Samstag, 17. August 2019

Es muss erst schlimm werden …  -  100 Meilen Berlin, der Mauerweglauf 2019

Dunkelheit ringsum. Vor den Füßen, im Lichtkreis der Lampe, zieht vorbei, was vom Planeten Erde noch übrig ist: Ein Streifen Asphalt, beidseits Bewuchs, Schemen. Der Freund trabt vor mir her, manchmal schräg versetzt, bisweilen an meiner Seite. Seinerseits ein mondbleiches Stück Welt der Finsternis entreißend. Dunkelheit auch in meinem Kopf. Der reagiert mit Beklemmung auf den Mangel an warmen, realen Bildern. Voodoo-Puppen, von denen mir Cornelius erzählen wird, erblicke ich keine. Nirgendwo Geister zur Geisterstunde. Keine eingebildete oder übersinnliche Wahrnehmung, kein Wahn. Nichts dergleichen narrt meinen Verstand. Vielleicht empfände ich Sinnestäuschungen als lindernden Balsam in meinem Zustand. Aber nein, mir ist beschieden diese schwarzen, schlimmen Stunden bei vollem, ungetrübtem Bewusstsein zu erleben.

Stunden in wachsender Erschöpfung. Hätte ich kein Ziel im Sinn und säße, nichts und niemand brächte mich dazu aufzustehen. Hätte ich keine Mission zu erfüllen und läge, ich drehte mich zur Seite und schliefe augenblicklich ein. Kraft fehlt. Nicht jegliche. Immerhin trotte ich unablässig dahin. Halte durch. Wie lange noch? - Keine Ahnung. Unaufhaltsam wurden wir langsamer. Und wer weiß, was uns noch widerfahren und aufhalten wird. Doch eins war und ist bei jedem Schritt gewiss: Mike und ich werden das Ziel erreichen!

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Ehe ich mich bewege: Was mich bewegt.

Ich bin kein Psychologe. Dennoch davon überzeugt, dass die ganze Skala der Gefühle jederzeit im Bewusstsein eines Menschen präsent ist. Dass er im selben Moment vor Glück sprühen und doch irgendwo tief im Innern ein Quäntchen Trauer empfinden kann. Auch Situationen, die von einem Gemenge konkurrierender oder sich bedingender Emotionen geprägt waren, sind mir nicht fremd. Mein Gemütszustand vor diesem Mauerweglauf entsprach diesem Muster. Darin laufbedeutsam vor allem zwei Empfindungen: Unlust und Furcht.

Unlust meint das Fehlen jeglichen Antriebes die Laufschuhe zu schnüren. Im Laufbericht zum Allgäu Panorama Marathon am letzten Wochenende versuchte ich Ursachen für die fehlende Motivation zu skizzieren. Ein klares Bild ergab sich nicht. Schlicht, weil ich die genauen Gründe nicht kenne. Wenn ich von Furcht schreibe, dann weil ich Furcht meine. Nicht Lampenfieber, noch Unsicherheit oder übergroßen Respekt. Nein: Furcht. Sie wurzelt im Wissen für eine Strecke von 161 Kilometern ungenügend vorbereitet zu sein. Vor allem fehlt ein Aufbauwettkampf von ungefähr 12 Stunden Dauer, den ich vor etwa vier Wochen gebraucht hätte. Andere trainieren anders. Udo konnte schon immer nur mit „Kilometerfressen“ die sprichwörtlichen Blumentöpfe gewinnen.

Bleibt die Frage, wovor ich mich fürchte. Schon mal nicht vor Unlust. Ich kann in Grenzen auch erfolgreich laufen, ohne ein Ziel hochmotiviert anzusteuern. Angst habe ich vor unsäglichem Leiden. Leiden, das absolut sicher „irgendwann“ einsetzen wird. Sehr wahrscheinlich früher, als mir lieb sein kann. Leiden, das ich schon mehrfach durchlitt, dessen Intensität sich niemand vorzustellen vermag. An das selbst ich mich nicht kreatürlich - mit meinen Sinnen - erinnere. Wie sich kein Ultraläufer auf kreatürliche Weise an Pein erinnert, die er sich zufügte. Was mir Sicherheit gibt, dass es sich so verhält? - Die Fähigkeit schlimme Gefühle mit Sinnen wiederzuerleben - bewusst zu reproduzieren - würde einen davon abhalten sich dasselbe neuerlich anzutun!

Eine Frage blieb offen wird der eine oder andere Leser denken: Warum geht er überhaupt an den Start, wenn er schon weiß wie übel es enden wird. Ein Teil der Antwort ergibt sich aus dem von Läufern häufig strapazierten Wort „Die Hoffnung stirbt zuletzt!“ Vielleicht wird es ja doch nicht so schlimm, wie meine Vernunft mir weismachen will … Außerdem: Alles ist „eingetütet“, seit Monaten fix, seit der Anmeldung im November letzten Jahres. Noch wichtiger: Alle Freunde und guten Bekannten aus der Szene der Ultrawahnsinnigen werden da sein. Heike, die Zwillinge Frank und Rüdiger, Ursula aus der Schweiz und viele andere. Last but not least mein Freund Mike, der den weiten Weg ums ehemalige Westberlin wie im Vorjahr an meiner Seite bestreiten will. Schon Letzteres würde ausreichen, um jeden Gedanken an eine Absage zu verscheuchen.

Andere Gründe spielen im Konzert der Motive eine untergeordnete aber keine gänzlich unbedeutende Geige. Etwa die Aussicht auf eine Extra-Medaille. - Die Laufrichtung auf dem Mauerweg wechselt von Jahr zu Jahr. Bisher war ich zweimal in Gegenrichtung unterwegs, möchte die Strecke diesmal andersrum erleben. Sollte es gelingen, woran ich trotz Furcht keinen Zweifel hege, wird es mir die „Back-to-back-Medaille“ eintragen. Im Grunde nur „Lametta“, an dem ich als Sammler von Lauferfolgen aber hänge. Dass ich am letztendlichen Finish nicht zweifle, liegt an der komfortablen Cut-Off-Zeit. Dreißig Stunden bleiben zur Not, um das Ziel zu erreichen.

Was noch? - Der Anlass des Laufes, der geschichtliche Hintergrund, bewegt mich. Das Erinnern an vielfachen Mord, der entlang der innerdeutschen, speziell inner-Berlinischen Grenze verübt wurde. Gedenken, das vor dem Hintergrund des Wiedererstarkens rechter Blut-und-Boden-Gedanken und dem Rufen nach einem starken Mann immer wichtiger wird. Der Deutsche ist - so lehrt es die Geschichte - eine höchst unkluge Spezies mit darüber hinaus entsetzlich schlechtem Gedächtnis. Als hätte er all die Schrecken zweier Weltkriege, das millionenfache Morden eines rechts-nationalen Regimes, zuletzt die Willkür, das Unrecht und die Verbrechen des DDR-Unrechtsstaates nicht erlebt. Schlimm: Schon wieder zündeln Nazi-Idioten in Allianz mit rechter Verblendung an der Lunte. Nehmen die Anwesenheit von Flüchtlingen im Land zum Anlass Unmut und Hass zu schüren. Schlimmer noch: Zu wenige der so genannten kleinen Leute, der schweigenden Mehrheit, der ganz „gewöhnlichen“ Menschen stellen sich offen dagegen. Obschon sie unter Garantie nicht wollen, was rechte Demagogen ihnen einreden und in letzter Konsequenz verbrechen würden. Auch gegen das Vergessen und neuerlich drohendes Unheil schinde ich mich auf dem Mauerweg.

Was macht Menschen zu Flüchtlingen? - Eine einfach zu beantwortende Frage: Wem man die Lebensgrundlage entzieht, der verlässt schweren Herzens seine Heimat. Aus Not und Angst, nicht aus Abenteuerlust. In diesem Sinne gefragt: Was unterscheidet eigentlich einen Syrer, Schwarzafrikaner und andere, die ihrem Land den Rücken kehrten, von den abertausend DDR-Bürgern - Deutschen!!! -, die 1989 und davor aus der von Menschenverachtung und Unfreiheit geprägten DDR flüchteten oder flüchten wollten? - Ganz genau: Nichts! Viele - vor allem im Osten Deutschlands - wollen das nicht verstehen oder haben es vergessen. Haben vergessen, dass Bekannte, Arbeitskollegen, Freunde, Verwandte - ihnen nahestehende Menschen - aus Verzweiflung über die Zustände zu Flüchtlingen wurden. Mir fehlen die Mittel, um den Vergesslichen, Dummen oder Ignoranten diese Wahrheit vorzuhalten. Von diesem Laufbericht mal abgesehen, den aber keiner von ihnen lesen wird. Immerhin darf ich laufen. Auch eine Art von Demonstration. Laufen auf dem ehemaligen Todesstreifen, auf der Grenze, über die viele Deutsche erfolgreich flüchteten und an der mehr als hundert auf dem Weg in die Freiheit starben.

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Kilometer 0,0

Erwartet habe ich zum Auftakt im Grunde gar nichts. Wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht. Jetzt, da ich laufe, bin ich mit dem, was ich fühle, zufrieden. Einstweilen verlässliche Ausdauer auf Sparflamme. Alters- und nicht zuletzt tageszeitgemäß bin ich gut unterwegs. Bewusst mit niedrigerem Anfangstempo als im letzten Jahr, als das Fiasko frühen Siechtums schon ab Kilometer 50 (!) begann. Heute 6:30 min/km zu Beginn, keinesfalls schneller. Egoismus pur. Der Freund an meiner Seite schlüge unter Garantie ein schnelleres Tempo an, müsste er keine Rücksicht nehmen. Mein schlechtes Gewissen hält sich jedoch in Grenzen. Zum einen gibt im Sport stets das schwächste Teammitglied die Schlagzahl vor. Und das bin nun einmal ohne Hauch eines Zweifels ich. Darüber hinaus nimmt Mike - rein sportlich betrachtet - mit dem diesjährigen Mauerweglauf nur eine weitere Stufe auf der Treppe zum Olymp der Ultraläufer. Mike trainiert für den „Spartathlon“, den er in sechs Wochen zum dritten Mal bezwingen will. Ich kann ihm folglich keinen größeren Gefallen tun, als Tempomäßigung zu erzwingen. Reduziert sie doch das Risiko von Stürzen und Verletzungen, zudem die Tiefentladung seiner energetischen Reserven.

Zweimal war ich bereits in Gegenrichtung unterwegs, erlebte den neuen Berliner Stadtkern unter aufgehender Sonne. Ein beeindruckendes Erlebnis. Heute kehren wir dem Berliner Zentrum zunächst den Rücken, Generalrichtung Nord. „Wird dir gefallen!“ meinte der Freund. Morgens im ersten Büchsenlicht das viele Grün rund um die Ortschaft Lübars und spät am Abend die leuchtende Innenstadt. Meine Skepsis hinsichtlich des Erlebniswertes der Runde gegen den Uhrzeigersinn hält allerdings noch vor. Bislang habe ich nichts gesehen, was mir einen ähnlich berauschenden Auftakt bescheren könnte wie die frühmorgendlich schlafende City. Weder die in Wilhelminischer Zeit gestaltete Backsteinfront des S-Bahnhofs Wilhelmsruh (dort der erste Verpflegungspunkt), noch die Heide- und Waldlandschaft in der Nähe jenes versteckten Dörfchens Lübars vermögen mich hinter dem Ofen hervorzulocken.

Am Dämon „Lauf-Unlust“, der mich in den Vorwochen belästigte, liegt das nicht. Von dem habe ich heute Morgen noch keinen Mucks vernommen. Erst war keine Zeit für Gefühle: Musste mich mit Ankleiden und Ausrüsten (vor allem: nichts vergessen!) beeilen, rasch frühstücken, alsbald den Bus vom Hotel zum Friedrich-Jahn-Sportpark besteigen. Dort ließen Begegnungen - etwa mit dem von Lampenfieber gebeutelten Cornelius - und weitere Vorbereitungen keine schwarzen Gedanken zu. Und dann ging’s auch schon los. Mit dem Freund an meiner Seite und dem Ziel im Kopf bleibt Beelzebub „Kein-Bock“ weiter ausgesperrt.

Mehr als die Umgebung wecken kleine Randerlebnisse mein Interesse. Etwa die „wogenden Massen“ einer jungen Frau, die stückweit vor uns her läuft. Als wir uns weit genug entfernt haben, frage ich Mike, ob er gerade eben womöglich dasselbe dachte wie ich. Da er nicht versteht, erkläre ich mich: Wie soll die mutmaßliche Zweieinhalb-Zentner-Frau (das ist wahrscheinlich nur mäßig übertrieben) ein 100 Meilen entferntes Ziel erreichen? - Staunend und ungläubig vernehme ich Mikes Entgegnung. Er kenne die Dame, habe erlebt, dass sie in diesem Jahr anlässlich eines 24-Stundenlaufes die volle Zeit durchhielt (Meine Zweifel bleiben, werden jedoch morgen Nachmittag bei der Siegerehrung verpuffen. Die Frau hat die Strecke tatsächlich knapp unter 30 Stunden geschafft!).

„We fight for what we deserve!“ steht auf dem Banner, das sich quer über den Laufrucksack eines asiatischen Mitläufers spannt. Zwar ist mir das darunter abgebildete Emblem fremd. Aktuelle Auslandsnachrichten lassen mich jedoch unschwer verstehen, woher der Mann stammt und worum es ihm geht. Ich tippe auf Student aus Hongkong: „Wir kämpfen für das, was wir verdienen!“ - Um Freiheit vom noch immer totalitären chinesischen Regime meint er damit. Freie Meinungsäußerung, freie Entfaltung der Persönlichkeit. In der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong lange eine Selbstverständlichkeit. Die seit Wochen anhaltenden und vor allem von der jungen Bevölkerung getragenen Massenproteste sollen die Schlinge der Unfreiheit wieder lockern. Die zieht sich Schritt für Schritt zu, seit Hongkong 1997 von den Briten an China zurückgegeben wurde. Zwar gilt für 50 Jahre die Formel „One country, two systems (Ein Land, zwei Systeme)“. Allerdings zeichnet sich ab, dass die chinesischen Machthaber mit der Zerschlagung demokratischer Strukturen nicht bis 2047 warten werden. Auch wenn sein plakativer Protest wenig bewirken wird - eine passendere Bühne als die einstige Trennlinie zwischen den in Freiheit wiedervereinten deutschen Landen ist dafür kaum vorstellbar!

Wiederholungen laden zu Vergleichen ein. Ich umrunde „West-Berlin“ zum dritten Mal, also stelle ich dem Heute meine Erinnerung entgegen. Alternative Laufrichtung, andere Tageszeit/Dunkelheit an den jeweiligen Schauplätzen, Unvermögen sich 100 Meilen Route lückenlos einzuprägen - also muss mir vieles anders oder unbekannt vorkommen.

Im Wald vorm Verpflegungspunkt „Naturschutzturm“ gibt mir die Route dennoch Rätsel auf, belegt meine Urteilsfähigkeit mit heftigen Zweifeln. Auf diesem Abschnitt malträtiert Pflaster die Füße. „Wertarbeit“ aus Vorkriegszeiten, dermaßen widerstandsfähig, dass Witterung und Abnutzung bis ins 21. Jahrhundert kaum Schäden anrichten konnten. Bei der ersten Begegnung mit diesem Belag, 2014 in Gegenrichtung, kam mir die Passage schier endlos vor. Im letzten Jahr, in derselben Richtung, war ich verblüfft nur kurzzeitig Pflaster unter den Füßen zu spüren. Schon damals unterstellte ich mir trügerische Erinnerungen. Und heute? - Jetzt und für etliche Minuten weit scheint das Pflaster einmal mehr nicht enden zu wollen. War ich also letztes Jahr an dieser Stelle im erschöpfungsbedingten Delirium unterwegs?*

*) Beim nachträglichen Streckenstudium erkannt und zur Ehrenrettung meiner Sinne: Im letzten Jahr nahm die Route vorm „Hubertussee“ (hinter Bäumen versteckt) eine Abkürzung. 2014 und 2019 führt sie um den See herum, wodurch sich die Pflasterdistanz verlängert.

Kilometer 23,1

Der Verpflegungspunkt (VP) „Naturschutzturm“ kostet uns keine Minute Aufenthalt. Ähnlich wie schon die drei VP zuvor. Durch Verkürzen der Verweildauern wollen wir die Gesamtlaufzeit reduzieren*. So ist es zwischen Mike und mir vereinbart. Ein weiterer Grund, der mich unaufhaltsam von hinnen zieht, ist meine Frau Ines. Sie wird Mike und mich erstmals hinter diesem Waldstück, im sich anschließenden Gewerbegebiet, versorgen. Wenn alles geklappt hat. Am Start im Jahn-Sportpark war Ines nicht dabei. Sie wollte den ersten Treff unmittelbar vom Hotel aus anfahren … Meine Spannung steigt schon im verbleibenden Waldabschnitt … Wir traben eine Weile durchs Gewerbegebiet. Keine Spur von Ines. Mit jedem Schritt wachsen meine Bedenken … … … Dort vorne ist sie! Vielleicht 200 Meter voraus! Mein Herz vollführt einen kleinen Luftsprung. Vor Freude und Erleichterung in gleichen Teilen. Ursula, unsere Schweizer Ultralauffreundin, hatte bei ihr Halt gemacht, bricht gerade wieder auf. Ich mache mich bemerkbar, winke. Ines winkt zurück. An diesem Morgen habe ich die Sonne noch nicht gesehen. Bis sie vor wenigen Augenblicken aufging …

*) Im letzten Jahr gönnten wir uns an mehreren VP überlange Pausen. Vor allem dort, wo wir von Verwandten und Freunden verwöhnt wurden. Eine Beispielrechnung am Ende des Laufberichts zeigt, welch großen Einfluss die Verweildauer an VP auf die Gesamtlaufzeit hat. Und, dass großzügige Pausen mit höherem Tempo nicht kompensiert werden können. Dort findest du auch eine Statistik zu der in diesem Jahr an VP von uns verbrachten Zeit.

Apropos Sonne: Der Tag hatte sich keine halbe Stunde nach dem Start eingetrübt. Am frühmorgendlich wolkenlosen Himmel zog rasend schnell eine geschlossene Wolkendecke auf, aus der es mehrmals tröpfelte. Nie ergiebig, nicht mal störend. Zur Sicherheit habe ich mir dennoch von Ines die Schildkappe geben lassen und im Bund meiner Laufhose verstaut. Noch mehr „Gewurschtel“ rund um die vom Gel-Gürtel schon füllig wirkenden Hüften.

Dann und wann, wenn die Tachonadel allzu deutlich gen 6:15 min/km oder noch tiefer tendiert, bremse ich. Nicht zu sehr, weil sich das Gelände auf diesen letzten Kilometern vor der Havelbrücke überwiegend und moderat senkt. Vermutlich bemerkt der leichtfüßig trabende Freund die schleichende Temposteigerung nicht einmal. Macht nix, zum Bremsen hat er ja mich, seinen in die Jahre gekommenen Schatten … Eine der zum Gedenken an die Maueropfer errichteten Stelen kommt in Sicht. Nicht die erste, an der wir vorbeilaufen. Ein Mitläufer steht vor der Gedenktafel und informiert sich. Nein, dergleichen möchte ich mir unterwegs nicht antun. Nicht der verlorenen Zeit wegen. Will Tatsache dass und Umstände wie ein Mensch hier getötet wurde, nicht so dicht an mich ranlassen. Vielleicht verblutete der Mann, wartete auf Hilfe, verreckte elend über Minuten oder Stunden. Ich kenne solche Geschichten von Leiden und Sterben … Will mir auch nicht vorstellen, wie es hier vor 30 Jahren ausgesehen hat. Habe genug damit zu tun die vom Laufen provozierten Widerstände auszuhalten. Das im Grunde allgegenwärtige Grauen auf dem ehemaligen Todesstreifen, der heute verharmlosend, mit fast schon folkloristischem Touch „Mauerweg“ heißt, muss ich mir nicht auch noch aufbürden. Nicht zur Laufzeit. Das besorge ich davor oder lasse es danach zu.

Kilometer 33,6

„Jetzt sind wir auf dem Abschnitt, den auch der Ostermarathon nutzt!“ Ohne Mikes Hinweis hätte ich noch eine Weile gebraucht, um den Radweg am Rande einer lebhaft befahrenen Straße wiederzuerkennen. Obwohl mein 250. Marathon, den ich dieses Jahr am Ostersamstag hier vollendete, gerade mal vier Monate zurückliegt. Minuten später überqueren wir die Havel und biegen unmittelbar dahinter zum VP „Ruderclub Oberhavel“ ab. Nach „Gel- und Wassergenuss“ kurzes Abmelden bei Mike: „Ich laufe schon mal los!“ Kurz vor der Straße holen mich Rufe zurück. Ines ist hier! Mit ihr habe ich rund neun Kilometer nach dem letzten Rendezvous noch gar nicht gerechnet. Untergetaucht im Gewühl des ersten Staffelwechselpunktes hätte ich Ines fast verfehlt. Ein Missgeschick, das sich fatal entwickeln könnte: Ines würde warten, warten, warten, sich sorgen … irgendwann einsehen, dass wir uns verpasst haben … weiterfahren zum nächsten VP … und was, wenn sie dort zu spät dran wäre … dann machte wiederum ich mir Sorgen … An das Handy in meiner Gesäßtasche denke ich dabei nicht. Wieso eigentlich? - Pflichtausrüstung! Handy wie „befohlen“ eingeschaltet, Akku voll aufgeladen. Nur fehlt es mir an Bewusstsein so ein Dings für ein etwaiges Bums tatsächlich auch dabei zu haben.

An der Tränke überholten wir Ursula. Mike erblickte sie Schlange stehend vorm Dixie-Häuschen. Winkte ihr wohl noch zu. Ist mir entgangen, wie so vieles. Unterwegs sieht und hört Mike alles. Ihm entgeht kaum etwas, gleichgültig wie erschöpft er auch sein mag. Und nicht selten richtet er an diesen oder jenen, Bekannte und Unbekannte, eine zur jeweiligen Situation passende Bemerkung. Warum hat er sich ausgerechnet einen Autisten wie mich zum Freund erkoren? - Einen, der unterwegs überwiegend schweigt, wenig mitbekommt, kaum jemanden kennt, im Übrigen stoisch vor sich hin trottet. Die Frage ist zum Teil rhetorisch. Ein paar Gründe fallen mir natürlich ein. Zum Beispiel unser manchmal blindes Verständnis und wie oft wir (auch weltanschaulich) eines Sinnes sind.

Kilometer 38,3

Von einer Kanalbrücke abgesehen flach und vom Havelwasser meist nur durch ein Stückchen Rasen und ein paar Büsche getrennt - ich mag diesen Abschnitt am Westufer der Havel, zwischen Ruderclub und dem als Denkmal verbliebenen Wachturm in Nieder Neuendorf. Mag ihn unabhängig von Richtung und Bewerb. Zum dritten Mal Mauerweglauf, zweimal Ostermarathon, mithin zweimal nord- und dreimal südwärts. Mit dem VP am Wachturm in Nieder Neuendorf verbinde ich eine recht unschöne Erinnerung. Auf der 100 Meilen Runde 2014 kam ich hier klatschnass nach Regenguss, vor Kälte bibbernd und steifgefroren an. Ohne Ines‘ Assistenz hätte die Einkleidung mit trockener Wäsche vermutlich dreimal so lange gedauert.

Von gedanklicher Rückblende bewegt gebe ich einmal mehr ein Beispiel dafür, wie viel mir auf langen Wettkampfwegen entgeht. Kurz nach dem Abrücken macht Mike mich darauf aufmerksam, dass der Verpflegungspunkt von Frank-Ulrich Etzrodt, dem Veranstalter des Ostermarathons, betrieben wird. Doppelt schade, weil ich mich gerne noch einmal persönlich bei „Etze“ für die Ausrichtung der Veranstaltung bedankt hätte. Wer macht sich schon die enorme Mühe am Osterwochenende einen Marathon auszurichten? - Ein Blick in den Marathonkalender genügt: Fast niemand in deutschsprachigen Landen. Schier unüberwindlich allein die Hürde an einem so exponierten Datum eine ausreichende Zahl von Helfern um sich zu scharen. Und alles für eine relativ kleine Schar Unentwegter, die dem Osterhasen einen Marathon weit davonlaufen.

Mauerweg-Neulinge wundern sich, wie viel scheinbar menschenleere, siedlungsferne, naturnah belassene „Gegend“ man auf der Trennlinie zwischen Brandenburg und dem ehemaligen West-Berlin noch findet. Seit wir der Havel den Rücken kehrten, wechseln sich Wald- und Wiesenareale ab. Gegenwärtig versucht sogar ein ausgewachsener See sich vor uns zu verbergen. Von grünen Wällen oder Dickicht abgeschirmt lässt er nur stroboskopisch kurze Einblicke zu. Obendrein verwehrt ein Zaun erlebnishungrigen Städtern jeglichen Zugang zu diesem Biotop (?). Um die vermutlich artenreiche Vogelwelt trotzdem beobachten zu können, wurde ein mehrere Meter hoher, hölzerner Ausguck errichtet. Einmal mehr überwältigen mich an dieser Stelle Erinnerungsfetzen von meinem Mauerwegdebüt 2014. Fast meine ich das furchterregende Rauschen der Windböen in den Bäumen zu vernehmen, mit dem sich der nur Minuten währende, unwetterartige Wolkenbruch ankündigte. Meine die Nässe textiler Fetzen auf meinem Körper zu spüren. Kälte, die unaufhaltsam die Haut durchdringt. Höre das wassersatte Schmatzen der Füße in vollgelaufenen Schuhen. Sehe mich dahinstapfen, mutterseelenallein …

Im Wald kurz vorm Bezirk Spandau liegen 50 Kilometer hinter uns. Es gab keinen Gesprächsfaden zwischen Mike und mir, der hätte reißen können. Seit dem frühen Morgen beschränkt sich unsere Konversation auf kurze Wortwechsel. Doch selbst dafür kriege ich unterdessen die Zähne nicht mehr auseinander. Und Mike passt sich an, gönnt mir schweigendes Einvernehmen. Schweigen und Brüten, das ich auf langen Strecken so nötig brauche wie Wasser und Gel. Meistens jedenfalls. Mein Brüten hat etwas Lauerndes, Forschendes an sich. Ich warte auf nicht weniger als den Einbruch. Im letzten Jahr ereilte er mich zwischen 40 und 50 Kilometern. Überraschend, ich hatte mich stärker eingeschätzt. Im Augenblick spüre ich noch nichts dergleichen. Muss am Tempo liegen, das im Schnitt etwa 20 Sekunden unter dem des Vorjahres liegt. Woran auch sonst? - In diesem Jahr lief die Vorbereitung auf die 100 Meilen komplett aus dem Ruder. Keine Frage, dass ich werde leiden müssen.

Kilometer 51,6

Am Verpflegungspunkt „Falkenseer Chaussee“ laufe ich Ines’ in die Arme. Redensartlich natürlich nur. Denn von einem „spitzen Küsschen“ abgesehen möchte ich der Supporterin meine tropfnass schweißige Erscheinung nicht zumuten. Mir genügt, was sie mir schenkt: Ein Lächeln und reichlich Aufmerksamkeit. Außer Ines erwartet uns an diesem VP ein in der Ultraszene fast schon legendäres Gesicht als Helfer (!): Handreichung und „Wasserversorgung“ vom Spartathlon-Sieger (2012) Stefan Stu Thoms, den ich bereits andernorts kennen lernen durfte. Dennoch bleibt unsere Verweilzeit im engen, selbst geschnürten Korsett. Gels bunkern, trinken, danke, tschüss und los, ein letztes Lächeln von Ines auf den Weg mitnehmend …

Das Gedenken für Dieter Wohlfahrt (1941 - 1961) war angekündigt, kommt wenige Minuten nach dem VP, hinter einer Straßenbiegung, dann aber doch überraschend. Die Teilnehmer wurden gebeten auf einer Pinwand ein Kärtchen mit ihren Gedanken zu diesem Maueropfer zu hinterlassen. Ich habe keines der vorgefertigen Kärtchen dabei. Wie hätte ich es geschützt vor Unmengen von Schweiß und vor allem worin transportieren sollen? Kein Kubikmillimeter in Hüftgürtel, Handgelenk- und Gesäßtasche mehr ungenutzt. Handy ist Pflicht, „Toiletten-Set“ unabdingbar und der übrige Stauraum birgt Gels. Mitbringen schien mir zudem überflüssig, weil auch vor Ort Kärtchen bereitliegen sollen. Was ich notieren würde, wollte ich spontaner Eingebung überlassen. Spontanität muss ich allerdings gar nicht bemühen, weil mich irgendwann heute Morgen ein verirrter Sonnenstrahl erleuchtete. Kurz und mit gebotener Schärfe verleihe ich meinem Empfinden Ausdruck: „Es war Mord!“

Kilometer 58

An die meisten der Schauplätze, die wir passieren, erinnere ich mich. Nur mit der Reihenfolge hapert es ein bisschen. Aber das ist wohl normal. Genauso normal wie das Schrumpfen der Distanz zwischen mir bekannten Wegmarken in der Erinnerung. So dauert es viel länger, bis wir endlich die von mir „gefürchtete“ Karolinenhöhe erreichen. Eine Hügelkombination aus natürlichen Erhebungen auf Brandenburger Erde und überwachsenem Berliner Trümmerschutt. Zwei markante Anstiege vergegenwärtigte ich mir vorweg, um mich mental zu wappnen. Die „Karolinenhöhe“ und - 30 Kilometer später - den Anstieg hinter der „Glienicker Brücke“. Womit ich allerdings nicht rechnete, war die Steilheit der hauptsächlich als Weideland genutzten Hänge der Karolinenhöhe. Wie erwartet gehen die meisten unserer Mit-Mauerwegläufer in dieser Passage. Mike und ich traben. Ich, weil ich „muss“, denn Gehen geht gar nicht. Und Mike, weil er’s kann und mir nicht nachstehen will. Die Wucht, mit der mir die wechselnde Steilheit dieser Serie asphaltierter Rampen in die Beine fährt, erschreckt mich. Plötzlich spüre ich Schwäche. Es ist als grinste die mich hämisch an: Fühl mich schon mal, nicht mehr lange und du wirst mich auch im Flachen nicht mehr los.

Den VP „Karolinenhöhe“ stellte ich mir als Erlösung vor, hoffte danach auf Erholung im wieder flachen Terrain. Diese Hoffnung erfüllt sich nicht. Das Gelände steigt weiterhin an. Nicht markant aber stetig. Keine Spur einer Erinnerung an Gefälle als ich hier in Gegenrichtung vorbeitrabte. Nur die Buckel im Radweg kenne ich. Aber waren die letztes Jahr auch schon so steil? Schritt für Schritt voran. Noch hält sich die Belastung in Grenzen. 100 Kilometer vorm Ziel einzubrechen wäre auch definitiv zu früh … Klammheimlich hat sich meine bisher vermisste Freundin fein in Szene gesetzt. Das Grün der Wiesen und Bäume erstrahlt nun satt, in von Sonne getränkten Farben. Obschon meist im Schatten des Waldes laufend vermag ich doch abzuschätzen, dass die Aufheiterung des Himmels von Dauer sein wird. Wetter, wie wir es eigentlich lieben, Mike und ich. Wetter, das ich heute aber auch ein bisschen fürchte. 28°C in der Spitze sind vorhergesagt und die bedeuten körperlich - ob wir es wahrhaben wollen oder nicht - eine zusätzliche Hypothek …

Kilometer 62,9

VP „Pagel & Friends“ - ganz sicher der Stimmungshöhepunkt an der Strecke. Sogar einen Moderator leistet man sich hier, der jeden Läufer einzeln begrüßt (von Udo mal abgesehen, der ist dem vorgeschalteten Melder mit Walkie-Talkie offensichtlich entgangen). Eine zusätzliche Minute investiere ich hier erstmals, um an einer Wanne Schweiß und Salzrückstände von Gesicht, Nacken und Armen zu waschen. Fast so wohltuend, wie eine Dusche … „Pagel & Friends“ tischen traditionell das Feinste vom Feinen auf. Hier gibt es alles, natürlich auch alkoholfreies Weizenbier, dem der Freund und ich gerne zusprechen. Dass sich einzuschenken schon mal ein paar Sekunden dauern kann, zumal wenn es sich um aufschäumende Getränke handelt, überfordert den Intellekt eines durstigen Mitläufers. Entsprechend rüde macht er mich an, weil ich ihm - was für eine Frechheit - im Wege stehe. Vielleicht hat er es auch nur eilig und fürchtet die durch meine Schuld verlorenen Sekunden in der Endabrechnung.

Ich wiedererkenne die Straßen, hake gedanklich bekannte Wegmarken ab. Wie die Ortschaft heißt, erfahre ich auch beim dritten Durchlauf nicht (Groß Glienicke). Mehrmals rauf und runter im Wohngebiet. Was dabei mehr anstrengt, die Steigungen oder das ausgesprochen schlechte, mehr oder weniger unbefestigte, vielfach ramponierte Geläuf der Bürgersteige, vermag ich nicht zu sagen. Ständiges Schweißwischen unter warmer Sonne jetzt, begleitet von mehrfach wiederholtem, lautlosem Knurren: ‚Sch … weg verdammter!‘ Als Wald die Wohnbebauung ablöst, glaube ich das Anstrengendste vor Schloss Sacrow hinter mir zu haben. Schloss Sacrow, der nächste VP, wo Mikes Schwester Sandra, deren Lebensgefährte Belo und Ines mit Labsal für Seele und Körper aufwarten werden. Nicht mehr weit, höchstens noch fünf Kilometer.

Zwischen dem „Hier“ und Sacrow liegt ein Hügelchen. Erinnere mich daran, vor allem an die völlige Harmlosigkeit des Buckels. Das mag für die Gegenrichtung zutreffen, für die gegenwärtige keinesfalls. Der Weg kennt nur eine Orientierung: Aufwärts. Wieder einmal keimt Zweifel den Bäumen beidseits des Weges je im Leben begegnet zu sein. Wie überhaupt mir der Weg seit der Karolinenhöhe den Eindruck vermittelt, als ginge es beständig bergauf. Bilde ich mir das ein? Bilde ich mir ein, dass die Runde entgegen dem Uhrzeigersinn härter fordert als andersrum? Vielleicht empfinde ich das infolge mangelnder Vorbereitung so. Und nach nur 65 Kilometern ist es für ein Fazit ohnehin noch zu früh. In Abwandlung eines geflügelten Wortes: Man soll den Tag nicht vor dem Abend tadeln!

Die Bäume rücken immer näher heran, aus Weg wird Pfad. Abschnittsweise präsentiert sich das Geläuf versandet. Tiefer, weicher Boden, bergauf und in Sonne gebadet - eine Heimsuchung. Links abbiegen jetzt und … kann doch nicht sein! So steil? In Brandenburg? Schritt extrem verkürzen, Scheibenwischer ein. Bäche von Schweiß sprudeln aus meinen Poren. Maßlos übertrieben, doch so kommt es mir vor. Zwei, drei Minuten Quälerei, dann ist der Scheitel des Hügels erreicht. Ist okay, du blöder Buckel: Die Lektion war hart, werde dich nie wieder unterschätzen.

Ein paar Meter abwärts auf schmalem Sträßchen. Begleitet von Autoverkehr. Ausflügler auf ihrem Weg zum nahen Schloss Sacrow. Vielleicht auch Entourage der Läufer. Wie jetzt? Das soll’s schon gewesen sein? Nur diese paar Höhenmeter abwärts? Meiner Blase genügen die paar Schritte Gefälle, beinahe übergangslos schlägt sie Alarm. Stenogrammkurze Absprache: Mike wird vorauslaufen. So bleibt ihm mehr Zeit fürs Tête-à-tête mit dem Schwesterlein. Derweil erledige ich in Seelenruhe, was erledigt werden muss. Und trabe wieder los. Solo langsamer als zuletzt im Duo. Mein Fahrgestell gibt zu Protokoll wie anstrengend das „Berg-Intermezzo“ war. Das allein ließe mich im warmen Frühnachmittag kalt. Spürte ich nicht zugleich, dass ein Einbruch der Ausdauer nicht mehr lange auf sich warten lassen wird …

Kilometer 70,6

Gleich zweimal, kurz nacheinander, fragt man mich nach dem nächsten Verpflegungspunkt. First in English, than auf Deutsch. Aus den geschätzten zwei werden letztendlich fast drei Kilometer. Schlussendlich tippele ich unter uralten Bäumen durch den schattigen Schlosspark und stehe vorm überraschend erweiterten Supporter-Team: Sandra, Belo und Ines hatte ich erwartet. Natascha - Mikes Frau - und Conny* wähnte ich noch beim Stadtbummel irgendwo in Berlin. Und mit Ulli*, die für ihre Staffel heute Morgen die erste Etappe übernahm, war eigentlich auch nicht zu rechnen … Last but noch least werde ich von einer weiteren treuen, weiblichen Seele begrüßt. Unüberhorbar, da kläffend, von unserer Hündin Roxi. Ich weiß, was sie mir sagen will: „Bist du endlich da? Wo warst du so lange?“ Und: „Warum hast du mich nicht mitgenommen?“

*) Hoffentlich nicht zu verwirrend: Mike und mir voraus, bislang nicht erwähnt, joggen die Zwillinge Frank und Rüdiger über den Mauerweg. Conny wiederum ist die Frau von Rüdiger. Es geht noch ein bisschen komplizierter: Ulli, die vor vor kurzem ihren ersten Marathon lief, ist eine Freundin von Natascha und Mike.

Lachen und Hallo und ein paar Streicheleinheiten für Roxi (damit sie die Klappe hält!). Sodann ein „spitzes Küsschen“ für Ines und „nässebedingt distanzierte“ Umarmungen für Sandra und Belo. Die beiden habe ich seit dem Ostermarathon, als sie mich überaus herzlich bemutterten, nicht mehr gesehen. Auch heute gibt’s, was ich nun physisch am nötigsten brauche: Alkoholfreies Weizenbier. Erhitzt, am ganzen Körper in Schweiß gebadet stehe ich da. Trinke. Lächle. Stehe Rede und Antwort. Meist spricht Mike. Ist mir sehr recht. Übernehme Gelpäckchen von Ines. Trinke. Lächle (hoffentlich!?). In mir drin lächelt grad gar nichts, da herrscht Alarmstimmung. Ich fühle mich total platt, ausgelutscht, von Erschöpfung übermannt. Warum gerade jetzt? Warum gerade hier? Verstärkt „Rumstehen“, Pausieren, die Selbstwahrnehmung?

Unter unseren Füßen knirscht der überwiegend feste aber staubtrockene Schotter der Parkwege. Regen fehlt, offensichtlich seit Monaten, wie überall in der Gegend. Es dauert Minuten, bis ich in meinen Laufrhythmus zurückfinde. Kontrollblicke bestätigen, was ich längst fühlte: Unser Tempo liegt unter dem vor Sacrow. Mike läuft vor mir her. Hat mich gewissermaßen am Haken. Er kann sich einen Reim auf mein Durchhängen machen. Schon kurz hinterm Schloss musste er sich mein Jammern anhören. Dass ich müde bin und nicht weiß, wie ich die verbleibenden 90 Kilometer schaffen soll …

Landschaftsidyll Sacrow - nicht von ungefähr ließ sich ausgerechnet hier ein adliger Schlossherr nieder. Ausufernde Seen, umrahmt vom reizvollen Wechsel zwischen Wald- und Wiesengrün. Dichter und Komponisten der Romantik ließen sich vom Flair der Gegend inspirieren. Und Naturschwärmer im Laufdress verfallen dem Zauber der Landschaft um Potsdam. Ich unternehme halbherzige Versuche den Freund vor schöner Natur abzulichten. Eigentlich ist mir nicht danach, mitten in der ersten ernsthaften Krise des Lauftages. Mike nimmt mir die Kamera aus der Hand, wie vor Stunden schon einmal. Bleibt zurück, rennt voraus. Bilder von mir entstehen. Will ich eigentlich nicht. Schon frisch dem Ei entschlüpft vermag ich zweidimensional gepixelt keinen Charme zu entfalten. Erst recht nicht, wenn ich ausstrahle, was ich in diesen Minuten - Vorsicht: Ausdruck doppeldeutig! - zwangsläufig ausstrahle.

Schon wieder am „Berg“. Rein geologisch betrachtet gibt es in Berlin-Brandenburg keine Berge. Doch Lauferfahrung lehrt: Was du als „Berg“ empfindest, hängt lediglich vom Grad deiner Erschöpfung ab. Obwohl uns dichter, kühler Laubwald umfängt, schmore ich unaufhörlich im eigenen Saft. Früher Nachmittag und seit einer guten Stunde heizt die Sonne tüchtig ein. Sogar hier unter dichtem Blätterdach dürfte an 25°C nicht mehr viel fehlen. Mike trabt „locker flockig“ vorneweg, als wären wir gerade erst aufgebrochen. Was er über den Bremser in seinem Kielwasser denkt, der sich in dieser Stunde schmerzlich als solchen empfindet, weiß ich nicht. Dafür weiß ich, was der Freund nicht denkt. Und das lässt mich die Tatsache des eklatanten Leistungsunterschiedes in diesem Tandem gut ertragen.

Kilometer 76,8

VP „Försterei Krampnitz“: Gel, trinken, weiter … Hinterlässt in meiner Erinnerung einen Zeitstempel von ungefähr zwei Minuten. Weit gefehlt, wie Tage danach die Auswertung des GPS-Protokolls offenlegen wird. Mehr als fünf (!) Minuten büßen wir ein. Schon jetzt, nach gerade mal neun Stunden, dauert alles länger. Jeder Handgriff, sogar das Schlucken. Also weiter … über eine unbefestigte „Straße“ des Weilers Krampnitz abkürzend. Diesen Abschnitt bedachte ich schon beim ersten Mal mit herben Flüchen. Alles im „Portfolio“, was Füße eines Straßenläufers nicht leiden können: Grobe lose Steine, grobe feste Steine, kleine sowieso. Tiefer Treibsand, der einen fürchten lässt, man könne auf Nimmerwiedersehen in ihm versinken. Objektiv nur ein halben Kilometer weit, gefühlt durch halb Brandenburg …

Und dann geht es ausnahmsweise mal „schnell“, bis wir den Radweg entlang der dicht befahrenen Bundesstraße „B2“ wieder verlassen und zum Ufer des Jungfernsees vor Potsdam abbiegen. Schneller jedenfalls, als meine Erinnerung mir vorrechnet. Wo die doch sonst eher gegenteilige Effekte produziert. Vermutlich liegt es an der Abwechslung. Es gibt mehr zu sehen und zu beachten. Unter anderem zwei von Brücken überspannte Kanäle, mehrfach von Wasser dekorierte Panoramen, Radfahrer, denen es auszuweichen gilt.

Hätte ich Schönheitspreise zu vergeben, die nun folgenden fünf Kilometer am Ufer des Jungfernsees wären unzweifelhaft mit Platz eins zu belohnen. Joggen in eleganter Parklandschaft, die den Augen abschnittsweise erfolgreich vorgaukelt eben dies nicht zu sein: ein Park. Herrlich auch die Pracht des historischen Potsdams und diverse neu erstandene, mondäne Villen. Und das Wetter natürlich, das sich rechtzeitig entschied Potsdamer Gestade und Geschichte unter locker bewölktem Himmel leuchten zu lassen. Kein Zweifel: Ich bin hundemüde und das wird sich auch nicht mehr zum Besseren wenden. Doch genau davon lenken die Bilder ab. Schauen und Laufen, sich weniger spüren, sich selbst ein bisschen vergessen …

Kilometer 82,5

Was oder genauer gesagt wen werden wir am VP „Meierei“ vorfinden? Ines ist dort mit einem Bekannten auf der Terrasse eines nahe gelegenen Gasthauses verabredet. Wenn nötig werde ich sie im Gasthof aufstöbern, um Gel-Nachschub zu übernehmen. So ist es verabredet. In meiner Vorstellung überbieten sich Bilder steiler Treppen darin mir dieses Vorhaben so kompliziert und kräftezehrend wie nur möglich auszumalen. Und dann wäre und ist alles viel einfacher: Besagte Terrasse wäre über wenige Stufen unschwer zu erreichen. Doch selbst das ist nicht nötig. Natascha und Conny übernahmen von Ines die Aufgabe uns mit dem Nötigen zu versorgen.

Schloss Cäcilienhof verpasst, wer nicht ahnt, dass er unweit der „Meierei“, hinter einem Wäldchen, den Kopf drehen muss. Ich lasse mir den Anblick - egal wie flüchtig und kurz - nicht entgehen. Das gerade mal hundert Jahre alte Gebäudeensemble hat es mir seit meinem ersten Besuch in Potsdam, wenige Jahre nach der Wende, angetan. Weniger des Schlosses und seiner glücklosen Erbauer* wegen. Nicht weniger als die Neuordnung der Welt wurde hier unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen den Siegermächten verhandelt („Potsdamer Konferenz“, siehe auch Laufbericht 2018). Geschichtliche Fakten, die mir beim Anblick des zum Nobelhotel umgebauten Gemäuers durch den Kopf schießen und gleich wieder verloren gehen. Es fehlt die Kraft sie festzuhalten.

*) Schloss Cäcilienhof wurde von Kaiser Wilhelm II. für seinen Sohn Kronprinz Wilhelm und dessen Frau Cäcilie von 1913 - 1917 erbaut. Also in einer Zeit als des Kaisers Soldaten zu Millionen auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges starben und seine Untertanen daheim hungerten. Seine politischen, militärischen und menschlichen Fehlleistungen wertend, hat Wilhelm II. keinen Grund sein Schicksal zu beklagen. 1918 musste er abdanken und ging ins komfortable Exil in die Niederlande.

Mike hat noch Kraft und hält an unseren Zielzeitträumen fest. Tatsächlich liegen wir gut in der Zeit. „Sogar unter 20 Stunden sind noch möglich!“ - Habe ich vor dem „noch“ ein „theoretisch“ gehört? - Mit einem schlichten „Vergiss es Mike!“ erteile ich der Wunschvorstellung des Freundes, mit der er wohl vor allem meine Zuversicht nähren will, eine ungewollt heftige Abfuhr. In meinem Empfinden derart vehement, dass sie vor der „Glienicker Brücke“, auf die wir unterdessen zuhalten, ins Wasser der Havel klatscht. Ich schaue auf die Uhr: „Noch mehr als zehn Stunden zu leiden!“ - Eine Wahrheit, die ich nur einem wie Mike zumuten kann. Einem, der schon alle möglichen Krisen, Tiefen und Höllen des Ultralaufes erlebt und erfolgreich überstanden hat. Trotzig und aufbauend behält er das letzte Wort: „Kann sein. Aber wir werden gemeinsam leiden!“

Die Glienicker Brücke kostet vor allem Zeit. Unterquert ist sie rasch und über die Freitreppe der Potsdamer Brückenauffahrt alsbald erklommen. Doch dann ereilt mich ein Anfall akuter Fotografierwut. Gegenrichtung, neue Perspektive! Also sammele ich Schnappschüsse. Mit Mike als Model, der nicht ahnt, dass ich immer wieder stehenbleibe und sich Schritt um Schritt entfernt … Fotos auch durchs stählerne Tragwerk der Brücke, hinüber zur Fontäne im See und Schloss Babelsberg. Jedes Mal dasselbe Fazit: Potsdam lohnt einen längeren Besuch! Unzählige Baudenkmäler, wunderschöne Parks, herrliche Landschaft, das viele Wasser ringsum. Und Geschichte, Unmengen an Geschichte. Preußische und deutsche, rühmliche und unrühmliche, regionale und weltbewegende … Von der jüngeren deutschen Geschichte kündet ein brückenmittig ins Trottoir eingelassenes Metallband: „Deutsche Teilung bis 1989“. Wovon die Inschrift nicht erzählt, sind die auf der Brücke zwischen Ost und West ausgetauschten Agenten und Inhaftierten. Dreimal, 1962, 1985 und 1986, machte die Glienicker Brücke in dieser Hinsicht filmreife Schlagzeilen.

Hinter der Brücke hole ich Mike wieder ein. Weil er wartete und sein Lauftempo mäßigte. Die Straße steigt an, moderat aber schweißtreibend. Alsbald biegen wir Richtung Babelsberg ab. Massen von Spaziergängern und Radfahrer begegnen uns. Samstagnachmittag, sonniges Wetter, Urlaubszeit obendrein - da nutzen viele die Gastlokale am Ufer des Griebnitzsees. Anders als zweimal zuvor habe ich kaum Augen für den kurzen Stichkanal, der die Havel mit dem lang gestreckten Griebnitzsee verbindet. Das liegt am „Berg“. Zum kleineren Teil an der bereits bewältigten Steigung, hauptsächlich an der unmittelbar bevorstehenden. In der Falllinie des Hanges gilt es das steilste Stück Weg des Tages zu überwinden. Obendrein auf ruppigem Geläuf. Auch dieses Hindernis bewältige ich mit kurzen, steppenden Schritten. Beseelt von der Fähigkeit es noch zu schaffen, gedrückt von Furcht mich zu verausgaben wuchte ich meinen Körper empor.

Zwei Minuten, dann kehren wir zur Straße und auf Babelsberger Bürgersteige zurück. Eine Weile noch im Anstieg, moderater, erträglicher, dann kilometerweit mit Blick auf Villen und Gärten. Wieder „Vorkriegs-Trottoir“, uneben, kraftraubend, obendrein gefährlich. Oft weiche ich auf die Fahrbahn aus. Ich sehne den VP „Gedenkstätte Griebnitzsee“ herbei. Weil ich durstig bin. Mehr noch, weil mein Körper nach einer Pause giert. Ich kämpfe innerlich an allen Fronten. Nun auch schon gegen den Wunsch nach Stillstand. Und wenn ich stehe, gegen hinterhältige Methoden des Fleisches die Pause zu verlängern. Mehrfrontenkriege kannst du nicht gewinnen. Jeder kluge Feldherr weiß das (deutsche Feldherren der letzten hundert Jahre waren also mindestens schon mal dumm.) 20 Stunden Laufzeit? oder wenigstens unter 21? Nie und nimmer!

Kilometer 89,3

Am Verpflegungspunkt: Gel, Trinken, ein paar Salzstangen kauen. Um ausgeschwitzte Mineralien zu ergänzen und die Süße im Mund zu killen. Runterspülen mit alkfreiem Bier. Das dauert … Ist der Bedarf echt und die Süße wirklich so unerträglich? - Oder falle ich nur auf eine List meines müden Körpers herein? - Schließlich wieder los, vom Denkmal am Seeufer zurück zur Straße … Bis Mike auffällt, dass ein Teil seiner Brille fehlt. So jedenfalls hab ich’s verstanden. Er rennt zurück zum VP. Ich entscheide mich die Zeit zu nutzen, um Dreck aus dem linken Schuh zu entfernen und den rechten nachzuschnüren. Meine freie Entscheidung? - Oder redet mein müdes Selbst mir die Notwendigkeit nur ein? - Unendlich mühsam das Aufschnüren, Schuh aus … Kaum der Rede wert, was da an Körnigem heraus rieselt. Anziehen, Schnüren, fertig. Rechter Schuh … Mike ist wieder da, geht schon mal weiter … Schuh geschnürt, ich breche auf. Erste Gehschritte und ein lautlos gesprochener Befehl: ‚Lauf los!’ Schließlich trabe ich an. Weidwund muss auf einen neutralen Beobachter wirken wie ich mich bewege, denn weidwund fühlt es sich an. Nur zögerlich werde ich schneller, schließe zu Mike auf …

Noch ein paar Höhenmeter in Babelsberger Wohnstraßen, schließlich auf den Wald zu. Schwitzend, schnaufend, eingeholt von einem älteren Paar auf Fahrrädern … Fünf Kilometer Schotterpiste, schnurgeradeaus, im Wald zwischen Potsdam und Berlin, stehen uns nun bevor. Gedanklich bin ich schon im Wald, doch die Neugier der Radler unterbricht mein Brüten. Verschwitzte, offensichtlich erschöpfte Zeitgenossen, die mit einer Startnummer auf der Brust durch die Gegend wetzen - nur wenige wissen uns einer Veranstaltung für laufende Irre namens „Mauerweglauf“ zuzuordnen. Mike erklärt, versetzt die radelnde Eskorte in ungläubiges Staunen. Wie ich Wasser aus den Poren, schwitzen die beiden das aus: Staunen, Hochachtung, Zutiefst-Beeindruckt-Sein. Und im Stile des Werbespot-Klassikers „Mein Haus - mein Auto - mein Boot“ legt der Freund nach, stellt den Mann an seiner Seite vor. Verweist darauf, dass der „fast 66 Jahre alt ist“ - ‚Mach mich nicht älter als ich bin’ denkt es in mir. Obendrein ein „Deutscher Meister im 24-Stundenlauf“ - „Nur Seniorenmeister!“ meine ich relativieren zu müssen. „Und beim Spartathlon, 246 km in Griechenland, war er 2016 der älteste Finisher“. Erschöpfung bewahrt mich davor peinlich berührt zu sein. Der Lobpreis des Freundes rückt mich auf einen Ehrenplatz in der Walhalla des Ultralaufes, der mir sicher nicht zukommt.

Die Radler wünschen noch einen guten Lauf und pedalieren von hinnen. Egal, bei wem sie nachher ankommen werden, für Gesprächsstoff hat Mike gesorgt. „Du wolltest mich wohl motivieren!?“ meine ich seine Absicht entschlüsseln zu müssen (was er zugegebenermaßen für ein paar Minuten erreicht hat). „Das auch!“ räumt er ein, um mich dann mit einem unerwarteten Satz stummzuschalten: „Ich gebe aber auch gerne mit dir an!“ - So ist Mike: Offen, grundehrlich, stets die Leistungen anderer unterstreichend, sich selbst in den Hintergrund rückend. Wofür es keinen Grund gibt: Der Typ neben mir hat den Spartathlon schon zweimal erfolgreich gefinished, dazu andere Ultragroßtaten auf griechischer und heimischer Erde vollbracht. Wessen Licht da wohl heller leuchtet?

Meist spenden die Bäume Schatten. Trotzdem komme ich mit Schweißwischen kaum nach. Der Nachmittag ist warm und wohl auch ein bisschen schwül. Zudem traben wir meist aufwärts. Mäßiger Höhengewinn, aber doch hinan. Ich bleibe dabei: Gegen den Uhrzeigersinn zu laufen ist schwieriger als andersrum. Dasselbe Maß an Höhenmetern, aber „auffälliger“ verteilt und deshalb zumindest mental anspruchsvoller. - Wie dem auch sei: Ich war heute schon „schlechter drauf“ als hier im Wald. Fühle mich gegenwärtig physisch und psychisch „konsolidiert“. Gemessen an den Umständen - bald 95 Kilometer, warmer Spätnachmittag, Schotterpiste - kann sich auch unser Tempo sehen lassen. Im Schnitt noch immer unter 7 min/km.

Wäre der Sturz zu vermeiden gewesen, wenn ich in diesen Augenblicken weniger „Selbstzufriedenheit“ verspürt hätte? Oder erlahmte meine Aufmerksamkeit zu früh, allenfalls noch zehn lächerliche Meter vor wieder glattem Asphalt? - Fußspitze bleibt an Stein hängen - Körper vollführt im Hinschlagen eine Vierteldrehung - bremse den Fall mit der linken Hand, die es mir nach hinten reißt - liege auf der Seite, Arm unnatürlich zum Rücken hin verdreht - spüre keinen Schmerz, nur Angst vor ernsthafter Verletzung - will aufstehen, kann mich aber nicht rühren - keine körperliche, eine mentale Blockade … Mike ist da, ein weiterer Mitläufer eilt zu Hilfe. Gemeinsam stellen sie mich auf die Füße. Ich bewege vorsichtig meine Glieder. Beine, Arme und Schulterbereich. Alles intakt. Blut sickert. Linke Handfläche, Knie außen, rechte Hand an zwei Fingerkuppen. Schürfwunden beginnen höllisch zu brennen. Der Begleitradler einer Läuferin stoppt in unserer Höhe. Bringt Wasser. Mike wäscht den Dreck von meinen Wunden. „Do you have more water!“ - „Sorry, no more water!“ - Mike erbittet von dem Englisch sprechenden Mann eine Trinkflasche. Inhalt trübe. Mit den Worten „Sorry Ginger!“ reicht mir der Mann die Flasche. Ich schütte etwas davon über die Wunden am Knie. Es brennt. Okay, reicht, bis auf weiteres sauber genug. Der Radler pappt mir noch ein Pflaster auf das übelste der beiden roten Augen am Knie, dann geht es. „Thank you very much!“ und weiter …

Ich hatte Glück. Wieder einmal. Spüre kaum Schmerzen. Innerlich fluche ich trotzdem. Einen verdammten Moment lang nicht aufgepasst. Ein verfluchter, unkontrollierter Schritt und … Bums! Wieder ein paar Minuten verloren (sieben verzeichnet der GPS-Track). Es läppert sich. Was ich immer sage: Auf langen Distanzen kann viel passieren und einiges davon stößt dir dann auch zu!

Kilometer 102,3

100 Kilometer vorbei und keine Spur von Hochgefühl. Fühle mich leer, ausgebrannt wie eine abgestoßene Raketenstufe. Noch 60 Kilometer. Wie soll das gehen? - Unser Tempo passt überhaupt nicht dazu. Hab’s mehrfach kontrolliert: Noch immer knapp unter sieben Minuten pro Kilometer. Fühlt sich nicht so an, muss aber stimmen. Meine Wahrnehmung von Raum und Zeit gerät durcheinander. Kann es lange nicht glauben, aber wir steuern auf den dritten und letzten Wechselpunkt zu: VP „Sportplatz Teltow“. Dort wird Ines warten. Es kommt mir vor als hätte ich meine Frau eine halbe Ewigkeit nicht mehr gesehen … Dabei waren es nur ein paar Stunden.

Am Ufer des Teltow Kanals verfliegen letzte Zweifel: Dort drüben am anderen Ufer, keine Viertelstunde entfernt, liegt das Sportgelände. Um es zu erreichen müssen wir noch eine Kanalbrücke überqueren und knapp einen Kilometer in Gegenrichtung laufen … … Und endlich ist es so weit. Ines am VP: Wie sie mich erst anstrahlt. Wie dann die Freude aus ihrem Gesicht weicht als sie meine blutverschmierten Klamotten bemerkt. Kurzbericht, die Harmlosigkeit des Sturzes betonend. In der Sporthalle wasche ich mich. Gesicht und Wunden. Stopfe Gel in Gürtel und Mund. Schlucke zwei Portionen auf einmal. Kraft muss her. Trinke Wasser. Kaue Salzstangen, schlucke runter. Kostet Überwindung. Mit Bier nachspülen. Schluckweise. Fertig. Ach ja: Natascha, Conny und Ulli sind auch da. Versorgen Mike. Ulli streichelt Roxi. Roxi guckt mich an. Ausdrucksvolle Hundeaugen. Bin aber zu müde, ihren Blick nach Menschenart zu deuten. Eigentlich bin ich zu allem zu müde. Vor allem zum Laufen.

Schwierig in Worte zu fassen, wie sich das anfühlt: Zu müde zum Laufen, es dennoch tun, immerzu und nicht damit aufhören dürfen. Im Grunde befasst sich ein Großteil der Sätze in diesem Text mit nichts anderem. Auch die extreme Verzögerung, mit der meine Erschöpfung wächst, lässt sich nur umständlich beschreiben: Gegenwärtig bin ich schwächer als noch vor Teltow. Dort war ich müder als vorm Sturz und so fort. Immer nur ein „bisschen“ schwächer. Ein Quäntchen Verschlechterung, das erst nach Distanzen von vielleicht zehn Kilometern spürbar wird. Das Debakel beim Versuch eines 24 Stundenlaufes in Dettenhausen, vier Wochen her, kommt mir in den Sinn. Ohne es mit „objektiven Messergebnissen“ untermauern zu können: Ganz sicher bin ich derzeit energetisch „ausgelutschter“ als dort nach 60 kraftlosen Kilometern. Als ich dem bösen Spiel ein Ende machte und vorzeitig nach Hause fuhr. Eine Wertung des Ultralaufes war mir trotzdem sicher. Heute gilt: Alles oder nichts! Entweder erreichen wir das Ziel oder gehen komplett leer aus. Aber das wird nicht passieren. Weil wir es nicht zulassen!

Kilometer 115

Am übernächsten VP „Ninas Eltern“ erwartet uns neuerlich die Supporter-Riege: Natascha, Conny, Ulli, Ines. Verfrüht zum Übernehmen der Stirnlampe vermutete ich noch in Teltow. Im siechenden Tageslicht der letzten Kilometer wurde ich eines besseren belehrt. Die Zeit verstreicht schneller als unsere Beine uns vorwärts tragen. Zudem setzte die Dämmerung unter längst wieder geschlossener Wolkendecke früher ein. Mit großem Widerwillen inzwischen: Gel und Trinken. Dauert … Gefolgt von Warnweste anziehen und Stirnlampe aufsetzen. Dauert erst recht … Übereinander Gelgürtel, Laufshirt, Warnweste, Startnummernband - ohne Ines’ Handreichungen bräuchte ich deutlich länger, um das „Gewurschtel“ zu bewältigen. Schon ausgeruht verabscheue ich „Lauf-Accessoires“. Im Zustand akuter Erschöpfung Ausrüstung zu „bändigen“ bringt mich nervlich ans Limit.

Tschüss Tag, hallo Nacht! Laut Reglement und gestriger Einweisung sind Warnweste und Lampe spätestens ab 21 Uhr zu tragen. An diesem Berliner Augustsamstag etwa eine halbe Stunde zu spät. Zumindest für uns und all jene, die auf demselben lichtlosen Abschnitt des Mauerweges unterwegs sind. Im Dickicht junger Bäume und Büsche sieht man die Hand vor Augen nicht. Eine der Passagen zieht sich schier endlos hin, überwiegend als schmaler, unbefestigter Pfad. Im Dunkeln mutiert der Mauerweg zum Trail. Kaum zu glauben aber wahr. Ab und zu Steine oder Wurzeln, deren Konturen im Kunstlicht unsichtbar bleiben. Farblich heben sie sich ohnehin nicht vom Boden ab. Einmal, zweimal schramme ich mit der Sohle gerade noch drüber. Schrecken durchfährt mich wie vom Blitz getroffen. Bloß keine zweite Bruchlandung! Automatisch werde ich langsamer. Rasch klafft eine Lücke zwischen Mike und mir. Schritte nähern sich von hinten. Kurz darauf werde ich überholt. Wahrscheinlich ein Staffelläufer. In weniger als Minutenfrist überwindet der die Kluft zwischen Mike und mir. Meine Vermutung, dass der Freund mich anstelle des Unbekannten hinter sich wähnt, wird sich ein paar Minuten später bewahrheiten. Einstweilen rauschen die beiden als zufälliges Tandem durchs Gebüsch, sind alsbald auf und davon, als hätte es sie nie gegeben.

Wiedervereint und immer noch auf schmalem, stockfinstrem Pfad. Ich fluche wie ein Rohrspatz, innerlich: ‚Verdammter Sch…weg!’ Mehrfach. Hab den blöden Trail so satt. War erst verdrossen, dann sauer, nun staut sich Wut. Möchte mit der Faust in die Luft schlagen. Und kein Ende abzusehen. Nicht jetzt, auch nicht fünf Minuten später. Nie mehr? - „Wann ist dieser Scheißweg endlich zu Ende?“ mache ich mir lauthals Luft. „Noch etwa 300 Meter, dann sind wir draußen!“ Mike muss es wissen, er trainiert hier, auf seiner Haus- und Hofstrecke, häufiger. Trügerische Wahrnehmung im Dunkeln, der Freund korrigiert sich: „Ein bisschen weiter wird’s wohl doch noch sein!“ - Isses aber nicht. Dem Himmel sei Dank: Nach besagten etwa 300 Metern entkommen wir dem Trail, erholen uns auf breitem, bestens ausgebautem Radweg …

Kilometer 123,7

Die erklärte Absicht kurzer Verweildauern ist seit Stunden Makulatur. Meine Schuld. Ohne Kraft fehlt Konzentration, um die Zeit zum Versorgen zu begrenzen. Willenskraft ersetzt physische nur bedingt. Am VP „Buckow“ begehe ich auch noch den Fehler mich zu setzen. Mike ist noch beschäftigt. Womit? - Gehört und vergessen, noch bevor mein Hintern die Sitzfläche berührt. Sitze zwei Minuten, drei, vier … trinke einen Becher Bier langsam aus. Abendliche Kälte von außen und schluckweise von innen. Ich beginne zu frieren. Stehe auf, bevor losbricht, was ich fürchte. Gebe Mike Bescheid, gehe voraus und dann passiert es doch: Schüttelfrost der brutalen Art. Unkontrolliertes Schlottern am ganzen Leib. „Depp“ gehört noch zu den harmloseren Prädikaten, die ich mir verleihe. Was für eine Torheit sich hinzusetzen! Als wenn ich es nicht schon erlebt, nicht hätte voraussehen müssen. Gehe schneller, trabe leicht. Nach und nach ebbt das Zittern ab, im selben Maß wie erzeugte Muskelwärme die inneren Sensoren beruhigt …

Hier war ich noch nie. Oder doch? - Brauchbar ausgeleuchtete Straßen. Wir traben durch einen Berliner Stadtteil. Leider auf vielfach unebenen Bürgersteigen, die mir ein hohes Maß an Aufmerksamkeit abnötigen. Dass ich im letzten Jahr auf einem ähnlichen Abschnitt stürzte, habe ich nicht vergessen … Irgendwas stimmt mit Mike nicht. Mehrmals räuspert er sich, hustet auch. Geräusche, „Symptome“, die ich an ihm nicht kenne. Gebe lange nichts drauf. Nach fast 130 Kilometern in kühler Nachtluft hüpft schon mal ein Frosch in den Hals … Aber es ist kein Frosch, der ihn belästigt. Jählings schert Mike zum Wegrand aus und übergibt sich. Ich stehe ratlos daneben. Was kann ich tun? - Natürlich kann ich gar nichts tun. Außer Mikes Wunsch respektieren und schon mal weiterlaufen. Wer braucht schon Zuschauer, wenn er sich die Seele aus dem Leib k…?

Kilometer 130,7

Zögernd setze ich mich in Bewegung, keineswegs sicher, das Richtige zu tun … Trabe ein paar Minuten und bleibe am VP „Rudow“ zunächst unerkannt. Weil ich allein ankomme und unsere Supporter-Riege obendrein mit der Lampe blende. Als ich von Mikes Missgeschick berichte, kommt Leben in Natascha. Sie erlebt das nicht zum ersten Mal und weiß, wie und womit sie ihren Helden gleich empfangen muss … Mike braucht Zeit, um mit sich und der Situation klarzukommen. Schluck für Schluck mutet er seinem Magen wieder Flüssigkeit zu. Am Boden liegt einer. Bewegungslos, zugedeckt. Seine Supporterin steht daneben. Wende mich von der nach Scheitern riechenden Szene ab.* Bin schon „down“ genug. Anders Mike, obschon es ihm in diesen Minuten ziemlich dreckig gehen muss. Er erkennt die Schweizer, so wie ich sie auch hätte erkennen müssen. Martin, den wir beim Olympian Race im letzten Jahr kennen lernten, mit Lebensgefährtin.

*) Martin ruhte sich eine Weile am VP „Rudow“ aus, dann setzte er den Wettkampf fort. Er lief etwa fünf Minuten nach uns durchs Ziel.

Fertig versorgt stehe ich ein Weilchen unschlüssig rum. Dann, als hätte ein heimlicher, unserem Laufduo wohlgesonnener Regisseur den besten Zeitpunkt dafür erkannt, schickt mich ein plötzliches Rumoren im Unterleib zum nahen Dixie. Ich hasse diese widerlichen Häuschen. Normalerweise. In diesem Fall helfen mir die schätzungsweise anderthalb in Kunststoff verpackten Kubikmeter Einsamkeit nicht wieder ins Schlottern zu verfallen. Da drin isses eklig aber warm. Draußen hätte ich mir unweigerlich eine Jacke anziehen müssen. Es gibt nichts zu beschönigen: Was ich in der „Box“ erledige, dauert ewig. Weil ich müde und in allen Gliedern steif bin sowieso. Darüber hinaus will jeder Handgriff sorgsam bedacht und ausgeführt sein. Allein der Gedanke „etwas“ hier drin zu berühren … Oh, mein Gott! Es dauert und dauert … Als ich dann endlich wieder draußen bin, scheint Mike so weit „restauriert“, dass wir zur nächsten Etappe aufbrechen können (Dauer des Aufenthalts: 24 min).

Ortsteil „Rudow“ by night. Man sieht nicht viel. Und, was man sieht, muss man nicht gesehen haben. Für 100 Meilen-Läufer gibt’s dennoch Übleres. Brauche nur ein paar Kilometer zurück und an das „Gestolpere“ im dunklen Unterholz zu denken. Zwei Radler in geheimnisvoller Mission kommen uns entgegen. Halten uns kurz an, scannen mit ebenso geheimnisvollem Handgerät unsere Transponder am Fußknöchel, lassen uns dann wieder ziehen. Erklärungen geben sie keine. In meinem Zustand ist mir auch völlig egal, welchen Zweck die beiden damit verfolgen.* Immerhin flimmert noch eine Idee durchs Oberstübchen: Unvermutete Kontrolle, veranlasst vom Veranstalter. Käse hoch drei, was sich jeder, der den Gedanken zu Ende denkt, unschwer denken kann. Ich will aber nicht denken. Etwas zu wollen setzt Willen voraus und meinen verbrauche ich zu 99,9 Prozent, um mich weiter trabend vorwärts zu bewegen.

*) Grund war ein Fehler der Zeitmessfirma. Es wurde übersehen, dass die Transponder alle acht Stunden initialisiert werden müssen. Deshalb fehlen von allen Teilnehmern Zwischenzeiten an mehreren VP. Mit dem „Handgerät“ wurden die Transponder neu gestartet.

Die gefürchtete „Eiger Nordwand“ liegt spärlich beleuchtet vor uns. Um über den Teltowkanal zu gelangen, müssen wir eine Rampe bezwingen. Die ist nicht im Entferntesten so steil wie es mich von Schwäche verzerrte Vorstellung glauben machte. Ich tippele hinan und merke verblüfft, dass mich das Manöver nicht ans Limit bringt. Obwohl dieses Limit nah sein muss. So nah wie nie. Ich schließe nicht mal mehr aus, dass irgendwer auf den verbleibenden 27 Kilometern den Stecker zieht. Ein Gedanke, der mich in keinem Wettkampf je bedrängte ... Wieder runter und auf die Fußgängerampel zu. Eine Läuferin wartet bei Rot. Kurz bevor wir sie erreichen springt das Signal auf Grün. ‚Schade!’ denkt es in mir und das sagt alles. Mittlerweile begrüße ich jede Zwangspause. Und ich weiß: Es wird auf den nächsten stockdunklen fünf Kilometern, zwischen Kanal links und Schallschutzzaun der Autobahn rechts, nur eine Gelegenheit dafür geben. Den VP „Johannistaler Chaussee“ …

Kilometer 136,5

Der kostet uns dann auch enorm viel Zeit (9 min). Was mir allerdings nicht mal mehr auffällt. Seit es dunkel wurde, hat sich meine Wahrnehmung von Zeit und Raum verändert. Wie lange wir rasten, hat außerdem keine Bedeutung mehr. Nur ankommen und - Bitte! Bitte! - alles laufen zählt noch.

Wer uns beobachtet, könnte mir unterstellen den neben mir trabenden Freund zu ignorieren. Aber so ist es nicht. Ich muss nicht hinsehen oder hinhören, um mich seiner Gegenwart zu versichern. Ich spüre sie. Für weitere Zuwendung fehlt mir die Kraft. Was Mike am VP zu sich genommen hat, ist mir entgangen. Gesehen vielleicht, registriert aber nicht. Was es auch war, es war zu viel oder das Falsche. Einmal mehr entledigt er sich seines Mageninhalts. Und wieder stehe ich hilflos dabei. Diesmal alarmiert und auch ein bisschen schockiert. Seine Not klingt wie das Brüllen von Großwild. Ähnlich dem, das ich vor wenigen Wochen in den Savannen Südafrikas vernahm. Nur nicht so nah und so laut … Eine offensichtlich besorgte Läuferin spricht mich an: „Lauft ihr zusammen? Kümmerst du dich?“ Nach Doppel-Ja setzt sie ihren Wettkampf fort. - „Lauf weiter, ich komme nach!“ Das klingt beherrscht, menschlich, nach Mikes normaler Stimme. Also scheint er die Situation im Griff zu haben …

Ich trabe los, falle aber sofort wieder ins Gehen. Was, wenn es doch schlimmer ist? Wenn er mich in ein paar Minuten nicht einholt? - Hätte dann bereits einen Kilometer oder mehr Vorsprung … Müsste vollkommen selbstverständlich umkehren, so rasch wie möglich zurücklaufen, suchen, helfen … Zurück, dann womöglich wieder voraus oder wohin auch immer - nein, das packe ich heute nicht mehr. Also gehen bis er mich einholt … Und so füge ich der Liste „tolerierter“ Verstöße gegen die stets geltende „Laufpflicht“ (Essen, Trinken oder Verrichtungen, die laufend nicht zu bewältigen sind) eine neue hinzu: Gehen, wenn ich auf Mike warte.

Wir zuckeln durch Treptow. Keine Ahnung wieso ich ausgerechnet diese, an sich völlig überflüssige Stadtteil-Info parat habe. Also irgendwo in Treptow. Und Treptow grenzt an Kreuzberg. In Kreuzberg steppt samstagnachts der Bär. Da wurden schon Mauerwegläufer angemacht. Hat mir Mike erzählt. Ines schärfte ich deshalb ein, keinesfalls in Kreuzberg zu versorgen! Sie wird am nächsten VP „Dammweg“ warten. Vielleicht noch 10 Minuten bis dahin. Wie ich mich danach sehne meine Frau zu treffen! Empfinde mich nur noch als Schatten meiner selbst und bin es wohl auch. Mehrmals versuchte ich mit einer Doppelration Gel den körperlichen Verfall zu stoppen. Dieser in vormaligen Wettkämpfen erfolgreich angewandten Taktik war heute nur mäßiger Erfolg beschieden. Schwächer und unkonzentrierter wurde ich trotzdem.

Um Mikes Ringen gegen sich selbst zu erahnen, reicht es aber noch. Übelkeit peinigt ihn wohl noch immer. Vermute ich. Weil ich es nicht besser weiß und auch nicht frage. Es ist nicht Gleichgültigkeit, die mir den Mund verschließt. Eine Frage zu formulieren und die Entgegnung zu überdenken erforderte mehr Geisteskraft als ich ohne Not aufwenden möchte. Und seine Antwort - unabhängig vom Inhalt - würde nullkommanull ändern. Irgendwie „müssen“ wir ins Ziel. Gemeinsam. Etwas anderes kommt für mich nicht in Betracht. Und für den Kämpfer neben mir sicher genauso wenig.

Kilometer 142,2

VP „Dammweg“: Ich schlucke erneut eine Doppelration Gel und packe meinen Gürtel randvoll. Bis zum Ziel fehlen noch 19 Kilometer und Ines wird dorthin durchfahren. Obschon mich ihre Gegenwart emotional aufbaut, bin ich froh, dass sie nicht mehr in der Innenstadt halten wird. Meine Frau alleine mitten im nächtlich umtriebigen Berlin … mir wäre nicht wohl dabei. - Wie lange dauert es zwei Gels zu naschen und mit Wasser nachzuspülen? Vielleicht noch einen Becher Bier schluckweise hinterher zu schütten, um die widerliche Süße zu verbannen? - Sehr, sehr lange inzwischen! Mein Mageneingang scheint wie zugeschnürt, die Schluckmuskulatur verkümmert. Nur mit reichlich Überwindung kriege ich das viele Zeug runter. Gehe auf Nummer sicher und wechsele noch den Akku der Stirnlampe. Nehme auch die Digicam wieder an mich, die ich Ines als es dunkel wurde übergab. Kann kaum mehr auf meinen Beinen stehen, mache mir aber Gedanken über etwas so Überflüssiges wie Nachtaufnahmen in der Berliner City. Irgendwie plemplem. Schlussendlich das Wichtigste: Ines gute Wünsche für den Rest der Strecke empfangen. Ich nehme sie mit in die Nacht und formuliere eine lautlose Bitte: Komm unversehrt im Stadion an!

Die letzten Meter durch Treptow, auf teils staubigen Pfaden im weitgehend dunklen Park am Ufer des Landwehkanals. Um diese Uhrzeit, nach ein Uhr morgens, eine eher unheimliche Gegend. Unheimlich aber nicht menschenleer. Von irgendwo her wummert Diskosound. Zwei junge Frauen verlassen gerade den Eingang einer entsprechenden „Location“, als wir vorbeischlappen. „Was macht ihr denn hier?“ - Niemand mit wirklichem Interesse fragt in diesem Tonfall, endet obendrein mit einem Kichern. Ich tippe auf mehr als 1,5 Promille Alkohol im Blut der Dame. Die schnoddrige Schlagfertigkeit meiner Anwort ist trotzdem Zufall: „Laufen!“

Kreuzberg beginnt hinter der Brücke über den Landwehrkanal. Nächtlichem Amüsement von jeher abhold, zudem fest verortet als „in die Jahre gekommenes Landei“, will mir kaum in den Kopf, wie viel Volk in Kreuzberg die Nacht zum Tage macht. Ich bin auf alles gefasst: Von nett angequatscht werden, bis hin zu Pöbeleien. Soll es alles schon gegeben haben. Doch nichts dergleichen geschieht. Vollkommen unbehelligt traben Mike und ich an dicht besetzten Tischen von Kneipen vorbei. Offensichtlich gilt noch immer: „Kreuzberger Nächte sind lang …“ - Wer nicht selbst schon einmal die Erfahrung machte, nachts um halb zwei in höchst exotischer Montur über Berliner Amüsiermeilen zu traben, kann sich mein Gefühl vollkommener Deplatziertheit an diesem Ort und zu dieser Stunde nicht vorstellen. Fast bedauere ich meine Duftspur, die ich nach 20 Stunden unablässigen Schwitzens unweigerlich hinter mir herziehen muss …

Aber nur kurzzeitig, bis wir Kreuzberg verlassen und auf der „Fußgängeretage“ der Oberbaumbrücke zum anderen Spreeufer wechseln. Unablässig, dicht an dicht, strömen Menschen auf der Suche nach Vergnügen und Zerstreuung über den aus den Medien weltbekannten Brückenbau. Zumindest zu dieser „Tageszeit“ dürfte die Menge der Fußgänger diejenige motorisierter Brückennutzer in U-Bahn oder Autos deutlich übertreffen. Nach Art von Slalomläufern bahnen wir uns einen Weg zur anderen Flussseite. Immer bemüht nicht anzuecken, vor allem Betrunkenen nicht in die Quere zu kommen. Trotz infolge Schwäche schwindender Geisteskraft gelange ich in diesen Sekunden schnüffelnd und angewidert zu einer Erkenntnis. Zweimal zuvor im Morgenlicht und auf Gegenkurs blieb sie mir versagt. Zugleich leiste ich gedanklich jenen obdachlosen Mitmenschen Abbitte, die ich seinerzeit im Schutz der überdachten Brücke ruhend erblickte. Nicht sie - wie ich vorschnell urteilte - sind für den exzessiven Uringestank in diesen Katakomben verantwortlich. Wer pinkelt schon in seine Schlafstube?

Kilometer 148,0

Ich schleppe mich an der nächtlichen „Eastside Gallery“ entlang. Dass ich kaum mehr aufrecht stehen kann, hält mich nicht von Fotostopps ab. Ich kenne die bunten Themengemälde auf dem als Denkmal geschützten, etwa ein Kilometer langen Mauerabschnitt nur am Tage. Stehend und ein Bild anvisierend errege ich die grölende Aufmerksamkeit einer alkoholisierten Schar. Bevor ich in sinnlose Händel verwickelt werde, suche ich das Weite. Merke: Udo kurz vorm körperlichen Zusammenbruch ist immer noch flinker als besoffene Passanten. - Mike enteilte stückweit, was mich nicht besorgt, weil ihn der in einer Mauerlücke platzierte VP „Eastside Gallery“ auffangen wird. Wieder dasselbe Problem: Schlucken müssen und nur gegen hohen Widerstand mit enormer Willenskraft anschlucken können. Darum wird niemanden wundern, dass uns auch dieser VP volle acht Minuten in Haft behält … Gel und Wasser. Bier gibt’s hier keins.

Zurück über die Spree und Mike wählt die falsche Brückenseite. Er verpasst die Fußgängerampel, die uns zur anderen Seite geleiten soll. Ich lasse ihn laufen. Hab „Null Bock“ die Aufmerksamkeit zahlreicher spaßtrunkener Nachtschattengewächse auf mich zu ziehen. Außerdem glaube ich kaum, dass das mir verbliebene „Stimmchen“ genug Reichweite hätte, um Mike zu erreichen. Hinterher also und hoch zum Brückenscheitel. Dort versuche ich mich zunächst als Fotograf über die nächtliche Spree gen Süden. Gedanken sind frei. Mein Hirn entscheidet, woran es denken mag und woran nicht. Auch wenn mich der Erinnerungsschnipsel nicht die Bohne interessiert: Auf diesem Spreeabschnitt fanden vor kurzem Weltmeisterschaften der Bootsfahrer statt - Kanuten, Canadier, SUP’s (Stand Up Paddeling). Ist das wichtig? - Überhaupt nicht, schon gar nicht unter den augenblicklichen Umständen. Mike zu folgen ist wichtig, denn der sucht auf der falschen Brückenseite nach Richtungspfeilen, wo natürlich keine sein können. Ein Läufer auf der anderen Straßenseite weist uns schließlich den Weg, den meine Erinnerung vermutlich auch so gefunden hätte.

Viele der Wegmarken auf den nächsten Kilometern sind mir vertraut. Etwa das in tiefem Dunkel versunkene Engelbecken mit sich anschließendem Park oder das wie Fort Knox gesicherte Gebäude der Bundesdruckerei. Ein paar Wachleute linsen durch die großflächigen Scheiben ihres Wachlokales zu uns herüber. Totale Transparenz: Ich kann die Männer im Licht ihres Glaskastens sicher besser ausmachen als umgekehrt. Gedanken sind frei und manchmal ebenso nahe liegend wie in friedlicher Situation absurd: ‚Die haben doch hoffentlich schusssicheres Glas verbaut?!!’ - Der Skulptur des „Mauerläufers“* vor dem Axel-Springer-Hochhaus begegne ich fast wie einem alten Bekannten. Wie jemandem, von dem man en passant mehrfach Notiz nahm, aber nicht den Namen kennt. Selbstverständlich gehört auch die in den dunklen Berliner Nachthimmel aufragende Fassade nur zu „irgendeinem“ Hochhaus der Innenstadt. Erst hier zu Hause, beim Jonglieren mit Worten für den Laufbericht, bringe ich dank Wikipedia das vage Bild mit anderen, älteren Erinnerungen zur Deckung: Für den zu Lebzeiten höchst umstrittenen Verleger Axel Springer war den Hauptsitz seines Verlages an der Sektorengrenze zu errichten ein Akt des Protestes gegen den Bau der Mauer.

*)Die Skulptur des deutschen Bildhauers Stephan Balkenhol trägt offiziell die Bezeichnung „Balanceakt“.

Kilometer 152,7

Vor roter Ampel staut sich eine kleine Läufergruppe. Mit Mike und mir vier, fünf, … mehr Läufer? - Ich achte nicht darauf. Gemeinsam überwinden wir die letzten Meter vorm VP „Checkpoint Charlie“. Helle Fenster und zahlreiche Leuchtkörper baden diesen Schauplatz dramatischer Ereignisse, den keine Stadtführung auslässt, in helles Licht. Helles Licht, das mir die von stundenlanger Dunkelheit irritierten Augen allerdings nur vorgaukeln. Erst im zweiten Versuch gelingt mir ein halbwegs brauchbarer Schnappschuss. Mike verpflegt sich unterdessen bereits. Schnappt sich ein Getränk, setzt sich abseits auf einen dekorativen Betonblock. Einen von mehreren, die wie zufällig hingeworfen wirken. Er winkt mir zu. Ich signalisiere: „Sehe dich.“ Schlucke ein Gel, trinke. Will nicht, muss aber. Mike wechselt die Position. Trottet zu einem mannslangen Exemplar der Blöcke und streckt sich darauf aus. Liegt auf dem Bauch. Minutenlang. Bin nicht mal irritiert, noch im Entferntesten alarmiert. Wahrscheinlich Schmerzen im Kreuz oder in der Gesäßmuskulatur. Glaube ich. Mike entspannt. Denke ich. Trinke schluckweise. Widerlich. Zwinge mich.

Dann ist der Becher leer und ich spüre schon wieder dieses innere Frösteln heraufziehen. Will weiter, muss weiter. Bewege mich auf den ausgestreckten Freund zu: „Ich geh’ schon mal voraus!“ Mike wird nachkommen. Ich entschließe mich zu gehen, bis er mich einholt. Was erstaunlich lange dauert und mir immerhin ungewöhnlich vorkommt. An der nächsten Ecke, in Höhe der „Trabi World“ - was für ein schauerlicher Halb-Anglizismus -, bleibt Zeit die ausgestellten Zweitaktstinker abzulichten. Ist es wirklich erst 30 Jahre her, dass Rudel dieser vorsintflutlichen Vehikel DDR-weit die Luft verpesteten? - Es braucht dann zwei, drei weitere Ampelrotphasen auf der Wilhelmstraße, bis ich endlich die wahre Not des Freundes in vollem Umfang kapiere. Schmerzen? Ja, ganz sicher. Wer bliebe nach so vielen Laufstunden davon verschont? - Noch Übelkeit? Weiß nicht, kann sein. Was ihn jedoch seit geraumer Zeit am meisten lähmt, ist Schwäche. Erschöpfung, die meiner kaum nachstehen dürfte. Sein Körper ist vom zweimaligen Erbrechen geschwächt. Mineralien und Kalorien fehlen. Jede Wartephase überbrückt Mike sitzend. Auf einem Geländer, einem Mauervorsprung, irgendwas findet sich jedes Mal. Rappelt sich wieder auf, joggt weiter. Noch acht Kilometer …

Einer beklagt sich lauthals: „Kann auch gehen. Wenn ich jetzt losjogge, stehe ich unter Garantie wieder vor der nächsten Ampel“ - womit er übrigens voll ins Schwarze trifft. „Scheißampeln!“ lässt sich ein anderer weithin hörbar ein. Woher nehmen die die Kraft zum Reden? - Quatschen sogar eine Streife der Bundespolizei vor der Britischen Botschaft an. Freundliches Anquatschen natürlich, aber auch Freundlichkeit erfordert muskuläre Anstrengungen der Mundpartie. Will nicht nachstehen, ringe mir wenigstens ein schwaches „Hallo!“ ab, als ich den Wachmann am Eingang passiere. Physikalisches Paradoxon: Normalerweise sind Echos schwächer als das Ur-Geräusch. Gerade kehren sich die Verhältnisse um: „Hallo!“ tönt es mit fester Stimme zurück.

„Unter den Linden“. Die Ampel zeigt rot. Hotel Adlon und Brandenburger Tor nehme ich im Speicher meiner Kamera mit. Nicht getrieben von Sammelwut. Auch eine mögliche Illustration des (lange danach) verfassten Laufberichtes ist mir in diesen Augenblicken mit Inbrunst egal. Ich drücke auf den Auslöser, weil ich das 140 Gramm schwere „Ding“ - hab’s tatsächlich soeben gewogen - ansonsten völlig sinnlos mit mir rumschleppte. Ganze zweimal, um den schwach illuminierten Reichstag einzufangen, mache ich noch Gebrauch von dem „Dings“. Dann ist Schluss. Fotoschluss. Wegen: Keine 1a-Motive mehr, zu wenig Licht, null Motivation sowieso.

Am Spreeufer durchs Regierungsviertel. Kein Aufflackern der Euphorie, die mich im Vorjahr morgens hier befiel, lässt sich reanimieren. Stimmung im Keller. Das hat nichts mit jenem Widerwillen zu tun, der mich zuletzt wochenlang auf allen Laufwegen begleitete. In unsäglicher Erschöpfung glimmt einfach kein Funke mehr, der die Flamme entzünden könnte. In mir drin ist es viel dunkler als draußen. Hauptbahnhof vorbei und weiter … Ich fände den Weg entlang des Spreeufers nun blind. Doch was ist das??? - Vor bekannter Fußgängerampel zeigen zwei Pfeile geradeaus. In die Richtung, die ich kenne. Zwei weitere nach rechts, allerdings durchgestrichen. Kurze Diskussion mit Mike (Ich kann tatsächlich noch sprechen, wenn ich muss!). Wir einigen uns auf geradeaus, Spreeufer, Mauerweg, bislang immer korrekt. Keine hundert Meter weiter verlegt uns ein Wachmann den Weg: „Ihr könnt’ gerne weiterlaufen! Aber das Friedhofstor ist verschlossen, weil die zuständige Security gepennt hat!“

Ein bisschen was in dir bricht zusammen, wenn du seit 21 Stunden läufst. Und dann sagt man dir: Hier geht’s nicht weiter! Einer aus der sich stauenden Läuferschar provoziert mit unnötiger Frage. Worauf der genervte Posten - wohl schon einigen Unflat im Ohr - verbal ein bisschen über die Stränge schlägt: „Wollen sie damit sagen, dass ich lüge?“ - Ich verstehe beide, vor allem aber die „arme Sau“, die sich hier mitten in der Nacht (Warum eigentlich?) die Beine in den Bauch steht und nun auch noch schräg anreden lassen muss. Immerhin bewahrt er uns vorm Nackenschlag einer am Invalidenfriedhof verschlossenen Tür. Darüber hinaus vor einem weiteren knappen Kilometer Umweg. Also zurück über grobes Pflaster … Tatsächlich finden wir an der Fußgängerampel einen Pfeil, der die Alternativroute bezeichnet. Warum man uns auf der gegenüberliegenden Seite nicht schon vorwarnte, stattdessen mit „Pfeilwirrwarr“ irritierte, weiß wohl nur der Streckenmarkierer*.

*) Auf den ich im Übrigen ein Loblied singen will, weil ich die Strecke bei keinem meiner zwei Mauerwegläufe davor so lückenlos und - bis auf diese Ausnahme - zweifelsfrei markiert vorfand!

Da ist sie wieder, die Sinnfrage. Quillt zwischen müden Gedanken empor wie aufgehender Hefeteig. Tarnt sich hinter unterschiedlichen Masken, arglistig sinnierend: ‚Bin froh, dass ich nicht sehen kann wie ich einher schlappe. Das muss soooo Sch… aussehen!!! Stil unter aller Kanone. Kaum Tempo … Was für ein Mist!’ - Müssen wir hinnehmen, akzeptieren, aushalten - meinte Mike irgendwann vor Stunden. Recht hat er. Also nehme ich hin, akzeptiere, halte aus. Wie ich immer alles ertrug. Redete mir das lange Siechtum schon im letzten Jahr schön! Quatschte den inneren Mahner an die Wand, bis sogar er an einen „Ausrutscher“ zu glauben begann … War aber kein Ausrutscher. Genauso wenig wie die geplatzte Vorbereitung für den Mauerweg in diesem Jahr. Es muss erst schlimm werden, bevor es besser wird! Erschöpfung von diesem Ausmaß lässt keinen Selbstbetrug mehr zu! Gründe: Überdruss, Zeitmangel, Schlamperei, fehlende Konzentration auf das Wesentliche und mehr … Folge: Ich trotte physisch und mental halbtot über den Mauerweg.

Wir werden länger brauchen als veranschlagt. Deutlich länger. Doch wer von 161 Kilometern kaum einen Meter geht, der MUSS in einer mehr als nur achtbaren Zeit das Ziel erreichen. Fühle bereits wieder das allgemeine Schulterklopfen, die von Achtung geprägten Blicke auf mir ruhen: „Der ist fünfundsechzig und rennt die 100 Meilen in sooo einer Zeit!“ Stimmt. Aber das ist nur die vordergründige Wahrheit. Sie ahnen nicht, was ich mir dafür antun muss. Spüren nicht wie weh das tut, wie sehr es mich verzehrt, frisst, aufreibt, dem letzten aller Laufschritte so nahe bringt wie - Wahrheit und nichts als die Wahrheit - nie zuvor.

Vermutlich verstehen sie auch nicht, dass ich auf diese Weise eigentlich nie laufen wollte. Untot durch die Nacht, mit großer Mühe halbwegs kontrolliert torkelnd. Alles - ganz ehrlich: alles! - aufwendend, was an Willenskraft in mir ist. Nein! Nein! Nein! So will ich das nicht. Es muss auch anders gehen, ohne zu gehen. Wenigstens halbwegs in einer Weise wie vor fünf Jahren. Dem verlorenen Tempo trauere ich nicht hinterher!!! Älterwerden heißt Langsamerwerden. Ich trauere um den Abschied vom kontrollierten Sich-Verausgaben. Weine über den Totalverlust hie und da jäh auflodernder Lauflust. Vergleichbar jener, die mich beflügelte, als ich 2014 nach 130 Kilometern dem Ross sogar noch mal die Sporen geben konnte … Als Läufer leben wir auch für solche Momente. Und die müssen doch auch in fortgeschrittenem Alter noch möglich sein! Auf viel niedrigerem Niveau natürlich, aber weiterhin möglich.

Und verdammt noch mal: Das ist möglich! Rechtschaffen vorbereitet! Wenn ich es schaffe, den laufenden Stümper in mir zu verbannen! Und exakt das werde ich tun. Muss ich tun. Einstweilen jedoch bleibt mir nichts anderes übrig als dieses Ding mit Anstand zu Ende zu leiden. An der Seite des Freundes, der gleichfalls leidet wie ein Hund. Wenn auch aus anderen Gründen. Bei jedem Zwangshalt setzt er sich, befreit sich für Sekunden von der Leibesschwere. Er habe von mir gelernt. Dies und das. Sagt er, wenn wir miteinander über unsere Art zu laufen reden. Und ich habe von Mike gelernt. Dies und das. Beneide ihn darüber hinaus um manches, was ich gerne von ihm übernähme. Oh ja, nur zu gerne. Allein ich kann’s nicht. Es blieben Versatzstücke, die sich nicht nahtlos einfügten, kein stimmiges, leistungsfähiges Ganzes ergäben. Du kannst niemandes Art ultraweit zu laufen einfach so kopieren. Andere anschauen, lernen, das eigene Verhalten korrigieren, ergänzen - das macht es leichter. Als reine Kopie aber kommst du nicht ins Ziel.

Meine Art sehr lange Ultras zu laufen, Training und Wettkampf, habe ich mir selbst erarbeitet. Kraft eigener Wassersuppe sozusagen. Viel über Versuch und Irrtum, wobei ich das unverdiente Glück hatte selten zu irren. Stufenweise von Marathon, über 6h-Lauf, 100 km und irgendwann noch weiter. Intuitiv trainierte ich in diesen Jahren so, wie es für mich am besten ist. Ohne je mit jemandem über Ultralauftraining geredet oder Bücher darüber gelesen zu haben. Es brachte mir Erfolge ein, die mich selbst überraschten. Seit ich DUV-Mitglied bin, beziehe ich die Mitgliederzeitung. Darin lese ich zuweilen Erhellendes über Training und Renntaktik nationaler Größen. Meine Verblüffung war groß, als ein Florian Reus, im selben Jahr 24-Stunden-Weltmeister UND Spartathlon-Sieger, aus dem Nähkästchen plauderte. Es deckte sich nahezu 1:1 mit meinen „intuitiv“ angewandten Erkenntnissen. Sogar die Periodisierung seines Trainingsjahres stimmt mit derjenigen überein, die ich bevorzuge.

Kilometer 156,5

Das alles denke ich gerade nicht. Fühle es nur als eine Art Hintergrund, schöpfe Spuren von Zuversicht daraus, lasse mich von meinen Erfahrungen tragen. Das schaffen die Beine alleine nicht mehr. Stehend vor Ampeln oder eben am letzten Verpflegungspunkt schwanke ich wie eine Pappel im Wind. Sich bewegen geht noch am Besten. Und von allen Gangarten ist zu laufen - genauer: zu tippeln! - noch immer die am wenigsten schmerzhafte. Beim Gehen, so wie jetzt, zieht es heftig in der Gesäßmuskulatur. Wieso ich gehe? - Weil Mike noch Zeit am letzten VP braucht, also ging ich voraus. Vom Schüttelfrost erwischt zu werden wollte ich nicht riskieren.

Im Grunde ein Treppenwitz des Läuferschicksals: Selten war es mir vergönnt „orthopädisch“ so schmerzfrei zu laufen wie heute. Da ist absolut nichts. Anfangs, heute Morgen, war da „ein bisschen Knie“. Irgendwann nicht mehr. Seitdem - Hosianna! - kein Mucks im Gebein! Überlastungsschmerzen, die üblichen, sonst nix. Und dann kann ich diesen „jugendlichen Zustand“ mangels „Power“ nicht genießen. - Mike holt mich ein, ich trabe wieder an. Der Freund wirkt auf eine Weise ausgelaugt, die ich in seinem Trainingszustand nicht für möglich gehalten hätte. Vermutlich kollabierte sein Energiestoffwechsel zu großen Teilen. Unser skurriles Pas de deux der letzten vier Kilometer hat hoffentlich niemand gesehen: Der eine schlappt ohne Unterlass vor sich hin. Der andere trabt zügig ein paar Meter voraus, geht wieder, lässt sich vom Schlurfer einholen, überholen, ein wenig zurückfallen, um dann erneut zügig vorbei zu traben … Diese „Nummer“ wiederholen wir in Endlosschleife. Nicht aufzuhalten vom Prenzlauer Berg (!) in der Bernauer Straße, vor dem ich mich seit Stunden fürchte. Und nur noch einmal unterbrochen, von einer roten Ampel …

Den dauernden Wechsel zwischen zügig Traben und Gehen hielte ich nicht aus. Längst klammere ich mich an schlappendes Schlurfen nicht mehr (nur) um keine „Pflichtverletzung“ zu begehen. Schlurfend, schlappend zu laufen fühlt sich erträglicher an als Gehen. Verspricht mir obendrein raschere Erlösung von allem Übel … Wie nur hältst du diese dauernden Tempowechsel aus, mein Freund? - Der „Prenzlauer Berg“ ist kein Berg. Weil er nie ein Berg war und weil ich - woher auch immer - noch ein paar Joule mobilisiere, um ihn schlapp schlurfend zu erobern. Dann flach dem Stadion entgegen, höchstens noch einen Kilometer …

In diesen Sekunden frage ich mich ernsthaft, wie weit oder wie lange ich dieses bitterböse Spiel noch treiben könnte. 10 Kilometer? - Wahrscheinlich oder gar mehr. Ich vermag den Grad von Schwäche, den ich fühle nicht zu beschreiben. Bin sehr, sehr schwach. Überaus schwach. Extrem schwach - an solchen Formulierungen lassen sich keine Abstufungen festmachen. Fest steht: Ich war noch nie so erschöpft wie gerade jetzt. Nicht einmal in Sparta nach 246 Kilometer und fast 35 Stunden Kampf. Und doch könnte ich noch ein paar Kilometer anhängen. Wie viele? - Die Frage bewegt mich, bleibt aber offen. Und ich hoffe inständig, darauf nie eine Antwort zu finden. Wenn ich sie fände, dann vermutlich in der Hölle …

Das Stadiongelände. Durchs Tor, noch ein paar Meter bis zur Tartanbahn. Ich spüre keine Freude. Dafür ist die Last zu schwer. Ins Stadion, auf die Bahn … noch 300 Meter. Wie durch ein Wunder werden die Beine nun leichter. Nicht für die Galerie, denn die gibt es nicht. Ein paar Zuschauer - Helfer und Angehörige - klatschen Beifall. Kurve, Gegengerade … zieht sich … egal, gleich vorbei … Zielgerade … Mike und ich nebeneinander. Wie im Vorjahr finden sich unsere Hände und dann erlebe ich ihn doch noch, den Glücksmoment des gemeinsamen Finishs.

 

Fazit zum Wettkampf

Es muss erst schlimm werden, bevor es besser wird! - Grundsätzliche Tendenz menschlichen Verhaltens. Erst musste Europa in Schutt und Asche sinken, bevor ein weitgehend demokratisches, in vielem vereintes (leider zunehmend wieder uneiniges) Europa den Irrsinn falsch verstandenen Nationalstolzes durch einen Staatenbund ablöste. Erst musste ein nicht überlebensfähiges, inhumanes Regime eine Mauer bauen. Die Knechtung der dadurch eingesperrten Menschen auf die Spitze treiben, bis die sich in einem Akt des Ungehorsams auf wundersam friedliche Weise ihrer Fesseln entledigten. Müssen nun erst wieder Nazis in mehrheitsfähigem Umfang in deutsche Parlamente einziehen, bis WIR begreifen, auf welchen fatalen Weg SIE uns führen? Ich schreibe diese Zeilen einen Tag nachdem die so genannte „Alternative für Deutschland“ in zwei Bundesländern von ungefähr jedem vierten Wahlberechtigten ihre Stimme erhielt. Verblendung, die wie Unkraut wuchert. Muss es nun wieder erst schlimm werden, bevor es besser wird? - Ich hoffe die schweigende Mehrheit hat davor genauso viel Angst wie ich. Denn dann wird sie ihr Schweigen brechen und diese Konsequenz verhindern …

Was das im Fazit des Laufes zu suchen hat? - Mein läuferischer Weitblick ist gleichfalls begrenzt. Ich habe zugelassen, dass es hart, dann schlimm, zuletzt noch schlimmer wurde. Fehler begangen, Wichtiges unterlassen. Die Folge: Keine Lust mehr zu laufen und eben zuletzt dieses körperliche Desaster auf 100 Meilen rund um Berlin. Ich gelobe Besserung. Ein Teil des Widerstandes, den mein Geist jedem Trainingskilometer der letzten Zeit entgegensetze, entsprang dem Wissen völlig unzureichend vorbereitet nach Berlin zu fahren. Zu wissen, dass das Leiden noch größer als im letzten Jahr werden würde. Der Lauf liegt hinter mir. Ich kam noch einmal an Körper und (mutmaßlich) Geist ungeschoren davon. Der Druck ist gewichen. Der Asphalt, auf dem ich laufe, ist wieder grau, nicht mehr schwarz … Der Spaß am Laufen wird zurückkommen, wenn ich Schlendrian und Dummheit verbindlich und dauerhaft ausmerze.

 


 

Einfluss der Verweildauer an den Verpflegungspunkten auf die Laufzeit

Angenommen ein Läufer verweilt an jedem Verpflegungspunkt (VP) im Durchschnitt 3 Minuten. Ein Wert, den ein ambitionierter Läufer zu Anfang unterschreiten, zum Ende hin jedoch regelmäßig übertreffen wird. Die Annahme dürfte recht realistisch sein. Hieraus errechnet sich die Gesamtverweildauer D an 26 VP:

D = 26 x 3 = 78 Minuten = 1:18 Stunden

Um die Verweildauer auszugleichen, müsste der Läufer mit höherem Durchschnittstempo laufen:

78 Minuten x 60 = 4.680 Sekunden

4.680 Sekunden / 161 Kilometer = 29,07 Sekunden

Die Beispielrechnung zeigt, dass der Läufer im Schnitt ungefähr eine halbe Minute (!) pro Kilometer schneller laufen müsste, um die Gesamtverweildauer auszugleichen. Jeder Ultra weiß, dass das einer gewaltigen Kraftanstrengung entspräche, die schlicht nicht möglich ist. Abhilfe? - Den Aufenthalt am VP so diszipliniert wie möglich kurz halten. Auch dann auf kurze Pausen fokussiert bleiben, wenn die Ermüdung bereits fortgeschritten ist.

 


 

Tatsächliche Verweildauer an den Verpflegungspunkten 2019

Gesamtverweildauer:   2:47 Stunden!

Im Diagramm fehlen Verzögerungen, die an Ampeln, zum Austreten, beim Fotografieren, durch meinen Sturz oder Mikes Unpässlichkeit entstanden. Es ist sicher nicht zu hoch gegriffen, hierfür noch einmal mehr als 30 Minuten zu veranschlagen.

Die für VP4 im Diagramm dargestellten vier Minuten ergeben sich durch den Versorgungsstopp beim ersten Treff mit Ines, wenige Minuten nach dem eigentlichen VP4.

 

 

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Siehe meine Ausführungen von 2014.

Ergänzungen:

Seither wechselte die Führung der LG Mauerweglauf, dem Ausrichter der 100 Meilen von Berlin. Worunter die Qualität der Veranstaltung jedoch nicht zu leiden hatte. Inzwischen hat sich der „Mauerweglauf“ zum weltweit beachteten „Kultlauf“ gemausert. Internationale Besetzung und die Spanne weniger Stunden, nach denen 500 Einzelstartplätze vergeben sind, mögen als Indizien dafür reichen.

Im Hinblick auf die Attraktivität der Streckenführung gebe ich der vordem zweifach erlebten Runde im Uhrzeigersinn ohne Zögern den Vorzug. Das gilt auch für den Anspruch der Route. Teilweise war mein Eindruck sicher Tagesumständen geschuldet. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Gegen-den-Uhrzeiger-Variante „schwerer“ zu laufen ist. Wenn nicht körperlich, dann zumindest mental. Ich hatte auf der ersten Hälfte der Strecke häufig das Empfinden unablässig bergauf zu laufen. Besonders fordernd war der Abschnitt ab der „Karolinenhöhe“ bis hinter Potsdam (Km 55 bis 95).

Fazit: Gerne wieder. Aber nur ausreichend trainiert!

 

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