12. Juli 2026

Blaue Wunder  -  Tegernsee Marathon 2026

Läufer, die auf tausend oder mehr Marathons zurückblicken, kenne ich einige. Deutlich weniger, aber immerhin 388 Läufe von mindestens Marathonlänge stehen auf meiner Habenseite, die Ernte von mehr als 20 Jahren Langstrecke. Rückblickend stelle ich fest: Kein Marathon war wie der andere. Dennoch sollte man meinen, dass mich, in Laufschuhen unterwegs, nichts mehr wirklich überraschen oder gar in Verwirrung stürzen kann. Vielleicht glaubte ich das insgeheim sogar selbst. Bis ich am Tegernsee zum 389. Marathon antrete und mein blaues Wunder erlebe.

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Wir, das sind Andreas*, Judith, Bernie, Russell, Roland und ich, brechen um 10 Uhr am Tegernseeufer in Rottach-Egern auf. Ein erstes blaues Wunder: In diversen Blautönen schimmerndes Wasser zur Linken, azurblauer Himmel „over all“ und Sonne satt - äußere Bedingungen, die ich mir kaum reizvoller vorstellen könnte. Die schon zum Beginn erwartete Hitze findet erstmal nicht statt. Wir bewegen uns in frischer, etwas über 20°C warmer Luft, und von Norden, vom See her, weht eine kühlende Brise um unsere Nasen. Bis zu 29°C am Nachmittag drohen die Wetterfrösche an. Deshalb laufe ich mit Rucksack, habe auf diese Weise Gels, Wasserflasche und „mobile Klimaanlage“** stets parat. Den Wassernachschub sichern mehrere, von Andreas vorab recherchierte Toilettenhäuschen und Trinkwasserbrunnen unmittelbar an der Strecke. Darüber hinaus werde ich nach vollendeter Seerunde, nach 19 km, aus meinem geparkten Auto nachtanken können.

*) Andreas Bettingen schreibt mehrmals im Jahr private Marathons in und rund um München aus. Zu finden auf seiner Internetseite „Isar Marathon“.

**) „Mobile Klimaanlage“ meint eine Babystoffwindel und zu deren Fixierung eine Schildkappe. Beides wird bei Bedarf eingenässt und nach Beduinen-Art auf dem Kopf getragen (Bilder: sh. im Laufbericht vom 22. Juni 2026 oder vom Spartathlon).

Etwa 6 Kilometer beträgt die Nord-Süd-Ausdehnung des Tegernsees, weshalb die Umrundung der „Pfütze“ nicht mal einen Halbmarathon erfordert. Und was dann, wie den Marathon vollenden? Andreas erkundete eine ergänzende Pendelstrecke, vom See aus Richtung Süden, dem Mangfallgebirge zu - stetig leicht bergan, erst von Rottach-Egern nach Kreuth, von dort zum Ausflugspunkt Siebenhütten, dem entferntesten Punkt. Nach einer Schleife über Wildbad Kreuth geht’s auf dem Hinweg zurück.

Rottach-Egern präsentiert sich von seiner malerischsten Seite: Bauten im oberbayerischen Stil, mittendrin die Kirche mit schlankem, spitz zulaufendem Turm, dahinter die Bergkulisse des Mangfall, darüber ein makellos blauer Himmel und im Vordergrund der leicht gekräuselte See. Die Idylle endet jedoch schlagartig, sobald wir uns der Ortsmitte nähern. Urlauber und Tagesausflügler, einzeln, paarweise oder auch in Gruppenstärke, konkurrieren ums Trottoir. Als Läufer weiche ich vielfach über die Fahrbahn aus, was nicht ohne Risiko bleibt. Radfahrer, meist mit elektrischer Unterstützung, und natürlich immer wieder Autos fordern Achtsamkeit. Aufatmend biege ich vor einem Bachlauf links gen See ab und wähne mich dem Getriebe entronnen.

Damit ist zugleich der Moment genannt, da ich meine fünf Mitstreiter zum letzten Mal, schon etwa eine halbe Minute voraus, zu Gesicht bekomme. Bewusst und strikt setze ich auch heute auf Tempozurückhaltung. Was mir, um der Wahrheit die Ehre zu geben, von unfrischen Hax’n gebremst, nicht schwerfällt. Tatsächlich brauche ich in letzter Zeit stets ein paar Kilometer, um meine „Maschine“ in Schwung zu bringen. Dann fällt zu laufen mir eine Zeit lang leichter, bis einsetzende Ermüdung die Unbeschwertheit sukzessive abwürgt. - Von wegen dem Getriebe entronnen: Nach ein paar hundert verkehrsarmen Metern, durchquere ich einen weiteren Ortsteil von Rottach-Egern; zwar unweit des Sees, aber unmittelbar an der stark befahrenen Durchgangsstraße. Wäre mir im Grunde „schnurz“, da ich per Kopfdrehung links jederzeit optischen Zugriff auf das tolle See- und Bergpanorama genieße. „Wäre“ hebt auf den immer wieder von der Straße rüber wehenden Abgasmief ab. Und ausgerechnet jetzt pumpt die Lunge in einer ersten Steigung heftiger. Rauf und wieder runter mit Aussicht. Aussicht zum See und Aussicht der Straße den Rücken zu kehren. Ach Mist! Ein paar Sekunden zu spät konsultiere ich den Track auf der Uhr, der mir umzukehren nahelegt. Ich übersah den Abzweig, womit ich mir die ersten etwa 100 Meter Umweg einhandle. Die Formulierung impliziert, dass da noch mehr kommen wird …

Weiter auf der Seepromenade, die Achtsamkeit nur noch gegenüber Spaziergängern und „Radelrudeln“ anrät. Ein chromblitzendes, meterhohes Kunstwerk verstellt mir den Weg. Von ihrer Oberfläche verschießt die Skulptur zahllose Sonnenreflexe, die meine Erblindung betreiben. Schnappschuss und los … Drei Radler unterbinden meinen Bewegungsdrang nach wenigen Metern. Einer streckt mir sein Handy entgegen und bittet um ein Gruppenfoto mit See und Bergen im Hintergrund. Klick, klick und klick, dann weiter. Inzwischen halte ich mich nicht nur am, sondern auch in Tegernsee auf. Tegernsee mit ca. 3.500 Einwohnern gilt als kleinste oberbayerische Stadt. Hinzu kommt heute sicher eine erkleckliche Anzahl von Tages- und Urlaubsgästen … Am Kloster Tegernsee vorbei trabend gelange ich zur Ortsmitte, knapp 5 km liegen hinter mir. Zunächst wähle ich den falschen Weg, unmittelbar vorbei am Rathaus, erkenne den Irrtum jedoch rasch. Vom Track lasse ich mich über die Holzterrasse einer Gaststätte schicken, auf öffentlichem Weg zwischen dicht besetzten Tischen.

Tegernsee-City Ende, ich folge dem Radweg. Auf manchen Abschnitten könnte ich links ins Wasser und rechts auf die Straße spucken, so dicht liegt alles beieinander. Wobei: die Wahrscheinlichkeit statt des Asphalts ein Auto zu treffen wäre groß, die entgegen rollende Blechlawine scheint kein Ende zu nehmen. Und sie wirft Fragen auf, die Blechlawine: Wo wollen die alle hin? Zum/ans Wasser? Wann wird der letzte Parkplatz rund um den relativ kleinen See besetzt sein? Und, was dann? Umkehren und heimfahren oder wild in der Wiese parken wie der Porsche vorhin!? - Nach neun Kilometern endet unablässiges Vorbeirauschen, das ich akustisch längst ausblendete; optisch ohnehin kaum wahrnahm, weil mein Blick dauerhaft zwischen dem Fleck vor den Füßen und dem herrlichen Seepanorama hin und her pendelte. Nun abseits der Straße am Ufer entlang. Vom See trennen mich jetzt Liegeflächen des Gmunder Strandbades. In den nächsten Minuten achte ich ohnehin eher darauf den in Höhe von Kilometer 9,3 avisierten Trinkbrunnen nicht zu verfehlen.

Rucksack runter, erstes Gel „vernaschen“, Trinkflasche raus, trinken, trinken, trinken, zuletzt das „Gepäck“ mit voller Flasche wieder umschnallen, weiter. Zwei Minuten kostet das Manöver, was aber keine Rolle spielt. Mein lange von Ehrgeiz geprägtes Verhältnis zu (Lauf-) Raum und (Lauf-) Zeit hat sich Zug um Zug gewandelt. Übrig blieb „entspanntes Bemühen“ … Kaum aufgebrochen trabe ich parallel zum Hundestrand. 5, 6, nein 7 (oder mehr?) Fellnasen tummeln sich im flachen Wasser, haben Spaß mit ihren Menschen, spielen mit Ihresgleichen. Der Anblick entflammt mein Hundemenschenherz, lenkt meine Gedanken aber auch mit Wehmut auf zwei Füße und vier Pfoten, die mich heute aus zwingendem Grund nicht zum Tegernsee begleiten konnten.

Der Hundestrand endet am Fußgängersteg über die Mangfall, dem Abfluss des Tegernsees. „Schnappschießend“ setze ich über, tippele nun am nördlichen Strand voran. Der Weg gabelt sich: Links flach, weiter am Ufer entlang, rechts steil aufwärts. Ich mag’s nicht glauben, bis der Track mich unmissverständlich hangaufwärts befiehlt. Ernsthaft? Minutenlang empor, nicht wirklich steil, in meiner Verfassung aber durchaus fordernd. Jeder errungene Höhenmeter erweitert die Majestät der Aussicht gen Süden, in Richtung Berge. Leuchtendes Wiesengrün im Vordergrund, dahinter das mit Türkis versetzte Blau des Sees. Die von harmlosen Wolken überkronte Bergkulisse am Südufer will mir weismachen direkt aus dem See empor zu wachsen. Eine optische Täuschung, wie ich weiß, joggte schließlich vor anderthalb Stunden dort vorbei …

Schatten fehlt, Schweiß bricht aus allen Poren. Beine meckern, tragen beachtliche Last hinan. Zwei höchst unsportlich aussehende, bequem aufrecht sitzende Zeitgenossen pedalieren mit aufreizender e-Leichtigkeit den Hang empor. Ein unförmig plumpes, graugrünes Gebilde thront auf der Kuppe nebenan, offenbar in der Absicht der Naturkulisse die Schau zu stehlen. Kunst? Auf jeden Fall künstlich. Ob’s gefällt muss ein jeder für sich selbst entscheiden. Noch ein Stück weiter rauf bis der Weg in der Ringstraße um den See samt Radweg aufgeht. Parallel zur Straße hinab auf Asphalt, willkommene Erholung für die Beine. Deren Hoffnung auf anhaltende „Leichtigkeit des Seins“ verfliegt jäh im baldigen Gegenanstieg. Der Kerl, den sie da raufwuchten müssen, ist auf der Hut: mehrfach sausen ihm Radler entgegen.

Steigungen verfügen über eine wunderbare Eigenschaft: Sie enden irgendwann. Steil und schattig im Wald hinab zum Seeufer. Dort angekommen und entlang, lehnen rechts des Pfades Fahrräder an Bäumen. Auf der Seeseite des Weges räkeln sich knapp bekleidete Zeitgenossen auf schmalem Grünstreifen. Sonne auf nackter Haut, Beine baumeln im Wasser, ein hübsch anzusehendes Freiluft-Dolce-Vita.

Minuten später, nach 14 km, erreiche ich Bad Wiessee und entscheide mich für einen kurzen Verpflegungsstopp: Nächstes Gel, reichlich Wasser aus der Flasche. Danach darf ich die belebte Seepromenade von Bad Wiessee besichtigen, passiere Blumenbeete, Kioske, vertäute Boote, Spielplätze, Hotels, Biergärten und die Schiffsanlegestelle. Ich suche und finde einen Weg im Wimmelbild. Ein Wimmelbild, wie es für einen Julisonntag, bei wunderschönem Wetter, am Ufer eines der meistbesuchten bayerischen Badeseen typisch sein dürfte. Unberechenbaren, zugleich hochmobilen „Hindernissen“ - wie etwa kleinen Kindern, Hunden an langer Leine, aufs Handydisplay starrenden, blind voran schreitenden Zeitgenossen - weiche ich mit genügend Sicherheitsabstand aus.

Wieder Kunst am Weg: dunkelbraun, meterhoch, nur scheinbar klobig amorph diesmal. Ich meine Schattenrisse menschlicher Gesichter auszumachen, stufenförmig gestaffelt, sowohl auf der einen wie der anderen Seite. Womöglich ringsum? Leute, die um den Sockel der Skulptur herum lagernd sonntägliche Beschaulichkeit genießen, würdigen den dunklen Koloss keines Blickes. Sie wenden das Gesicht ihrer Lektüre oder Szenen auf dem Wasser zu …

Bad Wiessee liegt einige Zeit hinter mir. Ein letztes Mal auf dem Radweg zwischen Ufer und Straße voran, dann biege ich nach links zu einem Sumpfgebiet hin ab. Der Weg verschlankt zum Pfad, führt durch Auwald, offeriert herrliche Impressionen von wassersattem Grün. Neuhochdeutsch und pseudo-fachkundig ausgedrückt: ein Feuchtbiotop. Blick zur Entfernungsanzeige: Nicht mehr weit, dann werde ich die Seerunde vollenden. Plötzlich Aufregung am Weg, einen Steinwurf weit vor mir steht eine Handvoll Menschen beisammen. Eindrücke aus der Nähe: Fahrrad liegt am Boden, stückweit davon entfernt eine Frau am Boden, Oberkörper erhöht gelagert. Man sorgt sich um sie, redet auf sie ein. Mir bleiben ein paar Sekunden, um über mein Verhalten zu entscheiden: Auch kümmern oder weiter? Einer mehr, der rumsteht? Mindestens zwei halten Handys in der Hand, werden Hilfe anfordern, falls erforderlich. Danach sieht es aber nicht aus, die Frau ist ansprechbar, lächelt verlegen. Vermutlich holte sie ein Schwächeanfall vom Rad, der ihr nun peinlich ist. Wird wieder, denke ich und schiebe mich vorsichtig an der Gruppe vorbei.

Kilometer 19: Hochwasserdämme flankieren die begradigte Weißach. Ich nutze einen Steg zum Übersetzen und stehe kurz darauf hinter meinem Auto. Seeumrundung beendet. Gelvorrat im Rucksack ergänzen, Flasche mit Wasser aus der Kühlbox befüllen, zwischendrin immer wieder trinken. Aus dem Nichts springt mich Panik an: Wo ist die Kamera? Hektisch durchwühle ich die Unordnung im Kofferraum, lange in Rucksacktaschen, fingere zwischen Klamotten … nichts. Mir meiner Schusseligkeit bewusst, fürchte ich die Cam beim letzten Trinkstopp liegengelassen zu haben.* Schimpfe wie ein Rohrspatz, bin wütend auf mich, finde harte, wenig schmeichelhafte Prädikate für meine Gedankenlosigkeit … lautlos natürlich, sind ja Leute in der Nähe. Und dann rutscht mir das kleine metallische Kästchen mir nichts dir nichts entgegen. Hui, guck! da bin ich wieder, hatte mich zwischen Klamotten, Tasche, Flaschen und anderem Kram ein bisserl‘ versteckt, um dich zu foppen …

*) Panik vernebelt das Hirn: Wie hätte ich mit liegengelassener Kamera vor ein paar Minuten Fotos vom Sumpf schießen können?

Wieder unterwegs, jetzt auf gerader Linie gen Süden, stets parallel zur Weißach, deren Kiesbett anfangs trocken liegt. Ein paar hundert Meter weiter fließt wieder Wasser. Warum hier und nicht mehr dort? - Der Track führt mich zunächst schnurgerade voran, folgt darauf in kaum merklichem Bogen dem Bach, orientiert sich schließlich stückweit an der Straße, fast zwei Kilometer weit. Alles easy: Beine machen ihr Ding, Orientierung simpel, Achtsamkeit macht ein Nickerchen, stur trotte ich einher. Mist, zu weit! Bleibe stehen, vergleiche Track und Realität. Okay, dort hinten, am Ende der Hecke, hätte ich abbiegen müssen. Und wenn schon, 200 zusätzliche Meter machen den Marathon-Kohl auch nicht fett.

Langweiliger kann ein Weg kaum sein: Oft schnurgeradeaus und weitgehend frei von optischen Reizen. Und doch bin ich Andreas dankbar, dass er sich für diese Route entschied. Ich darf im Wald laufen, überwiegend im Schatten und genieße die unter Bäumen auch am frühen Nachmittag noch kühle Luft. Weiteres Plus: Auf der Etappe verkehren keine Radler. Am Seeufer machten Schwärme von Radlern Jagd auf jene töricht rückständigen Elemente der Bevölkerung, die partout am Zufußgehen festhalten. Und hier? Nicht nur wenige, nein: überhaupt kein Radler. Mir ist rätselhaft woran das liegt, aber ich genieße die Freiheit nicht vorsorglich dicht am Rand laufen zu müssen.

Unmerklich, also auch unangestrengt, mache ich Höhenmeter gut. Muss so sein: Ohne Höhendifferenz fließt kein Bach und noch immer halte ich gleichbleibenden Abstand zur Weißach, nebenan in ihrem Bett. Eher selten begegne ich Wanderern, auch mal Kindern oder Gassigehern. Vorhin, etwa bei km 22, meldete das Phänomen sich kurz zu Wort. Kurzer Stopp, dann weiter; ein paar Minuten später nochmal dasselbe. Seither nichts mehr. Ich habe es längst aufgegeben die rätselhafte Schwäche ergründen zu wollen. Sie hält mich auch nicht auf, wenn sie sich wie heute binnen Sekunden wieder „verkrümelt“.

Der Weg zieht sich schier endlos in die Länge, vermittelt mir das Gefühl kaum voranzukommen. Ich weiß: Es ist nicht vorhersehbar, welche Kilometer eines Marathons mich jeweils härter fordern. Mit hoher Wahrscheinlichkeit natürlich das letzte Viertel, vor allem physisch. Mental kann jedoch jeder Abschnitt in die Krise führen; sogar der Auftakt, wenn sich die Beine schwer wie Blei anfühlen und der ganze „lange Kanten“ noch vor mir liegt. Heute gäbe ich viel für mehr Zuversicht hier, zwischen km 20 und … Keine Ahnung, wie lange der Durchhänger andauern wird.

Kilometer 26: Erste Häuser hinter Bäumen schieben sich ins Blickfeld, vermutlich gehören sie zu Kreuth. Kommt hin, laut Wegbeschreibung erwartet mich ein Trinkbrunnen in der Kreuther Ortsmitte, bei Kilometer 26,5 … Sparfüchse im Gemeinderat wurden während der Abstimmung zur unlängst erfolgten Neugestaltung des Brunnens und seiner als Ruhezone gestalteten Umgebung offenbar im Rathauskeller weggesperrt. Davon erzählen die noble, in Granit verfertigte Brunnenanlage und großzügige Blumenrabatten. Eine Sitzbank lädt zum Verweilen ein, mich zumindest um darauf meinen Rucksack abzulegen. Trinken, Gel schlucken, trinken, Gesicht und Arme kühlen, Haare befeuchten, trinken, schlussendlich die Flasche füllen, Rucksack über, Brille auf und weiter … Nein, die Digicam blieb nicht liegen, hatte sie eingedenk meiner permanent lauernden Gedankenlosigkeit vorsorglich in einer Tasche des Rucksacks verwahrt.

Innen und außen erfrischt nehme ich den vormaligen Tippelschritt-Rhythmus wieder auf. Kann’s nicht belegen, bin aber sicher seit Restart am Auto in gleichbleibender, wenn auch ziemlich niedriger Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Wieder tauche ich im bachnahen Wald unter, trabe stoisch einher, begegne so gut wie niemandem, vor allem - und das ist mindestens mysteriös - erneut keinem Radfahrer. Geländetauglichen Gravel- oder Mountainbikes, sinnwidrig zunehmend mit e-Support, begegnet man doch überall - jedenfalls entspricht das meiner Erfahrung der letzten Jahre. Schlägt die mögliche Umrundung des Tegernsees alle Pedalritter in ihren Bann? So dass keiner sein Sattelheil in der Bergwelt südlich davon sucht?

„Siebenhütten“ heißt mein Ziel. Aus wie vielen Hütten Siebenhütten tatsächlich besteht, weiß ich nicht. Was ich weiß: Es gibt einen weiteren Brunnen dort. Und geschulter Alpenverstand legt nahe, dass die Alm bewirtschaftet sein wird. Letzte Zweifel daran zerstreut die Karawane hinauf und herunter wandernder Zeitgenossen, sobald ich die Weißach überquert, einen Parkplatz passiert und auf den nun etwas steileren Forstweg nach Siebenhütten abbog. Dass viele, auch jüngere Kids darunter sind, macht mich froh. Okay, zugegebenermaßen nicht deren Präsenz an sich, sondern die Schlussfolgerung daraus. Dass es nicht mehr weit sein kann, wenn Eltern Quengeln nicht fürchten, obwohl sie ihrem Nachwuchs einen solchen Anstieg zumuten. Auch die unterdessen auf der Uhr zu Buche stehenden 30 Kilometer lassen mich hoffen den entferntesten Punkt der Pendelstrecke bald zu erreichen.

Der Forstweg weist ein paar steilere Passagen auf, die mich zu meinem Erstaunen nicht grenzwertig fordern. Zuversichtlich tippele ich bergwärts, weiche reichlich „Fußvolk“ aus, wodurch mein Kurs mehr Kurven beschreibt als vom Weg vorgesehen. Links von mir fließt die Weißach, inzwischen in schluchtartig vertieftem, felsigem Bett. Badende krabbeln zwischen Felsblöcken umher, suchen Erfrischung. Ich reihe Schritt an Schritt, bis links voraus, jenseits der Schlucht, blaue Sonnenschirme durch die Bäume lugen - zweifellos der Biergarten in Siebenhütten. Mein Blick streift den Track auf der Uhr und stürzt mich augenblicklich in heillose Verwirrung. Was ich sehe, kann nicht sein, also verstehe ich es nicht: Der Track endete stückweit hinter meiner jetzigen Position. Ich lief über das Trackende hinaus. Ist es so? oder anders?? Ich trabe etwa 50 m zurück … Gibt’s dort einen Abzweig, den ich verfehlte? Durchs felsige Bachbett rüber nach Siebenhütten?

Ich erlebe mein blaues Wunder der unangenehmen Art. Es dauert bis ich die Darstellung auf der Uhr als Realität akzeptiere und begreife: Der Track endet tatsächlich an dieser Stelle. Beim Laden auf die Uhr muss ein Fehler passiert sein. Stehend überlege ich fieberhaft: Was nun? Einfachste und sichere Alternative: Umkehren und auf identischem Weg zurück. Insofern nicht grundverkehrt, da die vorgesehene Schleife nur wenige Kilometer hinter Siebenhütten ohnehin im Anmarschweg aufgeht. Dennoch verwerfe ich den Gedanken: Erstens brauche ich Wasser aus dem nahen Brunnen. Zweitens fehlten mir am Ende Höhen- und wahrscheinlich auch Streckenkilometer, um dem Anspruch des Tegernsee Marathons gerecht zu werden. Also weiter bis Siebenhütten, mindestens das, dort Wasser bunkern und sehen, was geht. Widerstrebend, da ohne Orientierung, folge ich dem Forstweg aufwärts. Unsicherheit lastet Bleigewichten gleich auf meinem Bewegungsapparat … Erst ein paar Minuten weiter weicht der Druck. Ein Steg bringt mich zur anderen Bachseite zum erhofften Brunnen, unmittelbar vor den Hütten von Siebenhütten.

Erstmal „Tanken“: Gel schlucken, reichlich Wasser in den Bauch, zuletzt die Flasche füllen. Unterdessen dreht sich das Gedankenkarussell. Es muss einen Weg auf dieser Bachseite geben! Ich blicke mich um. Drei Richtungen sind möglich: Jene, aus der ich komme, rechts bergauf und mitten durch den Biergarten. Ich befrage Wegweiser, die unweit des Brunnens angebracht wurden. Bergauf scheidet aus, die Aufschriften dieser Tafeln bezeichnen Gipfel oder andere mir unbekannte Ziele. Will ich nicht zurück, bleibt nur die Alternative durch Siebenhütten. Auf dem Schild steht was von „Kreuth“, auch von einem „Parkplatz“. Soll ich es wagen?

Biergarten durchquert, dabei keinen von gefühlt tausend Menschen angerempelt. Vor mir erstreckt sich ein typischer Bergpfad. Bezüglich einer Wendung erinnere ich mich ziemlich genau an Andreas‘ Wegbeschreibung, von der ich dachte sie nicht zu brauchen. Er schrieb sinngemäß: Hinter Siebenhütten erwartet uns nochmal ein steiler Anstieg. Im Wesentlichen diese unbekannten Höhenmeter motivierten mich am Brunnen nicht umzukehren und den Anmarsch- als Rückweg zu nutzen. Auf ewig trüge ich das Manko im Läuferherzen, es mir zu leicht gemacht zu haben. Leichter jedenfalls als es sich meine enteilten Mitstreiter machten und die Strecke es vorsieht. Kurz darauf tippele ich auf schwierigem Geläuf tatsächlich „steilst“ hinan und muss passen: Nach 31 Kilometern ist dieser Absatz, dessen vertikale Ausdehnung ich überdies nicht kenne, nur gehend zu bewältigen. Infolge explodierender Zuversicht offensichtlich dem korrekten Pfad zu folgen, ist mir das aber egal. Außerdem endet das Uphill-Intermezzo schon nach drei kurzen Kehren. Nun flach am Rande der Weißachschlucht entlang. Ein paarmal halte ich inne und blicke nach unten. Sehe Menschen am/im Bach, erkenne auch meinen Anmarschweg auf der Gegenseite. Ich blicke zur Uhr: Tatsächlich bewege ich mich parallel zum Herweg. Die eingeschlagene Richtung ist korrekt!

Ein Virtuose an der Motorsäge hat ein großes Herz aus einem Baumstumpf herausgearbeitet. Dafür braucht es nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch Gespür für Formen und Proportionen. Hübsch! Ich nehme das gar nicht mal so kleine Kleinod verpixelt im Kameraspeicher mit. Stetig leicht bergab voran, bis zum Waldrand vor eine Wiese. Intuitiv wende ich mich nach links (richtig!), um zu einem Anwesen mit Kapelle zu gelangen (auch richtig!). Dabei komme ich an einem Abzweig vorbei, der nach „unten“ zu führen scheint. Beschildert ist er mit „Parkplatz Siebenhütten“. Ich entscheide mich gegen den Abzweig (richtig!) und stehe alsbald in Höhe der Kapelle (absolut richtig!). Von hier genießt man den unverstellten Blick auf einen berühmt berüchtigten, früheren Tagungsort der Partei CSU*: Wildbad Kreuth. Das Bild der mehrgliedrigen, langgestreckten Gebäudeflucht aus dem 19. Jahrhundert, mit gelben Fassaden, grünen Fensterläden, schwarz blechernen Dächern und zwei Uhrentürmchen obenauf, brannte sich dem politisch interessierten Anfangszwanziger Udo bis heute unauslöschlich ins Gedächtnis. Vor allem als Sinnbild für die bisweilen aggressive Politik der auf Bayern beschränkten CSU, vor der nichts und niemand sicher ist. Zuweilen richten sich die Attacken sogar gegen Interessen/Absichten ihrer großen in Bayern nicht vertretenen Schwester CDU oder gar den amtierenden eigenen Parteivorsitzenden.**

*) 2017 wurde Wildbad Kreuth wegen zu hoher Mietkosten von der CDU/CSU-nahen Hans-Seidel-Stiftung aufgegeben, steht daher als Tagungsort nicht mehr zu Verfügung. Seither trafen sich die CSU-Parteigranden oft in Kloster Banz (Bad Staffelstein), das, nebenbei bemerkt, an der Laufstrecke des Obermain Marathons liegt.

**) 1976 kam es als Ergebnis einer CSU-Klausur in Wildbad Kreuth zum Versuch einer Revolte gegen die Schwesterpartei CDU (siehe hinterlegter Link). 2007 wurde der damalige Parteivorsitzende Edmund Stoiber während einer Tagung in Wildbad Kreuth kurzerhand entmachtet.

Wie jetzt weiter? Kein Track, keine Erinnerung an die Wegbeschreibung, mir bleibt nur Intuition. Ich trabe hinüber vors berühmte Gebäude (falsch!) und daran entlang (noch falscher!), vermute nördlich davon den Weg, der mich zur bekannten Route zurückbringen wird (bockfalsch!). Als ich meinen Irrtum einsehe, steuere ich den Waldrand zur Linken an. Das Uhr-GPS belegt, dass der Anmarschweg parallel und ziemlich nah in diesem Wald vorbei führt. Ich durchdringe den Wald mit Blicken und ernte Frust: Sehe den Pfad, aber unerreichbar tief unten, am Rand eines dicht bewachsenen, offenbar felsigen Steilhangs. Kriegsrat mit mir selbst: Wie komme ich dahin zurück?

Ich drehe mich um, blicke über die weite Wiesenfläche, die sich vor Wildbad Kreuth erstreckt. Dorthin weiterlaufen? Das scheint mir zu unsicher, riecht nach Verlaufen. Wie soll ich auch wissen, dass in dieser Richtung der kürzeste, da richtige Weg zu finden wäre? - Ich erinnere den Wegweiser von vorhin: „Parkplatz Siebenhütten“ und beschließe dahin zurückzukehren (nicht falsch, aber ein ziemlicher Umweg!). Mit der nächsten, rein spekulativen Entscheidung schieße ich dann erneut einen Bock: Hinterm Tagungsgebäude vorbei zu laufen bringt mich schneller zum Abzweig (falsch!). Prompt jogge ich in eine Sackgasse. Also retour und dem Umweg einen weiteren Umweg hinzufügen.

Es reicht, ich mach’s kurz: mein Irrweg lässt sich auf dem Teilbild der aufgezeichneten Strecke verfolgen (tatsächlicher Laufweg rot, vorgesehene Route blau). Letztendlich handele ich mir mangels Orientierung einen Umweg von 2 Kilometern ein, begegne der Tatsache jedoch mit Gelassenheit und Optimismus als sich Laufweg und Track wieder decken. Die verbleibenden 10 Km kenne ich, spüre zudem, nach inzwischen schon 35 Kilometern, unbegreifliche Reserven. Laufen schmerzt in allen Fasern, das schon. Trotzdem sollte die verbleibende Distanz nicht zur unüberwindlichen Hürde werden.

Die Restkilometer zu beschreiben weigere ich mich. Den Weg kennt der Leser schon und ich verbringe ihn in völliger Ereignislosigkeit. Kaum Passanten, wieder keine Radler. Einziges Highlight: Wasserstopp am bekannten Brunnen im Dorf Kreuth. Noch 7,5 km von dort, die natürlich mit jeder Minute länger werden, auch wenn es mir nicht an Ausdauer gebricht. Endlich in Rottach-Egern zurück werde ich auf den finalen drei Kilometern sogar noch etwas schneller. Zumindest spricht mein Laufgefühl davon und das lügt eigentlich nie. Die wieder sehr lange missachtete Uhr wird einmal mehr erst kurz vor sieben Stunden stehenbleiben. Heute darf ich davon zwei Umwegkilometer, häufiges Stehen infolge Verwirrung und diverse längere Unterbrechungen zum Nachtanken abziehen. Insgesamt ein Erfolg? Vielleicht sollte ich das so sehen, auch wenn es mir schwerfällt. Immerhin habe ich die gesamten 44 Kilometer laufend absolviert, wenn man von dem kurzen Steilanstieg nach Aufbruch von Siebenhütten absieht. Endlich erreiche ich den von Andreas bezeichneten Zielpunkt, die Uhr protokolliert den Augenblick nach 6:47:55 Stunden.

 

Fazit zur Veranstaltung

Andreas Bettingen hat mit dem Tegernsee Marathon eine landschaftlich reizvolle Strecke ausgeschrieben. Die meisten Läufer werden den ersten, etwa 19 km langen Rundkurs um den Tegernsee als den schöneren Teil in Erinnerung behalten. Die Pendelstrecke nach Siebenhütten und zurück über Wildbad Kreuth hat jedoch auch ihre Vorzüge. Nicht zuletzt, weil sie überwiegend Schatten spendiert.

Andreas‘ - wie immer! - genaue Recherche bezeichnet ausreichend Wasserstellen (Trinkbrunnen und öffentliche WC), so dass die Mitnahme einer Trinkflasche ausreicht.

Fazit: Gerne noch einmal, dann aber ohne Umweg!