2. August 2026

           Bekannt, unbekannt, wiedererkannt  -
                                  Marathon am Lech, „Historic Route“

Oder:   Unterwegs in der Wasserstadt Augsburg

Ein langer Weg liegt vor jenen, die mich zunächst am Lechufer, dann auf der „Historic Route“ durch Augsburg begleiten, wo steinerne Zeugen von 2.000 Jahren bewegter Geschichte künden. Ich lebe schon lange vor den Toren der Stadt, empfand die bayerisch-schwäbische Metropole stets als „Wasserstadt“; lange bevor das „Augsburger Wassermanagement-System“ im Jahr 2019 in den Rang eines UNESCO-Welterbes aufstieg. Wasser und Wasserverwendung begegnet man auf Schritt und Tritt in Augsburg und deshalb auch in meinem Bericht.

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Bequemer geht’s nicht, Marathon quasi vor der Haustür: nur 20 Minuten fahren, aussteigen, Shakehands mit Veranstalter Bernie Manhard*, der selbst mit von der Partie ist und allen anderen. Letzteres ist bei insgesamt 10 Teilnehmern (davon eine Teilnehmerin), von denen ich die meisten kenne, rasch erledigt. 9 Uhr: Nach obligatorischem Gruppenfoto gibt Bernie das Signal, der Tross setzt sich in Bewegung. Drei schnellere Läufer enteilen, sieben langsamere zuckeln hinterher.

*) Bernie Manhard gehört zum Team TOMJ (sprich: „tomi“), einem Zusammenschluss mehrerer Läuferinnen und Läufer aus dem Raum Augsburg. Erfolge der „Tomjs“ werden von Webmaster Bernie auf der TOMJ-Homepage dokumentiert, ebenso die von Mitgliedern ausgeschriebenen Läufe.

Unsere Route beginnt und endet etwa 8 km südlich von Augsburg, am Weitmannsee, unweit des Lechs. Vom Lechufer trennt den See ein breiter Schotterweg parallel zum Hochwasserdamm. Zwischen Damm und Lech erstreckt sich ein schmaler Streifen Auwald. Auf dem Hinweg nach Augsburg nutzen wir den Kiespfad am Flussufer. Nachteil: Häufige, mit Kies geschotterte Abschnitte fressen zusätzlich Körner, die mir später fehlen werden. Vorteil, der den Nachteil um diese Uhrzeit wettmacht: Beinahe durchgängig Schattenwurf von Bäumen und hohen Büschen. Schon auf dem Anfangskilometer bleibe ich Meter um Meter hinter den anderen zurück. Lediglich Greppi (Andreas Greppmeir, ebenfalls Team TOMJ) konkurriert mit mir um die rote Laterne.

Glasklares Wasser mit Bade- (fast Trink-) qualität, Herkunft: Lechtaler Kalkalpen, fließt neben mir nordwärts gen Augsburg. Leider als Flussleiche namens Lech. Sobald der Bergfluss in Füssen deutschen Boden erreicht, stirbt er einen jähen Tod. Verantwortlich dafür sind Stromerzeugung und Hochwasserschutz, menschliche Bedürfnisse, die bis vor wenigen Jahrzehnten stets Vorrang vor dem Naturschutz hatten (siehe Kasten weiter unten). Meine menschlichen Bedürfnisse in diesen Minuten: Ausdauer und Schweiß sparen! Eine Absicht, die in gewissem Widerspruch zur Tempotaktik steht, die ich mir für heute verordnet habe: Nicht so langsam laufen wie zuletzt. Ich will mich fordern. Nicht, um eine kürzere Laufzeit zu erreichen, mir geht‘s ums „Phänomen“, plötzliche, sekundenlange Schwächephasen. Beim Königsschlösser Marathon vor einer Woche reifte die Erkenntnis, dass Belastungspausen und/oder -reduzierungen die Attacken auslösen. Bin ich dauerhaft gefordert, bleiben sie aus. Diese These zu erhärten gehört neben Spaß haben und finishen heute auch zu meinen Zielen.

In Österreich, fast bis zur deutschen Grenze, blieb dem Lech das Wesen als Bergfluss erhalten. Erkenntlich am erweiterten, an manchen Stellen mehr als 300 Meter breiten Kiesbett, in dem bei Niedrigwasser, nach Schneeschmelze oder Dauerregen, jeweils andere Rinnen zurückbleiben. In diesem Habitat gedeiht die reiche Flora und Fauna des oberen Lechtals. Auf deutscher Seite zerstörten 23 (!) Staustufen (im Mittel eine pro 4 km) diesen Charakter. In der Nähe menschlicher Siedlungen, insbesondere dem Ballungsraum Augsburg, berauben Dämme und Wehre den Lech seiner Ursprünglichkeit.

Dass ich mich fordere, ändert nichts am Rückstand zur Gruppe um Bernie. Der verkürzt sich lediglich, wenn die fünf stehenbleiben oder gehen - wie jetzt angesichts der Schafherde im Pferch in Ufernähe. Was lässt sie innehalten? - Schafe, heißt es, üben eine beruhigende Wirkung auf Menschen aus; man denke ans Schafezählen um einzuschlafen. Wie dem auch sei: Mich fordern die „bewollten“ Vierbeiner zu idyllisch angehauchten Fotos heraus (Die Beweidung mit Schafen dient dem Erhalt der Hochwasserdämme).

Lech und kein Ende: Alle paar hundert Meter donnert seine Flut über ein betoniertes Wehr ein paar Meter in die Tiefe. Danach wieder dasselbe Bild: Links die Uferböschung, darauf ein schmaler Streifen Grün, dahinter träge fließendes Wasser, rechts vom Pfad das Dickicht des Auwalds. Die Distanz bis Augsburg zieht sich in die Länge. Schon jetzt denke ich an den Rückweg: Nachmittägliche Hitze, kein Schatten, nebenan, hinterm Damm auf dem Fahrweg. Womit ich beim Wetter angekommen wäre: Blauer Himmel, spätere Wolken nicht ausgeschlossen, derzeit etwa 26°C, mittags wird der Sommer Ernst machen und die 30-Grad-Marke überspringen.

Mehr und mehr Wanderer, Radler und Gassigeher kommen mir entgegen. Untrügliches Zeichen, dass das Augsburger Naherholungsgebiet Kuhsee-Hochablass-Siebentischwald nicht weit sein kann. Kilometer 7: Der Auwald bleibt zurück, freie Sicht zum Stauwerk Hochablass (siehe Kasten). Von rechts blinkt der Kuhsee herüber, den wir auf dem Rückweg umlaufen werden. Auf der Mauerkrone des Stauwehrs überquere ich den Lech, den turmartigen Aufbau des alten Getriebehauses vor Augen. Das Defilee Erholungshungriger hat bereits eingesetzt. Mit achtsamen Tippelschritten suche ich die Ideallinie zwischen menschlichen Slalomstangen. Voraus, noch auf der Dammkrone, scharen sich die Mitläufer um Bernie, der offenbar einen Bekannten traf. Ich nutze die Chance den joggenden Fünfer, zum Sechser zu erweitern.

Die Anfänge des Hochablasses datieren im Mittelalter. Von jeher kam dem Stauwehr die Aufgabe zu Lechwasser auszuleiten, das über Kanäle die abseits des Ufers erbaute Stadt versorgte. Dazu spaltet sich der am Hochablass beginnende Hauptkanal nach und nach in Nebenkanäle auf. Zur Olympiade 1972 wurde die am Hochablass beginnende Kanustrecke zum so genannten Eiskanal, einer Wettbewerbsstrecke auf Weltniveau, umgebaut.

Mit Blick auf übende Kanuten streben wir dem historischen Wasserwerk zu. Schon eine ganze Weile spüre ich, dass mich die anfallartige Sekundenschwäche attackieren möchte. Die vor Wochenfrist beim Königsschlösser Marathon formulierte „Regel“, wonach das Phänomen bei Lastwechsel einsetzt, bewahrheitet sich: Tempo nahe null als ich zur Gruppe aufschließe, beim „forschen“ Weiterjoggen übermannt mich Schwäche. Sehr kurz nur, deshalb kaum störend.

Vorm historischen Wasserwerk (siehe Kasten) spendet ein Trinkbrunnen frisches, kühles Nass. Es dauert ein paar Minuten, um sechs Bäuche und Wasserflaschen zu füllen. Wir verabschieden Charly, er wird (wie beabsichtigt) um- und zum Weitmannsee zurückkehren. Für einen ganzen Marathon fehlt ihm derzeit noch die Puste. Vor der Fassade des herrlich restaurierten Wasserwerks, Teil des Augsburger Weltkulturerbes „Wassermanagementsystem“, machen wir anderen fünf uns wieder auf den Weg.

2019 wurde der Stadt Augsburg für ihr Wassermanagementsystem der Status Weltkulturerbe zuerkannt. 22 historische Einrichtungen bezeugen raffinierte, über Jahrhunderte erbrachte Ingenieursleistungen zur Versorgung der Stadt mit Trink- und Brauchwasser. Zu ihnen zählt auch das Wasserwerk am Hochablass. Seit 1879 versorgte es Augsburg mit Grundwasser. Maschinenkraft pumpte Wasser aus Tiefbrunnen im Stadtwald und presste es über gusseiserne Röhren zu allen Haushalten im Stadtgebiet. Die eingesetzte Technologie war weltweit bahnbrechend. 1973 wurde die Wasserversorgung aus dem historischen Wasserwerk stillgelegt, die Anlage zur Stromerzeugung umgebaut.

Wir bleiben am Lechufer und damit überwiegend im Schatten der Bäume. Das „wir“ erstaunt mich, genauer: dass es mir gelingt mit den anderen Schritt zu halten. Mehrfach führe ich die Riege sogar an. Brüche im Laufrhythmus, etwa für Fotos, versuche ich zu minimieren, zudem mein Tempo fordernd zu halten. Tatsächlich bleiben weitere Schwächeattacken aus. In Höhe Osramsteg wechseln wir die Flussseite. Die Bezeichnung steht für eine Eisenbrücke der Augsburger Localbahn mit separatem Steg für Fußgänger. Den Namen erhielt die Brücke zu Zeiten als die Firma Osram auf dem Industriegelände nebenan noch Glühbirnen fertigte. Vor ein paar Jahren wurde der Standort aufgegeben.

Auf der Ostseite des Lechs joggen wir weiter nordwärts, auch hier im Schatten alter Bäume. Nächste Zwischenstation: Wasserspielplatz Flößerpark am Lechufer (km 11,5). Dort wartet eine Handpumpe darauf für uns Wasser zu fördern. Wasser, das nicht als „Trinkwasser“ ausgewiesen ist. Bernie hält es dennoch für unbedenklich. Die Stadtverwaltung, argumentiert er, wird es nicht riskieren spielende Kinder zu gefährden. Wie erwartet ist die Pumpe „besetzt“. Zwei Kids im Vorschulalter finden aber Spaß daran den „Großen“ die Flaschen zu füllen. Mein Dankeschön gilt dem „Mann an der Pumpe“. Der nahebei sitzenden Mama versichere ich eilfertig die Gesichter der Kids zu verpixeln, sollte ich die Fotos im Laufbericht online stellen. Keine Ahnung, wieso ich mich zu dieser Erklärung versteige. „Mama“ nimmt es lächelnd hin, scheint es für völlig selbstverständlich zu halten, dass Fremde ihre Kinder fotografieren. Vermutlich wollte ich mich einfach mitteilen, alles andere als „üblich“, wenn ich laufe. Sogar so unüblich, dass es mir selbst auffällt. Ich werte es als Ausdruck guter Laune, ein Geschenk, das mir Marathon laufend in den letzten Monaten selten zuteil wurde.

Nächster Hingucker ist ein Hochhaus auf der anderen Uferseite, genauer gesagt dessen bunte Fassade. Heute ein Studentenwohnheim, ursprünglich für Athleten der Sommerolympiade 1972 erbaut. Die Kunstwerke am so genannten Peacetower wurden erst vor kurzem von lokalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern fertiggestellt. Ich versuche mir vorzustellen, welche technischen Schwierigkeiten, insbesondere Sicherheitsvorkehrungen, das Bemalen der vielleicht 50, 60 Meter hohen Wände erforderte!? - Am nächsten Highlight, einer Wohnanlage aus dem Jahr 1927, den Werk-Wohnungsbauten der Baumwollspinnerei am Stadtbach Augsburg, joggen meine Mitläufer achtlos vorbei. Dabei fällt der turmartige Mittelteil über dem Torbogen des langen Gebäudetraktes durchaus ins Auge. Erneut ein Relikt aus Augsburgs industrieller Vergangenheit, in diesem Fall als bedeutendes Zentrum deutscher Textilindustrie (siehe Kasten).

Schon in vorindustrieller Zeit war Augsburg ein europäisches Zentrum der Textilindustrie, wodurch sich ein hoher zusätzlicher Bedarf an Fließwasser in der Augsburger Altstadt ergab. Im 19. Jahrhundert hielten Maschinen Einzug bei der Tuchherstellung. Große Fabriken außerhalb der alten Stadtmauern entstanden, in denen ums Jahr 1900 bis zu 10.000 Menschen tätig waren. Nach den Weltkriegen, in den 1950er-Jahren, beschäftigten Augsburger Textilfirmen über 17.000 Mitarbeiter. Der Niedergang infolge fallender Weltmarktpreise begann in den 1960er-Jahren. Um die Jahrtausendwende waren nur noch etwa 1.500 Menschen im Textilsektor tätig, alle großen Werke geschlossen.

Über die so genannte MAN-Brücke wechseln wir zurück ans Westufer. Nächste Bauwerkbezeichnung mit industriellem Bezug, den die Realität überholte. Zwar werden in den Werkshallen noch immer gigantische Dieselmotoren und Turbinen (z.B. für Schiffe) gefertigt, doch nicht mehr unter dem Traditionsnamen MAN (Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg). Dort prangt jetzt die Bezeichnung Everllence und das nicht mal infolge einer Übernahme (siehe Kasten). Man darf gespannt sein, wie lange sich dieser Schriftzug dort oben an der Dachkante halten wird. Die Halbwertszeit mancher Firmennamen strebt im neuen Jahrtausend gegen null.

Vormals MAN Energy Solutions wollte, dass sich der intern vollziehende technologische Wandel zu innovativen, nachhaltigeren Antriebs- und sonstigen Energielösungen, im Firmennamen widerspiegelt. Die 2025 eingeführte Marke Everllance vereint die Begriffe „First Ever“ (erstmalig) und „Excellance“.

Gegenüber von MAN - verzeiht einem alten Mann starrköpfiges Festhalten an Traditionsnamen - erwartet uns der nächste Sightseeing-Termin unserer Route. Der erste von vielen, die jetzt, in der Augsburger Innenstadt, wie Perlen einer Kette aufgereiht folgen werden. Vor uns erheben sich die Mauern einer teilweise erhaltenen Festungsanlage, die Augsburger als Lueginsland kennen. Der Volksmund formuliert treffend, so auch in diesem Fall. Nach 20 schweißtreibenden Höhenmetern über Steigungen und Treppen oben angekommen, genießen wir den Weitblick zur östlichen Vorstadt. - Über verwinkelte Treppenabgänge geht’s wieder runter, anschließend an der Stadtmauer entlang südwärts und vorbei an einer Polizeistreife. Wen oder was sie und er in dunkelblauer „Rüstung“, neben ihrem Einsatzfahrzeug stehend, observieren, beschützen oder vollstrecken, weiß ich natürlich nicht. Weil’s aber grad so gut passt - fünf „verwegen“ anmutende Gestalten ergreifen die „Flucht“ -, wende ich mich spontan an die Polizistin: „Wir sind nicht gefährlich, wir sehen nur so aus!“. Ihr Auflachen lässt mich mutmaßen, der Ordnungshüterin den Wochenenddienst ein klitzekleines bisschen verschönert zu haben.

Infolge steten Fotohungers komme ich als Letzter an, wo die anderen sich bereits erwartungsvoll versammelten, zu Füßen des Steinernen Mannes, oder, im Slang des Native-Augsburgers gesprochen: beim Stoinerne Ma. Nicht zum ersten und beileibe nicht letzten Mal schlüpft Bernie ins „Kostüm“ des Fremdenführers und unterhält uns mit einer Geschichte zur Steinfigur (siehe Kasten). Wildes Posen vor der Statue, gefolgt von Feuer aus allen Kamerageschützen beendet den Aufenthalt (der unserer Laufzeit natürlich etliche Minuten hinzufügt).

Während des 30jährigen Krieges 1634/35 rückten die Schweden gen Augsburg. An dieser Stelle der Stadtmauer, oberhalb der Schwedenstiege, demonstrierte der listige Bäcker Konrad Hacker reichliche Lebensmittelvorräte in der Stadt, wonach die Schweden die Belagerung abbrachen. Die Legende kennt mehrere Versionen des Geschehens. In einer ist von einem Laib Brot die Rede, den er hoch erhobenen Armes präsentierte, woraufhin die wütenden Schweden ihm den Arm wegschossen. Eine andere Version erzählt von einem Korb voller Laibe, die er aus Sägemehl gebacken hatte. Er kippte die Laibe über die Stadtmauer, um Durchhaltefähigkeit vorzutäuschen. Keine Version ist verbürgt, obschon ein Bäcker mit Namen Konrad Hacker seinerzeit tatsächlich in Augsburg lebte.

Hinterm „Steinmann“ bringt uns eine Treppe, die Schwedenstiege, runter zum Fuß der Festungsanlage und dem ersten, von zwei Venezianischen Muschelbrunnen in Augsburg. Der kunstvoll aus weißem Kalkstein im 16. Jahrhundert gefertigte Brunnen stammt aus Venedig. Wie er hierher, zum Fuß der Schwedenstiege gelangte, kann nach Anklicken des Links nachgelesen werden. Auch der Muschelbrunnen spendet Trinkwasser, füllt unsere Mägen und Flaschen. Wieder tickt die Uhr ein paar Minuten weiter, bis wir uns endlich vom Fleck bewegen, die Straße überqueren und fortan am Rand des Äußeren Stadtgrabens joggen; also jenem Abschnitt des Festungsgrabens folgen, der, noch auf voller Breite geflutet, seinen ursprünglichen Zweck verrät.

Schon im 19. Jahrhundert verfiel ein findiger Augsburger auf die Idee, dass sich hier mit der Vermietung von Ruderbooten Geld verdienen ließe. Seit dieser Zeit spricht man von der Augsburger Kahnfahrt, der Ausflügler auch an diesem Sonntag mit Bilderbuchwetter zusprechen. Beim Anblick der Boote wird mir einmal mehr bewusst, wie wenig ich diese Stadt kenne, vor deren Toren ich seit über 50 Jahren wohne. Kahnfahrt? - Ich wusste, dass es sie gibt, war aber noch nie hier. Diverse Versuche ein möglichst aussagekräftiges Kahnfahrt-Bild zu schießen bringen mich ins Hintertreffen, die Gruppe setzt sich stückweit ab. Wozu ich weitere Gelegenheit liefere, weil ein in den Putz einer Hauswand eingebettetes Medaillon mein Interesse erregt. Es zeigt das Profilbild eines Männergesichts, das mich spontan an einen der Fugger denken lässt (siehe Kasten) - wie auch nicht in Augsburg, das viele unter dem Beinamen Fuggerstadt kennen.

Zu Beginn des 16. Jahrhunderts, gründend auf dem Reichtum des Kaufmanns Jakob Fugger, fungierte Augsburg eine Zeit lang als inoffizielles Machtzentrum des Abendlandes. Das Relief im Medaillon bildet allerdings keinen Fugger, sondern Kaiser Maximilian I. ab, damals Kreditnehmer und damit Bittsteller, dessen Aufstieg und Regentschaft Jakob Fugger mit seinem nach heutigen Maßstäben unermesslichen Vermögen finanzierte. Historiker schätzen das damalige Vermögen von Jakob Fugger auf einen heutigen Gegenwert von 300 bis 400 Milliarden Dollar.

Ich drehe dem Medaillon den Rücken zu, will weiterlaufen, da wird mein Blick vom historischen Gebäude gegenüber eingefangen. Auch an diesem Ort hinter der Kahnfahrt war ich noch nie und bin von den vielen Eindrücken überwältigt. Woran ich gerade hochblicke ist der St.Jakobs-Wasserturm (erbaut 1604-1609). Besser gesagt hochblicken will, als mich eine Stimme davon abbringt: „Du bist Udo, gell!“ Die Stimme gehört einer Dame im fortgeschrittenen Alter, von der offenen Eingangstür des Turms zu mir her schauend. Rasch stellt sich heraus, dass ich Barbara gegenüberstehe, der Teilnehmerin an einem Halbmarathonseminar, das ich vor mehr als zehn Jahren für meinen Verein durchführte. Witzig: Da tippele ich auf Marathonkurs durch Augsburg und begegne ausgerechnet jemandem, dem ich zum ersten Halbmarathon seines Lebens verhelfen durfte.

Uns bleibt allerdings keine Zeit die läuferische Bekanntschaft jenseits bloßen Erkennens aufzufrischen, meine Mitläufer „erjoggten“ sich unterdessen einen ziemlichen Vorsprung. Abschied und weiter, kurz darauf ein weiterer Stopp, erneut zu Füßen eines Turms, des Fünffingerlesturms (1454), von dem mir nicht einmal der Name geläufig ist. Ein Wehrturm, der seit Schleifen der Stadtmauer hier ein auffälliges Solodasein fristet. Eiliges Foto, begleitet vom Vorsatz wiederzukommen. Nun schleunigst hinter den anderen her … Vorm Jakobertor, einem von fünf noch erhaltenen Stadttoren aus dem 14. Jahrhundert, hole ich sie auf Kosten einer Ordnungswidrigkeit (Missachten der roten Ampel) wieder ein …

Unter alten Bäumen bleiben wir am Rand des Äußeren Stadtgrabens. Wasser fließt auch hier, wenngleich spärlicher als Bach. Der Äußere Stadtgraben endet in Höhe des Vogeltors, ein weiteres Stadttor von 1445, Laufkilometer 17. Diesen Bezirk Augsburgs kennt wahrscheinlich jeder Bewohner der Region. Zumindest seit vor 25 Jahren gegenüber die City-Galerie öffnete, eine nach Vorbild großer Shopping Malls gestaltete „Kathedrale des Konsums“. Unser Weg knickt in Höhe Vogeltor gen Süden ab, folgt also weiterhin der ehemaligen Stadtmauer. Zunächst nur wenige Meter, bis uns „Fremdenführer“ Bernie auf mehrere Fensterluken in luftiger Höhe des Vogeltors hinweist. Wir lauschen einer Anekdote, die sich seinerzeit bei der Übergabe des fertigen Turms an den Stadtrat zugetragen haben soll (siehe Kasten). Mein Armutszeugnis nimmt allmählich schamvolle Dimensionen an: Auch dieser „schlüpfrige“ Mosaikstein der unorthodoxen Bauabnahme fehlt in meinem Augsburg-Bild.

Wikipedia beschreibt die Bauabnahme des Vogeltors wie folgt: „Als der Neubau 1445 durch die Mitglieder des Stadtrates abgenommen werden sollte, behauptete ein Repräsentant der Stadt, das Tor und dessen aufgesetzter Turm seien schief. Da dem Baumeister in der Not keine andere Möglichkeit einfiel, stieg er auf den Turm, streckte seinen Hintern aus einem der Fenster und verrichtete sein „Geschäft“. Dieses fiel im Lot herunter und berührte nicht die Wand, so dass die korrekte Bauweise erwiesen war.“

Immer weiter am Rand der Stadtbefestigung entlang … Ihres einstigen Auftrags beraubt dient die breite, heute weitestgehend bepflanzte Rinne auf jedem Abschnitt anderen Zwecken. Ich komme am öffentlichen Kräutergarten vorbei, der, einem botanischen Garten ähnlich, jedermann für lau würzendes Grün offeriert. Erneut gilt es einen meiner Fotowut geschuldeten Rückstand aufzuholen. Voran in einer Parkanlage mit Spielplatz, wobei Passanten meinen suchenden Blick mit Zuruf und Fingerzeig beantworten: „Die anderen sind dort entlang gelaufen!“. Menschliche Wegweisung ist mir allemal lieber, als der Track auf der Uhr, den Bernie natürlich auch bereitstellte. Über eine Treppe entsteige ich dem Graben und suche entlang es Außenzauns der Freilichtbühne Tuchfühlung zur Gruppe. Seit es hier nichts mehr zu verteidigen gibt, wurden große Teile der steinernen Wehr umgewidmet oder gar umgestaltet. Grob skizziert: Hinter der Freilichtbühne erheben sich Bastion und Rotes Tor (weiteres Stadttor von 1371). Die Türme, Mauern, Absätze und Terrassen dieses komplexen Ensembles bilden für jede Art von Inszenierung auf der am Grund des ehemaligen Stadtgrabens realisierten Spielfläche ein pittoreskes Bühnenbild.

Meine Mitstreiter trödeln, geben mir Gelegenheit aufzuschließen. Von Bernie erhalte ich den Hinweis auf den zweiten Muschelbrunnen. Ich finde ihn 50 m abseits der Route, auf der Rückseite des Roten Tores. Wenn ich meinem Gedächtnis vertrauen darf, dann sind die beiden Venezianischen Muschelbrunnen baugleich. Während ich als einziger der Gruppe Wasser schöpfe und trinke, gerate ich abermals ins Hintertreffen … Mein Rückstand hält sich jedoch in Grenzen, weil just hier der „Aufstieg“ zur so genannten Augsburger Hochterrasse (siehe Kasten) beginnt. Zwar beträgt die Höhendifferenz allenfalls 20 Meter, doch auch die wollen überwunden sein. Ausnahmslos joggend hole ich wieder auf, meine Mitstreiter bevorzugen mehrfach Gehschritte.

Als Augsburger Hochterrasse bezeichnet man eine erhöhte Fläche innerhalb des Augsburger Stadtgebietes, das sich südwärts fortsetzt. Die Hochterrasse erstreckt sich zwischen den Talmulden der Flüsse Lech und Wertach. Im Norden Augsburgs mündet die schmälere Wertach in spitzem Winkel in den Lech. Daher weist die erhöhte Landmasse der Hochterrasse an ihrem nördlichen Ende die Form eines spitz zulaufenden Dreiecks auf.

Die folgenden, etwa zwei Kilometer, gesäumt von Bürgerhäusern, von denen viele nach verheerenden Bombenangriffen im 2. Weltkrieg schmucklos wiederaufgebaut wurden, lohnen nicht der Beschreibung. Apropos Bombenangriff: Wir streben dem Wittelsbacher Park zu und kommen uns kurz vor dessen baumgrüner Grenze vor als läge die letzte Kriegshandlung nur Stunden zurück. Beim Trümmerhaufen auf der anderen Straßenseite handelt sich um Reste eines Parkhauses, Anfang der 1970er-Jahre errichtet. Zudem, um das Resultat einer lächerlichen Provinzposse, die hier seit Jahren aufgeführt wird (siehe Kasten).

Genutzt wurde das Parkhaus von Bewohnern/Gästen des daneben aufragenden Wohn-/ Hotelturms, modernes Wahrzeichen der Stadt, im Volksmund Maiskolben genannt. Auch Besucher der nahen Kongresshalle stellten ihr Fahrzeug hier ab. Vor 10 Jahren wurde das Gebäude wegen Baufälligkeit gesperrt (Sanierung wegen Asbestkontamination zu teuer). Seitdem fristete es ein Dasein als hässliche Ruine, die Eigentümergemeinschaft konnte sich nicht auf die Nutzung des Areals nach dem Abriss einigen. Kürzlich ließ der Mehrheitseigentümer kurzerhand die Bagger zum Abriss anrollen, den wiederum der Eigentümer mit dem kleinsten Anteil (<1%) gerichtlich stoppte. Unterdessen verfügte die Stadt Augsburg den Abbruch des Gebäudes binnen dreier Monate.

Grüne Oase Wittelsbacher Park, Km 20,5: Unter prächtigem Baumbestand erwartet uns kühlender Schatten und nach wenigen Schritten der nächste Trinkbrunnen. Diesmal gusseisern, seiner Gestalt nach der Jugendstilepoche um 1900 herum zuzuordnen. Egal, Hauptsache Wasser rinnt, kühl und genießbar. Während ich trinke, schweift mein Blick umher, fahndet nach meinem Fanclub. Ines auf zwei Beinen und Bobi auf vier Pfoten wollen mich hier im Park treffen. Zunächst bleiben sie unsichtbar, bis wir wieder Fahrt aufnehmen und mir die beiden schließlich entgegenkommen. Von Ines übernehme ich ein paar Gelrationen, vor allem aber Lächeln und Zuspruch, stets aufbauender als schnöder Zucker aus Tütchen. Bobi ignoriert sein Herrchen erst, schnüffelt unwiderstehlich angezogen an Zweigen eines Buschs, möglicherweise einer läufigen Hundedame verfallen, die ihm hier vor Stunden oder Tagen ihre Duftnote hinterließ. Schließlich doch noch: Herrchen (lachend) und Hund (schwanzwedelnd) vereint. Vielleicht drei Minuten sind mir mit Ines vergönnt, danach jage ich … na, was wohl? Genau: wieder hinter den anderen her.

Eine ziemliche Weile bleiben meine Mitstreiter unsichtbar. Zunächst oberhalb des ehrwürdigen Rosenaustadions, mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. Dann seitlich des Stadions, abschüssig trabend. „Unten“ angekommen, habe ich die Hochterrasse verlassen und stehe nach wenigen Schritten am Ufer der Wertach; genauer: auf einem Damm, der Wertach und Wertachkanal voneinander trennt. Der Track führt mich sicher und nach ein paar Minuten flotten Trabens erscheint die Gruppe wieder auf meinem Radar …

Knapp drei Kilometer Wertachufer säumen unseren Laufweg. Sehenswertes: Das den Kanal überspannende Gebäude des gut hundert Jahre alten Wertach-Kraftwerks, eine in ihrer stählern verstrebten, leicht rostigen Schlichtheit beinahe schön zu nennende Brücke der Augsburger Localbahn (O-Ton Bernie: „Der Anblick hat was!“) und das Flussbett der Wertach. Wobei Letzteres in diesen, von mehreren Hitzewellen heimgesuchten Tagen einen beklagenswerten Eindruck hinterlässt. Der Löwenanteil des Wertachwassers speist den Wertachkanal und treibt die Kraftwerksturbinen. Das Restwasser in der mit Felsblöcken renaturierten Wertach ist unter einer dicken Schicht Algen und Wasserpflanzen kaum mehr zu sehen.

Der Weg zurück in den historischen Kern der Stadt fordert den baldigen Wiederaufstieg zur Hochterrasse. Wir kommen am Curt-Frenzel-Stadion, der Heimstatt des Eishockey Erstligisten Augsburger Panther vorbei und legen vor einem weiteren gusseisernen Trinkbrunnen die nächste Wasserpause ein. Eine unverhältnismäßig lange Pause, weil das wertvolle Nass nur einem Faden gleich aus dem Brunnenauslauf rinnt. Durst gestillt und Flaschen befüllt - ab hier durchqueren wir den Altstadtkern in südöstlicher Richtung, kommen zunächst am Wertachbrucker Tor vorbei. Durch dieses Stadttor ritt Napoleon im Jahr 1805 in die Stadt ein, wie Bernie zu berichten weiß. Damit setzen wir einen Haken hinter dem letzten, dem vierten noch weitgehend in historischer Form erhaltenen Stadttor (sieben Tore wurden, beginnend im 19. Jahrhundert, abgetragen; eines, das Fischertor, [nicht im Laufweg] um 1920 aus Nostalgiegründen in neuer Form wiedererrichtet).

Nächste Station, Km 26,5: Hofgarten der Fürstbischöflichen Residenz. Damit stehen wir inmitten eines kirchlich - in diesem Fall katholisch - geprägten Areals der Stadt Augsburg. Das mit dem „Stehen“ ist wörtlich gemeint: Der gepflegte Hofgarten lädt zum Verweilen, vor allem zu Fotos ein. Durch einen Torbogen der Fürstbischöflichen Residenz traben wir dem Fronhof entgegen, einer weiteren Grünanlage. Hohen Bäumen danke ich für den gespendeten Schatten, obwohl sie die Aussicht zum nahen Augsburger Dom beinahe vollständig verstellen. Der Dom bleibt auch wegen der am Rande des Fronhofs ausgestellten Römerfunde zunächst Nebensache. Wie meist, so auch hier, bleibt Nachdenkenwollen auf Marathonkurs infolge Belastung und fortwährendem Weitermüssen in Ansätzen stecken. Spätestens jetzt, bei der Begegnung mit Augsburgs römischen Anfängen vor über 2.000 Jahren, wäre weiterzulaufen dem Geschichtsaffinen nicht mehr möglich. So eindringlich fordern antike, aus Stein gehauene Zeugnisse zum Betrachten und Sinnen auf (siehe Kasten).

Kurz nach Beginn der modernen Zeitrechnung (ca. 10 n.Chr.) errichteten die Römer auf der Hochterrasse, unweit des heutigen Augsburger Domes, ein von Palisaden umschlossenes Lager für ca. 3.000 Legionäre. Das Lager bildete die Keimzelle für Augusta Vindelicum, die spätere Hauptstadt der römischen Provinz Rätien. Die Namensgebung ehrt den zu jener Zeit regierenden römischen Kaiser Augustus (63 v. Chr. - 14 n.Chr.), der als Stadtgründer gilt.

Nur zögerlich vermag ich diesem Ort und damit auch dem Dom den Rücken zu kehren … Ein Gefühl, das ein paar Schritte weiter, angesichts der sich öffnenden Blickachse bis hin zum Rathaus und darüber hinaus, von neuen Eindrücken verdrängt wird. Wir biegen ostwärts ab, Richtung Lech, geben nach und nach Höhe (der Hochterrasse) auf. Im Gewirr der Altstadtgassen passieren wir das Gebäude der Stadtmetzg, die 1609 als Zentralschlachterei die bereits auf 16.000 Einwohner gewachsene Stadt mit Fleisch versorgte. Von der Metzg bis zum Elias-Holl-Platz hinter dem Augsburger Rathaus sind es nur ein paar Schritte. Um die vordere Postkartenansicht des weltbekannten Renaissancebaus zu genießen, müssen wir zurück auf Hochterrassen-Niveau. Die steile Treppe seitlich des Rathauses nehmen nur Bekloppte im Laufschritt, also ich. Um, was zu beweisen? - Eigentlich nur, dass ich es noch kann. Und natürlich ist es mir darum zu tun meinem persönlichen Läuferkodex, dem „Alles-laufen-nicht-gehen“, gerecht zu werden. Zwar bringe ich das Ausdauer-Kunststückchen tatsächlich zuwege, fange mir dafür aber Kurzatmigkeit und dicke Oberschenkel ein.

Symptome der Anstrengung, die beim Überqueren des Rathausplatzes rasch wieder nachlassen. Ich wende mich um und bin vom ungewohnten Bild ziemlich überrascht. Sicher hundert Mal stand ich hier, zu allen Jahreszeiten, oft auch vor Weihnachten, wenn auf dem Platz der stimmungsvolle Augsburger Christkindlesmarkt vor der prächtigen Kulisse des Renaissancerathauses und dem imposant daneben aufragenden Perlachturm zelebriert wird. Und heute? - Endlich saniert man den baufälligen, über Jahre nicht begehbaren Perlachturm. Gerüste hüllen das barhäuptige Bauwerk ein. Sein kupfernes Zwiebeldach wurde quasi vor dem Rathaus „aufgebahrt“. Ein seltsamer Anblick. Natürlich bewegen mich angesichts der Sanierung des Turms auch Gedanken an den Perlachturmlauf. Ein Wettkampf, den mein Verein, die TG Viktoria Augsburg, über viele Jahre im Turminneren veranstaltete (siehe Kasten).

Der Perlachturmlauf ist der älteste deutsche Treppenlauf in einem historischen Bauwerk und wird seit 1989 ausgetragen. Er fordert die Athleten mit 261 Stufen und 70 Höhenmetern. Die Schnellsten standen nach weniger als 50 Sekunden oben, die Langsameren brauchten über zwei Minuten für diese „Strecke“. Seit Sperrung des Turms wegen Baufälligkeit 2017 pausiert der Lauf.

In der Fußgängerzone halten wir auf das Köpf’sche Palais zu. Ein vertrauter Anblick, und doch fängt das ohne nennenswerte Kriegsschäden im Originalzustand erhaltene Patrizierhaus wie stets meinen Blick ein. Davor steht auf massivem Steinsockel die überlebensgroße, von grün-schwarzer Patina überzogene Statue des Johann Jakob Fugger, Großneffe von Jakob Fugger, dem Reichen, - ebenfalls ein gewohnter Anblick. Ungewohnt hingegen, zu Fuggers Füßen: Eine Formation jugendlicher Tänzerinnen probt eine Choreographie. Einem Schwarm flinker Fische ähnlich bewegt sich das Ensemble zu rhythmischer Musik. „Jugendlich“ ergibt sich aus Gestalt und Gesicht, dass es sich um eine Probe handeln muss aus fehlerhafter Ausführung, uneinheitlicher Kleidung und zeitweiligen Unterbrechungen …

Länger schauen geht nicht, das verbietet der Marathonzweck meines Hierseins und Unlust hinter der Gruppe her wetzen zu müssen. Nur wenige Meter, dann streifen wir den Moritzplatz mit seinem Merkurbrunnen und biegen zur Maximilianstraße hin ab. Allein mit diesem Platz, seinem Drumherum und der anschließenden Maxstraße, ließen sich etliche Seiten eines Augsburg-Führers füllen. Die sonst so attraktive Maxstraße bietet gerade kein hübsches Bild, was den vielen Ständen des just an diesem Wochenende begangenen Weinfestes geschuldet ist. Entweder ist die Sause schon vorbei, oder die Stände haben zu dieser frühen Stunde am Sonntagnachmittag noch geschlossen. In Höhe des Herkulesbrunnens endet die Phalanx der Buden. Ab hier wieder: Augsburg „at it’s best“.

Augsburg ist bekannt für seine Prachtbrunnen: Hier, in der Maximilianstraße, über dem breiten Brunnenbecken, holt Halbgott Herkules gerade mit der Flammenkeule zum entscheidenden Schlag gegen das Ungeheuer Hydra aus. Auf dem Merkurbrunnen, zu Beginn der Maxstraße, thront die Statue von Merkur, dem Gott des Handels, von dem sich die Fugger einst und die Kaufleute von heut‘ Beistand erhoffen. Nicht mal einen Blick en passant gönnte ich heute dem in meinen Augen prächtigsten, der drei Prachtbrunnen, jenem des Kaiser Augustus auf dem Rathausplatz. Mea culpa! Allerdings: Der seltsame Anblick des eingerüsteten und seiner „Kappe“ beraubten Perlachturms verwirrte mir die Sinne.

Weiter in der „prachtbreiten“ Maxstraße südwärts, weiter sanft „bergauf“, längst mit unverstelltem Blick zur „Doppelkirche“ voraus. Quer zur Laufrichtung die Basilika St. Ulrich und Afra, die nach dem Dom bedeutendste Kirche und weithin sichtbares Wahrzeichen Augsburgs. Unmittelbar angrenzend, im rechten Winkel zur erheblich größeren katholischen Schwester, die kleine, daher meist übersehene, evangelische St. Ulrichs-Kirche (siehe Kasten).

Der heilig gesprochene Bischof St. Ulrich (890-973) befehligte im Jahr 955 hoch zu Ross die Verteidigung der Stadt gegen die anrückenden „Barbaren“. Als die Ungarn von der Stadt abließen, stellte sie Kaiser Otto I., der Große, in der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld. Bischof Ulrich ist in der Basilika, die seinen Namen trägt, begraben, ebenso die Heilige Afra (Märtyrertod durch Hinrichtung im Jahr 304). In der kleinen St. Ulrichs-Kirche wechselte die Konfession mehrmals, endgültig evangelisch wurde sie mit dem Westfälischen Frieden, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete. Danach galt in der Reichsstadt Augsburg konfessionelle Parität, derzufolge nicht nur der Stadtrat paritätisch besetzt sein musste. Auch die gesamte Verwaltung der Stadt wurde gleichrangig mit Katholiken und Evangelikalen besetzt.

Vor „dem Ulrich“, wie der Augsburger schnoddrig abkürzt, biegen wir Lech-wärts, also gen Osten ab und geben Höhe auf, verlassen die Hochterrasse endgültig. Alsbald dann ein Schwenk gen Süden und rein in die Spitalgasse, in der sich mir Augsburger Geschichte und eigenes Erleben zum gordischen Erinnerungsknoten verbinden. Auf der rechten Straßenseite weilten wir oft bei dort wohnenden Freunden, gegenüber erstreckt sich das Gebäude des Heilig-Geist-Spitals, dem ältesten Augsburger Krankenhaus von 1631. Heute residieren dort nicht mehr Krankheit und Gebrechen, sondern Aufführungen einer weltbekannten Institution der Freude, die Generationen von Kindern gebannt vorm TV-Bildschirm verfolgten. Die Augsburger Puppenkiste betreibt im Heilig-Geist-Spital ihr Marionettentheater (siehe Kasten). Vorbei an der Heimstatt von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer, hin zum angrenzenden Roten Tor und dem (nur von mir) schon vor Stunden genutzten Venezianischen Brunnen.

Die Augsburger Puppenkiste wurde 1948 im Heilig-Geist-Spital gegründet. Märchenstücke, zur Eröffnung „Der gestiefelte Kater“, bildeten damals wie heute das Repertoire der Bühne. Bald folgten Fernsehaufnahmen, reine TV-Produktionen, die nie die Bühne des Augsburger Marionettentheaters sahen, mich jedoch vor der Schwarz-Weiß-Glotze fesselten. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Kater Mikesch und das Urmel aus dem Eis - Marionettenhelden meiner frühen Jahre. - Wer eine Aufführung in der Puppenkiste besuchen möchte, sollte vorausplanen und online reservieren. Die Aufführungen sind regelmäßig ausverkauft. Zu empfehlen ist das Museum der Puppenkiste mit TV-Originalmarionetten und Führung hinter die Bühne. Erst dort lassen sich Fingerfertigkeit und schauspielerische Leistung der Menschen ermessen, die mit ihren Händen und ihrer Stimme die Marionetten zum Leben erwecken.

Minuten zum Wasserfassen, dann wieder los, jetzt durchs Rote Tor über die Bastion mit Blick von der Bühnenseite runter zur Freilichtbühne. Hier kreuzen wir unseren Weg, nach einer etwa 11 km langen Schleife durch die City, die den Kopf mit geballten Eindrücken fast überfordert. Meine Uhr meldet Kilometer 30, meine Beine wachsende Ermüdung. Südwärts streben wir der Augsburger grünen Lunge, dem Siebentischwald, zu. Hier erwartet uns ein weiterer gusseiserner Brunnen, neuerlich H2O-Labsal. Nicht lange her, dass ich am Roten Tor mit wasserprallem Wanst aufbrach und schon wieder fülle ich nach. Inzwischen mehr als 30°C warme Luft lässt Schweiß unablässig rinnen, wenngleich ich die Bedingungen bislang als angenehm empfand. Selbst in den Straßenschluchten der Stadt gab’s oft Schatten, um direkter Sonne zu entgehen.

Ich breche vor den anderen auf, will meinem Empfinden keine längere Pause mehr zumuten. Je länger eine Pause in dieser Phase der Ermüdung, umso unsäglicher die Mühe den Laufrhythmus wiederaufzunehmen - Erfahrung hunderter langer und längster Läufe, eine jener Konstanten meines Laufhobbys, die noch immer Bestand hat. - Unter Bäumen im Schatten voran. Alte, hohe Bäume, deren Leben die Säge erst beenden wird, so sie erkranken und darunter defilierenden Menschen Gefahr droht. Jahr ein, Jahr aus inspizieren Baumkundige des Gartenbauamts abertausende Bäume an Straßen und in Parks auf Standfestigkeit … Abschnitt um Abschnitt spule ich im ausgedehnten Siebentischwald ab. Überwiegend Laubwald, den schon seine wichtigste Aufgabe für Augsburg, die Trinkwasserförderung aus Tiefbrunnen, vor Verkleinerung schützt. Hier im Stadtwald kann man sich verlaufen, insbesondere an trüben Tagen, ohne Sonne zur Orientierung. Weiß ich, weil ich’s nicht nur einmal erlebte. Schon von mir bekannten Hauptwegen auf einen der zahllosen Nebenpfade abzubiegen reichte aus. Und noch etwas gibt es im Siebentischwald reichlich: Kanäle, allesamt gespeist von Lechwasser.

Ich widerstehe Erschöpfung und „allgemeinem Weh“ in den Beinen, halte mein Tempo im Baumschatten; will nicht riskieren im letzten Viertel des Marathons neuerlich von der unerklärlichen Spontanschwäche attackiert zu werden. Seit dem einmaligen Aufflackern (Km 8) ließ mich der Dämon gewähren. Zwei Kilometer weiter überquere ich zum zweiten Mal an diesem Tag die Staumauer am Hochablass. Ein Lindwurm aus Menschen, mit und ohne geschobenes Fahrrad, mit und ohne Hund, mit und ohne Kinderwagen, zwingt mich im Tippelslalom zu engen Kurven. Drüben entrinne ich dem Geschiebe, erblicke den Kiosk und suche dessen Toilette auf. Letzte Gelegenheit zum Trinken am Waschbecken. Eigentlich ist mir die Pause zuwider, doch die Sehnsucht nach Erfrischung, klebrigen Schweiß mit Seife von Gesicht und Armen zu waschen, ist übermächtig. Wieder ein paar Minuten verloren, zurück auf die Piste.

Mein Laufweg orientiert sich auf dem folgenden Kilometer am Ostufer des Kuhsees. Ein zu dieser Zeit, im Sommer, an einem heißen Sonntagnachmittag, wenig erbaulicher Abschnitt für Jogger. Der Slalom vom Hochablass setzt sich in großzügigeren Kurven um Myriaden flanierender Städter und den Weg kreuzender Badegäste fort. Zusätzlich Substanz kostet nun die Hitze, der Schatten einzeln stehender Bäume erreicht mich selten, zudem ist es hier zwei, drei Grad wärmer als zuvor im Wald. Nur an wenig belebten Abschnitten, abseits sonnenbadender Zeitgenossen, wage ich Fotos vom See. Männer, sicher auch joggende, geraten in diesen Zeiten allzu leicht unter Verdacht …

Mit dem Uferweg am Kuhsee beginnt die Zeit des Sehnens: Möge es bald vorbei sein. Bitte! Vom See biege ich auf den fein geschotterten Weg parallel zum Lechdamm ab. Auf dem Hinweg, heute Morgen, hielten wir uns dicht am Lechufer, einen Steinwurf weit entfernt. Schritte gehen auf dem guten, feinschottrigen Geläuf zwar leicht vom Fuß, dafür gibt es keinen Quadratmillimeter Schatten mehr. Erbarmungslos heizt mich die Sonne auf, unablässig wische ich Schweiß aus der Stirn. Wiedervereint mit Bernie, Judith und Andreas, die auf den Boxenstopp am Kiosk verzichteten. Sie ziehen es vor auf der weniger fußfreundlichen Dammkrone zu laufen. Das kostet zusätzlich Körner, weswegen mir ihre Wahl nicht einleuchtet.

Boaaah! - das ist jetzt einfach nur noch hart. Deutlich mehr als 30°C Gluthitze und von oben brennt ungebremst der Stern, meine Freundin. Eigentlich. Heute erweist sie mir zu viel ihrer Gunst. Ich stöhne, lautlos, schaffe es nur mit größter Willensanstrengung weiterzulaufen. Judith und Andreas fällt der Jogg offenbar leichter, der Rückstand zu ihnen wächst unaufhaltsam. Bernie leidet anscheinend stärker unter der Hitze als ich, fällt zurück. Noch’n Kilometer und noch einer … 36, 37 … Ich schmelze, bruzzele, werde gegart … Presse mehr und mehr des Inhalts der lange unangetasteten Rucksackflasche in den Mund, schlucke … Ob’s im Magen ankommt oder schon unterwegs in der Speiseröhre verdampft?

Laufen, genauer: tippelnd Schlurfen wird immer unerträglicher, bis mir meine strahlende Freundin erstmals den Stecker zieht. Entkräftet gehe ich ein Stück. Schaue zurück: Bernie ist hinter einer Dammbiegung nicht mehr zu sehen. Schaue voraus: Judith und Andreas schrumpfen rasch auf Größe bunt schillernder Käfer. Ich trabe wieder los, will die Tortur so rasch es meine Verfassung noch zulässt hinter mich bringen. Leichter gedacht - viel leichter! - als getan. Freude und Spaß, heute lange Zeit willkommene Begleiter, starben längst den Hitzetod. Andauernder Kampf, fortwährende Überwindung, einzig getrieben vom Willen mir das Finish zu sichern. In der Uhr stehen 39 Kilometer und noch immer keine Spur vom Ufer des Weitmannsees. Was umso schwerer wiegt, weil wir ihn auf dem Rückweg umlaufen müssen.

Meine Trinkflasche ist unterdessen leer, pipiwarm die letzten Schlucke. Da vorne, da beginnt die Weitmann-Pfütze! Endlich! Näherkommend: Fata Morgana, wieder nix. Frust plus Entkräftung plus Hitze: Wieder gehe ich. Keine Ahnung wie lange. Zwei ameisengroße Menschen weit voraus auf dem Damm: Judith und Andreas. Gehen ist ganz großer Mist: Tut weh und bringt mich dem Ziel kaum näher. Wieder erzwinge ich Laufschritte, erreiche endlich das Nordende des Sees. Nun „nur noch“ dran vorbei, kann ja nicht mehr weit sein … schon 41 km auf der Uhr.

Das Seeufer verbirgt sich hinter einem Streifen aus Büschen und Bäumen, ich halte stur Kurs auf dem Weg am Dammfuß. Könnte den schattigen Uferweg nehmen, Schweiß sparen, scheue aber das ruppige Geläuf dort drüben. Bleib, wo du bist, Udo! Einmal mehr nehme ich die zwei Ameisen in den Fokus. Verflucht! Noch immer joggen sie auf der Dammkrone. Wann ist der Sch … see endlich zu Ende!? Noch ein Stück gehen, Energie sparen, neue Kraft sammeln. Endlich: Die Ameisen verlassen den Damm, verschwinden im seenahen Gehölz. Ein Bild das Willen freisetzt, mich zu weiteren Laufschritten ermutigt. Endlich darf auch ich in den grünen Hohlweg abbiegen … empfangen von rauem, kiesigem Geläuf, entschädigt von ein bisschen Schatten. Danke. Die Hoffnung baldigst das Seeende zu umrunden zerschlägt sich rasch. Kann den See hinter Dickicht zwar nicht mehr ausmachen, dennoch zwingt mich der Pfad weiter südwärts … Fluchen hilft. Fluchen macht alles Leiden erträglicher. Fluchen setzt ungeahnte Reserven frei. Aber jetzt! Kurve gen Osten, Minuten später ein Bogen nordwärts. Wasser blinkt durch die Bäume, unebener Pfad, tonnenschwere Beine - nimmt das denn gar kein Ende mehr?

Offenbar nicht. Mehrfach meine ich mich dem Start-, zugleich Zielpunkt zu nähern. Und schwuppdiwupp spielt mir der Marathonschieber den nächsten Streich, rückt die ersehnte Marke neuerlich von mir ab … Ach komm, Udo, geh noch ein Stück, nicht weit, nochmal kurz erholen … Gedacht, gemacht … Schlussendlich der lange Landeanflug, die letzten paar hundert Meter. Aus Spuren mir verbliebener Energie forme ich finale Laufschritte und erreiche die Zielmarke. Die Uhr meldet 43,7 km und 6:39:44 Stunden.

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Tapfer und zäh, wer bis zu dieser Zeile lesend durchhielt! Viele werden es kaum sein, insbesondere angesichts gehäufter zeitgeschichtlicher und persönlicher Details. Zeitweilig beschlich mich die Furcht die Authentizität des Berichts könnte unter der fortlaufenden Recherche zur Absicherung der Fakten gelitten haben. Vor allem, weil sich dadurch die Erstschrift über Wochen hinzog. Mehrfaches, kritisches Korrekturlesen zerstreute diesen Verdacht.

 

Fazit zur Veranstaltung

Was für eine Strecke! Mehr Impressionen und historische Ansichten als eines Menschen Hirn verarbeiten könnte. Dabei weist mein Bericht Lücken auf. Hätte ich alles erwähnt, was ich sah oder mir an diversen Schauplätzen an eigenem Erleben in Sinn kam, wäre viel mehr Text entstanden.

Bernie Mannhards Vorbereitung war vorbildlich: Mehr als genug Wasserstellen hat er beschrieben, uns unterwegs mit Augsburger Geschichten unterhalten, einen verlässlichen Track bereitgestellt und zu allem Überfluss auch noch aus Lechkieseln eine Medaille kreiert und hergestellt. Danke Bernie!

Fazit: Den Marathon am Lech auf der „Historic Route“ würde ich zu gerne wiederholen, vielleicht auf alternativer Strecke in der Stadt, um weitere 1.001 Sehenswürdigkeiten in den Fokus zu nehmen.