29. Dezember 2025
Im Winter sehne ich den Sommer herbei, zumindest zweistellige Temperaturen im Plusbereich. Kälte setzt mir zu, erst recht mehrere Tage unter Null, wie zuletzt. „Früher“ hielt ich eine Art Läufer-Winterschlaf. Schickte mich höchstens ausnahmsweise über gefrorene Langstrecken oder kreiste in gut temperierter Atmosphäre indoor oder in mollig warmen Stollen unter Tage.* So taktierte ich zu Zeiten, als es mir noch vergleichsweise leicht fiel mein Marathonpotenzial bis zum Beginn der Saison zu restaurieren. In vorgerücktem Alter wurde der Marathon-Neustart im Frühjahr mehr und mehr zur Herkulesaufgabe. Ich gelangte zu der Überzeugung, dass Marathonreichweite den Winter über zu halten, wenn auch auf niedrigerem Level, die bessere Alternative sein müsste.
*) Indoor meint in Sporthallen (Budweis, Senftenberg, Pfohren 2018 und die verrückten Läufe durch die Flure im TÜV-Gebäude in Nürnberg 2014, 17, 19. Marathon in den ehemaligen Salzbergwerken Sondershausen (2010) und Merkers (2015).
Das ist der „grundsätzliche Grund“, weshalb ich heute hier friere. Neue „Winterlaufstrategie“ hin oder her: Lange hielt ich daran fest bei eisigem Klima - meint: deutlich unter dem Gefrierpunkt -, keinesfalls an den Start gehen zu wollen. Ein frommer Wunsch in diesem Winter und unvereinbar mit jenem das Marathonniveau bewahren zu wollen. Mein letzter Marathonstart liegt bereits „ewige“ vier Wochen zurück und schon damals befand sich meine Formkurve auf Talfahrt. Damit ist der entscheidende Grund beschrieben, weshalb ich heute hier friere - am ganzen Körper zum Auftakt bei -4°C, im Gesicht noch wesentlich länger.
Schon fast halb elf als ich zu Runde eins aufbreche. Solo aufbreche, weil jeder Teilnehmer Start und Finish zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang nach Gusto einordnen darf. Eine dicke Reifschicht überzieht Wiesen und Bäume im Körschtal. Die flach einfallende Wintersonne hat einstweilen keine Chance den eisigen Überzug zu tauen. Sie - die Wintersonne - legte übrigens das genaue Datum meines „Kaltstarts“ fest. Es gibt da diese „Weihnachtslaufserie“ mit fünf Marathons rund um und in Stuttgart, vom 27. bis 31. Dezember. Mit einem dieser Marathons wollte ich mein Laufjahr ausklingen lassen. Nur, welcher Veranstaltung sollte ich den Vorzug geben? Auf allen
fünf Strecken war ich schon mal unterwegs, auf manchen sogar häufiger, hier in Ostfildern viermal. Möglichst wenig Höhenmeter hatte ich im Sinn. Der Vaihingen Marathon schied seiner jähen Schluchten wegen aus und an Silvester wollte ich nicht ganztägig abwesend sein. „RuR“ (Rund um Rutesheim) am 30. Dezember hatte ich zunächst im Sinn, zog dann aber die WetterApp zu Rate. Die drohte mit Nebelsuppe und Minusgraden in Rutesheim, lockte mich stattdessen mit goldgelbem Sonnensymbol am Tag davor nach Ostfildern und „auf die Filder“*. Wer von euch weiß, was mir Sonne am Himmel bedeutet, insbesondere beim Laufen, wird meine Entscheidung verstehen.
*) „Filder“ leitet sich aus den Wörtern "Feld" und/oder "Gefilde" ab und bezeichnet eine von alters her landwirtschaftlich geprägte Region mit dem Schwerpunkt Gemüseanbau.
In den ersten Minuten stakse ich ziemlich steif und ungelenk über den betonhart gefrorenen Feldweg - wie üblich unter solchen Bedingungen. In bewusster Vorausschau wie nah mich spätestens die letzte von drei 14-km-Runden ans Limit treiben wird, mäßige ich meine Schritte: Langsam, sehr langsam traben! Lange vier
Wochen plus weihnachtliche Völlerei liegen zwischen heute und dem letzten Marathon. Vor einer Woche schickte ich mich nochmal im Schneckentempo über 28 km, um heute mit gutem Gewissen und Erfolgsaussicht auf „Alles-laufen!“ hier antreten zu können.
Diverse Anstiege werden mir die Aufgabe zwar nicht gerade erleichtern, tragen in meiner Erinnerung aber das Etikett „unschwierig“. Zu dieser Einschätzung trägt sicherlich bei, dass alle Steigungen auf Asphalt zu bewältigen sind. Alle, bis auf die erste, die ich genau jetzt, nach wenig mehr als einem Kilometer in Angriff nehme … Aber, was ist das? - Hat sich die Auffaltung der Alpen zuletzt gewaltig beschleunigt und auch nahe Stuttgart alle Buckel erhöht? So steil und ausgedehnt empfand ich diesen „Berg“ vormals nicht … Trotz Tippelschritten heftig atmend überwinde ich das Hindernis. Um meiner Zuversicht nicht ultrafrüh den Boden zu entziehen, bemühe ich die schlichte Wahrheit: Bist einfach noch nicht eingelaufen, Udo!
Ich trabe an einer Weide vorbei, auf der zwei Rinder in dickem … ja, wie heißt das bei Wiederkäuern? … egal: zwei Rinder in dickem Winterpelz bewegungslos den Sonnenschein genießen. Aus dem zugehörigen Stall schallt mir lautes Gebell hinterher. Etwa Herdenschutzhunde? Merkwürdig: Ich dachte nur Schafe, vielleicht noch Ziegen, muss man hüten. Zudem habe ich noch nie etwas von reißenden Wölfen unweit der Stuttgarter City gehört. Weiter voran, bis die ersten Häuser der Ortschaft Nellingen auftauchen. Dass der ruppig gefrorene Feldweg weiter an Höhe gewinnt, ich diese Steigung in meinem Streckengedächtnis aber vergeblich suche, sollte mir zu denken geben. Tut’s aber nicht, dafür bin ich einfach zu optimistisch unterwegs. Aus welchem Depot sich meine positive Aufbruchsstimmung speist, verstehe ich selbst nicht so ganz. Schon die ersten Kilometer fordern, außerdem wird’s noch ein, zwei Stunden „saukalt“ bleiben. Zweierlei scheint meine Stimmung zu befeuern: Windstille im Körschtal (und später auch oben auf den Fildern) und natürlich die herrliche Wintersonne.
Nellingen betreten und sofort wieder verlassen, abschüssig auf von Bäumen beschattetem Nebensträßchen. Dunkle Flecken auf dem Asphalt wecken Argwohn: Vorsicht! könnte glatt sein. Unbeschadet gelange ich zur Talsohle, lasse die Bäume hinter mir
und trabe übergangslos im Bann der Körschtalbrücke. In spektakulärer Höhe (55 m) und mit beeindruckender Länge (700 m) überspannt sie das Tal. Ich trabe drunter her, akustisch begleitet vom gedämpften „Dammdamm, Dammdamm …“, das Fahrzeuge dort oben beim Überrollen von Stoßfugen in der Fahrbahn verursachen. Ich jogge auf Beton und mit geringem Gefälle talabwärts. Inzwischen bin ich eingelaufen und versuche meine Tagesform zu taxieren … Schwer einzuschätzen.
„Bin ungefähr so drauf, wie vor vier Wochen am Kuhsee in Augsburg“ - auf diese Formel lege ich mich nach Beratung mit mir selbst fest. Sollte es sich bewahrheiten, heißt das leider auch: wie dort werde ich tief in die Erschöpfung laufen müssen …
Mein Blick streift den Talhang links, klettert daran empor, immer höher bis zur Kante. Schließlich, nach gut drei Kilometern, biege ich vom Talweg ab und fortan geht’s ebendiesen Hang empor. 60 Höhenmeter verteilt auf etwa 800 Meter Strecke gilt es zu überwinden. Woran mein Körper sich erinnert,
und was er jetzt, nahezu augenblicklich, spürt, weicht eklatant voneinander ab. Ich reduziere die Belastung so weit wie möglich, setze ultrakurze Schrittchen. Ausdauervorräte sparen, immerhin will ich in den Runden zwei und drei hier auch noch raufsteppen können! Ich komme nur langsam voran, aber ich komme voran! Zweimal abbiegen, schlussendlich das steilste Stück, lange 150 Meter bis zur Brücke über die Bundesstraße …
Vielleicht 10 Prozent Steigung unter den Sohlen, was weniger anstrengend klingt, als es sich in den Beinen tatsächlich anfühlt. Auf diesem Abschnitt realisiere ich meine Laufzukunft in seltener Klarheit: Egal, wie hart ich auch trainieren mag, unweigerlich wird der Tag kommen, da ich in Steigungen wie dieser werde gehen müssen.
Über die Brücke und … geschafft. Der Blick wird frei, streift über winterlich brache Äcker, voraus über die tiefer liegenden Dächer von Nellingen, nach Richtungswechsel hinüber gen Stuttgarter Flughafen, der sich hinter morgendlichem Dunst versteckt. In kurzen Abständen heben dort drüben Passagierjets ab. Ihr rauschendes, fauchendes, bisweilen mit Grollen unterlegtes Düsengeräusch begleitete mich von der ersten Minute an. Nach erneutem Richtungswechsel halte ich auf Nellingen zu, verliere an Höhe und auch kurzzeitig den Asphalt unter meinen Sohlen.
Erinnerung nimmt die Strecke vorweg, gibt die „Ideallinie“ vor. Frische, vom Veranstalter Michael Weber* ausgebrachte Markierungen, weiß auf grau, fallen dennoch unübersehbar ins Auge. Ein paar Meter in Nellinger Straßen, zick und zack, dann wieder hügelan und hinaus auf die „Filder“. Auch diese definitiv sanfte Steigung spüre ich intensiver, als in meinem Körpergedächtnis hinterlegt. Daneben koexistiert ungebrochen und mir selbst ein bisschen rätselhaft Optimismus. Gut fünf Kilometer und schon so … egal, ich schaffe das. Auf minimal ansteigender Betonstraße voran, vorbei an umgebrochenen Feldern. Vögel fliegen auf, stoppen meinen Lauf und tatsächlich gelingt es mir den Schwarm (Tauben?) mit der Kamera einzufangen. Schon im Antraben begriffen, bleibt mein Blick an anderem
Gefieder hängen. Der Vogel wäre mir im von Reif überzuckerten Acker, seiner tarnenden Braun-Weiß-Färbung wegen, beinahe entgangen. Was für ein Tier ist das? Der Größe nach eine Gans. Aber keine Gattung, die ich kenne …** Ein paar Zoomfotos für spätere Web-Recherchen und weiter.
*) Michael Weber ist im Vorstand des 100 Marathon Clubs tätig. Außer der Marathonserie in Ostfildern zeichnet er für den jeweils Anfang März durchgeführten Neckarufer Marathon in Stuttgart verantwortlich.
**) Es handelt sich um eine Nilgans. Eine invasive, aus südlichen Gefilden eingewanderte Spezies. Der Klimawandel lässt grüßen.
Vorbei an einem mobilen Hühnerstall, einigen Bauernhöfen und schließlich einem bunt bemalten Trafohäuschen. Die Bildbotschaft prangte schon 2022 an diesen Wänden, wirkt aber als wäre sie kürzlich erneuert worden. Offenbar klammert sich
der unbekannte Künstler verzweifelt an eine längst überholte Utopie, das Klimaziel „1,5°C“. Neben der Zahl verewigte er die Silhouette des Eiffelturms, als Symbol für den Ort, wo sich die Staaten der Welt anlässlich der Klimakonferenz 2015 (!) auf den Maximalwert für die Erderwärmung einigten. Man glaubte damals an einen Durchbruch, zumal im Jahr darauf die wesentlichen CO2-Sünder, unter anderen EU, USA und China, das Abkommen ratifizierten. Der Wert war damit rechtsverbindlich. Aktuell werden wir darüber aufgeklärt, was „rechtsverbindlich“ international wie national bedeutet: wenig bis nichts. Die USA kündigten das Abkommen auf und viele andere CO2-Stinker, auch Europa und darin Deutschland, räumen anderen Zielen höhere Priorität ein. Aber das macht überhaupt nichts: wenn die Erde vielerorts unbewohnbar geworden sein wird, fliegen wir zu Planet B und laufen dort einen Marathon …
Zwei stark befahrene Straßen und die Schienen der Stuttgarter Stadtbahn verlegen mir nacheinander den Weg. Aufpassen und rüber. Zuletzt jogge ich auf einem Radweg und erreiche kurz darauf die „Schlüsselstelle“ der Runde, was ein mögliches Verlaufen anbetrifft. Tatsächlich muss man hier den Fußweg verlassen und einen
zwei Meter hohen Erdwall zwischen Büschen und Bäumen erstürmen. Für Neulinge brachte Michael Weber gleich drei Markierungen auf dem Radweg aus, um sie über die seitliche Begrenzung und wegloses Gras zu schicken. Erst dann erkennt man den Pfad nach oben. Oben angekommen spähe ich seitlich zur Hecke, denn irgendwo dort deponierte ich vorm Start meine Thermosflasche und drei Gels.
Mit 100 kcal Gel und einem Becherchen genießbar heißem Wasser im Bauch nehme ich wieder Fahrt auf. Die halbe Runde (7 km) liegt jetzt hinter mir. Zwischen Außenzaun des benachbarten Sportplatzes und Hecke komme ich rasch voran, betrete hundert Schritte weiter den nächsten Weg. Wie diverse Abschnitte der Route ist er asphaltiert oder betoniert, seiner Funktion nach halb Straße, halb Feldweg. Hier beginnt der zweite der beiden langen Anstiege im Kurs, diesmal etwa 400 Meter weit und nicht allzu hoch. Allerdings wird die Rampe zum Ende
hin steiler und auch sie fordert mich heftiger als je zuvor. Zwischen Streuobstwiesen „hieve“ ich mich schlussendlich auf den einstweilen höchsten Punkt und wende mich dem nächsten, zu Ostfildern zählenden, für mich namenlosen Ortsteil* zu. Schon soeben aufwärts und hier auf den nächsten Metern mutet die Gegend ein wenig gespenstisch an: Bäume, Zäune, Wiesen - alles nach nächtlichem Nebel bereift. Vor tiefblauem Himmel wirkt die Szene wie „eingegraut“, wie von einer dünnen Schicht Asche überzogen. Nach und nach setze ich Haken hinter erwarteten Sehenswürdigkeiten. Da ist zunächst das Federviehgehege hinter nur kniehohem Zaun, mit seiner auch heute durcheinander tippelnden, bisweilen pickenden Versammlung von Hühnern und Laufenten. Nach etlichen hundert Metern zwischen Gärten richte ich erwartungsvoll meinen Blick in jene Richtung, wo das gelandete „Raumschiff“
auftauchen muss … Eine Kirche eigentlich, deren verwegene Dachkonstruktion jedoch eher Fluggeräten aus Science Fiction Filmen als üblichen Sakralbauten gleicht. Erwartungen werden manchmal enttäuscht, so auch diese: In den mehr als zwei Jahren meiner Abwesenheit wuchs vor der Kirche ein Zweckbau aus dem Boden, der die Sicht behindert und meiner Fantasie ein für allemal ein Ende bereitet.
*) Ostfildern ist eine Stadt direkt südlich der Landeshauptstadt Stuttgart mit aktuell ca. 40.000 Einwohnern. Sie entstand erst 1975 im Zuge der Gebietsreform aus verschiedenen Einzelgemeinden (Nellingen, Scharnhausen, u.a.).
Vor mir öffnet sich die nächste von vielen langen Geraden auf der Route, ein Gehweg parallel zur Straße. Drüben, im jungen Ortsteil Scharnhauser Park, reiht sich Wohnblock an Wohnblock. Mehrstöckig wuchtige, ziemlich plump anmutende Gebäude, die auch nach dem Umbau ihren Urzweck, die Kasernierung von Soldaten, nicht
verleugnen können. In den damals so bezeichneten „Nellingen Barracks“ waren amerikanische Soldaten stationiert, unter anderem zum Betrieb eines benachbarten Hubschrauberlandeplatzes, der 1992 aufgegeben wurde. Bis zu 5.000 GIs logierten dort drüben auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Oder soll ich sagen des 1. Kalten Krieges? Danach war „Friede, Freude, Eierkuchen“, das jedenfalls glaubten die meisten von uns, ich selbst eingeschlossen. Seit einiger Zeit leben wir in neuen kalten Kriegen. Wieder prallen Machtinteressen aufeinander, allerdings mit erheblichen Unterschieden zur früheren Konfrontation. Keiner weiß so ganz genau, wo die Demarkationslinien verlaufen. Außerdem existieren diesmal mehrere
Trennlinien: mal wieder Ost-West, inzwischen auch Fernost-West, aber eben auch West-West, dank des MAGA-GröFaz (und seiner Spießgesellen) jenseits des Atlantiks. Was mich außerdem umtreibt: Viele Mitbürger realisieren nicht in welchem Ausmaß unser vergleichsweise luxuriös privilegiertes Dasein inzwischen bedroht ist! Bedroht von außen und innen. Vielleicht wollen sie es auch nicht wissen, oder sind von der komplexen Situation überfordert.
Anstelle der einstigen Kaserne steht ein neues Stadtviertel, wo einst Armeehubschrauber abhoben, durchschneiden nun Alleen einen Park. Ein Park der mit Leere zu beeindrucken weiß. Ein riesiges Areal, auf dem, von besagten Alleebäumen abgesehen, lediglich Gras gedeiht. Ich weiß nicht wieso, aber Weite, Überschaubarkeit und
Einfachheit in der Gestaltung des Parks gefielen mir von der ersten Stunde an. Minutenlang jogge ich geradeaus, bis eines der seltsamsten Kunstwerke, das mir je unterkam, ins Blickfeld rückt: die „Sitz- und Flitzhasen“. Einzigartig und rätselhaft, mehr mag ich als ausgewiesener Kunstbanause dazu nicht sagen. Vielleicht noch das: Der Park wäre ohne die pinken und grünen Langohren sicher ärmer.
An drei von vier Seiten jogge durch das einstige Militärgelände. Zuletzt komme ich am früheren Offizierskasino vorbei und betrete die so genannte „Landschaftstreppe“. Wer zum ersten Mal vom südlichen Ende dieser beidseits von hohen Pappeln flankierten, etwa 30 Meter breiten, sacht ansteigenden Schneise gen Norden schaut, der wird mindestens überrascht sein; wird sich darüber hinaus vielleicht fragen: Wer plant, baut und bringt
das Geld für so etwas im selben Maße Schönes wie offenbar Nutzloses auf? - Alles Außergewöhnliche hier, die Sitz- und Flitzhasen und eben auch die Landschaftstreppe, sind Überbleibsel der Landesgartenschau, für die Ostfildern 2002 Gastgeber war.
Ich plaudere „Text gebärend“ munter drauflos und erwecke damit womöglich einen falschen Eindruck: Die geschilderten Ansichten und meine Erläuterungen dazu beschäftigen mich zur Laufzeit kaum. Wahrnehmen, kurz überdenken, abhaken, weiter. Mehr Aufmerksamkeit fordert mein Innenleben, das sich weniger rosig entwickelt als das Tagesklima. Letzteres vermag die Frostbeule Udo dank konstanter Wintersonne und gottlob Windstille gut auszuhalten. Mit anderen Worten: Von anfänglichem Frösteln abgesehen komme ich mit der Kälte gut klar. Auch wenn ich die Formulierung scheue: Bedenkt man die Jahreszeit und die vor Tagen eingeflossene Polarluft, dann herrscht heute nahezu ideales Laufwetter. Alles andere als ideal ist dagegen meine Verfassung: ich komme voran, kämpfe aber gegen wachsende Widerstände. Macht nix, ich wollte es so und ich kann das.
Noch etwa zwei Kilometer trennen mich vom Ende der ersten Runde. Es geht nun beständig abwärts, was mir die Sache erleichtert. Zuletzt stark abschüssig runter ins Körschtal, mehr als ein Kilometer weit, auf dem ich mich ähnlich entschlossen bremse, wie auf der Strecke davor. Bloß nicht übertreiben, den Bewegungsapparat schonen, zwei weitere Umläufe gilt es zu überstehen.
Verpflegen vorm offenen Kofferraum: Auch hier warmes, fast noch heißes Wasser, mit dem ich ein vorhin konsumiertes Gel im Magen verdünne. Zwei weitere Päckchen stecke ich in die Tasche der Laufjacke. Grund: Fünf Gels insgesamt, jeweils eines zur Rundenmitte aus dem Depot und hier am Auto, reichen nicht. Zumindest darf ich mir einbilden mit drei weiteren, unterwegs genaschten Portionen Süßpampe (= insgesamt 800 kcal) aus diesem Winterabenteuer weniger „ausgelutscht“ hevorzugehen. Kofferraumklappe zu, los geht’s, Runde 2 …
Umlauf zwei gleicht der ersten Runde wie ein Ei dem anderen. Außen: Wintersonne und Windstille, Landschaft von hartnäckiger Reifschicht überzogen. Innen: dasselbe Gefühl unentwegt hoher Anstrengung in allen Fasern. Tatsächlich sind die Rundenzeiten eins und zwei beinahe identisch. Was ist anders? Die Kamera ließ ich im Auto zurück, alle Fotos im Laufbericht stammen mithin aus Runde eins. Die Sonne steht höher, also dürfte die Luft sich unterdessen bis knapp untern Gefrierpunkt erwärmt haben. Und natürlich hauen die Steigungen
heftiger rein als zuvor. Mehr noch: Vier Marathonerfolge habe ich auf diesem Kurs bereits vorzuweisen, absolvierte also einschließlich des heutigen Auftakts 13 bis aufs i-Tüpfelchen identische Runden. Und erst jetzt fällt mir auf, dass dem Aufstieg aus dem Körschtal (Km 3,3) bis hin zu den „Nellingen Barracks“ (Km 10,5) unentwegt weitere Höhenmeter folgen. Optisch oft kaum auszumachende Hebungen im Gelände, die ich dennoch spüre!
Zu den unveränderlichen Größen zählt erfreulicherweise auch meine Stimmung. Die war bis hierhin nicht überschwänglich, aber gehoben und von Zuversicht geprägt. Obwohl mir die Kilometer 15 bis 28 in Runde 2 alles andere als leicht fallen und aufwärts immer schwerere Gewichte an meinen Füßen zu zerren scheinen, bange ich nicht um Runde drei. Ich werde den Lauf erfolgreich abschließen! Womit ich sagen will: Ich werde die kompletten 42.195 Meter laufen!
Runde zwei vorbei - zurück am Auto - trinken - und nun auf zum letzten „Gefecht“ …
… erst im Körschtal flach dahin, danach der kurze, brutale Anstieg zu den Rindviechern, schließlich abwärts und mit „Dammdamm“ unter der Brücke hindurch …
Es fiel mir stets leichter beim Ostfildern Marathon zu bestehen und dabei bis zuletzt guter Dinge zu bleiben, als auf diversen anderen Strecken. Das mag mit dem durchgehend guten Geläuf zu tun haben, ist vor allem aber Kopfsache. Doch, ja: mental liegt mir die Strecke. Mangels sonstiger Indizien führe ich das auf den steten Wechsel der Panoramen zurück. Im Körschtal herrscht Auenlandschaft vor. Wiesen, Gehölz, ein Bach, weidende Rinder sogar und als optischen Kontrapunkt auch noch die spektakuläre Brücke … Dann
ein herber Anstieg am Talhang als joggte ich stückweit durchs Allgäu, gefolgt vom Weitblick über die Filder. Bäuerliche Anwesen und Äcker, brach liegend, gepflügt, bestellt oder Frucht tragend, je nach Jahreszeit. Gliederte man die Ostfildern-Runde in Abschnitte, schösse davon aussagekräftige Fotos und legte sie Leuten vor, die noch nie hier waren, sie wären davon überzeugt, dass keine der Ansichten mit einer der anderen in topografischem Kontext stehen kann.
… ich erklimme den fordernden Hang im Körschtal, quere die Brücke über die Bundesstraße, tippele sodann wieder unschwierig zwischen Feldern auf Nellingen zu … Nellingen wandert hinter mir aus, weitere Äcker, Bauernhöfe, links der mobile Hühnerstall mit pickender Schar drum herum … Ich quere Straßen, Straßenbahngleise und labe mich ein letztes Mal an meiner Thermosflasche …
15 Uhr durch, die Schatten werden wieder länger, zwangsläufig wird es kälter werden. Einerlei, ich werde im Ziel sein, wenn die Wintersonne sich verabschiedet. Auf der Herfahrt hatte ich ein wenig Sorge, zu spät dran zu sein. Nun darf ich zufrieden feststellen: Ich habe mir die besten, also die sonnigsten und „wärmsten“ Stunden dieses Tages zum Laufen ausgesucht!
… zweiter langer Anstieg, der noch nie so lang und steil war wie jetzt … Streuobstwiesen … Kirche (einst gelandetes Raumschiff) … Leute, die ihren Geschäften nachgehen …
Vielfach Szenen, die zum Nachdenken reizen, wenn der von wachsender Müdigkeit verzögerte Groschen im „Hirnkastl“ erst einmal gefallen ist. Menschen da und dort, die erkennbar nichts mit diesem Marathon zu tun haben, deren unbekannte Absichten ich jedoch gerne mit fantasievollen Spekulationen umranke. Antworten brauche ich
nicht, mir reicht das Rätsel und die kurze gedankliche Beschäftigung damit. Danke für die Ablenkung, liebe Leute!
… vorbei an der einstigen Kaserne … alsdann der Allee folgend übers frühere Flugfeld … noch einmal nicke ich den Sitz- und Flitzhasen zu … schlage da und dort selbst hasengleiche Haken … nehme final ein Stück der Landschaftstreppe unter die Füße …
Meine Stimmung bleibt positiv stabil, auch wenn ich bereits tief in die Erschöpfung lief. Schritte aneinander zu reihen, nicht einfach stehenzubleiben, erfordert neben körperlicher Anstrengung vor allem Willenskraft. ‚Nicht mehr weit! Vielleicht noch eine Viertelstunde!‘ drücke ich in Gedanken aus. Hilft das? Mental sicher, körperlich sicher nicht. Ich bin so, so müde … Abgesehen von Müdigkeit spüre ich … ich will’s nicht als „Schmerz“ bezeichnen. Na ja, an den mittleren
Zehen links, da tut’s schon weh. Trotz vielfach-marathon-erprobter Schuhe und passenden Socken. Keine Ahnung, was da heute los ist. Aber sonst: Keine Schmerzen. Stattdessen ein quälendes Ziehen in allen bewegten Fasern. Überlastung der Muskulatur, Überdehnung der Sehnen, Überforderung der Gelenke. Morgen, spätestens übermorgen, wird alles wieder palleti sein.
… endlich abwärts, noch anderthalb Kilometer … Kraft fließt jetzt mehr ins Bremsen und Halten als in die Vorwärtsbewegung … überall dieses Ziehen, unschön, aber auszuhalten … War diese Schussfahrt je so lang und mörderisch steil? - Ja doch, war sie jedes Mal! Schlussfolgerung: Der Planet ist immer noch derselbe, ich habe mich verändert! … endlich unten, ein letzter „häsischer“ Hakenschlag
nach rechts … die letzten, flachen 300 Meter, hin zum roten Start-/Zielpunkt auf dem Asphalt … Uhr stoppen. Zeit einerlei. Fürs Protokoll: 5:43:58 Stunden sind vergangen.
Fazit: Gemessen an den Umständen, vor allem meiner Form, der Kälte und den Höhenmetern, bin ich mit der Zeit zufrieden. Meine Kräfte habe ich mir gut eingeteilt, für die letzte Runde brauchte ich kaum länger als für die ersten beiden. Und das, obwohl ich das Profil der Strecke unterschätzte. Statt unterstellter 300 Höhenmeter, waren etwa 500 zu bewältigen. Dass ich trotzdem jeden Meter im Laufschritt absolvieren konnte, lässt mich mit Zuversicht nach 2026 blicken.
Im Laufbericht fehlen Begegnungen mit anderen Läuferinnen und Läufern. Ich wurde nicht überholt und, um selbst jemanden einzuholen, war ich zu langsam. Lediglich zweimal sichtete ich Mitläufer aus einiger Entfernung auf benachbarten Streckenteilen.