31. Mai 2020

Tag zwei:   Vom Aufbrechen der Kruste

Von Hubertusstock nach Wandlitz, 67 Kilometer

Durchaus möglich, dass die Götter des Laufsports zum guten Ende hin noch ein paar Spielchen mit ihm spielen werden. Vielleicht gehässig kichernd seine Beine mit Schwäche lähmen, um dem forsch einher trabenden Udo ein qualvolles Finale zu bereiten. Sich am Leid des Toren ergötzen, das er bei defensiverer Laufweise hätte vermeiden können. Durchaus möglich. Doch das gute, das glückliche Ende zu verhindern, solche Macht über ihn besitzen sie nicht. Nicht heute!

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Selten war ich mir schon in der Anfangsphase eines Ultralaufes des Erfolges so gewiss wie heute. Vor guter Laune nur so strotzend spulte ich bereits die ersten acht Kilometer ab, zähle mental verwegen sogar rückwärts: „Nur“ noch 56 Kilometer bis ins Ziel … Was ist da geschehen, wirst du dich fragen!? - Im Grunde stelle ich mir die Frage seit den ersten Schritten selbst. Erste Schritte, die ich in der Erwartung schmerzender Sehnen und Gelenke sehr, sehr zögerlich setzte. Von denen ich glaubte sie müssten mir unendlich schwer fallen, bis ich mich nach einigen Kilometern hoffentlich eingelaufen hätte. Nichts davon trat ein. Ein bisschen Zwicken da und dort, ein Rest von Ermattung der Muskulatur, mehr nicht. Bereits nach fünf Minuten hatte ich alle Nachwehen von Tag eins abgeschüttelt.

Läuft bei mir! Anzeige gegen Unbekannt erstatte ich allein in Sachen Wetter: Abendliches Azurblau entwendet! Heute Morgen bedeckter, grauer Himmel, kalte Luft, leichter Wind. Das hatte ich mir dann schon anders vorgestellt. Fotos vom Werbellinsee, auf den ersten Kilometern häufiger Blickfang, genügen folglich reiner Chronistenpflicht, einen Schönheitspreis verdienen sie nicht. Meiner Stimmung tat dies keinen Abbruch, zumal der Wind mein Flehen alsbald erhörte und die Wolkendecke zur Seite fegte. Just zu der Zeit als ich im Wald gegen den Berg kämpfte. Doch, dergleichen gibt es hier. Angeblich heißen die Buckel sogar „Mörderberge“. Nun ja, wer schon mal „richtige“ Berge erlaufen durfte, wird darüber milde lächeln. Obschon ich zu diesem Personenkreis zähle, kam mir solche Heiterkeit allerdings abhanden. Mit altersbedingt schwächelnder Ausdauer empfinde ich Steigungen - um einen weniger schweißtreibenden Begriff zu verwenden - mehr und mehr als pure Last, denn als sportliche Herausforderung.

Aber die „Barnimer Mörderberge“ packe ich noch, auch jenen, der sich im Wald über mehr als einen Kilometer hinzieht. Und nun, da ich diesen Wald hinter mir lasse, ist mein Läuferglück komplett: Blauer Himmel, wärmender Sonnenschein, lediglich noch Reste von Schleierwolken. Herrlich. Stückweit voraus erwartet mich bereits der erste Verpflegungspunkt, betreut von Steffen. Gute Laune trifft auf eingeborenen Mutterwitz, erzeugt Wohlgefühl. Danke Steffen. Pflichtschuldigst trinke ich Cola und Wasser, durstig bin ich nicht. Noch nicht. Wenn die Sonne hält, was sie verspricht, werde ich die Flüssigkeit bald brauchen.

Weiter sanft aufwärts der Hügelkuppe entgegen. Auch wenn ich die Landschaft nicht kenne, vermag ich mir deren topografische „Dramaturgie“ zu erklären: Stückweit hinter meinem Rücken, südwestlich des Hügels, „tief drunten“ und hinterm Forst liegt der Werbellinsee. Und voraus, jenseits des Hügels, gleichermaßen in einer Wanne, erwartet mich die nächste, vermutlich hübsche Brandenburger „Pfütze“, der Grimnitzsee. Alles reine Physik: Wasser sammelt sich am tiefsten Punkt über undurchlässiger Erdschicht … Auf die Hügelkuppe zuzuhalten heißt auch sich einem rätselhaften Turm zu nähern. Je näher du ihm kommst, umso mehr ähnelt er einer Kreuzung aus antennenbewehrter Sendestation und Sprungturm im Schwimmbad. Noch mysteriöser sein Name: Biorama!? Wie gehabt: Hier und jetzt schauen plus Fotos, daheim recherchieren*.

*) Der denkmalgeschützte, einst als Wasserspeicher genutzte Biorama-Turm ist in Privatbesitz. Er wurde zur mehrgeschossigen Wohnung umgebaut, dabei mit einer Aussichtsplattform gekrönt, die über Außentreppe oder Aufzug öffentlich zugänglich ist. Die Wortschöpfung „Biorama“ ergab sich aus der Zusammenziehung von Biosphärenreservat Schorfheide und Panorama. Von der Plattform genießt man eine 360° Rundumsicht, an klaren Tagen auch bis nach Berlin - so steht es geschrieben.

Meine landschaftliche Spekulation bewahrheitet sich offenbar: Zügig hinab Richtung Ortsmitte Joachimsthal. Unaufhaltsam verkürze ich den Abstand zu Silke Stutzke, die zeitweise geht. Nach nur 11 von insgesamt 67 Kilometern lässt das einen wie mich, der nur geht, wenn Umstände ihn zwingen, an Schwierigkeiten denken. Unnötige Bedenken, weggewischt von Silkes Antwort auf meine entsprechende Frage. Sie geht, weil sie den Weg genießen und sich nicht vorschnell verausgaben will. Wie leicht man doch Läufers Tun verkennt, so man unbedacht eigene Maßstäbe anlegt …

Lieber am Straßenrand auf sandigem „Trottoir“ laufen, als sich die Füße von diesen Pflastersteinmonstern malträtieren lassen. Vermutlich sah es in diesem Teil der Gemeinde Joachimsthal vor hundert Jahren nicht viel anders aus. Nach wenigen hundert Metern entkomme ich dem zum „Denkmal des unbekannten Pflasterers“ taugenden Geläuf in einen Seitenweg. Von hier lockt erstmals der Grimnitzsee, unweit dessen Gestade ich die nächsten Kilometer bestreiten darf. Leider, wie sich bald und fortlaufend erweist, auf Distanz gehalten. Obendrein in der Sicht von einem Waldstreifen behindert, der das Südwestufer in fast vollständiger Länge säumt.

„Trost“ spendet die Beschaffenheit des Radweges. Geradezu ein Traum von unbeschwertem Laufen: Glatter Asphalt! Zeitweise stellt sich ein Gefühl von Leichtigkeit ein, das selbst kurzes Überschlagen der Reststrecke - noch etwa 50 Kilometer - unbeschadet übersteht. Das ist ein bisschen wie fliegen. Entsprechend rasch hake ich die Kilometer 11 bis 13 ab. Risikofreudig wie in besseren Tagen denke ich an Temposteigerung. Denn anders als gestern kümmert mich heute kein morgen. Morgen ist Pause. Heute darf ich mich voll verausgaben, notfalls auch auf Knien ins Ziel rutschen. Mehr noch: Rein sportlich betrachtet bin ich hier, um Ultra für noch mehr Ultra zu trainieren. Also muss mir daran gelegen sein einen maximal harten Trainingsreiz zu setzen.

Endlich bleibt der Wald zurück und in der sich anschließenden offenen, berauschend schönen Wiesenlandschaft genießt „Susi Sorglos“ flott trabend ihr Sonnenbad. Panorama, Licht im Überfluss, frische, klare Luft … Susi wirft alles Streben, eben noch bemühten Ehrgeiz, über Bord. Laufen! Leben spüren! Die Lungen bei jedem Atemzug mit den Genüssen des Augenblicks füllen …

Als optisches Spektakel habe ich den Grimnitzsee eigentlich schon abgeschrieben. Anstelle des Waldes behindert nun der ausgeprägte Schilfgürtel die Aussicht zum Wasser. Doch die weiß auch so zu gefallen. Mensch muss Mutter Natur nur machen lassen, dann nimmt sie ungeordnet und üppig sprießendes Grün, pflanzt ein paar Blumen dazwischen, spannt blauen Himmel drüber her, entfaltet ihren überwältigend schönen Garten. Aus sinnlichem Wahrnehmen gefiltertes Wohlgefühl und Lust am Laufen - vermutlich schaukeln sich beide Emotionen gegenseitig hoch. Die dazwischen immer wieder mal empfundene Anstrengung hält aber meine Füße fest am Boden.

Vor allem die zwar kurze, aber heftige Steigung des Radweges, die mich Sekunden später auf eine Dorfstraße entlässt, treibt den Puls kräftig nach oben. Und ebenso plötzlich wie unerwartet setzt Denken aus, ist nur noch Platz für ein gehauchtes Oh-wie-schön! Zwischen Einfamilienhäusern und aus nun erhöhter Position entschädigt ein über die Maßen reizvolles Panorama für alle Mühen des Tages. Für bereits geleistete ebenso wie für alles, was da noch kommen mag. Ich betrete Privatgrund, offensichtlich eine balkonartig angelegte Parkbucht des Eigenheimbesitzers. Von der rückwärtigen Brüstung aus lässt sich der See zur Gänze überblicken. Die Sonne taucht alles in intensive Farben. Wohl kaum ein Farbton von Grün und Blau in diesem Universum, der da fehlte. Himmel und See in blauem Diskurs, moderiert vom Grün der Gräser, Büsche, Bäume …

Dies Bildnis ist bezaubernd schön,

wie noch kein Auge je gesehn!

Ich fühl' es, wie dies Götterbild,

mein Herz mit neuer Regung füllt.

Aus dem Libretto der Oper „die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart, 1. Aufzug, 1. Bild, Arie des Tamino. Uraufführung 1791 in Wien.

Läufer rasten; kurz; erliegen letztlich doch ihrer ruhelosen Bestimmung. Also abwenden und weiter, leicht abschüssig entlang der Wohnstraße. Wo ich bin? - Weiß nicht!? Von der heutigen Route erinnere ich noch weniger Roadbook-Wissen als von der gestrigen. Offen gestanden ist mir, wo genau ich laufe, auch von Herzen egal. Nach dem mit Höhepunkten prall gefüllten Strecken-Portfolio von Tag eins vertraue ich blind darauf, dass Silke und Jörg uns auch heute mit Routenschönheiten überschütten. Der Track bringt mich hin, ich muss nur laufen, die Augen aufmachen und hinschauen …

Einmündung in die Hauptstraße des Ortes, nun sanft bergan, auf einen trotz seiner Plumpheit anziehend wirkenden Kirchturm zu. Das Kirchlein entpuppt sich just wegen seiner Schlichtheit und der hinter Kletterpflanzen versteckten Seitenwand des Kirchenschiffs als Blickfänger. Mal stehend, mal im Rückwärts-Seitwärts-Step Fotobreitseiten feuernd gilt meine volle Aufmerksamkeit dem ungewöhnlichen Gotteshaus*. Deshalb übersehe ich Ines und Roxi zunächst, die mucksmäuschenstill von der gegenüberliegenden Grünanlage aus mein Treiben beobachten. Da ich mich endlich zum Weiterlaufen entschließe, nehme ich die fünf weiblichen Wesen wahr, die mir teils reglos düster, teils erwartungsfroh entgegen blicken.

*) Die so genannte „Wanderkirche“ (Ruhepunkt für Wanderer und Radler) steht in Althüttendorf.

Zum ersten Mal an diesem Tag begegne ich meiner „sechsbeinigen Fanbase“. Ines lässt die Leine fallen, damit sich unser Vierbeiner vergnügt kläffend und wild schwanzwedelnd auf mich stürzen kann. Auch Ines ist in Hochstimmung, die dem strahlend schönen Tag und bereits gesammelten Eindrücken am Grimnitzsee geschuldet ist. Bevor ich aufbreche, vereinbaren wir das nächste Rendezvous am Kloster Chorin, das uns als kulturelles Highlight des heutigen Tages wärmstens an Herz gelegt wurde.

Das waren zwei von fünf weiblichen Wesen, lebhaft und froh; nun muss ich an drei reglos düster dreinschauenden vorbei ... Offensichtlich ein Kunstwerk, ein Skulpturen-Trio, gehörnte Frauenfiguren. Jede für sich mit mehr als Pandemie-Sicherheitsabstand auf einem Findling sitzend. Unmöglich Sinn und künstlerische Aussage der Metallplastiken ohne Recherche zu entschlüsseln. Wie gehabt: Hier und jetzt das Foto, daheim forschende Neugier.*

*) Die Skulpturengruppe stammt von dem in der Gegend ansässigen deutschen Bildhauer Eckhard Herrmann und zeigt die drei nordischen Schicksalsgöttinen (Nornen) „Urd“, „Verdandi“ und „Skuld“.

Keine Chance auf Touren zu kommen, nur 200 Meter weiter signalisiert eine geöffnete Pkw-Heckklappe den nächsten Verpflegungspunkt. Dort labt sich gerade Silke, die mich bei den fünf „Mädels“ rastend überholte. Ich trinke reichlich, achte vor allem darauf die Trinkflaschen prall nachzufüllen. Bis zum nächsten VP werde ich eine gute Stunde brauchen und schon jetzt wische ich mir in relativ kurzen Intervallen Schweiß von der Stirn. Dank an die Helfer, dann mache ich mich an die „Verfolgung“ von Silke, die kurz zuvor aufbrach.

Rasch schrumpft der Abstand zur gemütlich wandernden Silke. Derweil versuche ich meinen von zwei Stopps gebrochenen Laufrhythmus wiederaufzunehmen. Was mir erstaunlicherweise binnen weniger Schritte gelingt. Lockere Beine also, die ich gestern vermisste und nach Vorbelastung heute nie und nimmer für möglich hielt. Unerklärlichen Schwankungen unterliegt meine Tagesform häufiger, über positive Ausreißer darf ich mich allerdings nur noch selten freuen … Frohen Mutes grüßend tippele ich an der gehenden Silke vorbei. Ihre Antwort klingt nach Vorwurf, weil sie glaubt ich sei an der schönen Aussicht über den Grimnitzsee, einen der Tageshöhepunkte, ignorant vorbeigelaufen. Durchaus irritiert aber freundlich versichere ich ihr meiner Sightseeing-Pflicht vollumfänglich nachgekommen zu sein. Wie leicht man doch Läufers Tun verkennt, so man unbedacht eigene Maßstäbe anlegt …

Während das Sträßchen an Höhe gewinnt (unfassbar wie leicht mir das vom Fuß geht!), verstärkt sich ein seit einer Weile nicht mehr zu überhörendes Rauschen. Wenig später überquere ich einmal mehr die Autobahn A11. Zu meiner Freude diesmal auf Asphalt ohne Belästigung von räudig grobem Pflaster. Noch ein Stück weit voran und höher, dann endet das stille Sträßchen vor einer Bundesstraße. Sssst! von links, ssssst! von rechts - wer am Leben bleiben will, sollte die anstehende Straßenüberquerung mit wachen Sinnen angehen. Unversehrt drüben angekommen erwartet mich Lebensbedrohendes der anderen Art. Drei wild anschlagende Wachhundmonster lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihr Territorium verteidigen werden. Den blutigen Fantasiebildern in meinem Kopf zum Trotz, bewegt mich der Gedanke, wessen „Verlegenheit“ wohl größer wäre, ihre oder meine, löste sich der übermannshohe Zaun übergangslos in Luft auf. Okay, ausprobieren möchte ich es nicht, auch wenn ich hündische Angreifer bislang noch immer mit atypischer Reaktion in die Flucht schlug. Jogger, die sich umdrehen und mit Urschrei auf den Lippen zum Gegenangriff übergehen, kommen im Erfahrungsschatz der Wadenbeißer einfach nicht vor …*

*) Mein Verhalten attackierenden Hunden gegenüber empfehle ich keinesfalls zur Nachahmung! Damit Erfolg zu haben setzt voraus nicht ängstlich zu sein oder aus anderen Gründen nur halbherzig aufzutreten. Wer sich fürchtet, sollte einfach stehenbleiben und damit dem Verfolger sein Motiv zur Verfolgung, die unterstellte Fluchtbewegung, nehmen.

Ich trabe durch Brandenburger Forst. Gefühlt durchs halbe Land, tatsächlich jedoch nur fünf, zuweilen hügelige Kilometer weit. Brauchbare wechseln sich mit miserablen Wegeverhältnissen ab. Ganz bestimmt waren die unangenehmen Abschnitte mit bis zu Walnuss-großen „Kullersteinen“, sandig tiefen Kuhlen, herum liegenden Ästen, Löchern oder Rinnen deutlich in der Minderheit. Nur hinterlassen ebendiese ein deutlicheres Echo in meiner Erinnerung. In der finde ich auch zwei Fälle von Verlaufen. Einmal beinahe, da ich dem gewählten besseren, sich deshalb anbietenden Geläuf an einer Weggabelung sofort misstraue. Schon zwanzig Meter weiter weist der Pfeil auf meiner Uhr eindeutig in die falsche Richtung. Beim zweiten Mal, in Höhe eines Bauernhofes, habe ich Glück im Unglück. Ich übersehe die unscheinbare, geradeaus weiterführende Piste, stoße jedoch rasch auf einen Querweg, der mich zur korrekten Route zurückbringt. Mehrweg: Höchstens 400 Meter. Verlaufen trotz doppelter Absicherung durch blau-weiße Markierung des Wanderweges und Track auf der Uhr. Wieso schaffe ich es trotzdem vom Weg abzuirren? Am jeweiligen Ort des Malheurs gab es keine Markierung oder sie fiel mir nicht auf. Und dem Track auf der Uhr sind hinsichtlich Genauigkeit/Maßstab Grenzen gesetzt.

Ziemlich genau nach Halbmarathondistanz stoße ich auf ein Waldsträßchen, das mich dem Kloster Chorin weitere drei Kilometer näher bringt. Am meisten freuen sich meine nun wieder von Asphalt gestreichelten Füße. Wenig später auch die Augen, die nach undurchdringlichem Wald wieder eine offene Wiesenlandschaft schauen dürfen.

Kilometer 25: Der Ortseingang von Chorin und noch vorm ersten Haus der nächste Verpflegungspunkt. Wieder erfahre ich aufmerksame Zuwendung, für die ich mich mit nicht mehr als einem ehrlichen Wort und einem Lächeln bedanken kann. Weiter durchs Dorf und Udo lernt: Dorf und Kloster Chorin sind geografisch alles andere als kongruent. Anderthalb Kilometer Auf und Ab gilt es bis zum sakralen Weltkulturerbe noch zu überwinden. Klingt ereignislos, ist es aber nicht. Einen achtungsvollen Augenaufschlag gönne ich einem zum Niederknien gut erhaltenen Wartburg-Oldtimer. Zumindest optisch konnte das Fahrzeug vor einem halben Jahrhundert nicht besser in Schuss gewesen sein. Sonnenreflexe auf poliertem Lack sprechen eine eindeutige Sprache.

Schon zum zweiten Mal steil aufwärts und erneut auf uraltem Pflaster. Pure Fußfolter! Da und dort tippele ich ein paar Meter am unbefestigten Rand. Plötzlich „klingelt“ mein Handy. Bis ich das Ding aus Rucksack und wasserdichtem Beutel genestelt habe, verstummt der Anruf. Wiederholt sich jedoch: Ines! Ihrer Befürchtung ich könnte das Kloster bereits passiert haben begegne ich mit einem frohen „Bin gleich da. Noch 800 Meter!“ Jedenfalls versprach das ein Wegweiser, den ich eben passierte.

Ein paar Richtungswechsel später betrete ich einen weitläufigen Park und laufe geradewegs auf die Klosterkirche zu. Alte Laubbäume flankieren den Weg, recken sich himmlischen Heerscharen entgegen. Kein Irrtum möglich: Der den Park anlegte, pflanzte die Bäume ganz bewusst dorthin. Wie durch ein Tor geben sie den Blick auf den kolossalen, aus rotem Backstein erbauten Giebel der Klosterkirche frei, verstärken dessen wuchtige, von Gottes Größe kündende Wirkung. Fotos. Lieber ein paar mehr als auch nur eines zu wenig. Vor der Kirche und der sich anschließenden Klostermauer wende ich mich nach rechts und laufe Ines vor die Linse.

Die fällige Pause zieht sich in die Länge. Erlebtes sprudelt gutgelaunt aus uns heraus und Roxi - wie immer aus dem Häuschen, wenn ein Rudelmitglied zurückkehrt - buhlt um Beachtung. Am wenigsten Zeit kostet mich das Bunkern frischer Gelbeutel. Für weitere Verzögerung sorgen zwei Mitläufer, die von Ines vorm Kloster abgelichtet werden wollen. Für mich ein paar Sekunden der Muße, die wirklich beeindruckende Klosteranlage noch einmal mit Blicken zu würdigen.

Die Landstraße Richtung Eberswalde bringt mich zügig voran. Genauer gesagt der Radweg daneben. Ich halte Tuchfühlung zu den beiden Mitläufern, die kurz vor mir losliefen. Sanft talwärts zunächst, ein Dorf hinter mir lassend, dessen Name an den Boden erinnert, auf dem es steht: Sandkrug. Alsbald ebenso moderat wieder hinan. Nach und nach schließe ich zu den Vorderleuten auf. Nicht zu vermeiden, sie legen mehrfach Gehpausen ein. Just da ich an ihnen vorbei tippele, segelt ein großer Schatten über unsere Köpfe hinweg, quer zur Straße, zirkelt drüben mit „ausgefahrenem Fahrwerk“, unter Einhaltung eines konstanten Gleitwinkels, eine elegante Spirale. Schließlich setzt der gefiederte Pilot am exakt berechneten Touchdown in der Wiese auf und beginnt augenblicklich mit der Futtersuche … Wahrlich nicht der erste Storch in meinem Leben. Doch bisher erblickte ich die großen Vögel nur in ihrem Nest oder stolzierend in feuchten Niederungen. Um ihren „Landeanflug“ in der Endphase, noch dazu aus relativer Nähe, mitzuerleben, musste ich ziemlich alt werden und ziemlich weit laufen.

Und dieses weite Laufen gibt mir Rätsel auf, zumindest am heutigen Tage. Das geht ungeahnt leicht, um nicht zu sagen „locker flockig“ vom Fuß. Natürlich strengt es mich an, doch den bislang mir selbst unterstellten, miesen Ausdauerzustand und die gestrigen 57 km in Rechnung stellend, sollte ich mich jetzt eigentlich müde dahinschleppen. Stattdessen erlebe ich meinen Körper mindestens so leistungsfähig wie gestern, mutmaßlich sogar stärker. Mir dämmert die Erkenntnis, dass es eben einen riesigen Unterschied macht, ob man Kilometer daheim „abreißt“ oder sich von einem organisierten Lauf in attraktiver Umgebung und unter Gleichgesinnten stimulieren lässt. Nicht neu diese Weisheit, es musste nur erst die graue Winter- und Pandemiepausenbedingte Kruste meist enttäuschender Lauferfahrungen aufbrechen.

Der Radweg beschreibt eine weite Linkskurve und wird zur Rampe, die mich auf Brückenhöhe bringt. Vielleicht zweihundert Schritte weit genieße ich die Aussicht, verfolge den Lauf des Oder-Havel-Kanals ost- und westwärts. Ob künstlich oder nicht, Gewässern haftet immer etwas Anziehendes an. Jenseits der Brücke erwarten mich die Ausläufer der Stadt Eberswalde. Zwei optisch wenig aufregende Kilometer folgen, die ich dennoch genieße. Weil sie ihr Versprechen auf Asphalt oder ähnlich trittfest glatten Untergrund halten und weil ich jede Sekunde der so selten verspürten läuferischen Stärke auskoste. Irgendwo da vorne werde ich auf den Finowkanal treffen und an dessen Ufer weiterlaufen. Und auch dort erwarte ich gutes Geläuf. Rosige Aussichten - läuft bei mir!

Schließlich ist es so weit, eine Kanalbrücke kommt in Sicht. Im Roadbook steht geschrieben, ob es hüben oder drüben weitergeht, in meinem Gedächtnis krame ich vergebens nach der Info. Das ist schon eine Weile vorher von Bedeutung, weil eine Straße in spitzem Winkel mit Gefälle zum diesseitigen Ufer abzweigt. So spitz der Winkel, dass der Track zweideutig bleibt. Meine Entscheidung: Auf Brückenniveau bleiben, geradeaus voran, dabei den kleinen Pfeil im Auge behalten. Notfalls laufe ich zurück. Alsbald divergieren Spur und Pfeil, zudem knickt die Route noch vor dem Kanal nach Westen ab. Umkehren muss ich dennoch nicht, eine Treppe führt hinunter ans Ufer. Sicherheit schafft auch lautes Rufen vom Fuß der Treppe aus: „Hier runter! Zu mir!“ Marie, heute Solobetreiberin ihres VP, hatte mich schon vor der Weggabelung erspäht. Trinken, Flaschen auffüllen, gute Stimmung nehmen und verbreiten. Zwei Minuten später: Back on the Track …

„The Track“ meint ab jetzt den Treidelweg* am Finowkanal. Und meine Begeisterung wächst exponentiell auf dem ersten Kilometer, um dann für die nächsten 75 Minuten auf Höchststand zu verweilen. Dass mir tatsächlich fast elf Kilometer am Kanalufer vergönnt sein werden, ahne ich anfangs nicht, tippe auf fünf oder sechs. Und laufe … und schaue … und laufe … und schaue … Ist angelegte Wasserstraße, vermutlich weitgehend das Bett des Flüsschens Finow nutzend, tarnt jedoch sein künstliches Wesen erfolgreich - von Schleusen und anderen für Bootsmanöver nötige Vorrichtungen da und dort verraten. Überwiegend renne ich durch pralle, grüne Natur. Der weitgehend wolkenlose Himmel spiegelt sich im Wasser, das je nach Blickwinkel von trübgrün bis stählern blau alle Farben annimmt. Einfach nur grandios!

*) Der Rad- und Wanderweg entlang des Finowkanals wird als „Treidelweg“ bezeichnet und ist weitgehend mit dem historischen Treidelweg identisch. Als „Treideln“ bezeichnete man das Ziehen von Schiffen und Booten durch Menschen oder Tiere (später auch Maschinen) vom Ufer aus.

Ich vergesse vollkommen, dass ich mich anstrengen muss, um Schritte zu setzen, sauge Bilder auf wie ein Schwamm: Enten und Schwäne in Ufernähe gründelnd, ständig wechselndes, mal vorspringendes, dann wieder überhängendes Grün, Schilf und Seerosen vom Zufall dekorativer arrangiert als menschliches Gestalten dies je vermöchte. Ich überhole paddelnde Zeitgenossen, denen das Sportliche an ihrem Tun offensichtlich wenig, das Naturerlebnis hingegen alles bedeutet. Bisweilen säumen alte, aufgelassene Fabrikanlagen meinen Weg, verfolgen mich einmal gar mit unheimlichen Blicken aus dunklen, wie Augen einer Totenmaske wirkenden Fensterhöhlen. Weniger unheimlich als einfach nur tragisch: Jede der backsteinroten Ruinen steht für unwiederbringlich verlorene Arbeitsplätze.

Erlebnisse auf elf Kanalkilometern:

4:50 Stunden nach dem Start, noch vor der unsichtbaren Marathonmarke, überholt mich der erste der mit einer Stunde Rückstand entlassenen Spätstarter. Noch nicht der Freund, nicht Mike, auf dessen Nahen sich mein Augenmerk richtet. Weil ich mich einerseits darauf freue, mich zum anderen davon motivieren lasse. Will es durch beherztes Laufen so lange wie möglich hinausschieben. Hätte Stu Thoms im Vorbeilaufen nicht Laut gegeben, während ich gerade höchst interessiert die Anzeige vor einer Schleuse im Bild einfange - „NAECHSTER HUB 14:00“ steht da -, mir wäre der eigene, neidvolle Blick erspart geblieben. Für ein paar Sekunden hinterher trottend, werde ich Zeuge einer ästhetischen Demonstration: Unnachahmlich fließende, leichtfüßige Bewegungen. Schritte, die den Boden kaum zu berühren scheinen. Ich sehe Stu Thoms nicht zum ersten Mal in Aktion, und schon anlässlich früherer Begegnungen war es nicht schwer sich vorzustellen, dass dieser Mann mehrfach den Titel eines Deutschen Meisters im 24-Stundenlauf errang und sich 2012 den Siegerkranz beim Spartathlon aufs Haupt setzen ließ.

Unweit dieser Stelle radelt fröhlich grüßend Natascha, Mikes Frau und Betreuerin, an mir vorbei. Mike? Jetzt schon? Wuchsen ihm Flügel? Natascha verneint meine erstaunte Frage, sie sei voraus geradelt, es werde noch dauern bis Mike mich einholt …

Der hölzerne Steg überwindet einen Zufluss des Kanals. Schon beim Herannahen bemerke ich eine Frau mit zwei braun-weißen Hunden. Mittelgroß, langhaarig und Schlappohren - also die Hunde, nicht die Frau. Noch bevor ich den Steg über Stufen besteige, stürzt sich der erste Vierbeiner beherzt in die Fluten und paddelt hinter einem Entenpaar her. Ich verharre auf dem Steg, will dem Fortgang der Szene folgen. Hund zwei lässt sich von einem geworfenen Stock ebenfalls zum Sprung ins Nass animieren. Wenig aufregend, solche Kurzweil beschert uns unsere Hündin Roxi häufiger. Hund eins ist Darsteller im wahren Thriller: Rudert wild entschlossen hinterm Entenpärchen her, um die vermeintliche Beute seinem Instinkt gehorchend zu apportieren. Und die Enten machen sich einen Spaß daraus, halten mühelos Distanz zu ihrem Verfolger. Fast höre ich sie hämisch schnattern: „Komm doch Hündchen! Komm schon! Packst es wohl nicht!?“ Vielleicht hätte dem Hund jemand klarmachen müssen, dass sich nur erlegte, tote Enten apportieren lassen!?

Ein kleines Mädchen, etwa im Alter meiner ältesten Enkelin, kommt mir radelnd entgegen. Kurz vor mir stoppt sie und fragt: „Entschuldigen sie bitte, sind Ihnen zwei Mädchen auf dem Fahrrad begegnet? Eine hat eine rosa Schleife!?“ Ihr trauriger, wenig Hoffnung aussendender Blick lässt mein Großvaterherz augenblicklich schmelzen wie Butter in der Sonne. Unmöglich sie mit einem nüchternen „Nein“ einfach so abzuspeisen. Ich überlege kurz, durchforste ernsthaft die Folge zuletzt abgespeicherter Bilder. Werde jedoch nicht fündig. Selbst wenn sie mir entgegen geradelt sein sollten, meine Blicke waren meist kanalwärts gerichtet, Radlern schenkte ich kaum Beachtung. „Tut mir leid. Ich kann mich an keine Mädchen erinnern.“ verleihe ich meinem Bedauern Ausdruck, wobei mir ihr enttäuschter Blick einen Stich versetzt. „Na gut!“ hebt sie an „Dann radele ich mal weiter, vielleicht finde ich sie ja noch!?“ - Drei, vier Minuten später passiere ich eine Uferstelle, wo zwischen Büschen ein Steg zum Wasser hin vorspringt. Auf den hölzernen Planken zwei Mädchen im selben Alter wie die Kleine von eben. Obschon ich nirgendwo Fahrräder ausmache, spreche sie an: „Kann es sein, dass ihr von eurer Freundin gesucht werdet?“ Schon als ich das ausspreche, mache ich die entscheidende Entdeckung: Keine von beiden trägt eine rosa Schleife. Aber fragen kostet nichts: „Hat eine von euch beiden eine rosa Schleife?“ Die beiden gucken mich nur verständnislos an und begnügen sich mit einem verschüchterten „Nein!“ seitens der Wortführerin. Als ich dann hinter meinem Rücken, jenseits eines blickdichten Zaunes, Stimmen von Erwachsenen höre, läuft mir ein Schauer über den Rücken. Wie muss die Szene „Älterer Mann spricht zwei kleine Mädchen an“ auf (womöglich voreingenommene) Betrachter wirken? Im Jahr 20 des 21. Jahrhunderts, da infolge Dauerberichterstattung in den Medien alle männliche Wesen im Erwachsenenalter unter Generalverdacht gerieten? Ich murmele eine Art Entschuldigung in Richtung der Kleinen und entferne mich im Laufschritt. Für ein, zwei Minuten durchaus höherfrequent trabend als es meiner Ausdauer guttut …

Zu guter Letzt erreiche ich die Brücke, die mein Track - in schroffem Winkel abknickend - als Schlusspunkt der herrlichen Kanalkilometer verkündet. Und vor der Brücke wartet einmal mehr Steffen mit Verpflegung. Auch Natascha wartet hier auf ihren Mike. Flugs erklärt sie mir ihre heutige Taktik: Vorausfahren und zeitweilig ausruhen kommt ihr weit weniger Kräfte verschleißend vor, als ständig in gemächlichem Läufertempo nebenher zu pedalieren. Alles klar bis auf eines: Wo ist Ines? Sie wollte sich den Kanal nicht entgehen lassen. Nachdem sich unsere Wege auf elf Kilometern nicht kreuzten, erwartete ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit hier am Ende der Kanalpassage!?

Vielleicht hätte ich länger bei Natascha und Steffen verweilt, doch unterm schattigen Baum im Wind beginne ich zu frösteln. Die sich anschließende Passage im Städtchen Finowfurt hat, vom guten Geläuf abgesehen, keinen „Erlebniswert“. Abgesehen natürlich auch von Ines, die mich von hinten heranzischend überholt, vor mir parkt und aufatmend aussteigt: „Zum Glück erwische ich dich noch hier …“ Sie hat eine Odysse hinter sich, weil sie eine Straße in Eberswalde am Kanal suchte, jedoch die Straße mit demselben Namen in Finowfurt meinte! Deshalb irrte sie durch Eberswalder Wohngebiete abseits des Kanals, bis sie die Verwechslung realisierte … Egal. Ines ist da und alles ist gut!

Über die Autobahn A11 - ganz genau: auf Mörderpflaster. Doch dahinter setzt sich Lauflust fort, in herrlichem Waldgebiet auf asphaltiertem Radweg. Und da es immer noch bombig läuft, packe ich ein Schaufelchen Tempo drauf. Das fühlt sich gut an, gar nicht so, als würde ich diesen Frevel zum nicht mehr so fernen Ende hin - noch 17 Kilometer - qualvoll sühnen müssen. Also jogge ich flotten Schrittes und frohgemut dahin … und jogge … und jogge … denke: Das sieht hier aus - asphaltierter Radweg parallel zur Pflasterchaussee - … wie schon mal belaufen … denke weiter: Na ja irgendwo müssen sich die Wege von gestern und heute ja kreuzen und anscheinend decken sie sich auch abschnittsweise … und jogge … und trabe … und werfe endlich mal wieder einen Blick auf meine Uhr. Wie vom Blitz getroffen bleibe ich stehen: Pfeil und Spur weisen einen gewaltigen Versatz auf! Abzweig übersehen! Umkehren, zurück laufen, dabei die eigene Sorglosigkeit und die zu hohe Toleranz der Uhr* stumm verfluchen … Was ich auf 200 Metern Umkehrweg insgeheim befürchte, bewahrheitet sich. Blutenden Herzens wende ich mich vom „süßen“ Asphaltgeläuf ab und betrete eine im spitzen Winkel (= Ursache des Verlaufens) abzweigende Piste im Wald. Unschön und viele Kilometer weit nun Los meiner geplagten Füße. Immer wieder Steine, Schrunden, Rinnen, auch viele kleine Kiefernzapfen, auf die zu latschen auch nicht ratsam ist … Was soll’s: Meine anhaltend blendende Laune zu dämpfen vermag der Weg nicht. Rein gar nichts brächte das heute zuwege!

*) Die Uhr meldet Routenabweichungen optisch und akustisch, jedoch mit hoher Toleranz.

Wald, Wald, Wald … und ich könnte das Wort noch tausend Mal wiederholen. Wald ist angenehm, doch nichts sticht erwähnenswert heraus. Natascha hat mich längst wieder überholt. Ein Zeichen, dass Mike Steffens VP vorzeiten verließ. Bald wird er hinter mir auftauchen. Bald, wenn nicht … Natürlich! Er nutzt dieselbe Uhr zur Orientierung, hat noch weniger Erfahrung damit als ich. Auch er wird sich verlaufen. Na ja, vielleicht auch nicht, wahrscheinlich guckt er häufiger aufs Display als ich …

Eine Viertelstunde später radelt mir Natascha wieder entgegen. Will Mike „einfangen“, der ihren Worten zufolge einen „verzweifelten“ Hilferuf per Handy absetzte. Der Freund - so wird er es später erklären - ließ sich vom „süßen Asphalt“ noch länger verführen als ich. Egal, Mike ist stark, der wird das wegstecken, schließt er halt ein paar Minuten später zu mir auf!

Am letzten VP in Prenden, wie gestern betrieben von Frau und Herrn Baldow, lasse ich mich final bemuttern. Mehrmals blicke ich die hundert Meter einsehbaren Gefälles zurück, meine jeden Moment der Freund müsse nun endlich um die Kurve biegen. Wunschvorstellung, die sich nicht erfüllt. Dann eben irgendwo auf den letzten neun Kilometern …

Nach kurzer Ortspassage wieder …, was wohl? Wald und Schotterstrecke für noch einmal vier Kilometer. Bis zum Weiler Ützdorf, in dem ich abermals die gestrige Strecke kreuze. Nur bietet sich mir heute am Pfingstsonntag ein ganz anderes Bild. Von wegen weltferne, menschenleere Einsiedelei. Zahllose Erholungssuchende sind unterwegs. Zu Fuß, mehr noch - viel mehr! - auf dem Rad. Ich überquere die Hauptstraße und biege rechts ab. Wohin auch immer ich blicke: Fußgänger und zahllose Radler. Am gegenüber liegenden Rand des schmalen Sträßchens parken Autos. Und von vorne oben, auf meiner Seite, kommen Pkw entgegen … Ups! Viel fehlte nicht, dann hätte der Idiot mich mit seinem Außenspiegel touchiert. Wieso rücksichtsvoll die Fahrt vermindern, soll doch das Fußvolk zur Seite springen (nur wohin hätte ich an dieser Engstelle nicht sagen können). Es bleibt das einzige Ärgernis des Tages.

Dass ich nun unweit des Liepnitzsees vorbei laufe, merke ich an den vielen Passanten mit Taschen voller Strandutensilien. Und an gut gefüllten Parkplätzen. Liebnitzsee bedeutet für mich: Nicht mehr weit bis Wandlitz … und von Mike ist immer noch nichts zu sehen. Höchstens noch zwei Kilometer. Nun beherrscht mich die Idee gemeinsam mit dem Freund ins Ziel zu laufen. Ein Wunsch, den Mike unter Garantie auch im Sinn hat. Ich mäßige meinen Schritt, blicke mich um. Es scheint als sollte sich unser Wunsch nicht erfüllen. Das letzte Stück Radweg entspricht dem gestrigen Auftakt unter hohen Bäumen. Mit Beifall werde ich vorangetrieben: „Gleich geschafft!“ Dann gibt der Wald mich frei und ich sehe auch schon das empfangende Dreigestirn: Stu Thoms - seit bald anderthalb Stunden im Ziel und nun Helfer - die heftig an der Leine zerrende Roxi und meine strahlende Ines.

Laufzeit heute: 8:22 Stunden; Gesamt: 15:38 Stunden

Während der erste Tag mir noch sehr zäh vom Fuße ging, bescherte mir Lauf zwei eine Art „Phoenix-aus-der-Asche-Gefühl“. In der langen Zwangswettkampfpause schien jeder Lauf meine Unfähigkeit zur Ausdauerverbesserung zu bestätigen. Im Barnim entdeckte ich neu, was ich schon lange weiß: Zwischen heimischem Training und einer offiziellen Veranstaltung, vor allem in neuer, wunderschöner Landschaft, besteht ein gewaltiger Unterschied. So gesehen hat mich das Barnim Doppel zugleich aus depressiver Trainingsstimmung befreit und bestens auf die 115 Kilometer des FDZU (Fischland-Darß-Zingst-Ultramarathon) in zwei Wochen vorbereitet.

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Silke und Jörg Stutzke samt Team mussten viele Hürden nehmen, um das Barnim Doppel doch noch 2020 aus der Taufe zu heben. Das gelang nicht nur pannenfrei, sondern mit Glanz und Gloria - trotz mehrerer Pandemie-bedingter Kröten, die zu schlucken waren. Dazu braucht es Leidenschaft, die Freude am Laufen und den unbedingten Willen Ultrafreunde um sich zu scharen. Herzlichen Dank dafür, auch von dieser Stelle aus.

Die beiden Routen von Tag eins und zwei bescherten mir enorm viele und sehr reizvolle Eindrücke. Überwiegend Asphalt, zuweilen auch Schotterpisten im Wald. Wirklich schlechtes Geläuf nur auf wenigen, kurzen Abschnitten.

Darüber hinaus war ich beeindruckt vom Engagement der Helfer an der Strecke, die sich zwei Tage lang in unseren, der Läufer Dienst stellten. Auch dafür ein herzliches „Vergelt’s Gott“ wie man rund um mein Zuhause danke sagt.

Fazit: Wer gerne an zwei Tagen hintereinander Ultra läuft, sollte sich eine Neuauflage des Barnim Doppels keinesfalls entgehen lassen. Sehr, sehr empfehlenswert!

 

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