19. Oktober 2025

Farbrausch  -  Naabtal 50 Ultralauf (Marathon) 2025

Gibt es Laubwald im Naabtal? - So absurd die Frage in jemandes Ohr klingen mag, der schon mal am Naabufer weilte: Wem käme ohne zu zögern ein „ja“ über die Lippen, wenn die Antwort wichtig wäre? Also: War da Laubwald? - Wer dieser Tage im Naabtal auch nur blinzelt, kriegt seine Augen erstens nicht mehr zu. Zweitens wird er von einem herbstlich bunten Laubkleid schwärmen, dessen Farbpalette seinesgleichen sucht. Unvergesslich! In dieses Schwärmen stimme ich ein. Ich trabte lange fünfeinhalb Stunden am Nebenfluss der Donau auf und ab, ohne mich am Farbrausch der Wälder auch nur ansatzweise sattzusehen. Zwar nehme ich damit Haupteindruck und Ergebnis meines fünften Marathonauftritts seit „Restart“ vorweg. Weiterlesen lohnt dennoch, so viel mit Marathonlaufen verbrachte Zeit lässt Raum für weit mehr Gesehenes und Geschehenes.

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Mein Wettkampf beginnt mit einer Niederlage, noch bevor das Startkommando ertönt. Im Fundus meiner Lauferlebnisse suche ich vergeblich nach einem vergleichbaren textilen Fehltritt: In 30 Minuten geht’s los und ich bin bockfalsch angezogen! Die Wetteräpp stellte einen zwar nicht ungetrübten aber sonnigen Himmel in Aussicht, dazu zweistellige Temperaturwerte in der nachmittäglichen Spitze. Anfängliches Frösteln in kurzer Laufhose wollte ich mannhaft ertragen. Hauptsache obenrum lang und vielleicht auf den ersten Kilometern Mütze und Handschuhe überstreifen. Die im Auto bei der Anfahrt angezeigten 0°C bereiten mich auf eine eisige Überraschung vor. Sich Kälte vorzustellen ist eine Sache, ihr ausgeliefert zu sein eine ganz andere. Im 373. Marathon meiner Laufvita muss ich mich zum ersten Mal vorm Start umziehen: Kurze Hose aus, lange an. Das Winter- über dem langärmligen Sommershirt, das ich eigentlich ausziehen wollte, bleibt, wo es ist! Und die blanken „Körperenden“ bedecke ich mit „fetter“ Mütze und Fleecehandschuhen. Nun wärmer verpackt fühle ich mich dem 42.195 Meter langen Gegner nicht mehr gänzlich ausgeliefert …

Kein Zufall, dass ich nur drei Wochen nach dem letzten Laufabenteuer im Naabtal, dem Heppl Backyard Ultra (sh. Bericht), gleichfalls unter der bewährt achtsamen Leitung von Andreas Brey, schon wieder an den Gestaden der Naab unterwegs bin. Es gibt wenige Laufveranstaltungen, die ich einer von Andy Brey organisierten vorziehen würde. Wenn für einen Lauf das Prädikat „familiär“ zu hundert Prozent Gültigkeit besitzt, dann für den „Naabtal 50 Ultralauf“*. Der großgewachsene Andy besteht praktisch zu einhundert Prozent aus Herz. Und dieses gewaltige Herz öffnet er jedem seiner Gäste. Gäste, die zufällig laufen wollen, und dafür unter seinem Carport und diesmal auch auf überdachter Terrasse Obdach finden. Zur Seite steht Andreas seine Frau Kristina Brey. Heute wichtiger denn je, einen Lauf für 43 Läuferinnen und Läufer auszurichten bedeutet eine Menge Arbeit. Zumal die beiden es sich nicht nehmen lassen, jeden zu begrüßen und sich mühen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und wozu das alles? - Ursprünglich ersannen Andy und Kristina das „Event“ für sich selbst: Bequem von zu Hause aus laufen, dazu ein paar nette Leute einladen. Allerdings wurde das „Ding“ rasch und explosiv zum Selbstläufer, zu dem sogar Laufbekloppte von weiter her anreisen. Da kann ich nur sagen: Selbst Schuld Andy und Kristina! Ihr seid „leider“ liebenswerte Gastgeber und macht eure Sache viel zu gut. Dieser Fehler hätte euch nicht unterlaufen und schon gar nicht vielfach wiederholt werden dürfen. Ach, und das noch: wenn ihr nicht flugs lernt „nein“ zu sagen**, dann wird euch die Läuferflut demnächst mitreißen und in die tiefer gelegene Naab schwemmen …

*) Der „Naabtal 50 Ultralauf“ findet in Duggendorf statt, knappe 30 Autominuten nordwestlich von Regensburg gelegen. Angebotene Strecken: 10 km, Halbmarathon, Dreiviertelmarathon, Marathon und 50 km. Die Teilnahme ist kostenlos. Andreas und Kristina Brey unterstützen den VKKK Ostbayern e.V. (Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder) und erhoffen sich eine Spende in die bereitstehende Box. Der Inhalt wird ohne Abzug an den VKKK übergeben.

**) Offizielles Teilnehmerlimit: 30; Gemeldete Teilnehmer: 45; tatsächliche Starter/Finisher: 43

Andreas bittet zur kurzen Vorbesprechung und anschließend hinter die Startlinie fürs obligatorische Familienfoto. „Meiner einer“ setzt sich auf einen umgedrehten Kübel, der die imaginäre Startlinie markiert. Ich bin 71, ich darf das. Dann wird’s ernst, auch wenn gute Laune und Scherze wie ein Schwarm aufgescheuchter Wespen über den Köpfen der Angetretenen schwirren. Meine Stimmung ist zwar auch „wohl temperiert“, dennoch mache ich mir bezüglich der Härte der mir bevorstehenden Aufgabe keine Illusionen. Seit dem Backyard Ultra vor drei Wochen war ich vor sechs Tagen mit 20 km nur einmal relevant weit unterwegs. Zum damit umrissenen Trainingsrückstand kommt die Kälte. Manche blühen bei Kälte auf wie Eisblumen, meine Leistungsfähigkeit fror sie von jeher ein.

Los geht’s, 43 Beinpaare stieben den steilen Berg vor Andreas‘ Domizil hinab, Generalrichtung Naabbrücke. Um ehrlich zu sein: Ein Beinpaar stiebt nicht, es tastet sich eher hinab. Teil meiner unterkühlten Beine ist ein „repariertes“, linkes Altherrenknie, das ich lieber nicht durch „Stieben“ verärgern möchte. Zwei weitere Beinpaare stieben eher auch nicht, sie gehören Andy und Kristina, die es sich nicht nehmen lassen wenigstens die 10 km-Strecke selbst zu laufen. Mehr Strecke ist für beanspruchte Veranstalter leider nicht drin - siehe oben.

Der Brückenscheitel markiert ziemlich genau den Ort, an dem meine Beine mittels maximaler Schwere signalisieren, was sie von den Marathonplänen an diesem Tage halten. Doch hinterm Scheitel geht’s runter, wird leichter. Auf dem sich anschließenden Feldweg parallel zum Naabufer gelingen flüssigere Bewegungen und ein paar Minuten später bin ich endlich im Wettkampf angekommen. Tatsächlich wundere ich mich jetzt sogar über die unverhoffte Leichtigkeit meiner Schritte. Bremse mich zur Sicherheit, um mein Pulver nicht vorzeitig zu verschießen. Und, weil ich weiß, wie schnell diese Leichtigkeit verfliegen wird.

Eine dünne Reifschicht überzieht die Wiesen, Beleg für derzeitige Minusgrade in Bodennähe. Mich wärmt die arbeitende Muskulatur mehr und mehr durch. Schafft so die Voraussetzung dafür, prächtige Bilder einer herbstlich kolorierten Welt in jenen Hirnwindungen einzublenden, wo Staunen und Freude wohnen. Anfangs noch von Wiesen und Feldern umgeben, jogge ich nach anderthalb Kilometern durch einen bunten Dom und das in Spuckweite neben der träge fließenden Naab. Alle flotten Läufer nahmen längst Reißaus, nur „Greppi“* und ich (und wenige andere weiter hinten) krebsen hier noch rum. Wie es aussieht wetteifere ich mit Greppi um einen speziellen Pokal: Langsamster Marathoni des Tages. Mal hält Greppi die Spitze, dann wieder ich. Infolge gehäufter „Fotosessions“ gerate ich allerdings bald ins Hintertreffen. Der Gedanke die Marathon-„konkurrenz“ mit der „roten Laterne“ zu bestreiten und zu beenden hat seinen „Schrecken“ eingebüßt. Anscheinend macht Laufopa Udo auch mental Fortschritte.

*) Andreas Greppmeir, alias „Greppi“, wohnt wie ich im Augsburger Raum und startet für die Laufgruppe Team TOMJ. Als Marathonsammler sozusagen „zwangs-läufig“ trafen wir uns schon auf vielen Strecken.

Auch bei meinem letzten Marathon im Naabtal, vor ziemlich genau zwei Jahren, raschelte Herbstlaub unter den Füßen. Seither wollte das Knie hier nicht mehr laufen, genauer: es wollte überhaupt nicht mehr laufen. Zwei Jahre, die, vom Teilverlust meiner läuferischen Potenz abgesehen, nicht das Mindeste verändert zu haben scheinen. Sogar die Kulisse der uferständigen, sich im stillen Wasser spiegelnden Büsche und Bäume kommt mir vertraut vor. Und Kulissen brauche ich für meine Fotos. Dazu Greppi, von dem ich hoffe, dass er sich fotogen im bunten Rahmen einpasst.

Wald wurde nach Minuten durch Wiesen, alsbald von der Ortschaft Pielenhofen abgelöst, die Naab blieb zur Orientierung erhalten. Die Parade der flotten 10 km-Läufer im Gegenverkehr habe ich bereits komplett abgenommen, fünf Kilometer liegen hinter mir. Was ist das? - Badegäste am jenseitigen Ufer? Ich schaue ein zweites Mal hin: Kein Trugbild, gerade waten drei Unerschrockene beiderlei Geschlechts ins tiefere Wasser. Noch nicht ganz „Eisbaden“, aber auch nicht mehr weit davon entfernt. 'Wer's mag' denke ich und lasse die Szene schaudernd hinter mir.

Pielenhofen ist kein besonders attraktiver Ort, zumindest nicht in den von der Strecke berührten Teilen am diesseitigen Ufer der Naab. Jenseits des Flusses bildet das bekannte Kloster mit wuchtigen Bauten einschließlich Klosterkirche die Ausnahme. Heute aber auch nur, so man sich Gerüst und Baukran wegdenkt. Noch immer bin ich für meine Verhältnisse leichtfüßig unterwegs und sehe mich zuweilen genötigt das Tempo der Vernunft gehorchend zu stutzen. Das Dorfende kommt in Sicht und ganz zuletzt auch das Depot der Selbstverpflegung: Am Straßenrand steht ein Klappstuhl, darauf eine Faltbox.

Es war nicht „weise Voraussicht“, noch akribisches Planen, die mich - auch das ein Novum in meiner Laufhistorie - veranlassten eine Thermosflasche mit heißem Früchtetee in der Box zu hinterlegen. Ursächlich war unzweifelhaft das stetig wachsende, altersbedingte Verlangen nach Annehmlichkeiten, das „Nicht-länger-Hinnehmen-Wollen lauf-immanenter Scheußlichkeiten“. In diesem Fall die Aussicht ein paar Grad kaltes Wasser trinken zu müssen. Und wie das so ist mit Neuerungen, anfangs fehlt’s an Perfektion, du lernst hinzu. In diesem Fall die Lektion, dass kochend heiß eingefülltes Wasser auch nach drei, vier Stunden geeignet ist dir Lippen und Mundschleimhaut zu verbrennen. Sch … ist das heiß! Die zum Trinken auch nur einer Schraubkappe mit heißem Tee zugebrachte Zeit an sich kümmert mich nicht, dabei stehend auszukühlen dagegen sehr.

Wieder unterwegs. In leichtem Anstieg am Talhang überhole ich Greppi, der wie angekündigt eine erste Gehpause einschiebt. Er möge sich auf dem Rückweg aus meiner Thermoskanne bedienen, biete ich dem Bekannten an. Mäßiges Schwitzen und XL-Kannengröße legen nahe, dass ich Tee in dieser Menge nie und nimmer aufbrauchen werde. Am höchsten Punkt der (noch) harmlosen Steigung kommt der Campingplatz von Pielenhofen in Sicht. Auch hier alles unverändert, deckungsgleich mit Bildern meiner Erinnerung. Dem Campingplatz schließen sich ein paar Gehöfte an, hinter denen mich ein weiterer, fest geschotterter Abschnitt des Naabradweges erwartet. Etwa sieben Kilometer geschafft heißt das. ERST sieben Kilometer sollte ich ergänzen, nach denen das anfängliche Gefühl von Leichtigkeit - wie erwartet - gewichen ist. Eigentlich nicht nur gewichen, es wurde von frühzeitig schweren Beinen abgelöst. Vielleicht spüre ich die Veränderung auch deshalb so deutlich, weil die morgendliche Windstille von einer bisweilen böigen, gegen die Brust drückenden Brise abgelöst wurde.

Der erste Läufer kommt von der Halbmarathonwende zurück, noch 3 Km etwa bis dorthin. Binnen einer Stunde hat sich der Mann bereits 2x3=6 km Vorsprung zur lahmen Ente Udo erkämpft. Selbst wenn man mein ausgesprochenes Schneckentempo, die überlange Verpflegungspause und die vielen Fotostopps rausrechnet, eine beachtliche Leistung. Reichlich fünf Minuten vergehen, bis ich seinem Verfolger begegne. Dessen Vermummung der unteren Gesichtspartie mutet an, als würde er nach einem Banküberfall vor seinen Häschern flüchten. Gleichzeitig mit dieser Beobachtung schlüpfe ich in den nächsten, von bunter Belaubung gebildeten Tunnel. Der tut sich allerdings schwer mit der anfänglichen Naturschönheit zu konkurrieren. Mittlerweile haben sich mal dünnere, mal dichtere Schleierwolken vor die Sonne geschoben: ohne Sonne kein herbstliches Leuchten.

Nach und nach grüße ich die übrigen Läuferinnen und Läufer mit verhaltenem „Hallo!“, einer Handbewegung oder auch nur einem Lächeln. Nur einmal gefriert dieses Lächeln, angesichts der blanken Oberschenkel einer blutjungen Läuferin. Okay, sie wird gewusst haben, was sie tut. Und, falls nicht, so hat sie inzwischen ihre Lektion gelernt … Als einem der Letzten - mich selbst trennen nun nur noch ein paar Minuten von der Wende - begegne ich Roland. Irgendwo in Bayern einen Marathon zu laufen und Roland nicht zu begegnen ist ziemlich unwahrscheinlich - bei vier von meinen fünf „Restart-M’s“ stand auch Roland an der Startlinie.

Die Sonne beeilt sich, das herbstliche Spektakel neuerlich in Szene zu setzen. Zumindest zeitweise fange ich zauberhafte Impressionen ein. Mit der Kamera, vor allem aber mit den Augen. Schon jetzt weiß ich, dass mich die Bilderbeute im Speicher der Kamera enttäuschen wird. Keine Kamera und kein Fotograf der Welt vermag wiederzugeben, was menschliche Augen im Stande sind einzufangen. Wenn ihr sehen wollt, was ich sah, dann kommt ins Naabtal, vielleicht im nächsten Herbst, und lauft dort ein paar Kilometer am Ufer entlang …

Die Wende: Andy hat sie als Punkt mit Wendepfeil auf den Asphalt gesprüht. Kehrt marsch und zurück. Unmittelbar darauf bleiben die Augen an einer kleinen, von Gesträuch eingerahmten Marienkapelle hängen. Oder doch nur eine Art Bildstock? Jedenfalls steht dieser Ausdruck bäuerlicher Frömmigkeit bereits seit 1775 an derselben Stelle und ist - schmiedeeisern in Worte gefasst - „DEN MUETTERN“ der Gegend gewidmet. Ein paar Schritte später sehe ich Greppi wieder. Der war noch nie hier, also weise ich ihn auf die nahe, in abschüssiger Kurve eventuell übersehbare Wendemarkierung hin.

Nun also kehrt marsch, in einem vom Viertelmarathon durchaus schon „angefassten“ Körper. Zu Beginn war es nur eine Vermutung, unterdessen bin ich sicher in der zweiten Hälfte für die relative Lauffaulheit der vergangenen Wochen büßen zu müssen. Ein Gedanke, der mich, wie etliche Male zuvor auf Lang- und Längststrecken, nicht zu erschrecken vermag. Irgendwie, notfalls auf dem sprichwörtlichen Zahnfleisch, erreichte ich noch immer das Ziel. Das wird auch heute so sein. Allerdings fürchte ich mich vor der Begegnung mit einem inneren Teufel, der mich auf Restart-Wegen die letzten Male heimsuchte. Ein ohne Vorwarnung in der Magenregion „zuschnappendes“ Phänomen, eine Art „Krampfen“, das zumindest ein paar Sekunden lang jegliche Ausdauerleistung blockiert, sich auch wiederholen kann. Fehlendes Training ist somit nicht alleiniges Motiv für die Tempozurückhaltung. Ärztliche Kunst versagte beim Versuch einer Erklärung des Geschehens, also zimmere ich sie mir notgedrungen selbst zusammen. Fortgesetzte Ausdauerleistung bei schon eingetretener Ermüdung weckt den Dämon auf. Vielleicht so: Irgendwann übersteigt die zum Laufen notwendige Energie den zu diesem Zeitpunkt noch möglichen Energiefluss. Und dann passiert’s. Wieso die Erscheinung sich nach (einer, zwei, drei Wiederholungen) jedoch wieder „verkrümelte“, und auch bei wachsender Erschöpfung nicht wieder auftrat … ? - Meine These ist ungefähr so schlüssig und endgültig wie das Bild vom Urknall als Ursache für die Entstehung des Universums.

In Höhe der „Biberrutschen“, die ich bereits auf dem Hinweg studierte, verhalte ich noch einmal meinen Schritt. An dieser und fünf weiteren Stellen war der Geselle mit dem platten Schwanz eifrig damit beschäftigt zu ernten. Fluss und Feld liegen hier dicht nebeneinander, nur von Rad-/Feldweg und Böschungen getrennt. Wo sich jetzt nackte, bereits mit Wintersaat bestellte Erde dem Blick darbietet, wuchsen noch vor ein paar Wochen Getreideähren oder übermannshohe Maisstauden. Auch wenn’s dem Bauern missfiel: Den tief ausgeschabten Rutschen zufolge schleppte Herr Biber reichlich Futter für den bevorstehenden Winter zu seiner Burg.

Zu laufen fällt mir nicht leicht. Um die weitere Entkräftung hinauszuzögern, warf ich kurz nach der Wende ein erstes Gel ein. Das nächste wartet, mit Klebestreifen an der Thermoskanne fixiert, am unbemannten Verpflegungsposten. Den habe ich mir als nächstes Zwischenziel gesetzt. Lange Distanzen in „praktikable Häppchen“ aufzuteilen und sie mir als Zwischenziele anzubieten, war schon „früher“ eine erfolgversprechende Methode zur mentalen Stabilisierung. Früher auf exorbitant langen Strecken, jetzt und an Tagen mit schwächerer Konstitution eben beim Marathon. Die Frage, wie ich die gesamten 42.195 Meter schaffen soll, wenn mich schon die Kilometer 13, 14, 15 dem Limit nahebringen, stellt sich zwar, wird aber mit bewährtem Totschlagargument in die Naab geschubst: Noch jedes Mal, wenn ich aufbrach, kam ich ins Ziel, musste nie aufgeben! Im Grunde fürchte ich den Verlust dieser „weißen Weste“ mehr, als den drohenden Abbruch selbst. Dass es irgendwann dazu kommen wird, scheint mir gewiss. Wollte ich mich davor schützen, müsste ich die Absicht Marathon zu laufen aufgeben, bevor die Verluste an Ausdauer und Robustheit zu groß werden. Bist du dazu bereit, Udo?

Außer Psychospielchen halten mich auch die immer wieder in Sonnenschein getunkten Ansichten bei Laune. Flecken und Fleckchen in allen Farben und Zwischentönen, die Mutter Natur im Herbst auf ihrer Palette hat. Auf diesem Abschnitt bin ich in der Tallandschaft alleine unterwegs. Okay, da war mal ein Radler, nun niemand mehr. Am Campingplatz parken einige Autos, die auf dem Hinweg noch fehlten. Menschen? Fehlanzeige. Dann doch jemand: Ein Auto mit einem Anhänger voller Feuerholz tuckert vorbei. Wieder Stille. Minutenlang. Steigung am Hang, kaum der Rede wert. Irgendwann bin ich hoch genug, erkenne voraus die Häuser von Pielenhofen. Sanft abwärts, was mir die Aufgabe erleichtert und alsbald stehe ich wieder vor meiner Thermosflasche.

Auf einer Kreuzung in Pielenhofen streift mein Blick die Wendemarke 10 km, laaaange 5 km bis zum Halbmarathon stehen mir also noch bevor. Mit Freude begrüße ich alsbald das Ende des Asphalts, ab hier wieder mehr Natur beidseits der Piste. Ob Asphalt oder fest geschotterter Naab-Radweg macht kaum einen Unterschied. Die Wege wurden samt und sonders für die bei gutem Wetter zu Hauf hier verkehrende Klientel - „echte“ Radfahrer und e-Moped-Ritter - präpariert, sind also weitgehend fest und eben. Einmal mehr öffnet sich vor mir der bunte Tunnel und erneut kann ich mich an Farben, Formen und idyllischen Wasseransichten nicht sattsehen. Überdies begegnen mir auf diesem Abschnitt mehrere andere Wettkämpfer zu Beginn ihres zweiten Umlaufs. Eine jede/einen jeden „empfange“ ich stehend, um sie/ihn möglichst naturgetreu und verwacklungsfrei ablichten zu können. Ich berausche mich geradezu an der Möglichkeit Läufer vor dem fantastischen Hintergrund herbstlich bunter Blätter und spiegelnden Wassers einzufangen …

Das dauernde Ausschauhalten nach Fotomotiven lenkt mich mehr von meiner Hinfälligkeit ab, als alles andere. So „fliegt“ die Waldpassage geradezu vorbei und nun fehlen nur noch zwei Kilometer, um den Haken hinterm Halben zu setzen. Davor gilt es zwei Hürden zu nehmen, den Scheitel der Naabbrücke und zuletzt den brutalen Buckel vor Andys Zuhause. Um den Dämon - das Phänomen - nicht auszulösen schalte ich jeweils ein paar Gänge runter. Falle in einen Schrittrhythmus, für den niemand den Begriff Tempo in den Mund nehmen würde. Wie soll ich die Gangart bezeichnen? Es ist nicht traben, noch joggen, schon gar nicht laufen. Tippeln trifft es auch nicht, damit verbindet man zwar kurze aber auch schnelle Schritte. Egal, was es ist, Hauptsache ich muss nicht gehen!

Lautstarkes Hallo für einen schwachen Mann - Andy begrüßt mich gewohnt überschwänglich beim HM-Zwischenstopp. Ohne Eile versorge ich mich: Süßpampe schlucken, klebrige Restsüße mit einer Mischung aus heißem Tee und kalter Limo runterspülen. Schmeckt auch nicht besser als Gel, also noch einen Becher Wasser zur Geschmackneutralisierung nachkippen. Ich packe verbliebene Gels in meinen Hüftgürtel, richte meine Kleidung und mache mich wieder auf den Weg …*

*) Die Kamera lasse ich zurück. Meine Fotos entstanden alle beim ersten Umlauf.

Die fehlende Distanz - noch 20, 19, usw. Kilometer - jeweils gedanklich zu formulieren ist okay, darüber nachzudenken tabu. Und bloß den Sinn meines Tuns nicht hinterfragen. Sogar das bringe ich dank bunter und sonstiger Ablenkung zuwege. Immerhin laufe ich noch und gemessen daran, wie sich das anfühlt, gar nicht mal so langsam. Unmissverständlich: Ich leide. Ebenso unmissverständlich: Das ist okay. Irgendwann ist Laufen ohne zu leiden nicht mehr möglich. Diese Aussage beziehe ich eigentlich nicht aufs Lebensalter, obwohl auch dieser Zusammenhang für den letzten Abschnitt eines Läuferlebens mehr und mehr zutrifft. Worauf ich abhebe ist das zum Erreichen eines Tagesziels, entlang einer langen Strecke, zu „investierende“ Leiden. Früher oder später beginnt die Not, wird zuletzt zur Qual - je nach Trainingszustand, Begleitumständen, Empfindlichkeit und Tagesform. Für mich war das auf Marathon- oder Ultradistanz auch früher Normalität. Noch einmal: Das war und ist okay. Es gehört für mich dazu. So früh wie heute sollte die Pein allerdings nicht einsetzen …

Immer mal wieder gestehe ich mir zu. meine missliche Lage still in Worte zu fassen: 'Boaah, ist das hart!' oder 'Oh Mann, tut das weh!' oder etwas anderes in der Art. Sätze, die im Kopf nicht jämmerlich nachhallen. Welchen Sinn sollte Jammern auch verfolgen, wenn niemand es hört? - Es ist lediglich eine Zustandsbeschreibeung, die es mir auf nicht erklärbare Weise erträglicher macht. Eine Art Mantra, das bei jeder Wiederholung ein Quantum Schmerz in eine Formel verpackt und damit aufhebt. Wie auch immer es wirkt: Ich komme voran. Pielenhofen und der Stop an meiner Thermosflasche liegen hinter mir. Weiteres Gel schwimmt verdünnt im Magen seiner Verstoffwechselung entgegen. Die leuchtend bunten Dome und farbenprächtigen Wälder an den Hängen gibt es noch, ihre Strahlkraft nimmt der Wirkung meiner anstrengenden Freizeitbeschäftigung folgend beständig ab. Um mich herum verdichtet sich ein Tunnel mit wachsend intransparenten Wänden, die immer weniger Außenwelt druchdringen lassen. War da noch was Erzählenswertes? Wer ist mir, wann begegnet? Schöne Ausblicke, idyllische Winkel, die erwähnt werden sollten? Ich kann mich nicht erinnern. Was der Tunnel mit mir macht, erläutert das Beispiel „Biberrutschen“: Wider besseres Wissen bin ich geneigt zu schwören, dass die Biberspuren beim zweiten Umlauf verschwunden waren.

Einziges Bestreben: Strecke machen. Vermutlich nehme ich wahr, fasse auf, erfreue mich an diesem oder jenem Panorama. Außer Anstrengung und Schmerz muss ich auch anderes gefühlt haben in diesen mehr als zweieinhalb Stunden, ließ meine Gedanken sicher auch um Gegenständliches kreisen. Wie sonst könnte eine so lange Spanne vergehen, während sich die Reststrecke unter meinen Füßen langsam aber beharrlich verkürzt. Wie sonst hätte ich die Stunden „geistesgesund“ überstehen können, wäre mein Kopf mit nichts mehr als Leiden beschäftigt gewesen?

Wende zwei und zurück, nur noch 10,5 Kilometer. Es ist legitim sich auch mal was vorzumachen. Oh ja, ist es! Zum Bespiel bewusst mit einem „nur noch“ vor 10,5 Restkilometern verharmlosen. Alles taugt, was hilft, was Aushalten fördert. Kenntnis der Strecke aufgefrischt, nun kenne sie wieder aus dem Effeff. Deshalb visualisiere ich den nächsten kleinen Abschnitt und formuliere ihn zugleich als Zwischenziel: ‚Wenn ich erst mal dort bin, dann …‘ Und so ich endlich „dort“ angekommen bin, malt sich meine Vorstellung die nächste Kleinstetappe aus: ‚Bringt mich dort hin Füße, dann ist es nicht mehr so weit!‘

Logisches Denken wird nach und nach von Gestammel, Formeln, Mantras verdrängt. Auch von eher sinnlosen Gedankenfragmenten, die durchs Bewusstsein wirbeln. Zufälliges, sinnloses Gedankengut, aus anderen Zusammenhängen gerissen. Weil das Hirn denken will. Denken muss. Es ihm aber an Geisteskraft gebricht einen anderen gedanklichen Faden zu spinnen, als immer wieder den vom #Ankommen!#. Und ankommen werde ich, das ist nicht mehr aufzuhalten. Ein letzter Stopp an der Thermosflasche. Meine Oase in der Kältewüste. Tatsächlich als Zufluchtsort empfunden, an dem ich kurz verweilen und mich laben darf. Flüssigkeit tanken, Kalorien bunkern und ein bisschen frische Entschlossenheit mobilisieren: Die restlichen knapp 6 Kilometer schaffe ich auch noch!

Pielenhofen bleibt hinter mir zurück, dem bunten Blätterreigen sehe ich entgegen, noch drei Kilometer. Keine Menschenseele unterwegs. Läufer ohnehin nicht mehr und sonntäglich Erholung Suchende verirren sich auch nicht auf die Piste. Sollte da doch jemand gewesen sein, der sich jetzt von mir ignoriert fühlt - Absicht steckt keine dahinter, es fehlt an Wahrnehmung und damit auch Erinnerung. Ein letztes Mal bringe ich Blätter unter meinen Füßen zum Rascheln, blicke wieder und wieder zum Wasser. Erbauung geht zu diesem späten Zeitpunkt davon nicht mehr aus. Wie eine ausgebrannte Raketenstufe durchs All, taumele ich meinem Ziel entgegen. Jegliches Trachten und alles Sehnen fokussieren sich einzig auf das nahe, erfolgreiche Finish. Beinahe erstaunt nehme ich zur Kenntnis auch diesmal die Naabbrücke mit zwar schleifenden Tippelschritten aber ohne Kurzrast zum Atemholen überwinden zu können. Dabei gehe ich äußerst zurückgenommen zu Werke, um nicht doch noch, wenige Minuten vorm Ziel, den Dämon in Leibesmitte zu wecken. Der lauert dort drin, dessen bin ich mir sicher. Und wenn ich den Bogen überspanne, dreht er mir zu schlechter Letzt noch eine Nase … Aber alles geht gut. Ich setze über die Uferstraße, biege zu Andys Behausung hin ab. Noch hundert Meter, darin - final - die Eiger-Nordwand-Rampe. Auch die vermag mich nicht mehr aufzuhalten. Zieleinlauf nach 5:34:58 Stunden.

 

Fazit zur Veranstaltung

Der Naabtal 50 Ultralauf mit seinen Distanzvarianten (Dreiviertel-, Halb- und ganzer Marathon, auch 10 km) offeriert Läufern nicht nur eine zu allen Jahreszeiten wundervolle Strecke. Hervorzuheben ist auch die familiäre Atmosphäre im limitierten Feld der Starter, ganz wesentlich geprägt von Andreas und Kristina Brey als Veranstalter und Gastgeber. Ein in jeder Hinsicht gelungener und somit empfehlenswerter Lauf.

Die Ankündigung der jeweiligen Termine erfolgt über die Veranstaltungsseite des 100 Marathon Clubs.

Von der ersten Auflage an verfolgten Andreas und Kristina mit ihrer Veranstaltung auch einen karitativen Zweck. Es wird kein Startgeld erhoben, dafür steht an Start/Ziel eine Spendenbox. Auf diese Weise kamen nun schon mehr als 8.000 Euro zusammen, die an den VKKK Ostbayern e.V. (Verein zur Förderung krebskranker und körperbehinderter Kinder) überwiesen wurden.

Fazit: Auch künftig sehr gerne wieder dabei!