2. November 2025
Geringfügig mehr als sieben Kilometer misst eine Runde. Um den erwünschten Marathon zu vollenden, werde ich folglich sechs Kreise ziehen müssen. Der Kurs erschließt einen Teil des Stadtgebietes von Arbon, einer Stadt in der Schweiz, im Kanton Thurgau, am Bodensee gelegen. Seeblick gewährt die Strecke keinen, was mich jedoch nicht stört. Grundsätzlich nicht und heute schon gar nicht, denn: Es regnet. Den Eindruck einer tristen Waschküche, seewärts, hinterm Regenvorhang, nahm ich bei der Anfahrt auf der Uferstraße mit. Was für eine Symphonie in Grau: Himmel, Wasser, Ufer …
Christian Marti, Schweizer und Vorstandsmitglied des 100 Marathon Clubs Schweiz, hat diese Laufveranstaltung ersonnen. Sie findet heute bereits zum 10. Male statt. Möglich sind Halbmarathon, Marathon und 50 km. Genau genommen besteht das Event an diesem Wochenende aus zwei Läufen. Der 9. Mostindien Marathon (13 Finisher) fand bereits gestern statt. Heute die Wiederholung als fast identische Kopie,
vom Wetter und dem veränderten Teilnehmerfeld mal abgesehen. Vor meiner Knie-OP hätte ich vermutlich einen „Doppeldecker“ - Samstag plus Sonntag - anvisiert. Der reale Udo im November 2025 hat sich mit nur einem Lauf zu bescheiden - maximal Marathon - und schon der wird ihn erschöpfen.
Was bedeutet eigentlich „Mostindien Marathon“? - Die Frage mag dir in den Sinn gekommen sein, ich stellte sie Christian vorab per E-Mail. Seine Antwort ließ mich schmunzeln: „Indien“, weil der Kanton Thurgau, an dessen Ostrand Arbon liegt, auf der Karte eine ähnliche Form aufweist wie der indische Subkontinent, nur, ich zitiere: „etwas kleiner“. „Most“ vor Indien, weil der Kanton Thurgau zu den Hauptanbauregionen für Äpfel in der Schweiz gehört.

Runde 1
10 Uhr: Es regnet und es soll den ganzen Tag über regnen. Da auf den ersten Metern aus bleierner Wolkendecke nur einige Tropfen fallen, leiste ich mir ein bisschen Optimismus: Vielleicht übertreibt die WetterApp mit ihrer Prognose!? Vor der Sporthalle in Arbon nehmen 11 Frauen und Männer die ersten Meter des Parcours (zwei „Frühstarter“ sind bereits seit 9 Uhr unterwegs), entern kurz darauf eine Wohnstraße und betreten nur eine Minute später den kleinen Park rund um den Aachweiher. Ein idyllischer Flecken umringt von Siedlungen,
der unter düsterem Himmel allerdings nur einen Bruchteil seines Reizes entfaltet. Immerhin: wir haben Herbst. Immerhin: bunte Blätter, teils zu meinen Füßen, teils noch an Ästen auf die fall-entscheidende Windböe wartend. Farbe also, die der Stimmung ein wenig auf die Sprünge hilft. Ein Steg bringt mich über den zufließenden Bach Aach zur anderen Seite des Weihers. Der abfließenden Aach folge ich auf geschottertem Pfad, am Rande eines weiteren Wohngebietes.
Es reiht sich Straße an Straße. Mal trabe ich auf Asphalt, dann wieder auf geschotterten Fußwegen zwischen Anwesen. Dass ich dabei die Gemeinde-, zugleich Kantonsgrenze überschreite, bleibt mir verborgen. Arbon gehört zum Kanton Thurgau. Doch schon bald betrete ich Boden der Ortschaft Steinach, die auf dem Gebiet des Kantons St. Gallen liegt. Heute und für den Lauf einerlei, gestern, an Allerheiligen allerdings nicht. Im Kanton St. Gallen war Feiertag, im Kanton Thurgau wurde gearbeitet, hatten Geschäfte geöffnet.
Nach etwa zweieinhalb Kilometern lasse ich die „bebaute“ Schweiz hinter mir und betrete Grünland. Grün von Wiesen und Grün von ausgedehnten Obstplantagen. Ich laufe an abgeernteten Spalieren vorbei, die mit Netzen vor geflügelten Räubern geschützt werden. Bei eingehender Betrachtung der Spannweite der Netze kommen mir allerdings Zweifel, welchem Risiko das Gespinst tatsächlich abhelfen soll. Vögel finden durch Lücken Zugang, mehr oder weniger steil fallende Hagelkörner träfen die Bäumchen mutmaßlich nicht. Also doch eher Schutz vor Hagelschlag? - Vorbei an einem Bildstock, errichtet im Jahr 1677, sofern Inschrift und meine Augen nicht
trügen. Das selten gebrauchte, hochdeutsche Wort „Bildstock“ ist mir eine Recherche bei Wikipedia wert und siehe da: In der Deutschschweiz bezeichnet man derlei Andachtsstätten als Helgenstöckli.
Also vorbei am Helgenstöckli … wenig später zwischen Wiesen auf schmalem Wanderpfad entlang, bis zu einem Feldweg und kurz danach das erste und einzige
Mal mit erwähnenswerter Steigung aufwärts (blauer Pfeil in der Karte). Nicht weit, 50 Meter vielleicht?, kaum der Rede wert - denke ich jetzt. Spinne den Gedanken aber, die Erfahrung der letzten Marathons einrechnend, weiter: Schon auf der zweiten, spätestens der dritten Runde wird mir der Aufschwung viel steiler und fordernder vorkommen …
Der Feldweg mündet in einen Radweg, parallel zur Straße von irgendwo nach irgendwo. Eine Weile abschüssig dahin, dann wieder ansteigend, vorbei an einer Ortstafel, die das zweite „Irgendwo“ als Ortschaft „Landquart“ der Anonymität beraubt. Für mich besteht das Dorf aus einem Fußgängerüberweg, ein paar Häusern und
ein bisschen Gewerbe. Bebautes Land, hinter dem mich wieder natürliches erwartet. Natürliches aus Menschenhand, weitere Wiesen und Obstplantagen, durchschnitten und begrenzt von Straßen. Laufschritte auf meistenteils von buntem Herbstlaub gesprenkelten Wegen. Gelb-, Orange- und Rottöne, die mir auch entlang dieser Passage die gräßliche Witterung schönfärben. Wetter, das sich übrigens gar nicht mal so schauderhaft entwickelt in dieser ersten Dreiviertelstunde: Mehrfach stellt der Himmel die Beregnung ein und ein Lichtstreif am Horizont gen Westen lässt hoffen.
Besiedeltes Arbon nimmt mich wieder auf, wenig beidseits der Straße, das zur Beschreibung reizt. Abgesehen von der hochmodern wirkenden Mosterei, zwischen deren Betriebsgebäuden ich hindurch laufe. Wer nicht sehend versteht, was hinter Hallenwänden vorgeht, erschnüffelt die Branche en passant. Ein Lüfter im Dauerbetrieb bläst obstig säuerliche Abluft in die Atmosphäre. Über eine belebte Straße -
fünf Kilometer etwa liegen hinter mir - und gegenüber neuerlich in Wohnviertel abtauchen. Abschnittsweise über Schotterwege, an Straßenrändern entlang und durch kleine Parkanlagen. Wasser hat’s dabei genug, zum Glück derzeit nicht von oben, dafür nebenan im Bach. Die Runde endet an der Sporthalle, wo ich mit dem ausgehändigten Chip kurz das Fadenkreuz auf einer Box berühre. Sogleich schnarrt mir aus dem Bauch der Kiste ein gedämpftes „Dankeschön“ als Quittung fürs erfolgreiche Registrieren entgegen - quasi der akustische Haken hinter Runde eins.
Unterm Vordach der Halle hat Christian Marti ein bemerkenswertes Büffet vorbereitet. Das erste meiner Gels spüle ich mit Wasser und Iso runter. Getränke von Christians Tafel. Die Opulenz dieser Tafel gilt es zu rühmen. Weitere Getränke: Cola, Limo und Kaffee. Darüber hinaus warten Snacks und Leckereien auf hungrige Läufer: Käsewürfel - wir sind in der Schweiz! -, Salzstangen, Kekse, Schokolade, Gummibären, Banane, Apfel und anderes mehr. Und das für lau! Christian Marti
stellt alles bereit und dafür nicht einen Schweizer Franken in Rechnung. Um es gleich hier zu ergänzen: Jedem Finisher spendiert er überdies eine Medaille. Fürsorge solcher Art, der Liebe zum Laufsport entspringend, hinterlässt mich tief beeindruckt.
Das ist aber nicht alles. Überwältigt war und bin ich auch von Raffinesse und Akribie mit der Christian seine Veranstaltung vorbereitete und nun durchführt: Detaillierte Ausschreibung des Laufes, Übersendung mehrerer E-Mails mit ergänzenden Hinweisen, dazu ein GPS-Track der Strecke, durchgängige Streckenmarkierung, die sogar dem Dauerregen standhält, Einsatz eines Zeitmesssystems und als Clou sein Becherhalter. Den muss man erläutern: Aus Umweltschutzgründen stellt er jeder/-m einen Plastikbecher zur Verfügung (ich habe meinen eigenen mitgebracht). Damit die Becher beim Gebrauch nicht durcheinander purzeln oder bei Bedarf
langwierig gesucht und identifiziert werden müssen (anderenorts so erlebt), harren sie in besagtem Becherhalter ihrer Benutzung. Mit Namen beschriftete Aufkleber auf dem Rahmen ordnen die Becher zu. Der Becherhalter entstammt dem 3D-Drucker eines Freundes, die Öffnungen kleidete Christian mit Moosgummi aus. Es zu wiederholen komme ich nicht umhin: All das ohne finanzielles Kapital daraus zu schlagen, einzig getrieben von der Freude an der Sache!
Runde 2
Ich ziehe die Regenjacke aus, streife ersatzweise ein Vereins-T-Shirt über und „stürze“ mich in Runde zwei. Unter der Pelle fühlte ich mich unwohl, schwitzte zudem mehr Wasser aus, als mich von oben beträufelte. Nur anfangs fröstele ich im durchschwitzten Oberteil. In Bewegung und weitgehender Windstille wird mir rasch wieder warm. Daran ändert auch der inzwischen
wieder stärkere Regen nichts. Die WetterApp scheint Recht zu behalten mit ihrer Voraussage: Regen ganztägig. Den Silberstreif am Horizont scheine ich mir eingebildet zu haben.
Schon zu Beginn des zweiten Umlaufs lassen mich die Beine unmissverständlich spüren, in welcher miesen Verfassung ich heute unterwegs bin. Beim Erreichen des Grünlands muss ich kurz stehenbleiben. Wollte ich ohnehin, um mich zu erleichtern, aber erst ein paar Meter weiter, wo der Sichtschutz besser ist. Verfrüht jetzt, weil es mir die Luft, die Kraft - was weiß ich - abzuschnüren droht. Gemessen an der miserablen Tagesform überwand ich den letzten Kilometer offenbar zu „hurtig“. Ich will das in der Magengegend drohende Krampfen vermeiden. Inzwischen habe ich feine Antennen für dieses blitzartig zuschnappende Phänomen entwickelt. Sie gestatten mir das Heraufziehen des „energetischen Shutdowns“ ein, zwei Sekunden vorab zu orten. Verhaltener als bisher setze ich meinen Weg fort, inständig hoffend, dass der Spuk sich mit einer Warnung begnügt.
Hin und wieder überholt mich einer der zwölf anderen Kreisenden. Und - über die gesamte Laufdauer addiert - noch seltener schlurfe auch ich an „Konkurrenten“ vorbei. Zu Beginn der Auftaktrunde holte ich einen durchtrainiert wirkenden Mann ein, baute ihn zunächst als „Darsteller“ in meine Bilder ein. Bis er mir spontan die Hand zur Begrüßung reichte und zu plaudern begann. Sein Schneckentempo (um nicht zu sagen: Udo-Tempo) verordnete er sich als Training. Er müsse sich im „Langsamlaufen“ üben, zur Vorbereitung auf einen 8-Tage-Lauf, demnächst in Monaco. Sprach’s und blickte immer wieder verstohlen auf den GPS-Knecht am Handgelenk …
Sein nicht ganz akzentfreies Hochdeutsch weckte meine Neugier: „Bist du Schweizer?“ Der Bestätigung folgte der Hinweis auf seine Muttersprache Französisch. Und, dass von uns beiden vermutlich er die weitere Anreise hinter sich habe. Tatsächlich musste der Westschweizer mit der Bahn etwa doppelt so weit fahren, wie wir (Ines begleitet mich) mit dem Auto.
Runde 3
Umlauf drei beschert mir weiterhin durchwachsenes Regenwetter: Werde ich nun überwiegend begossen oder von der himmlischen Brause verschont? Inzwischen durchnässt achte ich nicht mehr darauf. Meine Aufmerksamkeit gilt eher der Schweizer Tierwelt. Vermeintlichem Kuhglockengeläut von einer Anhöhe etwa, freilich ohne die dazugehörenden Rindviecher zu Gesicht zu bekommen. Besonderes Augenmerk widme ich einem wildlebenden
Fauna-Nützling, der Regenwetter offenkundig ebenso zum Abgewöhnen findet wie ich. Oft weiche ich Regenwürmern aus, die versickerndes Wasser aus ihrem natürlichen Habitat „Erd-/Wiesenboden“ verscheuchte und die Flucht (?) antreten ließ. Lange, stattliche Exemplare kreuzen meinen Weg, die mit anstrengend wirkenden Muskelkontraktionen einem unbekannten Ziel zustreben. Von links nach rechts, andere entgegengesetzt, im Grunde planlos jede mögliche Richtung einschlagend. Woher die Kriecher kommen, kann ich mir denken, aber wohin wollen sie? Und warum?* Wie orientieren sie sich?
*) Warum Regenwürmer bei Niederschlag an die Erdoberfläche flüchten ist nicht abschließend erforscht. Es gibt mehrere Theorien.
In dieser dritten Runde verdichtet sich die Vorahnung späterer Mühseligkeit. Schon jetzt erkämpfe ich mir jeden Schritt auf müden, schweren Beinen. Zu einem so frühen Zeitpunkt auf Marathondistanz, folgte dem „hinten raus“ noch immer ein barbarisch hartes Schlussviertel. Dazu kommt heute die mentale „Keule“ Wetterödnis, der ausgesetzt, ich das Ende aller Anstrengungen umso vehementer herbeisehnen werde. Mein Arsenal an vorbeugenden Elixieren ist dürftig: Tempomäßigung - ohnehin von Beginn an betrieben - und brav Gelrationen schlucken (insgesamt 7).
Runde 4
Während ich mich vor Umlauf vier unterm Hallenvordach an Gel und Wasser „labe“, beginnt es wie aus Gießkannen zu schütten. Ein Blick in den Regenvorhang lässt mich schaudern. Hilft nix, ich muss da raus und durch. Im Nu saugen sich meine Klamotten voll und zum ersten Mal spüre ich Nässe an den Füßen. Statt mich eigenem Jammer hinzugeben, denke ich an meine Frau, die mit Bobi, unserem Hund, in der Stadt unterwegs ist. Längst bereue ich, sie vor ein paar Wochen zu einem „netten Spätherbst-Wochenende am Bodensee“ überredet zu haben. Hoffentlich sitzt sie jetzt warm und trocken in einem Café!?
Vorhin, beim Verpflegen, fiel mir auf, dass ich der Uhr bislang keinen Blick gönnte. Ich weiß nicht einmal, wie viel Zeit mich Halbmarathon eins kostete. Ab und zu Kilometer abgelesen, anfangs mein Tempo gecheckt, die Uhr aber „totally ignored“. Wieso eigentlich? - Weil Zeit keine Rolle spielt! Es dauert so lange,
wie es nun mal dauert. Laufend ankommen, alles andere ist mir egal. Ist es das wirklich? Jedenfalls lege ich mich darauf fest und untersage mir auch weiterhin den Blick zur Uhr. Was nicht heißt, dass mir eine ungefähre, vom „gefühlten“ Tempo inspirierte Endzeitvorstellung fehlen würde. Zwischen 5:15 und 5:30 Stunden werden zwischen Start und Ziel wohl verstreichen …
Klatschnass einher trabend erwäge ich zeitweilig den nächsten Boxenstopp zum „Trockenlegen“ des Oberkörpers zu nutzen - auch wenn das eine längere Pause verbunden mit Auskühlen zur Folge hätte. Nach höchstens einer Viertelstunde hat der Himmel jedoch ein Einsehen, fortan tröpfelt es wieder moderat vor sich hin. Wundersamer Weise friere ich nicht, obschon von Beginn an ohne Handschuhe unterwegs und obenrum lediglich in zwei dünne, durchweichte Lagen Stoff gehüllt.
Auf dem Radweg parallel zur Straße: Autos zischen vorbei, ziehen eine lange Schleppe Gischt hinter sich her. Sehe sie nicht, höre sie nur. Augen im Modus „Regenwurmradar“ zum Boden gerichtet. Sind’s dieselben blass dunkelrot bis braunen Kriecher wie vordem, deren Leben ich mit flexibler Schrittlänge zu verschonen trachte? In welchem Tempo, mit wie vielen cm/h windet sich so ein Regenwurm voran? Ich hoffe, keiner schafft es über den schmalen, trennenden Grasstreifen auf die Fahrbahn. Im Gegensatz zu Udo sind Autoreifen gnadenlos.
Lustlos trifft es nicht; denn an Lust unter trostlos regnerischem Novemberhimmel Runden zu drehen mangelte es schon zu Beginn. Ich hake die Runden ab, weil ich keine andere Wahl habe. Zumindest nicht vor der höchstrichterlichen Instanz meines Egos. Abbrechen meinst du? Wieso sich zu etwas zwingen, was einem zunehmend zuwider ist, einen darüber hinaus mit jedem Kilometer tiefer in die Erschöpfung treibt? - Ich sag dir wieso: Weil zu scheitern für mich nicht infrage kommt. Loslaufen verpflichtet zum Erfolg. Und als Erfolg lasse ich nur das Marathonfinish gelten, keinen Meter weniger. Weniger kann ich auch solo in heimischen Gefilden laufen. Vorm Ungemach von ganztägig 100 % Regenwahrscheinlichkeit hätte ich natürlich den Schwanz einziehen und gar nicht erst anreisen können.
Doch auch das war nicht wirklich eine Alternative. Aus nichtigen Gründen fernzubleiben empfände ich als Sünde an der Laufkameradschaft. Jedenfalls einem Menschen wie Christian Marti gegenüber, dem ich per Anmeldung mein Kommen zusagte und der mit hohem persönlichem Engagement eine im Detail ausgeklügelte Veranstaltung auf die Beine stellt.
Je älter der Tag, umso mehr Leute begegnen mir. Deutlich mehr Menschen als ich an einem verregneten Sonntag draußen erwartet hätte. Nicht zuletzt wasserfest gekleidete Familien mit Kindern. Auch an eine Gruppe Spaziergänger erinnere ich mich. Zu Fuß, auf Fahrrädern oder e-Rollern sind sogar Halbwüchsige unterwegs. Vertreter einer Altersgruppe, der ich voreingenommen unterstelle, dass sie lieber zu Hause im Trockenen sitzt und via Handy kommuniziert. Hätte ich daheim in Deutschland, unter vergleichbaren Umständen, dasselbe Bild vor Augen? Tatsächlich scheinen mir Schweizer weniger Auto-affin als meine Landsleute zu
sein. Als wäre die Nutzung alternativer Fortbewegungsmöglichkeiten auf kurzen Distanzen, vor allem innerorts, selbstverständlicher als in meinem Land. Natürlich fußt diese Schlussfolgerung auf einer sonntäglichen Momentaufnahme. Doch …
… andere Indizien, schon gestern als Autofahrer in der Schweiz und heute beim Joggen durch Wohnquartiere, verleihen der Spekulation eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Ich spreche von Hindernissen, denen sich Autofahrer in der Schweiz ausgesetzt sehen, vom Vorzug den hiesige Fußgänger und Radler genießen. Zebrastreifen stellen tatsächlich sichere Furten dar, vor denen Autofahrer definitiv (!) anhalten. Busspuren sieht man oft in Städten und noch häufiger Streifen, auf denen sich Radfahrer sicher fühlen dürfen. Woran ich meine Aussage der „absichtlichen und systematischen Erschwernis der Autonutzung“ jedoch vor allem festmache, sind Parkplätze; Oder besser: nicht vorhandene Parkplätze! Parken darf man innerhalb markierter Flächen am Fahrbahnrand. Gelbe Markierungen: Reserviert. Blaue Markierungen: Eine Stunde mit Parkscheibe (hat uns jemand erklärt), sonn- und feiertags unbegrenzt. Weiße Markierungen: Anscheinend jeder, jederzeit und ohne zeitliches Limit.
Beim Joggen durch Arbons Straßen fiel mir jedoch auf, wie spärlich die Farbe Weiß verwendet wird. Oft nur Platz für ein Auto, obwohl man, autofreundlich markierend, durchaus ein Vielfaches an Parkraum hätte vorsehen können. Als Autofahrer schränkt mich das ein. Als Bürger und Mensch wünsche ich mir solche Verhältnisse auch für meine Heimat.
Nach Umlauf eins, vielleicht auch noch nach der zweiten Runde aufs Streckenprofil angesprochen, hätte ich ohne zu zögern das Prädikat „flach“ gebraucht, davon lediglich den kurzen Anstieg zum Radweg an der Straße ausgenommen. Letzterer türmte sich von Mal zu Mal höher auf und einige der anderen - minimalen! - Höhenunterschiede der Strecke empfinde ich unterdessen als belastend. Einzig mögliche Schlussfolgerung und Bestätigung aller Vermutungen: Meine Tagesform ist mindestens so mies wie das Wetter.
Runde 5
Am Ufer des Weihers, just beim Überqueren des schmalen Steges über die Aach, hellt sich mein Tag schlagartig auf. Zum Rudel-Stelldichein erwarten mich meine Frau Ines und Bobi, unser Hund. Kurze Pause, ebenso kurzer Austausch von Wohl und Wehe des Tages, dann reiße ich mich wieder los. Immerhin liegen noch fast 14 km vor mir … Wieso fallen mir die Schritte plötzlich leichter? Eine Sinnestäuschung, befördert
von guten Emotionen, allerdings ohne körperliche Grundlage. Die paar Zuckerkalorien des vor Minuten konsumierten Gels bremsen den Verfall allenfalls, zu kräftigen vermögen sie mich nicht. Folgerichtig kehrt vormalige Hinfälligkeit mit ein paar hundert weiteren Schritten zurück. Aber das ist in Ordnung so, laufend ankommen werde ich trotzdem.
Die Wohnviertel bleiben zurück, vor mir öffnet sich die Landschaft der Wiesen und Obstplantagen. Das bislang zahme, kaum wahrnehmbare Lüftchen weht urplötzlich stärker, eingelagerte Böen dringen bis auf die Haut. Zum ersten Mal fröstele ich, kühle nach und nach aus. Glücklicherweise erfordert ein Rundkurs Richtungsänderungen,
so dass mich der Wind abschnittsweise nur von der Seite streift. Auch Hecken decken den Lauf. Insgesamt bleibt die Kälte erträglich …
Wegschnipsel um Wegschnipsel bringe ich hinter mich. Diverse Orte markiere ich in Gedanken: Zum vorletzten Mal hier … hier … und hier vorbei. Psychospielchen eines Ermüdeten, von dem schon mal mehr mentale Ertüchtigung ausging als heute. Was vermutlich auch mit der Länge der Runde zusammenhängt: 7 km sind enorm lang, wenn du dem physischen Ende so nahe bist wie mittlerweile ich.
Ich laufe in der Schweiz, im Land der gehäuften, für bundesdeutsches Sprachverständnis putzigen Ausdrücke. Das gilt nicht zuletzt für Straßennamen, wie etwa diesen: „Fallentürliweg“. Ich bin enorm dankbar für die Ablenkung: Stammt die Bezeichnung tatsächlich vom hochdeutschen
„Falltür“ ab? Falls ja: Handelte es sich wirklich um kleine Falltüren - eben „Türli“ -, und wo genau lauerten diese Hinterhältigkeiten?
Weiß nicht wie - irgendwie - geht Runde fünf entlang des Aachbaches wieder ihrem Ende entgegen. Aufpassen beim Überqueren der Straße, dann zur Sporthalle hin abbiegen. Dort treffe ich Ines und Bobi und lasse mich einmal mehr mit einer Portion Heiterkeit und positiven Emotionen dopen. Mir wäre zwar danach, aber ich halte
mich nicht lange auf. Ich will so schnell wie möglich zum Ende kommen - noch sieben Kilometer! Außerdem friere ich. Vielleicht liegt es an der fortgeschrittenen Erschöpfung, womöglich auch am kalten Luftzug. Dankbar streife ich die nach der Auftaktrunde abgelegte Regenjacke wieder über. Devise: Lieber im eigenen Saft schmoren, als auch nur eine Minute frieren.
Letzte Runde 6
„Rien ne va plus!“ wäre übertrieben, doch allzu weit bin ich davon nicht mehr entfernt. Wieder loslaufen, Beine heben, Schritte setzen - es fällt mir ungemein schwer. Was ich dabei empfinde weckt Erinnerungen an glorreiche Ultrazeiten: So fühlte sich mein „Fahrwerk“ dereinst an, wenn es schon 100 oder 150 km abgespult hatte. Dieser Tage backe ich kleine Brötchen, die auch schmecken können, wenn die Umstände danach sind. Heute eher nicht, ich werde immer steifer und langsamer. Aller Motive beraubt - abgesehen von dem einen, ewigen: Laufend ankommen! - lasse ich es geschehen. Zudem will ich keine Teufel wecken. Sich in einem Maße zu knechten, wie ich es einmal mehr von mir verlange,
ist allenfalls semi-gesund, um es zurückhaltend zu formulieren. Also tippeln, schlurfen, schlappen. Wo sich auch nur eine Prise „aufwärts“ bemerkbar macht, verkürze ich die ohnehin kurzen Schritte. Obschon ich kaum rascher vorankomme als die Regenwürmer zu meinen Füßen, deren Überleben mir immer noch am Herzen liegt, fühle ich dieselbe, wenn nicht höhere Belastung als in den Runden zuvor. Tempowahrnehmung: Langsamer als bisher. Wie sehr? - Weiß nicht: hoffentlich nicht allzu langsam.*
*) Tatsächlich brauche ich für die letzte Runde 59 Minuten!
Straße um Straße, Weg für Weg, Abschnitt für Abschnitt kämpfe ich mich voran. Als ich offenes Terrain erreiche, hat es aufgehört zu regnen. Seit wann? Kann sein Petrus drehte das Wasser schon vor ein paar Minuten ab. Was um mich her geschieht, kommt verzögert, manches vielleicht gar nicht mehr bei mir an. Kurz hebe ich den tonnenschweren Kopf, lasse den Blick schweifen: Das verwaschene, graue Tuch da oben hat Konturen angenommen. Offenbar hat der Himmel entschieden mir weitere Schauer zu ersparen. Schade nur, dass das längst keine Rolle mehr spielt. Nass bin ich sowieso und die Regenjacke bläht sich über feuchtwarmem Tropenklima auf meiner Haut. Weiter, immer weiter … ein paar Schritte nur, dann lasse ich den Kopf wieder hängen. Nicht sprichwörtlich, tatsächlich physisch. Er ist einfach zu schwer, um ihn aufrecht in Richtung Ziel zu befördern.
Oh, wie sehr ich mich auf dieses Ziel freue! Heute weit mehr als sonst. Dort wird die Tor-Tour enden, ich werde nicht länger Mistwetter ausgesetzt und mit meinem „Rudel“ wieder vereint sein. Noch 4, noch 3, noch 2, … dann nur noch einen verdammten, brutal harten Kilometer bis zur Erlösung. Längst und wie üblich in der Spätphase eines Marathons bedrängen mich Schmerzsignale aus allen Körperteilen „südlich“ der Taille. Gesäßmuskeln nörgeln, Zehen greinen, Fußknöchel jammern … nur das linke Knie schweigt. Ausgerechnet das linke, das operierte Knie. Es zwickte zwischendurch ein paarmal in Höhe Innenmeniskus, das war’s aber auch. Und jetzt, da der Rest der Orthopädie nur noch Schrottwert zu besitzen scheint, gibt sich ausgerechnet das linke Knie lässig und cool. Schon ein bisschen verrückt. Aber auch nicht verrückter als ein ziemlich in die Jahre gekommenes Individuum, das stur daran festhält sich Mal um Mal diese elend lange Marathonstrecke zuzumuten und alles daransetzt sie in Gänze laufend zu überstehen.
Die letzten Meter: ich biege um die Ecke, freie Sicht zum Hallenvordach. Da stehen sie: Ein paar Finisher, Christian und natürlich mein Rudel: Ines und Bobi. Dann bin ich am Ziel, registriere mich per Chip, stoppe die Uhr und lasse mich umarmen. Zum 374. Mal einen Marathon oder weiter erfolgreich durchgestanden. Erster Blick zur Uhr: 5:46:04 Stunden. Ein bisschen enttäuschend. Was soll’s? Immerhin habe ich mein Minimalziel trotz mieser Umstände - innen wie außen - realisiert, bin laufend angekommen!
Christian Marti überließ bei Vorbereitung und Durchführung des Mostindien Marathons nichts dem Zufall. Lediglich das Wetter konnte er nicht zum Besseren beeinflussen, alles andere war nahezu optimal. Sein „kulinarisches Angebot“ rühmte ich bereits im Bericht, ebenso wie seine Liebe zu jedem Detail der Veranstaltung. Streckenmarkierung, GPS-Track, offizielle Zeitmessung, warme Umkleideräume und Duschen, es fehlte wirklich an nichts.
Das alles gab’s für null Fränkli und null Rappen Startgeld! Christian schöpft seinen Lohn aus zufrieden lachenden Gesichtern beteiligter Läuferinnen und Läufer. Einfach großartig! Ein herzliches Dankeschön, Christian.
Fazit: Wenn’s terminlich passt, gerne jederzeit wieder!