10. Dezember 2023

Das Gebet des Ochsen  -  Kuhsee Marathon Challenge

Augsburg ist eine Sportstadt. Sie schmückt sich mit Fußball- und Eishockey-Erstligisten und die zuletzt rundüberholte olympische Wildwasserstrecke, der Eiskanal, lockt immer wieder internationale Meisterschaften in die Stadt. Darüber hinaus betreiben Amateure in mehreren hundert Vereinen so gut wie jede Form sportlicher „Leibesertüchtigung“. Mich verschlug es aus beruflichen Gründen in die Gegend unweit südlich von Augsburg. Es gibt wahrlich schlechtere Plätze für den Lebensmittelpunkt, also schlug ich dauerhaft Wurzeln. Einen strengen Maßstab anlegend gibt es eigentlich nur eins, was mir in Augsburg und um Augsburg herum fehlt: Ein Marathon.

Mit der Ausrichtung des 1. Friedensmarathons schien sich das im August 2011 zu ändern. Doch leider kam die Absicht einen Stadtmarathon zu etablieren über nur eine Wiederholung 2012, den 2. Friedensmarathon, nicht hinaus. Das Prädikat „Sportstadt Augsburg“ steht zu dieser Misere nicht im Widerspruch, stellt vielmehr einen der Hauptgründe für das Scheitern der Marathonpläne dar. Um einen teuren Stadtmarathon auf wirtschaftlich gesunde Beine stellen zu können, brauchen Veranstalter potente Sponsoren. Die gibt es in der Stadt, allerdings fokussieren sie sich auf publikumswirksamen Sport, wie ihn die Erstligisten zu bieten haben. Um den „Rest“ der Sponsorenschaft balgen sich zahllose Vereine.

Leider kein Marathon in Augsburg - zumindest war ich lange davon überzeugt. Bis mich Corona und wachsende Abneigung gegen stundenlanges Autofahren meine Lauf-Recherchen intensivieren ließen. Dabei stieß ich auf den Veranstaltungskalender des 100 Marathon Clubs und lokale Enthusiasten, die Läufe im kleinen Rahmen meist mit Selbstversorgung organisieren. Läufe, die überwiegend nicht in bekannten Veranstaltungskalendern verzeichnet stehen. Auch in Augsburg wurde ich fündig, finishte infolgedessen den Marathon am Lech „Wild Cross“, ausgerichtet von Bernie Manhard - von dem Mann wird noch zu reden sein.

Die bereits mehrmals ausgetragene Kuhsee Marathon Challenge, 18 Runden rund um den beliebtesten Badesee Augsburgs, ging mir jedoch stets durch die Lappen. Anfangs war mir der Lauf unbekannt und im letzten Jahr hatte ich mich lange vorher schon zum Siebengebirgsmarathon angemeldet. Dieses Jahr passt der Lauf in meinen Terminkalender. Allerdings rechnete ich mit einer Absage der Challenge. Gerade mal eine Woche vor dem Lauf bahnte ich vor meiner Haustür einen Weg durch fast einen halben Meter Nassschnee, der binnen weniger Stunden gefallen war. Danach rauschte die Quecksilbersäule in den Keller und es schien aussichtslos, dass die Schneedecke auf den Wegen am Kuhsee rechtzeitig tauen könnte. Mehrere Tage Plusgrade, verbunden mit Regenfällen, schufen jedoch Verhältnisse auf der Strecke, die zumindest beherrschbar aussehen. Steckten meine Füße nicht in Icebug-Schuhen, deren Spikes selbst auf blankem Eis noch Halt finden, ich wäre weniger optimistisch. Abgesehen vom halbseidenen Geläuf und der grundsätzlichen Herausforderung, die ein langer Kanten für jeden älteren Läufer darstellt, muss ich heute mit reduzierter Ausdauer klarkommen - für mich folglich eine dreifache „Challenge“ an diesem Wintersonntag.

Bei bodenfrostigen 2°C erreiche ich gegen 8:35 Uhr den Startplatz. Veranstalter Dieter Schaab hat zwei Campingtische aufgestellt: einen für persönliche, einen zweiten für allgemein zugängliche Verpflegung. Auf Letzterem stehen erstaunlicherweise Getränke und weihnachtlich sortierte „Feststoffe“ zur freien Verfügung. Erstaunlich, weil die Teilnahme am Lauf für lau zu haben ist. Auf dem „persönlichen“ Tisch deponiere ich zwei Thermosflaschen. Darin: hot water, nothing else. Schon eisige Luft verbunden mit der Absicht mich darin zu bewegen, ist meine Sache eigentlich nicht. Über mehrere Stunden nahe null Grad Unterkühltes trinken müssen - nein, das geht gar nicht. Im Grunde brauche ich nicht mehr als dieses (später nur noch) warme Wasser. Inwieweit ich den in meiner Lauftasche „versteckten“ Gels werde zusprechen müssen, hängt vom mehr denn je unwägbaren ¿Qué será? der bevorstehenden Challenge ab.*

*) Letztendlich greife ich zu fünf Gelrationen.

Bis zuletzt eilen noch Teilnehmer herbei, die ich, unterdessen im kalten Wind rumstehend und schlotternd, mit Inbrunst um ihr verwegen spätes Erscheinen beneide. Es folgt eine kurze Einweisung, gefolgt vom Gruppenfoto, dann endlich gibt Dieter uns und sich selbst das Startkommando. Für 24 der späteren 25 Finisher mutmaßlich „nur“ einer von mehreren Marathonläufen in ihrem Leben. Für einen, Dieter Schaab, unseren Veranstalter, allerdings ein ganz besonderer: 18 Runden um den Kuhsee trennen ihn von Marathon Nummer 100!

Zu Beginn trabe ich an der Seite von Sybille, einer langjährigen Lauffreundin. Sie will heute nur ein paar Runden drehen. Ihre Absicht: Leute treffen, ein bisschen „Quatschen“, das letztlich unstillbare Laufbedürfnis ein bisschen befriedigen. „Dem Affen Zucker geben“, um ihn bei Laune zu halten. Was einer wie ihr, für die sich die Laufschranke zur Zeit nach etwa 10 km senkt, naturgemäß schwerer fällt als reinen Lust- und Laune-Läufern. Wenn ich das Kürzel „UTMB“ als Gipfel von Sybilles Laufmeriten erwähne - Gipfel eben nicht nur im übertragenen Sinne -, dann wissen Eingeweihte, was für eine begnadete, aus diversen Gründen dieser Tage leider eingeschränkt lauffähige Athletin neben mir her joggt …

*) UTMB: Ultratrail du Mont Blanc; rund ums Mont Blanc Massiv ausgetragener Ultralauf; auf 171 Kilometern müssen rund 10.000 Höhenmeter überwunden werden.

Der unstete Wechsel aus hart gefrorenen Eisplatten, „knubbelig“ uneben getretenem Schnee und freien, mehr oder weniger fein geschotterten Abschnitten lässt zunächst keinen Laufrhythmus zu. Noch taste und teste ich, ob meine mit Spikes bewehrten Sohlen sicheren Halt finden. Nach und nach fasse ich Vertrauen, wenn schon nicht in den Boden, so doch in meine höchst selten zum Einsatz kommenden Icebug-Schuhe. Obwohl sie mich bereits im fünften Winter seit der Anschaffung am Schliddern hindern, stehen für sie erst gut 200 Laufkilometer zu Buche. Die Gerade ist zwar die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten, bei diesen Bodenverhältnissen aber definitiv nicht die beste. Vielfach wechsele ich die Spur, um mir das Vorankommen zu erleichtern. Dennoch ist schon jetzt klar, dass mir das Geläuf alles abfordern wird, was ich am Ende des Laufjahres noch an Ausdauer werde zusammenkratzen können. Zuletzt litt mein Training unterm Wetter. Objektiv, weil kaum noch „normal“ belaufbare Strecken zu finden waren und subjektiv, weil mir Mal um Mal die Lust fehlte, mich der eisig kalten, oft miesen Witterung auszusetzen. Ich könnte noch „gehäufte Termine“ als ursächlich für den Trainingsrückstand zitieren, was aber unehrlich wäre. Termine versuchten mich von jeher am Laufen zu hindern. Lange Zeit erfolglos, wohingegen mir dieser Tage, im Kokon wachsender Altersbequemlichkeit eingesponnen, jeder Vorwand gelegen kommt. Also kürzte ich Trainings oder ließ sie auch mal ganz ausfallen.

Die Schar meiner Mitläufer zieht sich schon auf der ersten, halben Runde weit auseinander. Alsbald bin ich solo unterwegs, was auch dem Einsammeln diverser Fotos geschuldet ist. Trotz guter Lichtverhältnisse unter halbwegs wolkenfreiem Himmel bleibe ich für jede Aufnahme kurz stehen. Noch scheint es mir zu gewagt Schritte „blind“ zu setzen …

Aus der Vogelperspektive betrachtet präsentiert sich der Kuhsee als langgestrecktes Oval mit etwa zwei Kilometern längster Ausdehnung. Die beinahe perfekte Nord-Süd-Ausrichtung rührt vom Lech her, der in geringem Abstand parallel zum Westufer des Kuhsees fließt. Der Kuhsee entstand vor langer Zeit als abgetrennter Altwasserarm des Lechs, an dessen Ufern Bauern ihre Kühe tränkten. Seine heutige Form erhielt der See als die Stadt Augsburg nach dem Lechhochwasser von 1970 einen Hochwasserdamm aufschütten ließ. Der dafür erforderliche Kies wurde der „Wanne“ des Kuhsees entnommen. Grundwasser speist den See seither, zum Lech hin besteht keine direkte Verbindung. Über ein Wehr lässt sich der Pegel des Sees wenn nötig absenken.

Vielleicht nicht in der ersten oder zweiten Runde, irgendwann auf weiteren 16 Umläufen aber doch, verheißt das wenig abwechslungsreiche Streckenbild Langeweile. Damit wir von ihr verschont bleiben, stellte Dieter den Wechsel der Laufrichtung ins Belieben seiner Teilnehmer. Sogleich fasste ich den Entschluss nach jedem Umlauf kehrtzumachen. Gesagt, getan, leider zunächst nicht vorteilhaft getan: Aus westlicher Richtung weht ein eisiger, bisweilen böiger Wind, der mir entlang des Ostufers, nun dem Uhrzeigersinn entgegen trabend, bis in den hintersten Hirnwinkel pfeift. Die beißendsten Böen erwischen mich in Höhe des vegetationsfreien, dem Lech am Nächsten kommenden Nordzipfel des Seeovals. Grässlich.

Ab Runde drei und bis auf Weiteres also wieder reumütig im „Windschatten“ des großen Uhrzeigers … Langeweile bleibt trotzdem ein Fremdwort hier und heute. Kurven und Schlenker gehen der Strecke zwar weitestgehend ab, dafür bietet der Uferweg andere Abwechslung. Allein schon, weil ein gerüttelt Maß Aufmerksamkeit zum Finden und Halten der bestmöglichen Spur draufgeht. Dann sind da meine Mitläufer, die mir, so sie gegensätzliche Laufrichtung wählen, samt und sonders lächelnd, teils grüßend, entgegen joggen. Mit Bernie Manhard bilde ich stückweit ein Laufduo. Dass er nach Rehabilitation seines monatelang „verkorksten“ Knies wieder Marathon laufen kann, freut mich besonders. Okay, ich gestehe, auch Eigennutz nährt diese Freude. Bernie veranstaltet selbst Marathonläufe (z.B. den eingangs erwähnten Marathon am Lech „Wild Cross“) und wie wahrscheinlich einige andere hoffe auch ich, die wiedererlangte Marathonreichweite möge Bernie beim Ausbaldowern neuer Laufideen beflügeln.

Eine Weile räsoniere ich in Sachen „Laufen im Alter“. Bernie muss sich das anhören, immerhin gab sein Interesse an meinen läuferischen Zukunftsplänen den Anstoß zu diesem Redeschwall. Marathonsammler Charlie Berger, einen halben Schritt rechts hinter mir laufend und ähnlich mir dem „persönlichen Verfallsdatum“ schon eine ziemliche Weile entgegen gejoggt, pflichtet meinen „schicksalsschweren“ Sätzen nickend bei. Offenbar fällt es nahezu Gleichaltrigen ähnlich schwer wie mir jeweils lauffähig zu langen Kanten anzutreten. Womit ich nun endlich bei mir und meinem heutigen Laufgefühl angekommen wäre. Das ich zwar bislang nicht kommentierte, dem ich aber auf Schritt und Tritt nachspürte. Aus dem ich dennoch nach jetzt drei, bald vier Runden keine halbwegs verlässliche Prognose ableiten könnte, wie diese „Challenge“ ausgehen wird. Keine beschwingten Schritte habe ich zu vermelden, wirklich mühsam sind sie aber auch nicht. Über etwas zu schwere Beine könnte ich klagen. Doch, was davon geht zu Lasten von Witterung und schwierigem Geläuf, und was ist fehlendem Training geschuldet? Vier Runden, dann fünf - in mir drin keine Änderung.

Draußen durchaus, die Bewölkung verdichtet sich wieder. Ich bin auf alles vorbereitet, rechne auch mit einsetzendem Regen. Mit so einem Anblick rechne ich zu dieser Jahreszeit allerdings nicht: Ein Bad im gefrierpunktnah kalten See nehmen? Im See, an dessen Südende eine dünne Eisschicht bis zur Stunde Plusgraden trotzt? - ‚Wer’s mag!‘ denke ich reflexhaft und mit einigem Schaudern. Gerade entsteigt die Dame dem Wasser, von ihrem Begleiter mit aufgespanntem Badetuch erwartet …

Unser „Hauptquartier“ residiert in Höhe eines Kiosks/Imbisses, der zu dieser Stunde öffnet und auf Umsatz hofft. Eine Fahne weht über der - warum auch immer - mit „Pier 3“ bezeichneten Bewirtungsstätte. Das stramm flatternde Tuch bestätigt meine Vermutung: Der Wind hat um ein paar Grad Richtung Südwesten gedreht. Grund genug die Laufrichtung abermals umzukehren und fortan gegen den Uhrzeigersinn zu joggen. Weitere Änderungen am „Drehbuch“ meines 362. Marathons habe ich einstweilen nicht zu berichten. Meine Hauptbeschäftigung besteht weiterhin in der mehr oder weniger mühsamen, Kraft raubenden Suche nach der optimalen Spur. Immerhin bleibt die befürchtete Wetterverschlechterung aus, die Wolken lockern wieder auf …

Hinter neun Runden ein Haken, weitere neun stehen noch aus. Ich wollte die Zeit nach halber Strecke nehmen, hab es aber verschwitzt. Mutmaßlich, weil Zeit heute noch weniger Gewicht hat als sonst. Es wird eine Finisherliste geben, die auch Zeiten festhält, aber keine Wertung. Das entspricht ziemlich genau der Bedeutung, die ich selbst diesem Lauf beimesse. Mein Ziel ist 18 x 2,4 km und damit mich selbst (ziemlich sicher länger als fünf Stunden) zu überwinden. Vor allem möchte ich so verhindern, dass meine Ausdauer weiter den Bach runtergeht. Nebenprodukte: Läufer treffen und meiner Sammlung einen weiteren Marathon beisteuern. Die Laufzeit ist lediglich Kriterium, um die heutige mit anderen Laufleistungen der letzten Wochen vergleichen zu können.

Das mulmige Gefühl, das mich durchzog, als die Zahl ausstehender Runden noch zweistellig war und ich auf bereits beanspruchten Beinen um den See trabte, verstärkt sich jetzt. Auf jeder weiteren Runde baue ich merklich ab. Die Kraft schwindet, zugleich verstärken sich Beschwerden im Laufapparat. Ich hege nun keinen Zweifel mehr daran, mich vollkommen „auspowern“ zu müssen, will ich die Kuhsee Challenge erfolgreich abschließen. Vorhersehbare Not, die nicht zuletzt meiner Unbelehrbarkeit zuzuschreiben ist: Gehen geht nicht! Genauer gesagt „geht Gehen“ nur unter unüberwindbar widrigen Umständen und die liegen heute nicht vor. Von bereits gezeichneten Gesichtern ablesbar bin ich aber nicht der Einzige, der sich quält. Hab schon Mitläufer gehen sehen, andere wurden langsamer und das Lächeln bei Begegnungen bleibt immer häufiger aus. Sofern ich Entgegenkommende überhaupt noch wahrnehme. Häufig hebe ich nicht mal mehr den Blick. Blickkontakt, Bemerkungen gar sind Luxus, den ich mir kaum mehr leiste. Oder nur auf Anfrage: „Wie viel Runden noch, Udo?“ - „Noch vier!“ gebe ich Dieter wahrheitsgemäß zur Kenntnis. Vermutlich will er mich als Finisher seiner „Kuhsee Challenge“ im Ziel beglückwünschen. Und sicher wird er seinen 100. Marathon zu diesem Zeitpunkt längst beendet haben …

Die Sonne hält sich wacker und mich trotz „Pein im Gebein“ bei guter Laune. Ungeachtet auch ihrer tauenden Wirkung, die mich zusätzliche Körner kostet. Lange harschigen, festen Schnee verwandelte sie unterdessen in sulzig weiche Passagen. Und, wo anfangs mühelos kleinen Pfützen mit einem Schlenker oder verlängertem Schritt auszuweichen war, gilt es nun ausgedehnte Schmelzwasserteiche zu umkurven. Nicht der einzige Grund für immer mehr Slalom: Mit jeder weiteren Stunde wuchs die Schar sonntäglicher Spaziergänger, die einzeln oder in Familienstärke, nicht selten mit Kinderwagen, den winterlichen Kuhsee erleben wollen. Dabei grenzt nur ein Augsburger Stadtteil unmittelbar an den See. Vom Rest der Stadt sind Kuhsee, Lech und Lechgewässer durch ausgedehnten Stadtwald (Siebentischwald) getrennt.

Apropos Lechgewässer: Auf jeder Runde passiere ich auch das zentrale Augsburger Lechwehr, den so genannten „Hochablass“, dessen Geschichte bis etwa ins Jahr 1.000 zurückreicht. Der Hochablass staut den Lech, sodass selbst in niederschlagsarmen Sommern künstlich angelegte Augsburger Bäche und Kanäle ausreichend mit Wasser versorgt werden. In früheren Zeiten unabdingbare Voraussetzung für Weber und anderes Handwerk in der Augsburger Altstadt. Hieraus entwickelte sich über die Jahrhunderte eine florierende Textilindustrie (ca. 20.000 Beschäftigte nach dem 2. Weltkrieg), die bis zur Jahrtausendwende infolge billiger Importe beinahe vollständig abgewickelt wurde. Übrig blieben leerstehende Fabrikhallen, teilweise mit klangvollen Namen, wie etwa „Fabrikschloss“ oder „Glaspalast“, dieser Tage teils als Museum, teils als Heimstatt anderer Gewerbe verwendet. Eine der Ableitungen, die der Hochablass speist, gerade mal zweihundert Meter Luftlinie entfernt, kommt mir mehrfach in den Sinn, der in der Einleitung bereits erwähnte „Eiskanal“. Sportfreunden in aller Welt seit den Olympischen Spielen 1972 bekannt als künstlich angelegte Wildwasserstrecke, auf der Kanuten um Medaillen kämpften und noch heute Austragungsort internationaler Meisterschaften.

Runden 15, 16, 17 … zusammenhängende, zumal thematisch abschweifende Gedanken wie jene zum Eiskanal wurden von wachsender Mühsal verdrängt. Das Kuhseeufer wird mir zum „Tunnel“, dessen virtuelle Wände kaum mehr andere Wahrnehmungen zulassen als jene vor meinen Füßen. Einzig das geht noch: Innere Anfechtungen Mal um Mal abwehren, stur Kurs und Tempo halten. Wobei Letzteres mehr und mehr verebben dürfte. Eine Vermutung, die ich nicht überprüfe. Wozu auch? Dagegen anrennen könnte ich ohnehin nicht (will es auch nicht). Auch mein Laufstil hat sich spürbar verändert, wurde hölzern, staksig, lässt zu, dass sich Erschütterungen bis ins Mark fortpflanzen … Mir allzu bekanntes Leiden, nichts Besonderes, nichts, was den Erfolg verhindern oder mich gar zu Gehschritten (igittigitt!) zwingen könnte.

Die Parade stundenlang vertrauter Gesichter und Silhouetten dünnt aus. Die Schnelleren im Feld „haben bereits fertig“, verschwanden nach und nach aus meinem Gesichtskreis. Die vorletzte Runde bricht an, ich begegne dem freudestrahlenden Dieter. Das von seinen Freunden aufgespannte Zielband, an dem ich ein paar Schritte vorher vorbeikam, motiviert meine Frage: „Deine letzte Runde?“ - Er bejaht und endet mit der Versicherung auf jeden Fall auf mich warten zu wollen … Daran hege ich ohnehin keinen Zweifel, mir ging es nur darum zum Hundertsten zu gratulieren, was ich in Wort und Tat (Abklatschen) postwendend und von Herzen vollziehe.

Weiter im Rund, ich beginne mit der Verabschiedung: Jetzt muss ich nur noch einmal am Gebäude der Wasserwacht vorbei, werfe einen vorletzten Blick hinüber zum Hochablass, setze ein vorletztes Mal zum 16fach erprobten Schritt über eine kleine Matschsuhle an … Hier, da und dort zum vorletzten Male vorbei … Diese vorfristigen „Abschiede“ entspringen weder einer Liebe zur Strecke, noch drücken sie Bedauern aus. Im Gegenteil: Kaum jemand kann sich vorstellen, wie sehr ich mich nach dem Ende sehne. Hier eben nicht mehr entlang laufen zu müssen! Das „vorletzte Mal“ ist ein Ritual, das ich schon häufiger praktizierte; Strophen eines Mantras herunter beten, sie aneinander reihen, dabei Distanz zurücklegen. Verhalten, das dem müden Ochsen hilft sein tonnenschweres Joch weitere zwei Runden im Kreis zu schleppen …

Der Start-/Zielbereich kommt in Sicht! Gleich beginnt die finale Runde! Spontan entschließe ich mich zu einem letzten Richtungswechsel. In Höhe des von Freunden gefeierten Hunderter-Jubilars Dieter kehre ich um. Noch einmal 2,4 Kilometer. Ich stelle mir die Distanz auf bestens bekannten heimischen Strecken vor: Lächerlich wenig! Das macht es erträglicher, auch wenn diese „Lächerlichkeit von Distanz“ mir am Ende der „Challenge“ alles andere als leicht fällt. Vereinsamt schleppe ich mich am Seeufer entlang, Begegnungen bleiben aus. Die meisten Mitläufer sind im Ziel und die wenigen verbliebenen laufen offenbar gleich mir im Uhrzeigersinn. Meine Füße schmerzen heftig und ich bin müde. Unsagbar müde. Aber das ist okay und war, da mit spärlicher Vorbereitung angetreten, zu erwarten - Ich freue mich aufs Ziel, darauf nicht mehr laufen zu „müssen“. Freue mich aufs Finish im Kreise Gleichgesinnter und auf das spätere Highlight des Tages: Eine heiße Sauna! - Gleich geschafft: In weitem Bogen zirkele ich um den Schmelzwassersee - einzige Alternative: schwimmen -, umkurve Spazieren gehende Slalomstangen, nähere mich unaufhaltsam dem Ziel. Dort nehme ich nach fünf Stunden, achtzehn Minuten und vier Sekunden Dieters Glückwünsche entgegen …

 

Fazit zur Veranstaltung

Ein feines „Event“ vor meiner Haustür! Die im Grundsatz monotone Strecke „generiert“ immer wieder neue, von Wasser dekorierte Ansichten, wird schon deshalb nie langweilig. Einziger Wermutstropfen für mich: Die Challenge findet im Winter statt. Der mögliche Gedankenaustausch mit diversen Laufbekannten wiegt diesen Nachteil allerdings auf.

Fazit: Wenn’s terminlich passt und die winterliche „Kuhsee-Lech-Arktis“ nicht allzu frostige Hürden auftürmt, komme ich nächstes Jahr wieder!