23. Januar 2026

Bei Frost ohne Frust  -  Rund um Rutesheim (RuR)

Seit Tagen hielt ich die Wetterentwicklung in Süddeutschland im Fokus der WetterApp. Insbesondere den Landstrich zwischen meiner Haustür nahe Augsburg und dem 180 Straßenkilometer entfernten Rutesheim (15 km westlich von Stuttgart). Dort hatte Norbert Fender die 110. Auflage seiner Marathonserie RuR (Rund um Rutesheim) für Freitag 23. Januar ausgeschrieben. Der Termin kam meiner Absicht entgegen, irgendwie Marathonreichweite über diesen ungewohnt harten Winter zu retten. Waren doch seit dem Wintersonnengeschenk in Ostfildern schon wieder drei Wochen ins Land gegangen. Und bis zum mutmaßlich nächsten Lauf im Februar würden weitere drei Wochen verstreichen. Also bibberte ich im heimatlichen Nebel bei Dauerfrost der Entscheidung entgegen: Würde der anvisierte Tag die Voraussetzungen für eine Teilnahme erfüllen? Unabdingbar wären: 1) risikolos befahrbare Straßen und 2) erträgliche Klimabedingungen am Laufort. Die derzeit - im wahrsten Sinne des Wortes - eingefroren stabile Wettersituation schien beide Wünsche zu erfüllen. Tatsächlich durfte ich sogar auf Sonnenstunden und Plusgrade am Nachmittag hoffen.

10:20 Uhr in Rutesheim, 0°Celsius und Sonnenschein, ich laufe los. Bislang hat der Tag meine Erwartungen erfüllt. Mal sehen, ob er auch meine Hoffnungen hinsichtlich des Laufes selbst bedient. Dass es kein Zuckerschlecken werden wird, steht fest. Sollte ich körperlich „ungestraft“, also weniger als völlig erschöpft, wieder heimfahren dürfen, wäre ich jedoch hochzufrieden. Wo bin ich hier und, welche Strecke erwartet mich? - Rund um die württembergische Kleinstadt Rutesheim erstreckt sich ein abwechslungsreicher, halbmarathon-langer Kurs, etwa zu gleichen Teilen auf asphaltiertem oder fest und meist fein geschottertem Untergrund. Die Laufrichtung ist frei wählbar. Gestartet wird in Wurfweite zu Freizeitanlagen an der Rutesheimer Peripherie, unweit eines Parkplatzes. Die Autobahn A8 zerschneidet den Kurs in ungleiche Teile. Sie wird pro Runde an drei Stellen über- bzw. unterquert.

Von vier Veranstaltungen her kenne ich die Strecke gut, war aber ziemlich genau zwei Jahre nicht mehr hier. Knieverletzung und nachfolgende Rekonvaleszenz hielten mich fern. Gründe, die zugleich die Feststellung die RuR-Runde zu „kennen“ relativieren. Damals schüttelte ich einen Marathon noch vergleichsweise locker aus den Beinen. Die Zäsur einer mehr als ein Jahr währenden Marathonpause raubte mir Ausdauer und Robustheit, die ich mir infolge Lebensalters nur zum Teil wieder aneignen konnte. Nach dem ersten von bislang acht Marathons im August stieg meine Formkurve zunächst an. Nicht so steil, wie ich mir das gewünscht hätte, aber immerhin. Verschlepptes Training und die kalte Jahreszeit, zuletzt der harte Winter, kehrten die Tendenz um. Seither werde ich stetig schwächer. Diese Entwicklung, wenn nicht umzukehren, so doch wenigstens zu stoppen, ist heute vordringliches Ziel.

Die ersten etwa 150 Meter in Richtung Stadt bis zu einem Umkehrpunkt dienen unter normalen Umständen dazu die Runde auf exakt Halbmarathonlänge zu justieren. Normalerweise, nur nicht heute. Denn heute gilt eine Streckenvariante, die - das wird mir Veranstalter Norbert später erzählen - etwa 150 - 200 m länger ist. Vom Umkehrpunkt geht es unter der Autobahnbrücke hindurch und unmittelbar dahinter, parallel zur A8, einen gemein steilen Buckel hinauf. Der fordert meinen noch nicht leistungsbereiten Körper heftig. Ich wuchte mich empor, begleitet vom Rauschen des dichten Verkehrs auf der Schnellstraße. Diese Begleitmusik bleibt mir noch eine ganze Weile erhalten, bis mich etwa zwei Kilometer später der Schalldämpfer Wald vom Getöse befreit. Bereits während dieses Auftakts folgt Bodenwelle auf Bodenwelle. Natürlich darf ich auch mal abwärts joggen, trabe aber gefühlt und wohl auch tatsächlich immer weiter hinauf …

Vor zwei Tagen gönnte ich mir ein kurzes Abschlusstraining, wollte für etwa eine halbe Stunde die Beine lockern. Mein Kommentar danach: „Wenn ich übermorgen in Rutesheim so drauf bin wie heute, brauche ich gar nicht erst loslaufen!“ - Grottenschlecht meine Verfassung, also mindestens Biorhythmus im Keller. Und heute? Jetzt? - Unmöglich einzuschätzen, bisher hatte ich noch keine ebene Etappe unter den Füßen. Zum steten, wenn auch moderaten Auf und Ab gesellt sich Frost hier im Wald. Beinhart gefroren alle Wege. Die bald nach dem Start vorgenommene Marscherleichterung - Handschuhe aus und Jacke öffnen - habe ich rückgängig gemacht.

Wie erwartet steht er da, riesenhaft in den Himmel ragend, scheinbar unverändert, ganz so, als wäre unsere letzte Begegnung zwei Tage statt der tatsächlichen zwei Jahre her. Direkt am Wegrand findet man die Sehenswürdigkeit, daneben eine erklärende Tafel, damit der Gigant nicht mit anderen Nadelbäumen in seiner Nachbarschaft verwechselt oder zwischen ihnen übersehen wird. Der Riesen-Mammutbaum ist hier nicht heimisch. Weder nahe Rutesheim, noch überhaupt auf dem europäischen Kontinent. Die Spezies stammt aus der Sierra Nevada in Kalifornien, wo der Baum noch gewaltigere Dimensionen annimmt und bis zu 3.000 Jahre alt werden kann. Vor rund 160 Jahren gab ein württembergischer Fürst die Aussaat des monumentalen Baumes in Auftrag. Üblicherweise schmückte er Parkanlagen. Also wieso pflanzten und päppelten die Altvorderen das Gewächs gerade hier, im württembergischen „Outback“? Das frage ich mich nicht zum ersten Mal.

Kein Mensch weit und breit, weder RuR-Mitstreiter noch freitägliche Spaziergänger. Unter mir die harte, gut zu laufende Piste, ringsum Wald, dazu die tief stehende Sonne. Es ist, als wolle sie mich mit tausendfachem Blitzen zwischen kahlem Geäst grüßen und bei Laune halten. Brauchbare Laufbedingungen also, auch für einen, der den Winter ungefähr so schätzt wie eine monatelange Magenverstimmung. Apropos Magen: Mein Magen mag mich heute nicht. Mit unangenehmem Druck tut er kund, was er an diesem Freitag vom Joggen hält. Fünf Kilometer sind um, ich hoffe der Kobold in den Eingeweiden gibt bald Ruhe (was leider nicht geschehen wird).

Ich verlasse den Wald, wende mich gen Norden, jogge am Waldrand entlang, wieder auf Asphalt. Äcker zu meiner Linken, mit Wintersaat bestellt oder die dunkelbraune, gepflügte Krume den Elementen aussetzend. Das gilt auch für die Felder der SOLAWI Heckengäu. SOlidarische LAndWIrtschaft heißen Genossenschaften, deren Mitglieder ihr Land gemeinsam bewirtschaften - meist Gemüse anbauen - und den Ertrag gemäß der gezeichneten Anteile untereinander aufteilen. Zwei Gewächshäuser ergänzen die noch brachliegenden, freien Ackerflächen. Tatsächlich macht die SOLAWI Heckengäu einen solideren Eindruck auf den Vorbeiläufer, als dies noch vor zwei Jahren der Fall war. Offensichtlich wuchs die Gemeinschaft und war dabei erfolgreich.

Wieder mal aufwärts auf eine Pferdekoppel zu, dran vorbei und sofort fährt mir der nächste Buckel in die Beine. Das „wieder mal aufwärts“ ist im Grunde eine irreführende Formulierung. Damit beschreibe ich bemerkenswerte Anstiege und verschweige, dass sich das Gelände fortwährend hebt (seltener senkt) seit ich den Wald verließ. Noch immer sehe ich mich außerstande meine Form einzuschätzen. Es fällt mir nicht leicht zu traben, besorgniserregenden Widerstand spüre ich aber auch nicht. - Einstweilen oben, sogar am höchsten Punkt der Strecke, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Die Route bringt mich in wenigen Minuten, zuletzt abschüssig zur und durch die Ortschaft Perouse. Der Ortsname klingt französisch, was darin begründet liegt, dass er durch Zuzug von 71 aus dem Piemont vertriebenen Waldenser-Familien 1699 gegründet wurde. Pralle (Religions-) Geschichte, durch die ich hier jogge. Sie auszubreiten bin ich der Falsche, es führte zudem zu weit. Wen’s interessiert, der kann unter den angegebenen Links Erstaunliches nachlesen:

Zur Ortschaft Perouse: https://de.wikipedia.org/wiki/Perouse

Zur Religionsgemeinschaft der Waldenser: https://de.wikipedia.org/wiki/Waldenser

Perouse ist von Straßen geradezu umzingelt. Staatsstraßen umfassen das Dorf hufeisenförmig und die A8 ist auch nicht weit entfernt. Ich verlasse Perouse in der Flanke eines Lärmschutzwalls, tippele aufwärts, wetze zuletzt auf einem Steg über den unter mir rollenden Verkehr. Dem entkomme ich auf dem sich anschließenden Radweg einstweilen nicht. Weiter auf stetig ansteigendem Asphalt: Per Ampel über die Einfahrt zur A8, eine Weile danach über die Autobahn selbst. Nun endlich ebenerdig auf dem Radweg einher und bald nach links, um dem Lärm zu entfliehen …

… was sich infolge Verpflegungsstopps am ersten Depot (2 Gels und Thermosflasche) verzögert. Erstes Gel rein, mit warmem Wasser runterspülen. Ich stelle die Flasche hinter einen Schaltkasten zurück. Man müsste schon gezielt suchen, um sie dort auszumachen. Doch warum sollte das jemand tun? Diesseits des Schaltkastens erstreckt sich der Parkplatz eines Freizeitparks. Es beginnt mit einer Pseudo-Almhütte zur Befriedigung kulinarischer Lüste. Wieder in Bewegung jogge ich am sich anschließenden, zu dieser Jahreszeit verlassenen Outdoor-Bereich vorbei. Minigolf und andere Lustbarkeiten hat’s hier im Sommer. Als Hauptattraktion des Areals dürfte der gegenüberliegende Kletterwald gelten, gleichfalls im Winterschlaf. Ich begegne lediglich Spaziergängern, hie und da. Freitags, um die Mittagszeit, sind die meisten Menschen noch mit dem Ernst des (Berufs-) Lebens befasst. Freizeitgenuss? - Vielleicht später.

Steil abwärts auf Asphalt. Unten angekommen verharre ich kurz und wende mich um. Zum ersten Mal gerät meine Absicht der Richtungsumkehr ins Wanken. „Andersrum“ in der zweiten Runde hieße diese Steilwand rauftippeln zu müssen. Nicht zum ersten Mal stelle ich fest, dass ich zwar die Abfolge der „Ups and Downs“ der RuR-Strecke lückenlos erinnerte, ihren Anspruch jedoch unterschätzte. Mal sehen, wie das weitergeht … Es geht flach, in hübscher Allee weiter. Damit ich mich nicht ans Flache gewöhne folgt rasch die nächste Bodenwelle. Über eine Straße, wieder runter, das nächste Waldgebiet nimmt mich in Empfang. Profil: jeweils nicht zu lange Anstiege, ebensolches Gefälle, munter im Wechsel. Darin enthalten auch die Streckenänderung. Grund: Baumfällung. Orientieren leicht gemacht, der von Norbert Fender versandte gpx-Track auf der Uhr führt mich sicher.

Die Streckenänderung erleichtert die Aufgabe etwas. Sie fordert ein paar Höhenmeter weniger als der Originalkurs, schiebt mir zudem ein willkommen flaches, etwa einen Kilometer langes Stück Strecke unter die Füße. Angenehm. Eigentlich. Tatsächlich kann ich mich hier, am Waldrand laufend, nicht länger der Wahrheit verschließen: Ich bin in ziemlich miserabler Verfassung unterwegs. Offenbar immer noch im Formtief wie vor zwei Tagen. Okay, dann ist das eben so - ankommen werde ich trotzdem.

Ich blicke über Wiesen und Felder, weit hinaus ins sanft abfallende, wellig gegliederte Land. Darf jetzt runter und muss alsbald wieder rauf. Und danach, was? Genau: nochmal runter und wieder rauf. Wenn ich die Achterbahnfahrt hier niederschreibe, so heißt das nicht, dass ich beim Laufen penibel aufs Profil achten würde. Ich nehme es, wie es kommt, ignoriere den inneren Protest und öffne die Sinne für optische Reize. Die Kamera in meiner Hand fängt hübsche Panoramen und Perspektiven ein, die Augen fixieren Besonderheiten. Etwa die Struwwelpeter-Köpfe der drei kahlen, vielfach gestutzten Weiden in einer Senke oder eine Gruppe Gassigeherinnen; drei Frauen mit Vierbeiner an der Leine, die mir bereitwillig eine Laufgasse einräumen.

Es folgt: die steilste, gottlob sehr kurze Rampe hoch zu einer Brücke. Eine Minute lang vollführe ich Tippelschritte nach Vorbild einer Schnecke. Die Beine sind schwer wie Blei. Wie schon zuvor bergauf erhöhen sich Atemtiefe und -frequenz kaum. Sollte ich nicht eigentlich keuchen wie eine Lokomotive? - Wenn mich bisher nur das Rätsel der Formschwäche grübeln ließ, so kommt nun diese Merkwürdigkeit hinzu. - Ich betrete bebauten Rutesheimer Boden. Bebaut mit Gewerben: Supermarkt, Klamottendiscounter, Baumarkt, Metallbau, „Autoschrauber“, etc. - was eine verwöhnte Zivilgesellschaft zum Überleben halt so braucht. Und ein Porsche-Werk gibt’s hier auch. Graue Klötze, nicht allzu groß, weiß der Himmel, ob und was für hochpreisige Seifenkisten man da drüben zusammenpuzzelt. Nur eins weiß ich sicher: Ich werde mir nie so was leisten können.

Minutenlag am Rand eines Wohngebietes, dann wieder Richtung Äcker bis hinter einen Spielplatz und … Pause. Hinter Büschen erwartet mich Depot Nummer zwei, diesmal mit kaltem Wasser und weitere zwei Gelpäckchen. Eins rein, Wasser hinterher und ab … etwa 16 und ein halber Kilometer liegen hinter mir. Ich nutze einen asphaltierten Wirtschaftsweg bergab. Bemerkenswerter als das Gefälle ist die Aussicht ins Tal. Weit und breit nur Acker- und Wiesenflächen, nichts was den Blick aufhalten würde. Erst in etwa zwei, drei Kilometern Entfernung steigt der Gegenhang jäh an. Von dem ist allerdings unter dichter Wohn- und Geschäftsbebauung wenig zu erkennen. Was dort den Berg überwuchert ist - der Name legt es nahe - die Stadt Leonberg.

Heute habe ich allerdings keine Muße mich auf die Aussicht einzulassen: Ein Radler holt auf, bremst und spricht: „Hab dich erst gar nicht erkannt!“ Das ging mir vorhin im Wald, als derselbe Biker auf Gegenkurs vorbeisauste genauso. Tatsächlich ist Norbert Fender winterlich gepanzert samt tarnendem Helm nur schwer zu identifizieren. Für eine Weile pedaliert er nun neben mir her. Dabei tauschen wir hauptsächlich Aspekte seiner und meiner Laufgesundheit aus. Anders als „früher“, da ich zufällige Laufbegleiter eher mit erworbenen Laufmeriten zu beeindrucken suchte, komme ich dieser Tage eher auf den vom „reparierten“ Knie verursachten Formknick zu sprechen. Schon seit einiger Zeit verdächtige ich mich einer Art „Erklärungsnotstand“. Liefere bereitwillig Gründe für meine lange Absenz von Laufstrecken, mehr noch für den gewaltigen Leistungsverlust, mit dem ich wieder aus der Versenkung auftauchte. Ein bisschen so, als müsse ich mich dafür rechtfertigen oder entschuldigen. Überhaupt bin ich geneigt, hinsichtlich der Spätphase eines Läuferlebens Kausales zu postulieren: Er wird älter und damit anfälliger; verletzt sich häufiger oder wird krank; trifft er Bekannte, ist es ihm wichtig zunächst seine Kranken- oder Rekonvaleszentengeschichte darzustellen. Für Themen, die früher Bedeutung hatten, bleibt weniger oder gar keine Zeit mehr.

Auch Norbert hat sein Päckchen zu tragen, erkennbar schon daran, dass er heute nicht mitläuft. Auch Norbert „hat Knie“, wenn auch anders lädiert als ich. Die Konsequenz ist dieselbe: Ausdauer und Robustheit fehlen, lange Kanten fallen schwer. Also ein Stück vom Glück, dass mich Norbert radelnd „einfing“ und vielleicht eine Viertelstunde von mir selbst ablenkte. Da war eine lange Steigung, erst fordernd, zuletzt gemäßigt und ich hätt’s fast nicht gemerkt.

Norbert hat sich Richtung Rutesheimer Mitte verabschiedet, mich schickt die Route in die entgegengesetzte Richtung. Nur Sekunden später quere ich zum dritten Mal die sechsspurige A8. Schon hier leicht abschüssig trabend, alsbald rasanter, zuletzt in merklichem Gefälle. Unwillkürlich fällt mein Blick auf die Tempoanzeige der Uhr, mit enttäuschendem Ergebnis. Erwartet hätte ich eine Pace deutlich unter 7 min/km; tatsächlich angezeigt wird mir ein Wert, der leicht darüber liegt. Unbegreiflich langsam. Ich gebe ein bisschen Gas, merke aber sogleich, dass mehr Tempo meiner Physis heute nicht bekommen würde. Also Augen weg von der Uhr und dem Laufgefühl gehorchen. In kritischen Situationen und halbseidener Verfassung war das noch immer eine Art Erfolgsgarantie.

Bin unten angekommen, am tatsächlich tiefsten Punkt der Runde. Hier beginnt die letzte, beinahe unaufhörlich ansteigende Etappe, noch zwei Kilometer. Moderat hinan, zunächst in schluchtartigem Geländeeinschnitt, parallel zu einem Bach. Hier begegne ich Christoph Holzapfel, dem Veranstalter des Vaihingen Marathons. Kurzer Wortwechsel, der mit beiderseitigen guten Wünschen endet. Erinnert hat er sich an mein Konterfei sicher, es aber auch einem Namen zugeordnet? Wohl eher nicht. Zwei Auflagen seines Vaihingen Marathons stehen zwar bereits in meinem Laufbuch, die letzte datiert jedoch vor zwei Jahren. - Auch heute gibt mir die Natur des vereisten Rinnsals am Grund dieser „Schlucht“ Rätsel auf. Unter Garantie wurde der Bachlauf begradigt, so viel scheint sicher. Doch wie viel Natur ließ Menschenhand übrig? Wie jedes Mal vergrößert sich das Fragezeichen, wenn der quer zum Tälchen gebaute Hochwasserdamm ins Blickfeld rückt. Kurz zwingt mich das Bollwerk meine Schritte zu verkürzen und mit angestrengten Schritten die Dammkrone zu erobern. Ein paar ebenerdige Schritte folgen, schließlich der Schlussanstieg.

Harmlos sieht er aus und harmlos fühlt er sich an. Das hatte ich anders in Erinnerung. Vermutlich wird sich dieses Empfinden im zweiten Umlauf ins Gegenteil verkehren - so ich die Richtung beibehalte. Wankelmut ist eigentlich nicht Teil meines Wesens. Und doch habe ich die Frage „Richtung beibehalten oder Runde zwei gegenläufig bestreiten?“ bis jetzt nicht entschieden. Es geht mir nicht um Abwechslung oder neue hübsche Ansichten in Gegenrichtung. Mich bewegt allein die Frage, welche Richtung mir körperlich und mental leichter fallen wird. Auch dem Wissen Rechnung tragend, dass Körper und Geist sich gegenseitig beeinflussen. Je heftiger ein Hindernis „ins Fleisch schneidet“, umso mehr mentale Energie wird es aufzehren. Umgekehrt hemmen Hürden, deren Erscheinungsbild mich Aufstöhnen lässt, wohl auch den Fluss von Ausdauer.

Wenngleich es ein wenig so auf mich wirkt, hatten die Aussteller der Kunstwerke sicher nicht im Sinn aufwärts joggende Marathonis von ihrem schweißtreibenden Tun abzulenken. Abschnittsweise, quasi von Skulptur zu Skulptur, arbeite ich mich aufwärts. Meine Gedanken beschäftigen sich dabei nicht mit der Interpretation der Werke. Dazu fehlt es an Muße und vor allem musischem Talent. Ersatzweise bebrüte ich zwischen den Fotostopps die Frage, ob mich mein Gedächtnis zum Narren hält!? War, was ich hier sehe, vor zwei Jahren tatsächlich noch nicht zur Schau gestellt? - Der von der wuchtigen, das Tal überspannenden Autobahnbrücke heran brandende Lärm wird mit jeder Skulptur lauter. Zuletzt halte ich auf den Brückenbogen zu, trabe drunter durch und vollende Runde eins.

Am „Basislager“ angekommen labe ich mich mit Gel und warmem Wasser aus einer weiteren Thermosflasche. Bergauf und kunstbeflissen hatte ich meine ursprüngliche Absicht „Richtungswechsel für Runde zwei“ erst revidiert, danach doch wieder erwogen, neuerlich verworfen und ... in welche Richtung wollte ich denn nun letztgültig laufen? - Ach ja, dieselbe ein zweites Mal. Ursprünglich wollte ich mir den 2-km-Schlussanstieg unmittelbar vorm Marathonfinish ersparen. Der stellte sich gerade eben aber als „gar nicht mal so schlimm“ heraus. Ein „psychologischer Aspekt“, der schwer mit Worten begreiflich zu machen ist, gab stattdessen den Ausschlag: In derselben Reihenfolge gelaufen lassen sich die Buckel und Etappen auf einer gedanklich fixierten Checkliste „fein abhaken“. Anstieg geschafft: Check! Abschnitt im Wald/am Feld/an der Straße beendet: Check! Und so weiter. - Anders kann ich nicht erklären, dass und wie mir diese Psycho-Krücke das Gehen - pardon: laufen - erleichtern soll.

Kofferraumklappe zu, tschüs Basislager. Leichtes Gefälle unterstützt die ersten Schritte hin zur und unter der Brücke hindurch. Was nicht heißt, dass sie mir leicht fallen. 21 km sind eine Distanz, die derzeit und sicher auch noch in den nächsten Monaten mein Fahrgestell hart rannehmen. Dass ich dieselbe Entfernung, mit denselben Höhenmetern trotzdem ein zweites Mal bewältigen werde, steht aber außer Zweifel. Ich weiß, dass ich mich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben und dabei wachsende Beschwerden aushalten kann. Hinter der Brücke: Erster kapitaler Buckel. Wie das vollführte kurzschrittige Getippel wohl auf mich wirken würde, sähe ich mir selbst dabei zu? Will’s lieber nicht wissen. Steigung wird geringer, die Schritte wieder länger … Eine Weile im Banne der Autobahn voran, umtost von Verkehrslärm, schließlich rein in den Forst.

Wie beabsichtigt arbeite ich Stück um Stück der Strecke ab. Dabei nehme ich über meine Sinne, über Augen, Ohren, Haut, vielerlei wahr, mit dem sich mein Kopf allerdings kaum noch beschäftigt. Der Blickwinkel wird enger, nicht zuletzt auch in der Vertikalen. Meist fixieren die Augen einen begrenzten Fleck Boden vor den Füßen. Alles in Allem: Versteifte, weniger flexible Haltung, die sich auf die Laufbewegung auswirken muss. Mit anderen Worten: Ich werde langsamer. Beiläufiges Ablesen der GPS-Tempoanzeige bestätigt den Verdacht. Spüren kann ich die Verlangsamung noch nicht.

Erster Wald liegt hinter mir: Check! Eine gefühlte Ewigkeit danach dann auch die Äcker von SOLAWI: Check! Höchster Punkt erreicht: Check! Vorbei am Sportgelände und runter nach Perouse: Check! Über und entlang an Straßen hin zu Depot 1: Check! - Ich bin dankbar für die kurze Rast: Gel runter, warmes Wasser hinterher, Thermosflasche zurückstellen, losgehen, schneller gehen, in leichten Trab fallen …

Voran, steil runter, kurz flach dahin, wieder rauf und wieder runter … neuerlich ab in den Wald. Kurz darauf biege ich in einen schmäleren Weg ab und sehe ihn vor mir, den Buckel. Vor dessen Steilheit habe ich mich ein kleines bisschen gefürchtet. Schon in Umlauf eins fuhr er mir höllisch in die Beine. Und nun „lustwandelt“ da auch noch ein Paar, an dem ich vorbei muss. Vorbei muss und unter dessen Augen ich nicht so Sch… aussehen will, wie ich meinen inzwischen erodierten Laufstil selbst einschätze. Eitelkeit, die den Gockel eine Extraportion Power kostet, dafür aber das Hindernis ganz ohne mentales Wehklagen wegstecken lässt.

Längere abschüssige Passage, mein „Body“ hatte sich drauf gefreut. Nun ist er enttäuscht; spart zwar Kraft, dafür tun ihm alle Gräten weh. Abnutzung fortgeschritten, nach immerhin 31 gelaufenen Kilometern. Bist du unten rund um Rutesheim, musst du wieder rauf. Geht noch ohne zu gehen. Aber Beine schwer wie Blei, als hingen Gewichte dran. Seit Runde eins schon wächst der Verdacht, dass nicht mangelnde Ausdauer mich bremst. Dass vielmehr Kraftlosigkeit der Beine flottere Schritte verhindert. Wie sonst soll ich die seltsame Erscheinung deuten, dass sich Atemfrequenz und -tiefe in keinem der Anstiege bemerkenswert erhöhten? Um es mal so zu fassen: Gesetzt den Fall, ich ertrüge Beinschwere und anschwellenden Schmerz bis Sankt Nimmerlein; dann - so mein Eindruck - reichte die Ausdauer heute, um bis Sankt Nimmerlein zu laufen. Seltsam, oder?

Zweites Waldgebiet: Ende. Streckenvariante infolge Holzeinschlag: Ende. Abschüssig zwischen Wiesen und Feldern: Ende. Und nun rein ins Gewerbegebiet, noch etwa 6 Kilometer. Vorhin und vor einer Weile schon war ich erschöpft, davor müde. Was bin ich jetzt? Die deutsche Sprache kennt drei Stufen der Steigerung. Bin ich also jetzt erschöpfter und später, zum Finish, am erschöpftesten? Bestimmt, nur sagt das nichts darüber aus, wie ich mich gerade fühle, da ich hier an tristen Mauern von Baumarkt, Kfz-Schrauberbude, Porsche-Werk und Supermarkt vorbeischlappe und mit Inbrunst Depot Nummer 2 herbeisehne …

„Stärkung“ an Depot 2: Gel und kaltes Wasser. Ich gehe ein paar Schritte bis zu einem Abfalleimer zurück und entsorge den nun überflüssigen Tetra Pak und zwei schrumplig leere Gelpäckchen. Nun erneut loslaufen, sanft bergab. Es fällt mir schwer. Die pure Absicht „Loslaufen“ reicht nicht mehr, um Schritte zu stimulieren, ich muss sie mir befehlen. Beine schwer, Füße schmerzen. Überall zwickt es auf die eine oder andere Weise. Ich trotte einher, schaue kurz in den Himmel. Der hat sich teilweise eingetrübt. Bis es kälter werden wird, bin ich am Auto. Eine Dreiviertelstunde noch. Höchstens.

Über die Autobahn A8: Ich blicke gen Osten, Richtung Stuttgart. Bald werde auch ich einen der drei rechten Fahrstreifen nutzen. Heimfahren, dabei sitzen, ausruhen. Was für ein wohliger Gedanke! Hinab zum tiefsten Punkt. Dann der lange Anstieg. Einerlei übrigens, ob ich mir - wie jetzt - aufwärts, zuletzt abwärts oder ebenerdig Schritte abpresse. Jedes Heben der Beine kostet immense Überwindung und jedes Aufsetzen der Füße tut weh. „Früher“ warf ich selten bis nie die Frage auf: Warum renne ich bis zur völligen Erschöpfung? - Die Erfolge waren riesig, die Befriedigung gewaltig, das Glück allgegenwärtig. Seit Wiederbeginn im August, seit ich mich nach „lediglich“ Marathondistanz bereits fühle wie ein faltig schlaffer Luftballon, sind Zweifel Dauergast. Ist es nur Sturheit, fehlende Einsicht in den Lauf der Dinge, die mich am Marathon als Laufdistanz festhalten lässt? Verdammt, ich bin 72. Es wäre doch nicht ehrenrührig sich aufs Läuferaltenteil zurückzuziehen und fortan mit kürzeren Läufchen zu bescheiden. Mitten im „Endschmerz“, kurz vorm Finish, bin ich fast soweit zu resignieren. Häufiger schon. Doch sobald ich stehe, dann sitze, mich erhole, zurück- und vor allem vorausschaue, bin ich neuerlich bereit mich final zu schinden. Einerseits, weil ein Erfolg noch immer Zufriedenheit zeugt. Und natürlich auch, weil ich die Abwärtsspirale fürchte: Weniger Strecke heißt weniger Ausdauer. Weniger Ausdauer heißt schwere und müde Beine schon auf kürzeren Distanzen. Was schleichend zu immer weniger Strecke führen, die zu laufen ich noch die Lust aufbringen würde …

Schritt um Schritt bergan, der letzte Kilometer. Die Uhr hat mir nichts Erbauliches mitzuteilen. Endzeit um die 5:50 Stunden. Ich habe die Strecke unterschätzt, rechnete in Summe mit weniger Höhenmetern (540 waren es laut barometrischem Höhenmesser der Uhr). Zugleich habe ich mich überschätzt, bzw. mit illusionären Hoffnungen befrachtet. Es ist Winter. Da geht bei mir deutlich weniger als im warmen Halbjahr. Und doch war es richtig heute zu laufen. Ich will die Wochen bei Frost ohne Frust überstehen. Ohne den Frust im Frühjahr bei wenig mehr als null wieder anfangen zu müssen … Letzte Meter. Unter der Autobahnbrücke durch. 5:48:00 Stunden auf der Uhr. Ehrgeiz ist blöd, aber ein bisschen blöd macht nix: Will unter 5:50 ins Ziel. Also trete ich nochmal aufs Gaspedal. Kein Schlussspurt, dafür reicht’s nicht mehr. Minimal schneller und dann übern Zielstrich: 5:49:54 Stunden sind vergangen.

 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe Laufbericht vom Januar 2024.