Kilt und schwarzer Engel  –  6h-Lauf

im Rahmen des Welt Down Syndrom Tages 2015, Fürth

Dereinst werde ich diese hübsche Welt verlassen müssen, ohne mein Ego in allen Verästelungen kapiert zu haben. Diese Erkenntnis überfällt mich – auf der Heimfahrt von Fürth – nicht zum ersten Mal, dafür mit großer Klarheit. Im Augenblick fehlt mir eine schlüssige Erklärung für meine geradezu euphorische Nach-Wettkampf-Stimmung, denn objektiv betrachtet fehlt ihr jede Grundlage. Läuferisch produzierte ich eher Murks und wenn ich an den blöden Zwischenfall denke …

Dennoch Bestlaune im Auto. Nach sechs Stunden Trommelfeuer gegen Orthopädie und Stoffwechsel torpediere ich seit der Abfahrt in Fürth meine Trommelfelle mit Musik. Das Heimfahrt-Programm ergibt sich zufällig: Zunächst ABBA zum Warmwerden. Laut aufgedreht, für die meisten Ohren aber noch nicht gesundheitsschädlich. Danach die Rakete zum Durchstarten: „For ever young“ von „Alphaville“. Ich reiße die Lautstärke bis knapp unterhalb der Schmerzgrenze auf. „Do you really want to live for ever?“ Was für eine Frage an einen Finisher! Freude und Zufriedenheit brechen sich Bahn, lassen mich abheben. Nur warum? Sechs Stunden beinharte Laufarbeit liegen hinter mir, mehr schlecht als recht. Dazu eine Beinahe-Katastrophe. Woraus also schöpfe ich diese Überdosis Glück? Aus der Tatsache es wieder einmal geschafft zu haben? Wahrscheinlich beschert mir jedes Finish – unabhängig von seinem Zustandekommen – große Zufriedenheit …

– – –

Reichlich verkatert gähnt mich der Morgen aus grauem Himmel an. Spätwinterlich kalte Witterung, in Fürth sogar feucht. Bis vor ein oder zwei Stunden muss es hier noch geregnet haben. Das erschreckt mich schon ein bisschen, weil der Wetterbericht einen trockenen, sonnigen Tag versprach. Die lange Laufhose habe ich aus diesem Grund gar nicht erst eingepackt. Vom Moderator in der „Grünen Halle“ lasse ich mir nur allzu gerne einen „wunderbaren, sonnigen Tag“ versprechen, wappne mich dennoch gegen die Kälte: Mütze, Handschuhe, Langarmshirt, Shirt in Vereinsfarben drüber und um die Hüften eine wärmende Manschette. Letztere trage ich seit Wochen, um meine anfälligen, seit geraumer Zeit meckernden Illiosakralgelenke (ISG) warmzuhalten. Ob's was bringt? Weiß nicht. Das Ding lässt mich pummelig aussehen, aber dafür können sich die ISG hinterher nicht auf die Märzkälte rausreden!

Also trüber Himmel über Fürth. Genauer: Über dem „Südstadtpark“, einem ehemaligen US-Kasernengelände. Das darf sich nach Sanierung älterer Gebäude und ansehnlichem Neubau von Wohnanlagen inzwischen als eine der besseren Fürther Wohngegenden rühmen. Die Strecke für 6h-Lauf, Marathon und diverse andere Disziplinen im Rahmen des „Welt Down Syndrom Tages“ habe ich bereits im Laufbericht von 2013 (hier) beschrieben. Grob umrissen ein Viereck, in dessen Nordwestecke die „Grüne Halle“ liegt. Darin verbergen sich Start/Ziel und der rote, auf jeder Runde zu überlaufende Teppich.

Als Veranstalter der Benefizläufe zeichnet der „Laufclub 21“ verantwortlich. Keiner der üblichen Laufvereine. Man hat sich vor allem der Förderung des Laufsports für Menschen mit Down Syndrom verschrieben. Diesem Zweck fließt der Reinerlös der Veranstaltung zu. Rund um die Laufveranstaltung ranken sich diverse andere Spendenaktionen unterschiedlicher Initiativen. Der wohltätige Hintergrund (Motto: Laufen, lachen und Gutes machen) dominiert alles. Im Grunde bin ich aus rein sportlichen Gründen hier, werde mich jedoch Idee und Motto samt hieraus resultierender „Sonderlichkeiten“ nicht verweigern. Dass es solche gibt, blieb vom letzten Mal als Eindruck haften …

Zwei Stunden sind um, …

… in denen die Rundenzählung per Transponder ziemlich genau 20 Kilometer auf mein Konto bucht. Demnach kreise ich im Südstadtpark mit einer Pace von 6 min/km. Die anfängliche Tempojustierung entsprang keinem Vorsatz, folgte vielmehr dem Prinzip „Loslaufen und sehen, was geht“. Geschehen ist in diesen zwei Stunden rein gar nichts, gesehen und gehört habe ich allerdings schon einiges:

Eine der Anfangsrunden blieb der Unterhaltung mit Anton Lautner vorbehalten (bekannter Autor der Seite „marathon4you“), der erst vor ein paar Wochen aus Afrika heimkehrte. Als Vielläufer auf Abwegen brachte er erfolgreich hinter sich, was Ines und ich bereits 2006 erleben durften: Die Besteigung des knapp 5.895 m hohen Kilimanjaro. Ganz ohne Laufgespräche ging’s auf der Bergtour dann doch nicht ab, nachdem sich sein Tourguide als Tansanischer Marathonläufer outete. Übrigens unwesentlich schneller auf dieser Strecke als Anton oder ich: Bestzeit um die 2:40 h …

Argwöhnisch und penibel kontrolliere ich bei jedem Hallendurchlauf die Arbeit der Messanlage. Nach dem Desaster im November beim Indoor Marathon (Nürnberg) infolge defekten Chips und der hier vor zwei Jahren nicht gezählten Runde, die mir erst nach Reklamation gutgeschrieben wurde, werde ich in diesem Leben keiner elektronischen Zeiterfassung mehr vertrauen! Heute passt aber alles. Zu Beginn vermag ich zwar nur meinen auf der Anzeige eingeblendeten, von nachdrängenden Läufern flugs wieder verscheuchten Namen zu entziffern. Dass der Computer für jede registrierte Runde 1,3152 km korrekt addiert, setzt mein Restvertrauen dann doch voraus …

Die Veranstaltung besitzt extremen Fun-Event-Charakter. Diesen Hinweis mögen all jene aufmerksam registrieren, die hier schnelle Läufe oder gar Bestzeiten absolvieren wollen. Mehrmals muss ich mich von rücksichtslos überholenden Staffelläufern an Engstellen und Ecken des Kurses anrempeln lassen. Nun bin ich erstens nicht zu übersehen und auch nicht so leicht aus der Bahn zu kicken. Es sind aber auch Kinder jeder Altersgruppe unterwegs. Etwa die beiden Zwerge an Papas Händen, die mal eben den Ausgang der Halle für ein paar Sekunden blockieren. Oder kindliche Inhaber eines so genannten „Fan-Tickets“, von den Eltern mit einer Geldspende als Lizenz erworben, um ein paar Runden zu drehen. Nicht zu vergessen die vielen halbwüchsigen Zaungäste, die nicht selten im Spiel und deshalb gedankenlos die Laufstrecke queren. Schnelles Laufen birgt Unfallrisiken und geht nur im Dauerslalom.

Besonders am Verpflegungsstand wird fehlendes Bewusstsein augenfällig, dass zwischen „Run and Fun“ auch wettkämpfende Läufer ihre Chancen suchen. Im Vorbeilaufen etwas mitnehmen zu wollen ist meist unmöglich. Statt zügig nach Flüssig oder Fest zu greifen und dann einfach weiterzugehen, verharren viele am Büffet. Damit nicht genug, versammeln sich alsbald munter plaudernde Grüppchen rund um die Tränke. Man glaubt sich eher in eine muntere Gartenparty geworfen als an einer Laufveranstaltung teilnehmend. Jede zweite Runde, zum Trinken oder für ein Stück Banane, derselbe nervige Modus: Anpirschen, durchschlängeln, dann und wann auch wen zur Seite schieben. Regt sich Unmut in mir, dann beschwichtige ich ihn so: ‚Du hast gewusst, wie es hier zugeht. Hättest ja zu Hause bleiben können!’

Die Faschingszeit liegt zwar Wochen hinter uns, doch Verkleidungen jedweder Art scheinen auf viele Menschen ganzjährig eine unwiderstehliche Faszination auszuüben. Abgesehen von Biene Maja kreisen auch zwei Engel im Südstadtpark-Orbit. Ein weißer und ein schwarzer. Biene Maja und weißer Engel passen schon mal gut zu Wohltätigkeits- und Kinderfesten. Aber was will mir der schwarze Engel sagen? Weiß steht für den Himmel, in den ich heute unter Garantie nicht aufgenommen werde und schwarz für die Hölle. Die droht mir schon eher, nachher, wenn auf wund gelaufenen Haxen die Zeit nicht mehr vergehen will. Ein Vorzeichen drohenden Unheils?

„Da kommt wieder Pumuckl!“ ruft ein kleines Mädchen am Streckenrand aufgeregt ihrer Freundin zu. Wer kennt den barfuß und im gelb-grünen Koboldskostüm laufenden Dietmar Mücke aus Südbayern nicht? Ganzjährig Dauergast bei Laufveranstaltungen sammelt er Spendengelder für diverse karitative Zwecke. Man sieht ihn häufiger plaudernd oder für Gruppenfotos posierend am Streckenrand verharren als laufen. Und wenn in Bewegung, dann zischt er an mir vorbei, als wären für eine Pumuckl-Staffel mehrere Kobold-Klone unterwegs. Im Modus „Stehen-Laufen-Plaudern-Laufen-Posieren“ bringt er es schlussendlich immerhin auf über 36 Kilometer …

Apropos Klone: Dieser vielbeinigen Karnevalstruppe kann heute auf dem Streckengeviert niemand entkommen. Bei flüchtigem Hinsehen will einem scheinen irgendwo im Herzen von Schottland zu laufen. Zahllose Männer und einige Frauen in karierten Kilts drehen um mich her ihre Runden. Ich erinnere mich an den bulligen, hoch gewachsenen Mann – seines blonden Irokesenschnitts wegen –, der hier bereits vor zwei Jahren im wippenden Faltenrock kreiste. Seither muss das Schottenvirus irgendwann die umliegenden fränkischen Wälder verlassen und epidemisch unter der Fürther Bevölkerung gewütet haben. Kaum ein Blick voraus, der nicht an haarig aus knielangem Rock hervor stelzenden Beinen hängen bliebe.

Der Aufdruck ihres T-Shirts erklärt dann einiges: „United Kiltrunners 2013“. Es existiert also offensichtlich ein Laufclub, der sich dem Joggen in Schottenröcken verschrieben hat. Über eines der Motive, weshalb sich „Not-Native-Scots“ in dieser zur Ausübung des Laufsports doch eher unpraktischen Weise kostümieren, gibt der Untertitel auf ihrem Laufshirt Auskunft: „Helfen ist geiler als geizen.“

Ein bisschen ist 6h-Laufen in Fürth wie Geisterbahnfahren. Nur, dass es hell ist und sich niemand erschreckt ... Ich will doch nur laufen! Dasselbe wollen übrigens auch die Hauptpersonen des Tages, Läufer mit Down Syndrom, für die diese Veranstaltung einst ins Leben gerufen wurde. Unermüdlich kreisen sie in ihren roten Jacken, jeweils begleitet von Angehörigen oder Freunden. Ich weiß, dass sie nicht als Kranke oder Behinderte eingestuft werden wollen, nur weil sie eine schicksalhafte Genmutation benachteiligt. Integration und Akzeptanz fallen dir umso leichter, je häufiger du diesen Menschen begegnest. Mir passiert das auf jeder Runde mehrmals …

Drei Stunden vergangen …

… und 30 Kilometer erlaufen. Wetten, ich kann deine Gedanken lesen? Die vollziehen gerade eine denkbar simple Hochrechnung. Vergiss es! Inzwischen spüre ich überdeutlich, was ich seit drei Stunden hier ununterbrochen treibe. Die Akku-Tiefentladung anlässlich des Bienwald Marathons letzten Sonntag samt Trainingskilometer der vergangenen Woche und ein Trainingsrückstand hängen mir noch spürbar nach. Mein Ziel in diesem Trainingslauf nimmt sich deshalb bescheiden aus. Absolute Untergrenze: Marathon. So lange meine Beine keine 42,195 km geliefert haben, brauchen sie auf Erbarmen nicht zu hoffen. Absolut unvorstellbar! Da müsste sich schon die Fürther Erde öffnen und mich verschlingen. Realistisch kalkuliert müsste ich in sechs Stunden allerdings mehr als 50 Kilometer ansammeln können. Meine Trainingsplanung geht in dieser Woche von insgesamt 90 Kilometern aus, zu denen mir vorhin an der Startlinie noch 56 fehlten. Damit wäre umrissen, was ich erzwingen will. Insgeheim hoffe ich auf ein bisschen mehr.

Befrage ich allerdings meine zur Halbzeit bereits – vorsichtig formuliert – „angegriffenen“ Beine, dann darf ich mich glücklich preisen, wenn 56 Kilometer gelingen. Zumal voraussichtlich ein paar Minuten drauf gehen, um nicht „Outdoor“ in Kälte und Wind auf das Eintreffen des Messtrupps warten zu müssen. Kein Risiko eingehen, nicht schon wieder erkälten! In zweieinhalb Wochen steht der Two Oceans Ultramarathon in Kapstadt an, und davor will ich zwei weitere Kurzultras laufen …

Noch keine vier Stunden um und die Zeit beginnt sich bereits zu dehnen. Oder dehnen sich die Runden? Ich hab Einsteins Relativitätstheorie nie wirklich begriffen, aber so viel weiß ich: Weder Raum noch Zeit sind konstant. Ich kann mir also aussuchen, welche der beiden Dimensionen mir mehr zu schaffen macht. Kaum vorstellbar jetzt noch über zwei Stunden unablässig die Füße zu heben. Aber die Situation „vermeintlicher Aussichtslosigkeit“ ist mir zu vertraut, als dass sie mich ernsthaft niederdrücken könnte. Schon oft so gefühlt und danach trotzdem genug Ausdauer und Willen entwickelt, um es zu einem positiven Ende zu bringen. Zweifelsfrei werde ich das heute wiederholen!

Es ist schwierig meine Gefühlswelt in diesen Minuten zu beschreiben. Ein Pendeln zwischen guten und miesen Empfindungen, alles jedoch auf Basis eines als sicher vorausgesetzten Erfolges. Was um mich herum passiert und wie es auf mich wirkt, lässt sich bedeutend leichter in Worte fassen. Augen und Ohren im Dauereinsatz …

Die Augen könnte ich auf überschaubarer Distanz und bei Bedarf für ein paar Sekunden schließen. Bedauerlicherweise gilt das nicht für meine Ohren. Also bin ich gezwungen zuzuhören. Zum Beispiel einer impertinenten, niederrheinisch ansässigen Schnepfe, die sich allen Ernstes über die „Verkrampfung“ bajuwarischen Publikums bei Laufveranstaltungen ergeht. Mir kommen dabei zwei Gedanken. Naheliegend: Wieso kommt sie dann hierher zum Laufen? Übergreifend: 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, 1945 geteilt und seit 1990 leben die Deutschen wieder gemeinsam unter einem Dach. Nach einer so langen Periode vereinigten Deutschtums sollten wir endlich lernen innerdeutsche Ressentiments abzuschütteln. Wenn schon das nicht gelingt, wie soll es dann gelingen Vorbehalte gegenüber Mitbürgern anderen ethnischen oder kulturellen Ursprungs abzubauen?

Wie lange singen die jetzt schon? Eine Stunde? Länger, kürzer? Zum zweiten Mal binnen einer Woche oute ich mich als „musikalisch-ohr-ales Weichei“. Chorgesang. Das ist noch schlimmer als das Geklapper und Getröte des Spielmannszuges beim Bienwald Marathon letzten Sonntag. Chorgesang. Vom absoluten Gehör bin ich etwa so weit entfernt, wie die Erde von der Sonne. Dass jedoch einige der geschätzt 20 Stimmen den Ton nicht treffen, höre sogar ich. Obschon ich mich eigentlich recht langsam bewege, meine ich sogar eine Art Dopplereffekt beim Passieren des Chors wahrzunehmen. So ähnlich wie die Tonhöhenverschiebung, wenn ein Fahrzeug mit Martinshorn vorbei fährt. Bei Annäherung klingt der Chor einigermaßen erträglich, im Davonlaufen dann allerdings zum Davonlaufen.

Einmal pro Runde, in der Südwestecke des Laufgevierts, gilt es einer mit lila Farbe auf den Asphalt gesprühten Versuchung zu widerstehen. Einem von der Strecke weg zeigenden, mit jeder Runde an Suggestivkraft gewinnenden Pfeil und den riesigen Lettern des Wortes „Duschen“. Da hätte ich seit geraumer Zeit schon alle Lust zu …

Volle vier Stunden …

… zeigt meine Uhr an, als ich gerade zum x-ten Mal die Grüne Halle durchquere. Zur „40“ fehlt allerdings noch ein knapper Kilometer, was deine Hochrechnung bereits jetzt zu bloßem Zahlensalat entwertet. Mich überrascht das nicht, weil ich den Tempoverlust seit geraumer Zeit spüre. Wegen der Summe meiner „Handicaps“ vermag ich es auch leichten Herzens zu akzeptieren. Vor dem Hallenausgang studiere ich zum wiederholten Mal (und neuerlich erfolglos) die Daten rund um meinen in der Anzeige eingeblendeten Namen. Kaum lesbar, weil zu klein und lichtschwach dargestellt, dazu unverständlich (für mich jedenfalls). Das einzige, was ich bislang sicher entziffern konnte, ist die mit jeder Runde wachsende Kilometersumme.

Vielleicht lenkt mich dieses „Datenstudium“ noch ab. Möglicherweise kehrt mein hierzu extrem im Nacken überstreckter Kopf auf den paar Metern zum Ausgang auch nicht schnell genug in Normallage zurück. Und ganz sicher bin ich von dem alarmierenden Knallen, das ein unbekannter Läufer verursachte, als er vor Stunden hinter mir über den hohen Metallrand der Türschwelle stolperte nicht mehr hinreichend sensibilisiert. Zu lange her. Wie dem auch sei: Wie vom Blitz getroffen schlage ich beim Verlassen der Halle mit voller Wucht aufs Pflaster. Augenblicke der Benommenheit, dann ungläubiges Entsetzen, Panik: Bin ich verletzt? Werde ich weiter laufen können? Für anderes ist da kein Platz. Sofort umringen mich vier, fünf Leute, stellen mich wieder auf die Beine. Fragen prasseln auf mich ein, die ich mir selbst stelle: Schmerzen? Wo? Blute ich? Kann ich noch laufen? – Zögerlich trudeln die Meldungen ein: Bisschen duselig im Kopf. Eine unbedeutende Abschürfung am rechten Knie. Rechts schmerzen Ellbogen, Handteller und – Aua! – der Daumen (??). Sonst nichts. Mann, hab’ ich Schwein! Kein Tropfen Blut vergossen. Das verdanke ich der Kälte draußen, die mich in Handschuhe und Langarmshirt zwang.

Ich beruhige meine besorgten Wohltäter und trabe wieder an. Längst hatten sie das Erste Hilfe Team alarmiert, dem ich im Davonlaufen dann auch noch signalisiere: „Nichts passiert! Alles okay!!“ – Natürlich ist in der nächsten Viertelstunde überhaupt nichts okay. Laufen kann ich, aber nur sehr bedächtig, in gebrochenem Rhythmus. Zu tief sitzt der Schock. Ein Anflug von Kopfschmerzen verfliegt rasch.

(Inneres Zwiegespräch: Wenn du Kopfschmerzen kriegst, musst du sofort aufhören! Aber ich hab den Marathon noch nicht im Kasten! Das hat dir dann egal zu sein! Kopfschmerzen = Feierabend!).

Ein leichter Druck (oder ist es ein Ziehen?) auf der rechten Brustseite gesellt sich zu den Beschwerden. Mutmaßlich eine leichte Prellung. Unbedeutend. Ein, zwei Runden Schneckentrab brauche ich, um die hauptsächlich mentale Wirkung dieses „Terroranschlags“ abzuschütteln. Am meisten schmerzt der Daumen. Hoffentlich nur verstaucht. Aber was soll’s: Den Daumen brauche ich nicht zum Laufen!

In dieser Zeit überlaufe ich zweimal die fatale Schwelle und beäuge sie argwöhnisch. Eindeutig eine verdammt üble Stolperfalle. Es wäre nun ein Leichtes dem Veranstalter zu zürnen oder demjenigen, der für den handwerklich nachlässigen Einbau der Türschwelle verantwortlich ist. Oder wie wär’s, dem Kerl dahinten die Schuld zu geben? Ja, dem auf der Parkbank, der mich so interessiert anglotzt. Und wenn nicht ihm, dann schiebe ich eben „Urbi et orbi“ mein Missgeschick in die Schuhe. Nur leider gelingt es mir nicht, die Tatsache zu geringer Aufmerksamkeit vor mir selbst zu leugnen.

(Im Klartext: Wie kann man nur so dämlich sein, mitten in der Zivilisation derart auf die Schnauze zu fliegen?)

Letztlich kostet der Vorfall nur eines: Zeit. Oder um es in die Währung von Stundenläufen umzurechnen: Meter. Nicht so sehr, wegen des Unfalls an sich. Mein Durchhaltewillen hat durch den harten Aufprall Risse bekommen. Bin seither deutlich langsamer unterwegs. 8:30 min stoppe ich aktuell für einen Umlauf. Fast eine Minute mehr als in den ersten Stunden. Grottenschlecht. Egal. Wenn ich durchhalte, wird es locker für 56 km reichen …

Ab und zu lugt inzwischen die Sonne zwischen Wolkengebilden hervor. Fühle mich von ihr ziemlich im Stich gelassen. Frieren musste ich zwar nicht, aber wirklich warm wurde mir bisher auch nicht. Dieser eklige Ostwind hat Schuld. Einzig auf den westwärts zu laufenden zweihundert Metern des Vierecks lässt er mich in Ruhe. Das Stück genieße ich am meisten. Wärmer ist es natürlich in der Halle, doch dort stehe ich jedes Mal unter Strom. Erst recht nach meinem Sturz. Unglaublich, wie viele ausgesprochen rücksichtslose Leute dort den Laufweg kreuzen, ohne sich vorzusehen. Beileibe nicht nur Zuschauer. Auch pausierende Läufer oder solche, die ihren Wettkampf beendet haben. Vielleicht begünstigt die brodelnde, in sechs Stunden nie erlahmende Stimmung in der Halle ein „Klima der Sorglosigkeit“. Ich bin auf der Hut, laufe dennoch ein paar Mal Gefahr mit jemandem zu kollidieren.

„Warum heißt die Halle eigentlich „Grüne Halle“? Die ist doch orange!“ Das kleine Mädchen marschiert an der Mutters Hand auf das Gebäude zu, dem in der Tat jedweder Grünton fehlt. „Das ist, weil …“ setzt sie zur Erklärung an, deren vollen Wortlaut ich dann schon nicht mehr verstehen kann. Leider, denn meine Internetrecherchen, diesmal, wie schon vor zwei Jahren, bringen kein Licht ins Dunkel. Einziges Indiz für die Namensgebung der Grünen Halle: Mehrere überdimensionale Grünpflanzen, die dem Inneren der einstigen Sport-, jetzt Veranstaltungshalle, florales Leben einhauchen.

Hätte der Mann spitze Ohren, wie weiland Mr. Spock oder Gesichtszüge eines Aliens aus der fernsten aller Spiralgalaxien, er käme mir nicht wunderlicher vor: Bälle jonglieren und gleichzeitig laufen. Hatte ich schon mal gesehen, war mir aber entfallen, dass es so was gibt. Doch wirklich, sogar als sportliche Disziplin. Mit Weltrekorden und allem Drum und Dran. Wer’s nicht glaubt sollte sich von den Ergebnissen einer Suchmaschine unter dem Stichwort „Joggling“ überzeugen lassen. Je mehr Bälle, umso schwieriger. Leuchtet mir ein. An vier Bällen versucht sich dieser Jongleur, den ich mit meiner Kamera aufs Korn nehme. Was Menschen so alles an zweckfreien, nichtsdestoweniger atemberaubenden Fähigkeiten drauf haben …

Volle fünf Stunden sind um …

… und es fällt mir immer schwerer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das hat nichts mit dem Sturz zu tun, den habe ich längst innerlich abgehakt. Ich bin einfach hundemüde, kaputt, ausgepowert, leer. In so einem Zustand hört jeder vernünftige Mensch auf zu laufen. Nur dass Ultras die Kategorie „vernünftiger Mensch“ ganz anders definieren, wenn es ums Laufen geht. Irgendwann, in einem von vielen Wettkämpfen oder auf einem von unzähligen Trainingskilometern, kapierst du als Ultraläufer etwas ganz Entscheidendes: Einem auf längste Ausdauer getrimmten Körper geht nicht einfach so die Kraft aus. Das dauert irrsinnig lange. Und wenn du erstmals innerlich stöhnst „Ich kann bald nicht mehr!“ verfügst du noch über Reserven für Stunden. Mit jedem Kilometer sinkt das Tempo, das schon. Aber so lange die Strecke keine Steigung annimmt, scheint Traben bis ans Ende der Welt nicht unmöglich. Ich habe mir immer wieder bewiesen, dass das unter drei Voraussetzungen möglich ist: 1. Langzeitausdauer, die über Jahre hinweg aufgebaut und gehalten wurde. 2. Ein gesunder und robuster Körper. 3. Einen ausreichend starken Willen sich unablässig zu überwinden. Mit dem du dich auch dann noch zum Laufen zwingen kannst, wenn Schwäche von jeder Muskelfaser Besitz ergreift.

Dass ich diverse Erfahrungen in dieser Hinsicht erworben habe, lässt mich weder leichtsinnig werden, noch den Respekt vor längeren Strecken verlieren. Es hilft mir einfach Situationen wie die augenblickliche zu überstehen. Vor allem deshalb regt sich nicht der leiseste Zweifel auch die angebrochene sechste Stunde laufend zu verbringen.

Eine gute halbe Stunde noch. Wie viele volle Runden passen da rein? Inzwischen verbrate ich fast neun Minuten für einen Umlauf. Also höchstens noch drei. Trabte ich in diesem Tempo weiter, hätte ich am Ende etwa sechs, sieben Minuten in der Halle übrig. ‚Die kann ich genauso gut vertrödeln’ fordert der schwächelnde Teil meines Egos. Immer wieder verharre ich für Fotos, reduziere die Schrittfrequenz weiter, labe mich jedes Mal und ausgiebig am Verpflegungsstand …

‚Was für eine selten dämliche Taktik!’ schimpft der leidende Teil meines Selbst. Stehenbleiben, wieder anlaufen, tippeln. Die dauernden Lastwechsel enthüllen, wie „wund“ und in welche Erschöpfung ich mich gelaufen habe. Ich hätte das Ding zügig zu Ende bringen und die „überzähligen“ Minuten in der Halle abwarten sollen. ‚Merk es dir du Heini! Merk es dir gut fürs nächste Mal!’ – Rein in die Halle, durch und wieder raus (großer Bogen um die Stolperfalle!!!). Letzte Runde und immer noch fast zehn Minuten Zeit. Es gibt kein Lauffoto von mir heute! Späte Erkenntnis aber nicht zu spät. Ich halte Ausschau nach einem geeigneten „Opfer“, dem ich meine Kamera in die Hand drücken könnte. Zu Beginn der vorletzten langen Gerade hat bereits ein Messtrupp – drei Damen mit Messrad – Aufstellung genommen. Eine von ihnen nimmt den Fotojob gerne an. Ich trabe ein paar Meter zurück, um mich in Laufbewegung ablichten zu lassen. „Deine Kamera ist so langsam, da kann ich keine zwei Bilder machen!“ Nur ein Bild? Und wenn das infolge Unschärfe unbrauchbar wäre? Also ein zweites Mal umkehren und noch ein Foto … Vermutlich unterstellen die drei mir narzisstische Motive oder halten mich für komplett übergeschnappt. Ich hoffe sie haben Unrecht.

Die Fotosession hat mein Zeitkonto ziemlich strapaziert, darum trabe ich die letzten 1.000 Meter ohne weitere Unterbrechung runter. Blicke dabei ständig zur Uhr. Hätte mir einen ziemlichen Bärendienst erwiesen, sollte ich es wegen der Fotos nun nicht mehr in die Halle schaffen. Noch 400 Meter und vier Minuten Rest. Schaffe ich locker. Vorbei am Verpflegungsstand, ein letztes Mal auf die Halle zu, rein, Messeinrichtung passieren und dann austrudeln. Suche mir einen Platz, wo es nicht zieht und höre wie man vielstimmig die letzten Sekunden herunter zählt …

Warten auf den Messtrupp. Für die 9,75 Meter mehr als volle Runde würde ich mir hier bestimmt nicht die Beine in den Bauch stehen. Mich abzumelden (Wo?) habe ich allerdings noch weniger Lust. Vier, fünf Minuten vergehen. Lasse mich ein weiteres Mal ablichten. Pose „Daumen hoch!“.

(Kommst du dir dabei nicht blöde vor? Bist total erledigt und hast als einzig gute Empfindung ein „Puh, geschafft!“ vorzuweisen. Dir ist doch gar nicht nach „Daumen hoch!“. Gerade mal 56 km geschafft und dabei auch noch auf die Schnauze geflogen! Also eher „Daumen runter!“)

Was da miteinander hadert sind Gefühle, nicht Gedanken. Die beschäftigen sich längst mit praktischen Erwägungen: Transponder abgeben, was trinken, duschen, heimfahren. In dieser Reihenfolge arbeite ich die Aufgaben dann auch ab. Womit ich allerdings nicht rechnen durfte, ist die sich währenddessen stufenlos vollziehende emotionale Metamorphose. An deren Ende sitze ich überglücklich im Auto und foltere meine Ohren mit Rockmusik.

Merke: Es ist nicht so wichtig, wie und was man läuft. Entscheidend ist raus zu gehen und es zu tun …

Ergebnis: 56.563,35 m, Platz 43 von 152 gesamt, Platz 3 von 7 in M60

Fazit zur Veranstaltung

Die läuferischen Belange werden alle erfüllt. Negative Kritik ergibt sich lediglich aus dem Verhalten mancher Zuschauer und vereinzelter Läufer. Wer seine persönliche 6h-Bestzeit aufstellen möchte, sollte sich dazu allerdings eine andere Veranstaltung suchen. Die Läufe in Fürth, im Rahmen des „Welt Down Syndrom Tages“, sind als „Charity and Fun Event“ konzipiert, das seinem Motto zu einhundert Prozent gerecht wird: „Laufen, lachen und Gutes machen“!

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