1. März 2026
Überblick verloren: Zum wievielten Mal stehe ich heute am Start des Neckarufer Marathons? „Fünf- oder sechsmal!?“ werde ich, unterwegs gefragt, spontan antworten. Tatsächlich trete ich zur siebten Wiederholung an, war von 2019 bis 2024 jedes Mal dabei. Überblick dagegen bombensicher: Die Reihenfolge der verschiedenen Abschnitte der Halbmarathonschleife könnte ich im Schlaf herunter beten. Außerdem hat Veranstalter Michael Weber vorgesorgt, brachte zu Hauf Markierungen aus, postierte überdies an jeder nur halbwegs dem Verlaufen verdächtigen Stelle humane Wegweiser. Über die Jahre waren infolge Bauarbeiten mehrfach Änderungen der Route erforderlich. So auch heute: zum einen wegen einer gesperrten, baufälligen Brücke. Zudem
untersagte die Stadt Stuttgart die Nutzung eines Stückchens Uferpromenade zur Nutzung bei Laufveranstaltungen. Grund: Grobe Unebenheiten im Asphalt, verursacht von Baumwurzeln.
Die rund 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmer scheren die Abweichungen sicher weniger als den Veranstalter selbst. Noch in jedem Jahr war Michael Weber darauf erpicht den Kurs bestlistenfähig zu vermessen. Auch heute liegen exakt 42.195 Meter vor mir, als der Startschuss pünktlich um 9 Uhr winterschlafendes Getier in der nahen Uferböschung aufweckt. Mehreren
Bekannten galten zuvor meine Wünsche für gesundes und erfolgreiches Ankommen. Die Schnellen von ihnen werde ich vermutlich im Ziel nicht wiedersehen. Der Schritt über die Startlinie bedeutet dann auch den Auftakt zu mehreren Stunden Stille als Solist. Jedenfalls ist es das, was ich erwarte. Ich habe mich strikt auf extremes Schneckentempo zu Beginn verpflichtet! Soll heißen: Langsamer als sonst, keinesfalls unter 7 min/km, eher 10 bis 20 Sekunden darüber. Jeder Läufer weiß, wie schwierig so ein Tempolimit gerade anfänglich einzuhalten ist. Also schiele ich ständig zur Anzeige meines GPS-Weckers. Ohnehin im hinteren Teil der Startaufstellung loslaufend, werde ich rasch bis zum Ende des Feldes durchgereicht. Neben dem Verbot flotter Schritte trägt auch das Verlangen nach Schnappschüssen dazu bei, für die ich ein paarmal stehenbleibe.
Wo bin ich? - Gestartet wird vorm Clubhaus eines örtlichen Sportvereins am steilen Ostufer des Neckars. Von hier geht’s auf asphaltiertem Rad- und Spazierweg Richtung Nordost. Nach dem Wechsel über das Neckarsperrwerk in Remseck zur Westseite des Flusses wird eine Richtungsumkehr vollzogen. Sodann südwestwärts, stets am Ufer entlang … Doch zurück zum Laufgeschehen: Nach nur ein paar Minuten zuckele ich also neben, zuweilen auch ein paar Schritte
hinter der mit orangefarbener Weste gekennzeichneten Schlussläuferin her. Was meinen Ehrgeiz überhaupt nicht, das Bedürfnis nach Anonymität jedoch mehr und mehr tangiert. Meinem Heimatverein in der Vergangenheit selbst mehrfach als Schlussläufer dienlich, müsste mir das Vergebliche der Einlassung eigentlich einleuchten. Trotzdem bitte ich die Schlussfrau um Nichtbeachtung. Nun ist aber gerade Achtgeben, sich um das jeweilige Schlusslicht zu kümmern, ihr Auftrag, den sie entschlossen vollstreckt. Ich solle einfach mein Ding machen, ganz wie es für mich passt, meint sie aufgeräumt, und alles sei gut. Dann verwickelt sie mich in ein Gespräch. Viele Laufmenschen nutzen gemeinsames Joggen, zumal in super moderatem Tempo, um sich auszutauschen. Sozialen Kontakt nennt man das. Ist bekanntlich nicht so meins, gelte eher als introvertierter Schweiger. Um nicht unhöflich zu wirken, lasse ich mich auf das Gespräch ein. Nachteil: Wenn ich erstmal ins Labern komme, erzähle ich mehr als mir lieb ist,
gerate zudem leicht außer Atem. Vorteil: Die dreieinhalb Kilometer Uferweg bis zur Wende vergehen wie im Flug.
Gemeinsam traben wir über die Krone des Sperrwerks Remseck, genießen die Aussicht auf den hier breit fließenden Neckar. Drüben angekommen erwartet uns die erste Verpflegungsstelle. Hier wittere ich eine Chance die rote Laterne und damit die (durchaus sympathische) Schlussaufseherin „abzuschütteln“. Absicht: die (so empfundene und mir lästige) Verpflichtung zu Smalltalk in Tateinheit mit Luftknappheit loswerden.
Hurtig-trinken-können war schon immer Teil meines Läuferrepertoires, mithin gelingt das Manöver. Allerdings „ertrinke ich mir“ nur ein paar Meter Vorsprung, von flüchtig „gehetztem“ Umsehen belegt. Egal, einstweilen darf ich die Klappe halten. Um nicht eingeholt zu werden, beschleunige ich geringfügig. Wodurch sich der Abstand zum Vordermann, dem notwendigerweise Vorletzten, stetig verkürzt. Schließlich hole ich den älteren Mann ein. Mit gewinnendem Lächeln bringt er unser Duell auf den Punkt: „Bin also ich wieder der Letzte!“ - Einstweilen scheint es kein Entrinnen zu geben: was für
ein Stoffel wäre ich dem neuen Laufnachbarn ein Gespräch zu verweigern? So kommt es, dass zwei ältere Herren mit kurzen, Atemnot vermeidenden Sätzen zu philosophieren beginnen. Thema: Wie erträglich ist das Tragen der roten Laterne? Mein Standpunkt: Das Schlusslicht zu bilden ist vor allem anderen eine Alterserscheinung, damit zwangs-läufig und „ … mir deshalb inzwischen egal.“ Klingt überzeugend, was mir da über die Lippen kommt, provoziert aber inneren Widerspruch. Ehrlicher äußert sich der Laufnachbar: „Na ja, ganz wurscht isses mir nicht!“ - „Stimmt schon!“ lenke ich ein und erläutere auch gleich meine Lauftaktik, die mich - so sie funktioniert - vor der roten Laterne bewahren wird. Und das geht so: Schon immer war es mir wichtig das
Lauftempo über die gesamte Distanz möglichst konstant zu halten, um Ausdauerreserven maximal ökonomisch einzusetzen. Natürlich gelang das nicht immer, erst recht nicht in letzter Zeit, deshalb ja heute das „Schneckengelübde“. Was ich aber meist erreichte, war, hinten raus nicht gravierend einzubrechen. Und schon gar nicht sah ich mich im Schlussteil gezwungen zu gehen. Wenn das auch heute glückt, werde ich spätestens ab Halbdistanz damit beginnen Läufer „einzusammeln“.
Der Dialog schläft rasch ein, Tempodifferenz trennt uns. Ich tippele solo einher, hänge meinen Gedanken nach oder lasse mich von Ansichten beidseits der Uferpromenade unterhalten. Nichts Überraschendes, dafür kenne ich die Strecke zu gut. Links der Neckar, begradigt, seines natürlichen Ufers beraubt,
mehr Kanal als Fluss. Büsche, Baumgruppen, das Gegenufer mit steil ansteigender Böschung - fortwährende Szenerie am und mit Wasser, die hat zweifelsohne ihren Reiz. Der endet sofort, wende ich den Blick zur anderen Seite des Uferdamms: hinter Zäunen Gewerbebauten, eine riesige Kläranlage und anders Zweckdienliches.
Mit einigem Abstand voraus flattert die gelbe Laufjacke von Klaus. Inzwischen eingelaufen hat er die oberste Zwiebelschicht seiner Laufmontur geöffnet. Der da joggt ist nicht irgendein Klaus in dieser Republik, schon gar nicht irgendein Klaus im Marathonzirkus. Klaus Neumann ist ungefähr in meinem Alter und hat laut Statistik des 100 Marathon Clubs (Stand 31. Dezember 2025) unfassbare 1.373 Marathon- und Ultraläufe auf dem Kerbholz. Damit rangiert er in der vom 100 Marathon Club Japan geführten Weltrangliste unter den Top 20 aller Marathonas und Marathonis. Wir kennen uns von diversen Begegnungen bei Läufen; nicht zuletzt auf seiner Hausstrecke andernorts in Stuttgart, wo er ab und an eine Auflage seines Frauenkopf Marathons ausrichtet. - Der Abstand zum gelben „Flattermann“ schrumpft, irgendwann laufen wir gleichauf, ich grüße: „Hallo Klaus!“. Sparsamster Läufersmalltalk gipfelt in seiner Frage „Und sonst?“ - Lapidare Zwei-Wort-Sätze schonen den Atem, trotzdem steckt dahinter ehrliches Interesse am Nebenmann. In meinem Falle verständlich Aufschluss zu geben,
erforderte aber eine nicht eben kurze Zusammenfassung der Krankengeschichte der letzten zwei Jahre - so lange haben wir uns nicht gesehen. Und das geht gar nicht. So lange will ich nicht reden und Klaus wohl auch nicht zuhören. Ersatzweise fasse ich das zugrunde liegende „biologische Grundübel“ in Worte: „Man wird halt älter!“. Er darauf schlagfertig: „Na Gott sei Dank werden wir älter!“ Mit diesem optimistischen Schlusswort könnte ich es bewenden lassen, ganz meiner mundfaulen Natur nachgebend. Stattdessen - gleichermaßen spontan - entfährt mir der Gedanke: „Stimmt! Leider hören manche ganz plötzlich auf mit Älterwerden!“
Ende des Zwiegesprächs, rasch trennen sich unsere Laufwege wieder. Allein Demut rückt meine Schlussbemerkung jenseits reinen Verstehens ins rechte Licht. Jener Schub Demut, der mich vorm Lauf bewegte und seither nachwirkt. Ich erfuhr vom Schicksal eines Mannes, der heute auch mitläuft; und das, nachdem er vor nicht allzu langer Zeit dem Sensenmann Paroli bieten musste.* Nicht der erste und wahrscheinlich auch nicht der letzte meiner Bekannten, den eine ernsthafte Erkrankung zeitweilig, in einem Fall fatalerweise endgültig, aus dem Läuferleben stanzte. Entsetzen oder Unbehagen nach derlei Nachrichten bewältige ich eben meist mit Demut. Plötzlich kommen mir meine anderthalb Jahre Marathonpause infolge Knieschadens
und OP wie „Peanuts“ vor. Und selbst die daraus resultierende Schinderei jeweils auf dem zweiten von zwei Halbmarathons, die mich zuletzt stets peinigte, schrumpft auf Größe einer Erbse, wie sie einst die Prinzessin im Märchen belästigte.
*) Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes formuliere ich ganz bewusst vage.
Bevor ich zu düster rüberkomme, rasch dies: Mir geht’s gut. Die Beine fühlen sich erfreulich locker an, der Kopf notiert diesen Befund mit Freude. Selbstverständlich verzichte ich auf voreilige Schlussfolgerungen. Auf überdurchschnittliche Tagesverfassung oder gar ansteigende Formkurve zu schließen, wäre nach nur sieben Kilometern verfrüht. Bis auf weiteres gehe ich davon aus, auch heute auf der zweiten Hälfte der Strecke äußersten Kampfgeist in die Waagschale werfen zu müssen … Voraus lugt die erste von drei den Neckar überspannenden Fußgängerbrücken durchs Geäst, die es heute zu überschreiten gilt. Wer sich für elegante
oder spektakuläre Bauwerke begeistert, wird diese Bogenbrücke als Augenschmaus empfinden. Sogar eine „Brückenwache“ ist aufgezogen: Reinhold, der Marathon sammelnde Hüne, grüßt herüber. Zu meinem Bedauern grüßt er statt zu laufen: Auch Reinhold „hat Knie“ und hält heute die Füße still. Kaum auf die Brücke abgebogen, ereilt mich ein weiterer Gruß: „Hallo Udo!“ Beinahe wäre mir Andreas* entgangen, der sich an diesem Sonntag gleichfalls mit der Rolle des Schlachtenbummlers bescheiden muss. Noch einer mit hässlicher Krankenakte, Diagnose: Ermüdungsbruch.
*) Andreas Bettingen veranstaltet Marathonläufe in München und Umgebung. Zum Beispiel den Isar-Süd Marathon, auf dessen Strecke ich letztes Jahr mein Marathon Comeback bestritt.
Hinter der Brücke, nun wieder am Südostufer des Neckars, beginnt ein Abschnitt auf dem sich Hin- und Rückweg der Halbmarathonschleife decken. Erst zieht das mächtige Sperrwerk Stuttgart-Mühlhausen die Blicke auf sich, dann betrete ich Neuland: Streckenänderung. Leider nicht weiter auf der Uferpromenade zwischen Baumallee und Fluss. Verwerfungen im Asphalt - über die ich dort übrigens schon vor sieben Jahren anlässlich meines Neckardebüts die Füße heben musste - könnten Läufer zu Fall bringen. Kleiner Umweg durch den ufernahen Park mit Geländeeinschnitt, zwei
kurze Anstiege zusätzlich, einer jetzt auf dem Hin- der andere später auf dem Rückweg. Genau an der tiefsten Stelle, nach etwa 8,5 km, spendet wie zur Belohnung eine Verpflegungsstelle Labsal. Für mich der Zeitpunkt einer ersten Gelration, die ich mit angebotenem Wasser und einem Becher Cola runterspüle. Ohne Verzug weiter, denn noch immer droht die rote Laterne …
Und endlich, zu meiner großen Freude: Weiter unter blauem Himmel, in wärmender Sonne … Hin- und Rückweg spalten sich wieder auf, ich halte Kurs am Neckarufer. Das Erscheinungsbild der anderen Flussseite hat sich gewandelt. Am steil ansteigenden, in schmalen Stufen gegliederten Steilhang sind Legionen von Rebstöcken aufmarschiert. Für Nicht-Stuttgarter eher überraschend: In diversen Lagen des Stadtgebietes wächst Wein. Ich schlage einen weit ausholenden Haken, weg vom Fluss, hin zum künstlich angelegten Max-Eyth-See. Von morgendlichem Gegenlicht etwas geblendet konzentriere ich mich kurz vorm Seeufer auf den Streckenverlauf, der hier geringfügig korrigiert wurde. All die Jahre nötiges, nur wenige Meter langes Pendeln entfällt. Der Pylon markiert heute lediglich ein imaginäres Eck auf gepflastertem Weg. Natürlich weist auch hier ein Streckenposten zuverlässig den Weg. Vom See zurück zum Fluss und zur vermutlich
aufregendsten Brücke der Stadt. Es macht ein bisschen Mühe die steile Rampe rauf zu tippeln, doch der fortwährende Perspektivwechsel unter filigran verflochtenen Tragseilen lohnt die Anstrengung allemal. Neben Mühe kostet der ästhetische Genuss auf der Hängebrücke auch Zeit: noch in jedem Jahr und mehrmals verhielt ich hier den Schritt für Fotos …
Schon von der Brücke aus hört man ihr wildes Kampfgeschrei. Auch in diesem Jahr holt die unten am Ufer harrende Streckenpostin mit etwas disonantem, sicher demnächst heiseren Kreischen alle Läufer auf den rechten Weg. Verlaufen trotz eher unerwarteter Spitzkehre am Fuß der Brücke unmöglich! Kaum zu
glauben, aber ich winke der Dame heute anlässlich meiner siebten Teilnahme zum siebten Mal an derselben Stelle zu. Danke! Weiter in Flussnähe zwischen Ufersaum und steilen, terrassierten Weingärten. Ein Viertel der Distanz liegt nun hinter mir. Reger Bootsverkehr auf dem Wasser: Nicht Fracht wird bewegt und auch nicht durch Motorkraft. Von der Brücke erspähte ich einen Achter, gerade jetzt einen Vierer mit Steuermann und später zwei Einer des Stuttgart Cannstadter Ruderclubs. Per Megaphon und von hinterdrein tuckernden Motorbooten aus korrigieren Trainer die „Performance“ an den Riemen … Unterdessen laufe ich auf das weit geschwungene „S“ zu, das der Neckar vor Urzeiten in die Landschaft schnitt. So wird aus dem bisherigen Nord- alsbald ein West- und nach nur anderthalb Kilometern ein Südufer.
Der Charakter des Landstreifens auf meiner Flussseite wandelt sich abermals: er flacht ab. Statt steiler Weingärten erstreckt sich entlang der Uferstraße ein Stuttgarter Wohnrevier. Immer wieder schaue ich zum Fluss und darüber hinaus. Reben wachsen nun an jäh aufschießendem Hang auf der anderen Seite.
Unterdessen setze ich Haken um Haken hinter bekannten Wegmarken. Zunächst hinterm hinterhältigen „Starenkasten“ zwischen Uferdamm und Straße. Ein paar Minuten weiter passiere ich die Tankstelle, alsbald den Koloss des EnBW Heizkraftwerks. „Alsbald“ ist eher angenehme Empfindung, tatsächlich verteilen sich die Stationen auf mehr als zwei Kilometern Laufstrecke. Ich traue dem Frieden nicht, lasse aber die Wahrnehmung vergleichsweise lockerer Beine zumindest „unkommentiert“ zu.
Ein bisschen Spannung baut sich auf, da ich mich nun der nächsten Streckenabweichung nähere. Früher als sonst, nach rund 14 Kilometern, setze ich zum vierten Mal über den Neckar. Wieder eine Fußgängerbrücke, diesmal rein funktional, als schlichter grauer, stark gewölbter Bogen gestaltet. Nach zum Glück nicht mehr als steilen 30 bis 40 Metern stehe ich auf dem Brückenscheitel und genieße den freien Blick beidseits. Auch flussaufwärts zur Wilhelmsbrücke hin, die vormals den südlichen Wendepunkt der Marathonschleife realisierte. Ihr Schicksal teilt die Brücke mit vielen anderen Brücken in diesem Land: Baufällig und zum Abriss freigegeben. Marode Brücken, einerlei ob sie Flüsse überspannen, Täler queren oder Zügen freie Fahrt gewähren sollen, gelten mir als
Symptom. Jahrzehnte genossen wir das Leben in einem Land, in dem Milch und Honig fließt. Leider vergaßen wir darüber, dass nützliche Ströme - Freiheit, Umwelt, Wohlstand, sozialverträgliches, funktionierendes Zusammenleben - nicht selbstverständlich sind; dass sie versiegen, wenn Dummheit und Ignoranz entscheidet oder Handeln verhindert. Wenn falsch verstandener Konservatismus die Notwendigkeit alternativen Handelns leugnet. Nächstes Wochenende wählt BaWü sein neues Länderparlament. Wie wird das ausgehen in Zeiten schwelender Verlustängste? Alle wissen, dass sich „etwas“ ändern muss. Und doch wurden Wahlen häufig von Furcht vor genau dieser Änderung entschieden.
Das vorgezogene Übersetzen beschert uns einen knappen, halben Kilometer Pendelstrecke und alsbald die nächste Verpflegung. Mehrere Helfer versuchen ihren Nektar bei mir anzubringen. Wasser, Cola, wohl auch Iso. Ich spüle mein Gel mit Wasser runter, wehre andere Getränke ab. Zugleich beuge ich
schmunzelnd enttäuschten Reaktionen vor: „Ich komme gleich wieder!“ - Also hin zur Wende, Kehre um eine altmodische Litfaßsäule, unmittelbar vor der gesperrten Wilhelmsbrücke. Vollsperrung: Nicht mal mehr Fußgänger dürfen das Bauwerk betreten. Zurück zur Verpflegung, dankend greife ich mir einen Becher Cola.
Zwei weniger attraktive Kilometer liegen jetzt vor mir. Rechts Quartiere des Stadteils Cannstatt, dann fußballspezischer Lärm, während ich Kurs haltend zu Kunstrasenplätzen hinüberschaue. Ich kam stets sonntags etwa zur selben Zeit hier vorbei und durfte halbwüchsige Kicker in Aktion beäugen. Vom Fluss in seinem tief eingeschnittenen Bett gibt es einstweilen kaum etwas zu sehen. 16 km liegen hinter mir und nun wage ich den Gedanken auszudenken: Heute bin ich physisch in unverhofft guter Verfassung! Noch immer fällt mir das Laufen auf anhaltend lockeren Beinen nicht allzu schwer. Eine Feststellung, zu der ich mich das letzte Mal im September letzten Jahres am Brombachsee verstiegen hätte. Kann sich ja jederzeit ändern, denke ich und rate mir dann nicht allzu enttäuscht zu sein …
Auf reizarm folgt enorm reizvoll, zwei Kilometer unmittelbar am Neckarufer. Und zu meiner Rechten, hinter einer Straße, erhebt sich abrupt die Uferböschung. 50 steile, horizontal von schmalen Terrassen durchzogene Höhenmeter. Frohgemut ob der so nicht erwarteten Leichtigkeit nehme ich die
Parade winterkahler, in Reih und Glied gepflanzter Rebstöcke ab. Schon jetzt, relativ früh im Wettkampf, ist mir vergönnt die eine oder den anderen zu überholen. Konservatismus, der etwas Gutes hat: So lange ich mein Tempo zu konservieren vermag, werde ich weiter „Konkurrenz“ einsammeln und davon motiviert werden.
Kilometer 18: Ich passiere das Gelände des Stuttgart Cannstatter Ruderclubs von 1910 e.V. Was nichts und niemand bisher vermochte, schaffen die Ruderer: Ich spute mich für ein paar Sekunden. Will nicht mit dem Achterboot kollidieren, dass die Ruderer vor Sekunden aus dem Wasser hoben und nun mit koordinierten Schritten, parallel zueinander, in Richtung Bootsschuppen tragen … Weiter am Ufer, vorbei an ein paar vor sich hin rottenden Pötten. Die lagen hier schon vor Anker als meine Linse sie vor Jahren zum ersten Mal aufs Korn nahm. Es folgt der schmale Durchlass unter der Straßenbrücke, kaum zwei Meter breit und nicht einsehbar, wo man stets mit Gegenverkehr rechnen muss. Dahinter wartet der Park am Max-Eyth-See. 300 laaange Meter
Anstieg auf rotem, mit Klinkern gepflastertem Weg. Natürlich reduziere ich Schrittlänge und -frequenz etwas. Bin dennoch davon überrascht den Abschnitt nach 19 Kilometern quasi spielend zu absolvieren. Zuletzt am Hahnenkammsee oder bei den Marathonläufen davor undenkbar.
Von der Kuppe im Park, gemeint sind großzügige, von Baumgruppen gegliederte Wiesenflächen, streift der Blick über den künstlichen See bis zu den Rebhängen jenseits des Neckars. Noch ist der Park weitgehend menschenleer, noch sind die Gänse auf den Wiesen in der Überzahl. In der zweiten Runde
wird das anders sein, zumal sich das weiß-blau sonnige Wetter zu stabilisieren scheint. Der weiterhin mit roten Klinkern gepflasterte Weg führt mich um den See und endet mit kurzer Schussfahrt über eklige Pflastersteine, runter zum schon bekannten Verpflegungspunkt. Beinahe 20 Kilometer sind jetzt Teil meiner Laufgeschichte.
Letzte Etappe bis zum Ziel, davon etwa ein Kilometer mit Gegenverkehr. Wer mir auf diesem Wegstück entgegen joggt hat zwischen acht bis sieben Kilometer Vorsprung. Läuferinnen und Läufer, die allesamt deutlich unter vier Stunden finishen werden. Entsprechend kraftvoll huschen sie vorbei. Manch einer grüßt herüber. Warum eigentlich? - Pure Höflichkeit, die sie einem „schneckig“ einher joggenden Laufopa entgegenbringen? Ausdruck grundsätzlicher Achtung vorm laufenden Mitmenschen? Oder Ansporn? Und, wenn Ansporn, wem gilt er? Tatsächlich mir? Oder doch eher der Selbstmotivation, offenbart so ein Gruß doch den enormen Leistungsunterschied!? - Wie war das vor Jahren bei mir, in ähnlicher Situation und „voll im Saft stehend“? - Tatsächlich verzichtete ich auf grüßende Gesten, da unsicher wie dergleichen beim Gegenüber ankommt. Ausnahme: Läuferinnen und Läufer die ich gut kannte.
Letzte Meter der ersten Runde. Beim Überlaufen der Messeinrichtung schaue ich tatsächlich mal zur Uhr: etwa 2:40 Stunden sind um. Aus einer mit meinem Namen beschrifteten Kunststofftüte „lade ich Gels nach“, stecke sie in den flexiblen Stoffgürtel, den ich verborgen unterm Shirt um die Hüften trage. Ich trinke Wasser und Cola und mache mich sofort wieder auf den Weg … Natürlich multipliziere ich die Durchgangszeit mit zwei und komme auf 5:20
Stunden als potenzielle aber mir unwahrscheinlich erscheinende Endzeit. Ich hatte vorab und auch unterwegs keinen Gedanken daran verschwendet, wie lange „das heute dauern“ könnte. Es war unwichtig und daran ändert die unverhoffte physische Stabilität einstweilen nichts. Während der paar Kilometer bis zur nördlichen Wende spüre ich jene Schwere der Beine noch immer nicht, die mir zuletzt so sehr zusetzte. Bei aller Vorsicht ist jetzt schon abzusehen, dass ich mal wieder einen Marathon erleben werde, bei dem die quälende Schlusssequenz tatsächlich erst hinter Kilometer 30 einsetzen wird …
Gähnende Leere auf der Strecke. Nur selten läuft jemand vor mir her; wenn, dann stückweit voraus und mit schrumpfender Distanz. Infolge baldigen Überholens schließe ich auf gleichbleibendes, eigenes Tempo. Mein Laufgefühl nährt die Annahme, auch wenn ich dem nicht mehr wie früher uneingeschränkt vertraue. Als Beweis akzeptiere ich nur die Anzeige am Handgelenk: tatsächlich nicht langsamer. Frust vorbeugend quittiere ich Kontrollblicke mit immer gleichem Nachsatz: Bis jetzt noch nicht langsamer!
Erste Fußgängerbrücke, weiter auf das Sperrwerk zu, gut 28 Kilometer gelaufen. Vereinzelt begegnen mir schnelle Läuferinnen und Läufer, ihrerseits nur noch wenige hundert Meter vom Ziel entfernt. Sie werden unter 3:45 Stunden finishen … Meine Endzeit spielt in meinen Überlegungen noch immer keine Rolle. Schon seltsam diese Wandlung vom ehrgeizigen, stets um Minuten ringenden Wettkämpfer zum geduldigen Altherrenläufer. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass lediglich physische Instabilität mich in diesem Pferch zu halten vermag. Sähe ich Fortschritte, bekäme gar Oberwasser, die Bestie Ehrgeiz entkäme mit wild entschlossenem Sprung ihrem Gehege.
Schlenker im Max-Eyth-Park: hin zum See, wieder abwenden und auf den zweiten - wirklich atemberaubend schönen - Fußgängersteg zu. Angestrengte Schritte hieven mich auf den Scheitel der Brücke. Unmöglich auch diesmal das Bauwerk in einem Zug zu überqueren. Ständig neu die Perspektive, die stufenlos sich ändernde Geometrie der Tragseile. Optik die schreit: Fotografier mich! - Apropos Schrei: Von unten, vom
Neckarufer, erreicht mich heiserer Befehlston: „Komm schon, lauf weiter! Auf geht’s!“ Unfassbar die stimmliche Gewalt dieser Frau, die nun schon seit mehr als vier Stunden jeder Läuferin und jedem Läufer lauthals ihre Unterstützung entgegen kreischt. Also runter vom Steg, Spitzkehre und mit dankender Geste vorbei.
In der langen Neckar-S-Kurve vollende ich Kilometer 32. Rund 10 Kilometer noch und zum ersten Mal spüre ich eine gewisse Verhärtung meiner Laufwerkzeuge. Wenn ich den Zeitpunkt bestimmen müsste, zu dem Schritte beginnen mir mehr Willenskraft abzunötigen, dann würde ich sagen: ungefähr jetzt. Und das ist so was von okay! Höherer mentaler Einsatz heißt ja noch lange nicht, dass ich mich quälen müsste. Wieder und wieder der Blick zur Uhr: kein Tempoeinbruch. Seit dem Start pendelt die Anzeige zwischen 7 und 7:15 min/km. Ich trabe auf den grinsenden Harlekin zu, den ein
Graffitikünstler auf die Betonwand der Unterführung sprayte. Vorhin, vor 21,0975 Kilometern, lachten wir uns schon an und ich war nicht sicher, ob sich das anlässlich unserer zweiten Begegnung wiederholen würde. Doch auch diesmal mache ich dem Grinsegesicht und mir das Geschenk eines Fotos.
Blitzer, Tankstelle, Kraftwerk … angestrengtes Laufen, noch 8 Kilometer. Ein bisschen bange ist mir vorm steilen Aufschwung der letzten Brücke. Dann ist es soweit und wieder überrasche ich mich selbst. Tiefer atmen zwar, beschleunigter Herzschlag, mehr Kraft für die Beine, aber in die Nähe meines
Limits treibt das Hindernis mich nicht. Drüben am Ufer entlang, vorletzte Verpflegungstelle, Wende um die Litfaßsäule. Sanitäter halten sich hier bereit, um schwächelnden Teilnehmern beizuspringen. Die kommen mir gerade recht. Einem von ihnen drücke ich die Digicam in die Hand und bitte mich bei der Kehre um die Litfaßsäule abzulichten … Danke! Kurz nach der Wende vorbei am Theaterschiff, dann greife ich mir noch einen Becher Cola am Verpflegungspunkt und weiter …
Es folgt der eher langweilige Teil der Strecke: kaum Sicht zum Fluss, nichtssagende Cannstatter Bausubstanz, irgendwann Kicker auf dem Kunstrasenplatz. Ohne Thrill von außen bist du zunehmend auf dein um Ausdauer ringendes, mit zwickenden Beschwerden beschäftigtes Innenleben zurückgeworfen. Und sich selbst in so einer Phase wahrzunehmen ist … - na ja, angenehm fühlt sich anders an. Ist halt so, ist Teil dieses Sports, war immer schon so. Zähle ich halt Kilometer, natürlich rückwärts, da längst einstellig: Noch sechs, dann nur noch fünf.
Nicht oft, aber immer wieder mal sammele ich Kontrahenten ein. Das gibt mir was. Befriedigt nicht Ehrgeiz, motiviert aber. So nur möglich, weil ich unbeirrt meinen „Stiefel“ durchziehe, nicht einbreche. Was wiederum die Freude über die unerwartet gute Verfassung auf steter Flamme köcheln lässt.
Direkter Blick zum Wasser jetzt, nur spuckweit entfernt, rechts, jenseits der Fahrbahn die steil ansteigende Uferflanke mit den Weinstöcken, über mir der gütige, da überwiegend azurblaue Himmel. Es ist lange her, dass ich zuletzt unter harter körperlicher Belastung vollauf zufrieden einen Fuß vor den anderen setzte. Und nun leiste ich mir sogar Hochrechnungen. Viel Zeit kann ich auf den finalen Kilometern nicht mehr einbüßen! Ich werde nach ungefähr 5:22 Stunden finishen. Soll ich mir ein „Sub-irgendwas-Ziel“ setzen? Zur Motivation nicht erforderlich heute, außerdem wüsste ich nicht welches. Unter 5:20 Stunden anzukommen scheint aussichtlos, um 2, 3 Minuten aufzuholen müsste ich enorm beschleunigen. Also genau den fatalen Fehler begehen, mit dem ich mir hier, an gleicher Stelle, vor genau 2 Jahren, den Meniskus schredderte. Damals wollte ich unbedingt Sub4:30h laufen. Viel zu früh im Jahr! Die Ausdauer hatte ich an Bord, nicht jedoch die dazu nötige Robustheit im „Gestell“. Am Tag nach dem Neckarufer Marathon schmerzte das Knie …
Also halte ich mich zurück, riskiere nichts, nehme mir sogar vor die letzte Etappe eher verhalten unter die Sohlen zu nehmen. Lange, ansteigende Passage im Park: nicht grenzwertig. Oben angekommen schweift der Blick über den Max-Eyth-See. Noch zwei Kilometer, wovon der erste - wie erwartet - als Slalom um massenhaft Spaziergänger anzulegen ist. Solo, verpaart oder als Familie mit 3 plus x Mitgliedern verlegen sie mir den Weg. Einerlei. Ein bisschen empfinde ich den Schlussabschnitt als persönlichen Triumpfzug. Wunderbar, dass es heute so gut lief! Am letzten Verpflegungsstand, nur etwas mehr als einen Kilometer vorm Ziel, grüße ich nur, halte aber nicht mehr an. Bloß nicht mehr stehenbleiben, es ist jetzt hart. Natürlich. Ein Laufopa mit 72 Lenzen und schon länger als fünf Stunden ununterbrochen auf joggenden Beinen: Wie könnte der anders als hart empfinden, was er da tut? Letzte Meter, nicht nachlassen, Füße heben, auch wenn sie immer schwerer werden … Auf die Ziellinie zu, Applaus empfangen und dann „habe ich fertig“, nach 5:20:58 Stunden.
Ich mache es mir auch in diesem Jahr einfach und verweise auf die sehr positive Wertung der Vorjahre. Wieder gelang es Michael Weber eine Marathonveranstaltung auszurichten, der man nur die Bestnote Eins mit Sternchen verleihen kann.
Fazit: Jederzeit wieder!