31. Oktober - 1. November 2020

Unterm kleinen Licht  -  Dromos Athanaton 2020

Griechenland, Peloponnes, auf der Straße von Tripolis nach Sparta,

Samstag, 31. Oktober, kurz vor 21 Uhr

In vollen Zügen genießen geht nur unbeschwert, frei von Bedenken - dachte ich zumindest bisher. Und Nachtläufe nehme ich als notwendiges Übel hin, weil sie mir regelmäßig miese Laune bescheren, auf überlangen Ultradistanzen jedoch unvermeidlich sind. Zwei von vielen Postulaten, die meine Ultralaufwelt zusammenhalten. Und nun das: Vor ein paar Minuten schaltete ich meine Stirnlampe aus. Das war ohne Übertreibung als öffnete sich eine Tür in eine mir bisher verschlossene Welt. In der ich sehen kann, obwohl es dunkel ist! Wo ich nicht wie gewohnt blind für alles bin, was jenseits des Lichtkegels meiner Lampe existiert. Im Licht des vollen Mondes schaue ich Berge, Hügel, Täler; erkenne Details: Bäume, Sträucher, Häuser, sogar die Struktur des Asphalts zu meinen Füßen ... Und auf eine exklusive, in Worte einstweilen nicht fassbare Weise genieße ich den Lauf durch die Dunkelheit. Genieße, obwohl meine Bedenken weiter Bestand haben: Werde ich durchhalten? Wie sehr wird mir die mörderisch lange Steigung zusetzen? - Doch, was ich gerade mit allen Sinnen aufsauge, verweist meine Zweifel ins hintere Glied! Jetzt und hier geht es mir verdammt gut!

Peloponnes, Tripolis, gegen 12 Uhr desselben Tages

Hoffen, Bangen und "Big Bang" - Spannende Tage liegen hinter meiner Frau Ines, ihrer Mutter Karin und mir. Aus Covid-19-Unsicherheit resultierende Spannung, auf die jeder liebend gerne verzichtet. Nur nach und nach wurde die Last von unseren Schultern genommen; erst klärte sich die Frage: Dürfen wir in der sich rasch zuspitzenden Ansteckungssituation überhaupt nach Griechenland reisen? Und: Ist das solidarisch handelnd auch vertretbar? Vertretbar auf jeden Fall: Die durchschnittliche Infektionsrate in Griechenland liegt unter der deutschen, die auf dem Peloponnes sogar um Größenordnungen niedriger.* Letztlich klappte auch die Einreise: Um 23:07 Uhr am Vortag des Fluges (Abflug 8:40 Uhr) erhielten wird die Covid-19-Freigabe (eine E-Mail mit einem QR-Code, vorm Einsteigen in den Flieger und bei der Ankunft vorzuweisen).

*) Der Text nimmt Bezug auf die Inzidenzwerte zum Zeitpunkt von Reise und Lauf.

Endlich in der Ferienwohnung in Kalamata (Zielort des Laufes) angekommen, ging das Zittern weiter. Gefühlte hundert Mal in all den Wochen stand die Veranstaltung auf der Kippe und noch in den letzten Stunden schien das Aus unausweichlich: Die griechische Regierung bereitete einen Erlass vor, demzufolge die Bewegungsfreiheit im Lande eingeschränkt werden sollte. Aus "roten und orangenen Gebieten" mit landesintern hohem Inzidenzwert, sollte nicht mehr in solche wie dem Peloponnes mit grüner, zuletzt gelber Färbung gereist werden dürfen. Keine Griechen aus ganz Griechenland beim Dromos Athanaton = keine Gladiatoren = keine Spiele!

Schlimm, dass ausgerechnet ein Erdbeben den Lauf rettete. Es erschütterte die türkische Küstenregion in Nachbarschaft zu den griechischen Inseln. Das Beben und ein davon ausgelöster Tsunami richtete auf Samos und einigen Nachbarinseln schwere Schäden an. Die griechische Exekutive vertagte das neue Corona-Dekret, um sich umgehend einer noch größeren Katastrophe zuzuwenden ... Die Spiele waren gerettet.

Vorspiel - Die Straße der Unsterblichen (Dromos Athanaton) beginnt auf der weiträumigen Plateia Aeros (zentraler Platz in Tripolis) vor dem Reiterstandbild eines griechischen Volkshelden: General Theodoros Kolokotronis, dem wohl wichtigsten Heerführer im griechischen Freiheitskampf (1821-1829). Mit Schutzmaske vorm Gesicht stehe ich in der zwei Stunden vorm Start noch kurzen Warteschlange. Mit Abstand versteht sich. Fast* alle Läufer und Helfer halten sich an die für die Veranstaltung geltenden Hygieneregeln. Der Läufer vor mir hat seine "Covid-19-Erklärung" ausgefüllt und rückt zur Startnummernausgabe vor. Dafür nehme ich nun seinen Platz am kleinen Tisch ein und sehe mich mit einem komplett in Griechisch gehaltenen Formular konfrontiert. Gänzlich hilflos, weil es Stunden dauern würde die Textzeilen von griechischen in lateinische Buchstaben zu transkribieren und dann den Text - womit auch immer - zu übersetzen. Ich mache mich bemerkbar und ein des Englischen mächtiger Helfer hilft mir beim Ausfüllen: Name, Vorname und ein paar Kreuze an den richtigen Stellen ...

*) Als einige, offensichtlich zum selben griechischen Club gehörende Akteure ohne Maske und Distanz etwas abseits stehend aus der Reihe tanzten, wurden sie vom Veranstalter mit harschen Worten zur Einhaltung der Hygieneregeln aufgefordert.

An der Ausgabe gebe ich den Covid-19-Zettel ab, dazu das geforderte Attest meines heimischen Arztes. Nach seiner Einschätzung bin ich läuferisch fit für das Abenteuer "Dromos". Das Abhaken in der Liste, danach Startnummer und diverse andere "Gifts" empfangen, dauert keine zwei Minuten. Dann melde ich noch meinen Support namentlich an und gebe das Kennzeichen unseres Support-Cars bekannt. Nach "good luck" und "have fun" bin ich entlassen. Ich geselle mich zu meinem abseits wartenden Support-Team*, bestehend aus Mutter und Tochter: Meine Frau Ines wird das mit Plakat als Supporter-Car ausgewiesene Auto übers Land lenken, ihre Mama Karin assistieren. Letzter Akt: Meine drei geschnürten Drop Bags in den mit Nummern beschrifteten Säcken für die jeweiligen Checkpoints (CP) deponieren. Fertig.

*) Ausschließlich Läufer durften den Kernbereich der Anmeldung betreten.

Furcht - 13 Uhr: Ich sitze in einem Café am Rand der Plateia Aeros und warte gemeinsam mit den drei anderen deutschen Startern Mike, Thomas und Michael alias "Vanni" (sprich: Wanni) auf die Startzeremonie. An unserer Seite die Supporter: Mike und Thomas werden von ihren Ehefrauen betreut, ich vom Mutter-Tochter-Team, "Vanni" stellt sich der Aufgabe solo. In einer Stunde, die wir irgendwie totschlagen müssen, wird’s endlich losgehen. Mehrmals am Morgen hatte ich mein E-Mail-Postfach kontrolliert, war noch beim Betreten des Platzes auf eine Absage in letzter Sekunde gefasst. Inzwischen ist jeder Zweifel erloschen: Wir werden laufen!

Endlich ist alles klar und die Vorfreude gewaltig - oder etwa nicht? - Pustekuchen: Klar ist nur, dass wir bald zu einem 140 Kilometer langen, wunderschönen Lauf auf der Straße der Unsterblichen (Dromos Athanaton/Immortal's Race) aufbrechen werden. Völlig ungewiss dagegen bleibt wie ich mich auf diesem Weg, 2.240 Höhenmeter auf- und 3.100 Höhenmeter abwärts, schlagen werde. Wer wird gewinnen? Die Strecke oder ich? Ganz ehrlich und ohne Übertreibung: Ich empfinde Furcht. Nicht nur Lampenfieber oder ernsthafte Bedenken, nein, diesmal ist es Furcht. Und damit halte ich meinen deutschen Mitläufern gegenüber nicht hinter dem Berg. Ob sie’s für bare Münze nehmen, weiß ich nicht; mein Freund Mike ganz sicher. Er kennt meine läuferische Entwicklung in diesem verrückten Jahr so gut wie kein zweiter, weiß überdies, dass ich vor der "Prüfung" stets unverstellt meine wahren Gefühle zeige.

Überhaupt Mike: Für ihn ist auf der Straße der Unsterblichen zu laufen fast noch wichtiger als für mich. Während sich meine Laufplanung nur von März bis in den Mai zerschlug, platzten seine Griechenland-Träume allesamt: Kein Olympian Race (Mai) und dann fiel auch der Sparthatlon, das ultimative Ziel eines jeden Ultrastraßenläufers, dem Virus zum Opfer. Jetzt also der Dromos Athanaton, bei dem man Mike bereits zweimal mit einer Finishermedaille dekorierte. Er kennt die Strecke und warnte uns eindringlich vor deren Schwierigkeiten.

Pro und contra - Was mir Hoffnung gibt: Jeder Meter wird auf Asphalt gelaufen. Kein Schotter, keine Trails - meine Gelenke werden nach den vielen Holperpfaden der letzten Monate freudig applaudieren. Weiterhin auf der Habenseite: Zuletzt konnte ich meine Aufbauwettkämpfe allesamt wie vorgesehen absolvieren. Schwergewichtig darin: Die 2.200 Höhenmeter des O-See Ultratrails (50 km) über volle acht Stunden vor nur drei Wochen und davor die flachen 12 Stunden der DUV-Challenge in Bernau bei Berlin. Jedoch: Insgesamt in Quantität wie Qualität keine Vorbereitung, die in mir das Gefühl eines sicheren* Finishs hätte verankern können. Kein Trainingsprogramm wie jene, durch die ich mich sonst "prügelte", bevor ich mich zu einem Schwergewicht wie dem Dromos Athanaton in den Ring wagte.

*) "Sicher" im Sinne von: Wenn nichts Unvorhergesehenes wie Sturz, Magen-Darm-Probleme oder unerklärlich schlechte Tagesform einen Abbruch erzwingt.

Ein weiteres Aber: Ich verfüge im 67. Lebensjahr nicht mehr über die Kampfstärke wie noch vor vier Jahren beim Spartathlon. Entgegen landläufiger Vorstellungen, tatsächlich meinen jüngeren Erfahrungen entsprechend, vollzieht sich "laufend Älterwerden" wellenförmig. Hinter mir liegt eine Phase, in der meine Fähigkeit Ausdauer aufzubauen überproportional gelitten hat. Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ich laufe jetzt in einem Körper der altersbedingt weniger Leistung bringt. Darüber hinaus werde ich das Maximum nicht ausschöpfen können, weil mein Training unzulänglich war. Und deshalb fürchte ich mich ...

Metamorphose - Noch einmal fährt mir eine Riesenfaust in den Magen, Albdruck hoch zehn: Nie und nimmer bin ich für diesen Gewaltmarsch ausreichend vorbereitet. Dann bleibt keine Zeit mehr sich weiter klein, schwach und unbedeutend zu fühlen ... die letzten Sekunden brechen an. Ich knuffe Mike noch einmal am Arm. Will mich der Gegenwart des Freundes versichern. Wir schenken uns gegenseitig einen Blick, der mehr sagt als die zeitgleich gewechselten Worte: Wir schaffen das! Endlich das Startsignal. Reihenweise - vier, fünf Läufer nebeneinander zugleich - entlässt man uns im Sekundentakt auf die Strecke. Sicherheitsabstand 1,5 Meter? Illusorisch! Immerhin tragen die Wartenden ihre Maske. Zudem prescht die Meute nicht im dicht geschlossenen Pulk davon. Hinter Mike rücke ich zur Startlinie vor, drücke meine Uhr ab und laufe über die Matte der Zeitmessung. Nach ein paar Metern bemerke ich die noch bestehende Maskierung und reiße mir das Schlauchtuch vom Gesicht. Mich in Mikes Kielwasser haltend überquere ich die Plateia Aeros der Länge nach, mehr und mehr Distanz zum General auf seinem Pferd herstellend, dabei den Abstand zu meinem Supporterteam verkürzend. Ein letzter Gruß, ein aufmunterndes Lächeln von Ines und die Metamorphose vom Angsthasen zum entschlossenen Ultraläufer ist abgeschlossen.

Pas de deux - Einlaufen in Tripolis, erst in der Fußgängerzone, bald in ihrer Verlängerung stadtauswärts, dicht hintereinander, manchmal Seite an Seite. Dann und wann warnt Mike mich vor Hindernissen. Noch jedes Mal, wenn wir gemeinsam unterwegs waren, konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass dem Freund mein Wohl und Wehe fast mehr am Herzen lag als sein eigenes. Auch heute umgibt Mike die gewohnte Aura verlässlicher Hilfsbereitschaft und Fürsorge. Ich freue mich über die ersten, gemeinsam verbrachten Minuten. Natürlich, weil es Spaß macht an der Seite des Freundes das Abenteuer "Dromos" zu beginnen. Nicht zuletzt aber auch darüber, dass er mein Schneckentempo einschlägt. Dass er eben nicht davonprescht, die Realität eigenen Trainingsrückstandes mit nassforschem Gedanken "wird schon gutgehen" beiseite wischend. Und deshalb wird Mike ankommen, was wiederum mir wichtig ist.

Ab- und entkoppeln - Schon kurz hinter der Stadtgrenze trennen uns etwa fünfzig Meter. Vermutlich wird sich die Kluft stetig vergrößern und ich hoffe zu seinem Besten Mike bis ins Ziel nicht wieder zu sehen. Wie ich gleichermaßen hoffe, nicht elend lange nach ihm, nach vielen Stunden der Qual anzukommen. Morgen dann ... Jetzt, in diesem Augenblick, spüre ich ... rein gar nichts. Ich komme langsam auf Touren, erhalte aber keine Tagesstärke oder -schwäche andeutenden Signale. Ich trabe einfach nur vor mich hin, immer wieder mal die Uhr nach dem Tempo befragend, bemüht mich von der Pace der Läufer um mich herum zu entkoppeln. Ich muss mein Ding machen! Und das heißt von Beginn an konsequent langsam laufen, etwa 6:30 bis 6:40 Minuten für einen Kilometer. Keinesfalls schneller, es sei denn bergab. Um Himmels Willen nicht gleich zu Anfang den begrenzten Vorrat an muskulär gespeicherten Kohlenhydraten verpulvern! Schön laaaangsam, den muskulären Ofen überwiegend mit Fettsäuren heizen, denn die Fettreserven sind nahezu endlos. Ganz bewusst gehe ich dieses Läuferklapperwissen noch einmal in Gedanken durch, denn der Mensch handelt wie er denkt (hoffentlich). Sehe auf dem "inneren Monitor" die Verbrauchsskala "Fett" hoch ausschlagen, die der Kohlenhydrate dagegen auf niedriger Prozentstufe dahindümpeln. So ist es richtig! Bleib dabei! Lauf langsam!

Ich überdenke mein Verpflegungskonzept, was nicht allzu schwer ist, da nur aus Wasser und Gel bestehend. Hie und da - spontan - werde ich mir geringe, unbedeutende Mengen von etwas anderem gestatten. Um meine Geschmacksnerven auf andere Gedanken zu bringen. In der Hauptsache Gel: Ein Beutelchen zu je etwa 100 kcal pünktlich zu jeder halben Stunde. Kohlenhydrate nachladen! Will ich in kein Leistungsloch fallen, ist das Ersetzen verbrannter Energie genauso wichtig wie dessen Regelmäßigkeit. Irgendwann vor dem brachialen 1.200-Meter-Anstieg, also spätestens in Sparta, werde ich von Kleckern zu Klotzen übergehen und alle 20 min einen Beutel einwerfen. Vorbedachte Nothilfe, wenn das nicht reicht: Droht mir die Kraft auszugehen, werde ich auf zwei Gels pro "Injektion" steigern. Punktuell funktioniert das ohne Sich-erbrechen-müssen, wie diverse Selbstversuche ergaben.

Im Dunkeln sieht man nichts oder heute vielleicht doch? - Ich behalte die Uhr im Auge, um den richtigen Zeitpunkt fürs erste Gel nicht zu verpassen. Tempokontrolle wird mehr und mehr verzichtbar, die Beine haben ihren Rhythmus gefunden, den sie nun erfahrungsgemäß "vollautomatisch" beibehalten werden. Meistens beschäftigungslos widme ich mich Betrachtungen meiner Mitläufer und der Umgebung, schieße Foto um Foto. Kurzem Erschrecken auf elend langen 140 Kilometern könnte der Kameraspeicher alsbald überlaufen, so ich weiter in dieser Schusskadenz um mich "ballere", folgt Entspannung auf dem Fuße: In mehr als 12 Stunden Dunkelheit, wird mir wenig Wild vor die Büchse laufen.

Bei etwa 20°C jogge ich lediglich in ein dünnes, kurzärmliges Hemd gehüllt durch den lichten Nachmittag. Sonne und Wolkenschatten lösen einander ab - nahezu ideales Laufwetter für mich. Mein Kopf verweigert sich der Vorstellung einer in ländlichen Gefilden auf dem Peloponnes wirklich rabenschwarzen Nacht, die in knapp drei Stunden bereits vollständig sein wird. Ein Aspekt, der nicht weniger Gruseln auslöst wie die vielen Höhenmeter. Ich kenne mich: Udo und Laufen im Dunkeln, das ging mental noch nie zusammen. Dunkelheit - um genau zu sein: fehlende Bilder, die einen Großteil meiner Laufmotivation ausmachen - gehört zu den Umständen, die mir schlechte Laune machen. Auch in dieser Hinsicht lebe ich von der Hoffnung, der Hoffnung auf eine wolkenfreie Vollmondnacht. Was lange Dunkelheit in mir anrichten kann, erlebte ich unter anderem 2018 beim Olympian Race.

Roll on, roll off (1) - Doch noch ist es hell, noch geht es mir gut. Wie gut merke ich als Thomas, einer der vier Deutschen im Feld, zu mir aufschließt. Okay, mit versiegeltem Mundwerk zu laufen, wie das oft absichtslos meine Art ist, wäre kriminell unhöflich. Immerhin lernten wir uns erst vor ein paar Stunden kennen. Flüssige Dialoge wie der sich nun entspinnende, sind jedoch gewiss nicht Teil meines Repertoires. Im Grunde verhindert nur der erste Anstieg in Allianz mit meiner drückenden Blase, dass wir noch mehr voneinander erfahren. Thomas gibt kund bergauf einstweilen schweigen zu wollen. Und ich erkläre in Sichtweite eines Deckung gewährenden Busches unsere kurze Laufpartnerschaft für beendet.

Auch im Gespräch mit Thomas kam ich nicht umhin meine Bedenken anzubringen: zu alt und Trainingsrückstand. Zumindest momentan und "mittelfristig", so weit Erfahrungshorizont und Laufgefühl Zukunft vorwegnehmen können, ist meine Skepsis unbegründet. Die Steigung nehme ich unangestrengt, auf ungewohnt lockeren Beinen. Kein Training und kein Vorbereitungswettkampf der letzten Wochen ging mir mit solcher Leichtigkeit vom Fuß! Reichlich Nahrung für Zuversicht und gute Laune - für mich ein unzertrennliches Paar, eins ist ohne das andere nicht lebensfähig. - Trau dich, Udo, genieß den Lauf so lange du unbeschwert traben kannst! - Es ist nicht so, dass ich mir diese Sätze vorbeten würde. Sie entsprechen meinem Empfinden dieser Minuten. Und ich merke, dass ich mich dem Erleben mehr und mehr hingebe. Zum Beispiel die wunderschöne, grüne Hügellandschaft des Peloponnes mit den Augen regelrecht verschlinge.

Bergab jetzt, flotter natürlich, aber weiterhin kontrolliert. Absicht: Auf abschüssigem Terrain die Ausdauervorräte schonen, zugleich verhindern, dass zu hartes "Stakkato" meinen Bewegungsapparat aufreibt. Im Wesentlichen verlasse ich mich auf mein Laufgefühl. Hat es mich nicht stets zum Erfolg geführt? Deutlich unter 6 min/km jetzt. Zulassen oder verhaltener zu Tal? Ich spüre in mich hinein ... mal um mal ... Alles gut. Nichts Eckiges, nichts Hartes in meinem Lauf, alles flüssig, alles weich ... Stückweit voraus wartet mein Supporter-Team. Hab sie gar nicht vorbeifahren sehen, war zu sehr in Gedanken versunken. Lächeln, Beifall und ein aufmunterndes Wort - wie gut das tut lässt sich nicht beschreiben, du musst es erleben.

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"Support" and "Drop bags" - kein sonderlich kompliziertes Konzept

Wie schon anlässlich Spartathlon und Olympian Race unterstützt mich meine Frau Ines (diesmal assistiert ihre Mutter Karin). Dazu fährt sie die Strecke im Supporter Car ab. Zum Supporter Car wurde unser Mietauto durch ein hinter die Fond-Seitenscheibe geklebtes Plakat des Veranstalters mit meinem Namen und meiner Startnummer. Support - also Hilfe wobei auch immer sowie Übergabe von Ausrüstung und persönlicher Verpflegung - ist ausschließlich an den Checkpoints 1 bis 29, nirgendwo dazwischen erlaubt. Da ich diesmal mit Rucksack laufe, brauche ich nur selten Ersatz oder Ergänzung. In Tripolis startete ich mit acht Gels an Bord, bin "kalorisch" also schon mal vier Stunden autark. Außerdem im Gepäck: Notdurftbedarf, darüber hinaus ein Döschen Babycreme, Schildkappe für den höchst unwahrscheinlichen Fall einsetzenden Regens, zusätzliches Schlauchtuch. Auf Trinkflaschen meinte ich angesichts des durchschnittlichen Abstandes von 4,8 km zwischen den Versorgungsstellen und einer maximalen Tagestemperatur von knapp über 20°C verzichten zu können.

Mein Team wird mir vor Einbruch der Dunkelheit eine Stirnlampe aus dem "Nachtpaket" übergeben. Gegen 20 Uhr plus/minus werden sich Ines und Karin verabschieden, um die Nacht in unserer Ferienwohnung nahe Kalamata (Zielort) zu verbringen. Davor werden sie mir beim Anlegen von Warnweste und Stirnlampe helfen, mir zudem aus dem "Nachtpaket" eine zweite Stirnlampe, einen weiteren Batteriesatz und eine Minitaschenlampe für Beleuchtungsnotfälle aushändigen. Genug Licht-Redundanz, um jede denkbare Nachtsituation beherrschen zu können. Zum "Nachtpaket" gehören außerdem: Handschuhe, hauchdünne Windstopperlaufjacke, Mütze und mein altes Handy. Über die Autobahn dauert die Rückfahrt zur Unterkunft eine gute Stunde. Am Morgen werden sie mir von Kalamata aus auf der Strecke entgegen fahren.

In der Nacht versorge ich mich aus drei deponierten Drop Bags. Das erste liegt am CP14 "Vordonia" (Km 66,3) und enthält lediglich 8 Gelportionen. Das zweite Vorratspaket mit 12 Gels erwartet mich in "Mystras", CP18 (Km 85,7). Die Gelmenge trägt der Tatsache Rechnung, dass hinter Mystras die lange Steigung beginnt. Mein drittes und letztes Drop Bag habe ich zur Passhöhe "Touristiko", CP23 (Km 106,7) vorausgeschickt. Neben weiteren acht Gelrationen liegen dort bereit: dicke Windstopperjacke, lange Lauftight, warmes Unterhemd, Fleecehandschuhe, frische Strümpfe und Unterhose. Im Idealfall brauche ich nichts davon, im Worst-Case-Szenario - Eiseskälte am Pass, Wind bläst und ich komme klatschnass verschwitzt dort oben an - möglicherweise alles. Hinterm Pass geht es stetig und stundenlang bergab, meine Muskulatur wird weniger Wärmeenergie produzieren. Ich kann mir vieles unterwegs erlauben, nach über 100 km elend zu frieren definitiv nicht!

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Roll on, roll off (2) - Kaum Verkehr auf der Landstraße, deren Überbreite samt Randstreifen mich sehr an die Schlussphase des Spartathlons erinnert. Fast alle Pkw, besonders wenn sie in geringer Geschwindigkeit vorbei tuckern, gehören zur Läuferentourage. Gerade mal ein Lkw überholte uns, seit wir Tripolis verließen. Na ja, vielleicht noch andere, die ich gedankenverloren ausblendete. Kurz vor der 20 km-Marke, in Höhe des Checkpoints 4, ("Turn left for Paparis", Km 19,3) biegen wir von der breiten Straße ab. Doch erst müssen Gel und Wasser rein. Reichlich Wasser, auch wenn meine Blase schon wieder zu drücken beginnt. Viel trinken ist Pflicht, will ich einen Gel-Pfropf im Magen, als Folge davon Unwohlsein bis hin zum Erbrechen verhindern.

Laufstrategien - Als ich mich dem Abzweig, einem schmalen Nebensträßchen, zuwende, springt meine Uhr auf 2:00:00 Stunden. Wie erwartet bin ich flotter unterwegs als es meine für den Anfang mit 7:30 min/km (einschließlich aller Stopps) zu defensiv berechnete Grobplanung vorsieht. Allerdings steht für mich außer Frage, dass Ermüdung und infolge dieser Ermüdung längere Versorgungsstopps den Zeitüberschuss nach und nach aufzehren werden. Ganz bewusst habe ich auf die Mitnahme der berechneten Zeittafel verzichtet. Basierend auf der Vorgabe "sehr zurückhaltend laufen!" werde ich mich einzig von meinem Laufgefühl leiten lassen. Mit der Rechenübung wollte ich vor allem eine Grundlage zur Festlegung von Zahl und Bestückung der Drop Bags schaffen. Außerdem kann sich mein Team an den Durchgangszeiten grob orientieren, vor allem morgen früh. Zu diesem Zweck habe ich die Zeiten etwa ab der Hälfte der Strecke für eine optimistische und eine weniger optimistische Variante durchgerechnet. An eine pessimistische wollte ich keinen Gedanken verschwenden, weil nicht sein kann, was nicht sein darf ...

Der "Kurzbeinige" flitzt mal wieder vorbei. Schwarze Shorts bis in die Kniekehlen, neongelbes Shirt, krause, grau melierte Haare, unverwechselbar in Statur und Aufmachung. Sein unstetes Gerenne entlockt mir nicht zum ersten Mal ein Kopfschütteln. Flitzt vorbei und voraus, um alsbald wieder einen Abschnitt gehend zu absolvieren. Sobald er geht, überhole ich ihn. Diesen ineffizienten Rhythmuswechsel praktiziert der Mann schon seit Tripolis. Anfangs glaubte ich den "Kurzbeinigen" im parallel ausgetragenen 80-Kilometer-Lauf (bis Sparta) unterwegs. Auch für diese Distanz eine ziemlich verrückte Lauftaktik aber eher durchzustehen als über die volle Strecke. Ein Seitenblick auf seine Startnummer wies ihn jedoch als einen derjenigen aus, die morgen Kalamata erreichen wollen. Umso weniger kapiere ich sein Gebaren. Gegenwärtig ist er jedenfalls bester Stimmung, scherzt mit drei Mitläufern, an denen er vorbeistiebt als gäb’s kein Morgen (und keine Nacht und keinen Berg) ...

Griechisch für Anfänger - Mit meinen rudimentären Kenntnissen des griechischen Alphabets entziffere ich den Namen des Dorfes  Παπαρισ auf dem Ortsschild: P-a-p-a-r-i-s. Auf den letzten Metern vorm ersten Haus gewinnt das Asphaltband an Höhe. Beginnt jetzt die zweite von drei Steigungen vor Sparta, die ich mir vom Profilbild einprägte? Vorm ersten Haus verzweigt die Route nach links, unmittelbar vor den nächsten Checkpoint (CP5, "Paparis", Km24,2). Meine Supporter Ines und Karin erwarten mich, sparen nicht an aufmunterndem Beifall. Ich entsorge die schlaffe Hülle des vorhin "genossenen" Gels und spüle mit Wasser nach. Weiter, keine Zeit verschwenden. Außerdem: Je länger ich rumstehe, umso mehr kommen Stoffwechsel und "Knochen" zur Ruhe*. Andere mögen das anders empfinden, doch für mich sind kurz gehaltene Pausen physisch und mental von Vorteil.

*) In der Nacht oder bei kühler Witterung kommt noch die Gefahr raschen Auskühlens dazu. Vor allem im Zustand fortgeschrittener Erschöpfung. Schon mehrfach verursachte mir zu langes Rumstehen Schüttelfrost, der erst Minuten nach dem Restart abklang.

Paparis bleibt hinter mir zurück, die Straße orientiert sich unentwegt bergauf. Die karge, allenfalls zur Beweidung mit Ziegen und Schafen taugende Hügellandschaft ringsum registriere ich nur flüchtig. Mein Hauptaugenmerk gilt Körpersignalen. Ich fahnde nach Spuren vorzeitiger oder zumindest "vorausahnbarer" Ermüdung. Erfreulicherweise spüre ich nichts dergleichen. Im Gegenteil: Ich bin erstaunt ob der Leichtigkeit, mit der ich den Anstieg bewältige. 16:45 Uhr: Im Schatten der Hügelkuppe hat das Quecksilber die 20°C-Marke bereits unterschritten. Die Straße windet sich kurvenreich hinan, flacht dabei immer mehr ab. Der Blick wird freier, erschließt mehr und mehr der zahllosen, von Buschwerk okkupierten Kuppen. Die links von mir, parallel zur Straße verlaufende, immer tiefer ins Gelände schneidende Senke öffnet eine Blickachse, zielt auf Ansiedlungen in ferner Tiefe. Erst der quer verlaufende, gewaltige, von einer Wolkenwalze gekrönte Bergrücken, vermutlich das Taygetos-Gebirge, begrenzt den Blick in die Weite.

Irgendwann wird das Leiden beginnen - Alles im grünen Bereich, ich fühle mich gut. Auch wenn sich daraus zu diesem frühen Zeitpunkt kein finaler Erfolg ableiten lässt, auch wenn ich unterbinde, dass gute Stimmung und Zuversicht sich wechselseitig zum Leichtsinn aufschaukeln, nach bald 30 Kilometern immer noch unangestrengt Tempo halten zu können überrascht mich. Irgendwann wird das Leiden beginnen, so viel ist sicher. Wenn mich meine Selbstwahrnehmung nicht narrt, wird das jedoch nicht vor Sparta passieren ...

CP6, "Roadcross Skortsinos", Kilometer 30: Trinken und weiter ... Kilometer 30?? - Die offiziellen Kilometerangaben verwirren mich. Sie wurden in riesigen, weißen Lettern vom Veranstalter alle fünf Kilometer auf den Asphalt gepinselt. Zudem ist jeder Checkpoint mit einem großen Plakat gekennzeichnet, auf dem unter anderem die Streckenposition vermerkt steht. Glaube ich meinem GPS, dann übertreiben die offiziellen Angaben gewaltig. Die "30" auf der Straße passiere ich beispielsweise bereits bei 28,2 Kilometern auf meiner Uhr. Praktische Bedeutung: Einstweilen keine. Ausreichend und rechtzeitig Trinkwasser gewährleistet die Vielzahl der Checkpoints, mein Gelkonsum ist in Zeit- nicht in Streckenabschnitten getaktet.

Wiedererkannt - 17:15 Uhr: Läufer und Supporter, Thomas und seine Frau Esther, in trautem tête-à-tête auf dem Rand des geöffneten Kofferraums sitzend. Erst im letzten Moment erkenne ich die beiden, zu spät für einen Gruß. Die untergehende Sonne gießt warmes Licht übers Land, blinzelt wie zum Abschied ein letztes Mal durch die Büsche einer Böschung. Auch wenn mir klar ist, dass ich sie nun mehr als 13 Stunden lang vermissen werde, folgt meine Laune nicht ihrem Sinkflug. Dafür fühle ich mich körperlich einfach zu gut und mein Kopf fließt über vor Zuversicht. Befeuert auch von herrlichen Bildern einer Berglandschaft und der Farbenpracht des mediterranen Sonnenuntergangs. Was für eine grandiose Inszenierung von Mutter Natur! - Abwärts nun wieder, was mein Empfinden nahezu schwerelosen Laufens verstärkt und meinem Wohlgefühl das i-Tüpfelchen aufsetzt ... Ein-, zweimal bleibe ich kurz stehen, um die stufenlose, abendliche Farbpalette über den Spitzen des Taygetos-Gebirges einzufangen. Ansichten, die mich noch immer in Hochstimmung versetzten ...

Esther rollt vorbei, steuert in der nächsten Kurve an den Straßenrand, steigt aus, hantiert an ihrem Handy, lächelt zu mir herüber. Ihre Bemerkung verstehe ich nur zum Teil. Anscheinend wiedererkennt sie erst jetzt und infolge Thomas‘ vor ein paar Minuten erfolgter "Einweisung" in mir jenen in sich gekehrten Kerl, der sie vorm Start im Café in Tripolis begrüßte ...

Bei Einbruch der Nacht ist mit Dunkelheit zu rechnen - Weiter moderat hinab, Kurve um Kurve nehmend. Voraus die ersten Häuser einer Ortschaft, kurz darauf jogge ich Ines und Karin in die Arme (CP7, "Skortsinos", Km 35). Mein aufmerksames Team wartet mit dem "Nachtpaket" auf mich. Von Armlingen abgesehen* brauche ich derzeit und bis zum nächsten Rendezvous noch keine warme Bekleidung. Ines hilft mir die störrisch engen Hüllen über die schweißfeuchten Arme zu streifen. Trotz noch guter Sichtverhältnisse, muss ich schon jetzt eine der Stirnlampen anlegen. Menschliche Augen vermögen rasch fortschreitende Dämmerung lange auszugleichen. Auf diese Weise gaukeln sie ihrem "Besitzer" vor, bis zur Dunkelheit noch viel Zeit zu haben. Tatsächlich vollzieht sich der Übergang von "ich sehe noch ausreichend" zu "stockfinster" infolge vorzüglichen Restlichtsehens binnen weniger Minuten. In meinem Fall vermutlich lange vorm nächsten Kontakt mit meinem Support.

*) Erfahrungsgemäß setzt das Frösteln zuerst an den Armen ein. Lange bevor ich am Oberkörper zu frieren beginne.

Fehlgeleitet - Und genauso geschieht es. Noch vorm nächsten Trinkstopp (CP8, "Evrotas Springs", Km 37) muss ich die Lampe einschalten, obwohl der nur zwei Kilometer bergab, also nicht mal eine Viertelstunde weit entfernt liegt. Dafür aber in einem schluchtartig verengten und vorzeitig lichtlosen Tal. Unverständlicherweise wimmelt es an diesem Checkpoint nur so vor Läufern. Und alles, was ich nicht verstehe, hat das Potenzial mich zu verwirren. Zum Glück übersehe ich die am Straßenrand ziemlich unaufffällig eingerichtete Gasse der Zeitmessung nicht. Weitere Verwirrung stiftet ein Schwarm von Pfeilen. Gleich mehrere Pfeile, hinter- und nebeneinander ausgebracht, zeigen von der Straße weg, hin zu einer kurzen Rampe. Die führt ein paar Meter abwärts zu einem ... was ist das? Zu einer weiträumigen, gepflasterten Terrasse, vielleicht auch dem (allerdings komplett leeren) Platz einer Ortschaft. Unentschlossen bleibe ich stehen und schaue mich kurz um. Da unten hält sich niemand auf. Hier oben stehen etliche Läufer herum oder sitzen auf irgendwelchen Mäuerchen, legen Stirnlampen an und wechseln von kurzer Tag- auf lange Nachtbekleidung. Langsam sickert die Erkenntnis ins Bewusstsein: Alles Leute, die die Strecke kennen, ihr Leistungsvermögen einzuschätzen wussten und deshalb ihr "Nacht-Drop-Bag" hierher vorausschickten. Mein Team ist nach so kurzer Trennung natürlich nicht hier. Wahrscheinlich haben sie mich noch nicht einmal überholt.

Nur Sekunden sind vergangen und ich stehe noch immer unentschlossen an derselben Stelle wie ein im Asphalt verwurzeltes Fragezeichen. Es scheint mir widersinnig zu dieser "Terrasse" runter zu rennen. Weiter auf der Straße bleiben drängt sich als einzig logische Richtung auf. Andererseits kann ich derzeit niemanden erkennen, der diese hyper-logische Richtung einschlüge. Ich sehe überhaupt niemanden irgendwohin laufen. Und ist der Pfeilschwarm in seiner Eindeutigkeit nicht Befehl genug? Auf die Schwarmintelligenz vertrauend fasse ich mir ein Herz und trabe runter zum Platz; wende mich dort in mutmaßlich korrekte Richtung; hoffend, dass es weiter hinten, wo das Pflaster im Dunkeln liegt, schon weitergehen wird, irgendwie zurück auf die Straße ...

Selten führte man mich so an der Nase herum wie hier in "Evrotas Springs": Am Ende der "Terrasse" ist nichts als ebendieses Ende der "Terrasse". Ich drehe um und wetze zurück - lautlos vor mich hin mosernd. 200 Meter Irrweg, weil ich mich pfeil-gläubig fehlleiten ließ. Die Rampe wieder rauf und dann der Logik folgend ab in die Dunkelheit ... Weniger verärgert und verwirrt hätte ich mich jetzt sicher mit der Frage befasst, wozu der große Reisebus unweit des Checkpoints geparkt steht. Wäre vermutlich darauf gekommen, dass ich gerade den ersten Cut-Off-Punkt passierte, ab dem zu spät eintreffende Läufer aus dem Wettbewerb genommen werden. Dass die glücklosen Disqualifikanten sodann den Bus besteigen, der als "Besenwagen" dem Tross folgen wird. Und schlussendlich die Did-not-Finisher irgendwann zu später Stunde in Sparta (oder wo auch immer sie heimkehren können) abliefern wird.

Noch aufgewühlt von gerade überstandener Irreführung kreisen meine Gedanken einzig um das Rätsel: Was hat es mit diesen missweisenden Pfeilen auf sich? Verschärft vom unguten Gefühl, ich könnte trotz strikt logischer Handlungsweise in falscher Richtung unterwegs sein. Immerhin tappe ich gerade mutterseelenallein durchs Dunkel. Erst hinter einer Wegbiegung, als ich eine laut scherzende Läufergruppe vor mir ausmache, verfliegen meine Bedenken. Um meinen Seelenfrieden wiederherzustellen, erkläre ich die merkwürdigen Pfeile zu Relikten aus den Vorjahren. Vermutlich residierte der Checkpoint seinerzeit auf der "Terrasse". Und ebenso vermutlich ging der Mann mit dem Pinsel davon aus, dass sich niemand durch "alte" Pfeile von der korrekten, völlig logischen Richtung würde abbringen lassen. Der Mann mit dem Pinsel hat sich getäuscht!

Blind wie ein Maulwurf - Von Pfeilen gefoppt zu werden kappt meiner bislang blendenden Laune schon mal die Spitze. Und von nun an in spärlichem Kopflicht auf etwaige Tücken im Asphalt achten zu müssen ernüchtert mich zusehends. Was Landschaftsarchitektin "Mama Natur" um mich her arrangierte, bleibt mir verborgen. Lediglich Silhouetten heben sich schwach gegen den vom Licht des unsichtbaren Vollmondes helleren Himmel ab. Nur ab und zu ist der Erdtrabant zwischen Bäumen auszumachen, das Licht meiner auf unterste Leuchtstufe eingestellten Lampe kann er nicht ersetzen. Ich "spare Strom". Nicht aus Geiz, sondern reinem Sicherheitsdenken gehorchend. Vier Stunden soll der Saft in den Zellen reichen - auf hellster Stufe. Die Gelegenheit diese Herstellerangabe auszureizen ergab sich noch nie. Auf niedrigster Stufe werde ich die vier Stunden aber sicher erreichen. Dann nochmal mindestens vier Stunden mit der zweiten Lampe und weitere vier nach Einsetzen der Ersatzbatterien. Macht zusammen "garantierte" 12 Stunden. Wenn ich das Licht in Dörfern - oder wie hier auf einem außerorts unerklärlicherweise mit Straßenlaternen erhellten Abschnitt - lösche, gewinne ich ein paar Minuten hinzu. Also laufe ich nicht Gefahr irgendwann im wahren Sinne des Wortes im Dunkeln zu stehen. Blind wie ein Maulwurf mitten im Unbekannten - das wäre für mich, der Dunkelheit beim Laufen verabscheut, der absolute Super-GAU.

Laufen im Dunkeln mag ich nicht ... oder vielleicht doch? - Meine Lust weiterzulaufen strebt im Finstern rasch gegen null. Nicht weiter dramatisch, schließlich fehlen Alternativen zum Weiterlaufen. Außerdem wusste ich, was mich erwartet, ließ mich drauf ein und werde es mann- bis heldenhaft ertragen. So lange ich noch nahezu ermüdungsfrei vor mich hin trotte, werde ich mental sicher auch keinen Einbruch erleiden. Ein bisschen versetzt mich mein Körper schon jetzt in Erstaunen. In Kürze 40 Kilometer und er lässt mich diese Distanz nicht wie gewohnt spüren. Hier und da ein leichtes Ziehen wie es nach stundenlangem Laufen nicht ausbleiben kann. Aber nichts, rein gar nichts legt mir nahe mein Tempo zu mäßigen. Wie gehabt leite ich daraus nur ab, dass mir "demnächst" kein Ungemach droht. Für Prognosen zum Verlauf der verbleibenden 100 Kilometer müsste ich das Orakel von Delphi befragen und das ist weit weg.

Oh Gott! Über 100 Kilometer liegen noch vor und erst 38 hinter mir! Ich verdränge den Gedanken, auch wenn mich "gefühlte Unendlichkeit" seit langem nicht mehr depressiv niederzustrecken vermag. Herausfordern will ich es aber auch nicht, schon gar nicht "weit draußen" in lichtloser Leere zwischen "Galaxien" treibend ... Ich kreuze die Autobahn Sparta-Kalamata unter einer Brücke und trabe wieder bergauf. Damit bereits den dritten (und letzten) Anstieg vor Sparta unter den Sohlen zu spüren, nach erst halber Distanz dorthin, scheint mir wenig plausibel. Fünf Minuten, dann zehn, bald zwanzig und kein Ende des Aufstiegs in Sicht. Dafür erfreue ich mich nun fast durchgehend lunarer Gesellschaft. Linksseitig überm Tal hält der Vollmond Position, nur selten von Büschen und Bäumen verdeckt. Nachtläufe sind "sowas von nicht mein Ding". Aber was hindert mich daran den Anblick dieser makellos kreisrunden Scheibe mal probehalber reizvoll zu finden?

Der Gedanke an den späteren Laufbericht und das stete Bestreben, Erlebtes mit Bildern zu untermauern, lässt mich in Höhe eines Olivenhains verharren. Ich versuche Mond und Olivenzweige mit den begrenzten Fähigkeiten meiner kleinen Digicam optisch in Beziehung zu setzen. Zufriedenstellender Erfolg bleibt mir leider versagt. Scharfgestellte Zweige setzen Weitwinkel voraus und bescheren mir ein "mickriges" Möndchen. Zoome ich den Himmelskörper heran, verschwimmen Oliven und Blätter im Bild ...

Irgendwo in Raum und Zeit - Weiter aufwärts. Unaufhaltsam tränkt Schweiß meine Klamotten. Zumindest abschnittsweise weist dieser Aufstieg erheblich mehr Prozente auf als die vorherigen. Und höher hinauf bringt er mich auch. Kurve reiht sich an Kurve und kein Ende. Es dauert geraume Zeit bis "Verspürtes" in Erkenntnis umschlägt: Ich habe keine Mühe mit diesem Berg! Natürlich fordert er meine Beine und drosselt mein Tempo. Doch Lunge und Herz zeigen sich wenig beeindruckt. Diesem Umstand und der erdnahen Laterne verdanke ich wahrscheinlich, dass meine von Dunkelheit umflorte Seele nicht weiter gen Hades fährt. Sich im Gegenteil sogar wieder erholt und mehr Zuversicht wagt.

Immer noch aufwärts. Es kommt mir vor als kröche ich nun schon Stunden auf dieser schiefen Ebene himmelwärts. Längst habe ich jedes Gefühl für Raum und Zeit eingebüßt. Es wiederzuerlangen bleibt ausgeschlossen, weil ich mir Blicke zum Handgelenk versage. Wozu nachsehen? Schneckentempo macht kaum Strecke und die zwischen zwei Kontrollpunkten verstreichende Zeit ist ohne Belang. Denn: Dann und wann, beim Verlassen eines Checkpoints, subtrahierte ich die Istzeit von der jeweiligen "Closing Time". Mein Vorsprung auf die "Schließzeit" entwickelte sich stetig zu meinen Gunsten, betrug beim letzten Rendezvous mit Ines und Karin (Km 35) bereits etwas mehr als eine Stunde. Und mehr muss ich nicht wissen!

Inzwischen nervt mich der Berg. Frisst zu früh zu viele Körner, die ich noch brauchen werde! Vielleicht hätte ich mich vom später drohenden Gewaltakt "Taygetos-Überschreitung" weniger hypnotisieren lassen, dafür dem Profil vor Sparta mehr Aufmerksamkeit widmen sollen. Dann wüsste ich wann dieser Anstieg endet ... Irgendwann ein paar Lichtpunkte am Berg, ein paar Laufminuten weit entfernt und - wie könnte es anders sein - noch um einiges oberhalb meiner gegenwärtigen Position ... ... ... Die ersten Häuser eines Dorfes ziehen an mir vorbei. Alles wirkt ausgestorben, verwaist, leblos. Ich komme mir vor wie in einem drittklassigen Science Fiction Film. Werden nicht in jedem zweiten dieser Streifen harmlose Dorfbewohner von Außerirdischen entführt, vorzugsweise nachts?

Der Abschied - Weitere hundert, dann zweihundert Meter "entmenschlichtes" Dorf ... Die lange Reihe dicht an dicht geparkter Supporter-Cars nehme ich als untrügliches Zeichen für den nahen Checkpoint. Schließlich doch noch Licht und Leben voraus. Zu meiner Freude auch Leben, das meiner harrt: Ines und Karin haben gegenüber der Tränke (CP9, "Loganikos", Km 45) auf einem kleinen Vorplatz Position bezogen und empfangen mich mit Applaus. Dass seit unserem letzten Treff fast anderthalb Stunden vergangen sind, fällt mir nicht einmal auf. Wie spät es tatsächlich schon ist verdeutlicht mir erst Ines’ Ankündigung nach diesem Support ins Quartier zurückzufahren. Also verstaut sie die dünne Laufjacke, Handschuhe und Mütze im Rückenfach des Rucksacks. Das "redundante Licht-Equipment" stopfe ich griffbereit in eine vordere Tasche. Fehlt noch die Warnweste. Kaum Verkehr in der einsamen Bergregion um diese Zeit, aber sicher ist sicher. Rucksack aus, Warnweste an, Rucksack wieder drüber. Satz mit "x", war wohl nix! Der übergestreifte Rucksack verdeckt einen Großteil der reflektierenden Flächen. Zumindest auf dem Rücken, den sie mir eigentlich freihalten sollen.

Wieso mir das erst jetzt auffällt? Nobody’s perfect! Hab’s nicht konsequent durchdacht. Kam bislang auch nie in die Verlegenheit Warnweste und Laufrucksack kombinieren zu müssen. Zum Glück ist die Weste weit genug, um über den Rucksack zu passen und dann auch noch den Eingriff in dessen Taschen zuzulassen. Endlich fertig angezogen, Ausrüstung und Gels verstaut. Noch ein paar Schlucke Wasser ... schließlich der Abschied. Ähnliche Empfindungen wie vor zwei Jahren beim Olympian Race und 2016 beim Spartathlon, als Ines zum Nachtquartier aufbrach: Keinerlei Zweifel in eigener Sache, aber Sorge ihr könnte auf dunklen griechischen Sträßchen Unheil drohen. Diesmal ist sie immerhin nicht allein unterwegs, wird überdies in ein paar Minuten die Autobahn erreichen und die ist schon tagsüber ziemlich leer ... Unisono wünschen wir uns die/der jeweils andere möge bitte, bitte gut auf sich aufpassen! Eine Umarmung, ein Kuss, dann wende ich mich zum Gehen und streife mit einem Blick das Schild des Checkpoints. Closing Time: 21 Uhr. Mein Vorsprung beträgt inzwischen beruhigende 1:40 Stunden.

Ich schaffe das - Das "Fitting" zur Nacht mit Warnweste und Rucksack hielt mich länger auf als vorgesehen (ca. 5 min). Durchgeschwitzt und luftig bekleidet kühlte ich offenkundig rasch aus. Plötzlich spüre ich abendliche Kälte am Oberkörper und friere binnen weniger Minuten erbärmlich an den Händen. Ich sinne auf Abhilfe: Reicht der Griff nach den Handschuhen? Vermutlich geht es nun wieder ziemlich lange bergab, wahrscheinlich werde ich weiter auskühlen ... Kurz vorm Ortsausgang und nur ein paar hundert Schritte nach der Trennung von meinem Team, erspähe ich am Straßenrand eine hüfthohe Kiste unter einer Straßenlaterne und steuere darauf zu. Ein idealer Ort für mein Vorhaben: In aller Eile lege ich Stirnlampe, Warnweste und Rucksack auf der Kiste ab, nestele das warme Zeug hervor und arrangiere meine "Rüstung" neu: Jacke an, Schlauchtuch um den Hals, Mütze auf, Rucksack an, Warnweste drüber, Stirnlampe weiter stellen und ausrichten, zuletzt Handschuhe an und wieder los ...

Schon auf den ersten Metern erweist sich meine Entscheidung als goldrichtig: Obenrum dringt kein Lüftchen mehr durch, von Kopf und Halspartie geht gar ein wohliges Wärmegefühl aus und nach ein paar Minuten melden sich auch die Hände einigermaßen durchwärmt wieder zurück. Mit der Spekulation einer alsbald wieder abschüssigen Straße lag ich dagegen komplett daneben. Weitere Höhenmeter stehen an und wie ich auf den nächsten sieben (!) Kilometern, bis zum übernächsten Checkpoint (CP11, "Georgitsi", Km 52) erleben muss, nicht eben wenige. Irgendwann zwischen den Bergdörfern, die jeweils auch einen Checkpoint beherbergen, stelle ich jegliches Mutmaßen in Sachen Profil ein. Erstens, weil es sinnlos ist. Zweitens, weil mir die Höhenmeter weiterhin kaum zusetzen. Dieser Tatsache begegne ich mit Verwunderung aber auch wachsendem Selbstvertrauen: Ich schaffe das! Noch weiß ich nicht wie, aber: Ich schaffe das!

Kontrollierte Schussfahrt - Checkpoint und Dorf (Georgitsi) bleiben hinter mir zurück. Und endlich senkt sich die Straße, windet sich alsbald über Serpentinen abwärts. Entsprechend flott komme ich voran. Hochkonzentriert achte ich auf jedes "Quietschen" aus dem "Fahrwerk". Doch "da unten" herrscht kooperative Stille. An Fersen und Zehen kein Drücken oder Scheuern, die Schuhe sitzen bombenfest am Fuß. Noch vor anderthalb Stunden, "up- and downhill" am zweiten Berg, schien es, als wollten sich Schuhe und Füße nicht vertragen, als hätte ich mit meiner Schuhwahl ein bisschen zu hoch gepokert. Vorsichtshalber signalisierte ich meinem Team einen möglichen Schuhwechsel am nächsten Checkpoint ...

Praktisch seit meinem ersten Marathon 2002 verschleiße ich fast ausschließlich Treter desselben Herstellers. Heute wagte ich mich erstmals in der Kreation eines Konkurrenten auf eine so lange Strecke. Die - wie ich fand - vorzügliche Passform der fast neuwertigen Schuhe testete ich lediglich auf ein paar kürzeren und einem langen Lauf. Dabei verhielten sich die Schlappen wie sich 1a-Laufschuhe verhalten sollen: Du vergisst vollkommen, dass du Schuhe an den Füßen trägst. Dass ich den "Newcomern" für diesen Lauf den Vorzug gab, verdanken sie ihrem geringen Gewicht. Oder um genau zu sein: Meinem Gefühl von geringem Gewicht, das sie mir beim Laufen vermitteln. Gewogen habe ich sie nämlich nicht. Im Hinblick auf die vielen Höhenmeter entlang der Straße der Unsterblichen hoffte ich, dass mir ein paar (eingebildete?) Gramm Schuhmasse weniger auf die Sprünge helfen würden. Wenn nicht real-physisch, dann wenigstens plazebo-mental ...

Am offenbar steilen Hang wetze ich über mehrere Serpentinen hinab. Dichter Wald beidseits der Straße hält den Asphalt in vollkommenem Dunkel und Frau Luna für geraume Zeit von mir fern. Ohne fortlaufend neue, vom Kopflicht ausgestellte "Unbedenklichkeitsbescheinigung" müsste ich talwärts schleichen ... Stattdessen volle Fahrt voraus ... Tempo vom Laufgefühl diktiert, ausgerichtet auf geringstmöglichen Verschleiß: Nicht zu schnell, keine zu laaangen Schritte, die meinen Bewegungsapparat aufarbeiten könnten. Aber auch nicht zu verhalten und nicht zu kurz, um keine unnötige Energie an exzentrische - bremsende - Muskelarbeit zu verschwenden. Rund und flüssig laufend zu Tal ... Alsbald in weiteren Kehren rasch Höhe aufgebend und nach gefühlt recht kurzer Zeit ins nächste Dorf, vor die nächste Tränke (CP12, "Aleyrou", Km 56).

Genesis - Obschon nicht durstig und unter Garantie bestens hydriert trinke ich große Mengen Flüssigkeit. Immer noch aus demselben Grund: Verdünnen der pünktlich halbstündlich eingeworfenen Gels. Diese notwendige Taktik trieb mich schon diverse Male an den Streckenrand. Nicht zu ändern, dann und wann ein 30-Sekunden-Zeitopfer bringe ich gerne, wenn es dafür in der Abteilung "Magen-Darm" zu keiner Revolte kommt. Dort herrscht heute ausgesprochen "aufgeräumte Stimmung"- keineswegs selbstverständlich in den letzten Monaten. Und das obschon ich bisweilen prickelnde Cola trank und ein paarmal mit würzigen Kartoffelchips die ätzende Süße der Gels zu eliminieren suchte.

Kraft ist da, nix tut weh, Verdauung passt, mental bin ich obenauf und die Witterung an diesem letzten Oktobertag des so oft gescholtenen Corona-Jahres 2020 kann ich nur als nahezu ideal bezeichnen. Ein paar Grad mehr kämen einer Frostbeule wie mir entgegen, aber in Wärmendes gehüllt kann ich die Kälte gut ertragen. Alles ganz wunderbar. Fast zu gut, um wahr zu sein. Irgendwelche Knüppel, irgendwann, irgendwo werden mir die Götter der alten Griechen sicher noch zwischen die Beine werfen ... Zweckpessimismus, mehr nicht. Sei immer auf alles vorbereitet, dann setzt dir auch Unvorhersehbares nur physisch zu und mental bleibst du der Situation gewachsen!

Hinterm Dorf auf überschaubarem Hang weiter bergab. Statt hoher Bäume säumt nun Buschwerk die Ränder der Straße. Einer Straße, die ich auch jenseits des Lichtkegels meiner Lampe überschauen kann. Liegt wohl an ihm da oben. Kurz blicke ich auf zur grell leuchtenden Scheibe des Vollmondes. Natürlich liegt nichts näher als gerade diese Idee. Vielleicht wurde sie mir aber auch eingegeben. Ich laufe durch Griechenland, der Wiege der europäischen Kultur, wo schon vor 2.500 Jahren berühmte Denker wie Sokrates, Platon, Aristoteles und viele andere Bedeutendes ersannen. Was für ein hübscher Gedanke, dass genialer, unsterblicher Geist aus ferner Vergangenheit dem nur mittelprächtig kreativen Udo ein Licht aufgehen ließ. Ein Licht, das ihn das Licht seiner Lampe ausschalten lässt! Genau ...

... jetzt! ... Augenblicklich ein Bad im Mondlicht: Verblüffend hell, furios die Wahrnehmung. Es ist dunkel und ich kann sehen! Ich nehme die Landschaft wahr, nah und fern, Büsche, Bäume, Häuser, Berge am Horizont. Und natürlich die Straße, den Asphalt, Risse, Dellen, Löcher darin. Das ist ... fantastisch!

In den ersten Minuten laufe ich auf angenehme, sanfte Weise berauscht durch die griechische Nacht. Das habe ich so noch nie erlebt und mir deshalb auch nicht vorstellen können. Mit einem Mal verlieren die vielen noch zu überstehenden Nachtstunden alles Trostlose, das ihnen bisher anhaftete. Und meine Stimmung schießt raketengleich in den Himmel als wollte sie Frau Luna begeistert umarmen. Na gut, der Himmel ist dunkel und bleibt dunkel. Tagsüber war er blau, das hat mir besser gefallen. Außerdem ist er arm an Sternen, weil das Mondlicht die weit gestellten Pupillen blendet. Aber das ist mir egal, so lange der ganze Peloponnes weiter existiert und ich ihn in solcher Deutlichkeit schauen darf. Mitten in der Nacht - unfassbar!

Bevor meine Erregungskurve abflachen kann, kommt am Straßenrand eine Kapelle in Sicht. Nichts sonst inmitten von Olivenhainen, da steht nur diese kleine, griechisch orthodoxe Kapelle. Zwei Glocken hängen frei im Turm, gepflasterter Vorplatz, Mäuerchen frieden das Gotteshaus ein. Alles klar und plastisch im Mondlicht auszumachen. Ich muss schon ziemlich aus dem Häuschen sein. Bliebe ich sonst stehen, wechselte mehrfach die Position, um ein paar - wie mir vorschwebt - originelle Laufbilder zu schießen? "Mond überm Kirchturm" oder "Mond zwischen Glocken", etwas in der Art. Aber natürlich überfordert, was ich mir vorstelle meine Digicam, wohl auch meine Bedienerqualitäten und endlos Zeit zum "Rumprobieren" habe ich auch nicht ... Ein paar Versuche mit wenig überzeugendem Ergebnis. Eins wird schon taugen, denke ich und mache mich wieder auf den Weg ...

Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. - Genesis 1, 16-18

Überall Licht - Ich laufe beflügelt, gut gelaunt, fast grenzenlos optimistisch. Und es geschieht im Bewusstsein, dass ich die ungewohnt wohlige Befindlichkeit zur Nachtzeit dem Lauf ohne Lampe, dem Lauf im Mondlicht verdanke. Auf immer noch abschüssiger Straße fallen mir die Schritte leicht, überbrücken in wenigen Minuten die kurze Distanz zum nächsten Checkpoint. Keine Ahnung wo ich hier bin aber hier ist Licht (CP13, "Kastori", Km 60). Viel Licht und noch mehr Leben. Nicht nur am Checkpoint, den ich nach ein paar Schlucken Wasser und dem obligatorischen, jeweils mit Wärme in der Stimme ausgesprochenen "Efcharistó" (danke) rasch wieder verlasse. Hell erleuchtet auch die "Plateía" (Dorfplatz) und verbindende Straßen, in denen es vor geparkten Autos und Menschen nur so wimmelt. Okay, es ist Samstagabend, Zeit sich zu treffen, aber für die wie ausgestorben wirkenden Orte zuvor galt das schließlich auch. Vielleicht eine Art Zentrum hier, an dem Menschen aus allen Himmelsrichtungen zusammenströmen?

Wer mir begegnet, belohnt meinen Lauf mit Applaus. Ich danke mit Handzeichen und verabschiede mich alsbald wieder in die vom Vollmond beleuchtete Einsamkeit. Auf zunächst welligem Kurs voran, seit geraumer Zeit das erste Mal in einer Steigung. Habe ich die Infos auf dem Plakat am Checkpoint falsch interpretiert? Tendierte der Pfeil, der den Höhenunterschied zur nächsten Tränke symbolisiert nicht eindeutig und heftig talwärts? Ein weiterer, nicht allzu heftiger Anstieg sät noch Zweifel, dann folgt das Asphaltband wieder der nun schon über eine Stunde andauernden Orientierung: Hinab.

Nachschub - Ich vergewissere mich zum wer weiß wie vielten Mal jetzt auf Checkpoint 14 in "Vordonia" zuzulaufen. Laut Tabelle bei Kilometer 66,3 eingerichtet. Davon darf ich 1,4 km abziehen, die meine Uhr in Höhe bisheriger Wegmarken konstant unterschlug. Tausend Meter etwa noch ... Nach "Vordonia" habe ich ein Drop-Bag mit acht Gels vorausgeschickt. Von Ines zur Nacht üppig mit Gels bestückt bräuchte ich mein Depot in "Verdonia" nicht anzufassen. Doch wer weiß, was geschieht, vor allem, zu welchem Zeitpunkt ich meine Gel-Rate auf drei Päckchen pro Stunde steigern werde? Ich werde die Gels nicht liegenlassen, so viel steht fest.

Wenig später trabe ich - nach meiner grünen Drop-Bag-Tüte Ausschau haltend - auf die erleuchtete Tränke zu. Natascha (Mikes Frau) bemerke ich erst als sie wie aus dem Boden gewachsen vor mir steht. Natürlich hat Natascha mein Drop Bag schon abgeholt (woher sie wusste, dass hier eins bereitliegt, darüber zerbreche ich mir erst Tage später den Kopf). Und nicht nur das: Liebenswerterweise verstaut sie die Päckchen auch gleich in den Rucksacktaschen. Also rasch noch trinken und ohne merklichen Zeitverlust weiter ... auf den Spuren von Mike, der nur Minuten zuvor von hier aufbrach. Zu spät bedauere ich meine Schusseligkeit: Vergaß mich nach dem Freund zu erkundigen. Gerade so als wäre mir sein Schicksal egal. Aber Natascha hätte mir sicher von sich aus mitgeteilt, wenn Mike mit Problemen kämpft!? - beruhige ich mein tadelndes Gewissen. Nur wissen wir beide, Ankläger und Angeklagter, dass sie aus Rücksicht auf mich vielleicht auch geschwiegen hätte.

"Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest

Uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl."

(Aus: "Der Spaziergang" von Friedrich Schiller, 1795)

Auf zu Leonidas! - Noch 14 Kilometer bis Sparta. Sparta - schon der Klang des Namens lässt meinen Puls höher schlagen! Nicht nur jetzt, ausnahmslos immer, wenn ich ihn lese, höre oder auch nur denke. Antike Größe und Rolle der Spartiaten schwingen in meiner Erregung mit. Doch da ist mehr als der Respekt eines geschichtsbewussten Menschen, viel mehr. Sparta ist mir Synonym für den bedeutendsten, mit den meisten Mühen erkämpften Ultraerfolg. Der Spartathlon: 246 km von Athen nach Sparta, absolviert in 34:47:53 Stunden. Vor vier Jahren war das und wenn sich Bilder von damals in mein Bewusstsein drängen, dann kommen sie mir so frisch und plastisch vor als hätte ich das Finish erst letzte Woche gefeiert. Alles im Detail noch präsent, so präsent wie kein anderes meiner Lauferlebnisse. Seit Stunden freue ich mich wie ein kleines Kind auf Sparta. Auf Sparta und König Leonidas*, einer der Unsterblichen der griechischen Geschichte; Ziel beim Spartathlon und ehrende Station heute beim Dromos Athanaton. Den Sieg beim Spartathlon erringt, wer den Fuß der Statue des Leonidas berührt. Und Gelegenheit dazu erhält, wer den Inbegriff antiken, griechischen Heldentums vor Ablauf der 36. Stunde erreicht. Ein gnadenloser Cut-Off, in der Hauptsache verantwortlich für die eher bescheidene Finisherquote.

*) Leonidas I. (König von Sparta, gestorben 480 v. Chr. in der Schlacht bei den Thermopylen)

Das und mehr geht mir zum wiederholten Male durch den Kopf, während ich allein auf weiter, mondbeglänzter Flur die Distanz zur nächsten Tränke überbrücke. Unterdessen übrigens in nur noch minimalem Gefälle. Einmal mehr sendet meine Blase allzu profane, die hehren Vorstellungen von Ruhm und Ehre verdrängende Signale. Zum x-ten Male am Straßenrand Erleichterung und weiter ... Vorgestern, am Ende der Streckenerkundung Kalamata-Sparta, machte ich Leonidas meine Aufwartung. Unmöglich seine Statue als reiner Tourist aufzusuchen und damit nichts weiter zu verbinden als ... als ... Was auch immer, jedenfalls nicht die von stundenlangem Leiden unauslöschlich in die Läuferseele tätowierten Erinnerungen des Ultraläufers. Unmöglich, ja schändlich wäre auch die Füße des Königs einfach so zu berühren. Ein Sakrileg, wenn es ohne Vorleistung geschieht. Ich betrachte mich schon als unverrückbar im Diesseits verhafteten Realisten, abhold jeder Form okkulter Schwärmerei. Aber dieser Ritus ist mir heilig. Nur im Wettkampf werde ich mir gestatten Leonidas’ Fuß zu berühren.

Die breite Straße legt Kurven in ein Tal. Keine allzu hohen Hänge und kaum Gefälle. Trotzdem komme ich zügig und nach wie vor wenig ermüdet voran. Ich habe aufgehört mich über meine gute Tagesform zu wundern, freue mich über die Tatsache an sich. Kilometer "70" steht in großen bleichen Lettern auf dem Asphalt. Halbe Strecke ungefähr, für die ich rund 8:45 Stunden brauchte. Ich schaffe es tatsächlich den üblichen Automatismus "Verdopplung" zu unterlassen. Zu abstrus käme mir das vor, angesichts des gewaltigen Aufstiegs, in den Leonidas mich hinter Sparta schicken wird ... Weiter nun auf breiter, brettflacher Straße, dem nächsten Checkpoint entgegen. Straßenlaternen in Höhe erster Häuser überstrahlen das Mondlicht. Hunde kläffen, vermutlich animiert und alarmiert von zwei Mitläufern, die ich stückweit voraus erkenne. Als plötzlich ein zotteliger Vierbeiner aus einer dunklen Grundstückseinfahrt gegenüber ins Licht tritt, dabei warnend, wohl auch ein wenig ängstlich, auf jeden Fall nicht sehr überzeugend bellt, wird mir bewusst, dass ich auf dem weiten Weg von Tripolis hierher nicht einem herrenlosen Hund begegnete. Und der da drüben gehört hierher, bewacht das Anwesen seines Besitzers. Das im spärlichen Licht erkennbare Halsband legt davon Zeugnis ab. Wo verstecken sich all die Streuner, die halbwilden, frei lebenden Straßenhunde, für die Griechenland eben auch steht?

Ich blinzele ins Laternenlicht und hoffe mich zu irren: Meine beiden Vorausläufer biegen vom ebenen, feinen Asphalt ab in einen wenig verlockend aussehenden, ansteigenden Seitenweg. Sekunden späte tue ich es ihnen gleich und weiß mein bisheriges "Asphaltglück" augenblicklich zu preisen. Jetzt, da ich über löchrige, rissige Reste von etwas voranrumpele, das einmal asphaltierte Straße war. Voran wie auf rohen Eiern und zum ersten Mal wieder mit Kopflicht, weil ich fürchte an einer der zahlreichen Schrunden hängenzubleiben. Einen Kilometer weit geht das so, dann erlösen mich besseres Geläuf im Dorf "Karavas" und Checkpoint 16 (Km 74,8)*. Trinken, leere Gelpäckchen entsorgen und rasch weiter, 2:05 Stunden vor Closing Time.

*) CP15 blieb unerwähnt, weil er auf offener Strecke und unbemannt eingerichtet war. Meine fällige Wasserration ließ ich mir trotzdem nicht entgehen.

23:15 Uhr. Eigentlich wollte ich schon eine Weile vor der Audienz bei König Leonidas die Gel-Frequenz erhöhen. Ob meine Absicht physiologisch Sinn ergibt, wüsste ich nicht gesichert zu belegen. Die Idee war meinen Blutkreislauf schon vor der Mördersteigung hinter Sparta mit Kohlenhydraten zu sättigen. Die Umstellung will ich zur vollen Stunde vornehmen, um beim 20-Minuten-Takt ohne Rechen- und Merkarbeit auszukommen. Rechnen, mehr noch Merken führt (selbst-) erfahrungsgemäß bei nachlassender Konzentration - also todsicher - zu Fehlern. Dagegen gelingt mir die Uhr im Auge zu behalten, mich bei xx:20, xx:40 sowie zur vollen Stunde zu füttern schon eher. 23 Uhr, kurz vor "Karavas", erschien mir als Beginn für die Futterumstellung dann doch zu früh. Warum, weiß ich nicht; ist nur so ein Gefühl. Und inneren Eingebungen zu folgen, war auf längsten Strecken noch meistens richtig. Also warten bis Mitternacht.

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1. Oktober 2016, gegen 17:20, Stadtrand von Sparta, CP74, Kilometer 244,4 des Spartathlons

"Die Straße hat nun kein Gefälle mehr. Ich überquere eine Brücke und halte auf den letzten Checkpoint in Höhe einer großen Kreuzung zu. Rote Matte, Zeitmessung und "Pfüüüt". Verwaister Stuhl im Schatten eines Baumes. Wieder setze ich mich demonstrativ hin. Ich "genieße" das letzte Gel, spüre, wie es in meinen Magen gleitet. Eines von weit über 100. Will auf den letzten zweieinhalb Kilometern keinen Schwächeanfall riskieren, unter gar keinen Umständen so kurz vorm Ziel und unter aller Augen das Leiden Christi demonstrieren. Spüle Wasser hinterher. Lasse mir Zeit. Und dann nehme ich die entscheidenden Vorbereitungen meines "Auftritts" vor: Ich entsorge die Windel* in den bereitstehenden Müllsack, befestige die Kappe am Gürtel und bringe meine Frisur in Ordnung. Schließlich stehe ich auf und überprüfe den Sitz meiner Klamotten. Weder werde ich maskiert, noch in irgendeiner Weise derangiert vor Leonidas auftauchen!

Ich verabschiede mich ausgesprochen herzlich von der Helferin, gehe über die Kreuzung, überrede mich zu Laufschritten und Sekunden später laufe ich tatsächlich ... nur leider nicht sehr weit. Ich könnte mit der Tatsache hadern, dass Sparta nicht in eine Ebene gebaut wurde. Das ist aber nun auch schon egal. Hundert Meter aufwärts gehe ich. Auf der Kuppe gebe ich mir ein weiteres Mal die Sporen und trabe. ..."

*) Die Windel trug ich unter der Kappe, an jedem CP mit Wasser getränkt, zur Kühlung und als Sonnenschutz für den Nacken.

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31. Oktober 2020, 23:45 Uhr, Stadtrand von Sparta, Kilometer 78,5 des Dromos Athanaton

In dieser Nacht erreiche ich Sparta über eine andere Straße, die just an ebenjener Stelle in die Spartathlon-Strecke mündet, wo ich damals den Zieleinlauf vorbereitete. Es ist nicht länger dunkel, heller Nachmittag in meinem Kopf. Kein anderes Lauferlebnis prägte sich meinen grauen Zellen so nachhaltig ein wie die letzten Minuten des größten Lauftriumphes. Da drüben vor den Bäumen saß ich eine Weile, erhob mich schließlich, nahm denselben Weg, in den ich jetzt einbiege ... Ich empfinde es als besonderes Geschenk dieser Nacht ein paar der letzten Meter der Spartathlonstrecke nach vier Jahren noch einmal beschreiten zu dürfen ...

Schritt um Schritt verblassen die Szenen von damals, es wird wieder dunkel um mich her. Ein Mittelstreifen halbiert die Straße, zusätzlich engen geparkte Fahrzeuge die Fahrbahnen ein. Kaum Verkehr kurz vor Mitternacht, trotzdem bin ich auf der Hut. Mehr mit den Füßen als mit den Augen wiedererkenne ich die Steigung, die mich damals zum Gehen zwang. Heute zeigen sich meine Beine irritiert, dass sie nicht fähig gewesen sein sollen dieses unscheinbare Hügelchen im Trab zu nehmen. Recht bald schicken mich die Dromos-Pfeile nach rechts. Früher als jene des Spartathlons. Wenn ich nicht falsch liege, dann steuere ich nun ohne Umweg Leonidas an ...

Immerzu aufwärts, moderat und mit wachsender Spannung. Gleich ist es so weit ... Ich schaue gebannt voraus, will keinen Moment der Annäherung verpassen. Mehrstöckige Gebäude um mich her, nächtliche Kneipengänger (?) auf dem Heimweg, die Gasse knickt unmerklich ab, und dann bemerke ich einen Menschenauflauf 50 Meter vor mir ... Noch ein paar Schritte, Blick nach halbrechts. Da steht er auf seinem Sockel, in stolzer Haltung, kampfbereit mit Schild und Schwert: König Leonidas. Bevor die hypnotische Kraft des Ritus mich vollends in ihren Bann schlägt, registriere ich gerade noch die Matte der Zeitmessung. Rasch drüber hinweg und dann gibt es kein Halten mehr: Ich vollziehe das ersehnte Ritual, lege meine Hand auf Leonidas’ Fuß!

Offensichtlich die Art von Szene, der der "Paparazzo" gerne seinen Nachtschlaf opfert. Huscht herbei, bringt sich in Stellung und hält des Königs und meine Zweisamkeit im Blitzlichtgewitter fest. Randnotiz, die ich im Augenwinkel wahrnehme; hurtig, bevor ich mich ihm zuwenden könnte, verschmilzt der Mann mit der Masse der Umstehenden. Zu dumm, wie komme ich jetzt an ein Erinnerungsfoto? Ich bitte einen der Zaungäste die Szene mit meiner Kamera festzuhalten. Zwei Fotos entstehen, wirklich zufrieden bin ich mit keinem. Das erste ohne Blitz durchtrennt des Königs Beine auf Kniehöhe. Auf dem zweiten mit Blitz bildet sich nur die grell reflektierende Warnweste ab. - Ein letzter Blick zum König, dann kehre ich dem Denkmal den Rücken und ... gucke ein bisschen irritiert umher. In welcher Richtung geht’s weiter? Ich wende mich an den Nächststehenden und der zeigt in Richtung Stadtmitte; weist mich ungefragt und dankenswerterweise auf die Tränke hin: Im Erdgeschoss eines Rohbaues, der schon vor vier Jahren in exakt demselben Zustand war wie jetzt. Unter Leonidas’ Einfluss hätte ich glatt verschwitzt, dass zu einem Checkpoint (CP17, "Sparta", Km 80) auch eine Tränke gehört!

Autofahrer und Läufer leben in verschiedenen Welten - Closing Time 02:00 Uhr minus Ist-Zeit 23:53 Uhr ... meine Zeitreserve blieb mit 2:07 Stunden nahezu unverändert. Verständlich, bedenkt man die Dauer der königlichen Audienz. Drei Gehschritte, dann falle ich auf dem Boulevard Richtung Zentrum in gemächlichen Trab, werde nach und nach schneller. Einmal mehr schicken mich meine Gedanken auf eine Zeitreise: Es waren die letzten köstlichen Minuten des Spartathlons, die ich jetzt in Gegenrichtung zurücklege. Dort drüben, jenseits des von Palmen bestandenen Mittelstreifens, von Kindern und dem Beifall der Passanten begleitet, ein Triumphzug ohnegleichen ... Auch in dieser Nacht bleibt mein Auftritt nicht unbemerkt: Plötzlicher Applaus hier, zuvorkommende Wegweisung eines Passanten dort. Mit Handzeichen und gehauchtem "Efcharistó" statte ich meinen Dank ab. Mehr als Hauchen geht grad nicht, weil ich nach 90°-Richtungswechsel und stadtauswärts eine stetig steiler werdende Rampe nehme. Offensichtlich hat der Killeranstieg, ungefähr 1.200 Höhenmeter beinahe non-stop, schon begonnen ... Merkwürdig, anlässlich unserer Erkundungsfahrt hatte ich diesen markanten Anstieg nicht bemerkt!?

Sparta mag berühmt sein, ist aber Kleinstadt geblieben. Kleiner als zum Beispiel Tripolis oder mein Ziel Kalamata. Nur Minuten später trabe ich bereits jenseits des Stadtrandes, inmitten eines plantagenartigen Grünstreifens, der Sparta auf dieser Seite umgibt. Das Mondlicht hat hier keine Chance, dafür erhellen Laternen meinen Weg. Übergangslos kommt mir die Umgebung vertraut vor. Das ist doch ... ? Tatsächlich: Rechts der Straße identifiziere ich den Parkplatz und drüben, in tiefem Dunkel liegend, das Restaurant samt riesigem Gastgarten, in dem sich der gesamte Spartathlon-Tross - Offizielle, Läufer, Supporter, mehrere hundert Menschen - am Tag nach dem Zieleinlauf das traditionelle, auf Einladung des Bürgermeisters von Sparta gereichte Mahl schmecken ließ. Wunderbare Erinnerungen, doch warum erkannte ich den Ort nicht schon vorgestern, als wir hier vorbeifuhren?

Unablässig sanft hinan ... Pünktlich um 0:20 Uhr "genieße" ich das erste Gel der neuen "Zeitrechnung". Weiter aufwärts, nun mit erhöhtem Kraftaufwand. Und wenig später komme ich nicht umhin Tempo rauszunehmen, weil der Anstieg fordernder wird. Ich blicke voraus, erkenne zwei Läufer vor mir, beide gehen. Gehen geht nicht, nicht für mich. Ich empfände es als Demütigung. Gehen hätte das vorläufige Ende meiner blendenden Laune zur Folge. Irgendwann "weiter da oben" werde ich gehen müssen, daran besteht weiterhin kein Zweifel. Doch so lange ich zu laufen ohne Gefahr fürs Finish verantworten kann und die Kraft dafür habe, werde ich keinen verdammten Meter gehen.

Aufwärts, immer weiter aufwärts. Erträgliche Steigung. Der Punkt ist, dass ich etwas völlig anderes in Erinnerung habe. Auf Sparta zufahrend freute ich mich einerseits über diese "nahezu flache" Passage, fügte gedanklich allerdings Bedenken an: Damit verkürzt sich der Abschnitt "Killersteigung" hoch zum Pass auf etwa 21 Kilometer, die dafür umso heftiger ausfallen werden. Und nun doch schon Steigung ... Autofahrer und Läufer leben in verschiedenen Welten, zumindest was ihre Wahrnehmung angeht!

Mysteriöses Mystras - Noch 55 Kilometer bis Kalamata, die ich abgesehen von zwei Schlusskilometern im Zentrum bereits komplett bei Tageslicht schauen durfte. Folglich kenne ich alle Höhepunkte und Herausforderungen, die mich in den kommenden Stunden "unterhalten" werden. Meine nächste Zwischenstation wird Mystras sein (CP18, Km 85,7). Erst das neue, pittoreske Dörfchen am Fuß des Taygetos-Gebirges und vielleicht zwei Straßenkilometer später, weiter oben in die Bergflanke gebaut, die gleichnamige Ruinenstadt aus dem Mittelalter. Mystras - das klingt mystisch und mysteriös. Leider hatten wir nicht die Zeit, um das Weltkulturerbe Mystras, in byzantinischer Zeit eine bedeutende Stadt in der östlichen Hemisphäre, zu besichtigen. Und im Dunkeln wird von den Resten der einstigen Metropole so gut wie nichts zu sehen sein. Oder vielleicht doch? Meine Fantasie erblickt gerade "ruinöses Mauerwerk", von starken Strahlern der umgebenden Finsternis entrissen. Bin gespannt und ein bisschen Spannung wird mir den Aufstieg dorthin erleichtern.

Doch zunächst nähere ich mich dem wirklich hübschen Dorfplatz des neuen Mystras, in Übereinstimmung mit meiner zwei Tage alten Erinnerung: Folge der steilen Zufahrtsstraße und halte auf eine Taverne am Rand des Dorfplatzes zu. Unter deren Vordach, wo wir vorgestern einen Imbiss zu uns nahmen, hat man heute den Checkpoint eingerichtet. Ich begnüge mich mit einem flüchtigen Rundblick, vor allem den prächtigen, uralten Ahornbaum streifend, dessen gewaltige Krone einen Großteil der "Plateia" beschirmt. Alles malerisch, zum Verweilen einladend, doch ich habe Wichtigeres zu tun: Drop Bag finden, aufbrechen und 12 Gelpäckchen in Windeseile im Rucksack verstauen. Dass mir das tatsächlich in ein bis zwei Minuten gelingt, stimmt mich optimistisch. Noch bin ich Herr meiner Sinne und feinmotorischen Fähigkeiten. Bereits eingetretene Erschöpfung (teils auch deren Vorboten) vermag ich stoisch dahin trottend nur schwer auszumachen. Sie offenbaren sich dafür schonungslos beim Hantieren, das mir dann von Mal zu Mal schwerer fällt. Derzeit, nach immerhin fast 11 Stunden und 85 Kilometern, gehorchen mir meine oberen Extremitäten noch ohne Trägheit und fehlerlos.

Gel eingepackt, Startnummer am Checkpoint registriert, Wasser getrunken und weiter. Zeitcheck: Closing Time: 2:50 Uhr; Ist-Zeit: 0:47 Uhr. Sollte mich beunruhigen, dass ich von Sparta hierher ein paar Minuten meines Guthabens einbüßte? Mal zum Ende hin gerechnet: Mir bleiben bis heute Nachmittag 14 Uhr noch gut 13 Stunden. 13 Stunden für 55 Kilometer ... selbst wenn ich keinen Meter mehr laufe, den Rest zügig "erwandere" bin ich noch deutlich vorm Cut-Off im Ziel! Und damit stellt sich mir wie schon anlässlich Spartathlon und Olympian Race die Frage: Warum legt man auf der ersten Hälfte der Strecke die Messlatte der "Closing Times" in solche Höhen? Räumt danach dann von Punkt zu Punkt viel mehr Zeit ein? Dieses Rätsel glaubte ich schon beim Spartathlon entschlüsselt zu haben: Schuld ist das Gros der Ultraläufer, also wir selbst! Weil die Mehrzahl losstürmt als wollte sie das ferne Ziel in neuer Bestmarke erobern, dafür jedoch nicht mal halbwegs ausreichend trainiert ist. Als Konsequenz erleiden viele schon zur Hälfte oder danach einen gewaltigen Tempoeinbruch. Und genau dieser Erscheinung ruinöser Wettkampfeinteilung mit viel zu hohem Anfangstempo tragen die Closing Times Rechnung. Beim Spartathlon kostet die "DNF-Panik" viele das Finish. Von engen Closing Times angetrieben lassen sie sich zu suizidaler Anfangs-Pace verleiten und müssen Stunden später entkräftet aufgeben. Hier beim Dromos Athanaton sehe ich das entspannt, betrachte 24 Stunden bis Zielschluss als hinreichend komfortables Zeitpolster.

Beim "entspannten Restart" eilt der Blick voraus, fasst bereits den nächsten, von Spotlights dem dörflichen Dunkel entrissenen Haltepunkt ins Auge. Nicht mal eine Minute, dann stehe ich vorm Denkmal von Konstantinos Palaiologos. Fotografisch mache ich dem dritten Unsterblichen auf der Straße der Unsterblichen meine Aufwartung und weiß rein gar nichts über diese Person der Zeitgeschichte. Nicht einmal der Name ist mir in diesem Moment geläufig. Wie so oft nehme ich mir vor alles Wissenswerte daheim zu recherchieren.*

*) Konstantinos XI. Palaiologos wurde im mittelalterlichen Mystras (oben in der Ruinenstadt) als letzter (!) byzantinischer Kaiser gekrönt und starb 1453 bei der Verteidigung Konstantinopels. Ein bisschen mysteriöse Spannung gefällig? Dann solltest du dir den Wikipedia-Artikel zu Konstantin XI. nicht entgehen lassen!

Wie steil ist steil? - Steter, langsamer Schritt bergauf, autarker, unablässig aus sich selbst heraus kopierter Bewegungsablauf unterhalb der Ebene bewussten Wollens. Auf gutem, im Mondlicht bis zur nächsten Kurve einsehbarem Asphalt kann ich es mir leisten den Blick ständig zwischen Berg und Tal schweifen zu lassen. Während in der dunklen Bergflanke zu meinem Leidwesen nichts zu sehen ist - eben auch keine von Scheinwerfern angestrahlte Ruinenstadt -, lohnt sich der Blick in die weite Talwanne rechts von mir. Ein aus abertausend Lichtpunkten zusammengesetztes Mosaik: Sparta. Mein zeitraubender Versuch das eindrucksvolle Lichtermeer im Bild festzuhalten scheitert kläglich.

Zu einem nicht unerheblichen Teil wird das Handeln eines Menschen von seinen Erfahrungen gelenkt. Und meine Erfahrung auf überlangen Ultrastrecken ist geprägt vom unschönen Erlebnis einer Steigung, die den Spartathlon-Debütanten nach 155 getrabten Kilometern erstmals zum Gehen zwang. In einer Steigung, die ich zuvor, aus dem Auto heraus, mit den Prädikaten "absolut harmlos" und "laufbar" bewertet hatte.* Der heutige Anstieg ließ mich beginnend oben am Pass mit jedem abwärts gefahrenen Kilometer stiller werden. Fortwährendes Bremsen transformierte Respekt in Bedenken, zuletzt in jene Furcht, die mich gestern vorm Lauf gefangen hielt: Endlos lang und verdammt steil. Unter diesem Eindruck wappnete ich mich mental, erwartete hinter Mystras nichts weniger als den Beginn einer Tortur, die mich alsbald in die Knie zwingen würde ...

*) Für Eingeweihte: Straße zwischen "Kaparelli" und "Mountain Base".

Nun liegt Mystras schon bald zwei Kilometer hinter mir. Abschnittsweise forderte mich das Straßenprofil durchaus. Doch nirgends so vehement, dass ich auch nur erwogen hätte zu gehen. Langsam traben blieb und bleibt kräftemäßig eindeutig unterm Limit. Wo mein Limit heute liegt, weiß ich nicht, würde aber spüren, wenn ich mich überforderte. Und wieder bin ich überrascht. Entweder entspricht mein vorgestriger Eindruck - "granatensteil" - einer Fehleinschätzung oder ich bin heute in einer Weise gut drauf, die ich mir nicht erklären kann. Im Moment tippe ich auf Letzteres, weil das auch erklärte, wieso ich von Beginn an leichtfüßig und bis hierher ohne jedes Problem unterwegs war ... Aber ich bleibe auf der Hut, gebe den "mentalen Schild" nicht aus der Hand: Höchstwahrscheinlich wird’s weiter oben steiler, dann werde ich infolge Entkräftung gehen müssen!

Kehre um Kehre, Minute um Minute. Genug Mondlicht, Stimmung bestens. Ich trotte vor mich hin und lasse meinen Gedanken die Zügel schießen. Worüber ich nachsinne? Weiß nicht mehr. Alles und nichts. Eine überaus dankbare Würdigung der wolkenfreien, hellen Vollmondnacht war aber bestimmt dabei. Wieso habe ich "Laufen im Dunklen" so noch nie erlebt? Sehend, mental stabil, mich nahezu freudig bewegt bewegend?

Laternenlicht schimmert durch die Bäume, kurz darauf ein paar Häuser, kaum mehr als eine Handvoll, schließlich der nächste Checkpoint (CP19, "Pikoulianika", Km 89,5). Ein Helfer harrt mutterseelenallein in Kälte und Dunkelheit aus. Ich trinke, entsorge mein "Leergut", bedanke mich und streife im Abgang die "Closing Time" mit einem Blick: 3:50 Uhr. Minus Istzeit (1:29 Uhr) ein Guthaben von nun schon 2:31 Stunden. Oder anders ausgedrückt: Auf den 3,8 km von Mystras hier rauf habe ich fast eine halbe Stunde Zeit auf den Cut-Off gutgemacht!

Verschnaufpause - Lastwechsel: Auf mäßig abschüssiger Chaussee gut zwei Kilometer und wirklich zum letzten Mal vorm Pass talwärts. Kontrolle per Laufgefühl, ich lasse "es" laufen. Nicht zu schnell, um mich - in kurzen Intervallen Gel nachtankend - erholen zu können. Schrittlänge? Nicht denken, nur laufen! "Es" hat alles im Griff. Nicht einmal jetzt, nach mehr als 90 Kilometern, mahnen Beschwerden Zurückhaltung an. Das verstehe wer will. Gab sich mein Bewegungsapparat in letzter (Trainings-) Zeit nicht oft mimosenhaft und launisch? Heute scheint er unverwüstlich, robust wie in früheren Tagen.

Rascher Geländegewinn, alsbald erreiche ich das nächste im Tiefschlaf begriffene Dorf, biege auf die von Sparta kommende Hauptstraße ein und stehe auch schon vorm nächsten Checkpoint (CP20, "Trypi", Km 92,4). Dasselbe Bild wie vorhin: Ein einsamer Mann, der in nächtlicher Kälte die Stellung hält. Wieso auch nicht: Der in Tripolis entsandte "Ultraschwarm" zerfiel in lauter Einzelkämpfer. Lange her, dass ich einer Ultraseele "on the road" begegnet wäre. Und auch hier, an der nur Campingtisch-großen Tränke, gilt mir des Helfers ungeteilte Aufmerksamkeit. Wieder beeile ich mich, trinke, achte peinlich genau darauf die mir erwiesene Gunst mit einem freundlichen "Efcharistó" zu lohnen und bin auch schon weg ... Aktueller Abstand zur Closing Time: 2:40 Stunden.

Der Berg das Alter und ich - Ein paar flache Meter noch in Trypi. Obschon sich objektiv betrachtet nichts verändert verstärkt sich hinterm letzten Haus, hinter der letzten Straßenlaterne, das Empfinden völlig auf mich allein gestellt zu sein. Das Asphaltband unter meinen Füßen gilt mir als einzige, allerdings verlässliche Verbindung mit der "Zivilisation". Ansonsten nur noch Landschaft, zunehmend wildere Natur. Von der Erkundung her weiß ich mich jetzt in der Flanke einer immer enger werdenden, weiter oben auch felsigen Schlucht. Die verbleibenden Höhenmeter blende ich bewusst aus. Nichts stelle ich mir grausamer vor, als um Atem und Kraft ringend, hundertfach auf den in Unbeweglichkeit ersterbenden Höhenmesser zu starren. Noch etwa 13 Kilometer bis zur Passhöhe. Auch den Kilometerzähler hat eine dauerhafte, dem Gelände entsprechende Lähmung befallen, doch damit kann ich umgehen ...

... denn ich spüre und sehe, dass ich vorankomme. Sehr langsam aber immer noch im Laufschritt! Steileren Abschnitten begegne ich mit Schrittverkürzung. Bisherige Anstiege aufaddiert dürften schon über 1.000 Höhenmeter zusammenkommen. Dem Gefühl noch immer nicht grenzwertig gefordert zu sein kann ich nicht anders als fassungslos begegnen. Und es spürt sich an, als sollte das bis ganz oben zur Passhöhe so bleiben. Wieso das so ist, müsste ich selbst am besten wissen. Aber ganz ehrlich: Ich kann es mir nicht erklären! Denn ...

... hinter mir liegen Monate voller Selbstzweifel. Angestoßen von zwei deprimierenden Erfahrungen im Sommer 2019: Krasses Scheitern beim 24-Stundenlauf von Dettenhausen als ich nach 60 Kilometern abbrach. Danach die 100 Meilen von Berlin: Läuferisches Siechtum über Stunden, nicht enden wollende Quälerei bis ins Ziel. Zwei Nackenschläge, die ich - rückblickend bin ich sicher - mental bis heute nicht überwand. Die darauf folgenden Monate bis in die von Covid-19 regierte Zeit waren beinahe ausschließlich von Wettkampf- und Trainingserlebnissen geprägt, die das baldige Ende meiner "Karriere" als Längststreckenläufer einzuläuten schienen. Als hätte mein Körper in unverhältnismäßig kurzer Zeit an Fähigkeit Ausdauer zu kumulieren und zu bewahren eingebüßt. Mit 66 Jahren eine natürliche Entwicklung, stellte ich resignierend fest und schlussfolgerte: Als Läufer musst du lernen mit rapidem Leistungsverfall physisch wie psychisch klarzukommen. Das ist die entscheidende Leistung, die das Älterwerden dir abverlangt, wenn du weiter Ultra laufen willst.

Dies umso mehr, als ich nach dem üblichen Rettungsring zur Verlängerung der "Ultralebenserwartung" nicht greifen werde. Schwindende Laufreichweite durch mehr Gehpassagen auszugleichen kommt für mich nicht in Frage. Selbstverständlich ein legitimes Mittel für alle, nur eben nicht für mich. Ich will nicht gehen. Gehenmüssen empfinde ich als Demütigung. Es schmeckt nach Niederlage, ver-leide-t mir die Lauf-leide-nschaft. Immer schon. Das ist keine elitäre Marotte, ich habe mir das nicht ausgesucht.

Am Ende dieses ausschweifenden Vortrages zu meinem angejahrten Läufer-Ich wird der geneigte Leser eher verstehen, wie leicht mir ums Herz ist, obschon dieses Organ gerade Schwerarbeit leistet. Ich bin auf freudige Weise total perplex. Wenn es nicht zu obszön klänge und mich der Anstieg weniger heftig forderte, ich verstiege mich zur Formulierung dieses Bergauftraben zu genießen. Doch, durchaus, ein Teil von mir genießt es. Weil ich ein alter Sack bin, nicht optimal vorbereitet, so viele Tritte in den Hintern auf dem Weg zum "Dromos" einstecken musste und nun - Hurra! Hurra! - auf dieser endlosen Rampe immer noch aufwärts tippele. Wenn du wüsstest, was mir das bedeutet!

Mondgottheiten - Also weiter traben, hinan, seit Stunden in totaler Selbstverständlichkeit mit ausgeschalteter Stirnlampe. Tatsächlich ließ mich die Mondgöttin meine Stirnlampe fast vergessen. Fast, denn unterdessen drückt das Halteband an der Stirn. Nach zweimaligem Weiterstellen und einer Vierteldrehung der Mütze (Stoffnaht zur Schläfe hin drehen) ist das Problem behoben. Meinen Trab unterbreche ich dafür nicht und das von Selene entsandte Licht reicht zum Hantieren. - Du kennst Selene nicht? Ich gebe zu: Auch mir war die Dame bislang fremd. Nur konnte ich mir nicht vorstellen, dass antike Griechen ein so beeindruckendes Schauspiel wie den Vollmond in wolkenloser mediterraner Nacht rein himmelsmechanisch erklären würden und recherchierte: Tatsächlich kümmerten sich sogar vier Göttinnen der griechischen Mythologie um das Schicksal der Mondscheibe: Artemis, Danaë, Kallisto und Selene.

Die Schlucht, der Wind und ich - Kurz nach 2 Uhr morgens. Die Welt schläft, von ein paar wie verirrt wirkenden, bergauf stolpernden Spinnern und dem zu ihrer Betreuung aufgebotenen Tross abgesehen. Auch der Wind schläft. So fühlt es sich für mich an, was aber auch meiner bis auf Gesichts- und Kniepartie geschlossenen Montur geschuldet sein kann. Allerdings: Der Wind hat einen unruhigen Schlaf, schreckt gelegentlich aus Träumen auf, schlafwandelt mit unvermittelter Bö. Gut verpackt laufe ich nicht Gefahr auszukühlen, zumal bergwärts gerichtete Beinarbeit genügend Wärme produziert. Wie kalt es hier oben im Windkanal der Schlucht tatsächlich ist unterstreicht die Tatsache seltener Schweißtropfen auf Stirn oder Schläfen. Auch unter winddichter Jacke bleiben die gewohnten Rinnsale von Schweiß weitgehend aus. Alles in allem überaus erträgliche Umstände, die mein Vorhaben begünstigen. So denke ich tatsächlich, entgegen meiner sonstigen Natur. Udo liebt es spärlich bekleidet, umschmeichelt von Wärme und Sonnenlicht zu joggen. Ausstaffiert wie eine Karikatur des Michelin-Männchens, unterwegs in Kälte und Dunkelheit, nörgelt er missgelaunt rum. Normalerweise, heute zu eigenem Erstaunen nicht. Es hat den Anschein, als erfände der Kerl sich als Läufer gerade neu ...

Udo (fast) allein unterwegs - Ich hab’ mich schon verlorener gefühlt als hier im menschenleeren Taygetos-Gebirge. Mit Schaudern denke ich an die Nacht im Wald, auf dem Kölnpfad, als ich verirrt im Kreise lief. Damaliges Erschrecken in relativer Nachbarschaft zu dicht bevölkerten Kölner Außenbezirken war objektiv grundlos. Vergleichsweise renne ich hier und jetzt am Ende der Welt, dafür sicher geführt vom Band der einzigen Straße. Markierungen? Überflüssig! - Der in den ersten Stunden lebhafte Verkehr von Supporter-Cars kam fast zum Erliegen. Nur hin und wieder, in Abständen, die sich gefühlt auf halbe Stunden dehnen, tuckert einer im Schneckentempo vorbei. Gleichermaßen selten laufe ich zu Mitläufern auf. Alle gehen. Wann wurde ich das letzte Mal überholt? Stunden her, das muss irgendwo weit vor Sparta gewesen sein.

Eine Kehre: Kurz, mit maximaler Schrittverkürzung kämpfe ich an der Innenseite der Kurve gegen erhöhte Neigung. Wieder flacherer Asphalt und raumgreifender voran. Was ist das? Auf talseitigem Haltestreifen steht ein Auto, darin unverkennbar ein Mensch. Ein paar Meter vor dem Fahrzeug ein Stapel in Folie verpackter Getränke. Ein Mehrflaschenpack ist aufgebrochen, diverse Behältnisse liegen herum. Da die Labsal ohne Tisch und ohne das übliche Plakat mit Infos dargeboten wird, dauert es eine Weile bis ich be- und zugreife. Offenbar stehe ich vorm nächsten Checkpoint (CP21, "Taygetos Uphills", Km 94,6). Achtung Spurensicherung: An einer zu etwa zwei Dritteln geleerten, neben dem Stapel hinterlassenen Wasserflasche haften nun die Fingerabdrücke meiner rechten Hand (die linke blieb im Handschuh). Weiter aufwärts und nach wenigen hundert Metern lese ich in gewohnt ausladender Malweise "95" auf dem Asphalt.

Sein und Schein - Ich steuere ein Zwischenziel an. Eins ohne Relevanz für den finalen Erfolg, wie etwa der Pass im Dunkel über mir oder die nächsten Checkpoints. Eins aus Menschenhand aber nicht weniger spektakulär wie die umgebende Natur, aus der es entstand. Die Rede ist von einer Serie in den Fels geschlagener Überhänge und Tunnels, Raum für die Straße. Mich heute aus der Gegenrichtung, bergan und viel langsamer anpirschend, unterschätzte ich allerdings die Distanz bis zur felsigen Attraktion. Kurve um Kurve, Kilometer um Kilometer und immer noch kein Überhang, kein Schlund im Gestein.

Mit erwartungsvollen, offenen Sinnen bewege ich mich vorwärts. Meine nahezu lautlosen Schritte blendet das Bewusstsein aus. Der Ruf eines Waldkauzes durchbricht die Stille. Klar und deutlich von weit her und nicht zum ersten Mal. Ich höre Natur um mich her, rieche sie, erkenne ihre Konturen im Mondlicht. Ein Gefühl der Zufriedenheit, in gewisser Weise auch von Angekommensein durchzieht mich. Und das, obwohl ich mich ruhelos bewege und ein Läufer doch erst ankommt, wenn er sein Ziel erreicht*. Ich hörte von nächtlichen Halluzinationen, die erschöpfte Läufer heimsuchten. Eine Erscheinung, die mir fremd ist und auch dies alles um mich her ist real. Sind auch die zwei Schemen dort vorne, von einer zur anderen Seite der Straße huschend, real? Leichtes Erschrecken lässt mich unwillkürlich den Einschaltknopf meiner Lampe ertasten. Spontaner Gedanke entsprechend Größe und Bewegungsmuster: zwei Hunde. Und streunende Hund könnten eine Gefahr bedeuten. Rasch verwerfe ich die Idee. Straßenhunde leben von Abfällen und dem, was ihnen tierliebe Menschen manchmal zukommen lassen. Hier draußen leben jedoch, wenn überhaupt, nur Einsiedler und Hirten. Wenn nicht Hunde, was war es dann? Habe ich überhaupt etwas gesehen oder es mir nur eingebildet? Ich denke nicht. Nie, auch nicht im Zustand völliger Erschöpfung, gaukelte mein Geist mir Geisterbilder vor. Allenfalls Formen, Bewegungen, die ich falsch interpretierte. Bewegte sich da vielleicht ein großer Ast im Wind? Kann nicht sein, was sich da bewegte hatte Bodenberührung und überquerte die Straße. Kam aus dem Dunkel und floh ins Dunkel. Ich kann meine Funzel hin und her schwenken wie ich will. Was immer es war, Büsche und Bäume verbergen es vor mir ...

*) Und selbst dieses "Ankommen" hat nichts Fixes. Wären wir wirklich angekommen, wozu sollten wir dann an einem der folgenden Tage erneut zum nächsten Lauf aufbrechen? In diesem Sinne sind Läufer Menschen, die nie wirklich ankommen.

Die Lampe ist wieder aus. Inzwischen bin ich sicher mit der Akkuladung der ersten Lampe auszukommen. Nutze sie nur für Sekunden, wenn der Mondschatten hoher Bäume oder aufragender Felswände die Straße in undurchdringliches Dunkel taucht. In solchen Zonen aber verlässlich jedes Mal! Auf Erkundungsfahrt talwärts umkurvte ich mehrmals Steine, auch von abgehenden Felsbrocken im Asphalt hinterlassene Löcher. Darauf oder darein zu treten ließe mich straucheln. Und mich bei einem Sturz zu verletzen wäre wohl das einzige, was mir den Sieg beim Dromos Athanaton noch streitig machen könnte! Nur ein paar Kilometer unterhalb der Passhöhe, vielleicht noch 45 Kilometer bis Kalamata und satte 9 Stunden Zeitvorrat. Ich trabe immer noch und es sieht auch nicht danach aus, als müsste ich die Gangart demnächst ändern. Schon seit geraumer Zeit hege ich an einem Erfolg keinen Zweifel mehr. Spannend bleibt allein die Frage, wie lange vor Cut-Off ich das Ende der Straße der Unsterblichen erreichen werde.

Kaum mehr als zehn Meter voraus klafft das schwarze Maul des ersten Überhangs im minimal helleren Fels. Ich bleibe kurz stehen, ziehe die klobigen Handschuhe aus und krame in der Tiefe der Rucksacktasche nach der vor Stunden dort verstauten Kamera. Wie befürchtet fängt der lichtschwache Blitz von den gewaltigen Felsdächern und einem S-förmig in den Berg getriebenen Tunnel nur unzulängliche Bilder ein. Das Eindrucksvolle der Straßenführung geht dabei großenteils verloren. Wohl auch, weil jäher Absturz und Wildheit der umgebenden Schlucht die kolossale Arbeit von Mineuren und Straßenbauern des nachts nicht unterstreichen können.

Verpuppt - Kurz nach 3 Uhr morgens. Ich zähle die Zeit nicht in Minuten, auch nicht in Viertelstunden; mein Maß sind Stundendrittel zwischen zwei Gels. Unmengen von Gel im Bauch sorgten schleichend für ... Unwohlsein wäre übertrieben formuliert, wohl eher eine Vorstufe davon. In diesem Augenblick passiere ich die in fast voller Straßenbreite gepinselte "100". Also noch gut fünf Kilometer bis zum Pass, etwa eine Stunde. Und nicht mal mehr ein Marathon bis ins Ziel. Beide Überlegungen plus Furcht mir einen verkorksten Verdauungstrakt einzufangen münden in einen Entschluss: Ab jetzt wieder Halbstunden-Intervalle für die Gels. Schwäche fürchte ich nicht. Es fühlt sich einfach nicht danach an, als könnten 100 kcal mehr in der verbleibenden Stunde bis "da oben" einen Unterschied machen. Überhaupt bin ich mit der Festigkeit der Felsen um mich her davon überzeugt keinen der Restmeter bis zum Pass gehen zu müssen.

Ein paar Kurven weiter stoße ich auf Checkpoint 22, ("Panagitsa", Km 100,7). Ein opulent mit Speis und Trank gedeckter Tisch am Straßenrand, buchstäblich "in the middle of nowhere". Daneben die offene Heckklappe eines Kombis; auf dessen Ladefläche regungslos hingestreckt zwei Läufer, einer auf dem Rücken, der andere auf der Seite in angedeuteter Fötushaltung. In Kälteschutzfolie gehüllt wirken sie wie riesige, verpuppte Insekten. Vermutlich wird es noch dauern, bis sie ihre goldene Hülle sprengen, sich räkeln und ihre "Flügel" entfalten. Oder schlimmer: Infolge "Akku leer" geht gar nichts mehr und im Morgengrauen wird der Besen-Bus die Reste vormals stolzer Ultras einsammeln. Will ich mir gar nicht ausmalen, nicht mal als Fremdschicksal.

Erstens dauert’s länger, zweitens als man denkt ... - Um 3:17 Uhr, 2:53 Stunden vor Closing Time, entbiete ich dem Helfer mein dankbares "Efcharistó". Ein letzter, scheuer Blick streift verpupptes Elend, dann wende mich ab und falle wieder in den seit Stunden praktizierten Trott. Sehr positiv aufgeladen übrigens, der Konfrontation mit potenziellem Scheitern zum Trotz: ‚Bald bin ich oben! Bald!’ Klar ausformulierte, belebende Gedanken, die mich mit Vorfreude überziehen. Zugleich ein Mantra, das ich in der Folge häufiger wiederholen werde als ich derzeit ahne ...

Hohe Bäume beidseits der Straße lassen kein Mondlicht durch. Schon kurz nach Verlassen des Checkpoints schaltete ich sicherheitshalber meine Lampe ein. Der Schlucht entstieg ich irgendwann vorm letzten Checkpoint, strebe seitdem einem Joch in der Kammlinie des Taygetos-Gebirges zu. Immer wieder schicke ich Blicke bergwärts, suche den tiefsten Einschnitt im Gelände, denn mutmaßlich dort muss ich hin. Am dunklen, bewaldeten Hang mache ich ein paar versprengte, stationäre Lichtpunkte aus. Einsame Anwesen nahe Straße und Pass? Muss ich dorthin? Liegt noch verdammt weit oben ... Mit der nächsten Kurve wendet sich die Straße ab, die Lichter wandern aus. Erfreut wähne ich mich in Passnähe, die Lichter weit abseits davon. Nächste Kurve, weiter empor, wieder auf die Lichtpunkte zu. ‚Bald bin ich oben! Bald!’ ... Unmöglich abzuschätzen wie weit ich noch laufen muss. Durch mein Gedächtnis irrlichtert eine "105", an die genaue Kilometerangabe des Checkpoints erinnere ich mich nicht. Aus dem Wunsch endlich oben anzukommen wird heftiges Sehnen. Unmut verdrängt nach und nach die bisherige heitere Gelassenheit. Der Anstieg war anstrengend aber doch um eine Potenz leichter zu bewältigen als befürchtet. Und nun plötzlich setzt er mir heftig zu ... Folge meiner Ungeduld, einsetzender Ermüdung oder mehr Steigung auf diesem Abschnitt?

Bitte verschweigt meinen Enkelinnen, was Opa für Wörter kennt! - Erneut eine Kehre, nächste Rampe ... Vom Pass abwärts steuerte ich das Auto in eine lang gezogene Linkskurve ... also finde ich den Pass bestimmt hinter der nächsten Rechtskurve! Ganz bestimmt sogar, denn gerade tippele ich an der "105" vorbei. ‚Bald bin ich oben! Bald!’ ... Hinter der nächsten Kurve finde ich ... noch mehr ansteigende Straße. Zudem voraus - schemenhaft aber unverkennbar auszumachen - eine Linkskurve. Klares Indiz, dass mein Flehen nach Erlösung dahinter nicht erhört werden wird. Ich reagiere wie ich immer reagiere, wenn die Qual kein Ende zu nehmen scheint: Lautlos schimpfen, weiter kämpfen. Von ernsten Zweifeln oder gar Mutlosigkeit ist keine Spur in mir. Dafür wurde ich ultralaufend zu oft und über viel längere Zeiträume durch die Mangel gedreht. Meine physische Stabilität ist nicht bedroht, die mentale erst recht nicht. Schimpftiraden ohne wirklichen Adressaten sind mir bewährtes Werkzeug, um mit Härten klarzukommen. Mehr noch: Oft konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, als strömten sich entladende Emotionen unmittelbar als Antriebsenergie in meine Beine.

‚Es reicht! Echt jetzt! Hat der Drecksberg denn nie ein Ende! Verdammte Sch...!’ - Die nächsten hundert Schritte, die nächste Kurve, ... weiter, immer weiter. Kein Blick zum Kilometerzähler, der verarscht mich sowieso. Auch kein "Bald bin ich oben!" mehr. Knurren und Murren: Wann endlich bin ich am Pass? - Rechtskurve voraus, ich lasse Hoffnung zu, mustere das Gelände ... Erste Anzeichen von Wiedererkennen, dann ausgangs der Kurve ein erwartungsvoller Blick voraus und ... endlich Licht, endlich der ersehnte Checkpoint, endlich oben!

Never change a running system? - Checkpoint 23, "Touristiko", Kilometer 106,7: Alles unbeherrscht Motzige in mir fällt augenblicklich in sich zusammen, macht auf den letzten Metern vorm Checkpoint witterungstaktischem Erwägen Platz: Bekleidung wechseln oder nicht? Wenn ja, in welchem Umfang? Mit dem, was in meinem Drop Bag steckt, könnte ich mich komplett neu, vor allem trocken und wärmer einkleiden ... Noch unentschlossen laufe ich Natascha in die Arme. Ich teile meine Überlegungen mit ihr, weiß zugleich, dass ich selbst entscheiden muss, was zu tun ist. Angesichts gelegentlicher, böiger Fallwinde war ich sicher hier oben am Kamm eine heftige Brise vorzufinden. Stattdessen herrscht Windstille. Und warm ist mir vom Aufstieg auch. Länger verweilen mit der Gefahr auszukühlen werde ich auch nicht. Zumindest zur wärmeren Jacke zu wechseln schien mir eben noch geboten. Nun zweifele ich ... Vielleicht doch dem der Datentechnik entlehnten, meist bevorzugten Grundsatz "Never change a running system!" folgen?

Mit Nataschas Zustimmung beschließe ich einen Kompromiss: Ich bitte sie den Beutel mit meinen Sachen mitzunehmen. Vermutlich werde ich ihr an einem der nächsten Checkpoints erneut begegnen, hätte dann immer noch Gelegenheit zum Umkleiden. Während Natascha die acht Gelbeutel in die hinteren Rucksacktaschen stopft, erkundige ich mich nach Mike. Ich höre das erhoffte Bulletin: Grundsätzlich gut, alles in Ordnung, nur der letzte Abschnitt setzte ihm zu. Ich freue mich für den Freund und das nicht zu knapp. Weiß ich doch, dass er im vergangenen Jahr mehrmals auf überlangen Ultrastrecken gegen erhebliche Magenprobleme anrannte. Heute offenbar nicht und ich wünsche Mike, dass dieses Problem für alle Zeiten überwunden ist ...

Scheitern unmöglich? - Abschließend vergewissere ich mich, dass meine Startnummer notiert wurde, trinke, statte meinen Dank ab, an Nataschas wie auch die Adresse des Helfers und wende mich wieder der Straße zu. "Closing Time" minus "Real Time" ist gleich: 3:15 Stunden Vorsprung. Indem ich Zeit von Zeit subtrahiere wird mir die wachsende Belanglosigkeit solchen Tuns bewusst. Es ist Viertel nach vier Uhr morgens, mir bleiben jetzt noch 9:45 Stunden, um das Ziel vor Cut-Off zu erreichen. 9:45 Stunden für ungefähr 35 Kilometer, meistenteils bergab. Eine Aufgabe an der zu scheitern ausgeschlossen scheint. Andererseits plant der Veranstalter sage und schreibe sechseinhalb Stunden für diese 35 km ein. Ich glaube die Gründe dafür zu kennen: Zunächst sind das Läufer, die halbtot den Pass erreichen und deshalb auch abwärts einen Großteil der Reststrecke marschieren müssen. Oder Siegesgewisse, die, das sichere Finish vor Augen, mit Karacho zu Tale sausen. Dabei die brutale Gewalt verkennend, die auf insgesamt etwa 1.400 Meter Schussfahrt ihren Bewegungsapparat schreddert. Folge: Früher oder später entsetzliche Schmerzen, lange Zwangspausen, überwiegend Gehschritte bis ins Ziel.

Ich bin jedenfalls gewarnt und entschlossen die Talfahrt mit Zurückhaltung hinter mich zu bringen. Wie gehabt: Nicht zu schnell, nicht zu langsam, keine zu langen Schritte, mich vom Laufgefühl lenken lassen. Die ersten paar hundert Meter besteht ohnehin keine Gefahr das Tempo zu überziehen. Zu unrund meine Schritte nach mehrminütiger Pause. Außerdem muss sich mein "Fahrwerk" erst von ewig aufwärts auf dauerhaft abwärts umstellen. Anfangs kaum Gefälle, ideal um nach und nach wieder auf Touren zu kommen. Beruhigt registriere ich das Ausbleiben von Schmerzen. Nichts stört, nichts hält mich auf ... darf so bleiben bis ins Ziel!

Guter Mond, du gehst so stille - Seit der Passhöhe bin ich wieder ohne Eigenlicht unterwegs. Noch lastet Dunkelheit auf den Gipfeln. Mondlicht grenzt ihre Konturen klar gegen den Nachthimmel ab. Der Mond lacht mich an, als wollte er mir für den Rest meines Lebens Begleitung zusichern. Ich nutze sein Licht um zwar farblose, aber doch klare Eindrücke vom nächtlichen Panorama einer bei Tag berauschenden Berglandschaft zu sammeln. Bäume bilden auf dieser Seite des Taygetos-Gebirges einstweilen noch die Ausnahme. Karge, sparsam von Büschen und Gräsern besiedelte Erde säumt die Straße. Uneinsehbar allein die Tiefe des Tales. Ein schwarzes Loch, dem ich, in stärkerem Gefälle zwei Serpentinen nehmend, mit flottem Tritt zustrebe. Mir gefällt, was ich ringsum sehe und noch immer trägt mich Begeisterung darüber überhaupt etwas sehen zu können. "Dank dir, oh voller Mond!" Als ich mich einst, jugendlichem Selbstfindungsdrang nachgebend, im Schmieden von Reimen versuchte, scheiterte ich kläglich. In dieser Nacht verstehe ich aber zumindest die Stimmung, die jenen unbekannten Poeten dazu brachte Frau Luna mit Versen anzuhimmeln: "Guter Mond, du gehst so stille ..."

Und dann meldet sich urplötzlich der höchst unromantische Realist zu Wort: Gilt nicht der Mond als Hauptverursacher für den Tidenhub der Meere? Zieht nicht seine Gravitation das Wasser als "Flut" hinter sich her? Läuft nicht, wenn er hinterm Horizont versinkt, Wasser ab und hinterlässt die "Ebbe"? Wenn ich mich richtig entsinne, dann Wechseln die Gezeiten etwa alle sechs Stunden ... Himmelsmechanik, an die ich mich zweifelsfrei zu erinnern meine. Wenn das aber so stimmt, wieso sehe ich den Vollmond noch immer da oben? Er war schon bei Einbruch der Dunkelheit präsent, grob kalkuliert vor elf Stunden ... Müsste er nicht längst - nach besagten sechs Stunden - hinterm Horizont verschwunden sein? - Es will mir nicht gelingen die Erde-Mond-Konstellation vorm inneren Auge zu visualisieren. Noch weniger meine verschwommene Vorstellung mit der langen Sichtung des Trabanten in dieser Nacht in Beziehung zu setzen ... Meine Beine reden von relativer Frische, der Kopf versucht erst gar nicht mir was vorzumachen. Also vertage ich des Rätsels Lösung auf zu Hause.*

*) Wen’s interessiert, der findet eine vereinfachte Lösung fürs Rätsel hier: https://klassewasser.de/content/language1/html/6313.php

Triumvirat - 109, 110, 111 Kilometer, volle Fahrt voraus. Auf der abschüssigen Seite des Berges blicke ich mit Wohlgefallen aufs Zählwerk, das sich munter weiterdreht. Rechne nun auch gerne rückwärts: 111 km auf der Uhr, also keine 30 Kilometer mehr bis zum Finale. Fassungslosigkeit als Form menschlicher Betroffenheit lässt sich nicht über Stunden konservieren. Und doch übermannt sie mich ab und zu, wie jetzt wieder: Mir tut absolut nichts weh! Lediglich ein schwach unangenehmes Ziehen im Bereich der Gelenke, selbstverständliche Abnutzung nach langer Laufzeit, zumal bergab. Nicht einmal die Patellasehne am rechten Knie beklagt sich, obschon sie mir letztes Jahr den Krieg erklärte und sich nur zögerlich, über Monate und mit viel Aufwand befrieden ließ. Fast noch erstaunlicher: Nach über 14 Stunden und der Überschreitung eines Gebirges spüre ich noch Reserven. Ich weiß, dass mich noch eine bitterböse Höhenstufe erwartet; letzte Serpentinen, etwa 12 km vorm Ziel. Inzwischen bin ich fast sicher auch diese letzte Hürde laufend zu überstehen. Dann wäre ich jeden Meter gelaufen. Dann wäre gelungen, was ich mir selbst keinesfalls zugetraut hätte. Ein elektrisierender Gedanke und es ist an der Zeit letzte Vorbehalte über Bord zu werfen und einen Auftrag zu formulieren: Ich werde keinen Schritt auf der "Straße der Unsterblichen" gehen!

Zumindest er wird die vermeintlich harmlose Reststrecke wie endlose Qual im Folterkeller empfinden! Noch läuft er, vermeidet zu gehen, allein schon, um sein Leiden nicht unnötig zu verlängern. Er läuft, hinkt aber zugleich. In meinem Sprachverständnis bezeichnet das Verb "hinken" eine Gehbehinderung. Der Mann an dem ich gerade - fast körperlich mitleidend - vorbeijogge schafft es jedoch "laufend zu hinken". Getrieben von unbeugsamem Willen, gehemmt von Schmerzen ... Nach den "Verpuppten" im Auto die nächste Sichtung möglichen Scheiterns, die mir vor Augen führt wie hoch die Wahrscheinlichkeit doch ist, dass einem auf so langer Strecke Missliches widerfährt.

Kurz vor fünf Uhr morgens; meine Supporter, Ines und Karin, schlafen vermutlich noch tief und fest. Bis sie aufstehen, frühstücken und sich auf den Weg machen, werden wohl noch mehr als zwei Stunden vergehen. Wir haben kein Zeitfixum vereinbart, lediglich einen Anruf gegen sieben Uhr, um meine ungefähre Position durchzugeben. Wie es aussieht brauchen sie mir nicht mehr allzu weit entgegen zu fahren ... - Schwaches Licht am Straßenrand, der nächste Checkpoint (CP24, "Taygetos Downhills", Km 112). Ich bin überrascht ein Triumvirat an Helfern vorzufinden. Einer der drei heißt mich in geschliffenem Englisch willkommen. Während ich mich vom Büffet auf der Ladefläche eines Kombis mit Wasser bediene, quatschen wir über dies und das. Ich erwähne den Dialog, weil er im Grunde einer Ungeheuerlichkeit gleichkommt. Jedenfalls für mich und sicher auch für jene, die mich als Läufer kennen. Auf so langen Distanzen, zumal im letzten Wettkampfviertel, kennt man mich in sich gekehrt und mundfaul, als joggenden Autisten. Und nun stehe ich aufgekratzt hier im Dunkeln, um fünf Uhr morgens, schlaflos nach 15 Laufstunden und rede wie ein Wasserfall. Nichts könnte das Ausmaß meiner Begeisterung schlagender beweisen als diese krass untypische Redseligkeit!

Wie Griechen nun mal Ausländern, zumal Deutschen, begegnen: Freundlich, zuvorkommend, mit ihrer Freude und ihrem Stolz nicht hinterm Berg haltend, dass der Fremde ausgerechnet ihr schönes Land bereist. Und von Helfern bei Laufveranstaltungen erfährst du darüber hinaus immense Hilfsbereitschaft und eine Herzlichkeit, die ihresgleichen sucht. Ich könnte stundenlang hier stehen und mit dem Griechen plaudern, der mir derweil dies und das vom Büffet offeriert; ja, durchaus auch noch ein bisschen mehr "Fishing for Compliments" betreiben, als nur mein Alter durchblicken und mich vom beeindruckten Gesprächspartner auszeichnen zu lassen: "You performed well!" Mit Blick auf die Lichter einer Ortschaft weit unterhalb, die er mir als "Artemisia" und nächsten Checkpoint benennt, dränge ich mich selbst zum Aufbruch. Ich verabschiede mich herzlich vom Dreigestirn und füge dem gewohnten "Efcharistó" noch ein "Good luck to all of you!" hinzu.

Von der Erziehung zum Ultraläufer - Als Ultraläufer kommt man nicht auf die Welt. Nur mit den Anlagen dazu, die es nach und nach zu entwickeln gilt. Sicher blicken die meisten Ultras auf eine Phase zurück, in der sie auf kürzeren Distanzen erfolgreich waren. Meine Begeisterung galt lange dem Marathon. Ich verwendete alle Mühe darauf immer schneller zu werden, perfektionierte jedes Detail und jeden Aspekt in Training, Vorbereitung und dem Lauf selbst. Schon Pinkelpausen im Wettkampf galten mir als Panne, die bei richtiger Trinktaktik vermeidbar gewesen wären. Und nur anlässlich krankhafter Unpässlichkeit konnte ich mir vorstellen eines der Dixie-Gelasse an der Strecke zu konsultieren, um dort mehr zu erledigen. Ich unterwarf mich in jeglicher Hinsicht "marathonalen Rationalisierungsmaßnahmen". Das prägt einen als Läufer. Obwohl nun schon 12 Jahre ultraweit laufend, überlebten Reste des automatisierten Knauserns mit Sekunden. So bin ich darauf vorbereitet, empfinde es aber als eine Art "Unfall" mich im Verlauf eines Wettkampfs abseits der Strecke für einige Minuten verstecken zu müssen.

Seit Stunden spüre ich: Da tut sich was. Seit Stunden hoffe ich: Vielleicht halte ich aus bis ins Ziel. Seit einigen Minuten weiß ich: Das heftige Gerüttel tausender Abwärtsschritte hat etwas unaufhaltsam in Gang gesetzt. Also halte ich Ausschau nach einer geeigneten Stelle ... und werde alsbald fündig.

Erledigt in zehn Minuten. Klingt nach viel ist aber wenig. Immerhin war’s dunkel. Beim Spartathlon brauchte ich dafür 20 Minuten. Zehn Minuten im Finstern sind rekordverdächtig, persönliche Bestzeit. Und da ich nun wieder auf die Strecke zurückkehre und mit (erstaunlich) wenig Mühe in vormaligen Trab zurückfalle, denke ich über das Erledigte nach. Bin versucht es erneut unter "Unfall" oder "vermeidbare Zeitverschwendung" zu verbuchen ... noch immer dem Marathondenken verhaftet. Bis ich den Zeitplan des "Dromos" einbeziehe und meinen Irrtum korrigiere. Gestartet nachmittags um 14 Uhr, anderthalb Stunden nach Genuss der vom Veranstalter gereichten Pasta. Anschließend die Nacht bis in die frühen Morgenstunden durchgelaufen. Mir widerfuhr kein "körperliches Missgeschick", das meine Laufzeit unzulässig verlängert. Wenn man lange, über Nacht und zu bestimmten Zeiten unterwegs ist, dann gehört das dazu, ist auch zeitlich einzuplanen. - Warum ich dieses unerquickliche Thema über drei Abschnitte auswalze? - Es soll schon Läufer gegeben haben, die sich von meinen "Aufsätzen" zu längsten Läufen animieren ließen. Ich möchte, dass sich "potenzielle Nachahmer" keinen Illusionen darüber hingeben, wie umfassend ultraweites Laufen bedacht werden will.

Von der Natur elektromagnetischer Strahlung - Mehrfach spähte ich über die Spitzen der Bergkette im Nordosten hinaus, meinte schon gegen halb sechs im Nordosten von einsetzender Dämmerung sprechen zu können. Inzwischen habe ich den Checkpoint in Artemisia (Km 117,5) verlassen (3:40 Stunden vor Closing Time). Vollmond und Dämmerung wetteifern miteinander. Mehr und mehr Licht vom inzwischen aufgehellten Himmel dringt herunter ins tief eingeschnittene Tal. Noch immer habe ich dessen Sohle nicht erreicht, mache auf abschüssiger Straße rasch Boden gut. Boden, der schließlich wieder Farbe annimmt. Also Sonnenlicht hier unten, obschon es noch lange dauern wird, bis der Stern tatsächlich über den Bergkamm lugt. Ich will dich nicht mit physikalischen Sachverhalten langweilen. Aber gehört die Tatsache Sonnenlicht quasi um die Ecke sehen zu können nicht zu den Wundern dieser Welt? Hab mal gelernt wie so was möglich ist, hörte vom Wesen des Lichts als elektromagnetischer Welle, von Brechung, Beugung, vor allem Reflexion und mehr. Darum ist hier unten Sonnenlicht. Stelle es nur fest. Warum ich das tue, wirst du bald wissen ...

Kilometer 123, 124: Tiefer hinab in den Hades, in die nach und nach enger werdende, von schroffen, zerklüfteten Felsformationen eingefasste Schlucht. Noch immer hinab, entgegen meiner Erinnerung von der Erkundungsfahrt, die von einer längeren flachen Passage wissen will. Auf diesem Abschnitt musste man die Straße buchstäblich aus dem Fels heraussprengen. Linkerhand Fels, zu meiner Rechten, hinter der Leitplanke, fällt der Hang in unergründliche Tiefen ab. Kurve um Kurve, schließlich, auf einem Haltepunkt am Straßenrand, ein weiterer Checkpoint (CP26, "Open Area", Km 125). Diesmal mit junger und unübersehbar ineinander verliebter Doppelbesetzung. Während ich trinke, meine leeren Gelpäckchen entsorge, den Rucksack abnehme, die Stirnlampe darin verstaue, dafür das Handy hervorkrame, den Rucksack wieder anlege, mich mit "Efcharistó" verabschiede, während ich all das in reichlich sieben Minuten erledige, können Sie und Er kaum die Finger voneinander lassen. Verständlich, hilft nicht Kuscheln vorzüglich gegen die Kälte hier unten im Gefrierschrank?

Die Kälte spüre ich nach langer "Umrüstungspause" auch. 4:15 Stunden vor Closing Time kehre ich den Turteltäubchen den Rücken. Viertel vor sieben, noch eine Viertelstunde, dann werde ich den vereinbarten Anruf absetzen. Dem Versuch den bewährten Trott wiederaufzunehmen widersetzen sich meine Beine erstmals mit Macht. Ob langer Pause, Kälte oder fortgeschrittener Ermüdung geschuldet wüsste ich nicht zu sagen. Ein, zwei Minuten freilaufen, dann gelingen wieder flüssige Schritte. Unvermittelt dudelt Musik aus einer der vorderen Rucksacktaschen. Ich brauche tatsächlich ein, zwei Sekunden, um die Melodie dem (alten, so gut wie nie benutzten) Handy zuzuordnen. Das Ding aus der Tasche samt schützendem Kunststoffbeutel zu nesteln kostet weitere wertvolle Zeit. Zu viel, um den Anruf rechtzeitig annehmen zu können. Das Display klärt mich auf: Anruf von Ines. Prompter Rückruf, neben der Leitplanke stehend. "Kein Netz" höhnt das Display. Ich gehe ein paar Meter, schwenke das Handy hierhin und dorthin, bis in der Feldstärkeanzeige unstet mal ein, mal zwei Balken erscheinen, wiederhole den Ruf mehrmals mit identischem Ergebnis: "Kein Netz".

In diesem Fall hilft Fluchen nicht weiter. Meine "Biochemie" mag ich mit Kraftausdrücken manipulieren können, die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen verbessern sie um keinen Deut. Millionen Tonnen Fels - man nennt das "Berg" - zwischen mir und einem wahrscheinlich irgendwo über Artemisia gesetzten Funkmast verhindern den Empfang. Mit ein paar über Beugung, Brechung und Reflexion in mein Handy gelenkten Strahlen kommt keine Verbindung zustande. Streulicht in der Dämmerung reicht dem menschlichen Auge zum Sehen. Ein Handy - Technik! - dagegen versagt unter ähnlichen Ausbreitungsbedingungen für seine Funkwellen ...

Ich beende die fruchtlosen Versuche und setze mich wieder in Bewegung. Jogge auf der für einige Zeit wankelmütigen Straße - soll ich steigen, soll ich fallen? Stoisch einher trabend ergehe ich mich in Spekulationen: Ines wird den Anruf vermutlich kurz vor Antritt der Fahrt getätigt haben (erster Irrtum). Bis zum letzten Anstieg, der mich aus der Schlucht "hieven", anschließend Handyempfang zulassen wird, ist es nicht mehr weit (zweiter Irrtum). Halbe Stunde höchstens, dann bin ich "oben" und mein Team noch irgendwo "unten" nahe Kalamata (Folgeirrtum).

Fata Morgana - Ich will raus aus dem "Loch", hinauf ins Sonnenlicht, das längst die umliegenden Bergkuppen in satten Farben erstrahlen lässt. Eine von "links oben" einmündende Zufahrt hielt ich fälschlicherweise für den Beginn der Serpentinenstrecke. Vor einer Viertelstunde war das und erst jetzt gewinnt der Asphalt merklich an Höhe. Noch eine Linkskurve, dann ist ein Großteil der sich am steilen Hang aufwärts windenden Straße auszumachen. Ich zähle fünf Kehren und bin wild entschlossen diese letzte bitterböse Schikane im Laufschritt zu nehmen. Mich dabei völlig zu verausgaben nähme ich in Kauf, weil mich dahinter "nur noch" acht abschüssige Kilometer erwarten.

Mit kurzen Tippelschritten, den Blick auf den Asphalt gerichtet, erobere ich Meter um Meter. Die insgeheim befürchtete Tortur allerdings bleibt aus. Mich darüber zu freuen wage ich nicht. Wer weiß, was mich noch erwartet ... Erste Kehre und weiter hinauf, immer weiter ... erträgliche, vor allem konstante Steigung ... Wie weit noch bis zur zweiten Kehre? Ich hebe den Blick. Ein Auto kommt mir entgegen. Hätte ich die Fahrzeuge seit dem Hellwerden gezählt, ich wäre sicher nicht bis zwanzig gekommen ... Der Fahrer bremst. Warum bremst der? Ich schaue genauer hin, schaue ein zweites Mal und traue meinen Augen nicht! Das sind Ines und Karin, mein Team!?? Jetzt schon hier? Die beiden müssen zur Unzeit aufgestanden sein ... Ich tippele zur anderen Fahrbahnseite, stütze mich aufs Autodach und sprudele ein paar Sätze hervor. Wie immer in solchen Situationen übermannt mich Wiedersehensfreude ...

Ines hat gewendet, winkend tuckern die beiden an mir vorbei. Liebend gerne hätte ich mich einiger Ausrüstung entledigt, was aber nur an Checkpoints erlaubt ist. Also gedulde ich mich. Straße und Steigung sind noch dieselben, die Schritte aber fallen mir nun leichter ... zweite Kehre und weiter. Ines hat gestoppt, schießt ein Foto ... dritte Kehre, tippeln, tippeln und tippeln ... Inzwischen steht fest: Ich werde diese letzte Steigung komplett laufend überstehen und das ohne mich grenzwertig zu verausgaben! Freude pur und zusätzliche Motivation ... Kehre vier und tippeln ... mit schweren Beinen zwar, aber leichten Herzens. Im Grunde genieße ich schon jetzt den Auftakt zum Finale. Unfassbar! Wann war ich zuletzt in einem Wettkampf von diesem Anspruch so gut drauf?

Kehre fünf und endlich, nach knapp einem weiteren Kilometer erreiche ich Checkpoint 27 ("Flag", Km 132). Ines und Karin erwarten mich und das, nach vierzehn im Schattenreich verbrachten Stunden, in der warmen Morgensonne!!! Eilig habe ich es nicht, lasse mich von meinem Team aber zügig "abfertigen". Noch kurz für ein Erinnerungsfoto vor grandioser Kulisse in Pose stellen. Die Aussicht von hier oben ist berückend schön: Himmel, Berge und Wasser, ein Farbenrausch in Blau und Grün. Tief unten der Messenische Golf, den man von hier oben fast zur Gänze überblickt. Unmengen weißer Häuser säumen die Ufer einer Bucht und dort muss ich hin: nach Kalamata!

Ein bisschen fliegen - Gegen halb acht breche ich auf, inzwischen satte fünf Stunden vor Closing Time. Vom ersten Schritt an Gefälle, in dem mich zunächst muskuläre, der Pause geschuldete Trägheit lähmt. Doch schon nach ein, zwei Minuten komme ich auf Touren und trete das Gaspedal kräftig durch. Wozu sich noch schonen? Was ich hier tue ist in erster Linie Sport. Und der Sportler in mir wäre unzufrieden, hätte er im Ziel noch Reserven. Also wetze ich im Eiltempo diese Straße hinab. Schmerzen, die unter diesen Umständen unvermeidbar sind, kompensiere ich mit Lauflust und Vorfreude aufs baldige Finish. Kalkuliere auch meine Endzeit, die sich auf unglaubliche 19 Stunden belaufen wird. Wahrscheinlich sogar ein paar Minuten darunter. Wenn mir das gestern jemand prophezeit hätte ... Wie verrückt ist das denn???

Ein bisschen fühlt es sich an wie Fliegen. Fliegen über die Straße der Unsterblichen. Und tatsächlich registriert meine Uhr mit 5:21 min/km auf diesem Abschnitt den schnellsten Kilometer des gesamten Wettkampfs. Nur einmal unterbreche ich die Schussfahrt noch, um am letzten Checkpoint (CP28 "Road to Kalamata", Km 136) ein paar Schlucke Cola zu trinken - auf die ich ohne weiteres hätte verzichten können. Aber einfach vorbeilaufen? Die Helfer ignorieren? - Ein Ding der Unmöglichkeit. "Efcharistó" und Bye bye!

Ich renne und schaue, schaue und renne, freudetrunken, voller Übermut. Nur noch da runter, nicht mehr weit ... Genieße den Augenblick, den nächsten und den übernächsten, die vielen Bilder rings umher. Halte Ausschau nach Fotomotiven. Eine ganze Weile genügt keines meinen Ansprüchen. Dann ein wunderschöner, von Sonne durchfluteter Olivenhain. Steinalte, knorzige Stämme, niedrige, von vielfachem Beschnitt geformte Kronen. Grausilbern die Bäume, fast "neongrün" leuchtend darunter das Gras ... herrlich! Morgensonne! Wärme von oben. Trotz "Vollverpackung" in Jacke und Mütze - einzig der Handschuhe und des Halstuchs habe ich mich entledigt - schwitze ich kaum in morgendlich kühler Luft. Oh, wie sehr sehne ich das Finale herbei ... Ein anderer Teil von mir will, dass es niemals endet. Erschöpfung und Hochgefühl sprinten um die Wette, streben ihrem Höhepunkt entgegen ...

Flugbegleiter - Noch vier Kilometer: Ich gebe mir jetzt den Rest, das spüre ich genau. Mit rücksichtsloser Härte lohne ich meinem Körper das Geschenk der vielen beschwerdefreien, von wundersamer Ausdauer gesegneten Stunden. Rein sportliche Beweggründe erklären das nicht. Es geschieht vor allem, weil ich dazu jetzt und wider Erwarten noch fähig bin! Weil ich das süße, triumphale Gefühl es noch zu können auskosten will! - Hundert Meter voraus ein Mitläufer. Den will ich überholen! Ich ließ einige hinter mir, vor allem in der Nacht und bergauf, beiläufig. Keines der Überholmanöver geschah in wetteifernder Absicht. Doch den da vorne, den will ich überholen. Nicht um den anderen zu brüskieren, einzig um den Rausch der Schlussoffensive zu steigern ...

Seinen vierbeinigen, hellbraunen Kompagnon nehme ich erst kurz vorm Überholen wahr. Sicher ein Straßenhund, der zufällig auf gleicher Höhe und in dieselbe Richtung streunt ... Und doch vermittelt die Paarung den Eindruck beabsichtigter Begleitung. Gegen die Version Straßenhund spricht außerdem das Halsband des Rüden. Ein Läufer mit Hund? Kaum vorstellbar in Griechenland, schon gar nicht auf so langer Distanz. Dann bin ich vorbei und gewillt das Rätsel unaufgeklärt hinter mir zu lassen. Zu meiner Verblüffung gesellt sich das Rätsel nun jedoch zu mir ... Auf den ersten Metern rechne ich ständig damit, dass der Hellbraune sich trollen und in einer Grundstückseinfahrt verschwinden wird ...

Doch das geschieht nicht. Gemeinsam rennen wir über einen von Polizei gesicherten Kreisverkehr. Weiter geradeaus, weiter abwärts durch Kalamata, vielleicht noch zwei Kilometer ... Mal hängt er schnüffelnd ein wenig zurück, dann holt wieder auf, prescht auch mal aus unerfindlichem Grund ein paar Meter voraus. Doch unzweideutig hat er sich nun mir angeschlossen! Ich bin es gewohnt mit Hund zu laufen. Allerdings mit Roxi, unserer Hündin, die ich in- und auswendig kenne; die mich begleitet, weil wir zum selben Rudel gehören und ich - ihr Rudelführer - sie dazu aufforderte. "Der da" hat selbst entschieden sich mir anzuschließen. Warum? Was erwartet er zu finden? Was erwartet er von mir? - Ich werde ihn enttäuschen! Habe nichts, das ich ihm geben könnte. Nicht mal nachher im Ziel, falls er mir bis dorthin folgen sollte. Und von dem Moment an, da er vor mir und mit Affenzahn über die Straße preschte, hin zu einem Grundstück, vielleicht eine Katze oder einen Vogel jagend, die mir nicht auffielen, seitdem fürchte ich er könnte überfahren werden. Verdammt! Ich fühle mich verantwortlich!!!

Vor markantem Hügel biege ich aufatmend von der lebhaft befahrenen Straße in eine stille Gasse ab. Eine Gasse die mir noch ein paar unbedeutende Höhenmeter beschert. Höhenmeter, die mich nach furiosem Endspurt endlich auch ans Limit bringen - doch das nur nebenbei. - Insgeheim hoffe ich immer noch meinen Begleiter in einem der Anwesen - seinem Zuhause! - verschwinden zu sehen. Als sich die Gasse teilt, ich wieder abwärts laufe, scheint er den alternativen Weg zu wählen ... taucht aber bald wieder neben mir auf. Muss auf Pfeile achten, verliere ihn mehr und mehr aus den Augen. Vorbei an einem großen, weiß- gelb getünchten, griechisch orthodoxen Gotteshaus. Sonntagmorgen: Etliche Autos parken vor der wie ein kleiner Dom wirkenden Kirche. Sakrale Gesänge schallen aus dem Inneren heraus ... "Wir" biegen Richtung Zentrum ab. Ich laufe mitten auf einer zu dieser Uhrzeit autofreien Einkaufsstraße. "Ihn" sehe ich nicht, fahnde am Boden nach Pfeilen, will mich zum guten Schluss nicht noch verlaufen. Den in die Fußgängerzone zeigenden Pfeil hätte ich dennoch fast übersehen ... Auf der Einkaufsmeile von Kalamata voran (mein Schatten folgt mir, ohne dass ich ihn bemerke), randvoll mit Gefühlen, die mich zu überwältigen drohen, die endlich raus wollen ...

Die Fußgängerzone mündet in einen lang gestreckten Platz, den ich nur zu gut kenne. Halbrechts, hundert Meter voraus erhebt sich das Denkmal eines der Unsterblichen: Mein Ziel! Nur Sekunden später erkenne ich Ines und Karin, alsbald auch meinen Freund Mike und "Vanni" ... Alle erwarten mich, begleiten meine letzten Meter mit Jubel und Applaus ... "Ihn" vergesse ich in diesen Augenblicken überströmenden Glücks: Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber er ist noch da, ein paar Schritte hinter mir, worüber Fotos Zeugnis ablegen. Noch ein paar Schritte am Platz entlang, stückweit vorbei am Denkmal ... Die Dramaturgie des Zieleinlaufes will es so. Erst dann biege ich ab, schlage einen Bogen über den Platz und renne auf den Zielbogen zu. Auf den Zielbogen und das mehrere Meter hohe Denkmal ... Und dann explodiert etwas in mir: Ich reiße die Faust empor und entlasse einen markerschütternden Schrei in den Himmel über Kalamata: "Jaaaaa!" So, so, so lange her, dass ich mich final so gut, so ... stark!! fühlte. Ein zweites "Jaaaaa!" entlädt sich, schließlich noch ein drittes, und dann endlich setze ich meinen Fuß hinter die Ziellinie. Ich bin angekommen, am Ende der Straße der Unsterblichen!

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Ich laufe über vor Glück, wie ein Topf kochende Milch auf glühender Herdplatte. Weiß gar nicht, wohin mit all den Emotionen ... Veranstalter Pavlos Goranitis hängt mir die Finishermedaille um. Ein Riesenteil und schwer, geeignet erschöpfte Finisher augenblicklich am Hals zu Boden zu reißen. Pavlos gratuliert und überreicht mir noch ein Erinnerungsgeschenk: Die Flagge der griechischen Revolution von 1821 als Modell auf einem Stein. Solcherart geehrt und freudetrunken falle ich erst einmal meiner Frau um den Hals ... nehme dann Karins Glückwünsche entgegen, schließlich die meines Freundes Mike. Auch "Vanni" reiht sich in die Reihe der Gratulanten ein ...

Die Ehrung gerät zum anstrengenden Spektakel: Es folgen Fotos vorm Denkmal von General Theodoros Kolokotronis, dem bedeutendsten Heerführer der griechischen Revolution von 1821. Im Überschwang und dem Bemühen mir keine der köstlichen ersten Minuten nach dem Zieleinlauf trüben zu lassen widerstehe ich der heraufziehenden Schwäche. Schließlich muss ich mich doch setzen und eine Weile ausruhen. Schlucke vorsichtshalber noch ein Gel, weil die darin enthaltenen Zuckerarten rasch ins Blut übergehen. Ein Gel nach dem Lauf - ein Novum für mich ... Ein Gel anstelle des Sandwiches im Lunchpaket, das mir Pavlos zur Stärkung übergeben hat. Denn mit diesem Sandwich habe ich andere Pläne ...

Er ist nämlich noch da, mein vierbeiniger Begleiter der Schlussetappe, lässt sich gerade ein paar Meter abseits von einem kleinen Mädchen streicheln ... Inzwischen hat man mir - absolut glaubhaft! - über die Maßen erstaunliche und ganz wunderbare Dinge über ihn erzählt. Demnach stieß er schon jenseits des Taygetos-Gebirges zu den Läufern. Leistete mal diesem, mal jenem Gesellschaft, zuletzt eben mir. Und ihm biete ich nun mein Sandwich an ... Von dem er das Brot verschmäht, sich dafür den Belag, Käse und Wurst, schmecken lässt. Seine wohlgenährte Gestalt nahm ich neben dem Halsband als weiteres Indiz in ihm keinen Straßenhund zu sehen. Hunger trieb ihn also nicht mit uns Läufern hierher nach Kalamata. Doch was dann? Warum läuft ein Hund so viele Kilometer? Tiere handeln instinktiv, nicht grundlos, noch aus sportlichen oder manchmal hehren Motiven wie wir Menschen. Welchem Instinkt also folgte er?

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Am Montagabend feiern Natascha, Ines, Karin, Mike, "Vanni" und ich in einer Taverne in Kalamata unsere Siege. Als das Phänomen "Dromos-Vierbeiner" zur Sprache kommt, gibt Natascha eine durchaus plausible Interpretation tierischer Instinktsteuerung zum Besten; die mir überdies so gut gefällt, dass ich sie gerne glauben möchte. Dem Sinn nach: Instinktiv habe der Hund beim ersten Kontakt mit den Läufern gespürt, dass es sich bei jedem einzelnen von ihnen um einen physisch kraftvollen, darüber hinaus äußerst willensstarken Menschen handelt. Und wenn solche Menschen alle in eine Richtung laufen, dann müsse das einen guten Grund haben. Also entspräche es "instinktiver, hündischer Logik" den Läufern zu folgen.

Nach der Belohnung mit dem Käse-Wurst-Leckerchen ging mein Laufbegleiter auf vier Pfoten seiner Wege. Wichtig für mich, weil das zeigt, dass er sich niemanden anschließen wollte, kein neues Rudel suchte. Nach gründlichem Überdenken seiner "Situation" mache ich mir keine Sorgen mehr um ihn. Er hat gelernt mit den Gefahren des Straßenverkehrs zu leben, auch wenn es sich bei ihm nicht um einen herrenlosen Straßenhund handelt. Er wird auch seinen Weg zurück finden. Das schließe ich aus elf Jahren Lauferfahrung mit unserer Hündin Roxi, die schon auf Rundstrecken einen erstaunlichen Orientierungssinn besitzt. Auf Umkehrkurs vorauslaufend nahm sie in all den Jahren nie eine falsche Abzweigung.

Zum guten Schluss der Episode noch dies: Sollte dir das Abenteuer unseres "Dromos-Vierbeiners", seine Läuferbegleitung über einen Großteil der Strecke, zu sehr nach Läuferlatein klingen, dann empfehle ich dir eine ganz besondere Lektüre, gleichfalls eine Laufgeschichte: "Arthur: Der Hund, der den Dschungel durchquerte, um ein Zuhause zu finden". Wer dieses Buch gelesen hat, sieht Hunde mit anderen Augen. Auch oder vielleicht gerade dann, wenn er selbst ohne Hund lebt.

 


 

Fazit zum Wettkampf

Alle deutschen Teilnehmer erreichten das Ziel. "Vanni" alias Michael Vanicek nach 14:53:28 h (12.), Mike Hausdorf in 18:29:08 h (55.), Thomas Fuchs brauchte 22:31:03 h (99.) und ich selbst 18:46:30 h (57.). Gemessen an den Wirren dieses verrückten, von vielen Absagen und Enttäuschungen geprägten Laufjahres, waren "Vanni" und Mike mit ihren Leistungen zufrieden.

Insgesamt brachen 146 Teilnehmer (w/m) zur Straße der Unsterblichen auf, wovon 115 das Ziel erreichten. Die in meinen Augen unerwartet hohe Zahl von 31 Abbrechern (DNF), kann ich mir lediglich mit Pandemie-bedingtem Trainingsrückstand erklären.

 


 

Mein persönliches Fazit

Es widerfuhr mir in nunmehr 281 mal Marathon und weiter nur selten, dass sich am Wettkampftag alle inneren und äußeren Bedingungen - zum Beispiel Wetter, mentale und physische Tagesform, usw. - zu einer persönlichen Sternstunde fügten. Verbesserungsfähig war einzig meine Vorbereitung. Letztlich trat ich jedoch in befriedigender bis guter Form den Lauf auf der Straße der Unsterblichen an. Auf deutlich höherem Ausdauerlevel jedenfalls, als ich mir vorab selbst ausgerechnet und zugestanden hatte. Vom sportlichen Wert und Verlauf her gehört der Dromos Athanaton mit Sicherheit zu den besten drei Ultrawettkämpfen, die ich jemals absolvierte.

Als sehr befriedigend empfand ich schon unterwegs und empfinde es noch, dass ich von der ersten bis zur letzten Minute meine Leistung in völligem Gleichmaß abrufen konnte. In der Weise also, die ich für jeden Wettkampf anstrebe, weil sie der wirtschaftlichsten Verwertung vorhandener Ausdauer entspricht. Da ich meine Ausdauerressourcen manchmal überschätze, oft zu Trainingszwecken auch bewusst zu schnell loslaufe, stellt dieses Gleichmaß gleichfalls eine Seltenheit dar, die zum Erfolg nicht unmaßgeblich beitrug. Nicht zuletzt an der mit fortschreitender Streckenlänge verbesserten Position im Feld der 146 Starter lässt sich meine Laufkonstanz festmachen. An drei Punkten wurde die Zeit genommen:

CP8, Km 37: Meine Position im Feld: 123.

CP17, Km 80: Meine Postion: 92.

Ziel, Km 140: Meine Endplatzierung: 57.

Es liegt in meiner Natur jeden Meter einer Strecke laufen zu wollen. Zum Teil meiner Einstellung entsprechend: Läufer laufen, wer geht ist ein Geher. Vor allem jedoch, weil "Gehenmüssen" in der Regel zu Übellaunigkeit führt und in der Folge in eine demotivierende Sinnkrise überleitet. Rein aus dem Blickwinkel bestmöglicher Ressourcenverwertung betrachtet kostet mich der Anspruch "alles laufen" auf stark profiliertem Kurs etliche "Körner". Mit anderen Worten: Zügiges Gehen in steilen Passagen brächte mich früher ins Ziel. Vielleicht!, denn es lässt sich nicht abschätzen, welchen zeitlichen Nachteil ich mir mit dem zugleich einsetzenden mentalen Tief einhandeln würde. Möglicherweise erreiche ich mit sturem "alles laufen" also doch in geringstmöglicher Zeit das Ziel. Auch weil gilt, was ich sehr bald beim Wechsel auf Ultrastrecken lernen musste: Die physische Fähigkeit längste Strecken zu laufen, ein hochausdauertrainierter Körper, ist nur Voraussetzung für ein erfolgreiches Finish. Tatsächlich errungen wird der Sieg mit Willenskraft und mentaler Widerstandsfähigkeit, also mit dem Kopf.

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Wie immer in Griechenland sorgten Veranstalter und Helfer für einen reibungslosen Ablauf. Vor und nach dem Wettkampf fehlte es an absolut nichts. Während des Laufes umsorgten Offizielle wie Helfer die Läufer in jedweder Weise und mit einer Liebenswürdigkeit, die ihresgleichen sucht. Sprachbarrieren stellen in diesem Zusammenhang nie wirkliche Hürden dar, weil einem die Wünsche quasi von den Augen abgelesen werden. Griechen sind in einer Weise laufverrückt, die sich zu einem großen Teil nicht beschreiben lässt, man muss es erleben.

Alle übrigen Aspekte des Laufes würdigt der Bericht ausführlich. Sie auf einen kurzen Nenner bringen zu wollen müsste misslingen.

Fazit: Leider bin ich vermutlich schon zu alt, um die Straße der Unsterblichen noch einmal unter die Sohlen nehmen zu können. Nicht, weil ich es mir in den kommenden Jahren nicht mehr zutraute, sondern weil es noch andere verlockende Laufziele in der Welt gibt, nicht zuletzt auch in Hellas!

 

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