12. April 2023

Das innere Lächeln  -  Ostfildern Marathon (4)

„Erwartungen weitgehend reduziert“ - hätte genauso gut in die Titelzeile dieses Laufberichts gepasst. Als ich im Körschtal, unweit des Stuttgarter Flughafens, aus dem Auto steige, bin ich auf Dauerregen, Kälte und Wind gepolt. „Un-Wetter“, das meinen Lauferfolg ebenso begrenzen wird, wie unvollständige Erholung nur vier Tage nach dem letzten Marathon. Fix ist im Grunde nur das Finish: Ich werde ankommen! Und wahrscheinlich werde ich bis dahin wieder jeden der 42.195 exakt vermessenen Marathonmeter gelaufen sein. Aber ich werde um diesen Erfolg mit vollem Einsatz ringen müssen.

Seit gestern ununterbrochen Regen, nicht in Bindfäden, dennoch ergiebig. Kurz bevor ich meinen Startort erreiche zeigt sich südwärts am Himmel ein heller Fleck im Dauergrau und die Brause versiegt. Dieser überraschenden Entwicklung prophezeie ich ein kurzes Leben, bin aber dankbar die Startvorbereitungen am offenen Kofferraum trockenen Hauptes abschließen zu können. Wieder beschäftigte mich im Vorfeld die Frage: Was anziehen? Dem erwarteten Wettermix will ich mit der gleichen Staffage wie letzten Samstag in Berlin entgegentreten: Kurztight untenrum, oben langes Hemd, Jacke, Handschuhe und Schlauchtuch für den Kopf. Nun regnet es erstmal doch nicht, ist zudem „hier unten“ im Körschtal völlig windstill. Bei anfänglich 6°C und weiterhin miesen Wetteraussichten verzichte ich dennoch auf „Marscherleichterung“.

Ein letzter Ausrüstungscheck, dann gehe ich fünf, sechs Schritte bis zur Start-/Ziel-/Wendemarke, einem gelb-grünen Punkt auf dem Asphalt, starte ziemlich genau gegen 10 Uhr die GPS-Aufzeichnung meiner Uhr und setze mich in Bewegung … Die beabsichtigte Marathondistanz ergibt sich aus drei identischen Runden, zu je 14,x Kilometern. Ich werde mich folglich zweimal am Auto verpflegen können. Zudem hinterlegte ich vorhin zwei Trinkflaschen und ein Gel ungefähr in Rundenmitte. Gelegenheit zum Durstlöschen nach jeweils sieben Kilometern erachte ich als ausreichend, zumal an diesem nasskalten Apriltag. Die Runde beginnt vor der Körschtalhalle im Dorf Scharnhausen, einem Ortsteil der Stadt Ostfildern. Nach nur dreihundert Metern Straße, die nachher die Runde in Gegenrichtung abschließen werden, trabe ich auf einem Feldweg talabwärts. Zwischen Streuobstwiesen und unweit des im Talgrund plätschernden Baches wähnt man sich „auf dem Land“, fernab städtischen Getriebes. Ein Trugschluss, den schon die Düsen des ersten Jets beim Landeanflug auf den Stuttgarter Flughafen „aber so was von“ wegpusten. Im Abstand weniger Minuten reiht sich nun Tiefflieger an Tiefflieger, wie Perlen einer Kette.

Derweil nehme ich die Parade der „namentlich“ vorgestellten Obstbäume ab. Täfelchen an kurzen Pfosten erläutern, um welche Obstsorte es sich jeweils handelt. Ich bin zum vierten Mal hier am Start, weiß also, wo sich ein Foto lohnt, bevor Motiv oder Perspektive vor die Linse rücken. Erst Asphalt, dann Beton und nun für etwa einen Kilometer Schotter unter den Füßen. Pfützen muss ich nur da und dort ausweichen, die sind längst nicht so gewaltig wie befürchtet. Misstrauisch spähe ich immer wieder gen Himmel, aber noch hat die Aufhellung Bestand. Vielleicht ist mir ja eine trockene Runde vergönnt!?

Nach gut einem Kilometer wird meine Tagesform vom ersten Anstieg geprüft. Hundert ziemlich knackige Meter aufwärts, zu diesem frühen Zeitpunkt harmlos, nicht mehr als eine Spitze in meiner Atem- und Herzfrequenz. Vorbei an Viehweide und Stall, vorbei auch an Bauer und Frau, in ein Gespräch vertieft. Ein Vierbeiner (nicht erkennbar wem gehörend) sammelt etwas abseits Schnüffelindizien. Ich entbiete einen Gruß, der von beiden freundlich erwidert wird. Ein paar Meter weiter wurde ein Pferch abgesteckt, in dem es vor Schafen und Lämmern nur so wimmelt.

Futter für meine Kamera! Wobei ich darauf achte das kleine Mädchen nicht im Bild mit einzufangen. Die Kleine „meckert“ mit den Schafen um die Wette, ist offenbar die Tochter der im Zwiegespräch vertieften Frau. Merkwürdige Zeiten sind das, in denen es zumindest mir in Fleisch und Blut übergegangen ist, möglichst keine Außenstehenden, vor allem keine Kinder, zu fotografieren. Schafe haben keine Persönlichkeitsrechte, ergo halte ich drauf. Lese auch die Reklametafel am Trinkwasseranhänger: „Tibor und die Ziegen.de“ - wie sich später herausstellen wird, die Internetadresse eines leidenschaftlichen Schaf- und Ziegenhirten. Ebenjenes Mannes, den ich vor ein paar Sekunden grüßte …

Ich „touchiere“ den Ortsrand von Nellingen (gleichfalls Ortsteil von Ostfildern) und habe am Straßenrand, später auf Feldwegen wieder Asphalt unter den Füßen. Mit Gefälle tiefer hinab ins Körschtal. Die Voliere der örtlichen Vogelfreunde lasse ich links, einige Schritte später die Räumlichkeiten von NABU und Kleintierzüchterverein rechts liegen. Vorbei an der Kläranlage und in immer noch minimalem Gefälle auf eine Stütze des gewaltigen Körschtalviadukts zu. Die 700 Meter lange Autobrücke überspannt das Tal in mehr als 50 Metern Höhe …

Schrebergärten links und rechts, dazwischen Wiesen, immer weiter hinab im Körschtal. Nach etwa drei Kilometern vernehme ich rasch näher kommende Schritte hinter mir, bis Jürgen schließlich aufgeschlossen hat. Wir trafen uns zuletzt vor einer Woche beim Hohenlohe Marathon. Jürgen ist bereits in seiner Runde drei unterwegs, er muss heute Nachmittag arbeiten … Die Umstände unserer Begegnung bedürfen der Erläuterung: Der Ostfildern Marathon findet als eine von mehreren Marathonserien des 100 Marathon Clubs (Veranstalter: Michael Weber) „Rentner-gerecht“ jeweils mittwochs statt. Um unter pandemischem Regime die Serie fortführen zu können, wurden spezielle, nach wie vor geltende Regeln eingeführt: Start individuell nach Sonnenaufgang, spätestens jedoch so, dass bis Sonnenuntergang das Ziel erreicht wird. Nachweis der Leistung durch Übermittlung der GPS-Aufzeichnung bis spätestens Mitternacht an Michael Weber. Besonderheit hier in Ostfildern: Startort beliebig, wenn sichergestellt ist, dass drei komplette Runden absolviert werden.

Jürgen hat sich verabschiedet, biegt ein paar Schritte voraus vom Weg im Talgrund ab. Während er die etwa 60 Höhenmeter in der Talflanke überwindet, wendet er sich mehrfach winkend um. Ich tippele verhalten hinter ihm her, versuche Körner zu sparen, die ich in den verbleibenden Runden, nicht zuletzt an diesem Hang, dringend brauchen werde. Ich komme voran, wenn auch auf bleischweren Füßen. In diesem ersten Umlauf sammele ich Fotos, die Gunst der trockenen Stunde nutzend. Es hat noch nicht wieder zu regnen begonnen. Wenn Jürgen Recht behält, dann wird es sogar bis zum guten Ende trocken bleiben. In drei Etappen am Hang nach oben: Auf Abschnitt eins und drei quasi in der Falllinie, im Mittelteil quer und damit weniger anspruchsvoll. Schlussendlich steil auf die Hangkante zu, dem Himmel entgegen. Der Blick voraus hat heute so gar nichts von dem an sonnigen, azurblauen Tagen erhebenden Anblick. Endlich tippelnd oben anzukommen, nach und nach zu spüren wie die Belastung weicht, macht mich trotzdem froh.

„Hier oben“ stellt sich meinem Blick rundum nichts mehr in den Weg. Zwischen Feldern halte ich in den nächsten Minuten auf die Häuser von Nellingen zu. Zwischen Feldern, die in dieser Gegend „Filder“* heißen, was die Herkunft mancher hiesigen Ortsbezeichnung erklärt: „Filderstadt“, „Ostfildern“, auch „Neuhausen auf den Fildern“. Von Nellingen (Ortsteil von Ostfildern) wird die Feldbeschau eine Weile unterbrochen, um hinterm Ort mit noch mehr Übersicht fortgesetzt zu werden. Unweit der Landeshauptstadt Stuttgart baut man hier auf fruchtbaren Böden Gemüse an. Unter anderem das so genannte Filderkraut, eine Variante des Spitzkohls, das überwiegend zur Sauerkrautherstellung Verwendung findet. Ein bisschen überrascht trabe ich in minimalem Anstieg auf betonierten Feldwegen westwärts. Ich spüre so gut wie keinen Wind, den ich heute als zähen Gegner auf dem Weg zum Finish erwartet hatte. Kein Wind, kein Regen, erträgliche Restermüdung in den Beinen - der Tag wird gut!

*) Wortherkunft „Filder“ von „Felder“ oder „Gefilde“.

Vorbei am mobilen Hühnerstall, vor dem braungefiederte Legehennen eifrig pickend die Regenpause nicht ungenutzt verstreichen lassen. Aussiedlerhöfe säumen meinen Weg. Auf einem beschäftigt man sich mit der Haltung von Pferden, in einem anderen sorgt man sich offenbar um das einst in Paris fixierte Klimaziel. Das Graffiti auf der Fassade des Trafohäuschens vorm Hof, darin enthalten ein stilisierter Eiffelturm und die Angabe1,5°C, spricht eine unzweideutige Bildersprache. Es folgt die Kreuzung, an der sich die Wege der Läufer nicht kreuzen: Jetzt biege ich rechts ab, nachher komme ich aus Gegenrichtung und biege ebenfalls rechts ab. Jetzt jogge ich neuerlich auf Nellingen zu, nachher am Pferdehof vorbei und zurück ins Körschtal dem Rundenschluss entgegen.

Vorm Ortsrand von Nellingen erwarten mich „Hürden“. Die erste in Form meiner deponierten Flaschen. Ich trinke reichlich, obschon ich nicht im Mindesten Durst verspüre. Ich trinke vorsorglich und damit gegen den Rat diverser Laufratgeber, die vorgeben, man solle seinem Durst entsprechend trinken. Erfahrung lehrt: Wenn ich Durst spüre, ist es zu spät ihn zu bekämpfen. Dann ist die Dehydrierung schon zu weit fortgeschritten, um sie noch aufzuhalten. - Weitere drei „Hürden“ bilden drei Verkehrswege: Eine lebhaft befahrene Straße, gefolgt vom Gleiskörper der S-Bahn, zuletzt neuerlich eine Straße. Dem geringsten Risiko setze ich mich beim Überqueren der letzten Straße aus. Hier rollen die Autos extrem „duckmäuserisch“ vorbei. An der schwarzen, mannshohen, mit rotem Auge wachsam blickenden Ursache dafür trabe ich ein paar Schritte später vorbei. Zischte in diesem Augenblick einer mit überhöhter Geschwindigkeit vorbei, gelangte die Verkehrsüberwachung Ostfildern in den Besitz eines prächtigen Läuferfotos …

Hundert Meter weiter folge ich einem „unlogischen“ Abzweig: Pfeile fordern das Trottoir zu verlassen und zwischen zwei Büschen hindurch die Finnenbahn rund ums Nellinger Stadion zu betreten. Noch „unlogischer“ gestaltet sich dieser Richtungswechsel, weil er ein paar anstrengende Schritte zum Erklimmen des Lärmschutzwalls verlangt. Oben angekommen jogge ich grüßend an Jürgen vorbei, der in dieser „verschwiegenen Ecke“ seine Wechselklamotten deponierte. Jürgen „hat fertig“ und wird unweit von hier die S-Bahn zur Heimfahrt besteigen. Sein Beispiel beweist die Sinnhaftigkeit individueller Startpunkte.

Fußschonend weich auf der aus Hackschnitzeln bestehenden Finnenbahn weiter, alsbald jedoch zurück auf einen weiteren Feldweg. Der ist betoniert, raubt mir im Grundsatz also weniger Kraft, als eben noch die Finnenbahn. Nur leider steigt er an; unmerklich zunächst, völlige Harmlosigkeit zur Schau stellend, auf vielleicht vierhundert lang und länger werdenden Metern aber stetig an Steigung gewinnend. Absolut keine grenzwertige Prüfung für Udo, der mit der Absicht unterwegs ist alles zu laufen. Dennoch ist er froh dann doch wieder auf flaches Terrain abbiegen zu dürfen.

Der Weg streift zunächst Gartengrundstücke, später einen weiteren Teil der Stadt Ostfildern. Ich komme an einer Baugrube vorbei. Mein forschender Blick erfasst zwei derzeit untätige, ratlos wirkende Arbeiter, von denen einer das Handy am Ohr hat. In der vielleicht zwei mal zwei Meter großen Grube erkenne ich dicke Leitungen. Strom- oder signalführende Leitungen wahrscheinlich!? Gas oder Wasser schließe ich aus, dazu sind die ummantelten Röhren zu dünn … Zwei Minuten danach rückt rechts der Route das Raumschiff ins Bild, wie immer startbereit für die nächste Forschungsreise in die Tiefen des Alls … Mag sein, du hast meine früheren Laufberichte zu dieser Strecke nicht gelesen: Nicht Raum-, sondern Kirchenschiff ist, woran ich gerade vorbei jogge. In dessen Innerraum erforschen Menschen höchstens ihr Gewissen oder die Tiefe ihres Glaubens.

Minuten später trabe ich parallel zum jüngsten Ostfilderner Stadtteil Scharnhauser Park. Das Viertel auf der anderen Straßenseite und jenseits der S-Bahn-Gleise entstand auf dem Reißbrett. Voraussetzung dazu bildete die Auflösung der bis in die Neunzigerjahre dort stationierten US-Garnison. Wer das weiß, wird sich über den wenig einfallsreichen Baustil der zu Wohnblöcken umgebauten ehemaligen Unterkunftsgebäude nicht wundern. Schicke Mehrfamilienhäuser lösen das Kasernenhafte ab als ich die Straße an der Nordwestecke des Viertels überquere. Von nun an geht’s bergab. Noch nicht mit meinen Kräften, dafür mit dem Laufweg. Nur sachte bergab, was mir dennoch ermöglicht meine Ausdauer sparsam einzusetzen. Zunächst jogge ich am Rand des Viertels, nach einer Weile im spitzen Winkel davon weg strebend durch eine Allee. Eine Allee aus jungen Bäumen, beidseits flankiert von Wiesen, Teil des Scharnhauser Parks. Dessen Geschichte ist in zwei Sätzen erzählt: Einst landeten hier Militärhubschrauber. Auf der frei gewordenen Fläche inszenierte man zunächst eine Landesgartenschau, deren Gelände anschließend zu Park und Baugelände umgewidmet wurden.

Jürgen hat mich enttäuscht. Der lange aufgehellte Himmel verdüsterte sich zusehends, seit ein paar Minuten versprühen die Wolken wieder Regen. Die Hoffnung, dass es bei ein paar verirrten Spritzern bleiben könnte, erfüllt sich nicht. Ich nestele die Schirmkappe unterm Hosenbund hervor und setze sie auf. Sinn der Maßnahme: Brillengläser trocken halten. Ich nutze die Allee beinahe exklusiv: Sonst um diese Zeit - kurz vor Mittag - anzutreffende Passanten - Mamis mit Kinderwagen, Gassigeher, Naturgenussmenschen, sonstige Fußgänger - blieben heute wetterbedingt zu Hause. Nur kurz und für ein Foto linse ich zur Gruppe der „Sitz- und Flitzhasen“ rüber. Zu oft streifte mein Blick schon die großflächige Installation einer Stuttgarter Künstlerin …

Am Ende der Allee im rechten Winkel nach links und weiter dem Rand des einstigen Flugfeldes folgen. Hinter einem Wäldchen erkenne ich die Umrisse des einstigen Offizierskasinos, ebenfalls zu Wohnraum umgebaut. Kurz darauf und nach neuerlich rechtem Laufwinkel trabe ich auf eine zweite, weit eindrucksvollere Allee zu. Sanft ansteigend öffnet sie sich auf einer Breite von dreißig Metern zwischen hohen, schlanken, noch blattlosen Bäumen. Deren Gestalt erinnert an Pappeln, tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Eichenart. Stufen überwinden den Höhenunterschied, konstant sieben im Paket, jeweils gefolgt von einem Rasenstück. Barrierefreiheit (und bestmögliche Belaufbarkeit für Jogger) wurde mit mäßig ansteigenden Rampen realisiert. Sieben von ihnen nehme ich „im Sturm“, bevor ich zur nahegelegenen Straße hin verzweige.

Noch zwei Kilometer: Zunächst an der Straße entlang, alsbald wieder Richtung „Filder“ und zu den Aussiedlerhöfen hin verzweigen. An der bereits beschriebenen Kreuzung nach rechts und mit langen Schritten hinab ins Körschtal, zu meinem in Höhe Wende/Start/Ziel geparkten „Versorgungspunkt“. Kofferaum auf, Kamera und Handschuhe zurücklassen, Gel schlucken, reichlich Wasser trinken und wieder los - keine zwei Minuten nimmt der Boxenstopp in Anspruch. Nach 1:40:xx Stunden breche ich zur zweiten Runde auf. Auf volle drei Runden hochgerechnet ergibt das eine Endzeit von knapp über fünf Stunden. Für Sub4Stunden, mit denen ich ein bisschen liebäugelte, wird es kaum reichen. Selbst wenn ich nun keine Zeit mehr für Fotos verliere und auch sonst jeden unnötigen Zeitverlust vermeide. Spätestens in Runde drei „müssen“ sich Substanzverlust und mangelnde Regeneration bemerkbar machen. Oder etwa nicht?

Auch im siebten Marathon des jungen Laufjahres 2023 bin ich damit befasst meine „Laufrealität im siebzigsten Lebensjahr“ zu verstehen. Denn: So lange es an Verständnis fehlt, hapert es mit der Akzeptanz. Noch immer will ich ehrgeizig mehr, als mein Körper mir - zumindest bisher - zugesteht. Zum heute 4. Marathon innerhalb von 11 Tagen trete ich nach nur 3 Tagen Erholung an. Mutmaßlich zu wenig Erholung für einen flotten, lockeren Lauf. Über eine Rate „4 in 11“ hätte ich vor ein paar Jahren kein Wort verloren. Das hat sich geändert. Wer ermessen möchte, wieso ein M70-Läufer sich partout „nicht in sein Altersschicksal fügen will“, der sollte meine bis vor kurzem gültige „Normalität“ bedenken. Noch vorletztes Jahr spulte ich vier Marathons an vier Tagen nacheinander ohne Schwierigkeiten und mit wachsender Lauffreude ab. Mein Körper erholte sich nach Endzeiten von 4:43, 4:41, 4:35 und 4:36 (in dieser Reihenfolge) ausreichend von einem Tag zum nächsten. Zwischen damals und heute musste ich ein paar ernsthafte, gesundheitliche Rückschläge hinnehmen. Keiner so heftig, dass ich nicht mehr lange laufen könnte. Aber in Verbindung mit fortschreitendem Alter vielleicht doch so einschneidend, dass ich mich künftig aufs Backen kleinerer Brötchen beschränken muss. Was ich frag- und klaglos akzeptieren würde, wenn es unausweichlich wäre. Doch ist es das: jetzt schon unausweichlich? Die Suche nach einer Antwort geht weiter …

Im zweiten Umlauf bekomme ich diese Antwort jedenfalls nicht. Strecke und Steigungen auf weiteren 14 Kilometern erschöpfen mich zwar, doch nirgendwo gerate ich in ernsthafte Not. Mental verziehen sich die Wolken wieder, nachdem Jürgens Prognose sich doch noch bewahrheitet. Das Regenintermezzo ist seit Beginn von Runde zwei Geschichte. Und um diesen Aspekt abzuschließen: Bis zum Finish kein Tropfen mehr von oben. Was für ein Geschenk! Die Windsituation entwickelt sich weniger erfreulich: Als ich dem Körschtal zum zweiten Mal „entsteige“ hat er aufgefrischt, bläst mir vorm mobilen Hühnerhof auch ziemlich bremsend gegen die Brust. Letztlich wird er aber nicht zum gefürchteten Feind, weil mich die Runde ständig zur Änderung der Laufrichtung nötigt.

Nach 3:17:xx Stunden beginne ich Runde drei. Mithin sparte ich im zweiten Umlauf rund drei Minuten ein. Mein Optimismus vielleicht doch unter fünf Stunden zu finishen köchelt trotzdem auf Sparflamme. 28 Kilometer habe ich jetzt in den Beinen und spüre sie bei jedem Schritt. Ich wappne mich mit „Heldenmut“ gegen Schmerzen, die unweigerlich und bald einsetzen werden. Ich werde sie aushalten - mir selbst versprochen, wie auch das: Ich werde jeden der verbleibenden Anstiege im Tippeltrab schaffen, ich werde nicht gehen!

Ich komme gut voran, tatsächlich nicht langsamer als in den dreieinhalb Stunden zuvor. Anfangs führe ich das aufs Gefälle im Körschtal zurück. Später, oben auf den „Fildern“, bin ich davon überzeugt, das Tempo nicht mehr lange halten zu können. Als dann alle Anstiege und Gegenwindpassagen hinter mir liegen und der Einbruch trotz Unkenrufen ausbleibt, packe ich die Chance beim Schopf. Ich ignoriere meine müden Beine, blende die üblichen Schmerzen in der Gesäßmuskulatur aus und halte eisern die Pace. Auf mein drittes, in Rundenmitte deponiertes Gel verzichtete ich vorhin. Ich hoffe, dass mir der Verzicht nicht doch noch das „Sub4Stunden-Genick“ brechen wird … Noch drei Kilometer: Ich flitze an den Sitz- und Flitzhasen vorbei … Noch zweieinhalb Kilometer: Hurtigen Fußes erobere ich die sieben Rampen der Eichenallee … Noch anderthalb Kilometer: Jetzt nur noch bergab mit 13 Minuten Reserve auf der Uhr … Wer oder was wollte meinen Sub4Stunden-Erfolg jetzt noch aufhalten?

Es tut verdammt weh, insbesondere hier in der steilen „Downhill Passage“. Jedes Aufsetzen der Füße pflanzt sich als kurze Schmerzwelle über Sehnen, Bänder und alle Gelenke durch den Körper fort. Einerlei! Ich habe ein Ziel, das Ziel ist in Reichweite und ich will gewinnen. Ich will immer gegen mich gewinnen; genauer ausgedrückt: über innere Widerstände obsiegen - transzendent laufen. Das Ende des Gefälles kommt in Sicht, alsbald biege ich zum Ziel hin ab, die letzten dreihundert Meter. Ich lege sie gemessenen Schrittes zurück, das kann ich mir jetzt leisten, mit erst 4:52:xx Stunden auf der Uhr. Außerdem will ich die Ziellinie mit einem zufriedenen Lächeln überschreiten. Das Lächeln bildet sich sicher nicht physisch im Gesicht ab, als ich nach 4:54:30 Stunden die Uhr stoppe. Aber das ist nicht wichtig, denn aufs innere Lächeln kommt es an!

 

Fazit zur Veranstaltung

Michael Weber hat eine kurzweilige Strecke markiert, die auch nach mehrfachem Ablaufen nicht langweilig wird. Ungefähr 500 Höhenmeter gesamt, verteilt auf drei Runden, machen die Aufgabe anspruchsvoll. Das gilt umso mehr bei ungünstiger Witterung auf der Hochfläche, den Fildern, wo Läufer ungeschützt etwaigem Gegenwind ausgesetzt sind.

Teilnahmebedingungen: Anmeldung per E-Mail bei Michael Weber, Start/Ziel an jedem beliebigen Punkt der Strecke, Startzeit so, dass der Lauf nach Sonnenaufgang begonnen und vor Sonnenuntergang beendet werden kann, Nachweis der Leistung über die eigene, per E-Mail dem Veranstalter übermittelte GPS-Aufzeichnung, Selbstverpflegung.

Fazit: Gerne jederzeit wieder!