25. Juli 2026

Verrückt und kurios  -  Königsschlösser Marathon Füssen

Im Grunde unverständlich, wieso ich von einiger Schreiblust getrieben diese Erzählung beginne. Immerhin wird auch von Unschönem zu berichten sein, zum Haareraufen Verrücktes trug sich zu. Andererseits war’s in Teilen erbaulich, manches überraschend und einiges kurios. In Summe Antrieb genug, um nicht nur gewohnter „Berichtspflicht“ zu genügen. Einiges in meinem Kopf will sich mitteilen, den Monitor mit schwarzen Buchstaben füllen.

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Samstag - Wochenende! - kurz vor halb acht Uhr früh, auf dem Zifferblatt meiner „Vitaldramaturgie“ quasi Morgengrauen. Natürlich bin ich wach, nur hab ich keine Lust dazu. Stand fünf Uhr früh auf, fuhr hierher, empfing meine Startnummer, habe es sogar geschafft in allen Details Startbereitschaft herzustellen, stehe jetzt am hinteren Ende der Marathonherde in Füssen und gucke so vor mich hin. Mein Organismus, die Verflechtung Geist mit Körper, braucht an einem „normalen“ Morgen lange, um auf Touren zu kommen. Was Wunder, dass sich die ersten Schritte nach „… 3-2-1-Los!“ fremdartig anfühlen. Juli, wolkenfreier Himmel, es wird heiß werden. Objektiv betrachtet höchst vernünftig uns so früh ins Füssener Umland zu schicken. Mir bleibt die Zuversicht, dass der Motor bald anspringen wird.

Irgendwie verrückt sich im Ohrensessel-Alter noch „Umständen“ zu unterwerfen, die der eigenen Bequemlichkeit diametral entgegenstehen. Aber ich will Marathon laufen, also bleibt mir nichts anderes übrig. Während sich die Läuferschlange auf schnurgerader Füssener Ausfallstraße gen Norden in die Länge zieht, kommt mir Kurioses in den Sinn - gesehen (oder halbwach geträumt?) auf dem Parkplatz vorm Lauf. Da war der Typ, zwei Autos neben mir, Marathonstartnummer auf der Brust, der wenige Minuten vor „Los!“ noch schnell ein Torpedo in seine Lunge abfeuerte. Geht mich natürlich nichts an, sein Lauf, sein Körper, seine Sache. Aber wie geht das zusammen: Ausdauersport und Rauchen? - Bei der jungen Frau, die sich qua Startnummer auch als Marathona outete, traute ich meinen Augen nicht so recht. War sie doch just dabei ihre Startvorbereitungen vorm Außenspiegel eines Autos auf eigenwillige Weise abzuschließen. Gab sich kosmetisch den letzten Schliff, tuschte in aller Seelenruhe die Wimpern nach. Bin ich weltfremd oder aus der Zeit gefallen, weil mir das ein bisschen bizarr vorkam, angesichts ihres Minuten später beginnenden schweißtreibenden Vorhabens?

Bedeutungslose Beobachtungen. Vielleicht erinnere ich sie nur, um mich nicht mit mir selbst befassen zu müssen. Dabei harrt eine mir unangenehme Frage schon länger einer Antwort: Ist Marathonlaufen 2026 (für mich) noch derselbe Sport, an den ich vor bald 25 Jahren mein Herz verlor? - Schritte bauen Barrieren ab; körperliche über die steigende Herzfrequenz, jene im Kopf per Fußkontakt mit hartem Asphalt. Straße und Anstrengung sind real. Ich laufe und allein das ist bis auf Weiteres von Bedeutung. Viel Getrappel um mich her, Gefahr zu überziehen. Früh am Morgen mitten im Pulk traue ich meinem Laufgefühl nicht über den Weg. Mehrfache Tempochecks: stets um die 7 min/km. Passt. Der (an sich großzügig bemessene) Zielschluss nach 6 Stunden setzt mich zusätzlich unter Druck. Mag erstaunen, ist aber so. Meine letzten Läufe standen unter keinem guten Stern und hielten mich alle zwischen sechs und sieben Stunden auf der Piste fest. Heute keine Selbstversorgung, also nur geringe Zeiteinbußen beim Trinken, Fotografieren oder infolge Unwägbarkeiten. Die Unberechenbarkeit von Letzterem ist, was mich ein wenig beunruhigt …

Als könnte ein Gedanke das Üble auslösen, geschieht es wenig später, kurz vor Vollendung von Laufkilometer zwei. Sensibler und reaktionsschneller als noch vor Monaten fühle ich es heraufziehen, drossele schlagartig mein Tempo, kann es im Ansatz stoppen. Schritt um Schritt, gar nicht mal bewusst, kehre ich zum vormaligen Tempo zurück. Beim zweiten Überfall ist das Phänomen flinker als ich. Baut sich schlagartig auf, Druck in der Körpermitte, zugleich lähmt mich Schwäche bis in die Zehenspitzen. Sekunden später ist der Spuk auch schon wieder vorbei. Erstmal. Wie lange? Bleibe ich ab jetzt verschont, wie letzte Woche nach zwei Attacken beim Tegernsee Marathon?

Ich denke darüber nicht nach. Nicht mehr, weil die „Natur“ des Phänomens keiner irgendwie gearteten Regel gehorcht. Es kommt früher oder später oder gar nicht. Wenn aktiv, verschwindet es bestenfalls nach ein paar Attacken. Im Katastrophenfall ruiniert es mir den ganzen Lauf. Wie Ostern in Berlin oder beim Europa Marathon, den ich entnervt nach 5 km abbrach. Heute hat das Unerklärliche gar eine tragikomische Note. Just vor drei Tagen mobilisierte mein Arzt all sein Wissen, Können und diverse Apparate, um diese blitzartig zuschnappende Schwäche diagnostisch dingfest zu machen. Ließ Blutwerte bestimmen, wertete ein 24h-EKG aus (ich trug das Gerät auch während eines 50 min-Trainingslaufs), unterzog alle Organe einer ungemein peniblen Ultraschalluntersuchung. Vor allem der Blutpumpe galten seine Nachforschungen: Herzgröße, Wanddicken der Herzkammern, Klappenfunktion, Strömungsgeschwindigkeiten rein und raus und das sind nur jene Parameter, von denen er zu mir sprach. Damit nicht genug: Aortendicke bestimmen, Halsschlagadern begutachten und zu guter Letzt auch noch ein Belastungs-EKG schreiben. Bei in der Spitze 200 Watt auf dem Ergometer fühlten sich die Oberschenkel an wie Ballons kurz vorm Platzen, allein mein Herzmuskel zuckte unbeeindruckt vor sich hin und der Blutdruck gab sich systolisch mit 160 mmHg zufrieden. In verständlicheren Worten des Arztes zusammengefasst: Ich bin durch und durch gesund. Aber gilt das auch für mein Gemüt? Weil: Hat schon mal ein 72jähriger die Diagnose bester Gesundheit zugleich mit Freude und Zähneknirschen quittiert? Was - verdammt nochmal! - hindert mich in dieser ekelhaften Weise am Laufen? Weiterhin stehe ich ratlos neben mir.

Es könne schon was mit dem Herzen zu tun haben, meinte er noch. Möglich ist, dass „es“ während der 24h-Aufzeichnung oder in den Minuten auf dem Ergodings schlicht nicht auftreten wollte, weil die Bedingungen zu der Zeit nicht danach waren. Super! Und nun? Wie es aufspüren? Darüber werde ich in mehreren stillen Stunden intensiv nachdenken (und nicht nur darüber); in den nächsten Tagen aber nicht jetzt. Jetzt laufe ich und achte auf mein Tempo, das fortan bei 7:30 min/ km vor sich hin dümpelt. Ein bisschen langsamer als zuvor, was aber auch am Untergrund liegen kann. Vom Asphalt bogen wir unterdessen auf mit feinem Kies geschotterte Feldwege ab. Füssen liegt hinter mir, endlich wird auch die Umgebung Teil meiner Wahrnehmung. Mir wird bewusst, in welch zauberhafter Landschaft ich mich bewege. Kultur und Natur, die mich noch jedes Mal - und ich war häufiger hier - in ihren Bann schlug.

Brettflache Fluren rings umher, überwiegend sattgrüne Wiesen, da und dort von Wäldchen gesäumt oder Baumreihen geteilt. Rein gar nichts im Umkreis von ein paar hundert Meter deutet auf jene spektakulären Gipfel hin, die sich, keine zwei Kilometer entfernt, jäh und felsig aus dem Allgäuer Vorland bis auf 2.000 Meter und darüber erheben. Vergleichbares wird schwerlich zu finden sein, zumal die Begeisterung des Naturliebhabers von mehreren, den Bergen vorgelagerten Seen weiter angeheizt wird. Laufen und Schauen … Kurz hinter der 5 km-Marke die erste Verpflegungsstelle: Druckbetankung. Das bedeutet: viel Volumen in kurzer Zeit, Wasser und Iso. Zeitverlust: lediglich ein paar Sekunden. Weiter. Obschon nur eine gute Fahrstunde von meinem Bett entfernt, bin ich heute erst zum vierten Mal Teilnehmer dieses Marathons, zuletzt 2018. Meist waren meine Juliwochenenden anderweitig vergeben. Wann der Veranstalter die Route in den vergangenen acht Jahren änderte, sie ein bisschen „kastrierte“, habe ich nicht mitbekommen. Um Marathonlänge zu erreichen legt der Kurs nun „Schlingen“ in die Wiesen vorm Füssener Stadtgebiet.

Trabe einher, erfreue mich der rundum herrlichen Ansichten. Bis ich bei Kilometer sechs-komma-irgendwas auf einen Hof zusteuere. Die Bäuerin nähert sich gerade einem Pferch mit zwei Eseln. Und ich Esel stoppe arglos „aus voller Fahrt“, um das Schauspiel morgendlichen Frau-Esel-Willkommens im Bild festzuhalten. Als ich wieder loslaufe beißt mir das Untier auf den ersten Schritten in den Leib … Laufen-Stehen-Loslaufen - seit einiger Zeit schon will mir scheinen, dass Lastwechsel das Übel auslösen können. Aber es kommt schlimmer: Auf den nächsten Kilometern nimmt mich die Schwäche in Geiselhaft. Auf- und abschwellend bedrängt sie mich, ein steter Wechsel zwischen Kraftlosigkeit und völlig normalem Empfinden … Total verrückt. Kann gut sein, dass es das jetzt war für heute. Und keinesfalls werde ich den Leser mit einer Beschreibung des K(r)ampfs auf den nächsten, in Depression verbrachten Kilometern belästigen!

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Kilometer 11, die nächste Verpflegungsstation. Ich lasse mir Zeit beim Trinken. Innerlich habe ich mit diesem Marathon schon halbwegs abgeschlossen. Gefühlt wurde ich inzwischen von allen überholt. Den letzten Becher trinke ich gehend aus, entsorge ihn in einen der aufgestellten Körbe. Dann trabe ich, auf den nächsten „Anfall“ gefasst, wieder los. Der kommt aber nicht. Ein paar hundert Meter weiter immer noch nicht. Identisches Tempo wie zu Beginn und ich bleibe unbelästigt. Nach dem Warum frage ich nicht. Es fühlt sich an als wäre nichts gewesen. Einigermaßen leichtfüßig und flott (!) jogge ich jetzt am Ufer des Hopfensees entlang, wie schon einige Zeit zuvor und weitere Uferkilometer werden folgen. Wirklich bezaubernd dieser Hopfensee! Ein Moorsee unweit vor den Toren der Kreisstadt Füssen, von der letzten Eiszeit hinterlassen, gesäumt von Schilfwäldern und Teppichen aus Seerosen. Zum Niederknien schön der Blick vom Nordufer gegen die Alpenkette. Das Panorama ist mit Geld nicht bezahlbar, drum gibt’s das Wunder gratis. Und ich bin dankbar dafür es laufend wieder einmal zu erleben, auch inmitten eines körperlichen Scherbenhaufens.

Ein bisschen Zeit geht fürs Fotosammeln drauf. Einerlei, wie könnte ich hier nicht alle paar Meter stehenbleiben und auf den Auslöser drücken? Mit den Augen sauge ich Aussichten auf, bis mich ein Abzweig zum Südufer dirigiert. Auf diesem Abschnitt stotterte ich vorhin schon einmal vor mich hin. Darüber liegt der Mantel des Schweigens und das bleibt so. Jetzt fühlt es sich anders an, eben „normal“. Nadelwald reicht bis ans verlandete Ufer, geht in Schilf über, nur selten erhasche ich einen Blick zum Wasser. Kilometer 15,5: Der Abzweig, tschüss Hopfensee. Wo ich vorhin geradeaus dem Seeufer folgte, biege ich nun südwärts ab. Zeitlich so weit im Hintertreffen, dass der Streckenposten bereits abgezogen ist. Dabei bin ich nicht mal Letzter. Zwei Damen, die ich zuvor ziehen lassen musste, konnten dem „restaurierten“ Udo nicht Paroli bieten.

Kilometer 16: Ich jogge auf den schon von Kilometer 5 bekannten Verpflegungspunkt zu, komme diesmal jedoch aus entgegengesetzter Richtung, setze dann den Weg in dieselbe Richtung fort wie vorhin. Ohne Vorwarnung: da isses wieder. Sechs Kilometer durfte ich störungsfrei laufen, nun nicht mehr … Wieder habe ich wenig Lust mein Bangen und das Ringen mit dem Unerklärlichen zu beschreiben. Es kommt seltener, nicht in so kurzen Intervallen wie vorhin, aber los werde ich es nicht mehr. Lasst mich noch von der Ausnahme berichten: Da ist ein Buckel zu überwinden, etwa 30 Höhenmeter, verteilt auf 500 Meter Strecke. Heftig für Laufopas, heftig auch für einen jüngeren Läufer, den ich am Berg überhole. Was soll ich sagen: Während ich aufwärts, am Straßenrand im Weiler Eschach, schufte, lässt mich das Untier gewähren. Keinerlei Störung! Belästigt werde ich trotzdem. Das doofe, gelbe Postauto ist wieder da, steht brettlbreit in der für Läufer abgeteilten Spur. Müsste nicht sein, könnte bequem daneben parken. Aber halt, Postautos an sich sind seelenlos. Drin sitzt halt dieselbe Knalltüte, die vorhin schon rücksichtslos an uns Läufern vorbeibrauste, drunten vorm Berg, auf staubtrockener Piste. Erst vorm Eselshof, dann ein zweites Mal nachdem er sein Postgut ausgeliefert hatte. Hätte keinesfalls sein müssen: Man kann sogar mit gelben Postautos Schritttempo fahren und Staubschleppen vermeiden.

Wie dem auch sei: Aufwärts, in der Anstrengung, keine körperlichen Aussetzer. Ich hätte über diesen Umstand nachdenken, ihn auch mit dem Aufflammen des Phänomens nach kurzer Fotopause verknüpfen sollen. Vor anderthalb Stunden war das, als der Esel Esel fotografierte. Aber ich überdenke nichts dergleichen, freue mich stattdessen, dass es nun wieder leichter wird, nachdem das Hindernis überwunden ist. Abwärts, mit erstem Blick zum Forggensee, meldet „es“ sich wieder zur Stelle. Wie schon angedeutet: ich werde es nicht mehr los und stelle das Berichten vorerst ein.

Vielleicht noch das: Die Strecke streift das am Ufer des Forggensees gelegene Füssener Festspielhaus, in dem unter anderem das Musical „Ludwig2“ aufgeführt wird. Unweit des Theaters überlaufe ich nach rund 2:41 Stunden die Halbmarathonmarke - selbstverständlich ein Grund Hochrechnungen anzustellen: 3:19 Stunden, also 199 Minuten, bleiben für die zweite Hälfte, will ich rechtzeitig finishen. Ein Zeitvorrat von mehr als 9 min pro Kilometer. Vermutlich bringt mich dieses fette Zeitpolster davon ab den Lauf vorzeitig zu beenden, was ich zeitweise ernsthaft in Betracht zog. Und nun? Herkommen und mit nix als Frust wieder heimfahren, bringe ich einfach nicht über mich.

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Weitgehend einen zweiten Mantel des Schweigens breite ich über die Kilometer 21 bis 29, auf denen ich mehrfach die Fortbewegungsart Gehen praktiziere - genauer: total demotiviert vor mich hin latsche! Eine Etappe, auf der mein Tempo, wenn ich mich zum Joggen durchringe, selten unter 8 min/km sinkt. Fünf Kilometer dieses Teilstücks folgen als Pendelstrecke dem Ostufer des Forggensees. Dort begegnen mir scharenweise Läufer in Bestlaune, von denen gefühlt jeder zweite glaubt den Schlaffi mit dem alten, bärbeißigen Gesicht anfeuern zu müssen. In die Hände klatschen, anerkennend nicken, ein „Super!“ oder „Klasse!“ ‘rausposaunen - okay, kann man machen, wenngleich so eine Geste eher die eigene Stärke betont als dem Mitläufer zu helfen. Als mindestens dumm bewerte ich dagegen Zurufe wie „Hopp, hopp, hopp!“ oder „Geht schon noch!“. Woher will der Flinke wissen, wie sehr und wogegen der Lahmende in so einem Moment kämpft? Zu hören waren auch grenzdebile Sprüche wie „Halt durch!“ oder „Nicht aufgeben!“. Wozu denkt er (selten: sie) trotte ich hier lang, erarbeite mir Meter um Meter der Marathonstrecke? Weil ich dabei bin aufzugeben? Sieht es so aus, wenn einer nicht durchhält? - Als ich selbst noch über pralle Ausdauer verfügte, ließ ich mich nie zu anfeuernden Parolen hinreißen, adressierte das Gegenüber allenfalls mit einem aufmunternden Lächeln. Wollte nicht großspurig oder überheblich wirken. Freute mich im Stillen darüber, wie gut mir vom Fuß geht, womit manch anderer zumindest in der Schlussphase hadert. Wie gut ich daran tat zu schweigen! - heute verstehe ich, was damals nur eine Ahnung war.

Eine erfreuliche Ausnahme in der Flut überflüssiger Sprüche verdient erwähnt zu werden: „Hallo Udo!“ spricht mich eine Entgegenkommende an, wobei ihre Stimme maximale Überraschung transportiert. So, als hätte sie beinahe jeden hier erwartet, nur eben nicht mich … Aufgeschreckt und gerade mit Überstehen einer Schwächeperiode befasst erhebe ich reflexartig meine Hand, zu mehr ist keine Zeit. Wer war das? Sie kam mir bekannt vor, dennoch lege ich die Frau in einer falschen Schublade meines Gedächtnisses ab. Die richtige sollte ich erst eine Stunde nach dem Lauf und zufällig öffnen …

Natürlich fürchte ich letztendlich die 6-Stunden-Latte zu reißen. Andererseits weiß ich ein paar Läuferinnen und Läufer hinter mir, die doch auch auf ein erfolgreiches Finish hoffen. Nach dem Umkehrpunkt kommen sie mir entgegen, ihre Körpersprache kündet von Mühsal. Sehe ich auch so aus? - Kilometer 30, gespannter Blick zur Uhr: Vier Stunden unterwegs, mir bleiben noch zwei Stunden für 12 km. Recht komfortabel, das wäre sogar stramm marschierend zu schaffen. Im gegenwärtig praktizierten „Modus“ sollte mir ein früherer Abschluss gelingen. Besagter „Modus“ spielte sich quasi von selbst ein und orientiert sich am Kommen und Gehen der anfallartigen Schwäche. Sobald sie mich erfasst, gehe ich ein Stück, trabe dann wieder an, bis die nächste Schwächephase aufzieht … and so on. Nicht zuletzt spiegelt das unstete Gestotter auch meinen Gemütszustand wider: gebrochen, demoralisiert, jeglicher Hoffnung auf beschwerdefreies Laufen beraubt. Aber ich werde verdammt nochmal durchhalten und diesen Marathon in der Zeit zu Ende bringen!

Ist es Eingebung oder treibt mich Verzweiflung dazu? Vielleicht entspringt die Idee purer, obschon masochistischer Logik!? - Jeweils eine Weile nach Antraben wallt die Schwäche erneut auf, trotz extremer „Schleichfahrt“. Es passiert so oder so! Da kann ich ebenso gut schnell(-er) laufen. Umso früher ist die Tortur vorbei! Ich folge dem Impuls und renne los. „Rennen“ passt, so man meine Verfassung nach inzwischen vier Laufstunden zugrunde legt. Tatsächliches Tempo: etwa 7 min/km oder minimal langsamer. Ich renne und warte auf die nächste Schwächephase … Und während ich warte und renne, geschieht etwas vollkommen Verrücktes: Die Attacke bleibt aus! Ich renne und renne, halte das Tempo und … … … nichts! Hin und wieder meine ich ein minimales inneres Ziehen zu spüren, vielleicht auch nur die Furcht, dass es wieder geschieht. Aber jedes Mal laufe ich drüber weg. Es ist, als liefe ich dem Dämon davon, zu schnell, als dass er mich erwischen könnte. Was für ein Irrsinn.

Nach und nach schließe ich zu Mitläufern auf, überhole, setze mich ab. Wenn ich das Andreas, Judith, Roland und anderen, die mir auf dem Hinweg begegneten erzählte - sie stuften mich als komplett durchgeknallt ein. Wie kann Schnelllaufen, höhere Belastung, Schwäche verhindern, die sachtes Dahinschleichen intervallartig auslöst? Und doch ist es so. Leider hat die Sache einen naheliegenden Haken. Mein Gerenne nach inzwischen über 30 Kilometern ist wahnsinnig anstrengend und schmerzt heftig in den Beinen. Das hielt der Udo früherer Tage, ehrgeizig und stark wie er war, eisern durch. Heute liegt meine Moral am Boden. Mental gebrochen sehe ich keinen Sinn darin mich fortwährend zu quälen. Eine Viertelstunde früher oder später durchs Ziel? Das war früher schon dem Universum egal, inzwischen kümmert es mich selbst nicht mehr. Nicht mit gewaltigem Rückstand auf eine passable Laufzeit, wie sie ohne Handicap möglich gewesen wäre.

Zwangsläufig befreie ich mich von körperlicher Pein und gehe, jedenfalls ein paar hundert Meter weit. Bis die mentale Pein des Gehens, die körperliche übersteigt. „Rase“ wieder los, jederzeit auf den Angriff gefasst. Nichts dergleichen passiert. Fast zwei Kilometer weit ringe ich mir ab, was an Tempo noch möglich ist, widerstehe Schmerzen in den Beinen und (normaler) Erschöpfung aller Fasern. Dann bin ich des bösen, gefühlt sinnlosen Spiels neuerlich überdrüssig und gehe. Udo geht. Undenkbar unter normalen Umständen. Daran mag, wer will, ermessen wie sehr mich das Gezerre zermürbte. Den Rest der Pendelstrecke bestreite ich gehend, überquere zum zweiten Mal den blaugrünen Lech. Der „entspringt“ an dieser Stelle einem Kraftwerk und speist wenige hundert Meter weiter nördlich den (künstlich geschaffenen) Forggensee.

Gehen ist mir zuwider, Laufen zu diesem Zeitpunkt aber noch mehr. Wenig später überquere ich den Lech ein weiteres Mal, gehend, nutze dazu einen Radlern und Fußvolk vorbehaltenen Steg. 34 km liegen hinter mir, die Schleife um den Schwansee steht noch aus. Radweg neben Straße, Asphalt unter den Sohlen. Andreas kommt mir entgegen, zum zweiten Mal heute. Gehen geht irgendwie auch nicht. Also „renne“ ich los und nirgendwo lauert mir ein Dämon auf, mich daran zu hindern. Judith und Roland kurz hintereinander - die lauern mir auch nicht auf, joggen guten Mutes vorbei. In ein paar Minuten wird man sie mit der Finishermedaille dekorieren.

Endlich ein Blick auf Neuschwanstein über Hausdächer hinweg, nicht überwältigend aber immerhin. Meine Wiedergeburt als Jogger endet nach einem Kilometer, vor der nächsten Tränke. Gel rein, Wasser rein, einen letzten Becher mitnehmen. Den trinke ich gehend und schluckweise. Mittag vorbei, mittlerweile dürfte an den vorhergesagten 29°C Höchsttemperatur nicht mehr viel fehlen (tatsächlich steigt das Quecksilber später sogar auf 32°C). Längst am letzten Abfallbehälter vorbei, falte ich den leeren Pappbecher zusammen und klemme ihn unterm Hosenbund fest. Gehe noch ein Stück, besiege schrittweise die Unlust, und „renne“ los …

Vom Rad- auf einen Wanderweg, von Asphalt auf Kies. Nicht mehr weit zum Schwansee. Vorher schon überwiegend, jetzt vollends im Schatten hoher Bäume. Angenehm. Ein Bach, Zufluss des Schwansees, liefert geschundenem „Fleisch“ einen willkommenen Grund zum Pausieren. Auf dem Brücklein stehend schaue ich dem ruhig abfließenden Wasser hinterher, mitten rein ins satte Grün. Blaugrün schimmernde Libellen taumeln durchs Sonnenlicht, landen kurz auf Erlenblättern, starten durch, machen ihren Job. Auch ich taumele wieder los, will meinen Job zu Ende bringen. Wenn die Rennerei bloß nicht so weh täte … Keine fünf Kilometer mehr; bin entschlossen es laufend zu ertragen, stoppe nur kurz für Fotos des verwunschen gelegenen Schwansees und drüber hinweg zum Schloss Neuschwanstein. Wer je hier war, sich eins fühlte mit der paradiesischen Natur ringsum, wird wissen, wieso König Ludwig II., hochgradig kunstsinniger Monarch und möglicherweise plemplem, sein Märchenschloss in dieser Landschaft erbauen ließ.

Voraus, unweit des Seeufers, eine (zusätzliche) Wasserstelle. Dort angekommen eine erste Amtshandlung: Pappbecher unterm Hosensaum „hervorzaubern“ und im aufgespannten Abfallsack entsorgen. Locker zwei Generationen trennen die hier „mundschenkende“ junge Frau und mich, im Geiste sind wir aber zumindest in dieser Kausa eins. „Das ist aber nett! Das hätten nicht viele gemacht!“ meint sie, offenbar verblüfft von meinem Umgang mit Müll. Aus gefülltem Becher trinkend nicke ich beiläufig Richtung See und entgegne: „Ich kann doch in dieser Umgebung keinen Unrat wegwerfen!“ Füge dann noch drastisch bildhaft hinzu: „Das wäre ja, als würde ich daheim ins Wohnzimmer pinkeln!“ - Zwei fremde Menschen verabschieden sich voneinander in einer Weise, die Sympathie ausdrückt. Sympathie stimuliert von Übereinstimmung im Geiste. Hab ich ihr tatsächlich „alles Gute“ gewünscht? Ich bin mir ziemlich sicher und diese Abschiedsformal gebrauchte ich noch nie beim Aufbruch von einem Verpflegungsstand.

Mit einem gefüllten Becher in der Hand schreite ich noch ein paar Meter am Seeufer entlang, feuere eine letzte Kamerasalve übers Wasser hinweg auf Schloss Neuschwanstein. Becher in Abfallkorb schmeißen, entschlossen anlaufen und mich wundern ist nahezu eins: Wieso fühle ich mich jetzt so … „gut“? Von Demoralisierung keine Spur mehr, sogar Spuren guter Laune geistern durchs Oberstübchen. Ich staune über mich selbst, wie positiv erfahrene Zwischenmenschlichkeit es zuwege brachte mich wieder aufs Gleis zu stellen … Also renne ich, renne, renne, renne … vorbei an Badegästen, die sich auf Uferwiesen in der Sonne aalen, Radfahrern und Fußgängern entgegen … Ignoriere Schmerz, beseelt vom Gedanken, dass nur noch drei Kilometer zur Erlösung fehlen. Phoenix aus der Asche, alles Unschöne bleibt zurück. Wie sehr ich nun wieder Läufer bin, zeigt sich am letzten Verpflegungsstand. Wie in besten Zeiten renne ich beherzt vorbei. Wissend: Was sollte so kurz vorm Ziel Trinken noch nützen?

Nichts kann mich jetzt noch aufhalten. Ich wetze auf dem Radweg, der mich herbrachte, Richtung Füssen, überquere den herrlich blaugrünen Lech ein letztes Mal … Vor mir geht ein Läufer, bleibt zeitweise stehen; ihm entgegen kommt eine Läuferin, die offensichtlich schon im Ziel war; legt ihren Arm um den Mann, versucht ihn zu trösten. Doch der ist untröstlich. Feuchte Augen, gequälte Stimme, er spricht von „Löchern“ in seinen Muskeln, als ich die beiden passiere. Zwar verstehe ich nicht, was er damit meint, wohl aber seine Verzweiflung: Er will es so sehr, aber sein Körper widersetzt sich dem Laufen. Schon einige Meter von der Szene entfernt höre ich einen letzten, wütend hingeschleuderten Satz: „Nein, das ist nicht gut, da gibt’s nichts zu beschönigen!“ - Kaum länger als eine Stunde her, dass ich Ähnliches über den Forggensee hinweg hätte schreien mögen …

Lechuferweg, bald geschafft, der letzte Kilometer. Ein Fußgänger quert unaufmerksam den Weg, lenkt mich ab, muss mit Umsicht umlaufen werden. Rufe hinter meinem Rücken. Die gelten mir! Übersah infolge Ablenkung den Abzweig hoch in die Füssener Innenstadt. Mandeläugige - wie ich später der Einlaufliste entnehme -, koreanische Navigationshilfe holt mich auf den rechten Weg zurück. Den ersten Anstieg mute ich mir noch zu, achte aber weniger auf meine Schritte als auf die malerische Füssener Altstadt. Wieder schieße ich mit der Kamera wild um mich. Biege um eine Ecke und gestatte mir den letzten, elend steilen, überdies gepflasterten Anstieg gehend zu überwinden. Gaststätten voraus, Menschen sitzen im Freien, richten ihre Blicke auf mich - nö, die sollen mich nicht gehen sehen. Also nehme ich final die Beine in die Hand, wetze los, ernte Beifall und überquere nach 5:43:15 Stunden die Ziellinie.

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Das war’s aber noch nicht an diesem Tag. Kurios Interessantes und verrückt Beglückendes steht mir noch bevor. - Am Verpflegungsstand schnappe ich mir einen Becher alkfreies Bier und schlurfe zu einer nahen, beschatteten Sitzgruppe, Biertische mit Bänken. Ich setze mich einem leicht untersetzten Mann gegenüber, den Habit und Startnummer als Läufer kennzeichnen. Hab ihn gefragt, er hat genickt, der Platz ist frei. Unerwartet richtet er das Wort an mich, in Englisch, wir kommen ins Gespräch. Dies und das. Finne ist er, arbeitet in Deutschland, Fachgebiet „Maschinen für die Waldarbeit“. Wie wir nach zig Sätzen drauf kommen, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls fragt er, ob ich mir vorstellen könne, wie er in Finnland für einen Marathon trainiert. Kann ich irgendwie natürlich schon, gebe aber vorsichtshalber ein „Not really!“ zu Protokoll. Was er offenbar hören wollte, um mir von Beeren berichten zu können, die er auf Trainingspfaden sammelt. Die Beeren wüchsen ausschließlich im „svamp“, im „Moor“ oder „Sumpf“. Die Übersetzung leite ich aus seiner Gestik schwerster Schritte auf weichem Untergrund her. Neben vorzüglichem Training für Marathons habe die Beeren zu sammeln einen angenehmen Nebeneffekt. Er nennt mir einen zweistelligen Betrag, den ihm ein Restaurantbesitzer in Helsinki fürs Kilo „Cloudberries“ bezahlen würde. Cloudberries, die man nicht anbauen könne, die deswegen aus Lappland importiert werden müssten. Cloudberries, eine Frucht, von der ich noch nie hörte. Er zeigt mir ein Bild auf seinem Handy: Ähnelt einer Himbeere, ist aber kleiner und orange. „Tastes sweet?“ will ich wissen. Nur leicht süß und säuerlich soll sie schmecken die „Cloudberry“ (deutsch: Moltebeere). Von Durst und dem Wunsch trockener Klamotten am Leib getrieben verabschiede ich mich alsbald vom Finnen: „Good luck to you!“

Dann war da noch die Läuferin, die mich am Forggensee mit „Hallo Udo!“ begrüßte und von mir falsch einsortiert wurde. - Inzwischen bin ich umgezogen, futterte eine Schale Nudeln mit Tomatensoße und sitze mit Judith, Andreas und Roland plaudernd in der Nähe des Festzeltes. Wie aus dem Boden gewachsen steht sie plötzlich neben mir, redet voller Enthusiasmus von Marathonläufen im Schlaubetal. Oh, mein Gott! Da muss ich das Rad der Erinnerung weit, sehr weit zurückdrehen, um die wunderbaren Erinnerungen an zwei goldene Oktober im blätterbunten Schlaubetal freizulegen. Das Schlaubetal - so viel Erdkunde muss sein - liegt bei Eisenhüttenstadt in Brandenburg, unweit der polnischen Grenze, östlich von Berlin. Also sehr weit weg. Jeweils 2007 und 2010 holte ich mir dort eine Finishermedaille. Was mich in diese entlegene Ecke Deutschlands verschlug, waren überaus nette Forenbekanntschaften mit Läuferinnen aus Eisenhüttenstadt, die damals ihren eigenen Marathon, den Schlaubetal Marathon, planten und schließlich auf die Beine stellten. Und mich luden sie 2007 zum Debüt ein. Eine dieser Frauen aus dem OrgTeam von damals steht nun vor mir. Überrascht mir „on the route“ begegnet zu sein. Überrascht auch, dass ich überhaupt noch laufe. Neben schöner Erinnerungen spült die Begegnung reichlich positive Emotionen ins Bewusstsein, die ich bis heute nicht vergaß. Mit „Laufen bei Freunden“ war mein Laufbericht 2007 überschrieben. Was für ein höchst unwahrscheinliches, tolles, positiv verrücktes Wiedersehen mit „Bienchen“. Dass man sie damals mit diesem Namen ansprach, musste ich übrigens erfragen, was mir nicht mal peinlich war. 2007 und 2010 liegen weit zurück, Udo-laufgeschichtlich betrachtet in der Steinzeit.

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Ein mehr als nur versöhnlicher Schluss, der verdeutlicht, wieso es mich nach so viel Kampf und Krampf, nach abermals missglücktem Marathon, zum Schreiben drängte.

 

Fazit zur Veranstaltung

Orga und Durchführung waren gelungen, ließen keine Wünsche offen. Das Startgeld liegt im heute üblichen Rahmen.

Die Strecke wurde eines ihrer reizvollsten Abschnitte beraubt. Gemeint ist die Etappe vom Forggenseeufer nach Süden, direkt und lange Zeit auf die aus der Wiesenebene aufragenden Berge zu. Dabei touchierte sie auch die herrliche Barockkirche St. Coloman, die solitär, wie vom Allmächtigen hingeworfen, inmitten grüner Wiesen steht. Als Wiedergutmachung kam die Schlusssequenz in der Füssener Altstadt hinzu, die ein wenig versöhnt und das Lauferlebnis mehr als nur abrundet.

Fazit: Wenn's passt gerne wieder!