehen. Als ich stehe, weiß ich wirklich nicht, warum ich stehenblieb. Der Wiederanlaufversuch scheitert, einmal, zweimal, dreimal. Willenskraft reicht nicht mehr aus, die Hitze hat mich in gewisser Weise besiegt. Also füge ich mich ins Unausweichliche und gehe. Einen Kilometer weit, anderthalb. Schließlich final steiler hinab und endlich finde ich wieder ins Trotten. In der Talsohle angekommen fordere ich mir letzte, quälend langsame Schritte ab, nähere mich wie in Zeitlupe der Zielmarke auf dem Asphalt. Dann ist es vorbei. Eine tonnenschwere Last fällt von mir ab, 6:54:38 Stunden sind vergangen.
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Für die 14 km der dritten Runde benötigte ich 2:32 Stunden. Daraus errechnet sich eine Pace von knapp 11 min pro km. Das Thermometer im Auto zeigt konstant 36°Celsius als ich von Ostfildern nach Hause aufbreche. Auf Straßen zwar, doch auch die Marathonrunde nutzt überwiegend asphaltierte oder betonierte Wege. 36°C, ein Grad unter (normaler) Körpertemperatur. Kein Wunder also, dass mir in Runde drei „der Stecker gezogen wurde“. Trotz hoher Hitzeresistenz und „mobiler Klimaanlage“ auf dem Kopf sind solche Temperaturen jenseits des Vertretbaren und Erträglichen. Fünf Tage später war der nächste Marathon in Leverkusen geplant (BayArena Marathon). Vorhergesagt waren 39°C in der Spitze, die tatsächlich erreicht wurden. Einen Tag nach dem Hitzelauf in Ostfildern verwarf ich meine Startabsicht und sagte dem Veranstalter per E-Mail ab. Dass ich mit einer Zeit von fast 7 Stunden tatsächlich noch den dritten Platz im neunköpfigen Feld des 100 Jahre Werner Sonntag Marathons belegte, betrachte ich als boshaften Scherz der Götter des Laufsports, keineswegs als Erfolg.
Der Marathon „100 Jahre Werner Sonntag“ ist identisch mit dem Ostfildern Marathon. Daher verweise ich auf mein Fazit im Laufbericht von 2023.