30. November 2025
Ich habe mich für den Frühstart eintragen lassen. Veranstalter Dieter Schaab schickt uns - das „langsame Dutzend“, zu dem auch die Laufbekannten Bernie und Charly gehören - pünktlich um 8 Uhr auf die Strecke; wünscht sich aber, dass wir zum Hauptstart um 9 Uhr das Rundensammeln für ein Gruppenfoto unterbrechen. Bei der Kuhsee Marathon Challenge geht’s nun mal nicht um persönliche Bestzeiten. Im Vordergrund stehen die Motive „Laufspaß“ und Begegnung mit anderen Läufern. Für mich okay, die Laufzeit ist mir so gut wie gleichgültig. Aufs Ankommen lege ich Wert und dabei jeden Meter Kuhseeufer mit Laufschritten abgemessen zu haben.
Laufspaß für die Augen mindestens anfänglich, auf der ersten Runde: Gerade geht die Sonne hinter winterlich kahlen Bäumen auf, alle paar Schritte gelingen mir stimmungsvolle Aufnahmen. Später werde ich dem Motiv „Vergnügen“ allerdings nur begrenzt huldigen können, vielleicht bis zur Hälfte der Distanz (18 Runden à 2,4 km = 43,2 km). Meine im Sinkflug begriffene Formkurve - wie stets nachdem die kalte Jahreszeit Einzug hielt - wird mehr kaum zulassen. Sollte die Selbsteinschätzung zutreffen, dann wird das Schlussviertel einmal mehr das letzte Quäntchen Energie aus meinen Akkus saugen … Und
die Resonanz bei Begegnungen auf der Strecke wird dementsprechend mit jedem Umlauf sparsamer ausfallen. Die von Dieter erbetene Laufpause fürs Gruppenfoto zwingt mich zum Taktieren: Die Runden eins bis drei (7,2 km) auf nahezu eine Stunde dehnen, mich also langsam tippelnd warmhalten und erst kurz vor neun im Start-/Zielbereich stehen, um drohendes Auskühlen zu vermeiden.
Der frostige Morgen (-1°C) birgt diese Gefahr, spielt meiner Taktik aber zugleich in die Hände. Bei Frost bringe ich ohnehin nur steife, lahme Schritte auf die Ufererde. Vielfaches, von zauberhaften Pastellfarben des Sonnenaufgangs stimuliertes Fotografieren tut ein Übriges. Während der Auftaktrunde im Uhrzeigersinn (iU) malt die Sonne hinter meinem Rücken bunte Bilder am Himmel. Rasch reift der Entschluss schon beim zweiten Umlauf in Gegenrichtung (gU) zu joggen. Weiterer Vorteil des Richtungswechsels: Alsbald darf ich die Parade des „lahmen Dutzends“ minus Udo abnehmen. Lächelnd und/oder mit knapper Geste grüßen wir einander. Natürlich
versuche ich auch die eine oder den anderen in meine Schnappschüsse zu integrieren. Als Schattenriss im Gegenlicht bleiben sie anonym, steigern aber den Reiz der Aufnahmen. Zu Beginn der dritten Runde (nach 37 min) kehre ich erneut die Laufrichtung um. Soll ich dieses Muster, „kehrt marsch nach jedem Zieldurchlauf“, nun bis zum Ende beibehalten? In Windstille unterwegs erkenne ich keinen Vorteil im Dauerwechsel, von ein bisschen Kurzweil abgesehen. Aber warum nicht? „iU“ und „gU“ sind mir gleich „sympathisch“ - bis jetzt jedenfalls.
Es einzugestehen fällt der Frostbeule Udo schwer: Nahezu ideale Bedingungen heute. Zur schon erwähnten Windstille und dem Augenschmaus des bunt marmorierten Himmels gesellen sich weitestgehend flache, betonharte, in Teilen sogar „asphaltglatte“ Wege. Sie begünstigen kraftsparendes Laufen. Mit Grausen erinnere ich mich an den Zustand der Piste anlässlich der „Kuhsee Challenge 2023“. Damals war nur wenige Tage zuvor viel Schnee gefallen, dessen gefrorene Reste den Uferweg erst mit
stellenweise eisglatter Schicht überzogen. Im Verlauf des Vormittags wandelte sich das Geläuf stufenlos von glatt zu sulzig schlüpfrig, um sich spätestens ab Mittag in eine Slalom gebietende Pfützenlandschaft zu wandeln - einer der wenigen Wettkämpfe übrigens, die ich mit Spikeschuhen bestritt.
Runde 3: Wiederholter, zunehmend banger Blick zur Uhr: Ich werde tatsächlich erst wenige Minuten vor neun Uhr im Zielbereich ankommen. Hoffentlich nicht zu spät, um Teil des Gruppenfotos zu werden. Als Teilnehmer einer „Gratisveranstaltung“ bist du umso mehr bemüht den Vorstellungen und Bitten deines Gastgebers zu entsprechen. Der Menschenauflauf im Ziel mutet wie eine Startaufstellung an. Foto schon passé? Offenbar nicht, man/frau steht sich begrüßend beieinander oder trifft Startvorbereitungen. Ich nutze die Gelegenheit zum erstmaligen Verpflegen, spüle ein erstes Gel mit zwei Bechern warmem Wasser aus meiner Thermosflasche runter.*
*) Geplanter Gelkonsum: je eine Portion nach Runde 3 und 6, dann je eine nach jeder zweiten Runde. Tatsächlicher Gelkonsum: wie geplant, plus ein Gel nach Runde 15. Insgesamt: 8 Portionen.
Unterdessen macht Dieter die Hinzugekommenen - zu ihnen gehören auch die Marathonsammler Roland und Greppi - mit den Regeln vertraut und lüftet das Geheiminis um die diesjährige Finishermedaille. Sie kommt mit griechischen Anklängen daher, zeigt einen Stierkopf unter antikem Helm. Im Kreis drum herum das diesjährige Motto des Laufes: „Run if you can, walk if you have to, crawl if you must, but never give up!“* Aufgeben? - Das war stets „denkunmöglich“, eine Option, die das Schicksal mir hätte aufzwingen müssen; selbst unter übelsten physischen Bedingungen, wie ich sie in ein paar Stunden für mich befürchte. Und auch heute … halt, nein! Besonders heute! werde ich mich über 18 Runden prügeln und Marathondistanz überschreiten - koste es, was es wolle. Heute steht mehr auf dem Spiel als ein schlichtes „DNF (Did not Finish)“, mehr als der Verlust meiner bisher makellosen weißen Weste: 374 Mal gestartet und 374 Mal ins Ziel gekommen!
*) Das Motto stammt von bekannten Ultraläufern, stellt im Ursprung jedoch eine Abwandlung eines Martin Luther King Zitates dar.
Beim Blick zur Uhr wird Dieter von plötzlicher Hektik ergriffen: Schon nach 9 Uhr! Also bittet er flugs zum Start, muss gar ans noch ausstehende Gruppenfoto erinnert werden. Also dann: Aufstellung in breiter Front, alle mit dem Rücken zum See! - Anschließend zum Start und los geht’s, natürlich „iU“, zum Auftakt will Dieter den Neulingen die Seerunde vorführen. Nach etwa 10 Minuten Unterbrechung „iU“ auch für mich, womit ich den dauernden Richtungswechsel durchbreche. Solo in Gegenrichtung aufzubrechen erschien mir unpassend. Bereits am südlichen Ende des ovalen Sees, ein paar hundert Meter nach dem Start, hat sich das nun aus mehr als 50 Köpfen bestehende Feld weit auseinander gezogen. Im „Schwanz“ dümpeln ein paar „einsame“ Gestalten hinterher, zu denen natürlich auch ich gehöre. Ich steigere mein Laufschicksal heute so: Laufzeit? - Unwichtig! Tempo? -
Unwichtiger! Platzierung? - Am unwichtigsten! Es zählt einzig anzukommen! Heute mehr denn je, laufe ich doch mit dieser 8. Auflage der Kuhsee Marathon Challenge einem einmaligen Ereignis entgegen …
Der Vormittag altert, die Freizeitrunde um den See belebt sich. Zwar trennen uns hier einige Kilometer und der Siebentischwald, die Augsburger „grüne Lunge“, vom überwiegenden Teil der Stadt. Zum entlegenen Stadtteil Hochzoll ist es aber nur ein Katzensprung. Spaziergänger in allen Gruppierungen, nicht zuletzt auch Eltern mit Kinderwagen, fremde Jogger, die das üppige Läuferaufgebot an diesem Tage überraschen dürfte, Gassigeher und natürlich auch Radler teilen sich weitestgehend konfliktfrei das
Ufer. Was mich jedoch nicht davor schützt am friedlich stillen 1. Adventssonntag einen Konflikt zu finden; einer Dame am See zu begegnen, die offenbar mehr Umwelt für sich beansprucht, als sie anderen Menschen zubilligt. An einer Stelle wird es kurz eng. Ein Baum mit gefährlich ausladendem Wurzelwerk am Streckenrand verhindert großzügiges Ausweichen. Als ich drei auf breiter Front nebeneinander her walzende Schlenderer überhole, relativ nahe, jedoch ohne die Frau zu berühren, schickt sie mir lauthals ihren Unmut hinterher. Kurz erwäge ich eine schlagfertige Retourkutsche, verzichte dann aber darauf. Wem wäre damit geholfen?
An Anglern jogge ich vorbei, die ihre Rute zwischen welkem Schilfwuchs übers stille Wasser halten. Bei der Temperatur angeln? - Geht ja noch, immerhin sind die Petrijünger jahreszeitlich warm verpackt. Krasser empfinde ich da schon diverse Badegäste, die ihre unverhüllte Hülle den eisigen Elementen Luft und Wasser aussetzen. Wie Gott ihn schuf, mit ausladend schaukelndem Gemächt, quert gerade ein nasser Geselle den Uferweg, strebt einer nahen Sitzbank zu, greift nach seinem dort deponierten Handtuch und … den Rest müsst ihr euch ausmalen, gottlob bin ich nach ein paar Schritten vorbei.
Mein neuer Wechselrhythmus geht so: Ich teile die 18 Runden in 3er-Packs. Einen vor der Pause, jetzt einen nach der Pause. Erst zweimal „iU“, dritter Umlauf „gU“. Dabei werde ich erstmal bleiben. Wieso ausgerechnet in diesem Turnus? - Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ist halt jetzt so. - Während des nächsten
Dreierpacks, den Runden 7 bis 9, ändert die Piste ihre Beschaffenheit. Das Quecksilber klettert in den Plusbereich, die Welt taut auf und der Weg wird weich. Weich, an manchen Stellen zunehmend klebrig, an manchen gar „pampig“. Stört das? Ein bisschen vielleicht, die fortan angenehmeren Temperaturen machen den kleinen Nachteil aber mehr als wett.
Zeit über meine Befindlichkeit zu reden. Zunächst: Die mentale bleibt stabil optimistisch. Nebenbei bemerkt folgt sie damit nicht der Tendenz des Himmels, der sich einzutrüben beginnt. Physisch vollstreckt mein Körper, was ich von ihm erwartete. Gelrationen können die Ermüdung nicht verhindern, allenfalls ein bisschen verzögern. Schon in Runde neun, also kurz vor halber Distanz, sind meine Beine schwer. Nein, eigentlich schon „schwerer“. Für jeden mit Vernunft dem Hobby frönenden Jogger Grund
genug die „Trainingseinheit“ sogleich zu beenden. Es ist nur so: Hätte ich nicht all die Jahre mit unbeugsamem Willen die „Stimme der Vernunft“ zu knebeln verstanden, ich hätte nie und nimmer ein so prall mit Laufedelsteinen gefülltes Säckchen vorzuweisen. Sich dem Wehklagen des eigenen Körpers zu widersetzen, weiterzulaufen, wenn er Ruhe einfordert, ist für jeden Menschen im Rahmen seiner genetischen Disposition trainierbar. Es stellt sich Leidensfähigkeit ein. Sie rückt Gipfel in Reichweite, deren Ersteigbarkeit man zuvor selbst geleugnet hätte. Die Siege häufen sich und manche davon sind besonders. Weil ein Pokal glänzt, die Leistung außergewöhnlich oder der weite Weg beglückend ist.
Manchmal auch alles in einem. An diesem Sonntag ringe ich um einen (für mich) ganz unglaublichen, zudem einmaligen Pokal. Er ist virtuell und nur ich kann ihn hier und heute gewinnen. Vorausgesetzt ich komme ins Ziel, schaffe 18 Runden und überschreite einmal mehr Marathondistanz … Grund genug auch diesmal die Stimme der Vernunft zu ignorieren.
Kleine Begebenheiten am Rande, da und dort Beobachtungen ohne Bedeutung, häufiger Slalom um Unbeteiligte, dies und das. Steter Input, von dem nichts als bleibende Erinnerung kristallisiert. Schon der nächste 3er-Pack (bis Km 28,8) fordert den Kämpfer in mir heraus. Die Aufgabe mag hart sein, ist zugleich aber sehr
einfach: Immer nur weiterlaufen, Schritt an Schritt reihen, nicht aufhören. Nicht aufhören, weil gegen innere Widerstände anzulaufen lange, sehr lange möglich ist. Man - nein, nicht man: ich - muss die heraufziehenden unschönen Körpergefühle nur aushalten. Und das ja auch nur, weil ich es so will. Zum Glück zieht der Körper die Daumenschrauben sehr langsam an.
Kurzer Stopp zum Verpflegen, Gel, Wasser hinterher, sonst nichts. Ich höre ein „Hallo …“, gefolgt von meinem Namen. Aufblickend schaue ich in ein männliches Gesicht, weniger alt als meins - allgemein und vor allem jetzt in fortgeschrittenem Marathonstadium - aber auch nicht mehr jung. „Du kennst mich wohl nicht mehr!?“ schickt er hinterher. Doch, ja, da war was! Aber was? auf jeden Fall schon lange her. „Ich war bei dir in einem Marathonseminar!“ - Ach so! Okay, das reicht wahrlich zurück in die antike Ära meiner Laufgeschichte, muss länger als 10 Jahre her sein,
entsprechend blass die Erinnerung. Wir wechseln ein paar Sätze, dann muss ich weiter … In der folgenden Runde, an anderer Stelle, applaudiert er mir nochmal. Fordert gar lauthals und im Stil eines Kommentators freie Bahn für mich ein; Kündigt Passanten einen Kometen mit leuchtendem Schweif an, wo doch lediglich ein langsam verlöschender Stern durchs All trudelt …
Runde 13 im Uhrzeigersinn - der Spaß ist buchstäblich auf der Strecke geblieben. Wenn ich noch laufe, dann weil ich es will und auch noch kann. Was treibt mich vorwärts? - Klar doch, das Finish, und der ersehnte besondere Lorbeerkranz, den ich mir aufsetzen will. Außerdem darf ich auf eine Stippvisite meiner Frau Ines mit unserem Hund Bobi hoffen, vermutlich irgendwann am frühen Nachmittag …
Es ist dann sehr früher Nachmittag, das Mittagsläuten der Hochzoller Kirche ist kaum verklungen, als ich den beiden kurz vor Abschluss dieser Runde 13 in die Arme und Pfoten laufe. Unser „Bobibub“, der Schwarze mit den Pfoten, wird zuerst begrüßt. Notgedrungen, denn Bobi hat’s nicht so mit „Impulskontrolle“. Dann Ines, deren Lächeln mich „auflädt“, schneller als jedes noch so teure E-Auto an der Schnellladestation es vermag … Geduldig weiterlächelnd lauscht sie meinem in Sätze gefassten Jammer. Kennt sie schon, versteht, dass ich mein „Weh“ einfach nur
an jemanden hinreden will, der mit echtem Interesse zuhört. Alsbald breche ich wieder auf. Auch angetrieben von Ines‘ Versprechen zwei Minuten zu warten, bis ich zurückkomme. Schaffe ich, muss dazu lediglich im nahen Ziel wenden. Und so geschieht’s, obschon ich meinen 3er- Rhythmus „iU-iU-gU“ damit abermals durchbreche.
Ich bin heilfroh während der verbleibenden fünf Runden keine „Fans“ mehr an der Strecke zu treffen. Besser niemand sieht wie ich mich fühle oder was ich ausstrahle. Ganz allmählich schreitet die innere Zerrüttung voran, breitet sich in allen Körperbereichen aus. Gefühle wie Schwäche und Schmerz machen die Hinfälligkeit spürbar. Es gibt kein passendes Bild für diesen körperlichen Prozess. Ein Akku entlädt sich vollends, behält dabei aber die Festigkeit seiner Zellstruktur. Die schrumpelige Zitrone trocknet über Stunden aus, ist aber nicht restaurierbar und zumindest darauf darf ich
hoffen. Irgendwie bringe ich diese Seerunden hinter mich. Vierzehn, dann fünfzehn. Jetzt noch ein 3er-Pack, nur noch gut 7 Kilometer. ‚Nicht mehr weit!‘, versuche ich mir einzureden. Ein Versuch, der nicht verfängt. 7 km sind ein Klacks zu Beginn eines langen Weges, vor dessen Ende dehnen sie sich allerdings gen unendlich.
Seltsamerweise bringe ich noch immer ein „bisschen Tempo“ zustande, bin im Grunde nie langsamer als 7:30 min/km unterwegs. Wie kann das sein, da ich doch Blockaden, Lähmungen, bleierne Schwere spüre? - Vorletzte Runde, keine fünf Kilometer mehr … Bald ist es geschafft! Bald darf ich mich über eine Zahl freuen, die
sich - vor allem nach der langen Verletzungspause - sogar für mich anhört wie vom anderen Stern: Mehr als 20.000 Wettkampfkilometer! Gesammelt ausschließlich auf Marathon- und Ultrastrecken, seit meinem Debüt in Berlin am 29. September 2002.
Woher ich das weiß? - Zum 1. Januar 2024 bat ich um Aufnahme in den 100 Marathon Club Deutschland. Vor allem aus Dankbarkeit, weil Veranstalter in den Reihen des 100 MC während der Pandemie Kreativität bewiesen und unentwegt Marathonläufe anboten. Auch der Tatsache Rechnung tragend, dass ich über die Jahre selbst zum Marathonsammler avancierte. In nun „biblischem“ Läuferalter, nach dem Verlust von Qualität, bleibt als einzig realistisches Überziel einzig die Summe meiner Läufe, die Quantität, zu vermehren. Der Beitritt zum 100 MC erforderte alle M’s und U’s akribisch in einer Exceltabelle aufzulisten: Wann, wo, in welcher Zeit und eben auch wie weit ich mehr als 20 Jahre lang gelaufen war. Nach meiner Fleißarbeit, dem Erfassen von mehr als dreihundert Veranstaltungen, hatte ich plötzlich die Eingebung von Excel die insgesamt gelaufenen Kilometer addieren zu lassen. Der Jux, den
ich mit keinerlei Erwartungen begleitete, ergab 19.xxx Kilometer. Und so spontan wie diese Eingebung, stellte sich der Wunsch ein, die „demnächst“ anstehenden 20.000 Wettkampfkilometer als persönliche Bestleistung zu feiern. Die Knieverletzung rückte „demnächst“ in weite Ferne. Mehr als ein Jahr M-Pause. Aber heute wird es so weit sein, bald. Sehr bald!
Ich war so verwegen die bevorstehende runde Summe gestern in den WhatsApp-Zirkel der „Challenge“ hinaus zu posaunen. Was die Frage provozierte, an welchem Punkt der Strecke „es“ soweit sein wird. Unmöglich diese Stelle zu identifizieren, denn: Viele meiner Marathons und Ultras waren nicht exakt vermessen, manche querten gar profilierte Landschaften. Die jeweils angegebene Streckenlänge war mit Toleranz behaftet. Insgesamt ein Minus oder Plus, das mir mit den 42.195 Metern der „Kuhsee Challenge“ als ausgeglichen gilt …
Letzte Runde im Uhrzeigersinn. Es fühlt sich schon seit mehreren Umläufen an als müsste ich auf der letzten Runde sein. Surreal fast, dass es jetzt real sein soll. Kein Fehler? Ich rechne nochmal nach, vergleiche das Resultat mit der Anzeige am Handgelenk. Passt und so mache ich mich auf den Weg … Unterziehe mich purer,
im Grunde zweckfreier Quälerei. Nichts könnte mir den Unterschied zwischen Mensch und Tier klarer vor Augen führen als dieses „Leiden für nichts“. Nichts von praktischem Nutzen jedenfalls. Keine Kreatur außer der humanen kasteite sich derart für Ideelles, für eine Medaille, eine Urkunde oder die persönliche Schallmauer von mehr als 20.000 Kilometern. Allein der Kampf ums Überleben - des eigenen, des Nachwuchses, des Rudels, des Schwarms, der Art - brächte ein Tier dazu solche Opfer zu bringen.
Es geht mir wieder und wieder durch den Kopf: 20.000!?! Vorhin schien es als trübte Bedauern ein wenig die Freude des bevorstehenden persönlichen Rekords. „Nur“ 20.000, flüsterte ein übler Gnom mir ins Ohr. Nicht 40.000 km, du hast also den Erdball nur zur Hälfte umrundet. Und vollends wirst du es auch nicht mehr schaffen, dafür bist du zu alt … Zum Glück gibt so ein Läuferhirn keine Ruhe, denkt drauf‘rum und findet zur versöhnlichen Wahrheit. Was ist mit den vielen tausend Kilometern zwischen den Wettkämpfen? Schon vorm ersten Marathon war ich begeisterter Läufer. Weiter, viel weiter, als nur einmal rund um den Globus lief ich insgesamt. In manchen Jahren standen mehr als 4.000 Kilometer in meinem penibel geführten Laufbuch.
Auch diese Denk-Anekdote unterstreicht die Beschaffenheit dessen, was ich mit „Glück und Zufriedenheit des ambitionierten Läufers“ bezeichne. Beides ist flüchtig! Kaum aufgeflammt, etwa nach einem Finish oder dem Erreichen eines Meilensteins, wehen sie schon wieder davon. In meinem Arbeitszimmer hängen alle errungenen Medaillen unter der Decke und Fotocollagen wichtiger Wettkämpfe an den Wänden. Das bunte Allerlei ist mir steter Quell der Freude, wenn ich diesen Raum betrete. Während der vom Knie erzwungenen, länger als ein Jahr dauernden Wettkampfpause war das anders. Die Devotionalien verloren ihren Reiz, waren mir nicht mehr wichtig. Statt Freude weckten sie Bedauern. Ich vermisste Aufforderung und Motivation zur nächsten Laufaufgabe, die ich beim Anblick der Erinnerungen stets verspürt hatte.
Funken von Vorfreude dem Finale entgegen zu tippeln sind in mir. Zu mehr fehlt die Kraft. Auf Rituale, die mir bisher die Schlusszirkel erleichterten, kann ich mich nicht konzentrieren. Heute drehe ich en passant keine Gebetsmühlen, wie etwa diese: Zum letzten Mal am Südufer - zum letzten Mal hier vorbei - zum letzten mal da und dort. In Gedanken lasse ich den Entfernungsmesser rückwärts laufen: noch 2 km, jetzt vielleicht noch 1,6 km, noch 1,2 und so weiter und so weiter … Ich rechne in Metern, was mir meine Not (im Nachhinein) deutlicher vor Augen führt als die Erinnerung an Schmerz und Schwäche.
In diesen Minuten existiert nur noch dieses Seeufer unter meinen Füßen, das ich Schritt für Schritt final abmesse. Nichts sonst von Belang. Jetzt die Nordkurve, vielleicht noch 700 Meter … Tonnenschwere Gewichte ziehen an den Beinen. Alles in mir schreit nach Stillstand. Dort vorne noch um die Baumgruppe, dann werde ich die Erlösung vor Augen haben … Noch 200 Meter … 150, 100, 70 … Geschafft: Mehr als 20.000 Kilometer!
5:46:57 Stunden sind vergangen. Eine Laufzeit fast ohne Bedeutung. Ich vergleiche sie lediglich mit der vom letzten Mal, um meine Tagesleistung einzuordnen. Dazu muss ich etwa 10 Minuten Unterbrechung/Wartezeit fürs Gruppenfoto und den Start des Hauptfeldes abziehen. Also schnitt ich vergleichsweise besser ab als zuletzt in der Schweiz.
Siehe Laufbericht vom Dezember 2023.