30./31. Mai 2020

Hochwirksam  -  Barnim Doppel

Meinen Laufbericht mit Künftigem einzuleiten, statt in Gewesenem zu schwelgen scheint mich als ewig Ruhelosen und läuferischen Nimmersatt bloßzustellen. Weit gefehlt, wovon dich die wortreiche, nur ein paar Zeilen tiefer beginnende Erzählung sicher überzeugen wird. Wenn ich auf die 115 Kilometer des in zwei Wochen anstehenden Fischland-Darß-Zingst-Ultralaufes (FDZU) hinweise, dann nur, um offenzulegen, welcher Bredouille ich vermittels „Doppelschlages“ am Pfingstwochenende zu entrinnen suche: Ohne adäquate Vorbereitung schickten die 115 Kilometer des FDZU einen Läufer meines Niveaus geradewegs in ein läuferisches Himmelfahrtskommando. 57 Kilometer Barnim am ersten plus 67 weitere am zweiten Tag, so mir das zweifache Finish glücken sollte, brächten mich dagegen schlagartig zurück ins Rennen …

Lange Zeit hätten nur unverbesserliche Zocker auf die Durchführung des Barnim Doppels namhafte Summen verwettet. Realisten meiner Prägung blieb allein der schwache Funke Hoffnung. Die sich dann allerdings vor einigen Wochen schon in Zuversicht wandelte, als die Veranstalter Silke und Jörg Stutzke - beide schon zu Lebzeiten legendär in der Ultraszene - nicht nur alle Register der bestehenden Orgel zogen, sondern das Instrument „Pandemie-tauglich“ umbauten. Durch einwöchige Verschiebung aufs Pfingstwochenende, Kappung des Wettbewerbscharakters und Unterwerfung unter ein striktes Hygiene-Regime durfte der Frischling unter Deutschlands Ultrabewerben dann doch noch in diesem Jahr das Licht der Covid-19-verseuchten Welt erblicken.

Knapp drei Wochen vor Tag X schaltete die Barnim-Ampel von gelb auf grün. Bis dahin hatte ich nicht mehr vorzuweisen als lange Läufe um die 30 Kilometer, die mir Woche für Woche mangelhafte Ausdauer und fehlende orthopädische Robustheit bescheinigten. Durch ein mit heißer Nadel gestricktes Crash-Trainingsprogramm - 31+42 Kilometer an zwei Tagen hintereinander und ein Wochenpensum von ca. 135 Kilometern - versuchte ich … nein, nicht mich in Form zu bringen, so ein Versuch wäre mir geradezu gotteslästerlich vorgekommen … also: versuchte ich ein physisches Fundament zu legen, das mir das Doppel-Finish ermöglichen sollte. Ermöglichen im Sinne des Paragraphen eins meines persönlichen Läufergesetzbuches, der von mir fordert jeden Meter zu laufen und nicht zu gehen. Dass es mir gelang, die gewünschte Basis zu schaffen, räumte die ärgsten Bedenken aus, machte Platz für Vorfreude auf den Barnim …

 

Tag eins:   Stunde Null in Brandenburg

Von Wandlitz nach Hubertusstock am Werbellinsee, 57 Kilometer

Samstagmorgen, kurz vor 10 Uhr, auf einem Parkplatz am Waldrand in Wandlitz. Stefan*, der Mann unterm rosafarbenen Strohhut, zählt die mit Sicherheitsabstand quasi zum Appell angetretenen TeilnehmerInnen. Einschließlich dreier Damen, die ihre Helden mit dem Rad begleiten werden, vermerkt er 25 Namen in seinem zum Notizblock umfunktionierten Handy. Schließlich soll keiner in den grünen Weiten des Barnim verloren gehen. Vorschau: Auf Basis des „halbmilitärischen“ Appells wird sich an jedem der fünf Verpflegungspunkte (bei ca. 15, 22, 33, 46, 51 und 57 km) dieselbe Routine vollziehen: 1. Namen festhalten, 2. verpflegen. Stunde Null nach Covid-19-Lockdown: Niemand fragt, wie ich mich nach so langer Wettkampfpause kurz vor einem immerhin knapp sechzig Kilometer langen Ultra fühle. Zum Glück fragt niemand, denn irgendwie fühle ich gar nichts. Zumindest nichts, was mich einigermaßen verlässlich auf meine körperliche Verfassung an diesem Tage schließen ließe. Offen gestanden ist mir meine Tagesform auch ziemlich schnuppe. Ich werde heute und morgen trainieren, meine Reichweite verlängern und meinem angejahrten Körper mehr läuferische Robustheit aufzwingen. Dafür bin ich hier, um das rein Sportliche vorab auf den Punkt zu bringen. Diesen selbst gesetzten Auftrag werde ich so oder so und unabhängig von meiner Tagesform realisieren. Dabei zu scheitern ist keine Option!

*) Stefan Bicher kümmert sich um Teilnehmererfassung, Zeitnahme und viele andere Details, damit Silke und Jörg, die Veranstalter, selbst an den Läufen teilnehmen können.

Ansonsten bin ich dankbar nach vielen Wochen Abstinenz endlich wieder „im lockeren Rudel“ Ultra laufen zu dürfen. Übrigens im Rahmen des ersten Ultralaufs, der in Deutschland nach dem Pandemie-Lockdown wieder an den Start geht …* In meinem Herzen kuschelt tief empfundene Dankbarkeit mit Freude. Wahrscheinlich von allen unbemerkt. Vor einem Lauf stellt sie sich nur selten in meinem Gesicht zur Schau. Freude über die wärmende Sonne aus blauem Himmel. Freude auch inmitten Gleichgesinnter, nicht zuletzt an der Seite des Freundes, dieses Lauffest begehen zu können. „An der Seite“ in sprichwörtlichem Sinne: Mike wird seiner Leistungsstärke entsprechend davon preschen. Vor-Freude auf Eindrücke in noch unvertrauter Landschaft und mehrere Sehenswürdigkeiten, die die Strecke erschließen wird.

*) Zeitgleich finden anderenorts am Pfingstwochende noch zwei weitere, kleine Ultraläufe in Deutschland statt.

Es ist so weit. Ich blicke in Mikes erwartungsvoll strahlende Augen und finde mich selbst darin; große Worte überflüssig, ein schlichtes „Mach’s gut mein Freund!“ reicht vollkommen. „Getrennt marschieren, gemeinsam schlagen“ eine Strategie, die Preußen einst zum Sieg gegen Östereich-Ungarn verhalf. Heute wird sie uns in Gedanken verbunden halten und letztlich erfolgreich im Ziel vereinen. So hielten wir es schon häufiger, doch nie passte es so gut wie heute. Immerhin befinden wir uns im preußischen Kernland Brandenburg, einst als des Heiligen Römischen Reiches Streusandbüchse verschrien. Ebendieser Streusand wird mir heute und morgen mehrfach „begegnen“ - so viel sei vorweggenommen.

Zuletzt umarme ich meine Frau und wünsche ihr einen kurzweiligen Tag entlang der Strecke. Sie wird attraktive Orte mit dem Auto ansteuern und von Zeit zu Zeit auf mich warten. Fix vereinbart ist lediglich ein Rendezvous in Biesenthal, Kilometer 32, wo Ines mir Gel-Nachschub übergeben wird. Ansonsten stütze ich mich ausschließlich auf die Verpflegungstellen und den Vorrat im Laufrucksack.

Jörg Stutzke gibt Signal und läuft los. Ich bewege mich gemessenen Schrittes in Richtung Wald. Eile überflüssig. Jeder Läufer ist gehalten seine Zeit selbst zu nehmen. Ein unter Pandemie-Bedingungen unzulässiger „Massenstart“ wird damit vermieden. Wobei der Begriff „Masse“ und das Häuflein von 23 jetzt nach und nach in Trab fallenden Aufrechten irgendwie nicht zusammengehen wollen. Einerlei, Hauptsache Ultra gemeinsam laufen, eine Streckenlänge im Unbekannten absolvieren, zu der ich mich solo und daheim in all den Jahren nie durchringen konnte. Kalte Luft unter dichtem Blätterdach empfängt mich. Die ersten Minuten dehnen sich zäh - wie immer in den letzten Wochen. Zur Tempofindung ist es noch zu früh. Kreislauf aufwecken, Stoffwechsel auf Touren bringen, Zwicken da und dort überwinden und den gefilterten Frühstückskaffee alsbald hinter einem Baum entsorgen.

Letzterem nachgebend dümpele ich alsbald mit roter Laterne dekoriert hinterm „Feld“ her. Was mir vollkommen gleichgültig zu sein hat. Während ich den anfänglichen Widerstand meines Körpers sukzessive zum Verstummen zwinge, rekapituliere ich in Gedanken noch einmal das „strategisch Sportliche“: Ankommen an zwei Tagen ist Pflicht! Ich brauche die Doppeldosis Ultra im Hinblick auf den FDZU in zwei Wochen! Folglich heute keine Experimente, kein Ehrgeiz, überhaupt keiner, nullkommanull!, betont langsam beginnen, keinesfalls alle Reserven ausschöpfen, um morgen noch eins draufsatteln zu können …

Mit bis unter die Schädeldecke spürbarem Vergnügen begrüßen meine Füße den Asphalt. Wirklich feinster Asphalt, inzwischen als Radweg neben einer Straße. Das darf so glatt weitergehen schnurren sie und erheben den Komfort des Augenblicks ebenso unbemerkt wie unvorsichtig zum Standard der nächsten Stunden (irgendwo tief drin weiß ich natürlich, dass es nicht so bleiben wird). Ich brauche drei, vier Kilometer zur Tempofindung. Ausgerichtet am Ziel und rein nach Gefühl, den Blick zur Uhr habe ich mir untersagt. Die störende Begleitmusik im Gebein verstummt erwartungsgemäß rasch, meine Hoffnung auf beschwingte Beine erfüllt sich leider nicht. Noch nicht? Manchmal dauerte es im Training unverhältnismäßig lange, bis ich alles Hemmende abschütteln konnte. Doch selbst, wenn es so zäh bliebe, fürchte ich nicht zu scheitern. Zahllos oft brach ich mit schweren Beinen auf und wurde sie bis zum viele Kilometer entfernt liegenden Schluss nicht wieder los. Das geht, das kann ich.

Auf dem Radweg Richtung Südosten und damit immer weiter weg vom Tagesziel. Bevor die Strecke endgültig nach Norden schwenkt, werden wir ein weitschweifiges, halb zur Seite gekipptes „S“ im Barnim ablaufen. Nur so ergibt sich eine Routenlänge von 57 Kilometern, obwohl Start und Endpunkt wenig mehr als 23 Kilometer Luftlinie auseinander liegen. Auf Startnummern und Streckenmarkierung wurde infolge denkbarer Attacken pandemischer Stänkerer gleichfalls verzichtet. Niemand soll den Veranstaltern und damit letztlich uns allen angesichts solcher nach Normalität und Wettkampf duftenden Insignien mangelnde Vorsicht oder Solidarität nachsagen können. Natürlich wären derartige Vorwürfe in der Sache gegenstandslos. Zumal bei einem nur Molekül-großen Feld, das nur Minuten nach dem Start in seine Atome zerfällt. Doch wir reiten auf der abfallenden Flanke der Covid-19-Ansteckungskurve in einer zwischen Hysterie und idiotischen Verschwörungstheorien schwankenden Phase der Pandemie. Unmut ging schon von weniger als ein paar Richtungspfeilen für eine Laufveranstaltung aus …

Also wie sich orientieren, wirst du fragen. Für besonders Wagemutige haben die Veranstalter eine detaillierte Streckenbeschreibung, ein Roadbook, verfasst. Mein Roadbook steckt hinten im Rucksack für den Fall der Fälle. Der träte ein, sollte meine Uhr den Geist aufgeben. Auf ihrem kleinen Monitor geben ein Pfeil und der die Strecke symbolisierende Strich die Richtung vor (Auflösung wechselweise 100 oder 500 m). Meine Aufgabe besteht darin, beides zur Deckung zu bringen und dort zu halten. Den Track stellten die Veranstalter vorab im Format GPX zum Download bereit. Ein scheinbar narrensicheres Verfahren. Doch Erfahrung lehrte mich, dass das Risiko sich zu verlaufen nur bei steter Aufmerksamkeit gepaart mit einer gewissen Routine bei der Anwendung des Verfahrens zu bannen ist.

Zwei Mitläufer habe ich inzwischen überholt. Jeweils Anlass genug für einen Tabubruch. Doch jedes Mal bestätigt der Kontrollblick zur Uhr ein auf glattem Asphalt beruhigend langsames Tempo zwischen 6:30 und 6:40 min/km. Das passt so. Pfeil und Track schicken mich von der kilometerweit geradeaus führenden Straße nach links; zum Bauhaus Denkmal von Bernau, so steht es in der Routenbeschreibung. Ich habe keine Vorstellung davon, was mich dort erwartet - von meiner Frau Ines einmal abgesehen, die sich die Stätte gleichfalls nicht entgehen lassen wollte. Denkmal klingt nach Stele, nach einem himmelwärts ragenden, mehr oder weniger großen Stein, drum herum ein adretter Park. Was sonst könnte mich da vorne erwarten, da doch die berühmte Bauhaus Schule mit ihren Werkstätten für zeitgemäßes Design zunächst in Weimar residierte, später in Dessau und zuletzt, bis zu ihrer von den Nazis erzwungenen Selbstauflösung, in Berlin.* Schließlich stehe ich Ines und unserer Hündin Roxi vor einem Gebäudekomplex gegenüber, dessen verschachtelt kubischer Aufbau mich an eine Schule erinnert, die ich in den 1960er Jahren besuchte. Wo ist denn nun dieses „Denkmal“?

*) Laufen bildet: Welche Bedeutung die Bauhaus Kunstschule tatsächlich für Architektur und Gestaltung von Gebrauchsgegenständen besaß und noch immer besitzt, wie auch die verschiedenen Standorte der Akademie sind mir erst seit der Teilnahme am Bauhaus-Marathon in Weimar geläufig. Er wurde zum 100. Jubiläum des Bauhauses einmalig 2019 veranstaltet.

„Du stehst davor! Das Gebäude selbst ist das Denkmal“ bestätigt Ines meinen angesichts des schnörkellos gestalteten Hauses längst keimenden Verdacht. Sachlich, funktional, kühl, nach meinem Empfinden immer ein bisschen abweisend, so erlebte ich was gemeinhin im „Bauhausstil“ daherkam. Dieses Bauwerk macht da keine Ausnahme. Spätestens bei der Recherche zum Laufbericht werde ich erfahren wer, wann und zu welchem Zweck das Gebäudeensemble plante und errichtete. Ein genaueres Bild von dessen Größe und Formensprache erhalte ich erst, nachdem ich mich von Ines und unserer enttäuscht kläffenden Hündin verabschiede. Dankenswerterweise zirkelt die Strecke einen Halbkreis um den zum Weltkulturerbe erhobenen Komplex …

Das Bauhaus Denkmal hat uns zum Lauftrio vereint, die beiden zuvor überholten Mitläufer und mich. Kurz hinter dem Areal, wo die Strecke abrupt in den Wald abbiegt, stoßen noch Sie und Er dazu, die offenbar den Abzweig übersahen. Vier Menschen, die ich (noch) nicht kenne und lediglich äußerem Anschein folgend einstufen kann. Erst spät werde ich erfahren, dass mit Ihr und Ihm ein frisch verlobtes Paar gemeinsames Laufglück im Barnim sucht. Die beiden Männer im vorgerückten Alter gehören zur Fraktion der Wagemutigen. Unterschiedlich verwegen, wie sich nach und nach herausstellt. Der eine hält die Streckenbeschreibung in der Hand, der andere verfügt noch nicht einmal darüber. Nie und nimmer hätte er auf dem sich anschließenden „Offroad-Abschnitt“ mitten im Wald den richtigen Weg gefunden. Nicht nur mehrerer Richtungswechsel wegen schließe ich das aus. Auf den vorgesehenen „Pisten“ waren dereinst schon Fahrzeuge unterwegs gewesen, wovon Reste von Fahrspuren Zeugnis ablegen. Vielfach überwachsen und knubbelig zerfurcht neige ich allerdings mehrfach zur Vermutung, das könnte schon kurz nach Erfindung von Rad und Ochsenkarren stattgefunden haben …

Lange schnurrten sie einträchtig, nun meckern meine Füße unisono. Meckern schwillt zu Wehklagen an, als wir zu fünft die gepflasterte Auffahrt einer Autobahnbrücke entern. Pflaster, dessen Grobheit und unübersehbare Gebrauchsspuren auf ein Herstellungsdatum verweisen, als in Verkennung der tatsächlichen Zusammenhänge eine der unausrottbaren Legenden zum „Dritten Reich“ gezeugt wurde: „Es war nicht alles schlecht …“ hieß es später verharmlosend mit Blick auf die „Erfindung“ der Autobahnen. Jenseits der unter den Füßen vorbei dröhnenden Raserei auf gleichermaßen delikatem Pflaster hinab. Offensichtlich und zu unserem Glück war den Autobahnanrainern der Weg nicht wichtig genug, um ihn steinern zu befestigen. Alsbald endet das Pflaster, wird von einer Schotterpiste abgelöst. Besser, viel besser, aber natürlich nicht gut.

Wald so zu beschreiben, dass ihn sich ein Leser vorzustellen vermag, überfordert meine Sprache, dennoch kann ich’s nicht lassen: Auf den nächsten vier Kilometern Schotterpiste atme ich in mittelhohem bis hohem Mischwald, unter Kiefern, Buchen und Eichen, mal im Vollschatten, dann wieder in lichtem von Sonne geflutetem Hain. Trotz überwiegend blauen Himmels erfasst mich von Zeit zu Zeit ein Frösteln, wenn sich eine Böe des kalten Nordwindes zwischen die Bäume verirrt. Wir kehren auf die vormalige Autobahnseite zurück. Das schmerzhafte Geeiere auf ramponiertem Pflaster wiederholt sich. Es gibt uns noch als Fünfergruppe, wenngleich inzwischen auf mehrere hundert Meter Strecke verteilt. An der Spitze die Verlobten, dann der Läufer mit papierbasiertem Navi, stückweit dahinter ich und irgendwo in meinem Kielwasser schwimmend der Mann ohne alles. Lange bevor er es aussprach, war mir klar, dass er sich mir auf Gedeih und Verderb anvertrauen würde …

Erster Verpflegungspunkt (VP), Kilometer 14,7: Wenn dich die Frage bewegt, ob neben den vielen, täglich in der Tagesschau zu besichtigenden Abgründen auch Gutes im Menschen wohnt, dann bist du hier am VP bei Familie Jahn genau an der richtigen Stelle. Heute bereiten den beiden ihre Dienste am Läufer - Namen aufschreiben, Getränke ausschenken, Riegel reichen und ähnliche - sicher großen Spaß. Doch Steffen und seine Frau harrten auch hier aus, so ihnen eisiger Wind um die Ohren pfiffe oder Regenfluten ihre Klamotten bis auf die Haut durchnässten. Man muss Menschen - in diesem Falle: Läufer - mögen, um zu tun, was diese Helfer für uns tun. In meinen Dank schließe ich schon an dieser Stelle alle Helfer beider Tage ein, die ich leider nur teilweise mit Namen, meist sogar nur Vornamen kenne. Darüber hinaus gehört zur Eigenart des Barnim Doppels, dass sich auch Läufer als Helfer zur Verfügung stellten. Entweder, weil sie das Tagesziel deutlich früher als die Übrigen erreichten oder am zweiten Tag mangels Form auf den Start verzichteten.

Mit Wasser ab- (mein Magen) und aufgefüllt (meine Trinkflaschen) bedanke ich mich beim Helferduo und laufe entlang der Straße im Weiler Ützdorf weiter. Ohne allerdings zu realisieren, dass es sich um die Siedlung mit diesem Namen handelt. Kaum mehr als ein, zwei Häuser und ein großer Gasthof mitten im Wald, am Grunde eines mild ausgeprägten Tales, scheinen ihre bauliche Existenz in völliger Abgeschiedenheit zu fristen. Wie sehr dieses Trugbild narrt, werde ich morgen erleben, wenn der Rückweg meine heutige Route exakt in Ützdorf kreuzen wird …

Alles in Butter! Unfrische Beine zwar noch immer, doch die hindern mich nicht am Laufen. Alle Zipperlein schweigen und am Straßenrand komme ich gut voran. Nicht nur ich, der Orientierungsnot gehorchend auch mein Satellit. Infolge häufiger Rhythmuswechsel mal vor, mal hinter mir. Schon vorhin im Wald nahm ich seine Volten zum Anlass die eigene Tempogestaltung zu überprüfen. Vielleicht haben meine Bewegungen unbemerkt an Gleichmaß - das mir immer als mitentscheidend für Ultraerfolge galt - eingebüßt!? Allerdings finde ich auf der Uhr ausschließlich Belege für konstantes Tempo. Bemerke überdies, dass mein Begleiter hügelaufwärts jeweils sprunghaft das Tempo steigert. Wie gesagt: Alles in Butter! Zumindest bei mir …

Nach Abzweig und Kurven, in gelegentlich sanftem Auf und Ab, insgesamt etwa drei Kilometer Straße, steht die nächste Besichtigung an. „Bogensee“ lese ich auf einem Hinweisschild, weiß mit der Bezeichnung allerdings vorläufig nichts anzufangen. Wessen Gedächtnis vermag sich schon drei eng bedruckte Seiten Streckenhinweise einzuprägen? Udo sein’s jedenfalls nicht. Das Roadbook aus dem Rucksack zu zerren ist keine Option, mir reicht schon die unabdingbare Rucksack-Fummelei zum Verpflegen. Also bediene ich mich eines über viele Läufe eingeübten Verfahrens: Hier und jetzt schauen, einprägen und fotografieren, beim Erstellen des Laufberichts erinnern, recherchieren und nacherleben. Was ich schaue, zeugt Staunen und Schaudern zugleich. Die Route führt mitten durch einen ausgedehnten, offensichtlich symmetrischen Gebäudekomplex. Einander gegenüber, von einem weitläufigen Park auf Distanz gehalten, blickt sich aus Fenstern und Säulengang an, was ich spontan als Schloss und Theater einstufen würde. Seitlich flankiert und mit diesen das Geviert des schon erwähnten Parks einrahmend, lange, wie Schul- oder Wohngebäude anmutende Bauten. Dreigeschossig, mit Fassaden, die in verblassenden Gelbtönen gehalten sind. Baustil: Für nationalsozialistische oder kaiserliche Architekten zu wenig monumental, für rein funktionales Bauen zu DDR-Zeiten eigentlich zu … zu … vornehm. Daheim werde ich lesen, dass die ehemalige FDJ-Jugendhochschule 1951 im Stile des von Stalin favorisierten Sozialistischen Realismus erbaut wurde.

Ich tippele über kleinteilig gepflasterte Wege und Plätze, fange Bemerkenswertes mit der Kamera ein. Impressionen von Leerstand und fortgeschrittenem Verfall drängen sich auf. Mutter Natur hat bei „feindlichen Übernahme“ des Komplexes bereits einigen Fortschritt erzielt. Moos auf planen Flächen, allerorten sprießen Gräser, Kräuter, sogar niedrige Bäumchen in Fugen zwischen Platten und Pflastersteinen. Ein bisschen fühle ich mich wie sich Entdecker der vom Dschungel überwucherten antiken Tempelanlagen Südamerikas oder Asiens gefühlt haben müssen, als sie gut erhaltener Ruinen unter grünem Wildwuchs ansichtig wurden. Was immer hier zu Zeiten des real existierenden Sozialismus geschah, neben Eingängen angebrachte Schilder überziehen den Schauplatz mit internationaler Patina. Dabei wirken Tafeln mit Inschriften wie „Haus Budapest“ oder „Haus Reggio di Calabria“, schmucklos weiß auf braunem Grund, seltsam deplatziert. Nicht des fremdländischen Querverweises wegen, ich vermag sie im Gesamtbild, das die Anlage mir vermittelt, nirgendwo unterzubringen …

Ein Bogen um den Giebel von „Reggio di Calabria“ scheint die Besichtigung der Kultstätte (?) zu beenden. Linkerhand schiebt sich unerwartet ein eingeschossiges, dennoch repräsentativ wirkendes Haus ins Blickfeld, das sich stilistisch vom zuvor besichtigten Komplex abgrenzt. Trotz vergleichsweise bescheidener Bauweise hatten seine Bewohner reichlich Bewegungsfreiheit: Haupthaus und rechtwinklig angebaute Seitenflügel umfassen einen großzügigen Vorplatz. „Bogensee“ steht über gewölbtem Giebel eines von zwei Säulen getragenen, offenen Vorbaus. Und nur diese Inschrift veranlasst mich ein Foto zu schießen, um mir das spätere Ordnen meiner Erinnerungen zu erleichtern. Dass ich damit die „Villa Bogensee“ ablichte, den Landsitz von Joseph Goebbels, ehedem Reichspropagandaminister, intimer Freund Hitlers und einflussreicher, zugleich grob menschenverachtenden Nazi-Scherge, bleibt mir einstweilen verborgen. Vielleicht auch besser so, umso unbeschwerter kann ich meinen Lauf fortsetzen …

Die 20-Kilometer-Marke liegt laut GPS hinter mir. Zeit meiner Frau - wie abgesprochen - den Lauffortschritt mitzuteilen. Ich nestele das Smartphone aus einer der Brusttaschen des Rucksacks und bleibe ein paar Sekunden stehen. Gerade so lange wie man braucht, um die Botschaft „20.3“ auf die Reise zu schicken und das sperrige Smart-Datendings wieder im Rucksack zu verstauen. Ich schalte meine Uhr in den Modus „Trackverfolgung“ zurück und trabe wieder los … und trabe … und jogge … nun wieder auf einer Schotterpiste in dichtem Mischwald … und trabe … und unterquere einmal mehr die Autobahn A11, die den nördlichen Berliner Ring mit Stettin in Polen verbindet … und tippele … und trabe … Geraume Zeit nach der WhatsApp an meine Frau wechsele ich wieder mal den Anzeigemodus der Uhr, um den Kilometerfortschritt abzulesen. Auf Verwirrung folgt Erschrecken: In der Anzeige steht noch immer „20.3“ als zurückgelegte Distanz!?? Ich muss beim Wechsel der Anzeigemodi versehentlich den Stopp-Knopf betätigt haben!

Und was nun? Weder weiß ich wie lange ich ohne Aufzeichnung unterwegs war, noch welche Strecke ich in dieser Zeit zurücklegte. Letzteres ist mir egal, dem Empfinden nach gut ein Kilometer, vielleicht mehr. „Empfinden“ genügt aber nicht, wenn ich im Ziel meine Laufzeit angeben soll. Einzig sinnvolle Lösung, da wir vermutlich nicht Punkt 10 Uhr starteten: Nach Stopp und Abspeichern der aufgezeichneten Daten zeigt meine Uhr jeweils kurz die Startzeit an. Die werde ich von der dann aktuellen Uhrzeit abziehen. Obschon nur auf die Minute genau, sollte das bei kleinem Teilnehmerfeld reichen. Und falls jemand - wider Wahrscheinlichkeit und Erwarten - ein, zwei Minuten in der Endabrechnung hinter mir liegen sollte, werde ich die Rangliste zu seinen Gunsten korrigieren lassen.

In für mich namenlosem Dorf („Lanke“), nach 22 Kilometern, treffe ich zunächst auf Ines: Kurzer Aufenthalt und große Freude! Ein Wortwechsel zum bisherigen Erleben, gefolgt von spitzem Abschiedsküsschen, dann trabe ich ein paar hundert Meter weiter zum zweiten Verpflegungspunkt. Auch wenn meine Füße das anders empfinden, wollen meine Augen nun von einem ausgesprochen schönen Abschnitt berichten! Zunächst noch im Wald, der dann von einer malerischen Wiesenlandschaft in sanfter Mulde abgelöst wird. Feuchtwiesen beidseits des Bachs im Wiesengrund, Magerrasen auf nährstoffarmem Sandboden abseits davon, sich bis zu den entfernten Waldrändern hinziehend. Wunderschön anzusehen, doch fußfordernd auf holpriger Wiese, die sich mit sandigen Fahrspuren abwechselt.

Läufer mit Radbegleitung voraus. Seit etwa einer Viertelstunde merke ich, dass sich der Abstand zum Duo Läufer-Radlerin stetig verkürzt. Ich kenne sein Gesicht von früheren Veranstaltungen. Verlässlichen Aussagen meines jederzeit gut informierten Freundes Mike entsprechend weiß ich den ältesten Teilnehmer des winzigen Feldes nun unmittelbar vor mir. O-Ton Mike: „Da ist einer noch älter als du!“ Ein Satz über dessen scheinbare Taktlosigkeit unsere Ehefrauen gestern beim Abendessen in schallendes Gelächter ausbrachen. Nur schwingt bei Mike in solchen Bemerkungen immer ein Hauch von Bewunderung mit. Und auch ich, der schon in M65 Älterwerden als eher spaßbefreiten Vorgang erlebt, komme nicht umhin Bernd für seine Leistung in M75 ein hohes Maß an Anerkennung zu zollen. „Du rollst jetzt das Feld von hinten auf!“ scherzt seine Begleiterin als sie meinen Gruß beim Überholen erwidert. Kann man so sehen, auch wenn diese Einschätzung nicht den Tatsachen entpricht. Ich hielt lediglich mein Tempo konstant, wohingegen Bernd langsamer wurde.

In tippele durch Lobetal*, hab die Ortsangabe irgendwo ablesen können. Alles an diesem Ort atmet „soziales Engagement“. Aufschriften auf Richtungsanzeigern und Tafeln verweisen auf Behindertenwerkstätten und Wohnheime. Über mehrere hundert Meter vermittelt das Dörfchen überdies den Charakter einer locker bebauten, großen Parkanlage. Bevor ich auf einen alten Dorfkern stoßen könnte (den es jedoch nicht gibt, da Lobetal erst 1905 von Pastor Bodelschwingh gegründet wurde), zweigt die Strecke links ab. Schnurgeradeaus laufend passiere ich nach anderthalb Kilometern die Langerönner Mühle. Das Wörtchen „Mühle“ lässt Zeitgenossen im 21. Jahrhundert unwillkürlich nach idyllisch rauschendem Bach vor historischem Fachwerk Ausschau halten. Nichts dergleichen hier, eigentlich überhaupt nichts, was der Erwähnung wert wäre. Ich erwähne den Ort dennoch, weil es sich lohnt seiner mysteriösen DDR-Geschichte in Wikipedia nachzuforschen*.

*) Es lohnt sich die verhältnismäßig kurze Darstellung von Lobetal und seiner Umgebung in Wikipedia komplett zu lesen. Dort ist von Namen und Vorgängen die Rede, die hier niemand vermuten würde. Vom Menschenfreund Friedrich von Bodelschwingh natürlich, aber auch von eher ablehnend beleumdeten Figuren der Zeitgeschichte wie Admiral Dönitz oder Erich und Margot Honecker. Man liest von der deutschen Marine des zweiten Weltkriegs und ungeklärten Aktivitäten der NVA in der Langerönner Mühle …

Der Streckenabschnitt kostet Zeit. Immer wieder bleibe ich für Fotos stehen, will den Reiz des Vorbeiziehenden einfangen. Eine sanft gewellte Landschaft der alles Spektakuläre fehlt, die dennoch jeden Naturliebhaber begeistern muss. Wäre sie eine Frau, mir kämen Attribute wie anmutig oder liebreizend in den Sinn. Wiesenmulden in denen sich Wasser sammelt, von Bächen durchzogen, da und dort von Hainen dekorativ gegliedert. Zwischen Eichen streift mein Blick eine Wasserfläche und unwillkürlich spüre ich das Verlangen dort zu Verweilen …

Ein Strom von Eindrücken gefolgt von Emotionen, denen er meist nicht nachgeben darf - das Los des Ultraläufers. Weiter, immer weiter, auf dem Weg nach Biesenthal, wo mich Ines und die nächste Verpflegungsstelle erwarten - in welcher Reihenfolge bleibt offen. Es muss auf diesem Abschnitt gewesen sein, dass mir die Abwesenheit meines orientierungslosen Mitläufers bewusst wird. Tatsächlich könnte ich nicht sagen, wann und wo ich ihn das letzte Mal sah … Vermutlich hat er sich dem Mann mit Roadbook oder jemand anders mit Streckenkenntnis angeschlossen*.

*) Des Rätsels Lösung: Seit einiger Zeit nutzen wir den Radfernweg Berlin-Usedom, auf dem Silke und Jörg Stutzke über mehrere Jahre den „Baltic-Run“ in Etappen veranstalteten. Von Teilnahmen an diesem Etappenlauf ist meinem orientierungslosen Mitkämpfer der weitere Streckenverlauf bis zum heutigen Ziel geläufig.

Am Marktplatz in Biesenthal fängt mich zunächst die hübsche Ansicht des alten Fachwerkrathauses ein. Den fälligen Fototermin verlege ich kurz entschlossen auf die Straße mitten in den Kreuzungsbereich, um das von einer Wetterfahne gekrönte Türmchen des Rathauses mit ins Bild zu bekommen. Auch die protestantisch schlicht anmutende, am Ende einer Seitenstraße stehende Kirche wandert in Megabit zerpixelt in meinen Kameraspeicher, bevor ich mich ein bisschen irritiert der vom Track vorgegebenen Straße zuwende. Irritiert, weil ich - der Beschreibung im Roadbook zufolge - den Verpflegungspunkt, zumindest jedoch meine Frau auf dem Markt vorm Rathaus vermutete.

Auf beide - Frau und VP - stoße ich dann etwa 300 Meter weiter (Kilometer 32,8). Meine Frau mit Roxi vor einer Bäckerei, wo sich erstere Kaffee und Kuchen schmecken ließ. Während Ines frische Gelpäckchen in meinen Rucksacktaschen verstaut, tauschen wir letzte Eindrücke aus. Und die kläffende Roxi erwartet Zuwendung in Form von Streicheleinheiten. Wenn ich Roxis „Rede“ richtig verstehe, würde sie mich gerne auf einer Etappe begleiten (wozu ich angesichts der vielen Radler auf der Strecke allerdings keine rechte Lust verspüre). Rascher Abschied und weiter zum zwanzig Meter weiter aufwartenden Duo am VP. Ich trinke, fülle meine Flaschen und bedanke mich herzlich für den Läuferliebesdienst.

Der Kern des Städtchens liegt schon ein paar Minuten hinter mir, als ich an der Wehrmühle Biesenthal vorbei laufe. Der Mühle selbst gönne ich nur einen flüchtigen Blick, weil das zugehörige, ehemalige Verwaltungsgebäudes meine volle Aufmerksamkeit einfordert. Was an Eindrücken in wenigen Sekunden auf mich einprasselt wirft zahlreiche Fragen auf: Gehörte das Haus tatsächlich einst zur Mühle? Welchem Baustil entstammt die aufwändig dekorierte Fassade? Und dann ist da noch der Widerspruch einer teilweise beschädigten Vorderfront zum hinterrücks erkennbaren, modernen Umbau. An der mir zugewandten, komplett fensterlosen Seitenwand ziehen sich Farbspuren vom Dach bis zum Boden hinab, als hätte jemand eimerweise rote und blaue Farbe umgeschüttet. Absicht oder Malheur? Kunst oder Narrenwerk?

Wald, Wald und … Wald, Kilometer um Kilometer. Mischwald, darin immer wieder auch Eichen. Nur angesichts imposanter Baumgestalten mache ich mir die Mühe Stamm und Krone genauer zu betrachten. Meist genügt mir der Wohlgeruch der Eichen, von dem ich in all den Jahren nie ergründen konnte, welchem Teil meines erklärten Lieblingsbaumes er entströmt. Seit heute Morgen immer wieder dieser Duft: Eichen! Allein das lohnt schon den Weg …

Ein Weg, der mir von Beginn an nicht leicht fiel und nun, auf diesen Waldkilometern 34 bis 40, zunehmenden Willenseinsatz abfordert. Und doch steht längst fest, dass mich heute nichts wird aufhalten können. Zuversicht, die sich aus Ultralauferfahrung speist. Auch aus der Beschaffenheit der Wege übrigens: Auf feinem Radwegeasphalt trabend blicke ich schaudernd zur nebenan und parallel verlaufenden alten Chaussee: Grobe Pflastersteine, die binnen weniger Kilometer meine Laufwerkzeuge schreddern würden. Gottlob waren bislang nur sehr kurze Abschnitte auf gepflasterten Fahrwegen zu absolvieren. Wie etwa die nun folgende Autobahnüberquerung, die vierte des Tages. Nein, das Laufen fällt mir heute nicht leicht, aber auch nicht übermäßig schwer. Offensichtlich tat ich gut daran, die Aufgabe tempodefensiv anzugehen und genieße nun die Früchte solcher Bescheidenheit.

Kreuzung im Wald, für mich nach links. Weiterhin unverschämt glatter Asphalt unter meinen Füßen, begleitet von knorriger Pflasterstraße. Eine über die Maßen verführerische Passage übrigens, was ich aber erst morgen Abend so empfinden werde, wenn das Abenteuer „Barnim Doppel“ zur Gänze überstanden sein wird (um ein bisschen Spannung auf Tag zwei aufzubauen). Im Sumpf wurzelnde Bäume bringen mich augenblicklich zum Stehen. Fototermin! Spiegelungen im Gegenlicht, dekorativer Schattenwurf, hell leuchtendes Grün - ein atemberaubend schönes Bild. „So viel Zeit muss sein!“ lasse ich mich lakonisch ein, als Radler meinen Fotostopp halb scherzhaft, halb verwundert kommentieren. Offenbar begegneten sie einigen meiner Vorläufer eiligen Schrittes und wähnen mich in verbissenem Wettkampf.

Der lichte Wald tritt zugunsten von Weideland zurück. Ein paar Pferde grasen weitab auf großzügig bemessener Koppel. Wenig später greift eine Stimme aus schattigem Halbdunkel nach mir, fordert mich geradezu ultimativ zur Einkehr und zum Bierkonsum auf. Schlagartig begreife ich, dass die entsprechende Passage im Roadbook bierernst gemeint war. Einkehren beim „Schleusengraf“, was, wenn ich der Rede des Wirtes Glauben schenken darf, meine Vorgänger überwiegend taten. Ich lehne dankend ab. Eine Entscheidung die weder Zeitnot, noch Wettkampf diktieren. Ein Gaststättenbesuch ist nun wirklich das Letzte, wonach mir auf einer Ultraroute der Sinn stünde. Die fällige Pause bräche mindestens meinen Laufrhythmus, den anschließend wiederaufzunehmen eine vermeidbare Prüfung darstellt.

Auf den ersten Blick ist der Finowkanal als solcher nicht zu erkennen. Seerosen und Schilf, auf und in von grünen Wänden umstellter Flut, erinnern eher an einen großen Weiher. Erlengebüsch begrenzt den Blickwinkel, der sich erst hinter der nächsten Wegbiegung vollends öffnet und freie Sicht zur Schleuse „Grafenbrück“ gewährt. Zunächst fällt mir ein kleines, offenbar in der Schleusenkammer schwimmendes Ausflugsboot auf. Dann Zaungäste, die zahlreich von der den Kanal überspannenden Brücke aus die Schleusung verfolgen. Auch ich suche mir - Covid-19-Abstand einhaltend - einen Platz am Brückengeländer und bin ein wenig ratlos: Wie konnte dieses „Dickschiff“ das Schleusentor passieren? Meiner Schätzung zufolge ist das „kleine“ Ausflugsboot zu breit für den schmalen Eingang zur Schleusenkammer!? Aufschluss bekomme ich von dem Mann neben mir, der mich anspricht, um etwas über unsere Veranstaltung zu erfahren. Er beginnt seine Rede mit den Worten „Ich hätte da mal ein Frage …“. Nachdem ich seinen Wissensdurst gestillt habe, setze ich dann meinen drauf: „Jetzt hätte ich mal eine Frage …!“ Und so erfahre ich, dass bei der Einfahrt des Schiffes wohl nicht mehr als eine Handbreit Luft beidseits zwischen Bootsrumpf und Mauern passte!

Dem steten Strom entgegen kommender Radler zufolge besitzen Kanal, Schleuse und Schleusengraf hohen Freizeitwert für die Menschen der Umgebung. Nach wie vor komme ich zügig voran und erlebe körperlich wie mental gerade meine beste Zeit. Vielleicht liegt es am interessanten „Schleusenerlebnis“, dem energiesparend glatten Asphalt oder der nun häufiger und intensiver wärmenden Sonne. Vielleicht an allem zusammen. Gegenwärtig nichts, was meine Lust am Laufen schmälern könnte. Der Radweg mündet in eine Straße, setzt sich an deren Rand fort und fordert mit ein paar Höhenmetern. Schritt um Schritt hieve ich mich auf das Niveau einer weit gespannten Straßenbrücke über … ? Mangelnde Vertrautheit mit dem dichten Kanalnetz in Brandenburg und Berlin lässt mich eine Bahnlinie vermuten. Tatsächlich überquere ich wenig später den auf diesem Abschnitt weithin einsehbaren Oder-Havel-Kanal, breit genug für jede in der Flussschifffahrt* übliche Tonnage.

*) Ein Wort mit Dreifach-s und Dreifach-f zugleich ist mir noch nie begegnet. Und nun ausgerechnet in einem Laufbericht!

Sattes Grün in allen Richtungen, dazu viel Wasser, blauer Himmel, Sonnenschein und Wärme - es geht mir gut! Und es wird noch besser nachdem ich die andere Kanalseite erreicht habe. Außer Steffen nebst Frau am nächsten Verpflegungspunkt wartet auch noch ein strahlendes Lächeln meiner Ines auf mich. Und Roxi verleiht ihrer Freude mich wieder zu sehen akustischen Ausdruck. Beim fälligen Trinken von Steffens Späßen bestens unterhalten kommt an Zeitverschwendung gar kein Gedanke auf, obwohl mir genau die gerade unterläuft. Wie immer rieselt mehr Sand durch die Pausenuhr, als ich vermuten würde. Ganze acht Minuten vergehen, bis ich mich zum Weiterlaufen aufraffe. Steffen geleitet mich noch sicher über die stark befahrene Straße, dann nehme ich meinen Laufrhythmus wieder auf - für höchstens noch 12 Kilometer …

Keine Minute später überquere einen weiteren, recht schmalen Kanal. Eindeutig ein Kanal, wovon wie mit dem Lineal gezogene Uferlinien und die konstante Breite des Wasserlaufs Zeugnis ablegen. Abrupt rechts ab in den Wald, in so spitzem Winkel, dass ich alsbald wieder auf das schmale Kanälchen treffen müsste. Tatsächlich schimmert kurz darauf Wasser durchs Geäst, wirklich nahe komme ich ihm allerdings nicht. Das ändert sich etwa eine Viertelstunde später als mich der dichte Wald zur Überquerung des (noch) namenlosen Kanals entlässt. Wieder in Höhe einer Schleuse, in deren Kammer gerade drei Boote einfahren. Manöver, die mich eine weitere Minute Laufzeit kosten, weil das Foto einer belebten Schleusenkammer nun mal mehr Aussagekraft besitzt.

Ich entferne mich vom Kanal, jogge am Rand einer Straße. Immer noch Asphalt und ich beginne zu hoffen, dass das bis ins Ziel so bleiben könnte. Die Straße schlägt eine schnurgerade, endlos anmutende Schneise in den Wald und verliert sich in der Ferne. Ein Anblick der schon weitgehend erschöpften, mental instabilen Läufern den letzten Rest Schneid abkaufen könnte. Ich blicke völlig unbeeindruckt voraus. Im Grunde fühle ich mich jetzt, auf den finalen Kilometern, stärker als in den ersten Stunden. Außerdem weiß ich von ungezählten Läufen, dass überlang wirkende Geraden nicht mehr sind als optische Täuschung. Das bewahrheitet sich auch in diesem Fall; nach ein paar Minuten erwarten mich Frau und Herr Baldow vorm letzten Verpflegungspunkt.

Nur noch sechs Kilometer. Allein Höflichkeit und die Aussicht auf ein Lächeln begleitet von einem netten Wort lassen mich zur Pause innehalten. Wasser wäre noch ausreichend in meinen Trinkflaschen vorhanden. Zwei, drei Füllungen Cola im Becher - jeder Teilnehmer brachte wegen Covid-19 seinen eigenen mit - prickeln angenehm in Mund und Kehle. Ich bedanke mich herzlich fürs Aushalten und Versorgen und setze meinen Weg nach kurzer Zeit am Rand der sich anschließenden, belebten Hauptstraße fort. Unweit nach dem VP gilt es die Straßenseite zu wechseln, wozu ich zunächst eine Kolonne heranrauschender Pkw passieren lasse. Die sich anschließende Lücke im Strom der Fahrzeuge nutze ich zum Seitenwechsel. Mitten auf der Straße tippelnd blicke ich dem nächsten, sich nähernden Auto entgegen und damit genau in Ines' Augen. Ich winke und sie antwortet mit der Lichthupe. Zum Anhalten fehlt der Platz, zudem führt Ines eine Kolonne von Fahrzeugen an.

„Eichhorst“ steht auf dem Ortschild. Unweit dahinter überquere ich erneut den Werbellinkanal, dessen Namen ich mir endlich aus Aufschriften touristischer Hinweisschilder zusammenreime. Der Werbellinkanal verbindet den Werbellinsee mit Oder-Havel- und Finowkanal. Belebtes Eichhorst am späten Nachmittag. Ich will mir gar nicht vorstellen, durch welche Menschenmassen ich mir an einem Pfingstwochenende ohne vorherigen Lockdown meinen Weg bahnen müsste. Ich passiere zahllose private Anlegestellen und finde mich kurze Zeit später in ungestörter Idylle wieder. Wüsste ich’s nicht besser, es fiele mir schwer dem Gewässer neben mir menschliche Urheberschaft nachzuweisen. Wie im Dschungel drängt Grün gegen die Ufer, hängt über, wirft Schatten, schlägt auch im Wasser Wurzeln als Schilf, schwimmt mit kreisrunden Blättern obenauf. Und ich? - Bin einfach nur dankbar für das tolle Finale am Ufer, auf immer noch „zuckersüßem“ Asphalt. Kurz unterbreche ich meinen Lauf, um Krone und Stamm einer prächtigen Eiche abzulichten. Was für eine Persönlichkeit von einem Baum! Inzwischen ist meine Stimmung auf einen Level geklettert, auf dem weniger beherrschte, esoterische Zeitgenossen nicht mehr an sich halten könnten ebendiese wunderbare Eiche zu umarmen … nur noch vier Kilometer.

Nur noch vier! Und ich fühle mich in keiner Weise erschöpft. Stark beansprucht? - Ja, das schon. Aber nicht erschöpft. Wenn es sein müsste, könnte ich den Lauf noch etliche Kilometer weit fortsetzen. So konkret resümiere ich erst jetzt, spüre es unterschwellig jedoch schon lange. Kanalpromenade Ende; zwischen Bäumen und über vertäut liegende Boote hinweg erhasche ich einen herrlichen Blick zur Südwestbucht des Werbellinsees. Ein paar verbliebene, harmlose Wattebäusche am ansonsten intensiv azurblauen Himmel versprechen gutes Wetter.

Auf den letzten Kilometern nutze ich den parallel zur Straße und zum Ufer des Werbellinsees verlaufenden Radweg. Leider bleibt der nahe See hinter dichtem Wald meist unsichtbar. Mehrmals meine ich den Abzweig zum Ziel, unser Hotel für die Nacht, erreicht zu haben. Doch der Track auf der Uhr will davon nichts wissen, schickt mich stur voran. Weiter, immer weiter am Rand der Straße durch die Ausläufer des als Schorfheide bezeichneten, zum Biosphärenreservat erhobenen, riesigen Waldgebietes. Schließlich ist es so weit: Spitzwinklig links abbiegen und auf den letzten 600 Metern stetig, aber minimal aufwärts. Noch einmal horche ich in mich hinein, erspüre, taxiere, was an Ausdauerreserven noch vorhanden ist. Konstatiere erfreut und ohne Schönfärberei, dass ich meine Akkus nicht erschöpfen musste, um 57 Kilometer weit bis zur Schorfheide zu laufen. Stelle mit derselben Freude aber auch mit Erstaunen fest, dass mein Fahrgestell nur die üblichen, „herben“ Signale stundenlanger Beanspruchung versendet. Ich hatte Schlimmeres erwartet, immerhin bin ich das erste Mal seit Oktober des letzten Jahres ultraweit unterwegs. Kurzfassung: Noch Reserven und keine außergewöhnlichen Schmerzen! Dieser Befund ist von großer Bedeutung. Einerseits bestätigt er abschließend die Richtigkeit der für heute gewählten Tempotaktik. Und im Verlauf des Abends werde ich den Befund mehrmals still zitieren, wenn zur Ruhe kommend die Schmerzen einsetzen. Wie immer nach langen Läufen wird sich das anfühlen, als könnte ich auf unabsehbare Zeit keinen Meter mehr joggen. Schon gar nicht morgen früh und dann auch noch 10 Kilometer mehr als heute …

Mein Empfangskomitee: Stefan vor der Toreinfahrt zum Hotel, Ines und Roxi dahinter. Letzte Schritte, ich konzentriere mich auf die korrekte Bedienung der Uhr. Kaum auszudenken, wenn ich jetzt einen weiteren Fehler beginge und keine Laufzeit angeben könnte. Stefan erklärt seinen Standort zum Ziel und erfragt die Zeit. Ich stoppe die Uhr, speichere die tatsächlich abgelaufene Route und bekomme zuletzt die Startzeit angezeigt: 9:58 Uhr. Mit Tastendruck blättere ich zur aktuellen Tageszeit weiter: 17:14 Uhr. Summa summarum war ich 7:16 Stunden unterwegs. Plausibilitätsprüfung! Einmal, zweimal. Will mich nicht blamieren. Zeit stimmt, also gebe ich sie Stefan zu Protokoll. Erst jetzt wende ich mich Ines und Roxi zu und lasse mich feiern.

 

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