6. September 2026

Knalleffekt  -  6 Stundenlauf Mering

Vor einem halben Jahr, nach dem 6-Stundenlauf in Ottobrunn, nahm ich mir vor „Läufe im Hamsterrad“ künftig zu meiden. Empfand ich doch inzwischen das vielfache Drehen kurzer Runden als mehr oder weniger öde. Ein gewaltiger Sinneswandel bei einem, der mehrfach 24 Stunden im Lauforbit verbracht hatte, sich zweimal sogar den Titel eines Deutschen Seniorenmeisters im 24-Stundenlauf „erkreiselte“. Leistungen, die neben Ausdauer enorme Begeisterung für das Format Stundenlauf voraussetzten. Ganz offensichtlich und großenteils unbemerkt hatte sich seither eine Wandlung meiner läuferischen Interessen vollzogen, deren erdrutschartiges Ausmaß mich überraschte.

Nach Ottobrunn war ich entschlossen an Stundenläufen nur noch aus „zwingenden“ Gründen teilzunehmen; so wie heute, hier in Mering mit weiteren acht Läuferinnen und Läufern. Andreas Greppmeir, alias „Greppi“, mit dem ich schon häufiger zum selben Marathonziel aufbrach, tritt erstmals als Veranstalter in Erscheinung. Dazu kommt, dass er mit der Aktivität einen guten Zweck verfolgt und auf Spenden hofft. Und dann: Der Lauf findet nur eine Auto-Viertelstunde von mir zu Hause aus statt. Schon diese glückliche Fügung, zu einem Marathon nicht langwierig anreisen zu müssen, hätte mich Unlustbedenken beiseite schieben lassen.

Zu einem Marathon? - Nur Marathon, so bescheiden? Reichen denn sechs Laufstunden ohne Selbstverpflegungsaufwand nicht wenigstens für einen „kleinen“ Ultra, für 45 Kilometer? - In Ottobrunn gelangen mir noch rund 47 km, seither habe ich weiter an Reichweite eingebüßt. Unmöglich kommen mir 45 km dennoch nicht vor, zumal bei (für mich) besten äußeren Bedingungen: Strahlender Sonnenschein, dazu eine azurblaue Kuppel über der Arena. Wolken werden diesen genussvollen Rahmen nicht stören, trotzdem wird sich die Luft auf kaum mehr als 23°C in der Spitze erwärmen - weissagen die Wetterfrösche. Zu Beginn um 9 Uhr steht das Quecksilber noch deutlich unter 20°C. Der zähen Auftaktrunde messe ich keine Bedeutung bei, seit geraumer Zeit beginnt jeder Lauf, einerlei, ob Marathon oder Training, mit Anlaufschwierigkeiten. Greppi führt die Meute an, gibt den Laufweg vor, meinte sich auf diese Weise Markierungen ersparen zu können. Ob der Überschaubarkeit des kleinen Parks „Badanger“, dem Schauplatz des Geschehens, hätte er guten Gewissens auch auf die Orientierungsrunde verzichten können. Sich auf der mit ca. 460 Metern recht kurzen, grob betrachtet ein spitzwinkliges Dreieck beschreibenden Laufrunde zu verlaufen scheint auch bei grober Fahrlässigkeit ausgeschlossen.

Die Runde beginnt in der Nordwestecke des Dreiecks, strebt an einer der langen Seiten sodann dem spitzen Winkel zu. Diese lange Seite verläuft unweit von und parallel zur Gleisanlage der Bahnstrecke München-Augsburg (Abstand zur Lärmschutzwand etwa 20 m). Unter den Sohlen, das wird rundum so bleiben, knirscht feinkörniger, zumeist fester Schotter. Tatsächlich brachte es die Stadt Mering zuwege in dem winzigen Park einen „mordshohen“ Hügel zur winterlichen Rodelbespaßung unterzubringen. Dass man hinterm Rodelberg die Spitze des Dreiecks nicht einsehen kann, wäre mir egal. Nur leider meinte der verantwortliche Landschaftsarchitekt die Attraktivität des Spazierweges anheben zu müssen. Anheben gelingt am besten durch Anheben, also mit Steigung. In diesem Fall in der Flanke des Rodelhügels. „Hier gibt’s ja einen Berg!“ Die Bemerkung entfährt mir unwillkürlich, als meine Beine beim Entdecken von Park und Strecke unerwartet gegen die Schwerkraft ankämpfen müssen. Das Echo lässt nicht auf sich warten. „Ja und den spürt man auch …“ meint Bernie, der hier vor ein paar Tagen 10 Proberunden drehte. In der Spitzkehre hinterm Buckel enden die etwa zwanzig Laufmeter Gefälle. Ab hier an der zweiten langen Seite nordwärts, mit geringem Abstand zum Flüsschen Paar. Abstand, der sich an einer Stelle auf Entenfotografierdistanz reduziert. Kurz darauf schlage ich einen Haken in der Nordostecke und halte entlang der kurzen Dreieecksseite wieder auf den Start-/Zielbereich zu …

Durchaus reizvoll dieser zumindest für ein 6h-Laufvorhaben winzige Park: Wasser fließt am Rand, im Zentrum lockt eine Spielwiese, daran anschließend der Rodelberg mit s-förmiger Rutsche „downhill“; ein brettharter Sandplatz bittet zum Boulespiel, ein paar Geschicklichkeitsgeräte fordern zum Test der Körperbeherrschung auf. Vielfach Bänke, die alle paar Minuten an neue Sitzgäste vergeben werden, etwas abseits ein Biergarten und obendrein ein paar Skulpturen, an denen zuweilen die Augen hängen bleiben. Dass alle paar Minuten hinter einer mit viel Grün verblendeten Lärmschutzwand ein Zug vorbeidonnert, stört so gut wie gar nicht. Anscheinend empfinden das auch die erstaunlich zahlreichen Besucher der Grünanlage so. In den Vormittagsstunden führt man mir gut und gerne drei Viertel aller Meringer Hundesteuerpflichtigen vor, vom „Zamperl“ mit kurzen, krummen Haxen bis zum bulligen, gefährlich aussehenden Lefzenträger alles dabei. Für einen Hundenarren wie mich ganz sicher ein Pluspunkt der Veranstaltung. Natürlich finden auch mehrfach Eltern den Weg hierher, wenngleich deren Nachwuchs abgesehen von Wiese, Rutsche und Enten wenig kindlich Verwertbares erwartet. Immerhin Freiraum für kleine Abenteuer und zum Umhertollen, wovon die laufenden Meter gelegentlich lautstark Gebrauch machen.

Ort und Zeit so recht zum Genießen, sicher für die meisten Lebewesen, die sich am Sonntagvormittag hier aufhalten. Für mich nur zu Anfang, denn schon die zweite, dritte und alle weiteren Runden legen mir die Karten. Und, was da an Tarot-Karten aufgedeckt wird, verheißt nichts Gutes. Zunächst erneut von Beginn an schwere Beine, besonders in der im Vier-Minuten-Takt zu überwindenden Steigung. Noch heftiger gegen aufkeimenden Laufspaß randaliert das blöde „Phänomen“, das mich in unregelmäßigen Intervallen, jeweils für Sekunden und in der ersten Stunde mehrfach pro Runde heimsucht. Dazu will ich mich hier nur oberflächlich und abschließend einlassen, walzte das Unerklärliche schon zu oft in früheren Berichten aus. Zuletzt unternommene Anstrengungen zweier kompetenter Ärzte - ein Facharzt der Inneren Medizin und ein Kardiologe - blieben fruchtlos. Dem Rat des Kardiologen folgend beobachte ich die Erscheinung derzeit, sammele Erkenntnisse, kam damit schon voran.

Wer will mir verdenken, dass mein Ehrgeiz unter diesen Umständen schon während der anfänglichen Runden in sich zusammensackt? Einen Ultra laufen, 45 km schaffen? - Ich werde froh und dankbar sein, wenn ich in verfügbaren 360 Minuten die geforderten 42,195 Kilometer unterbringe. Wer das fordert? - Ich fordere das von mir selbst. Ohne Marathonchance gehe ich nicht an den (offiziellen) Start. Kürzere Strecken gönne ich mir mehrmals die Woche, oft begleitet von Bobi auf vier Pfoten und beide haben wir unseren Spaß dabei. Nicht nur Laufspaß: in diesem Hitzesommer wählte ich unsere Routen stets so, dass Bobi seinen Bewegungsdrang auch im Wasser ausleben konnte. Muße für diverse Stopps, um geworfene Stöcke aus Flüssen, Seen oder Weihern zu bergen, hatte ich dabei immer.

Heute also „nur“ Marathon, den ich wie üblich „gnadenlos an mir vollstrecken“ werde. Auch in eingeschränkter Verfassung hege ich keine Zweifel am Gelingen. Den aussichtslosen Versuch die erforderlichen 94 Runden mittels „Erinnern“ zu zählen, gebe ich alsbald auf. GPS in zwei Uhren wird den Streckenzuwachs verlässlich dokumentieren. Ausnahmsweise zwei Uhren, um aus zwei unterschiedlichen Anzeigen genauer auf die tatsächlich gelaufene Strecke zu schließen. Eine offizielle Rundenzählung gibt es nicht, die gelaufene Distanz ist über die Anzeige der Uhr nachzuweisen. Damit kann ich leben, weil ich von meiner älteren Uhr weiß, dass sie nach einem vermessenen Marathon etwa 500 Meter zu viel anzeigt. Und dann wiehert da noch das jüngste Pferd im Stall, ein Forerunner 970, dessen Messgenauigkeit mich im bisherigen Gebrauch staunen ließ.

Runde um Runde füge ich meinem Guthaben hinzu, lasse mich unterwegs auch auf kurze Gespräche mit der „Konkurrenz“ ein, zumindest soweit ich sie kenne. „Kennen“ ist natürlich relativ. Wie gut kennt man, wen man zwar schon häufiger traf, mit ihm/ihr jedoch nie über ein paar Sätze hinauskam? Aussehen, Laufstil, auch wie jemand so im Grundsatz „drauf ist“ sind gesicherte, wenngleich beiläufig erhobene Erkenntnisse. Darüber hinaus: Fehlanzeige. Auf einer der unendlich vielen Runden lässt mich Greppi ein bisschen in sich rein- und klarer sehen. Gut so. Dass ich zu Gesprächsinhalten weitgehend schweige, versteht sich von selbst.

Auch mit Kati Schramm teile ich Laufzeit. Kati fuhr Greppi zuliebe zwei Stunden hierher nach Mering (20 km südlich von Augsburg). Sie stammt witzigerweise aus einem Nachbarort von Rutesheim (westlich von Stuttgart), wo ich am letzten Wochenende beim „RuR“ (Rund um Rutesheim) meine Marathonvisitenkarte abgab. Kati Schramm „kenne“ ich seit mindestens 14 Jahren, seit einer Begebenheit beim Schefflenzer Ultra* 2012, die sie vermutlich längst vergaß. Unser damaliger Wortwechsel betraf meine vierbeinige Begleiterin Roxi (Roxi, die unermüdliche Läuferin, die am 20. Juli 2024 über den Regenbogen tippelte). Roxi blieb bei Wettkämpfen angeleint, bis sich das Feld so weit auseinandergezogen hatte, dass weder ihr noch Mitläufern Kollisionsgefahr drohte. Als ich sie damals ableinte pendelte sie, wie üblich und ihrer Natur gehorchend, entlang des Feldes vor und zurück. Beständig musste das arme Tier auf sein lahmes Herrchen warten oder zurück tippelnd nach ihm suchen. Diesem Modus verhaftet überholte Roxi irgendwann Kati Schramm, die erschrocken auf Abstand ging. Ich entschuldigte mich für Roxis und mein unerwartetes „Treiben“, gelegentlich des zitierten Wortwechsels. Seit jener Zeit sah ich Kati bei dutzenden von Läufen, meist auf Abstand und ohne zu wissen, ob sie mich auch wahrgenommen hatte.

*) Der 50/100 km-Lauf „Schefflenzer Ultra“ wird nicht mehr veranstaltet.

Auch mit dem Marathonsammler Bernie Manhard verbinden mich gemeinsame Läufe. Regelmäßige Leser meiner Laufberichte werden sich an seinen Namen erinnern, bisweilen tritt Bernie in der Region Augsburg als Veranstalter in Erscheinung. Vor wenigen Wochen, Anfang August, genoss ich Bernies „Marathon am Lech auf der Historic Route durch Augsburg“ (siehe Laufbericht). Die übrigen Läuferinnen und Läufer sind mir fremd, was nicht heißen muss, ihnen noch nie begegnet zu sein. Meinem von unzähligen Gesichtern aus hunderten M’s und U’s überfluteten, nach Art eines tiefgründigen Sumpfs organisierten Gedächtnis ist nicht zu trauen.

Meinen ersten Marathonsieg feierte ich 2002, war bereits 48 Jahre alt aber topfit. Inzwischen, fast ein Vierteljahrhundert später, stehen hunderte Finishes zu Buche, auch einige Ultras, für die ich länger als einen ganzen Tag Lebenszeit aufwenden musste. Dem Marathon zollte ich dennoch stets Respekt, auch wenn ich 42,195 km etliche Jahre lang vergleichsweise mühelos runterspulte, meist als schönstes mir vorstellbares Ultratraining. Wenn es ein Bewerb forderte und ich mich fordern wollte sogar mehrmals die Woche oder mehrmals täglich. Vor 6-Stundenläufen hatte ich in dieser Zeit nur einmal richtig die Hosen voll, vor dem ersten im Jahr 2006. Ein neuer, weit entfernter Horizont lag vor mir. Nie war ich länger als deutlich unter vier Stunden und nie weiter als Marathon gelaufen. In mir lodernder Ehrgeiz verhalf mir zu mehr als 70 km in besagten sechs Stunden. Unmittelbare Folge: Völlige Erschöpfung. Die erwartet mich heute auch … Was mir egal ist, nur: wie soll ich sechs Stunden „Hamsterrad“ in meiner Verfassung „psychisch überleben“? - Erfahrung lehrt: Lange Strecken läuft man vor allem mit dem Kopf, der dem Körper durchzuhalten befiehlt, wenn die Energie auszugehen droht. Mehrfach erlebt: Dieser „mentale Rollator“ bringt einen stundenlang voran, nicht versiegende Willenskraft vorausgesetzt. Allerdings: Ich bin jetzt alt. Relativ gut konditioniert für mein Alter, aber alt. Zudem suche ich eher die Annehmlichkeiten des Lebens. Deshalb wundere ich mich schon, wie sich Minuten zu Stunden reihen und ich immer weiter laufe … laufe … laufe … allen Unbilden zum Trotz … irgendwann 4 Stunden um, bald 5 …

Per E-Mail gab Greppi vor nicht die Laufrichtung zu wechseln. Manche halten sich nicht dran, was ich verstehe. Befürchtete Konflikte mit von uns irritierten Parknutzern erweisen sich als äußerst unwahrscheinlich. Wenn überhaupt jemand behindert wird, dann wir, weil immer mal wieder jemand „rumsteht“ und nicht mit Läufern rechnet. Udo verzichtet dennoch auf Richtungswechsel. Erstens, weil Greppi es so will. Zweitens, weil der ohnehin knackige Buckel im Uhrzeigersinn noch steiler wäre. Dafür unterläuft Udo einmalig und klammheimlich Greppis Gesetz den parallelen Weg am jenseitigen Ufer des Flüsschens Paar zu meiden. Erstens, weil der kleine Umweg vom GPS hinzuaddiert wird. Zweitens, weil er unbedingt wissen will, wie der Park von „da drüben“ aussieht … Tatsächlich könnte diese Variante die Monotonie der ultrakurzen Runden ein wenig auflockern.

Von Kunst soll noch die Rede sein. Zunächst vom „bunten Osterei mit Loch“, ganz in der Nähe des Start-/Zielbereichs. Mehrere tausend Euro habe die Stadt Mering für dieses Unikum berappen müssen, erzählt Greppi. Ursprünglich spross ein Bäumchen aus nun leer klaffender Öffnung. Nachdem die Pflanze ihr grünes Leben aushauchte, habe man das „Betonei“ von Kindern bemalen lassen, um es nicht schmuck- und kunstsinnlos rumliegen zu lassen … - Voll intakt, um einiges auffälliger aber nicht weniger rätselhaft fristet dagegen die „Stelzen-Maari“ auf der Kuppe des Rodelberges ihr Dasein. Wetten, dass hundert von hundert Menschen, einerlei ob kunstaffin oder -banause wie ich, ihre Botschaft nicht entschlüsseln werden? Selbst in Mering Ansässige werden fehlgehen, so man ihnen die Idee des Künstlers bei der Gestaltung der Skulptur nicht hinterbringt.

Ich schaue kaum mehr hin, nicht zum Ei, noch zur Maari. Nehme en passant spielende Kinder war, was sich im Start-/Zielbereich tut, auch die weitgehend fruchtlosen Versuche eines jungen Paares sich auf der schwankenden Slackline zu halten. Vernehme lustige Kommentare der Boulespieler, die ihre Eisenkugel nahe am Ziel, einem Holzkügelchen, zu platzieren versuchen. Dabei jedoch jedes Mal scheitern, zumindest dann, wenn ich im alle-paar-Minuten-Takt an ihnen vorbeizuckele. Züge rauschen vielfach über die Bahntrasse, Gassigeher führen auch nachmittags Hunde aus, Radler sausen durch den Park. All das sehe ich, registriere es offenbar auch, setze mich dazu aber in keinerlei Beziehung. Weder, indem ich drüber nachdächte, noch auf irgendeine Weise emotional. Was mich einzig beherrscht und ausfüllt ist der Wunsch Runden zu einem Marathon aneinander zu reihen. Im selben Maße wie der Körper sich diesem Wunsch widersetzt, wende ich Willenskraft auf; um weiterzulaufen oder wieder anzulaufen, wenn ein „Boxenstopp“ die Schrittfolge unterbrach. Es ist hart, ich kämpfe.

Ich behalte Uhr und Kilometerzähler im Auge, rechne Mal um Mal verbleibende Zeit und noch zu laufende Kilometer gegeneinander auf. Stets erweist sich mein Zeitpolster als komfortabel. Eine beruhigende Schlussfolgerung, die sehr lange den „Eifer“ beim Rundensammeln nicht bremst. Denn: Was, wenn etwas geschieht? Etwas, das Knall auf Fall eine halbe Stunde abzwackt? Einerlei was und egal wie unwahrscheinlich es auch sein mag. Doch steter Tropfen höhlt den Stein, in diesem Fall meine Laufmoral. Mehr als eine Stunde bleibt mir noch für lächerliche sechs Kilometer. Also wozu sich ein Bein ausreißen? Sich kontinuierlich quälen für sinnlose Ergebniskosmetik? - Resignation schlägt ein Leck in den Damm läuferischer Ambition: Meine Aufenthalte im Start-/Zielbereich häufen sich und länger werden sie auch. Um „Argumente“ mir das Bummeln schönzureden bin ich nicht verlegen: Mal isses Durst, dann noch’n Gel, von dem ich mir Erleichterung erhoffe, mehrmals auch der Gedanke Cola vom Büffet - das bisschen Koffein darin - könnte helfen … Was tatsächlich dahinter steckt, verheimliche ich mir aber auch nicht: Der Marathon ist sicher und Lust habe ich überhaupt keine mehr.

Bei einem dieser Boxenstopps erfahre ich von Greppi, dass „professionelle“ Böller den Lauf nach sechs Stunden „abschießen“ werden. Die Nachricht alarmiert mich. Zum Ende des Laufs erwarte ich meine Frau Ines mit unserem Vierbeiner Bobi an der Strecke. Zwar ist Bobi kein Angsthase aber geräuschsensibel. Schon Donnergrollen bei Gewitter ist ihm nicht geheuer, dann verzieht er sich daheim in eine Ecke. Ich werde Ines warnen müssen, damit Bobi den Schlussknall mit Schalldämpfung, das heißt sicher im Auto verwahrt, überstehen kann.

Stunde sechs: Die Zeit fließt zäh wie Honig, droht mit Stillstand. Ich sollte stur vor mich hin trotten und nicht so oft auf die Uhr schauen: Wie lange noch? Wie weit noch bis Marathon? Wann werden Ines und Bobi in der Arena auftauchen? - Antworten auf die Fragen eins und zwei finde ich an meinen Handgelenken. Die Schere zwischen viiiel Zeit und wenig Reststrecke beginnt sich infolge gehäufter Boxenstopps unwiderruflich zu schließen … Etwa 20 Minuten vor „Boom!“ begrüße ich meine „Fanbase“ im dreieckigen Rund. Endlich darf ich in Ines‘ Lächeln baden, ihre guten „Vibes“ saugen wie Kolibris süßen Nektar. Ines hat schon vom Knalleffekt erfahren, den zwei in landesübliche Tracht gehüllte Protagonisten, Sie und Er, in ein paar Minuten entfesseln werden.

Ich wechsele ein paar Sätze mit meiner Frau, kehre dann ins Hamsterrad zurück. Die verbleibende Zeit wird gerade noch reichen, um Marathondistanz hundertprozentig sicher, also mit Zuschlag infolge GPS-Messfehler, zu absolvieren. 13 Minuten vor Ultimo stehen 42,2 km in der Anzeige. Einen Kilometer will ich zur Sicherheit noch addieren, bleibe zu diesem Zweck in der Spur, ohne weitere Pause aber auch ohne Eile. Unterdessen haben die Trachtler auf der Kuppe des Rodelhügels Position bezogen. Die in luftiger Höhe über ihnen balancierende Stelzen-Maari kann sich hoffentlich halten, wenn die Böllerkanonen feuern.

Reicht‘s noch für eine volle Runde? - Eine geht noch. Letztmalig erklettere ich den Anstieg, der mir seit geraumer Zeit mächtig in die Beine fährt. Jenseits wieder runter, Spitzkehre, parallel zum Bach dahin, links abbiegen, aufs Heerlager zu … Dort angekommen bricht die Schlussminute an. Also trabe ich hyperlangsam weiter, kehre jedoch alsbald um … Noch dreißig Sekunden, zwanzig … Erste Glockenschläge des Drei-Uhr-Geläuts schallen vom nahen Kirchturm herüber … Falls es Menschen geben sollte, in Mering oder den Nachbarorten, die noch ihre Siesta genossen - in diesem Augenblick endet sie abrupt. Doppelt infernalischer Böller aus zwei abgefeuerten Kanonen lässt einen Riss in der Erdkruste befürchten. - Gottlob tut sich kein Spalt auf, die vulkanische Eruption im beschaulichen Mering bleibt aus. Meine Uhr gibt 43,8 Kilometer zu Protokoll.

 

Fazit zur Veranstaltung

Einhellig die Meinung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Das hat gepasst. Andy Greppmair wendete viel Mühe und diverse Helfer (unter anderen seine Familie) auf, um sein 6h-Debüt in Mering zum Erfolg werden zu lassen. Obschon mit ca. 460 m recht kurz, schafft es die Strecke im kleinen Park „Badanger“ die Kreisenden bei Laune zu halten. Was ihr an Länge abgeht, macht die Runde mit grüner Optik und viel Volk, das sich bei sonntäglichem Müßiggang beobachten läßt, wieder wett.

Persönliches Fazit: Einmal mehr habe ich mir demonstriert, dass Läufe im Hamsterrad zwar möglich, aber kein Fest mehr für mich sind. Greppi plant eine Wiederholung. Wäre ich im nächsten Jahr dabei? Ich ziehe mich mal auf ein entschieden unentschiedenes „vielleicht“ zurück.

 

 

Die traurige Nachricht zum Schluss: Einer fehlte diesen Sonntag im Läuferfeld, war erwartet worden, erschien aber nicht. Erst nach dem Lauf erfuhren wir: Jürgen Englerth verstarb kurz vor der Veranstaltung an den Folgen eines Herzinfarkts. Mit 63 Jahren viel zu früh. Ich kannte ihn kaum, habe nie mehr als ein paar Sätze mit ihm gewechselt. Musste ich auch nicht, um ihn zu mögen. Seine wohltuende Ausstrahlung war stets Grund genug gerne mit ihm unterwegs zu sein. Ich behalte ihn mit jenem, oft verschmitzten Lächeln in Erinnerung, das Jürgen stets mit sich trug. Jürgen Englerth war durch und durch von positivem Sportsgeist beseelt. Als Teakwondo Großmeister (8. Dan) war er in der Kampfsportszene weithin bekannt und als Lehrer begehrt. Jürgen wird fehlen.