27. September 2025
Ich kann nix dafür! Wirklich nicht! Purer Zufall, dass von der Musiksammlung auf dem USB-Stick ausgerechnet Johnny Cash, „Ghost Riders in the sky“, eingespielt wird. Und das just als ich mich inmitten wabernder Nebelfelder durch die Donauniederung nahe Kehlheim chauffiere. Mein Ziel ist Kallmünz im Naabtal, wo ich am 2. Heppl Backyard Ultra teilnehmen möchte. Und tatsächlich komme ich mir vor wie ein Geisterreiter: im Ungewissen unterwegs, sich seiner selbst und allem, was mit ihm geschieht, nicht sicher, vom Erfolg der begonnenen Mission alles andere als überzeugt. Dafür, dass mir der Anglizismus vom Ghost-Rider in den nächsten Stunden, in den Hügeln über Kallmünz joggend, immer wieder mal vor Augen stehen wird, kann ich im Übrigen auch nichts. Weit laufen, lange laufen, bis zur Erschöpfung laufen, erweist sich manchmal als seltsamer Zeitvertreib …
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Als ich in Kallmünz im schönen Naabtal (Region Regensburg) ankomme, scheint alles Gespenstische wie weggeblasen. Menschen aus Fleisch und Blut weisen Parkplätze an, Läufer streben der Sporthalle zu, wimmeln schon zu Hauf im Start-/Zielbereich umher. Überaus herzlich heißt mich Veranstalter Andreas Brey willkommen. Man könnte glauben Andy feiert in mir den Meister aller Klassen, mindestens aber den verlorenen Sohn, der - so lehrt es die Bibel - nach langem Irrweg aus der Fremde heimkehrt. Andreas Brey, Hirn und Seele der Veranstaltung in einem, brennt vor Begeisterung für die Sache, mehr noch die teilnehmenden Menschen, lichterloh. Seine überschwängliche Begrüßung wärmt, weil sie authentisch ist. Es gibt sicher bedeutende weitere Helfer, ohne die eine Durchführung des Laufes kaum möglich wäre. Doch scheue ich mich nicht zu behaupten: Ohne Andy gäbe es weder den heute zum zweiten Mal stattfindenden Heppl Backyard Ultra, noch seine in steter Regelmäßigkeit zwei- bis dreimal im Jahr ausgetragenen Naabtal Ultraläufe*. |
Wesentliche Merkmale des Formats „Backyard Ultra“:
Der „Backyard Ultra“ wurde erstmals auf dem Anwesen seines Erfinders, eines gewissen Gary Cantrell, in Bell Buckle, Tennessee, USA, ausgetragen. Dort findet jährlich die Backyard-Ultra-Weltmeisterschaft statt, bei der das unter https://bigsbackyardultra.com/backyard-ultra-rules/ aufgelistete, oben auszugsweise dargestellte Regelwerk gilt. Viele Veranstaltungen beachten das Regelwerk im Grundsatz, wandeln jedoch weniger bedeutsame Vorschriften ab (z.B., dass es einen Sieger aber keine Platzierten gibt). |
*) Die Naabtal Ultraläufe finden in Duggendorf an der Naab statt. Sie werden rechtzeitig vorher im Veranstaltungskalender des 100 Marathon Clubs ausgeschrieben. Strecken: Mindestens HM, Marathon und 50 km. Andreas Brey widmet anlässlich des Laufes den Carport seines Zuhauses zum Start-/Ziel- und Verpflegungsbereich um. Startgebühr wird nicht erhoben. Um einen Beitrag zur Unterstützung eines karitativen Zwecks wird gebeten.
Einem von weiter her anreisenden, weitgehend Außenstehenden wie mir gilt Andy als so etwas wie der laufsportliche Motor der Region. Neben Familie und Beruf investiert er in diese Aktivitäten enorm viel Zeit, hält daueraktiv auf allen Kanälen „Funkkontakt“. Selbst über mein Wohl und Wehe, während der vielen Monate läuferischen „Abtauchens“, hielt er sich auf dem Laufenden. Aber das ist noch nicht alles: In Andreas Brey erkenne ich den sozial engagierten Mitmenschen, einer der zufällig auch gerne lange läuft und die Ausrichtung entsprechender Veranstaltungen nutzt, um Leute zusammenzubringen. Mit seinen Null-Euro-Anmeldegebühr-Läufen verbindet Andreas Brey stets auch einen guten Zweck. Dazu bittet er seine Läuferinnen und Läufer die aufgestellte Spendenbox mit einem Solidarbeitrag zu füttern.
Und damit bin ich schon mitten im ergreifenden Ghost-Rider-Moment des heutigen Tages: Was die Spendenbox heute sammelt, geht an die Familie von Christian Helmberger, alias „Heppl“. Christian Helmbergers Ableben im Oktober 2023, im Alter von nur 38 Jahren, war für alle Menschen seines Umfelds, vor allem natürlich seine Frau und drei kleine Kinder, ein gewaltiger Schock. Der talentierte Ultraläufer verstarb beim Lauftraining unweit seines Wohnortes an Herzversagen. Sogar einen wie mich, der Heppl nur flüchtig kannte, ergriff Fassungslosigkeit angesichts dieser Hiobsbotschaft. Er starb gut drei Wochen nach dem ersten und zugleich letzten Seeer Backyard Ultra. Als Teilnehmer der Veranstaltung lernte ich Heppl an seinem Wohnort See (ein Dorf unweit von Kallmünz) kennen, wo er Haus und Garage als Start-/
Zielbereich zur Verfügung stellte. Heppl war ähnlich positiv verrückt und engagiert wie Andy Brey. Gemeinsam hatten die beiden den Seer Backyard Ultra daheim in Heppls „Yard“ ausgeheckt. Den Heppl Backyard Ultra riefen Christian Helmbergers Freunde zu seinem Andenken ins Leben. „Heppl begleitet uns auf allen unseren Laufwegen“, so ähnlich drückt es ein Freund von Christian Helmberger bei der offiziellen Begrüßung aus.
„Fünf Minuten noch bis zum Start!“ der Aufruf erfolgt exakt um 8:55 Uhr. Das Heerlager im Vorraum und den Gängen der Sporthalle beginnt sich zu leeren. Auch ich hatte an der Gangwand meinen „Claim abgesteckt“, soll heißen: meine Sporttasche abgestellt. Auf eine Sitzgelegenheit habe ich verzichtet. Solche und weitere „Ausrüstung“ brauche ich schon deshalb nicht, weil ich mich mit sieben Runden werde bescheiden müssen. Sieben mal 6,7056 km ergeben summa summarum etwa 47 km. Also peile auch ich eine Ultradistanz an, wenngleich gezwungenermaßen. Schon mit nur einer Runde weniger bliebe ich unter Marathondistanz und das geht gar nicht. Somit hat der Ghost-Rider einen Ritt mit nebulösen Erfolgsaussichten im Sinn und das gleich in zweifacher Hinsicht. Fast fünf Kilometer mehr als meine bisher längste Distanz nach Wiederbeginn sind kein Pappenstiel; nicht für jemanden, dessen Gräten schon im Marathonfinale Zeter und Mordio brüllen. Hinzu kommt die terminliche Dramatik: Nach dem Seenland Marathon blieben
mir nur sechs Tage Zeit zur Erholung. Deshalb: Nach 7 Yards ist definitiv Schluss, wozu sich also komfortabel einrichten?
9 Uhr: Start Runde eins
Hinweis: Die in Klammern gesetzten Vermerke „Pkt A“, „A-B“ oder kurz „G“ beziehen sich auf Punkte oder Abschnitte in der Streckenkarte und im Profil.
Lose beieinander streunen wir die 50 Meter zur Startlinie und halten uns bereit. „Wir“ schließt Andy und seine Frau Kristina ein, die als Besenteam drei Runden kehren werden. Auch Roland, ein guter Bekannter, gehört zur Meute, wir haben uns vorab schon begrüßt. Darüber hinaus kommen mir ein paar Gesichter, vermutlich von den Naabtal Ultras, bekannt vor. Der Zeitnehmer zelebriert den Countdown, das Feld setzt sich mit lautem Hallo in Bewegung. Viele lieben den Austragungsmodus des
„Backyards“, dreimal werde ich in den kommenden Stunden stummer Zeuge entsprechender Äußerungen werden. Und falls ich das richtig interpretiere, dann sind nicht zuletzt zwischenmenschliche Kontakte in den Pausen und während der Yards in der Hauptsache dafür verantwortlich. Insofern ist unablässiges Gezwitscher um mich her nicht zufällig, vielmehr scheint es ein unvermeidliches „Feature“ des Backyard Formats darzustellen.
Ein paar hundert Meter Wohnstraßen in Kallmünz mit mehreren Richtungswechseln sind mit Füßen zu treten, bis wir schließlich die Ortschaft ostwärts, eine Kapelle passierend, verlassen (Pkt A auf der Karte). Vor mir öffnet sich
eine breite, weitgehend flache Mulde. Felder und Wiesen zur Linken, rechts hinter der Straße steigt das Gelände an. Auf dem Radweg parallel zur Straße und rascher als ich mir das vorstellte, zieht sich das Feld der gut 70 Beinpaare auseinander. Vor mir kaum mehr jemand und hinter mir … keine Ahnung ich drehe mich nicht um. Es ist noch zu früh die „Eile“ meiner „Mit-Backyarder“ zu hinterfragen. Was mich angeht, so versuche ich auf diesem ersten, dann dem zweiten Kilometer in Schwung zu kommen und dabei nicht zu schnell anzulaufen. Schon ein Schnitt von 7 min/km wäre in zweierlei Hinsicht überzogen: Er schont meine Bordreserven zu wenig und brächte mich nach gut einer Dreiviertelstunde ins Ziel. Für meinen Geschmack viel zu früh. Zum Verpflegen brauche
ich allenfalls fünf Minuten, dazu noch ein bisschen Zeitpuffer als Sicherheit um den Neustart nicht zu verpassen. Was sollte ich mit mehr Pausenzeit anfangen? Sinnlos 'rum stehen? Hinsetzen? Beides nicht meins, beides kontraproduktiv, aber dazu komme ich noch.
Wetter und Sichtverhältnisse sind eher bescheiden. Die Sonne möchte gerne, schafft es aber nicht, schimmert bisweilen durch dünneres zwischen fetterem Gewölk. Der seltsam marmorierte Morgenhimmel taucht die ländliche Szene in geheimnisvolles Licht, das meinen inneren Zwiespalt nicht auszuleuchten vermag. Beim Ghost Rider will sich keine Ahnung einstellen, wie der Ritt ins Ungewisse heute ausgehen wird.
Einig wissen sich Körper und Geist im Empfinden ihrer nur zögerlich weichenden Trägheit, das ist alles. Daraus ableiten lässt sich überhaupt nichts.
Wenigstens einer läuft vor mir her, den ich als Model für die obligatorische Strecken-Doku missbrauchen kann. Als Tandem mit Abstand nutzen wir bis Km 2,3 den herrlich planen Radweg, biegen dann nahezu rechtwinklig gen Norden ab (Pkt B). Immer noch Asphalt unter den Füßen, rechts jetzt von Buschwerk und Bäumen flankiert.
Gewächs, das Bauern vor langer Zeit als Windschutz für ihre Felder pflanzten. Ebendiese Felder erstrecken sich zur Linken und voraus droht bereits die erste Anhöhe. Ein Anstieg auf Asphalt, insofern kein allzu großes Hindernis. Immerhin ein Hindernis, das alle Läufer in meinem Blickfeld zum Gehen veranlasst. Mich nicht, weil
Gehen für mich nicht geht - solange ausreichend Energie für irgendeine Form der Gangart Laufen fließt. Ich muss mich auch nicht bemerkenswert mühen bergauf, es waren kaum mehr als 20 Meter in der Vertikalen zu überwinden. Vor mir breitet sich ein Flickenteppich aus Feldern und Wiesen aus, da und dort von Waldstücken begrenzt.
Es folgt der „unschöne“ Augenblick, da ich vom geliebten Asphalt auf einen Schotterweg abbiege (Pkt C). An dieser Aussage mag, wer will, ermessen, wie tiefgreifend meine Laufwelt unterdessen umgekrempelt wurde. Vor nicht allzu langer Zeit hätte ich diesen Übergang nicht mal registriert oder, länger her, dasselbe in genau umgekehrter Richtung empfunden. - Vorm Waldrand mache ich erneut die Biege (D) und - oha! - trabe nun auf Gras weiter. Weitestgehend Gras, weil dieser Feldweg offenbar nur selten befahren wird. Dass weicher Untergrund mehr Körner kostet, darüber mache ich mir nach nur 3 km noch keine Gedanken. Kritischer erscheint mir das mit Unebenheiten gespickte Geläuf mit Blick auf mein verhätscheltes Knie. Nur selten mute ich dem Gelenk im Training - da dort alleiniger Herr meiner Wege -, etwas
anderes als ebenen Untergrund zu. Obendrein trage ich zur Stabilisierung eine Kniebandage, damit Belastungen quer zur Laufrichtung den vermutlich noch sensiblen „Mitarbeiter“ nicht verärgern. Hilft nix: Der Weg ist da und ich muss ihn nehmen, sieben Mal. Also hoch konzentriert Schritte setzen, das Knie möglichst wenig reizen …
Nur ausnahmsweise und kurz hebe ich den Kopf, um die reizvolle Umgebung zu würdigen. Obschon nichts Spektakuläres ins Auge fällt, weder auf bereits abgeernteten Äckern, noch in der übrigen Natur, schmeichelt die wellige Landschaft dem Auge. Ein paar Bäume setzen Akzente, ein gelb blühendes, Zwischenfrucht tragendes Feld zieht den Blick magisch an. Und dann bleiben die Augen des Naturliebhabers, weiter entfernt voraus, am Hang eines Hügels, doch noch an einer
Besonderheit hängen … Natur, deren wahre Natur ich nicht kenne: Grasland ist auszumachen, da und dort durchsetzt mit Büschen jeder Größe, dazwischen Felsformationen. Das schreit geradezu nach einer Internetrecherche!*
*) Es handelt sich um einen Teil der um Kallmünz herum verbreiteten, als Flora-Fauna-Habitat (FFH) geschützten „Trockenhänge“. Darunter versteht man mit Gebüschen durchsetzten Kalkmagerrasen, der zahlreichen pflanzlichen und tierischen Arten Lebensraum bietet.
Einen halben Kilometer weiter schlage ich einen erneuten Haken (E) und freue mich wieder sicheren Untergrund unter den Füßen zu spüren. Der zweite Anstieg
beginnt - harmlos und unmerklich zunächst. Ich mäßige meine Schritte, um Kraft zu sparen. Gehäuftes Stehenbleiben zu Fotozwecken sorgte für unstetes Fortkommen, worunter Tempo- und Zeitgefühl gelitten haben. Keine Ahnung wie ich in der Zeit liege, bin aber vermutlich mit noch reichlich Zeitpuffer unterwegs.
Der heftigste Anstieg des Kurses: Zwischen dunkelbraunen Äckern, dann Kieferwäldchen auf gottlob Asphalt hinan (F-G) - ich verkürze den Schritt aufs sinnvolle Minimum, weigere mich aber zu gehen. Ein Verhalten, das vermutlich manche als uneinsichtig, borniert oder auch nur puren Kräfteraubbau bezeichnen. In Teilen
sicher richtig: Gehen wäre mindestens im steilen Mittelstück des Hanges die effizientere Fortbewegungsart. Wie das aber so ist mit älteren Läufern: Sie halten sich an bewährte Prinzipien. „Gehen geht nicht!“ - vor langer Zeit und einzig für mich als „Norm“ fixiert - ist nicht Ausdruck elitären Überhebens. Was sich im Übrigen ziemlich lächerlich ausnähme, angesichts siechender Ausdauer eines Ü70-Läufers. Die „Norm“ trägt dem Umstand Rechnung, dass „Gehenmüssen“ mir stets schlechte Laune verursachte. Man kann es auch so formulieren: So lange ich mich quälen darf, bin und bleibe ich gut drauf!
Der Anstieg endet doppeldeutig (G). Gut: Kuppe bewältigt, Aussicht hübsch. Ungut: Der Abstieg nach Kallmünz - erste Häuser sind in tiefer liegender Ferne bereits erkennbar - erfolgt über grasiges Geläuf. Zu Hauf unter Halmen versteckte Kuhlen und Knubbel verlangen erneut volle Konzentration. Auf halber Höhe geht
niedergetrampeltes Gras in eine erdige, von Mountainbikes über lange Zeit freigewalzte Spur über. Die ist so schmal, dass man die Sohlen fast ohne seitlichen Versatz voreinander platzieren muss. Eine Art „Spitzentanz“, der sich seltsam anfühlt und unter Garantie auch so aussieht. Alsbald schlüpfe ich in einen grünen, von hohen Büschen umschlossenen Tunnel, in dem die Rinne ausläuft. Der kurze Tunnel entlässt mich auf einen Feldweg, von dem ich wenig später (H) auf einen von hohem Buschwerk
gesäumten Pfad abzweige. Hinter den Büschen links erstrecken sich die Gärten erster Häuser von Kallmünz. Da und dort kündet Maschinengeräusch von samstäglicher „Heimarbeit“. Muße, mich derlei Wahrnehmungen zu widmen, besteht allerdings nicht. Heimtückische Wurzeln lassen die Alarmglocken schrillen: Aufpassen! In Tageshelle und noch topfit kein Problem. Gefährlich werden die Fußangeln jenen werden, die den Wettkampf bis zum erschöpfenden Ende und nächtens mit Stirnlampe durchstehen wollen …
Wurzeln Ende, der Pfad mündet in die schon anfangs belaufene Straße (I). Von hier genießt man die Aussicht zur Burg, die auf einem Felsen über Kallmünz thronend, einstige Wehrhaftigkeit demonstriert. Ein paar Sonnenstrahlen kämen zupass, die das mittelalterliche Motiv effektvoll in Szene setzten. Mit dem Wetter hadere ich ein
bisschen an diesem Samstag. Zwar hat das Läuferkollektiv - mitgehörten Gesprächen zufolge - beschlossen, dass es heute nicht regnen wird (ruckzuck nasse Füße im Gras wären die Folge). Die Sonne wird sich aber wohl auch nicht zeigen. Deshalb und der für mich frostigen 12°C wegen, bin ich in langer Hose und Langarmshirt angetreten - bislang die richtige Entscheidung.
Noch ein paar Meter auf der Wohnstraße, dann „zick“, kurz darauf „zack“ und die Ziellinie queren. Die Uhr bleibt nach 49:xx Minuten stehen. Beim Rundenzähler gebe ich für Startnummer 17 aufgerundete 50 Minuten zu Protokoll (einem Email des Veranstalters zufolge reichen minutengenaue Ansagen).
Bis auf einige wenige, die noch moderater als ich unterwegs waren, hat sich das Feld bereits „zur Ruhe begeben“. Da staunt der erfahrene Ultraläufer in mir Bauklötze, als er die meisten Mitstreiter sitzend antrifft. Manche verkrochen sich gar mit hochgelegten Füßen in ihre „Ecke“. Irritierendes Verhalten, zumal in diesem frühen Stadium des Wettkampfs noch keine Körperzelle um Ruhe bettelt; die Ruhe dem Organismus jedoch signalisiert, dass er alle Parameter runterfahren kann. Schon nach ein paar Minuten schaltet das vegetative Nervensystem auf totale Erholung um. Was jedoch sinnlos, sogar kontraproduktiv ist, weil Erholung in der allenfalls verfügbaren Viertelstunde nicht einsetzen kann. Und nach Restart müssen die Bio-Systeme wieder aufgeweckt und mühsam auf Leistung getrimmt werden. Aber okay: Die „Zwangspause“ gehört zum Format „Backyard“, sie zu meistern ist Teil des Kampfes. Für mich übrigens der Grund, weshalb ich mich dem Format schon vor zwei Jahren „entfremdete“. Mit Blick auf mein bescheidenes Ziel, lediglich die (Marathonlänge überschreitende) Mindestrundenzahl „sieben“ zu bestreiten, fällt diese Abneigung jedoch kaum ins Gewicht.
Ich trinke zwei Becher Wasser und schnappe mir ein winziges Stück Kuchen vom Büffet. Ein Büffet, dessen Opulenz man rühmen muss. Nicht eine „Kopeke“ war für die Bewirtung mit beeindruckender Kuchenauswahl, Brot, zwei Aufstrichen und Kaffee zu berappen. Alles für lau, einschließlich der für die Teilnahme überreichten Medaille. Von 10 Minuten Pause bleiben leider ein paar zum „Rumstehen“ und Auskühlen übrig. Mein minimal schweißfeuchtes Shirt lässt mich sogar „indoor“ frösteln. Den Aufruf zur zweiten Runde - noch 5 Minuten! - lasse ich daher verstreichen, werde so spät wie möglich die Startlinie aufsuchen …
10 Uhr: Start Runde zwei
Zögerlich wird sich von den Stühlen erhoben, letzte Hand an sich gelegt. Schließlich schlendert man die paar Meter zur Startlinie. Noch summt es geschäftig im Bienenschwarm, keine und keiner ist müde, Geplapper allenthalben, da und dort ein Scherz. 5-4-3-2-1 - Los! Dem Geplapper gesellt sich Getrappel hinzu, der Tross bewegt sich Richtung Ortsende. Vorbei an der Kapelle (A), weiter auf dem Radweg parallel zur Straße (A-B). Für eine der Mitstreiterinnen ziehen sich die anderthalb Kilometer Radweg in die Länge, so lässt sie sich ihrer Nebenfrau gegenüber ein, der Rest vergehe dann wie im Fluge. Eine jener Bemerkungen, die mich zu Vergleichen über mein Empfinden „heute-früher“ anregt. Dieser Tage danke ich den Laufgöttern für jeden Meter „langweiligen“ planen Untergrund, verknüpfe ihn mit positiven Gefühlen. Früher hätte ich Wege vorgezogen, die vor allem eins bieten: Abwechslung.
Seltsamerweise reißt in dieser Runde der Anschluss zum Hauptfeld nicht ab. Überdies traben mehrere Mitstreiter hinter mir her. Deren Zahl vermehrt sich am ersten Anstieg, wo alle bis auf einen ins Gehen fallen. Später am zweiten, etwas anspruchsvolleren Hang (F-G) zuckele ich an weiteren Gehern vorbei. Das kann eigentlich nur
bedeuten, dass ich flotter unterwegs bin, als im ersten Umlauf, wenngleich die Tempoanzeige am Handgelenk störrisch anderes behauptet. Der Himmel gibt sich entschieden unentschieden. Im Sektor Ost-Südort der Windrose scheinen die Wolken auszudünnen, bisweilen ist die Sonne am grellgrauen Himmel mehr als nur zu ahnen. Anders im übrigen Dreiviertel des Himmelskreises, dort ballt sich nach wie vor dunkles, undurchdringliches Gewölk. Die ungewöhnliche Hell-Dunkel-Verteilung taucht die Landschaft in seltenes Zwielicht - Ghost-Rider lässt grüßen.
Beim zweiten Abstieg über den holprigen Graspfad meldet sich mein „repariertes“ Knie. So verhalten, dass es mich nicht beunruhigt. Mit schwachen Signalen erinnert es fast bei jedem Lauf an sein „Schicksal“, um sich wenig später, oft dauerhaft, in Schweigen zu hüllen. Das geht schon seit Monaten so und seit einiger Zeit bin ich
sicher, dass korrekt, zugleich eintönig ausgeführte Laufschritte, egal in welchem Tempo, keine negativen Folgen haben werden. Mit Betonung auf „korrekt ausgeführt“. Wie es auf die trailigen Abschnitte des Backyard-Parcours reagieren wird, darüber denke ich lieber nicht nach …
Nach neuerlich 50 Minuten habe ich auch den zweiten Umlauf unversehrt überstanden und rätsele: Die Uhr lügt nicht, also war ich mit derselben Durchschnittsgeschwindigkeit unterwegs wie in Runde eins. Wieso gelang mir dann, was mir im ersten Umlauf verwehrt blieb? Wieso konnte ich mich diesmal im Schlussviertel des Feldes an vorderer Position behaupten? Vermutung: Runde eins kostete einige Mitstreiter bereits merklich Körner. Beim zweiten Ausritt trabten die Hufe der Pferdchen nicht mehr ganz so flink dahin.
Die zweite Pause gleicht der ersten. Zwei Unterschiede: Ich verstaue die Kamera, habe genügend Fotos im Kasten. Außerdem konsumiere ich ein erstes Gel. Nach immerhin schon mehr als 13 Kilometern ein bisschen spät, so ich’s recht bedenke. Welche Nachlässigkeit mir da unterlief, wird mir erst ein paar Runden später bewusst werden. Ich habe mich von der scheinbaren Harmlosigkeit des Backyard-Formats - lächerliche 6,7 km-Runden, dazwischen je eine nette Rast zum Verpflegen und Ausruhen - einlullen lassen.
11 Uhr: Start Runde drei
Aufruf zur nächsten Runde, noch fünf Minuten. Wieder verlasse ich das Gebäude auf den letzten Drücker, will draußen nicht rumstehen müssen. Neustart und ab durchs Dorf. Wie so etwas bei mir zustande kommt, kann ich nicht sagen, weil ich die Tatsache erst nach einer Weile registriere und dann ist es zu spät Ursachen dingfest zu machen. Wie dem auch sei: ich bin im Mittel fast 20 Sekunden schneller pro Kilometer unterwegs - errechnet aus der Laufzeit von ca. 48 min, die ich am Ende auf der
Uhr haben werde. Natürlich bleibt mir die flottere Gangart nicht verborgen. Nur unternehme ich nichts, um meine Schritte zu mäßigen. Das ist umso unverständlicher, als ich doch genau weiß, dass es nullkommanull Sinn ergibt den Umlauf früher abzuschließen. Wieder ein echter Ghost-Rider-Moment. Unterdessen drückt die Sonne warm durch dünne Wolkenschichten, im Nu sind meine Klamotten klatschnass. Und doch halte ich das Tempo. Höchst unklug und sinnfrei mein Verhalten - sag mir, wieso ich es wider besseres Wissen geschehen lasse!
12 Uhr: Start Runde vier
Das helle Intermezzo am Himmel war genau das: ein Intermezzo. Dichte Wolken haben wieder die Regentschaft übernommen, wodurch mich in der kurzen Wartezeit vorm Neustart in schweißfeuchter Kleidung mehr als nur ein Frösteln überkommt. Damit ist die Frage, ob ich vielleicht auf oben und unten „kurz“ umrüsten soll, erst einmal vertagt. Der Tross zieht unaufhaltsam davon, ich scheine wieder zu Tempovernunft gekommen. Vorbei an der Kapelle (A), ab hier freie, nun schon vertraute Sicht auf die von Äckern geprägte Landschaft. Ich sollte erwähnen: Der inzwischen absolvierte halbe Marathon hat Spuren in meinem Bewegungsapparat hinterlassen. Die Beine zu heben fällt schwerer, muskulär da und dort ein schwaches Ziehen. Darf ich erfahrungsgemäß ignorieren. Erschöpfung wird wachsen, mir aber sicher nicht das Finish verwehren. Und die Beschwerden in „bewegten Teilen“ werden erst zum Ende hin wirklich relevant nerven.
So oder so deutet rein gar nichts daraufhin, was sich Augenblicke später in mir drin ereignet. Schlagartig muss ich mein Tempo auf fast null reduzieren: Da ist „es“ wieder! Das Unerklärliche, das Krampfen in der Magengegend. Wie jedes Mal blockiert es meine Fähigkeit Ausdauer zu entwickeln und fährt als Schrecken durch den ganzen Körper. Vorletzten Marathon bei Km 13, vor sechs Tagen am Brombachsee nach 34 Kilometern und heute mit 21 Kilometern in den Beinen. So rasch es über mich kam, so schnell verliert es sich auch wieder … ich laufe weiter, wenngleich erstmal verhaltener. Was macht „es“ heute mit mir? Ich warte auf den Wutanfall, der mir am Brombachsee, acht Kilometer vorm Finish, das Hirn vernebelte. Heute ist es anders, wahrscheinlich, weil mich vom Tagesziel noch die gerade begonnene und drei weitere
Runden trennen. Gut und gerne 27 km, die nun in den Sternen stehen. Ein bisschen Panik und Verzweiflung wallt angesichts der Abbruchsdrohung auf. Andererseits blieb das Phänomen zweimal in Folge beherrschbar - ritt seine Attacken und trollte sich dann.
Drei Minuten weiter, bestimmt auch schon früher, keine Spur mehr vom Unerklärlichen. Hast es nur geträumt, Ghost-Rider? - Ich biege vom Radweg zum ersten Anstieg hin ab (B). In leichtem Gefälle lausche ich in mich rein: Nichts, da ist nichts. Bisschen müde, wie vorhin schon, das ist alles. Als es mich gerade eben überfiel, begann ich tief in den Bauch zu atmen, was eventuell hilft. Sicher bin ich mir dessen aber nicht. Längst haben sich Tempo und Atmung wieder verselbständigt, stehen alle „Anzeigen“ auf „normal“. Der erste Anstieg beginnt, alle gehen, ich trabe. Alsbald wird’s steiler … und „zack“, schnappt die Bestie wieder zu. Ganz kurz nur. Erneut durchzuckt mich Schrecken, ich falle ins Gehen. Nach nur drei, vier Schritten ist der Spuk vorbei.
Wie viele Gehschritte gestand ich mir zu? 40? 60? - Ich trabe wieder an und lauere auf den nächsten Angriff … … der bis zum Ende des Wettkampfs nicht erfolgen wird. Heute war das Phänomen weniger ausgeprägt als am Brombachsee. Gebe der Gott des Laufes, dass sich das als Tendenz fortsetzt und der Ungeist dereinst zur Hölle fährt. Was ich fürchtete, infolge des verhassten Bremsers den Umlauf später abzuschließen, bewahrheitet sich nicht. Mit 50:XX Minuten - 51 habe ich meiner Erinnerung nach zu Protokoll gegeben - bleibe ich im Zeitrahmen der Runden eins und zwei.
13 Uhr: Start Runde fünf
Der Himmel bleibt bedeckt, die Luft kalt. Bis mich Bewegung zu wärmen beginnt, friere ich. Wenn ich daran denke, noch gut 20 Kilometer vor mir zu haben, rollt eine Welle leichter Verzweiflung durchs Gemüt. Zwar blieben weitere Attacken aus, doch, dass ich bis zum Ende unbelästigt bleiben werde, kann ich zu diesem Zeitpunkt allenfalls hoffen. Wo sich in Runde zwei und drei Optimismus im Oberstübchen breitmachte, hat nun eher das Gegenteil Einzug gehalten. Der dunkle, irgendwie unheilschwangere Himmel korrespondiert Ton in Ton mit der Farbe meines Innenlebens. Immerhin: Die Stimmung hellt sich auf, von Kilometer zu Kilometer, von Steigung zu Steigung. Merkwürdig hoch sieben: Ist das Phänomen erst einmal überwunden, scheinen es weder erhöhte Anstrengung noch wachsende Erschöpfung neuerlich auslösen zu können.
Im Zenit dieser Runde (G) scheint mein Optimismus restauriert: Bald bin ich im Ziel, dann fehlen nur noch zwei Runden! Ich versuche mir mit allem, was auch nur ansatzweise gute Gefühle auslöst, Mut zu machen. Etwa damit, dass mein Knie nun zum fünften Mal hier runter rattert und diese Zumutung klaglos hinnimmt, tatsächlich
ohne jeden Mucks. Was wiederum meine Aufmerksamkeit befeuert, um nur ja keinen Fehltritt zu setzen.
Einmal mehr im gewohnten Zeitrahmen kehre ich zurück. Allerdings schrillen schon eine Weile die Alarmglocken, die ich - von Bedeutsamem abgelenkt - überhörte. Das Gefühl weit fortgeschrittener Schwäche nach unterdessen mehr als 33 Kilometern bringt sich vehement in Erinnerung. Warum ist das so? Erst jetzt, da der Körper zur Ruhe kommt und darin verbleiben will, wird mir bewusst, wie bereitwillig ich mich von der „Leichtigkeit des Backyard-Seins“ - kurze „Ründchen“, plus nettes „Päuschen“ -, habe verführen lassen. Nach fünf Stunden nur drei Gels intus, für meine gegenwärtige Verfassung eindeutig zu wenig. Also werfe ich kurzerhand zwei Beutelchen Süßpampe auf einmal ein. Die energetische Notbremse kommt zu spät, verzögert aber hoffentlich den weiteren Kräfteverfall.
Zwangspause zu lang, eigentlich will ich sofort wieder raus und laufen. Will nicht zur Ruhe kommen und den Motor abkühlen lassen. Ich hatte es verdrängt und bei nur sieben geplanten Runden ist das Gefühl ohnehin nachrangig, aber: Ich mag das Backyard-Format nicht. Zu lange und vom Zeitpunkt her unwillkommene Rast hatte auf früheren Ultrapfaden stets krasse Folgen. Einmal, nächtens im Schwarzwald, als ich zu lange an einem Verpflegungspunkt verweilte, überwältigte mich Schüttelfrost. Mehr als fünf Minuten unkontrollierbares Zittern und Zähneklappern begleiteten mich beim Weiterjoggen. Sogar die Beine entwickelten dabei ein kaum beherrschbares Eigenleben. Dasselbe passierte mir zu vorgerückter Stunde bei den 100 Meilen Berlin, als ich mich - wider Erfahrung, also wider besseres Wissen! - von Erschöpfung und der an einem Verpflegungspunkt angebotenen Sitzgelegenheit verführen ließ. Pausen wirken auf der Ultrastrecke toxisch. Je länger du unterwegs bist, umso nachhaltiger lähmt das Gift deinen Bewegungsapparat.
Ich laufe im Gang langsam auf und ab. Will mit Bewegung verhindern, dass das Nervensystem den Körper schlafen legt. Das Pausengebaren dieser Backyard-Ultras - viele sitzen, manche haben die Beine hochgelegt, einer hat sogar eine Matratze dabei, um sich (später?) hinzulegen - will mir einfach nicht in den Kopf. Zwar erzwingt das Format den unguten Periodenwechsel Laufen-Rasten-Laufen, mit ihm klarzukommen ist folglich Teil dieses speziellen Wettkampfs. Für mich steht außer Zweifel, dass die stündlichen Unterbrechungen den Läufer mürbe machen. Wenn zum Schluss, wie in diesem Wettkampf für die beiden Sieger, 20 Runden (= 20 Stunden), also ca. 134 km zu Buche stehen, dann lässt sich diese Strecke keinesfalls 1:1 mit der anderer Ultraläufe gleichsetzen. Bei kontinuierlichem Laufen mit wahlfreien Pausen, wird die erkämpfte Strecke bei gleicher Zeit länger sein. Die Pausen sind Backyard-immanent und fressen Leistung, doch: Auch der Backyarder muss seinen individuellen Rhythmus möglichst kraftsparend und leistungsfördernd gestalten, zumindest wenn er das „Ding“ bei fordernder Konkurrenz gewinnen will. Nach allem, was ich von ultra-ausdauerndem Laufen weiß, bedeutet das: Rundentempo so moderat wie nur irgend möglich und die Pause - davon abhängig - so kurz wie nötig. Als gesichert gilt mir auch: Nur wer von der ersten Runde an „krass“ langsam zu laufen vermag, hat in hochklassig besetzten Wettkämpfen eine Siegchance.
14 Uhr: Start Runde sechs
Was ich befürchtete, bewahrheitet sich: Ich komme nur schwerfällig und diesmal auch mit brachial unrunden Bewegungen auf Touren. Es dauert ein paar Minuten, um mein verkatertes Fahrgestell zu beschwerdefreien Laufschritten zu überreden. Laufschritte, die ich, das Leiden der finalen siebten Runde schon vor Augen, sparsamer setze. Der Tross zieht davon. Kaum jemand lässt es ähnlich zurückhaltend angehen wie ich. Motivation schöpfe ich einerseits aus der Tatsache, dass das „Böse“ mich zwar erneut heimsuchte, anscheinend aber auch diesmal mein Finish nicht vereiteln möchte. Die Drohung bleibt schwach präsent, mehr aber auch nicht. Auf dem Radweg, in Steigungen, zwischen Feldern, vor allem auf der knubbeligen Downhill-Graspiste drehe ich die altbewährte Gebetsmühle: ‚Vorletzte Runde, danach nur noch einmal hier
entlang/vorbei/hinauf/hinunter …‘ Bemühe auch das Kilometer-Mantra: nur noch 10, 9, 8 … Kilometer. Auf diese Weise komme ich klar mit mir, schaffe alle Steigungen tippelnd aufwärts, bleibe bei Kräften und Laune. Welchen Einfluss die beiden Gels in meinem Bauch auf dieser Runde haben? - Schwierig zu beantworten: Vermutlich einigen, doch wirklich zu bemessen vermag ich ihn nicht …
Ich melde mich beim Rundenzähler, eine Aufgabe, die längst Andy übernommen hat, mit 53 Minuten zurück. Der freut sich fast ein Loch in den Bauch, dass ich nun „kurz“ vor Vollendung meiner ersten Ultradistanz nach „Kniereparatur“ stehe. Wie aufbauend ein von Begeisterung geleiteter, empathischer Kerl wie Andy sein kann, weiß nur ein von Schwäche gebeutelter Kämpe, also jetzt ich. Danke Andy! Ich verfüge mich zum Trinken, schlucke ein weiteres Gel und verbringe die gottlob diesmal kürzere Restpause mit Wandern in den Gängen …
15 Uhr: Start Runde sieben
Der anfängliche Eindruck heute allenfalls mittelprächtig lauffähig zu sein bestätigt sich. 40 Kilometer liegen hinter mir und eigentlich „habe ich längst fertig“. Nur der Wille, den angestrebten Lorbeer nun auch zu ernten, stellt mich ein letztes Mal vor die Startlinie. Nach dem Loslaufen knirscht es allüberall im Getriebe, komme ich kaum vom Fleck. Ist aber egal, ich muss ja nur noch diesen Umlauf irgendwie überstehen - Teil eins meiner Motivation. Telepathisch übermittle ich
dem Operateur meines Knies, das nach wie vor friedvoll knickt und knickt und wieder knickt …, eine Dankesbotschaft - Teil zwei meiner Motivation. Und hier, später dort und an vielen Stellen des Kurses denke ich: ‚Zum letzten Mal, bald geschafft!‘ - Dritter und entscheidender Teil meines Antriebs!
Trotzdem bin ich mir bewusst meinem Körper fortlaufend Gewalt anzutun. Schwäche und Ächzen in diversen Bio-Bauteilen lassen daran keinen Zweifel. Also bedächtig voran, noch defensiver agieren als vorhin. Dabei voll konzentriert die Füße aufsetzen, nur jetzt keinen Fehltritt mehr. Er träfe auf hochgradig ermüdetes Gewebe, mit womöglich verheerenden Folgen.
Es geht, irgendwie komme ich voran. Und so lange ich Steigungen zwar mit wenig Raumgewinn aber immer noch tippelnd zu überwinden vermag, so lange fließt genug Energie, um bis ins Ziel durchzuhalten. Muss ich erwähnen, wie sehr ich auf diesen letzten Kilometern leide? - Wenn, dann nicht um Mitleid bettelnd, schließlich war es meine freie Entscheidung hier mitzulaufen. Ein wenig verdächtige ich allerdings mein Ego, die Härte dessen, was mir bevorstehen würde, verschleiert zu haben. Ein Trick, der es sogar einem Kerl mit ultra viel Ultraerfahrung gestattet sich naiv und arglos an den Start zu stellen.
Obschon er doch mittlerweile die engen eigenen Grenzen kennt und akzeptiert hat.
Ich bin oben, höchster Punkt der Strecke. Mit vor Schwäche kaugummiweichen Beinen, aber hellwach und beinahe jeden Schritt planend, steppe ich zum letzten mal die Graspiste abwärts. Ich komme voran, Zeit bleibt reichlich, 60 Minuten werde ich nicht überschreiten …*
*) Mir ist nicht bekannt, welche Regel für die finale Runde gilt: Muss man innerhalb der vollen Stunde ankommen, oder reicht es „irgendwann“ den Fuß über die Ziellinie zu setzen?
Ein letztes Mal also im Alarmmodus, nur die volle Kontrolle über Beine und Füße ist in dieser Phase von Bedeutung. Boden quasi mit Röntgenblick fixieren, Kuhlen ahnen, Füße dahinter oder daneben aufsetzen … Alles geht gut, zum siebten Mal und das Knie schweigt. Ich durfte ihm rund 350 Höhenmeter und zig Kilometer Knubbelpiste zumuten und es beschwert sich nicht. Unfassbar. Völlig ausgelaugt, diesmal nach 55 Minuten, beende ich endlich, endlich! die Runde und damit meinen Wettkampf. In Erschöpfung mischt sich Zufriedenheit und etwas von dem Glück, das mich früher wie Goldmarie überschüttete, wenn ich einen „Ultrakracher“ erfolgreich durchgestanden hatte.
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Mein vierter Wettkampf nach Restart: Teils schlechtes Geläuf, relevant viele Höhenmeter und eine erste Ultradistanz. Da ich mir jedes Mal mehr zumutete, dementsprechend erschöpft ins Ziel trottete, fällt es mir schwer die Entwicklung der letzten Wochen einzuschätzen. Ich zöge jedoch ein ohne Abstriche positives Fazit, wäre da nicht dieses verdammte Phänomen, das mich nun dreimal in Folge belästigte. Ich weigere mich es anlässlich eines Marathonstarts „einzupreisen“ und hoffe, erwarte, bestehe darauf, dass mein Körper es ad acta legt. Bitte bald, vielleicht schon beim nächsten Start.
Eine komfortablere Infrastruktur zur Durchführung eines Backyard Ultras als in der Schulsporthalle in Kallmünz ist kaum vorstellbar. In Pausen kann man sich wahlweise indoor oder draußen aufhalten. Umkleiden, Duschen, Toiletten stehen gleichfalls zur Verfügung. Das Team um Andreas Brey sorgt für süße wie herzhafte Zusatzverpflegung und steht auch sonst mit Rat, Tat und vor allem guter Laune bereit, um über Schwierigkeiten hinwegzuhelfen.
Die Strecke ist alles andere als langweilig, bietet selbst an trist grauen Tagen noch was fürs Auge. Leicht zu laufen ist die Runde mit ca. 50 Höhenmetern nicht. Dafür sorgen auch etwa 2,5 km Wege, die größtenteils auf Gras zu bewältigen sind. Kurz vor Ende der Runde (ungefähr bei Km 6,2), gilt es 100 Meter weit auf Wurzeln zu achten.
Insgesamt eine Veranstaltung, die die Note 1 mit *chen verdient und damit meine Backyard-Abneigung bis auf einen unbedeutenden Rest schrumpfen lässt (Natürlich auch, weil ich mich mit der „Mindestrundenzahl“ sieben zufrieden gebe. Auch mit größerer Reichweite würde ich eher nicht versuchen bis zum bitteren Ende durchzuhalten). Darum:
Fazit: Falls es mir möglich sein sollte, bin ich auch im nächsten Jahr wieder dabei!