22. März 2026

In Phasen zum Erfolg?  -  6-Stundenlauf Ottobrunn 2026

oder: Wie man aus einem Hamsterrad eine Gebetsmühle bastelt.

Ein Stück bayerische Laufkultur soll an diesem sonnigen, leider noch kalten Frühlingssonntag zu Ende gehen; genauer gesagt: erneut zu Ende gehen. Ausrichter Manfred und Angelika Rau hatten ihren 6-Stundenlauf schon vorletztes Jahr zu Grabe getragen, sich dann aber zu einer weiteren letzten Auflage entschlossen. Ich will ehrlich sein: Hätte es eine Marathonalternative an diesem Wochenende gegeben, ich wäre jetzt nicht hier. Einerseits meiner aktuellen körperlichen Verfassung wegen, der schon Marathonlänge „hinten raus“ zusetzt. Bei einem 6h-Lauf entstehen kaum Zeitverluste zur Versorgung. Alles steht/liegt an der Rundstrecke bereit, ist alle paar Minuten neuerlich verfügbar. Ich hege deshalb die „Befürchtung“, dass ich mich - so es passabel läuft - zu Ultradistanz (> 45 km) „verdonnern“ und einmal mehr total „aufarbeiten“ werde.

Weitere Bedenken betreffen die Psyche und ergeben sich aus dem Format: Im Hamsterrad mehr oder weniger enge Kreise zu drehen, in raschem Takt immer wieder dasselbe vor Augen geführt zu bekommen, hat für mich an Attraktivität eingebüßt - zurückhaltend formuliert. Das gilt umso mehr für die 1.442 m der Ottobrunner Strecke. Etwa die Hälfte einer Runde wird im Stadion gelaufen, der Rest tangiert einen Park, ein Wohngebiet und andere optisch reizlose Areale. Früher lautete mein Standardsatz: „Zur Not laufe ich einen Marathon auch in der Telefonzelle!“ Diese Zeiten sind vorbei und das nicht nur, weil es keine Telefonzellen mehr gibt. Älterwerden lässt das Bedürfnis nach Wohlfühlumständen ins Kraut schießen. Jedenfalls beobachte ich diese Entwicklung seit einigen Jahren bei mir selbst. Natürlich möchte ich laufen, auch mit Ü70, sehr gerne auch Marathon und weiter; wünsche mir dafür aber gute Voraussetzungen, eben auch Appetitliches für die Augen. Zusammengefasst: Den heutigen Lauf werde ich dahingehend klüger beenden, ob das Format 6h-Lauf noch genug Freude in mein Läuferleben bringt. Vielleicht geht heute aber nicht nur das Finale der Ottobrunner 6h-Läufe über die Bühne, sondern auch mein letzter Auftritt als Hamster.

Die Strecke zu beschreiben ist ohne Karte schwerlich möglich, siehe daher die Skizze im Text: Der Start des 35 Köpfe starken Feldes erfolgt im kleinen Park hinter zwei Wohnanlagen. Von dort vorbei an Tennisplätzen, Bürohäusern, zuletzt einem Hallenbad, hinein ins Ottobrunner Stadion, wobei sich mehrfach die Laufrichtung ändert. Der Stadionrasen wird auf der Laufbahn gegen den Uhrzeigersinn umrundet. Zuletzt bei gleichzeitiger Umkehrung der Laufrichtung hoch zur Tribüne, vorbei an der Sprecherkabine, die mit der Ziellinie identisch ist (die Distanz zwischen Start und Ziel beträgt knapp 1 km). Dort verrichten abwechselnd mehrere Rundenzählerinnen und -zähler ihren Dienst (meist jedoch Angelika Rau). Weiter am Außenzaun des Stadions und auf der Gegengerade durch ein Tor hinaus in den eingangs erwähnten Park. Insgesamt kommen bei einem Umlauf 1.442 m zusammen. Wer seine Runden mitzählt, sollte bis 30 kommen, sofern er sicher einen Marathon absolvieren will: 30 x 1,442 km = 43,26). Zwei zusätzliche Runden garantieren Ultradistanz: 32 x 1,442 km = 46,144 km. Nach Zielschluss wird eine Restmetervermessung vorgenommen. In der Ausschreibung wird der Kurs als „leicht wellig“ beschrieben. Tatsächlich sind an drei Stellen ein paar Höhenmeter zu überwinden (siehe Skizze).

Es ist neun Jahre her, seit ich zum ersten und bisher einzigen Mal hier war. In dieser Zeit hat sich zwar die Streckenführung nicht verändert, der Zahn der Zeit hinterließ jedoch Spuren im Stadion. Das Rot der einstigen Tartanbahn musste dem Schwarz groben Asphalts weichen. Vermutlich, weil man auf „Straße“ auch laufen kann und zum Austausch des maroden Tartanbelages (bisher?) die finanziellen Mittel fehlten. Derzeit werden offenkundig die leichtathletischen Anlagen für Springer und Stoßer renoviert. Es hat den Anschein, dass die Erhaltung der Sportstätten vom Nutznießer, dem hiesigen Verein, mit hohem Interesse verfolgt wird. Auch die Haupttribüne wirkt gepflegt. Für den Rest des Stadions gilt eher das Gegenteil: Der umlaufende Weg wuchert langsam zu, sein Pflaster ist an mindestens zwei Stellen aufgebrochen - aufpassen beim Laufen! Von der Gegentribüne haben Sträucher Besitz ergriffen. Im Grunde bin ich wie dieses Stadion: in die Jahre gekommen. Mit einem entscheidenden Unterschied: Im Gegensatz zur Sportanlage lassen sich meine Funktionalitäten leider nicht verjüngen. In der Hauptsache aus diesem Grund und mit geringen Abweichungen folgten meine jüngeren Marathonauftritte stets dem gleichen Phasenverlauf bis zur Erschöpfung. Heute wird es wieder so sein, und beginnt wie immer mit der …

Startphase.

Ich bin spät dran, unterschätzte den Zeitbedarf für die Anfahrt. Während ich mich oben an der Sprecherkabine anmelde, findet auf der Laufbahn schon die Einweisung statt. Kommentar von Angelika Rau, die mir die Startnummer aushändigt: „Da isser ja!“ Man hat mich anscheinend schon vermisst und fast abgeschrieben. Immerhin bleiben noch 25 min, um in den Katakomben des Stadions Unumgängliches zu erledigen. Sechs Minuten vorm Start stecke ich meinen Claim ab, soll heißen: Ich stelle meine Tasche auf die Laufbahn. Doch, wo sind die anderen abgeblieben? Irgendwer legt per Zuruf verschüttete Erinnerungen frei: Ach ja, Start außerhalb des Stadions! Also folge ich der Fährte eines anderen Nachzüglers und mische mich vier Minuten vor 9 Uhr unters wartende Läufervolk.

Andächtig lauscht man dargebotenen Laufanekdoten aus Manfred Raus offenbar beträchtlichem Fundus, schließlich ist es soweit. Das Runterzählritual hebt an, nach dem Willen von Manfred von 17 an (oder war’s eine andere Zahl?). O-Ton: „Von 10 rückwärts kann ja jeder!“ - Es hat nichts mit Altersstarrsinn oder Unlust zu tun, wenn ich nicht mitzähle. In nun fast 24 Marathonjahren, insgesamt 380 mal zuvor, habe ich mich, so dazu aufgefordert wurde, dem Countdown-Gruppenzwang verweigert. Weiß nicht warum, vielleicht, weil ich es einfach überflüssig finde oder im Schwarm vollzogene Automatismen grundsätzlich nicht mag. Egal: Null und los. Sofort leicht aufwärts zwischen Bäumen, auf von Gras durchsetzter Erde. Die Richtung ist nicht zu verfehlen, also achte ich ausschließlich darauf nicht über Randsteine zu stolpern und mein Tempo einzupegeln. Selbst am Schwanz des Feldes ist die Pace zu hoch, ich lasse mich weiter zurückfallen.

Alles wie immer in den ersten Minuten: War ich jemals in Laufschuhen unterwegs? In dieser Phase fühlt es sich fremd und ungewohnt an zu laufen. Nach und nach erwachen Organe, formieren sich Muskeln, Sehnen, Gelenke, komme ich ins Rollen. Dieser Effekt ist nicht neu oder dem Lebensalter geschuldet. Seit ich anfing ambitioniert zu laufen, meinen Körper auf maximale Ausdauer für lange und längste Kanten zu trimmen, empfand ich die ersten Minuten eines Trainings zum Abgewöhnen verheerend. Zwischen winterkahlen Bäumen und Hecken hindurch. Rechts: Ein von Bautätigkeit betroffenes Areal. Haufen aufgeschüttet, Bürocontainer sind zu sehen. Genauer weiß ich’s nicht und werd’s auch nicht erfahren, weil ich in den nächsten 6 Stunden nicht mehr bewusst hinschaue. Links: Bürogebäude, dazwischen kein Leben.* Nach 100 Metern 90 Grad-Knick nach rechts und runter. Vorsicht Wurzeln an der Ecke! Jeder Schritt legt mehr Details frei, an die ich mich erinnere, wie diese Fußangeln beim Abbiegen.

*) Unmittelbar südlich an den 6h-Parcous angrenzend residieren HighTech-Schmieden aus den Bereichen Rüstung, Luft- und Raumfahrt. Firmen wie iABG, Airbus Defence und Space, Ariane Group, u.a.

Rein ins Stadion, nach gottlob kurzer, steiler Abwärtsrampe aus Rasengittersteinen auf die Laufbahn. Asphalt jetzt für 400 Meter, den Füßen schmeichelnd und kraftsparend. Kurve, Gegengerade, zweite Kurve, vor der Tribüne und fast in Reichweite des Läuferbüffets vorbei. Ende der Laufbahn und nun aufwärts, zunächst wieder übers unangenehme Rasengitterpflaster, dann am Außenzaun entlang mit Richtungsumkehr. Vorbei an der Sprecherkabine, wo Angelika Rau meine Startnummer aufruft: „36!“ Das wird sich nun in jeder Runde so vollziehen. Meist werde ich mit „36“ begrüßt, falls ich nichts höre, rufe ich meinerseits „36“ in Richtung Kabine. Unterschlagt mir bloß keine Runde durch fehlerhaftes Zählen! Eine mehr oder weniger könnte für mich den Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern ausmachen. Weiter am Zaun über bemoostes und mit Flechten bedecktes Pflaster, sanft hinab. An zwei Stellen muss ich achtgeben, um nicht über aufragende Pflastersteine zu stolpern. Achtgeben - auch etwas, dessen Bedeutung mit zunehmendem Alter wächst. Weil du als Senior langsamer läufst - laufen musst -, deine Schritte sich dadurch verkürzen, du überdies die Füße nicht mehr so hoch wie früher hebst. Durch eine offen stehende Gittertür verlasse ich das Stadion und lege die letzten zweihundert Meter bis zum Start zurück. Runde 1 absolviert, 0 Runden gezählt.*

*) Beim ersten Passieren des Ziels wurde keine Runde gezählt. Die 972 m vom Start bis zur Ziellinie werden am Ende addiert.

Eingelaufen? - Eher noch nicht. Vor allem spüre ich die Kälte und bin froh mich pro Laufmütze entschieden zu haben. Leichter Wind weht eisig von Osten durch den Park. Also Stehkragen zulassen, Mütze tiefer in die Stirn. Und der Gedanke Handschuhe überzustreifen (worauf ich letztlich verzichte) ist im wahrsten Sinne des Wortes auch nicht von der Hand zu weisen … Wieder im windgeschützten Stadion: Hier wärmt die Sonne bereits und ich gleite von der Start- in die …

Frühphase.

Es dauert vielleicht vier, fünf Runden bis sich Langeweile einstellt. Schlicht weil nichts zu tun ist, außer Schritt an Schritt zu reihen. Schon Achtgebenmüssen, egal auf was, empfinde ich als Abwechslung. Wurde ich gezählt? Startnummer gehört, weiter. Achtung Fußangeln: im Pflaster, vor Randsteinen, Wurzeln an der einen Ecke. Laufweg optimieren ist „nice“. Obwohl: da ist eigentlich nicht viel zu tun. An einer Ecke im Park bin ich unschlüssig: Das gespannte Trassenband lässt eine breite Lücke zwischen Baum und Abfallkorb am Wegrand. Abkürzen wär möglich, entspräche aber wohl kaum der vorgesehenen Strecke. Ich hole aus, laufe um den Müllbehälter rum. Und das werde ich verdammt nochmal so lange wiederholen, wie mich meine Beine hier vorbei tragen. - Ein bisschen vorausschauende Indiskretion sei an dieser Stelle erlaubt: Einige andere, natürlich die Starken und Schnellen, die miteinander im Wettstreit stehen, bedienen sich konsequent der „Abkürzung“. Drei, vier Meter weniger pro Runde bringt das durchaus. Soll ich vielleicht auch … ? - Ich bringe es einfach nicht über mich. Früher nicht, und warum sollte ich nun, als Marathonopa, mein Gewissen beflecken?

Runde 6 abgehakt, mit etwa neuneinhalb Kilometern auf der Sohle halte ich aufs Büffet zu und trinke einen Becher Wasser. Dann ein paar Meter zur Tasche und runter mit dem ersten Gel. Einen Umlauf zuvor hatte ich mit Cola schon mal „vorgespült“. Weiter jetzt, das Manöver hat nicht mehr als eine halbe Minute gekostet - ersichtlich im Nachhinein an den Rundenzeiten, die mit geringer Varianz um die 10:35 min pendeln. Jetzt ein Ausreißer mit 11:08 min. Endlich mentale Beschäftigung: Während ich weiterlaufe lege ich die Gel-Intervalle fest … Bis auf weiteres alle drei Runden ein Gel. Das nächste greife ich mir folglich in Runde neun, etwa 14 km nach dem Start. Auf diesem Abschnitt vollzieht sich der Wechsel zur nächsten Phase, der …

Phase der gestressten Beine.

Gestresste Beine meint schwerer werdende Beine - natürlich zu früh, dennoch später als zuletzt am Bodensee. Schon die zweite Erkenntnis, die mich optimistisch stimmt. Erstmals Freude nach 10,55 km, dem Viertelmarathon, für den ich etwa 1:15 Stunden brauchte. Zuversicht also. Ja schon aber auch Stirnrunzeln: 4 x 1:15 = 5 Stunden. Mit anderen Worten: Ich bin für meine Verhältnisse zu schnell unterwegs. Ich versuchte verhaltener zu traben, was mir aber nicht recht gelingen wollte. Was ich den „Fluch des eingeprägten Laufrhythmus“ nenne, trug und trägt mich tempokonstant voran. Selbst die inzwischen schwereren Haxen ändern daran nichts. Vielleicht bin ich auch zu wenig konsequent in der Selbstbeschränkung, hege insgeheim Hoffnungen, die ich mir nicht eingestehen will …

Übrigens stressen nicht nur die Beinmuskeln. Auch Hauptpopomuskel Gluteus Maximus links wie rechts mosert rum. Und dann ist da noch die linke Fußsohle, die sich heute eine Extrawurst brät: Immer mal wieder für einige Meter schmerzt sie in Höhe der Ferse beim Auftreten. Weiß der Kuckuck wieso (einen Kuckuck habe ich übrigens hier in Ottobrunn nicht gehört, dafür aber einen klopfenden Specht). Ernsthafte Bedenken löst das diverse Knirschen im Fahrgestell nicht aus. Es stellte sich zuletzt immer ein, früher oder später, von der auf- und abschwellenden Intensität ging aber nie Gefahr aus zu scheitern.

Krasser als auf der Ottobrunner Runde im und ums Stadion wurde mir der Verlust an Laufbefähigung nach dem Comeback noch nicht vorgeführt. Weil ich vergleichen kann: Unterdessen erinnere ich mich deutlich daran, wie es vor neun Jahren war. Vor allem an den „buckligen“ Stellen im Kurs. Die geringen Steigungen waren von Runde eins an nicht zu überspüren. Seither intensivierte sich die Wahrnehmung kontinuierlich. Vor neun Jahren und mit deutlich höherer Pace nahm ich die Bodenwellen erst in der Schlussphase als belastend wahr.

11 Uhr vorbei, zwei Stunden gelaufen, und noch immer mit verhülltem Kopf und geschlossenem Kragen unterwegs. Meine strahlende Freundin müht sich redlich für mich, der verfluchte Ostwind hält eisig dagegen, hat inzwischen aufgefrischt, pfeift zuweilen sogar böig durch den Parcours. Besonders zwei Abschnitte sind windanfällig: Oberhalb der Haupttribüne und im Park, wo das Gebläse die Trassenbänder laut und hochfrequent flattern lässt.

Vorab vermutete ich keinen Laufbekannten zu treffen, bis ich Manfred kurz vorm Start erkannte. Eine Gelegenheit zum Austausch ergab sich nicht, nach dem Startschuss war er alsbald enteilt. Unterdessen hat es der Zufall so eingerichtet, dass er mir Runde um Runde an zwei stets gleichen Stellen entgegenkommt: Wenn ich ins Stadion laufe, wetzt er ums Eck, hoch zur Zählerkabine. Eine Minute später nehme ich die Kurve vor der Haupttribüne und er passiert dieselbe Stelle am Außenzaun. Mehrfach wiederholt sich die Begegnung, mit nur wenigen Metern Versatz. Schlussfolgerung: Wir traben während dieser Wettkampfphase im selben Tempo. Irgendwann schaue ich nicht mehr bewusst hin, stumpfe ab, bewege mich folglich bereits in der …

Phase des unabsehbaren Endes.

Ich halte mein Tempo, sammele Runden, versuche beim Zählen nicht den Überblick zu verlieren. Ohne GPS am Handgelenk wäre das nicht möglich. Eine offizielle Anzeige absolvierter Runden „in Echtzeit“ gibt es nicht. Lediglich Anschläge des Zwischenstandes nach jeder vollen Stunde. Nach der Halbzeit nehme ich die Liste kurz in Augenschein: 16 Runden wurden mir gutgeschrieben. Kurze Verunsicherung: Kann das stimmen? Müssten es nicht 17 sein? - Um sicherzugehen, hätte ich mir merken müssen, an welcher Stelle der Strecke ich zum Stundenwechsel unterwegs war. Hab ich aber nicht. Okay, hole ich nach, wenn vier Stunden um sind.

Zweifel, verbunden mit Runden-Stunden-Hirnakrobatik, haben mich aus dem Tunnel geholt und meine Wahrnehmung geschärft. Wahrscheinlich deshalb fällt mir auf, dass ich Manfred nicht mehr begegne. Also halte ich Ausschau nach ihm. Als ich ihn im übersichtlichen Stadion entdecke, steht fest, dass sein Vorsprung abgeschmolzen ist. Einige Umläufe später überhole ich ihn sogar. An sich ist diese Episode völlig belanglos, weil ich weder mit ihm noch irgendwem anders wettkämpfe. Nur hilft jedwede Begebenheit, auch fortwährendes Rundenrechnen oder die gedankliche Beschäftigung mit anders Nebensächlichem die Ödnis der sich wie Kaugummi ziehenden Zeit zu überstehen. Weil halt nicht wirklich etwas „passiert“ in diesen sechs Stunden, es nichts zu sehen gibt und nur selten etwas zu tun ist. Und noch was hilft: Der Eintritt in die …

Mantra-Phase.

Bald sind vier Stunden um. Mit 3:52:xx auf der Uhr passiere ich die Sprecherkabine, werde also vorm Stundenwechsel keinen weiteren Umlauf mehr schaffen. Vor ein paar Minuten, im Park, an der Startlinie, vollendete ich Runde 21. Exakt diese Zahl sollte nachher als mein 4h-Zwischenergebnis angeschlagen stehen … Einstweilen werde ich mir im Park Runde 22 „abholen“. Und dann, in Höhe der Startlinie, denke ich: Die „abgeholte“ Runde werde ich jetzt „ins Ziel tragen“. Als sich diese Gedanken erstmalig in meinem Kopf formen - „Runde xx abholen und Runde xx ins Ziel tragen“ - ist mir noch nicht klar, dass ich gerade ein Mantra erschaffen habe. Ein Mantra, mit dem ich das Hamsterrad sozusagen „spirituell auflade“ und in eine Gebetsmühle verwandele. Die drehe ich fortan unentwegt, entwickele sogar Varianten meines Mantras. Etwa nach voreiliger Entgleisung: „Jetzt hole ich Runde xx ab und trage sie ins Ziel!“ Sofort nötige ich mich zu Geduld: „Nun mal langsam, Udo: Erst Runde xx abholen, dann sehen wir weiter!“

Die 4h-Zwischenwertung beseitigt (letzte schwache) Zweifel: Tatsächlich stehen 21 Runden auf meiner Habenseite. Alles korrekt gezählt. Die physische Selbstwahrnehmung nach immerhin zwei Dritteln der Laufzeit und etwa 32 Kilometern ist zwar „unfein“, beruhigt mich indes. Wie gehabt drehe ich die Gebetsmühle auf schweren, klagenden Beinen. Das „Unfeine“ hat sich jedoch nicht intensiviert. Meine Ampel zeigt weiterhin grün.

10 Runden noch bis Marathon, 12 zum Ultra. Es mag schwer sein und wehtun, nichtsdestotrotz büßte ich über vier Laufstunden kaum Tempo ein. Okay, wenn ich trinke und Gel einwerfe, lasse ich mir mehr Zeit. Mein Trotten stabilisiert sich danach aber wieder bei etwa 7:20 min/km. Alles, was ich unterwegs auf langen und längsten Strecken in mehr als 20 Jahren an mentalen Tricks und Gehhilfen erlernte, kommt auch heute zum Einsatz. Verdrängen gehört dazu, das heißt sich permanent auf äußere Eindrücke oder (vermeintlich) wichtiges Erwägen zu fokussieren. Auf allem „herumdenken“, das nichts mit dem eigenen, zunehmend müden und „wunden“ Körper zu tun hat. Und wenn sich gerade nichts zum Denken anbietet, nichts zu tun ist, dann dreht man halt die Gebetsmühle: „So, jetzt Runde 23 abholen!“ und dann, irgendwo da draußen im Reizlosen: „Runde 23 komplett, die trage ich jetzt ins Ziel!“

Drei Anstiege: Aufwärts im Park, am Ende der Stadionrunde, dann nochmal am Außenzaun - längst registriere ich die kurzen Rampen als veritable Anstrengungen. Zugleich signalisiert mein Körper vom Limit noch weit entfernt zu sein. - „Also los: Runde 25 abholen!“ und dann: „Runde 25 fertig und jetzt ins Ziel bringen!“ - mein Mantra. Vermutlich hat es sich ergeben, weil ich es brauchte. Was verständlicher wird, wenn ich mal aufzähle, was mir in den vielen zäh tropfenden Minuten, Viertel- oder halben Stunden sonst noch Abwechslung verschafft:

  1. Es ist jetzt warm genug, also endlich die Mütze ausziehen und am Claim deponieren.
  2. Trinken und Gel schlucken.
  3. In den Stadionkatakomben die Toilette aufsuchen.
  4. Trinken und Gel schlucken.
  5. Zwischenergebnis nach 5 Stunden checken: 27 Runden gelistet. Stimmt, Haken dahinter.
  6. Trinken und Gel schlucken.
  7. Bemerken und d‘rauf ‘rumdenken, dass inzwischen weniger Läufer zeitgleich unterwegs sind.

Manchmal fühle ich mich ziemlich vereinsamt. Anscheinend bringt man/frau sich mit Ruhepausen über die Zeit. Eine erlaubte Taktik, der ich mich allerdings nur in begründeten Ausnahmefällen bediente. Zum Beispiel bei einem 24-Stundenlauf drei Wochen vor dem Spartathlon. Da setzte ich mich gegen Ende tatsächlich auch ein paarmal für einige Minuten auf eine Bank. Nicht, um auszuruhen, sondern weil es seit einiger Zeit im Fußgewölbe zwickte. So kurz vorm wichtigsten meiner Wettkämpfe wollte ich keine Verletzung riskieren. Außerdem würde ich mit über 160 gelaufenen Kilometern (ca. 240 km gesamt in jener Trainingswoche) mein Soll auch so erfüllen. Ansonsten folgte ich stets meinem läuferischen Glaubensbekenntnis, dem simple Logik zugrunde liegt: Warum sollte ich einen 6/12/24 Stunden dauernden Wettkampf antreten, wenn es mir nicht möglich ist während der gesamten Zeit zu laufen? Okay, dieser Tage kann ich mir schon vorstellen das Handtuch früher zu werfen. Aber nur, wenn 42,195 km sicher sind und ein irgendwie geartetes Martyrium mich überwältigt. So weit bin ich aber noch lange nicht. Weder physisch, noch mental: „Runde 28 abholen!“ - später: „Jetzt Runde 28 ins Ziel tragen und zählen lassen!“

Noch zwei Runden bis Marathon. In Wirklichkeit natürlich weniger, denn Runden vollenden sich im Park in Höhe der Startlinie. Und dort werde ich nach 30 Runden bereits 43,3 km auf den Schlappen haben. Grob gerechnet überschreite ich Marathondistanz folglich nach 29 Umläufen plus 500 m. Ich rechne das tatsächlich aus, im Kopf, mit diesen krummen Zahlenwerten. Dass es noch geht, dass ich nach fünfeinhalb Laufstunden noch erfolgreich das kleine Einmaleins bemühe, spricht für die ökonomische Verwaltung meiner Ausdauerressourcen über die lange Zeit. Das jedenfalls würde ich schlussfolgern, sofern jemand Erstaunen äußerte. Ansonsten stellt die arithmetische Gehirnakrobatik keine besondere Leistung dar. Nicht für einen Menschen meiner Generation, die zu einer Zeit die Schulbank drückte als „Skills“ wie Kopfrechnen noch schul-überlebenswichtig waren, gefordert und gefördert wurden. - „Auf geht’s: Ich hole mir jetzt Runde 29!“ … und im Park an der Startlinie: „Und jetzt bringe ich die Runde 29 ins Ziel!“ Okay, 29 Runden geschafft, jetzt noch 500 m weiter, dann ist der Marathon perfekt. Ungeduldig behalte ich den Entfernungsmesser im Auge. In Höhe Marathon habe ich ungefähr 5:17 Stunden auf der Uhr. Kein schlechter Wert, wenn ich meine Überwinterungsform als Maßstab anlege. - Als ich mit Runde 29 im Gepäck an der Zählerkabine vorbei zuckele, bin ich in Wahrheit schon mit Kurs auf Nummer 30 unterwegs, darüber hinaus seit ein paar Minuten alarmiert! Ich merke, dass sich „etwas“ anbahnt. Es droht eine …

Schlussphase mit Phasenfehler.

Was sich anbahnt, weiß ich genau, auch wie sich das Phänomen äußern wird. Nur weiß ich nach etwa einem Jahr Koexistenz mit dem Troll im Leib immer noch nicht, was es ist. Vorsorglich atme ich tiefer und in den Bauch hinein, nehme auch Tempo raus. Doppelstrategie, die den „Ausbruch“ hoffentlich verhindert. Immerhin fehlt noch eine halbe auf volle sechs Stunden.

Das Mantra ist kaputt, ich konzentriere mich jetzt auf meinen Magen. Nicht, weil es dem schlecht ginge, doch wenn der Troll mich attackiert, dann packt er meinen Magen. Dort spüre ich vage, dass sich etwas zusammenbraut. Mehrmals sehr kurz, dann laufe ich ein paar Schritte weit noch verhaltener … Auf diese Weise laviere ich durch Runde 30 und beginne Nummer 31 … Doch alle Vorsicht der letzten Minuten hilft nicht, irgendwann krampft es doch in der Magengegend und ich muss stehenbleiben. Ein paar Sekunden. Dann wieder antraben …

Ich spüre das Merkwürdige mitten im Leib, wo Menschen für gewöhnlich den Magen haben. Ich nachweislich auch. Dass „es“ genau dort „krampft“, heißt aber nicht, dass der Magen etwas damit zu tun hätte. Genau besehen ist es nicht einmal ein „Krampf“, weil sich kein Gewebe, keine Muskeln anspannen. Den Magen hatte ich lange als Aggressor in Verdacht, nachdem meine Ärzte den Troll, nirgendwo dingfest machen konnten. Vor allem nicht in der lebenswichtigen Blutpumpe. Aber der Magen ist ohne Schuld. Unterdessen unterstelle ich eine Reaktion meines Energiestoffwechsels oder jenes Teils des Nervensystems, das den Energiestoffwechsel steuert. Und zwar, wenn eine Situation eintritt - und sei es nur kurz -, dass die Laufmuskulatur mehr Energie benötigt, als der Körper bereitstellen kann. Zieht dann das Nervensystem die Notbremse? Das „Abreißen“ des Energieflusses geschieht immer nur beim Laufen. Entweder, wenn ich längere Zeit mit insgesamt zu hohem Tempo unterwegs war, so wie gerade eben. Oder auf kürzeren Distanzen bei deutlich höherer Energieflussrate. Bei einem Intervalltraining ist mir das auch schon widerfahren.

Überaus verhalten trotte ich durch Runde 31. Betrete das Stadion, umkurve die Rasenfläche. Vor der Haupttribüne nehme ich mein „Klötzchen“* entgegen, nur noch eine Viertelstunde bis Ultimo. Der labilen Situation angemessen, nehme ich vorm „Aufstieg“ zur Galerie nochmal Geschwindigkeit raus … Der Troll hält sich zurück. Runde 31 wird gezählt.

*) Der Zielschluss erfolgt bei Stundenläufen durch ein akustisches Signal (Schuss oder Hupen), das überall im Rund zu hören ist. Die Läuferin/der Läufer bleibt augenblicklich stehen. Danach wird eine Restmetervermessung von der Ziellinie aus vorgenommen. Um nicht am individuellen Zielpunkt warten zu müssen, lässt man die in einer der letzten Runden übergebene Kennung, eine Art Staffelholz mit Startnummer, an Ort und Stelle zurück.

„Es“ sucht mich erneut heim. Stehenbleiben. Kurz. Wieder antraben, noch verhaltener, kaum Raumgewinn. Ich schaue auf die Uhr. Mir bleiben mehr als 13 min, um die Zählkabine noch einmal zu erreichen, um Runde 32 zählen zu lassen. Das wird reichen. Gaaaanz laaangsam voran. Natürlich reitet mich irgendwann der Teufel (der Troll?) und ich werde wieder schneller … Zack! greift’s nach meinem Magen. Diesmal heftiger. Okay, der Not gehorchen und ein paar Schritte gehen … Puls runter, Energiebedarf runter, … wieder tippeln … und Zack! Stehenbleiben. Auf die Uhr schauen: Passt, noch reichlich Zeit, gleich bin ich im Stadion. Ins Stadion trotten … jetzt bitte nicht mehr! In Höhe der Gegengerade schallt es von der Tribüne herüber: „Noch vier Minuten!“. Vier Minuten für ungefähr 300 Meter, das reicht! Um die Kurve, vor der Tribüne vorbei, ein allerletztes Mal hoch zur Galerie … „Noch eine Minute!“ tönt es von unten. Und schließlich: Zack! - nein nicht der Troll diesmal - Runde 32 wird gezählt. Ich schlurfe noch ein Stück weiter, vernehme anschwellendes Hecheln hinter mir. Da hat’s einer ganz zum Schluss noch mal eilig, dann endlich das Schlusssignal!

Ich lasse mein Klötzchen zurück und mache mich auf den Weg zur Verpflegung. Natürlich habe ich längst ausgerechnet, wie viele Kilometer ich sammelte. So kann ich Manfreds Frage beantworten: „Wenn richtig gezählt wurde, dann waren es ungefähr 47 km!“ - Die spätere Auswertung präzisiert meine Überschlagsrechnung: 47,197 km (Platz 1 in der AK) stehen in der Ergebnisliste für meinen 15. Sechsstundenlauf. War’s mein letzter?

Fazit zum Lauf

Stundenläufe sind nicht mehr mein Ding. Lange Zeit in kurzem Rund kreisen und dabei kaum Eindrücke sammeln, war früher schon mein maximal zweitliebstes Format. Weiträumig in einer Stadt, besser noch in der Natur unterwegs zu sein, war stets kurzweiliger und schon dadurch befriedigender. Was schlussfolgere ich aus dem Ottobrunn-Erlebnis? - Bei 6h-Läufen werde ich, wenn überhaupt, nur dann noch zu finden sein, wenn sie heimatnah stattfinden und sich zur gleichen Zeit keine Alternative auf längerer Strecke anbietet.

Fazit zur Veranstaltung

Erklärtermaßen wollen Angelika und Manfred Rau keinen 6h-Lauf in Ottobrunn mehr veranstalten. Falls doch, verweise ich auf meine Wertung aus 2017. Strecke und hohe Qualität der Durchführung haben sich nicht verändert.