21. Mai 2023

Was will ich mehr?  -  Vaihingen Marathon

Der bekannte Kabarettist Rüdiger Hoffmann leitet seine Vorträge meist ein mit „... Ich weiß nicht, ob Sie’s wussten …“. Daran nehme ich mir ein Beispiel: Ich weiß nicht, ob Sie’s wussten, aber Stuttgart ist eine Hochburg des Marathonlaufs in Deutschland! Bitte nicht vorschnell ungläubig dagegenhalten, wie das sein könne, da ein „Stuttgart Marathon“ in keinem der Laufkalender verzeichnet stehe. Was einerseits stimmt, zugleich aber das tatsächliche Marathongeschehen der Stadt krass verkennt. Allein im Stuttgarter Stadtgebiet werden mit dem Neckarufer Marathon, dem Frauenkopf Marathon und dem Vaihingen Marathon drei Läufe über 42,195 km angeboten. Erweitert man die Suche auf den Stuttgarter Speckgürtel, findet man weitere vier, mindestens Marathon-lange Läufe: Ostfildern Marathon, Rund um Rutesheim, Marathon über Esslingen und Parkrun Esslingen Ultra (50 km). Wer’s noch anspruchsvoller mag, meldet sich im November zum RunMob auf dem Rössleweg an. Dort erwartet den Ultra ein Rundkurs mit ca. 57 km und knapp 1.000 Hm und das ausschließlich auf Stuttgarter Erde.

Vermutlich hast du noch nie von diesen Läufen gehört, denn keiner der gängigen Laufkalender führt sie auf. Sie werden von Laufenthusiasten aus dem Umfeld des 100 Marathon Clubs geplant und durchgeführt. Und dort, auf der Seite des 100 Marathon Clubs, Menüpunkt „Lauftermine“, kann man die Läufe auch finden. Einige sind als Marathonserie angelegt, werden folglich mehrfach im Kalenderjahr durchgeführt. Das gilt auch für den Vaihingen Marathon, der heute seine fünfte Auflage erlebt. Für mein Debüt auf der Vaihinger Runde habe ich mir einen tollen Tag ausgesucht - zumindest bin ich vorgespannt mit „Endlich-warm-und-Sonne-Wetterprognose“ davon überzeugt. Zwar werden 720 Höhenmeter meinen läuferischen Tatendrang „einhegen“, doch was sollten die paar Höhenmeter einem frisch gebackenen „Rennsteig-Supemarathoni“ schon anhaben können?

Meine innere Uhr ist kaputt. Zwei Nächte nacheinander musste ich zusammen mit meiner Frau Ines schon vor vier Uhr morgens aus dem Haus. Zu einem Zeitpunkt also, der meiner Natur von jeher ganz und gar zuwider ist. Als sich Ines heute Morgen zum dritten dieser „Termine“ aus dem Bett stahl, erwachte auch ich und dachte: „Ob ich wohl wieder einschlafen kann?“ - Nichts verhindert Wiedereinschlafen sicherer als Bedenken. Wenigstens erging es mir heute Morgen so, mit meinem gestörten Schlafrhythmus als Hauptursache. Ich wehrte mich nicht lange, stand auf, fuhr nach Stuttgart, Stadtteil Vahingen, dort in die Straße „Am Wallgraben“. Kindergarten und -tagesstätte am Ende der Sackgasse stellen dem auf kleine Teilnehmerzahl ausgerichteten Lauf die nötigen Stellplätze bereit. An einem Sonntag parkt hier kein Mensch, lediglich und gelegentlich ein paar verrückte Marathonläufer. Und gegen Viertel vor sieben stellt Udo seine Blechkiste als Erster dort ab (Zeitpunkt für ihn selbst unfassbar). Zweifel am rechten Ort angekommen zu sein regen sich keine. Ein orangefarbener Sprühkreidestrich samt Schriftzug „Start“ gibt Sicherheit. Rasch noch Schuhe wechseln, Trinkflaschen bereitstellen und dann geht’s auch schon los …

Zum besseren Verständnis hier noch die Rahmenbedingungen des Vaihingen Marathons:

Rahmenbedingungen, die normalerweise meinem Ausschlafbedürfnis Rechnung tragen und mich meist als Letzten der Schar auf Marathonkurs entlassen. Heute bin zumindest der erste Motorisierte am Start. Als ich meine Uhr abdrücke, fährt gerade eine weitere Läuferin vor, winkt mir zu und stellt ihr Auto neben meines. Die ersten Laufschritte empfinde ich nach dem nächtlichen Aufstehen als zweiten Terrorakt wider meinen Körper. Extrem zögerlich komme ich auf Touren, laufe zudem mental neben der Spur. Laufe am Rande einer Vaihinger Wohnstraße, von der ich alsbald auf den parallelen Fuß- und Radweg wechsele. Grün umgibt mich, dazu mäßig aber erträglich temperierte Luft. Erträglich auch, weil der Wind im Gegensatz zu mir weiterschlafen durfte.

Ungefähr drei Kilometer werde ich nun in Vaihinger Straßen verbringen. Dabei so oft abbiegen und auch in Kurven die Richtung wechseln, dass eine genaue Routenbeschreibung vergebliche Liebesmüh, außerdem langweilig wäre. Also beschränke ich mich auf optisch Herausstechendes wie beispielsweise diese stylisch wirkende Fußgängerbrücke. Sie überspannt ein tiefes Tal, fast schon eine Schlucht … Für Stuttgart-Unkundige sollte ich ein paar Worte zur Topographie verlieren, auf der die baden-württembergische Landeshauptstadt erbaut wurde: Beidseits des Neckars erstrecken sich Höhenrücken, auch Hochebenen, in die Bäche vor Urzeiten tiefe Täler schnitten. In Tälern, an Hängen und auf den Höhen breitete sich nach und nach die Stadt aus. Auch durch Eingemeindung ehemals selbständiger Orte wie Vaihingen. Erhalten blieb sehr viel Wald, mitten in und rings um Stuttgart. Ein Jogger findet hier paradiesische Voraussetzungen für sein Hobby vor: auf ebenen Strecken, die jedoch früher oder später enden, nach Gusto im Auf und Ab. Bei geschickter Routenwahl verbringt er die meiste Zeit „offroad“ im Wald oder zwischen Wiesen und Feldern.

Augen und Kamera haben rund um diesen optischen Leckerbissen von einer Fußgängerbrücke gut zu tun. Nicht nur die elegante, mit Kurvenschwung neckende Bauweise hat es mir angetan. Spektakulär sind auch die Rundblicke übers bewaldete Tal zur einen und zu einer noch höher querenden Eisenbahnbrücke auf der anderen Seite. Obschon das Bauwerk unter meinen Sohlen noch nicht allzu viele Jahre auf dem Buckel - besser: seinem Tragwerk - haben dürfte, sind Reparaturarbeiten im Gange. Konsequenz: für Radfahrer gesperrt, was diverse Pedalritter in späteren Runden ignorieren werden. Zu dieser frühen Stunde bin ich hier allein. Das gilt auch jenseits der Brücke, wo es ein paar Meter über Radlerserpentinen zu erobern gilt. Alternativ dazu eine Treppe, doch Christophs Pfeile sind eindeutig.

Oben angekommen folge ich den Pfeilen am Rande der Eisenbahntrasse, überquere sie und biege ab ins Paradies, zunächst weiter parallel zum tiefer liegenden Gleiskörper. Paradiesisch hört sich schon mal das Gezwitscher der Vögel in Büschen und Bäumen an. Auch wenn ich das Prädikat „paradiesisch“ ohne äußeren Anstoß kaum bemüht hätte. Ein paar hundert Meter laufe ich nun durch die Paradiesstraße in Vaihingen. Rechts undurchdringliches Grün, links in Grün eingebettete Einfamilienhäuser älteren Datums. Auch hier regt sich noch kein menschliches Leben. Sonntag halt, nur doofe Jogger machen zur Unzeit die Gegend unsicher. Als mir später die ersten Menschen - am zweiten Ende von Hundeleinen hängend - begegnen, handelt es sich gleichfalls um eine Abart der aufrecht gehenden Spezies.

Vom Paradies biege ich ab ins Paradies, dem nächsten, parkähnlich angelegten Grünstreifen. Sogar an einer Pferdekoppel komme ich vorbei, nur Pferde fehlen. Pferde und Grasland? Mitten in Stuttgart?* Vom Park ins Geschäftsleben: Mehrstöckige Bürohäuser, zwischen ihnen sogar ein bescheidener Wolkenkratzer, gruppieren sich hier um einen Platz. Durch dieses Mini-Manhattan und über den Platz in seinem Zentrum schicken mich Christophs Pfeile. Das Viertel wirkt vollkommen tot, als hätte ein hochinfektiöses Virus alles Leben ausgelöscht oder unter strengster Quarantäne weggesperrt. Keines Menschen, Läufers oder Gassigehers Seele, die mir hier Gesellschaft leisten würde. Schon ein bisschen gespenstisch diese Leere und Stille …

*) Tatsächlich steht ein paar Meter weiter hinter Bäumen verborgen ein Pferdestall. Auf welchem Weg die Reiter angrenzendes Freiland erreichen können, erschließt sich mir in der Satellitendraufsicht allerdings nicht.

Auf dem nächsten Abschnitt erinnert immerhin Autoverkehr daran, dass ich mich in einer Großstadt aufhalte. Noch sind es hinter Lärmschutzwände verbannte Einzelfahrer, die vorbei brummen. Menschen weiterhin Fehlanzeige. Alles Langschläfer diese Stuttgarter? Ich mustere Vorgärten und Häuserfronten entdecke jedoch nirgendwo Anzeichen bereits wacher Einwohner. Die Straße gehört allein mir, also nutze ich sie auch und vermeide Bürgersteige. Pfeile werde ich so übersehen, lasse mich stattdessen vom Track auf meiner Uhr führen.

Besagter Track will, dass ich eine Unterführung nehme. Pfeile bestätigen die Anweisung. Auf der andern Seite der Straße geht’s weiter, gleichfalls von Wänden vor Lärm geschützt. Stückchen Radweg, Stückchen Wohnstraße, nach links auf den Bürgersteig, Straße queren, rechts auf dem Trottoir weiter „and so on“ … Nur mal als Kostprobe für die bisher „wirre“ Choreographie des Vaihingen Marathons, …

… die zwischen parkenden Autos auf der anderen Straßenseite ihr abruptes Ende findet. Pfeile und Track lenken mich auf eine grüne, undurchdringlich wirkende Mauer zu. Über einen Trampelpfad gelange ich ins Halbdunkel des dahinter liegenden Dickichts und nach kaum mehr als einer Minute auf einen Waldweg. Wald in Stuttgart meint fast ausnahmslos hohe Laubbäume; die nun endlich, nach etlichen, viel zu kalten Frühlingswochen voll im Saft stehen. Nichts unterscheidet diesen Forstweg von seinesgleichen in ausgedehnten Wäldern, irgendwo draußen in der ländlichen Provinz. Und doch bewege ich mich innerhalb der Stadtgrenzen einer Metropole mit über 600.000 Einwohnern.

Nächste Station: Ein Tümpel am Wegrand oder wie bildungsnahe Schichten es gerne ausdrücken - ein Feuchtbiotop. Das Ufer vermittelt den Eindruck als wäre Fröschen und Insekten die „Immobilie“ erst kürzlich zum Erstbezug angeboten worden. Ich halte die Lache im Bild fest, bin mit dem Ergebnis allerdings unzufrieden. Was am spärlichen Lichteinfall liegt, den ich - wie auch die Temperatur - als stark verbesserungsfähig einstufe. Wolken- oder Hochnebelschichten - welcher Meteorologe erklärt mir endlich den Unterschied? - verdecken den Himmel. Wenn Demos nützten, hielte ich Petrus längst ein Protestplakat entgegen!*

*) Hinweis: Das sonnige Bild vom Tümpel entstand in einer späteren Runde

Weiter im Wald: Der ist optisch absolut dicht, lediglich akustisch nehme ich die Nähe zu einer inzwischen - kurz vor 7:30 Uhr - gut frequentierten Straße wahr. Zwischen meinen Zeilen konnte man lesen, dass ich mehrfach ein paar Höhenmeter gut gemacht habe. Damit ist es jetzt vorbei, der Forstweg senkt sich, gewinnt nach und nach an Gefälle. Irgendwann zwingt mich Christophs Pfeil in eine scharfe Rechtskurve und somit weg vom Autoverkehr, den ich zuletzt überdeutlich hören konnte. Rasch wird’s still um mich her - Udo mit sich zwischen Bäumen allein.

Abwärts, immer weiter abwärts, ununterbrochen Gefälle. Mäßiger Neigungswinkel, so recht zum „Ballern“ geeignet, wozu ich jedoch nicht den Hauch von Lust verspüre. Ich vertraue wie stets der Tempointelligenz meiner Beine. Die werden schon wissen, was sie tun … Bereits zwei Kilometer im Forst unterwegs und fünf Kilometer auf der Uhr. Es wird Zeit einen Platz zum Ablegen der Trinkflasche zu finden, die ich seit dem Start in der Hand halte. 0,7 Liter Wasser, ausreichend für zwei Runden - dachte ich zumindest vorm Start. In kühler Luft und immer noch ohne Sonne plane ich nunmehr den Inhalt der Pulle zu vierteln. Scanne fortlaufend die Wegränder, bin aber lange mit keinem Ort zufrieden.

Ein Links-rechts-Schlenker bringt mich über eine Eisenbahnbrücke, die Trasse schneidet mitten durch den Stadtwald. Dahinter nach rechts und vielleicht zweihundert Meter später, in Höhe einer Hütte (?) finde ich leichten Zugang ins Gehölz; trinke ein paar Schlucke und deponiere die Flasche hinter einem Baum. Weiter runter, weiter durch dichten Laubwald, bis mich die Anzeige meiner Uhr auf eine bevorstehende Spitzkehre aufmerksam macht. Vom breiten biege ich auf einen schmalen, steileren Pfad ab. Undurchdringlich noch immer der Bewuchs auf beiden Seiten - rechts fällt der Hang steil ab, links strebt er genauso steil hinan. Ich jogge nicht im Thüringer Wald oder im Harz, noch im Herzen eines anderen deutschen Mittelgebirges. Tatsächlich befinde ich mich mitten in Stuttgart!

Inzwischen übrigens auf einem Abschnitt des Rössleweges. Ein Weg, den ich kenne, aber derzeit nicht wiedererkenne. Plaketten an Bäumen zeigen unverkennbar die Silhouette eines Rappen, als Markierung des Stuttgarter Rundwanderweges. Auf dem Rössleweg umrundete ich im November 2017 die Stuttgarter City (RunMob Ultra Rössleweg, siehe oben). Ein paar Minuten halte ich Ausschau nach Bildern mit Wiedererkennungswert, zwischen sich ähnelnden Momentaufnahmen von Baumgruppen ein Ding der Unmöglichkeit. Das sich überdies jetzt, am Ende der Schussfahrt als überflüssig herausstellt. Über diverse als Treppenstufen verlegte, hölzerne Eisenbahnschwellen gelange ich zum Straßenrand und dort drängen Erinnerungen an die Oberfläche, die sich mit dem Live-Bild decken …

Zweihundert Meter weiter, auf der anderen Straßenseite, zurück in den Wald. Damals war ich auf dem Rössleweg in Gegenrichtung unterwegs. Trabte folglich bergab, wo ich mich jetzt mühsam im Tippelschritt aufwärts bewege. Aufwärts in einem Seitental, das sich zusehends verengt. Das „schwarze Ross“ schickt mich nach etlichen unter heftigem Schnaufen vollführten Schritten abwärts, bis ich den Rand eines Bachs erreiche. In enger Schlucht aufwärts, beschirmt von dichtem Blattwerk, das in der Talsohle nicht mehr als Dämmerung gestattet. Was wiederum bedeutet, dass ich für scharfe Fotos stehenbleiben und die Kamera ruhig halten muss. Was ich sehe schreit danach in zahlreichen Aufnahmen festgehalten zu werden: In einer Art „Klamm“ plätschert Wasser zu Tal. Ein „Wildbach“ auf Stuttgarter Gemarkung, dessen Bett ich so eindrucksvoll nicht in Erinnerung habe (was der seinerzeitigen Laufrichtung „abwärts“ geschuldet sein mag).

Meine Fotostrecke wird lang und länger, letztlich fällt es mir schwer mich für diese oder jene Perspektive oder Stelle zu entscheiden. Entsprechend verzögert komme ich auf den höchstens dreihundert Metern „Klamm“ voran. Schließlich wende ich mich vom Bach ab und dem Hang zu, mit ehrlicher Vorfreude das Idyll der engen Schlucht weitere dreimal an diesem Tag bestaunen zu dürfen.

Ein paar Höhenmeter noch aufwärts, die mich im Grunde kaum belasten. Was mich zu diesem Zeitpunkt wundert: War es nicht so, dass mir die Auftaktkilometer unerwartet schwerfielen? Bildete ich mir das ein? - Raus aus dem Forst, vorbei an einer Klinik (?), ein paar Meter abwärts auf deren Zufahrt und dann wieder zwischen Bäumen unsichtbar werden. Alsbald reizt der unverkennbare Geruch von Bärlauch mein Riechorgan, noch bevor ich der dicht an dicht und in voller Blüte stehenden Pflanzen am Wegrand ansichtig werde. Nächster Fototermin, ich komme an dergleichen einfach nicht vorbei.

Etwa ein halber Kilometer noch im Forst, dann betrete ich ein weiteres Wohnviertel und tippele bergauf. Ich schreibe „bergauf“, wobei ich in dieser ersten Runde noch nicht wirklich „bergauf“ registriere. Das wird sich in gut einer Stunde drastisch geändert haben. Also derzeit: „nicht wirklich bergauf“ im guten aber grob falschen Glauben das Schlimmste an Steigung bereits hinter mir zu haben. Und deshalb stehe ich einigermaßen verdattert vor der Eiger Nordwand innerorts Stuttgart. Etwa hundert Meter Strecke mit - nicht übertrieben - 20 Prozent Steigung (mehr?). Gottlob asphaltiert, ansonsten hätte Regenwasser hier längst eine weitere Klamm ausgewaschen. Ich arbeite mich ab daran, bleibe auch zweimal unterwegs stehen. Weniger, weil Kraft und Atem fehlten, schlicht, weil ich meinen Augen noch immer nicht traue. Ich müsste tief im Fundus meiner Lauferinnerungen wühlen, wollte ich ein ähnlich steiles, je von mir belaufenes Wegstück ermitteln. Nicht der Rennsteig am vergangenen Wochenende, noch die Harzquerung vor drei Wochen forderten so einen „Eiger“. Dafür musste ich in die Landeshauptstadt Stuttgart reisen …

Die Uhr meldet 10 gelaufene Kilometer, die Runde klingt am Rand einer Hochfläche aus. Rechts fällt die Flanke steil ab, links erstreckt sich bäuerlicher Boden. Wiese, Feld, Gelände einer Baumschule, nur kein Wohngebiet. Und ich habe mich nicht verlaufen, bin noch immer in Stuttgart-Vaihingen. Letzte Meter auf mein Auto zu und das voll konzentriert, um die kleine „Schikane“ nicht zu vergessen. Ein ultrakurzer Abstecher in Richtung Kindergarten bis zu einem Verkehrsschild. Um dessen Pfosten schlägt einer von Christophs orangefarbenen Pfeilen einen Viertelkreisbogen. Erledigt. Nun dürfte ich getrost zur Startmarkierung zurückkehren und hätte die - wenn’s hoch kommt - 50 einmalig zu erlaufenden Korrrekturmeter in der Tasche. Stattdessen hin zum Auto und Trinken. Reichlich trinken, im Aufstieg musste ich mir vielfach den stetig rinnenden Schweiß von der Stirn wischen.

Runde zwei beginnt unter aufgelockertem Himmel, erstes Blau und wärmende Sonnenstrahlen. Ich hake die Streckenschnipsel nach und nach ab, lange ohne auf nicht schon Erwähntes zu stoßen. Okay, es gibt Leben in Vaihingen, so viel steht nun fest. Zuweilen begegnen mir Passanten, Jogger, auch Menschen, die an Krücken gehen (andere nennen sie „Nordic Walker“), Radfahrer und vermehrt Hundemenschen. Wer’s nicht weiß: Hundemenschen sind Zeitgenossen, die mit Hund leben. Mithin Menschen, die erkannt haben, dass ein Leben ohne Hund für sie zwar möglich, aber sinnlos ist.

Fußgängerbrücke zum zweiten Mal (auch später im 3. und 4. Umlauf wird mir entgehen, dass unter meinen Sohlen, eine Etage tiefer, Autos fahren), am Gleiskörper entlang ins Paradies. Hinterm Paradies durch die Schluchten in Mini-Manhattan, danach im akustischen Schatten einer Phalanx aus Lärmschutzwänden weiter, hinter denen das motorisierte Rumoren inzwischen anschwoll. Was einerseits vor Ohren führt, welch immense Bedeutung das Lärm dämpfende Bollwerk für die noch immer unsichtbaren Anwohner zu meiner Linken haben muss; mir zweitens signalisiert, dass der Moloch Großstadt unterdessen erwacht und im sonnigen Sonntag per Auto unterwegs ist.

Die Läuferin - am „100-Meilen-Berlin-Finishershirt“ eindeutig als solche zu identifizieren - irrt ein wenig umher, just dort, wo die Straße zu unterqueren ist. Kann sich nicht zwischen Treppe und Radserpentinen entscheiden. Taucht dennoch im Hades ab, bevor ich helfen könnte. Jenseits des Fußgängertunnels laufe ich zu ihr auf und bestärke die zweifelnd Verharrende: „Passt schon, links weiter!“ Auch sie ist in Runde zwei unterwegs, joggte im ersten Umlauf jedoch gegen den Uhrzeigersinn. Verwirrung begleitet mich auf dem letzten Abschnitt vorm Wald: Anders rum, hätte ich ihr in diesem Fall nicht begegnen müssen? Oder liefen wir aneinander vorbei ohne Notiz vom jeweils anderen zu nehmen? Was mich angeht, durchaus möglich … Möglich auch: Einer von uns suchte gerade Deckung im Wald, als die/der andere vorbeikam. Was mich betrifft, vielleicht in jener Minute da ich abseits des Weges ein geeignetes „Versteck“ für meine Trinkflasche gefunden hatte … ?

Rennbahn im Forst, zum zweiten Mal in minimalem Gefälle, ein Kilometer, zwei, dann hin zu besagter Trinkflasche, um deren Füllstand senken. Zurück auf den Weg und weiter … Minuten später, hinter einer Kurve, mache ich voraus Läuferin und Läufer aus. Ihn erkenne ich sogleich am Laufstil: Ulli Tomaschewski, der einmal im Monat den Hohenlohe Marathon (nahe Crailsheim) ausrichtet. Die Mai-Ausgabe seines Laufs durften meine Laufwerkzeuge vor ein paar Wochen genießen. Großes Hallo und Gespräch auf dem Rössleweg abwärts; will wissen, wie es Ulli auf dem Rennsteig erging … Zu dritt überqueren wir die Straße am tiefsten Punkt, werfen dann alle Energie in den Gegenanstieg. Noch bevor der Atem wirklich knapp wird, kommt uns das Tandem Christoph (Veranstalter) und Helga entgegen. Kurzes Pow Wow: Fünf von heute insgesamt acht Marathon-Indianern auf einem Fleck versammelt. Als ich mich zum Weiter-aufwärts-Tippeln aufraffe, stößt „von unten“ auch noch Marathon-Squaw Claudia im 100-Meilen-Shirt zur Versammlung.

Die „Klamm“ kostet auch im zweiten Umlauf Zeit. Bei verbesserten Lichtverhältnissen schieße ich die nächste Fotosalve. Eva, Ullis Begleiterin und mit ihm angereist, holt mich dabei ein, überholt und in der Folgezeit darf ich angenehm überrascht feststellen, dass es noch andere Fehlgeleitete gibt, die solche Passagen im Laufschritt nehmen … Bis zum Auto erweist Eva nun mir die Gunst ihrer Begleitung. Was ich schamlos ausnutze, indem ich sie in meine Fotos „einbaue“ …

Runde drei: Eva verpflegt sich noch, ich breche auf. Schon auf der Fußgängerbrücke ist sie mir wieder dicht auf den Fersen, geht in Führung, als ich stehend mit der Linse auf Dokumentierwürdiges ziele. Im Paradies handelte ein Engel unterdessen selbstlos: „Zu verschenken“ heißt es da. In zwei nach Regalart gekippten und gestapelten Plastikkisten darf sich, wer möchte, mit Kinderbüchern und Spielzeug bedienen.

Hinter den Lärmschutzwänden hat der Radau mittlerweile um etliche Phon zugenommen. Das werktägliche, von zahllosen „Brummis“ gesteigerte Lärm-Crescendo mag ich mir mitten im sonntäglichen Frieden gar nicht vorstellen. Ein weiteres Läufer-Stelldichein: Helga und Christoph auf Gegenkurs treffen zunächst auf Eva, Schritte später bin auch ich heran. Heran, um kurz zu grüßen, meinen Weg aber ohne weiteren „Verbalbeitrag“ fortzusetzen. Ich erwarte Eva zeitnah in meinem Kielwasser zurück. Ihr Schrittgeräusch bleibt jedoch aus. Offenbar folgt sie konsequent dem, was sie Christoph und Helga vorhin zu verstehen gab: „ … hab’s nicht eilig … muss ohnehin auf Ulli warten … “

Solo auf dem Rest von Runde drei. Solo bedeutet immer auch „alle Kanäle offen für innere Wahrnehmungen“. Dort, im Inneren, treffen immer mehr Meldungen ein, die von schweren und strapazierten Beinen berichten. Überproportional schwer und strapaziert, so kommt es mir vor. Welche ungünstigen Einflüsse torpedieren da wieder mal meine Tagesform? Steckt mir noch der Rennsteig in den Knochen? Müsste es nach der harten Rennsteig-Schule nicht ein Leichtes sein die vier Vaihingen-Runden zu drehen? Schlafabbruch und viel zu frühes Aufstehen - möglicherweise wirkt das noch nach … Wie dem auch sei: Die Klamm empfinde ich jetzt als viel steiler und der „böse Tritt“ mit seinen 20 Prozent Steigung ist nur einschließlich einer sekundenkurzen Atempause zu bewältigen.

Runde vier: Auch wenn jetzt schon ein paar Zentimeter Steigung, da und dort im bebauten Stadtgebiet, pulsbeschleunigend wirken, bin ich guter Dinge. Endlich scheint die Sonne, endlich bade ich in Wärme, keine Stunde mehr und ich darf hinter Marathon Nummer 345 einen Haken setzen. Was will ich mehr? - Eine in hohem Maße rhetorische Frage. Ich will als Läufer im Grunde immer mehr, bin nur selten wirklich zufrieden. Nicht mit meiner grundsätzlichen Situation übrigens, diesen Pflock muss ich hier einrammen. Grundsätzlich schätze ich mich glücklich in vorgerücktem Alter noch immer Marathon und Ultra am Fließband laufen zu können. Ein Umstand, den ich in Demut wieder und wieder feiere. Unzufrieden bin ich lediglich damit, wie sich Marathon- und Ultralaufen im jeweiligen Schlussdrittel der Strecke anfühlt. Auch mit dem weitgehenden Verlust der Fähigkeit quasi über Nacht Ausdauer und Robustheit wiederherzustellen hadere ich. Mein Körper bleibt trainierbar, passt sich allerdings viel langsamer an als früher. Die Konsequenz: Das Fragezeichen hinter längsten Strecken bleibt bestehen. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass ich „längste Strecken“ ebenfalls zur Gänze laufen möchte. Eingedenk der Frage: Warum sollte ich an einem 100 Meilen-Lauf teilnehmen, wenn vorab schon feststeht, dass ich keine 100 Meilen weit werde laufen können? Gehpassagen mangels Leistungsfähigkeit als Hilfsmittel vorab einkalkulieren? - das werde ich mir keinesfalls durchgehen lassen.

Grübeleien, die regelmäßig wiederkehren, wenn ich abgeschottet stundenlang in der „Gegend“ umhertrotte. Manchmal mit zuversichtlichem, nicht selten auch pessimistisch gefärbtem Resümee, wenn Ermüdung und Abnutzung der Gräten sich entgegen meiner Hoffnung zu früh einstellen. So wie heute, da vor allem die Füße um Erbarmen flehen. Umso merkwürdiger, dass sich mein „Oberlicht nicht verdunkelt“, ich auch in der letzten Runde einen Zipfel Lauffreude festhalten kann. Es hilft auch anderes als mein Schwächeln zu überdenken: Heute zum Debüt war ich entschlossen vier Runden im Uhrzeigersinn zu laufen. Nächstes Mal werde ich variieren. Welche Richtung entspricht eher meinen Fähigkeiten und Neigungen? Gegen den Uhrzeigersinn käme mir der weniger steile, sich über mehrere Kilometer hinziehende Aufstieg entgegen. Atempausen entfielen, vor allem in späteren Runden. Nachteil: Steile Abstiege, die auf die „Knochen“ gehen. Und die „Klamm“ erlebte ich weniger „klammig“ abwärts. Also vielleicht mischen: Runde eins und zwei „klamm-aufwärts“, Runde drei und vier andersrum, um Schnappatmung im „bösen Tritt“ zu vermeiden!?

Ich kämpfe mich durch: Mit Schmerzen abwärts, am Ausdauerlimit hechelnd aufwärts auf den letzten zweieinhalb Kilometern. Vorhin im Abstieg, knapp fünf Kilometer vorm Ziel, nahm ich erstmals und nur zufällig von der Laufzeit Notiz: 4:44 Stunden waren bereits vergangen. Das entspricht meinem Zeitempfinden ebenso wie der Einstellung mit der ich das Vaihingen-Debüt antrat: Wollte Wegfindung, Erleben, Begegnung und so lange wie möglich Genuss in den Mittelpunkt stellen. Diesem Motto blieb ich treu und deshalb stoppe ich mit dem Erreichten zufrieden nach 5:20:23 Stunden meine Uhr. Zufriedenheit, die bei jemand mit meinen Laufwünschen und Ansprüchen an sich selbst natürlich nur vorübergehend Bestand haben kann …

 

Fazit zur Veranstaltung

Der Vaihingen Marathon punktet mit einer an Naturerlebnissen reichen Strecke, wie man sie inmitten einer Großstadt vom Range Stuttgarts als Ortsfremder sicher nicht erwartet. 720 Höhenmeter insgesamt sind kein Pappenstiel, erhöhen jedoch den landschaftlichen Reiz der Strecke.

Mein Dank geht an Christoph Holzapfel, der sich den Kurs ausdachte und nun von Zeit zu Zeit an die Startlinie bittet.

Fazit: Auf jeden Fall wieder!