26. April 2026

You get what you give  -  Naabtal Marathon 2026

Diese Straße, die B16 Richtung Regensburg, unweit der Donau, scheint mich durch eine Art musikalisches „Bermuda-Dreieck“ zu schicken. Mysteriös: Schon letztes Jahr auf dem Weg ins Naabtal orakelte unweit von hier ein Klassiker aus den Autolautsprechern: „Ghost Rider“. So sehr wie die Faust aufs Auge zum späteren Hergang meines Laufabenteuers passend, dass es Johnny Cashs Lied in die Titelzeile des Laufberichts schaffte. Heute animieren die New Radicals zu spontanem Mit-rocken. Anfangs achte ich nicht auf den Text von „You get what you give“, lasse mich von Rhythmus und Melodie mitreißen. Bis mich die suggestive Singstimme mit „We only get what we give“ einfängt wie mit einem Lasso. Extrahierte Wahrheit in kurzer Wendung: Nur wer gibt, wird vom Leben etwas zurückbekommen! Und ist das nicht auch das Erfolgsrezept des erfolgreichen Marathonläufers? Er muss trainieren, damit er die lange Strecke schafft; muss Zeit, Energie und Leidenschaft investieren, will er seinen Traum leben. Meine Gedanken holen an dieser Stelle noch viel weiter aus, doch dazu später mehr, jetzt erst mal Marathon laufen …

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You get what you give - Lust Laufspiel in zwei Akten

Erster Akt:  Begeisterung

1. Akt , 1. Szene: Von der Freude eine Laufveranstaltung auszurichten.

Andreas Brey und seine Frau Kristina veranstalten die Naabtal Läufe, mehrmals im Jahr, bei sich daheim in Duggendorf (nahe Regensburg), für 30 Teilnehmer maximal. Wobei das laufbegeisterte Paar schon mehrmals ein recht flexibles Verständnis der Vokabel „maximal“ demonstrierte. Auch heute kämpfen 37 Läuferinnen und Läufer um Meriten in diversen Bewerben - Neinsagen ist schwer, wenn du ein Herz so groß und weich hast, wie das von Andy! Angeboten werden kurze und längere Distanzen, von 10 bis 50 km. Udo wird sich mit Marathon bescheiden, genug Distanz, um ihn körperlich zu schreddern.

Zum siebten Mal stehe ich heute auf Duggendorfer Boden, finishte zweimal die 50 km, danach viermal den Marathon. Abgesehen vom Wiedersehen mit liebenswerten Bekannten freue ich mich über den heute wolkenlosen Himmel und die Aussicht auf passable Temperaturen. Zum Start scharen wir uns allerdings in noch 10°C kalter Luft um Andy und Kristina. Ich fröstele im bisweilen kalten Luftzug, werde mich trotzdem von Beginn an den Elementen in oben-kurz-unten-kurz aussetzen. Andy und an seiner Seite Kristina stimmen uns mit gewohnt herzlichen, gut gelaunten Worten auf die Veranstaltung ein. Einen Teil ihrer Motivation Haus und Carport für einen Tag dem Laufsport zu weihen beziehen die beiden aus dem Engagement für die VKKK Ostbayern e.V. (Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder). Startgeld ist trotz reichhaltigen Büffets keines zu berappen und so fällt es umso leichter einen Obolus in der Spendenbox zu hinterlassen. Man darf gespannt sein, ob heute, anlässlich der 17. Auflage der Veranstaltung, die Spendenschallmauer von insgesamt € 10.000,- durchbrochen wird. Vollversammlung hinter der Startlinie fürs obligatorische Foto und los geht’s …

1. Akt , 2. Szene: Frühlingstraum

Ich jogge im LL-Traum: Licht und Landschaft komponieren ein nicht mehr zu überbietendes Frühlingsspektakel. Die noch leicht schräg am Himmel stehende, nicht mal von morgendlichem Dunst gefilterte Sonne lässt das frische Hellgrün der Blätter aufleuchten. Wow! Wunderschönes, mit lückenlos dichtem Laubwald gesegnetes Naabtal! Als ich 2025 zuletzt hier war begeisterte mich der bunte Farbrausch des herbstlichen Blattkleids. Und jetzt: neues Grün, neues Leben! Den ersten Kilometer bestreite ich in Gesellschaft der anderen 36 Beinpaare, wenngleich im Kielwasser der davonrauschenden „Konkurrenz“. Ich beeile mich ein paar mit Läufern belebte Eindrücke mit der Digicam einzufangen, nur zu bald werde ich solo unterwegs sein. Nach etwa 1,5 km Asphalt traben die Füße auf fest geschottertem, infolge langer Trockenheit staubigem Uferweg weiter. Just an der Übergangsstelle biegen ein paar, teils mit Stöcken bewaffnete Mitstreiter bergwärts ab. Erstmals hat Andy auf Wunsch einiger Naabtaler-Wiederholungstäter eine etwa 10,6 km lange Trailschleife ausgeschrieben. Nichts für Udo, den schwierige Bodenverhältnisse in Tateinheit mit Höhenmetern mittlerweile schrecken wie den sprichwörtlichen Teufel das Weihwasser.

Eine Weile war von der Naab - Kreuzworträtsellösern geläufig als „linker Nebenfluss der Donau“, unweit von Regensburg mündend - nichts zu sehen. Nach etwa 2 km schmiegt sich der Radweg ans Ufer. Ein beherzter Hechtsprung und das Bad im träge dahin fließenden Nass nähme seinen Anfang. Alter Baumbestand, knorrig, knorzig, geknickt, gestutzt - also hochfotogen -, trennt mich von der Flut. Linkerhand steigt die Uferböschung der Naab steil an, verborgen allerdings von dichtem Wald. Verglichen mit dem grellen Flutlicht der ersten Minuten herrscht hier, unter ausladendem Geäst, fast noch Dämmerung. Draußen, überm und hinterm Fluss die Welt im Sonnenlicht, um mich herum Schatten. Ein scharfer Hell-Dunkel-Kontrast, der die Kamera ein ums andere Mal überfordert. Der Wärmestrahlung meines Lieblingsgestirns entzogen ist auch meine Körperheizung überfordert. Ich friere, besonders an den leichtsinnig entblößten Armen. Das Eisschrank-Intermezzo währt gottlob nur ein paar Minuten, etwa einen Kilometer weiter laufe ich wieder ins Licht …

Ich halte auf den Ort Pielenhofen zu, nun wieder mit Asphalt* unter den Sohlen. Alsbald grüßt der Bootsverleih, bunt repräsentiert von Paddelbooten, teils im Gras liegend, den glatten Bauch wie zum Streicheln himmelwärts gereckt und gestapelt auf Anhängern. Derzeit, gegen halb zehn, warten die schwimmfähigen Untersätze noch auf wasseraffine Freizeitaktivisten. Das jenseits der Region unbekannte Dorf Pielenhofen beherbergt aber auch einen sakralen Schatz, der selbst unter katholischen Bayern weitgehend unbekannt sein dürfte. Das einstige Kloster Pielenhofen, 2010 vom Orden der Zisterzienserinnen wegen Personalmangels aufgegeben, bildet einen kolossalen Blickfang am gegenüber liegenden Ufer der Naab. Einerlei wie oft ich hier noch vorbeilaufen werde, niemals wird es ohne fotografischen Salut abgehen.

*) Die Wettbewerbe werden auf einer Pendelstrecke (Länge: Viertelmarathon) ausgetragen. Etwa 50 Prozent des Kurses sind asphaltiert, der Rest ist als fest geschotterter, weitgehend ebener Radweg ausgebaut.

Kaum drin in Pielenhofen, trabe ich auch schon wieder hinaus. Vor einem der letzten Anwesen hat Andy Stuhl und Kiste aufgestellt, in der, wer wollte, Eigenverpflegung deponieren konnte. Ich wollte und hinterließ Wasser und Gel für mich. Gel brauche ich nach knapp 6 km noch keins, dafür aber ein paar Schlucke aus der Pulle. Nun weiter, das Dorf zurücklassend, den Blick bereits auf den bevorstehenden Hügel gerichtet. Harmlos für jüngere oder ausdauerstarke Läufer, mich fordert der mehrere hundert Meter messende Anstieg spürbar. Mit jedem errungenen Höhenmeter wird mehr vom ausgedehnten Campingplatz sichtbar, der das Gelände zwischen Straße und Naabufer einnimmt. Schon wieder in Abwärtsbewegung entziffere ich auf dem Parkplatz Autokennzeichen aus ganz Deutschland. Kein Beweis aber ein deutlicher Hinweis darauf, wie hinreißend das Naabtal auch auf andere Zeitgenossen wirken muss.

1. Akt , 3. Szene: Nachdenklich am Flussufer

Asphalt Ende, weiter unweit der Naab dahin. Ich lege es darauf an mich an der Landschaft sattzusehen, schaffe es aber ebenso wenig, wie vor Monaten, als sie mich im bunten Herbstkleid kokettierend verzauberte. Und reichlich optische Kurzweil ist dieser Tage durchaus nötig, um mich für meine Mühen zu entschädigen. You get what you give - Schon richtig. Was der sicher noch recht junge Schöpfer des Songtitels jedoch nicht wissen konnte: Der Einsatz, um zu bekommen, was man sich erträumt, ist eine persönliche und variable Größe; ist von der Situation oder eben auch, wie in meinem Fall, von Verletzungsgeschichte und Lebensalter abhängig. Die ersten 300 Marathons und Ultras verlangten unendlich viel Training. Da war nicht nur das Ringen um Ausdauer für lange Reichweiten, auch mentale Resilienz musste maximiert werden. Die knallharte Vorbereitung enthob mich dennoch nicht der Notwendigkeit, beispielsweise bei 24-Stunden-Läufen, erst recht dem Spartathlon, über mich hinauszuwachsen, totale körperliche Erschöpfung und damit volles körperliches Risiko in Kauf zu nehmen. Es geschah mit einem seligen Lächeln im Gesicht: einzeln wie in der Summe empfand ich diese Läufe wie das Pflücken süßer, reifer Früchte. Selbstverständlich auszehrend, aber überwältigend schön, sensationell befriedigend und beglückend.

300 Läufe lang hielt dieser Pakt mit dem Laufschicksal. Allesamt Spaziergänge, wenn ich sie mit den nächsten etwa 80 Läufen seit 2021 vergleiche. Nach Krankheit und Verletzung in unguter Allianz mit fortgeschrittenem Lebensalter hat sich das Verhältnis von „you give“ zu „you get“ dramatisch verschlechtert. Für hohen, im Grunde stets maximalen Aufwand bekomme ich viel weniger Distanz und muss recht früh mentale Qualität ins Spiel bringen, da die körperliche zu wünschen übrig lässt. Auch heute erwarte ich einen Halbmarathon zum Genießen und einen zweiten mit Kampf und Krampf. Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier um rein sportliche Belange! Und selbst dabei ist mir bewusst, dass ich auf sehr hohem Niveau „jammere“, verglichen mit anderen Ü70gern. Nur, dass ich es stets vermied mich mit anderen zu vergleichen. Ich rang nie um Platzierungen, wetteiferte immer nur mit Widerständen des eigenen Körpers.

Ich tauche in ufernahem Wald unter und beginne augenblicklich wieder zu frösteln. Habe ich je ein so ausdauernd kaltes Frühjahr erlebt? Selbst die seit Tagen von Auf- bis Untergang mit Bravour heizende Sonne treibt die Quecksilbersäule nicht in die Höhe. Folge einer ungünstigen Wetterlage mit Nord- oder Nordostwind, die seit Wochen arktische Luft zu uns pustet. Durchs unvollständige Laubdach dringen Sonnenstrahlen, die das innere der Forstpassage mit hellen und dunklen Flecken marmorieren. Wie hübsch! Reichlich Entschädigung für den eisigen Luftzug, wozu auch die Aussicht zu der in Licht ertrinkenden Welt vorm Waldvorhang beiträgt. Zudem lenken mich entgegen preschende Mitläufer ab, die flinken und leistungsstarken im Feld. Jeder und jede einzelne zieht meine und die Aufmerksamkeit meiner Kameralinse auf sich.

1. Akt , 4. Szene: Nicht denken, laufen!

Wieder unter praller Sonne unterwegs, wieder angenehm gewärmt und weniger hübsch sind die Ausblicke im „Freien“ auch nicht. Genussvolles Joggen, obschon ich spürbar Kraft und Ausdauer investieren muss. Spürbar, sofern ich in mich reinspüre, was die Naab und ihr Tal mir jedoch bis auf wenige Augenblicke auszureden wissen. Am meisten entzücken mich die ständig wechselnden Flussansichten. Mal schimmert die Wasseroberfläche in stahlblauen, bald in hellen Grüntönen, je nach Blick- und Sonneneinstrahlwinkel. Wieder nimmt mich Wald gefangen, der letzte Kilometer bis zur Wende beginnt. Spielende Kinder auf privatem Ufer, ein angeheizter Grill und eine Fasssauna - mit Holzfeuerung behauptet meine Nase - begleiten die nächsten Schritte. Ab und an kommen mir weitere Mitläufer und Mitläuferinnen entgegen. Dann lösen sich meine Augen vom Boden - bloß nicht stolpern! -, meistens jedoch von herrlichen Panoramen rechts von mir. Schließlich ist es soweit: Andys blaßgrüne Markierung am Boden gibt den Umkehrpunkt vor. Drumrum und dann Augen voraus auf die Kapelle richten. Auf dem Hinweg, wenige Meter vor der Wende, kann man sie übersehen, nach Umkehr nicht mehr. Halb Marterl, halb Marienkapelle - seit 1775 ist das Bauwerk den Müttern der Region geweiht. Ich nehme ein Foto von dem rundum eingewachsenen Andachtsort mit und beginne den Rückweg.

Auf einer Pendelstrecke in Natur- und Kulturlandschaft kommt keine Langeweile auf, auch wenn man alle Etappen schon zu kennen glaubt. Die Perspektiven sind in Gegenrichtung andere, gewähren überraschende Einblicke, setzen die Landschaft neu ins Bild. Eine quietschbunt gekleidete Läuferin samt „Familien-Support“ - Mann und Töchterchen, beide auf dem Fahrrad - kommt mir entgegen. Gleich mir hält sie die Begegnung im Bild fest. Darauf er: „Wer fotografiert jetzt hier eigentlich wen?“

Wie immer überlasse ich mein Lauftempo nervalen Automatismen, checke dessen Entwicklung entlang des Weges aber beiläufig auf der Uhr - eine Art Reflex als Ausdruck verlorengegangen Vertrauens in mein Laufgefühl. Das spricht aktuell von „steter Pace“, aber stimmt das auch? Tatsächlich pendeln die Werte über mehrere Kilometer stabil um etwa 7:10 min/km. Ich mache mir nicht die mindesten Gedanken oder gar Illusionen hinsichtlich einer bestimmten Zielzeit, will mich einfach nur der Konstanz meiner Schritte versichern. Auf eine Endzeit hochzurechnen wäre ohnehin sinnlos, weil ich die Dauer der Verpflegungs- und sonstigen Stopps schlecht abschätzen kann. Darüber hinaus rechne ich damit auf Hälfte zwei einzubrechen. Das war zuletzt immer so, warum sollte es heute anders ausgehen.

1. Akt , 5. Szene: Begegnungen mit Menschen stellen die Sinnfrage.

Pielenhofen nimmt mich auf, Verpflegung aus der Kiste lockt: Ich schlucke das zweite Gel des Tages - das erste bereits auf Höhe des Umkehrpunkts - und trinke reichlich Wasser hinterher. Wozu weiß ich selbst nicht so recht, weil die Schweißverluste sich in engen Grenzen halten. Seit dem Richtungswechsel bin ich einem leichten, gelegentlich auffrischenden und gefühlt eisigen Lüftchen ausgesetzt. Zeitansage von den Kirchtürmen der nahen Klosterkirche: Erst vier für die volle Stunde, danach 11 Schläge fürs Tagesalter. Kein Wunder, dass das sonntägliche Pielenhofen inzwischen erwacht ist. Radler, solche die überholen und entgegen kommende, sind überdurchschnittlich auf der Straße vertreten. Dann gibt’s da noch Kinder auf dem Spielplatz mit observierenden Eltern, etliche Autos mit unbekanntem Ziel vorbeirollend, Einwohner in ihren Gärten, manche in zaunübergreifende Gespräche vertieft.

Wie so oft, wenn ich meiner Marathon-Wege gehe, sehe ich niemanden, der sich ähnlich abmüht wie ich. Von den Radlern ohnehin nicht, geschätzt Dreiviertel der Pedalritter sitzen bequem aufrecht und lassen sich großzügig elektrisch unterstützen. Früher überkam mich angesichts der eigenen energetischen Selbstgeißelung oft das Gefühl zur nämlichen Zeit genau das Richtige für mich zu tun. Vergleichbar vielleicht jener positiven Ruhe und Selbstsicherheit, die einen Mönch auszeichnet, der sich mit Schweigegelübde, bei strengem Fasten betend in seine Klosterzelle zurückgezogen hat. Es gab einfach nichts Besseres und idealerweise auch nichts Schöneres als stundenlang die Erde einer Gegend oder Stadt mit Füßen zu treten. Lange her, dass ich meiner selbst und meinem Tun so sicher war. Eher beschäftigt mich mittlerweile die Frage, ob der „Output“ den gewaltigen „Input“ noch rechtfertigt. Da scheint es schon wieder durch, das Prinzip von „you get what you give“. Wobei es mir wirklich nicht um die Höhe oder Größe der Belohnung geht. Mein Zweifel reicht tiefer, stellt schon auch die Sinnfrage. Gibt mir Sätze ein wie diese: Du kannst doch auch zu Hause laufen, jeden Tag, so oft du willst und so weit wie es dir guttut. Warum nur stellst du dich irgendwo in der Welt an eine Startlinie und verlangst Marathonlänge von dir?

1. Akt , 6. Szene: Im Jetzt und Hier

Aber ich laufe jetzt hier, in einem der malerischsten Flusstäler Deutschlands! Drei Kilometer vor Halbmarathon schlüpfe ich in den noch immer unterkühlten Schatten ufernaher Bäume. Alte, vernarbte, weit übers Wasser hängende Äste spiegeln sich im ruhig dahinfließenden Wasser. Dann verbreitert sich die Naab, lässt Untiefen erahnen, entblößt sogar eine Kiesbank mitten im Strom. Ich meine mich zu erinnern: So großflächig war der Flecken zuvor noch nie. Dort draußen bildet sich die Trockenheit der vergangenen Wochen ab (Achtung Wachstumsphase, stellt eure Uhren: In Kürze werden Landwirte zu klagen beginnen). Drüben, dem anderen Ufer näher, dümpelt ein Schwan, reckt gerade den langen Hals ins Wasser, gründelt. Auch auf dieser Etappe, viel seltener inzwischen, begegnen mir Mitläufer, jetzt auf ihrer zweiten Runde.

1. Akt , 7. Szene: Ein Willkommen dem einkehrenden Ritter im Burghof

Die Passage unter Bäumen war wunderschön und doch bin ich froh nun wieder unbeschirmt und gewärmt die fehlenden zwei Kilometer bis Duggendorf bestreiten zu können. Der örtliche Kirchturm gibt grob die Richtung vor, die mittlerweile staubigen Füße tappen wieder auf Asphalt. Zwei kurze „Pulsbeschleuniger“ stehen mir noch bevor: Zunächst steht die Duggendorfer Naabbrücke im Weg. Danach setze ich über die Hauptstraße und biege wenige Schritte später Richtung Breysches Domizil ab. Die letzten 30 Meter vorm Obdach unter Andys Carport mit gefühlt 99,9 Prozent Steigung legen nur drei Arten von Menschen laufend zurück: solche, die in Todesangst vor etwas davonrennen, bestens austrainierte Läufer oder stur ihrem Glaubensbekenntnis verpflichtete (Deppen) wie ich. Vom Applaus der Anwesenden und Andys herzlichem Hallo begrüßt hechele ich zur Pause. „Das ist Udo“ meint Andy anerkennend „ … aber der ist nur auf der Durchreise.“

 

Zweiter Akt:  Alle Zukunft, auch nähere, liegt im Ungewissen.

2. Akt, 1. Szene: Einstweilen kein Feind in Sicht.

Ich werfe mir ein Gel ein, trinke vom Büffet reichlich pappsüße Limo (Zucker muss rein) und mache mich ohne viel Federlesen wieder auf den Weg. Während anfänglicher, zunächst steil abwärts führender Schritte überkommt mich Verunsicherung: Was vergessen?? Rasche Entspannung infolge Erkenntnis: Meine rechte Hand ist leer, jedoch blieb die Digicam in voller Absicht zurück.

Naabbrücke die Dritte: rüber mit leicht beschleunigter Herzfrequenz bei reduzierter Schrittweite. Schwere Beine spüre ich, aber Vorahnung eines Limits pulsiert da noch keine durch meine Adern. Gut so. Die Feststellung injiziert eine Dosis Zuversicht den heutigen Lauf ohne nennenswerte Schwierigkeiten zu finishen. Was dazu führt, eine spätere Unannehmlichkeiten vermeiden wollende Verringerung der Pace gar nicht erst zu erwägen - bis auf Weiteres jedenfalls. Wiederaufgenommene Checks bestätigen mein Laufgefühl: Pace konstant bei nach wie vor etwas über 7 min/km. Okay, jetzt noch, aber spätestens auf dem Rückweg werde ich der Ermüdung Tribut zollen zu müssen.

Auf dem mittäglich sonnenverwöhnten Abschnitt vor Pielenhofen, mit dem Wind im Rücken, wische ich mir wiederholt Tropfen aus der Stirn. Das mag lästig sein, gehört als Symptom aber zu meinem Wohlfühlklima: Schweißtreibende Wärme. Überhitzung muss ich nicht befürchten, die Lufttemperatur wird auch heute die 20°C-Marke nicht touchieren. Vieles gestaltet sich positiv auf diesen Kilometern 22 bis 27 zwischen Duggendorf und Pielenhofen. Wie vordem zu genießen vermag ich sie dennoch nicht. Zwicken und Zwacken in diversen Teilen des Fahrgestells, vor allem im unteren Rücken und der Gesäßmuskulatur, zuweilen auch im Knie und - mal was Neues - im Grundgelenk des rechten Großzehs, vergällen das Vergnügen. In Summe dennoch nichts, was den finalen Erfolg auch nur im Entferntesten bedrohen könnte.

2. Akt, 2. Szene: Die Feinde sitzen fest im Sattel.

Zum dritten Mal die Klosteransicht, kurz darauf verweile ich kurz am „unbemannten“ Verpflegungspunkt. Gel Nummer vier, Wasser und weiter. Vorbei am nun ebenfalls erwachten Campingplatz, von dem allerlei Stimmen herüber schallen. Mit „hohem Verkehrsaufkommen“ auf dem Naabtalradweg war bei Kaiserwetter zu rechnen, nicht jedoch mit solchen Schwärmen pedalierender Zeitgenossen. Je älter der Tag, umso häufiger sehe ich mich von Zweirädern umschwirrt. Jedem meiner „Spurwechsel“, einerlei wodurch motiviert, geht eine Blickwendung voraus. Ähnlich dem Sicherheitsbedürfnis auf der Autobahn, wo ich dem dafür konstruierten Rückspiegel stets misstraue und tote Winkel per Kopfdrehung selbst aufhebe.

Seltsames Empfinden: Es wird mühsamer die Beine zu heben, zugleich spüre ich, dass mir die Energie dafür nicht ausgeht. Auf der Etappe vor dem Wendepunkt noch immer dieselbe Pace wie vor einer oder zwei Stunden. Wie lange geht das noch gut? - Die Frage gilt keinem eventuellen Tempoverlust, zielt eher aufs „Phänomen“. Zweimal, schon sehr früh, schien das „abschnürende Zupacken“, mir seit langem Rätsel aufgebend, sich Erklärungen ebenso widersetzend, wie ärztlichen Diagnosen, unmittelbar bevorzustehen. Zweimal plötzlicher „Druck“, scheinbarer „Griff“ nach meinem Magen. Beide Male blieb ich schlagartig stehen, atmete zwei, drei Sekunden tief in den Bauch, lief dann ganz normal weiter, blieb unbelästigt. Vielleicht unterlag ich einer Fehleinschätzung, vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls scheint die Frage berechtigt, wie lange ich auf diesem Niveau noch ungestraft aktiv sein darf.

2. Akt, 3. Szene: Erwartetes und Überraschendes.

Das Naabufer zieht vorbei, reizt immer noch zum Hingucken. Die Begeisterung vom ersten Halbmarathon ist allerdings verflogen. „Wunderschön“ urteilt der Geist, „mir egal!“ brummt das Gefühl. Mehr Befriedigung als die Ansichten verschafft mir die Uhr: Kilometer 30 geschafft, dann 31, bald wird die Wendemarke mich zur Umkehr auffordern …

Es geschieht nicht, wovon ich mit Überzeugung ausging, der Tempoeinbruch bleibt aus. Und das, obschon ich nach der Wende schon eine ziemliche Weile leichtem, ab und an auffrischendem Wind entgegen trabe. Alles gut soweit, wäre da nicht dieser daueraktive „Summenschmerz“ im Hintergrund, die Addition von widerständigen Beinen und Zwicken im Gebein. Kaum in Worte zu fassen, allenfalls im Vergleich: Stell dir dein Lieblingslied im verrauschten Radiosender vor, wobei gelegentliches Prasseln im Lautsprecher das Hören zusätzlich erschwert. Wahrlich kein Genuss für die Ohren.

2. Akt, 4. Szene: „Ja wo laufen sie denn?*“

Ich arbeite mich voran, setze mir Zwischenziele: Campingplatz - sechstes und letztes Gel am Verpflegungspunkt in Pielenhofen - Ansicht Klosterkirche - Ende Asphalt - usw. Am Ortseingang von Pielenhofen erzwingt Neugier zweier Anwohnerinnen einen kurzen Stopp samt Erklärung. „Ja wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?“ - so einfältig wie im Sketch fragen sie zwar nicht. Dass sie einen offensichtlich abgekämpften Läufer zum Halten zwingen, ihn dann auch noch mit dem Regensburg Marathon in Verbindung bringen, enthüllt aber schon ein gewisses Maß an Unbedarftheit.

*) Die im Jahr 1926 auf Schellackplatte aufgenommene Urfassung des berühmten Sketches geht auf die Komiker Wilhelm Bendow und Paul Morgan zurück. Berühmtheit erlangte er durch Loriot, der einem von ihm gezeichneteten Trickfilm einen Ausschnitt der Originaltonspur unterlegte.

2. Akt, 5. Szene: Wenn man in den Wald hineinruft, so schallt es womöglich lauter heraus.

Ein paar hundert Meter weiter, in der Ortsmitte von Pielenhofen, katapultiert sich meine Herzfrequenz in ungeahnte Höhen - nicht Ausdruck körperlicher, dafür immenser „seelischer“ Belastung. Eine Dame lebt ihren Wahn, die Straße sei vor allem für rasende e-Radler reserviert. Nächstes Mal solle ich hinschauen, bevor ich die Straßenseite wechsle. Der Mensch mag keine Vorwürfe, schon gar keine unberechtigten. Mit rechtlich nicht zu beanstandender, ruhiger, dennoch geharnischter Widerrede halte ich dagegen, mache meinem wild pochenden Herzen Luft. Trotzdem dauert es Minuten bis sich meine Vitalwerte normalisieren. Leute gibt’s!?

2. Akt, 6. und Schlussszene: Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.

Letztlich wichtig ist aber nur eins: Hinterm Dorf liegen nur noch vier Kilometer vor mir. Und so kommt ein bisschen Hochstimmung, unterlegt mit Vorfreude auf, obwohl ich inzwischen sprichwörtlich aus dem letzten Loch pfeife. Aber was soll’s, immerhin musste ich tempomäßig noch immer keine Abstriche hinnehmen, eine vorsichtige Hochrechnung sagt eine Laufzeit von unter 5:20 Stunden voraus. Positive Emotionen setzen Kräfte frei. Soll ich also meinem Laufgefühl Glauben schenken, das mir unterstellt noch einen Zahn zuzulegen? Jedenfalls unternehme ich nichts, weder wider hochfahrende Gedanken, noch bremse ich meinen Eifer. Und so geschieht, was geschehen muss: Wie ein Hieb mit der Axt erwischt mich das Phänomen ziemlich genau drei Kilometer vor Schluss. Eine brutale Faust packt in Körpermitte zu, bringt mich zum Stehen. Ich warte ein paar Sekunden … trabe wieder los … aber „es“ behält mich in eisernem Griff. So langsam wie irgend möglich tippele ich voran, ringe mit dem Unbegreiflichen. Zwei Kilometer geht das so, bis „es“ von mir ablässt. Zu spät: Der nicht mehr erwartete „Keulenhieb“ hat mich derart angezählt, körperlich und mental, dass ich nicht mehr auf Touren komme. Wozu auch? Ob ich für den letzten Kilometer eine Minute mehr oder weniger brauche interessiert jetzt nicht mal mehr mich selbst.

Ich passiere die ersten Häuser von Duggendorf und hieve mich zum Brückenscheitel hoch. Musste das jetzt noch passieren? Alles hätte so schön sein können: mal wieder ein Marathon in passabler Zeit absolviert, gelaufen unter blauem Himmel und in herrlicher Landschaft. Einmal mehr enttäuscht hake ich die letzten Meter ab. You get what you give? - im Grundsatz mag das stimmen, eine Garantie gibt’s dafür nicht. Ich habe wie stets alles gegeben, heute zufrieden heimzufahren, bleibt mir aber verwehrt. Wie dem auch sei: Nach 5:20:59 Stunden gratuliert mir Andy zu Marathon Nummer 384.

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Kommentar aus dem Jahr 2025 !