22. Februar 2026
Seit fünf Minuten laufe ich. Genau genommen laufen wir und zwar Seite an Seite: Andy* und ich. Gesprächsbedarf haben Laufmenschen, die sich kennen und mögen, immer. Erst recht, wenn sie sich nur sporadisch treffen und auch dann wenig Zeit zum Austausch bleibt. Andy zuzuhören fällt mir leicht, zu antworten, eigene Gedanken zu artikulieren, verursacht spontan Kurzatmigkeit. Nicht eingelaufen zu sein gilt mir als Teilerklärung, beim Blick zum Handgelenk entdecke ich mindestens eine weitere Hälfte der Wahrheit: Tempo zu hoch. Auch Andy wundert sich, wieso ich „renne“. Mangelnde Konzentration, da im Dialog verfangen, biete ich ihm als Erklärung an. Die schwingenden Hacken der übrigen Starter vor Augen achtete ich nicht aufs Tempo. Anfängerfehler, der Erfahrung von ein paar hundert Marathonstarts zum Trotz.
*) Andreas Brey veranstaltet die Naabtal Läufe (50 km und Marathon), ist einmal im Jahr auch einer der Organisatoren des Heppl Backyard Ultras.
Wir bremsen und zuckeln fortan bei Wohlfühltempo unweit des Seeufers dahin. Ein paar Sätze zunächst zum Ort des Geschehens: Der aufgestaute Hahnenkammsee liegt unweit der 500-Seelen-Gemeinde Hechlingen, einem Ortsteil des Marktes Heidenheim. Gemeint ist nicht das BaWü-Heidenheim (an der Brenz), dessen Kicker aktuell in der 1. Fußballliga gegen den Abstieg kämpfen. Orientierung vielleicht so: Den See trennen jeweils etwa 80 Autokilometer von Augsburg im Süden und dem im Nordosten gelegenen Nürnberg. Die Runde ist flach. Eine vorläufige und unvorsichtige Feststellung übrigens, die ich weiter unten noch relativieren werde. Besser so: Grundsätzlich flach, mit sanften Bodenwellen da und dort. Nicht ganz einen Kilometer nach dem Start erreichen wir das Südende des Sees, müssen hier links abbiegen und über einen breiten, stauenden Deich zur anderen Seite. Wir meint jetzt ungefähr die Hälfte der knapp 40 Starterinnen und Starter. Die andere Hälfte fühlt sich stark genug geradeaus weiter zu laufen und die erste von fünf Trailrunden à 10 km unter die Sohlen zu nehmen. Ihr Ziel:
Den „Hut50“, den 1. Hahnenkammsee Ultra, finishen. Etwa 250 Höhenmeter pro Runde und teils fordernde Pfade werden ihnen die Aufgabe nicht unbedingt erleichtern. Sätze, die zwischen den Zeilen auch den Reiz der Gegend transportieren, hier, im idyllischen, bayerischen Mittelfranken.
Andy und ich biegen links ab. Mit einem Mix aus Trauer und Sehnsucht halten meine Augen die geradeaus joggenden Ultras noch einen Augenblick fest. Mein Bedauern wird verstehen, wer mich kennt. Nichts und niemand hätte mich vorzeiten davon abhalten können meiner Sammlung auch diese, sicher malerisch schöne Strecke einzuverleiben. Leider gebricht es mir an Kraft und Ausdauer, um die HUT-Variante zu wählen. Schon 13 Mal die etwa 3,3 km der Seerunde zu laufen, insgesamt 42,8 km, werden mich aufs Äußerste fordern. Unerklärlich mutet dagegen das Sehnen an: Wie kann ich begehren, was meine Fähigkeiten eklatant übersteigt? Wie kann ich mich nach Trails verzehren, mir Anstiege wünschen, da mich schon harmlose Buckel im heimischen Trainingsrevier aufstöhnen lassen? Erklärlich vielleicht so: Es ist Gewohnheit. Mehr als zwanzig Jahre lang existierte keine Strecke, die außerhalb meiner Reichweite lag. Vorausgesetzt ich hatte Lust mich von ihr herausfordern zu lassen und dem dafür notwendigen Training zu unterziehen. Besonders die langen,
reizvollen Naturstrecken passten in mein Beuteschema. Nicht mal die Tatsache mäßigen Talents für herbe Ups and Downs, erst recht auf Trails, konnte meine Begeisterung, das beinahe infantile „Auch haben will“, einhegen. Ja, wahrscheinlich ist das die Erklärung: Die Lust auf lange Ultras in attraktiven Landschaften als emotionaler Reflex, der nun nach und nach abklingen muss.
Einträchtig nebeneinander traben wir über den Wall, schließlich nordwärts am Ostufer entlang. Unser Dialog reißt nicht ab, meist stellt Andy Fragen und ich antworte. Antworte eingehender, offener als ich das bei anderen Laufbegleitern in ähnlicher Situation zu tun pflege. Wer den empathischen, stets gut gelaunten
Andy kennt, den wird mein Redefluss nicht wundern. Auch wenn ich Gespräche beim Laufen bekanntermaßen meide. Vielleicht gebe ich mich auch der unerwartet guten Bedingungen wegen aufgeräumter als sonst. Noch vorgestern sprang mich angesichts der über Nacht gefallenen 15 cm Neuschnee Panik an. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass der Schnee binnen zweier Tage wegtauen könnte. Meine Ausdauerbasis ist derzeit mau, auf halbseidenem, matschigem Untergrund wären mir keine 42 km möglich. Doch dann - oh Wunder! - Tauwetter, verstärkt von Regen. Aus hübschem Weiß wurde schmutziges Braungrau, griffiger Untergrund. Komfortables Geläuf auf der Seerunde, fein und fest geschottert, keine Pfützen, keine weichen, schmierigen Stellen! Noch während der Anreise regnete es ergiebig. Pünktlich zum Start schloss der Himmel die Schleusen. Gegenwind von Süden spüre ich, aber nicht in relevanter Stärke.
Wenn der Jogg heute hier schiefginge, auf äußere Umstände könnte ich mich schon mal nicht rausreden.
Plötzlich, am Nordende des Sees: Eine mehrere Meter breite Überschwemmung des an dieser Stelle betonierten Weges trennt mich von Andy. Mit dem Risiko nasser Füße kämpfe ich mich am Rand der Lache vorbei. Andy kehrt um, will die Pfütze umgehen, danach wieder Anschluss suchen und … ward einstweilen nicht mehr gesehen.
Ich zuckele langsam weiter und setze ein paar Minuten später erstmals einen Fuß hinter die Ziellinie. Die liegt unmittelbar vorm „Haus am See“, das Läufern und ihrer Habe unterm Vordach ein regensicheres Obdach bietet. Dorthin, zu meinem „Claim“, bringen mich die nächsten Schritte, obschon zum Verpflegen so früh
kein Anlass besteht. Mütze, Halstuch, Handschuhe - zu viel Textil, viel zu warm. So ganz kapiere ich die Überhitzung nicht, als ich ankam stand das Quecksilber bei nur 4°C. Die Mütze ersetze ich durch das Schlauchtuch vom Hals, die Handschuhe bleiben probehalber zurück (zwei Runden später ziehe ich sie reumütig wieder an). Zurück zum Uferweg und rein in Runde zwei.
Ich schaue mich nochmal um, doch Andy ist und bleibt verschollen. Dann ist das eben so, der Blitz wird ihn schon nicht getroffen haben. Statt Worten, gehörten und selbst gesprochenen, wende ich mich der Umwelt zu. Vor zwei Jahren, als ich erstmals hier kreiste, schien die Sonne. Sonne ist nicht zu ersetzen. Deshalb an diesem trüben Sonntag keine glitzernden Reflexe vom See her, kein blauer Himmel, keine Farben in der Landschaft. Eher öde Ansichten, grau und hellbraun, das Wasser trüb und dunkel, mit einigem Abstand zum Ufer tatsächlich noch eine dünne Eisschicht tragend. Eine gehörige Portion Naturtristesse mithin, von der sich meine Stimmung erfreulicherweise abhebt. Ich bin zufrieden und dankbar nach den eisigen und schneereichen Wetterkapriolen der letzten Zeit gute Laufbedingungen am See
vorzufinden. Und wie ich später anlässlich aufgeschnappter Gespräche festhalten werde, geht es mir nicht alleine so. Hübsche Ansichten ergeben sich trotzdem da und dort. Etwa wenn welkes Beige eines Schilfvorhangs den Spiegel des Sees überdeckt, die Krausköpfe diverser Weiden um fotografische Aufmerksamkeit betteln oder die Silhouette eines Silberreihers jene der schnatternden Enten in den Schatten stellt.
Runde drei, die erste die sich zieht, die erste, die mir klarmacht, dass 3.300 Meter nicht eben wenig Strecke bedeuten. Eine Erkenntnis, die manchem Leser nicht fremd sein wird. Die dennoch Befremden oder Erstaunen auslösen mag, so sie einer äußert, der vor nicht mal drei Jahren noch 100 Meilen rund um Berlin
joggte. Die verletzungsbedingte, länger als ein Jahr währende Abstinenz von langen Strecken hat mir alles genommen, was man braucht, um Marathon und Ultra zu laufen. Nur eines nicht: Den Willen wieder zurückzukommen. Anfänglich, im September letztes Jahr, schielte ich mit Verlangen sogar wieder auf die kürzeren Ultrastrecken. Doch die werden derzeit für mich unerreichbar in einem Nachbaruniversum gelaufen. Im Oktober verlor ich den noch unsicheren Trainingsrhythmus, dann erwischte mich der Winter. Schon diese dritte Runde, genauer gesagt: was ich in meinen Beinen spüre, schreddert Illusionen der „Job“ könnte mir heute leichter vom Fuß gehen als die letzten Male. Schon jetzt sind die Schrägen schräger, die Wellen im Weg welliger, als zu Beginn. Kein Bedauern und kein Sehnen mehr beim
Abbiegen auf den stauenden Wall. Schwindsucht hochfahrender Wünsche, denen ich seit Monaten nicht mal mehr den „Vielleicht-wenn-Hoffnungsschimmer“ zugestehe. Lange Ultras mit schwierigen Pfaden und zehrenden Anstiegen? Aus der Traum.
Als es zu tröpfeln beginnt, setze ich die unter Hosenbund und Laufjacke verborgene Schildkappe auf. Ja, genau, ich bin Brillenträger. Der Spuk endet gottlob nach ein paar Minuten, noch bevor Tröpfeln sich zu Regnen steigern konnte. Der Blick zum Himmel nährt Optimismus: Formierte, sich bauschende Wolken
versprechen weiterhin Trockenheit. Auch wenn auf Hahnenkamm und den anderen umliegenden Höhen teilweise Nebel lasten. Entweder hat der Wind inzwischen aufgefrischt oder ich schätzte die Brise anfänglich falsch ein. Auf Südkurs weht es jedenfalls spürbar und lässt mich frösteln.
Zu Beginn von Runde vier wechsele ich die Laufrichtung, bin jetzt im Uhrzeigersinn unterwegs. Einfach so, weil man‘s darf und mir „andersrum“ womöglich ein paar neue, hübsche Ansichten vor die Linse schiebt. Natürlich präsentiert mir Gegenläufigkeit nach und nach auch die „Konkurrenz“. Eine 3er-Gruppe um Dieter* etwa, mehrere
andere Läuferinnen und Läufer, die ich nicht kenne und irgendwann den vermissten Andy. Seinen kurzzeitig geweiteten Augen zufolge hatte er mit vielem gerechnet, aber nicht mit Udo gegensinnig joggend. Will sogar wissen, ob ich abgebrochen habe. - Von Panoramavarianten abgesehen wird der Richtungswechsel Aufschluss geben, ob bei Südkurs auf der alternativen Seeseite weniger Gegenwind pustet. Testergebnis: Bezogen auf den Wind weist keine der Laufrichtungen spürbare Vorteile auf.
*)
In Umlauf fünf und sechs - gleichfalls im Uhrzeigersinn getrabt - übe ich mich vor allem im „Das-Glas-ist-halbvoll-Denken“. Nur nicht von der Menge noch zu drehender Runden bedrängen lassen. Immerhin vermag ich auf diesen Kilometern 14 bis 19 das Tempo noch zu halten. Gegen wachsenden Widerstand allerdings:
Meine Beine wurden schwerer, die Schrägen noch schräger und die Bodenwellen noch welliger …
Umlauf sieben, nun wieder gegen den Uhrzeigersinn rotierend, beschäftigt meinen Kopf auf ganz eigene Weise: Ich schätze die halbe Runde ab und setze einen Haken hinter den Halbmarathon. Einen Blick zur Uhr verkneife ich mir. Die zeigt viele interessante Sachen an, nur eines ganz sicher nicht: Halbzeit. So wie sich mein Fahrgestell auf halber Strecke anfühlt, werde ich bald - im wahrsten Sinne des Wortes - kürzer treten müssen.
What about eating and drinking? - Sieben Gels habe ich heute dabei und zwei Thermosflaschen mit warmem Wasser. Gelrationen konsumiere ich am Ende der Runden 2, 4, 5, 7, 8, 10, 11 und spüle mit Wasser nach. Die jeweils 100 kcal Zucker sind nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Kann sein, sie verzögern die
Ermüdung, nur spüre ich in keiner Phase etwas davon. - Wieder mal Verpflegungsstopp unterm Vordach. Bisweilen treffe ich hier auch auf Läuferinnen und Läufer des Ultratrails. So wie jetzt auf Purity. Purity tritt nicht zum ersten Mal in meinen Laufberichten in Erscheinung. Im September 2023 traf ich die dunkelhäutige Läuferin erstmals beim Seenland Marathon am Brombachsee (25 km Luftlinie nordöstlich von hier), wo sie zunächst als Zugläuferin 4:30 h mit ihrem Tross an mir vorbeizog. Am Ende ließ ich Purity, samt des einzigen ihr noch verbliebenen Klienten, hinter mir. Ihr in meinem Bericht zu huldigen hatte aber andere Gründe. Erst hinterher, aus dem gedruckten Infoheft zum Lauf, das Purity vorstellte, erfuhr ich mehr von ihr. Kindheit und Jugend in Kenia verbracht, lebt nun in Deutschland. Natürlich war auch das nicht der wahre Grund meines Interesses. Sie stand in jenem Jahr kurz vor ihrem Start beim Spartathlon. Ich e-mailte ihr, mit der ich vor Ort kein Wort gewechselt und
die mich deshalb auch nicht wahrgenommen hatte, meine besten Wünsche für den Lauf; hielt dabei mit meinem eigenen, damals 7 Jahre alten Sparthatlon-Finish nicht hinterm Berg. Als ich nach dem Spartathlon 2023 die Finisherliste durchsuchte, war ich enttäuscht: Purity? Fehlanzeige! Ich sandte ihr wiederum eine E-Mail und drückte mein Bedauern aus. Was für ein Fauxpas! Tatsächlich war Purity wohlbehalten in Sparta angekommen. Nur hatte ich sie in der Liste unter deutschen Finishern gesucht. Dass sie für Kenia gelaufen sein könnte, kam mir leider nicht in den Sinn. Heute morgen vorm Start stellte ich mich ihr vor, damit sie dem Deppen von damals endlich ein Gesicht zuordnen kann.
Die Starterliste ist nicht exorbitant lang, enthält aber einige Namen, mit denen mich etwas verbindet. Wie mit den schon genannten Andy Brey und Dieter Schaab, an deren Veranstaltungen ich teilhaben durfte. Natürlich auch Stefan und Olli, die sich die heutigen Strecken ausdachten. Außerdem sind die vielfach bei Läufen getroffenen Bernie Manhardt und Andreas Greppmeir vom Team TOMJ aus Augsburg dabei. Genau genommen zählt auch
Bernie zu den Veranstaltern: Unter seiner Leitung rannte ich vor Jahren um den Ammersee und finishte auch zwei von ihm kreierte Kurse entlang des Lechs bei und in Augsburg. Schmerz und Wehmut weckte Kati Schramm vorm Start. Sie, die ich schon lange nicht mehr gesehen hatte, erkannte in mir den Läufer mit Hund. Vor 13 Jahren, beim Schefflenzer Ultra (findet nicht mehr statt), nördlich von Heilbronn, nahmen wir erstmals Notiz voneinander. Schuld daran war Hundedame Roxi, leider 2023 gestorbenes
Laufwunder auf vier Pfoten, die mich damals mehrfach auf Marathon- und Ultrapfaden begleitete. Auf der Trailstrecke tummelt sich sogar Ultra-Prominenz. Gut eine Dekade ist es her als sich Pamela Veith von 2011 bis 2015 vier Deutsche Meistertitel im 100 km-Lauf erkämpfte.
Apropos kämpfen: Ich kämpfe mich voran. Wie zuletzt immer, will der zweite Halbmarathon ergründen, was aus einem 72jährigen Körper noch so rauszuholen geht; mehr noch, wie es um den Durchhaltewillen des in diesem „Body“ hausenden Egos bestellt ist. Schildern zu wollen, wie hart sich das anfühlt und wie nahe mich dafür aufzuwendende, weitere drei Stunden meinem Limit bringen, ist schlichtweg nicht möglich. Für das Empfindungs-Sammelsurium aus stetig steifer werdendem Bewegungsapparat, sich intensivierenden Beschwerden, vor allem im Bereich der Gesäßmuskulatur,
und Schwäche in jeder Faser fehlt mir der Wortschatz. Der beim Versuch einer Beschreibung anfallende, weinerliche Sermon tränkte überdies mehrere Seiten und: wer will so was lesen? - Vielleicht hilft eine Außenansicht weiter. Wie ich in diesen Runden auf Augen- und Ohrenzeugen wirke, wird wohl Andy am besten wiedergeben können. Drei Runden vor Schluss hat die Regie des Zufalls unsere Schritte synchronisiert, wir laufen wieder nebeneinander her. Andy hat immer noch Fragen, vor allem, weil meine „Geschichte“, deren Schilderung die Riesenpfütze unterbrach, nicht wirklich auserzählt war. Folglich will Andy dort anknüpfen, wo mein Wort endete. Ich antworte sehr direkt und wahrscheinlich - ohne Absicht - ein wenig schroff: „Ich kann nicht mehr reden! Bin am Limit!“ - Andy reagiert sofort und in erwarteter Weise. Steckt zurück,
lässt mich in Ruhe. Versteht: Ablenkung ist, was ich in diesen Minuten am wenigsten gebrauchen kann. Ich muss fokussiert bleiben, mentale Kraft gänzlich ins Durchhalten investieren. Reden setzt Denken voraus. Denken erfordert Konzentration. Konzentration wiederum einen leistungsfähigen Geist. Den besitze ich durchaus noch, aber er ist ausgelastet …
Nicht mehr ganz zwei Runden, keine sechs Kilometer mehr, ich biege zum vorletzten Mal auf den Damm ab. Geradeaus ginge es weiter zum Ultratrail. Ein Gedanke, der mich nun schaudern lässt. Anfängliches Sehnen erkrankte an Schwindsucht und verendete, seinen Platz füllt nun Schaudern aus. Jede relevante Steigung brächte im
jetzigen Stadium unweigerlich das Aus. Nicht das Aus für ein „Irgendwie-Finish“. Das nicht. Aber für ein Wettkampfende, das ich als Erfolg verbuchen würde. Ich will alles laufen, jeden Meter! Borniert, eigensinnig, stur, standhaft, unerschütterlich, prinzipientreu - mag sein von allem etwas. Aber so bin ich nun mal.
Also laufe ich, trabe, tippele. Setze wie Maschinenmenschen im Science Fiction Film einen Fuß vor den anderen, wieder und immer wieder. Ein Brei unzusammenhängender Gedanken füllt mein Bewusstsein. Kann nichts mehr überdenken, mir ausdenken oder bedenken, bleibe einzig konzentriert aufs Ziel. Flüche mischen sich darein. Nicht als Hadern mit dem Schicksal zerrütteter Beine. Flüche sind automatisiert, das Hirn - sicher nicht jedermans Hirn, aber mein Hirn - löst sie unwillkürlich aus, standardisiert, bei-läufig. Und Flüche sind wohltuend, entfalten schwach kompensierende Wirkung, jeder neutralisiert ein Quäntchen der Last …
Letzte Runde: eigentlich sollte sie ohne Zwischenhalt der vorletzten folgen, zumal meine Zuckervorräte in Form von Gel aufgebraucht sind. Die Hoffnung auf flüssigen Zucker treibt mich dann doch noch einmal unters Vordach. Vorhin naschte ich von Andys Cola, diesmal finde ich schwarzbraune „Limo“ unter den von Stefan und Olli für die Allgemeinheit vorgehaltenen
Getränken. Ein paar Schlucke davon müssen rein, dann weiter. Wie so oft geht mehr Wirkung vom Plazebo aus, als von den dreieinhalb Krümeln Zucker und den Spuren Koffein, die jetzt mit der dunklen Brühe im Magen schwappen. Egal. Nicht mal den Effekt zu kennen wird verhindern, dass er wirkt …
Noch 3 Kilometer Strecke. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2026. Dies ist das 378. Marathonabenteuer des Läufers Udo, der seit seinem 48. Lebensjahr in Laufgalaxien vordringt, die er sich nicht mal erträumt hatte … Drei Kilometer konnte ich auch früher schon als unendlich weit empfinden. Beispielsweise kurz vorm Rendezvous mit König Leonidas in Sparta. Der Unterschied: Damals hatten die Schuhe bereits 243 Kilometer auf der Sohle, heute „erst“ 40. Drei Kilometer. Ich stelle mir drei Kilometer rings um mein Zuhause vor. Udo heimwärts joggend auf hundertfach belaufener Strecke. Physikalisch ändert sich dadurch nichts, mental verkürzt das Kopfkino die Distanz. Noch zwei Kilometer, letzte Blicke über den See, auch mal rauf zu mittelfränkischen Höhen. Der Himmel darüber vermittelt
schon seit geraumer Zeit den Anschein, als wolle er endlich der Sonne zu ihrem Recht verhelfen. Zum letzten Mal ein langer Schritt über das kleine Bächlein quer zum Laufweg. Dessen saisonale Existenz war den Wegeerbauern eine betonierte Rinne wert. Dazu zwei meterdicke, sicher tonnenschwere Betonklötze am Auslauf des Rinnsals. Abgerundete, nicht näher bestimmbare Form, Kunst wahrscheinlich.
Nordwärts, ein letztes Mal gegen den Uhrzeigersinn - ich behielt seit Runde sieben die Richtung bei. Von drüben, vom „Haus am See“, schallt Lachen herüber. Erfolg macht Laune. Weiter, meinem Erfolg entgegen, nur noch ein Kilometer. Im gegenwärtigen Tempo entspricht der etwa sieben und einer halben Minute. Mir diesen finalen Kilometer zu erleichtern ist eingeübtes Kinderspiel:
Blick zur Uhr, Restlaufzeit addieren, ergibt etwas mehr als 5:50 Stunden. Ziel formulieren: Ich will verdammt noch mal unter 5:50 Stunden bleiben! Wie jedes Mal fühlt sich Laufen plötzlich leichter an. Ich werde schneller. Ein bisschen. Noch 500 Meter, ein letztes Mal - plitsch, platsch - durch die Megapfütze. Die sah zu Beginn und flüchtig betrachtet tief aus, ist es aber nicht. Man kann sie trockenen Fußes durchwaten. Blick zur Uhr, Hochrechnung, Gas geben: kann klappen. Noch 300 Meter, zwei Buckel und zwei Kurven: wird klappen! Ziel anvisiert, Blick zur Uhr, austrudeln und nach 5:49:40 Stunden über die Ziellinie: hat geklappt!
Der 3. Hahnenkammsee Marathon fand seine Ergänzung durch die anspruchsvolle Aufgabe 1. Hahnenkammsee Ultratrail. Beide Veranstaltungen fanden mitten im mittelfränkischen Irgendwo in wunderschöner Landschaft statt. Und beide Läufe waren in einer Weise miteinander verzahnt, die es ermöglichte See- und Trailrunden in mindestens Marathonlänge miteinander zu kombinieren. Einzigartig!
Unbedingt einer Erwähnung wert sind die Rahmenbedingungen: Gut vorbereitet, durchgeführt und nachbereitet von Stefan und Olli! Dafür herzlichen Dank. Bei wem ich mich für die - nicht übertrieben!! - grandiosen sanitären Anlagen bedanken muss, bleibt weiterhin unklar. Nicht nur nagelneue, großzügige und blitzsaubere Toiletten stehen am Hahnenkammsee zur Verfügung. Wer wollte konnte dort sogar duschen. Unfassbar!
Fazit: Gerne im nächsten Jahr wieder!