27. August 2020

In kleiner Manege  -  Grüntalultra 2020

Gibt es ihn eigentlich noch, den großen, umherziehenden Zirkus? Nicht ortsfest wie Krone in München oder als pure Weihnachtshow. Unterm Riesenzelt und von gewaltiger Wagenburg umstellt, mit Eingangsportal und Kassenwagen, Tierschau zwischen den Vorstellungen und ... Okay, okay, nun kommt auch mir der Konflikt mit dem Tierschutz in den Sinn. Doch davon einmal abgesehen: Wenn ich dieser Tage einen Zirkus sehe, dann in Kleinstädten mit recht überschaubarer "Infrastruktur". Laut Wikipedia reisen immerhin noch 300 Zirkusunternehmen, von klein bis mittelständisch, durch die Lande. Auch die so genannte "Zirkuspädagogik" durfte ich schon erleben. Unternehmen, die ihr Zelt neben Grundschulen errichten und für eine Pro-Kopf-Teilnahmegebühr mit Erst- bis Viertklässlern akrobatische und Clownsnummern einstudieren - auf zum Teil erstaunlich hohem Niveau übrigens. Die kleine Manege sah Opa Udo begeistert und das nicht nur, weil er seine Enkelin als eines der vielen Kinder mit leuchtenden Augen bejubeln durfte.

Der große Zirkus allerdings ist tot. Mit ihm verschwanden Namen, die mir als Kind geläufig waren. Der Rest von "Sarrasani" zum Beispiel, Anfang des 20. Jahrhunderts ein gigantisches Unternehmen mit 200 Wagen und in Dresden beheimatet, musste 2016 Insolvenz anmelden. Dasselbe Schicksal drohte auch dem bis zuletzt größten Zirkus der Welt "Ringling Bros. and Barnum & Bailey", der in seiner Blütezeit mit zwei "Units" die USA bereiste, verladen auf zwei Güterzüge mit je 60 Wagen. 2017 stellte das Unternehmen den Betrieb infolge dramatisch sinkender Zuschauerzahlen ein.

Wie ich auf das Thema komme? Heute bewege ich mich in kleiner Manege, einem 12,7 km kurzen Rundkurs, meist als Solist. Die wenigen anderen "Artisten" zeigen ihre Kunststücke überwiegend außerhalb meiner Sichtweite. Gerade breche ich zur vierten und letzten Runde auf, werde es am Ende also auf etwa 50,8 Kilometer bringen. Über so lange Zeit einsam kreisend überwältigen einen schon mal derlei Assoziationen ... kleine Manege, kleiner Laufzirkus, nur 30 Teilnehmer. Auch der große Laufzirkus ist tot im Jahr der Pandemie 2020. Na ja, der Patient lebt wahrscheinlich noch, liegt aber seit März im Koma. Marathonläufe findet man kaum mehr und wenn, dann als Nischenveranstaltungen mit mikroskopisch kleinem Teilnehmerfeld. Als Marathonsammler tingele ich übers Land und nehme, was ich kriegen kann. Die Qualität der zirzensischen Show muss ja nicht schlechter sein, nur weil der Zirkus klein, familiär aufgestellt und spärlich besucht ist. So erklärt sich, weshalb ich in diesem Jahr bis auf zwei Ausnahmen ausschließlich Ultraläufe absolvierte. Und einer meiner beiden Marathonläufe fällt sogar noch in die fast schon vergessene Ära, bevor das Virus die Welt auf den Kopf stellte. Heute wieder Ultra, den Grüntalultra, in der württembergischen Provinz nahe Freudenstadt, zum siebten Mal weiter als Marathon in diesem Jahr.

Runde vier von vier und ich bin ... ja, was bin ich? Bin ich müde? Nähme nach inzwischen 37 Kilometern sicher niemanden Wunder. Zumal die drei vorherigen Runden meine Laufwerkzeuge mit jeweils 240 Höhenmetern drangsalierten. Aber "müde" trifft es nicht. Mein Tageslaufempfinden nachvollziehbar zu beschreiben wird schwerlich gelingen. Weil es dafür keine treffenden Wörter oder Wortkombinationen gibt. Von Beginn an stand - besser: lief - ich neben mir. Vielleicht so: Ein seltsam verkapselter Geist, der von seinem Körper durch die Gegend getragen wird, als gehörte er nicht dazu. Andererseits aber wahrnimmt, wertet und folgerichtig anweist. In Runde eins, nach dem Start früh um sieben, glaubte ich lange Zeit, diese "psychophysische Spaltung" sei der Kälte geschuldet. In kaum mehr als 10°C kalter Luft unterwegs und erbärmlich an den Händen frierend, begrüßte ich die ersten Steigungen. Hoffte auf "innere Wiedervereinigung" infolge Muskelwärme. Doch es kam anders. In der Aufwärtsbewegung erzählten meine Beine von offenbar unvollendeter Regeneration. Fünf Tage nach dem bockharten Oberlausitztrail schienen sie nicht willens schon wieder Höhenmeter zu sammeln.

Nicht willens, zu einem großen Teil aber doch fähig zu leisten, was ich von ihnen erwartete. Runde eins erwies sich mit 1:27 Stunden als die bisher langsamste. Anders als sonst hatte ich mir heute ein Zeitziel gesetzt. Die Rahmendbedingungen schienen geeignet, um unter sechs Stunden zu bleiben. Die "Streckenbesichtigung" in Runde eins stellte diese Absicht nicht infrage - auf entweder Asphalt oder festen, ebenen Waldwegen, dabei erträglich wenig Höhenmeter. Dass ich für die erste Tour dann doch 1:27 Stunden brauchte, nährte Zweifel: Ich werde scheitern, wenn ich - womit immer zu rechnen ist - hinten raus einbreche. Ich riss mich also am Riemen, forcierte - insbesondere bergab - ein wenig das Tempo. Jedenfalls fühlte es sich abschnittsweise auf Runde zwei so an. Da innerlich weiterhin uneins, traute ich meinem Laufgefühl allerdings nicht über den Weg.

Empfindungen können täuschen, die Uhr misst objektiv. Tatsächlich und erfreulicherweise war ich auf Runde zwei mit 1:24 Stunden volle drei Minuten schneller unterwegs. Und in Runde drei gelang es mir sogar dem Kurs - genauer gesagt meinem Körper - mit 1:23 Stunden eine weitere Minute abzuringen. Als ich den (einzigen) Verpflegungspunkt am Haus des Veranstalters verlasse, habe ich von den mir selbst zugestandenen 5:59 Stunden erst 4:14 Stunden verbraucht. Nicht einmal der verheerendste Tempoeinbruch auf der nun beginnenden Schlussrunde brächte mein Tagesziel noch in Gefahr!

Es scheint mir durchaus möglich, bald einen Gang zurückschalten zu müssen. Während des gerade beendeten Umlaufs stand ich nicht mehr nur neben mir. Die für das Tempo nötige Energie zu mobilisieren wurde auch mit jedem Schritt härter. Aber egal - sollte ich fortan verhaltener traben müssen, dann werde ich einen Teil des in drei Runden erwirtschafteten Zeitbonusí dafür opfern ... Entschlossen entferne ich mich von Start und Ziel, dem Verpflegungspunkt (VP) in Thomasí Garten*. Doch halt! Bevor ich weiterlaufe ein Wort zur Klarstellung: Nüchtern sachlich von dem, was Thomas in seinem Garten installierte, nur von einem "VP" zu sprechen ginge an der Realität weit vorbei. Treffender wäre die Bezeichnung "Imbiss" oder "kleine Gaststätte"! Unter Partyzelten, teils auch fest überdacht, laden Biertische und -bänke zum Verweilen ein. In schmaler, von Pfeilen am Boden vorgezeichneter Wendegasse werden die Läufer am reich gedeckten Büfett vorbeigeschleust. Eine Einbahnstraße mit der Möglichkeit anfänglich die Hände zu desinfizieren, alles in wortgetreuer Umsetzung geltender Hygienevorschriften. Wer wollte, konnte übrigens auch in Thomasí Haus übernachten und im "Imbiss" frühstücken. Mitzubringen waren lediglich Schlafsack und Matte.

*) Thomas Dornburg fungiert nicht nur als Veranstalter des Grüntalultras. Darüber hinaus findet unter seiner Regie am kommenden Wochenende der Neckarlauf in sieben Etappen statt. Im kommenden Jahr plant er einen Deutschlandlauf (21 Etappen) und 2022 einen Transeuropalauf in 41 Etappen.

Das Wiederanlaufen mit prall gefülltem Cola-Wasser-Bauch fällt mir viel schwerer als dreimal zuvor. Doch Beschwerden und innere Widerstände weichen zu meiner Erleichterung noch in den Gassen des Weilers Grüntal (Ortsteil von Freudenstadt). Hinterm Ortsausgang folge ich einem asphaltierten Rad- und Feldweg in der Flanke eines engen Tales. Irgendwo neben mir, tiefer unten, fließt wohl unsichtbar ein Bach. Heißt der vielleicht "Grünbach" und das Tal deshalb "Grüntal"? Eine vermutlich zu simple topografische Vorstellung.* Interessiert aber nicht wirklich. Anfangs nicht, weil ich erbärmlich fror. Jetzt erst recht nicht mehr, da ich kämpfe und gebe, was noch an Reserven in mir ist. In kurzem, unschwierigem Auf und Ab vorbei an Hangwiesen; zuweilen mit Blick in einen Himmel, der sich seit Sonnenaufgang nicht entscheiden kann: Gibt sich mal blau und der Sonne die Ehre, dann wieder milchig weiß, Zwielicht durch Wolkenschleier verbreitend.

*) Tatsächlich fließt im Talgrund der "Stockerbach". Der Orstname Grüntal nimmt Bezug auf die Lage des Dorfes "im grünen Tal".

Bin ich tatsächlich langsamer unterwegs oder fühlt es sich auf arg strapaziertem Bewegungsapparat nur so an? Das augenblickliche Tempo zu halten ist jedenfalls gleichermaßen Willens- wie Kraftakt. Zum vierten Mal vorbei am spiralig mattrot und schwarz lackierten Grenzpfahl. Möglicherweise stellst du dir dieselbe Frage wie ich, als ich den historischen Pfahl heute früh zum ersten Mal erblickte: Welche eminent wichtige Grenze mag der Weg an dieser Stelle kreuzen, auf die mit derlei Aufwand hinzuweisen war? Tatsächlich grenzen sich hier nur Gemeinden voneinander ab. Gemeinden, die heute nicht einmal mehr selbstständig sind, das frühere "Grünthal" und das Dörfchen "Aach", in dem der Feldweg Minuten später und nach steiler Schussfahrt endet. Von Aach bekommen wir Läufer kaum mehr als ein Fachwerkhaus (Gasthaus "Waldgericht") und zwei Brunnen mit steinernem Trog zu sehen. Umsichtig überquere ich die Straße und verlasse den Ort über eine zunächst moderat ansteigende Rampe ...

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Währenddessen geselle ich mich gedanklich zu Ramin, einem guten Laufbekannten, dem ich heute Morgen vorm Start zum dritten Mal in diesem Jahr begegnete. Gleichermaßen "schockgefrostet" wie ich, brauchte er eine ziemliche Weile, um seine übliche "Drehzahl" zu erreichen, joggte den ersten Kilometer gar mit Händen in den Hosentaschen. Eine Kuriosität, die meine Auffassung vom Wettkampfsport einmal mehr bestätigt: Du kannst tausend Mal Marathon oder Ultra gelaufen sein und wirst doch beim nächsten wieder etwas Neues, Unerwartetes erleben. So auch dies: Als wir - der gebremste Hosentaschen-Ramin und ich - die Hauptstraße in Aach überquerten, erreichte uns aus gerade ausrollendem Fahrzeug die Frage: "Was macht ihr denn hier?" Offenbar erregten unsere Startnummern die Neugier dieses zufälligen Augenzeugen. Zumal an einem stinknormalen Donnerstag (!), einem Werktag, den ein fleißiger Schwabe für gewöhnlich nutzt, um am Wohlergehen seines Bankkontos zu arbeiten. Was soll man auf so eine Frage en passant und in Kürze antworten? Die ganze Wahrheit zu schildern erforderte einen mehr oder weniger langen Aufenthalt. Glaubt der wirklich, dass ein Läufer im Wettkampf stehenbleibt? Ramins Schlagfertigkeit gibt die kürzest mögliche, zugleich korrekte, wegen der Offensichtlichkeit unseres Tuns dennoch absolut überflüssige Antwort: "Laufen!"

"Ja, das sehe ich!" ruft er uns noch hinterher, während wir einander zulächelnd das Weite suchen. Also, was genau machen wir hier? - Wir laufen den Grüntalultra in vier Runden, ungefähr 50 km weit, wie bereits erwähnt. Ausgerichtet von Thomas Dornburg, der kürzlich seinen 60. Geburtstag feierte und aus diesem Grund kein Startgeld erhebt. Spenden sind willkommen, als Geburtstagsgeschenk, wenn man so will. Er muss ein Laufverrückter sein, dieser Thomas Dornburg. Einer, der zu einem Großteil dafür lebt anderen ultralanges Laufen zu ermöglichen. Wie sonst könnte es sein, dass er heute einen Ultra ausrichtet und drei Tage später schon wieder 60 Langstreckler*innen um sich schart, die er sieben Etappentage lang auf ihrem Lauf entlang des Neckars betreut? Warum der Grüntalultra ausgerechnet an diesem Donnerstag stattfindet, kann ich nur vermuten. Vielleicht Gelegenheit zu einem letzten Training für Teilnehmer am Neckarlauf!? Das alles und noch mehr hätte ich auf das "Was macht ihr denn hier?" erwidern können ...

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Auf dem moderat ansteigenden Feldweg auswärts Aach, der zunächst parallel zu einer Bundesstraße verläuft, sich dann jedoch abwendet und zugleich an Steilheit zulegt, zog Ramin in Runde eins rasch davon. In austrainierter Verfassung und bei entsprechender Ambition wäre er fähig um den Sieg mitzulaufen. Sicher täuschte mich mein Eindruck nicht, dass es ihm heute Morgen an beidem mangelte. Zwei kurze, steilere Stücke des Weges, ein Eichenwäldchen durchquerend, fahren mir diesmal gewaltig ins Gebein. Mit kurzen Trippelschritten arbeite ich mich empor, gerate dabei gehörig außer Atem. In Umlauf eins schien mir diese Passage nicht sonderlich anspruchsvoll, jetzt belastet sie mich grenzwertig. Wie gut, dass der aktuellen keine weitere Runde mehr folgt!

Wo der Feldweg im rechten Winkel zur Wiesenkuppe hin abknickt, laufe ich geradeaus weiter, für ein paar Minuten nun auf ziemlich nach Trail schmeckender Route. Erst uneben knubbelig, dafür einem gottlob flachen, grasbewachsenen Pfad folgend. Kurz darauf in Hanglage durch ein Fichtenwäldchen. Etwa 30 kritische Meter, die ich auch diesmal hochkonzentriert überwinde. Überwinden durchaus auch im Wortsinne: Zahlreiche Wurzeln, der Stamm eines vom Wind geknickten Bäumchens und ein mysteriöser, kleiner Erdwall (?) verlegen mir den Weg. Ich rette mich auf sicheres Terrain, vermutlich die Fortsetzung des verkrauteten Weges, den ich vor nicht einmal einer Minute aus unerfindlichem Grund verlassen musste. Im folgenden Abschnitt, noch immer grasige Piste, gabís jedes Mal was auf - pardon: in - die Nase. Heuduft zieht von einer vor nicht allzu langer Zeit gemähten Streuobstwiese den Hang herauf. Gäbe es sonst nichts, was den Weg hierher lohnte, allein dieses Aroma wäre die Mühe wert.

Der Pfad mündet in eine Wohnstraße. Ich war hier früh genug unterwegs, um den Start einiger Bewohner in ihren Alltag beobachten zu können. Beispiel: Einer parkte rückwärts aus seiner Garage aus. Als er ausstieg, um das Tor zu schließen, grüßte ihn die Nachbarin von schräg gegenüber, die ihrerseits gerade ihr Auto bestieg. Der Mann fuhr davon und ward nicht mehr gesehen. Besagte Nachbarin, die mich kurz darauf überholte, wähnte ich gleichfalls auf dem Weg zur Arbeit. Doch eine Runde später war sie wieder zurück von ihrer Besorgung (?) und werkelte im Vorgarten ... Eine von etlichen, für mich stillen Beobachter bedeutungslosen Begebenheiten an einem Werktag im August. Laufe einen Wettkampf unter der Woche in dir fremder Umgebung! Dann weißt du wie oder womit dortige Einwohner die meiste Zeit ihres Lebens verbringen.

Unterdessen geht mir die Puste für weitere pseudophilosophische Gedanken aus: Auf dem Bürgersteig hinan. Dreimal zuvor, ohne mich in hundert Meter langer, allenfalls mäßiger Steigung zu verausgaben, diesmal gehörig rangenommen. Wieso setzt mir der Anstieg jetzt dermaßen zu? Entbehre ich tatsächlich schon so sehr der Kraft oder liegt es am Ehrgeiz auch in der Schlussrunde das Tempo unbedingt durchstehen zu wollen? Letzteres wird mir nicht gelingen. - behauptet das aktuelle Laufgefühl. Mal sehen, es wäre nicht das erste Mal, dass mich mein Empfinden in der Hitze des "Endkampfes" narrt ...

Weg von der Straße, einem asphaltierten Pfad hinter diversen Anwesen folgend. Zum ersten Mal seit Stunden mache ich vor mir zwei andere Läufer aus. Gehend. In rascher Annäherung erkenne ich, dass sie zu überholen mich in der Rangliste nicht nach vorne bringen wird. Ich war ohnehin in Front, überrunde die beiden jetzt. Entbiete dabei ein gedämpftes "Hallo!" zum Gruß. Zu mehr reicht die Kraft nicht und weniger käme mir ultra-unwürdig vor. Weiter: Links ein Kuhstall, den ich mehr rieche als er hinter Büschen und zwischen Bäumen auszumachen wäre. Rechts schweift der Blick über den Talgrund, bleibt einmal mehr an prächtig gelb blühenden Stauden hängen. Voraus eine zweite, das Tal überspannende Eisenbahnbrücke, unter der ich hindurch laufe. Vor Aach gab es schon mal eine. Keine "architektonischen Hingucker", weder diese, noch jene, wahrscheinlich nicht einmal historisch, ob ihrer schieren Spannweite und Größe aber doch beeindruckend. Direkt unter der Brücke überquere ich den Bach und damit beginnt, was in jeder Runde die heftigste Hürde darstellte, 500 Meter steiler Anstieg ...

... zum Glück auf dem asphaltierten Bürgersteig einer brachial ansteigenden Straße. Und dabei besuche ich nach und nach Städte im ehemaligen deutschen Osten ... überquere zuerst die Einmündung der Breslauer, etliche Tippelschritte weiter, bereits pumpend wie ein Maikäfer, die Stettiner, unter maximalem Druck im Kessel die Danziger und zuletzt, die Erlösung schon vor Augen, die Königsberger Straße ... Laufe ich noch? Jedes meiner Beine wiegt tonnenschwer! Aber ja, doch, ich laufe! Überholte sogar einen Mitläufer, den dieser Berg zur Strecke brachte. Was ich als "Erlösung" herbeisehne, ist ein fast flacher Abschnitt, der die letzten Meter entlang einer Sportanlage bis zum Wald überbrückt. Sportanlage für wen und wo? Unbekannt! Auch in Runde vier bleibt mir verborgen, welcher Ortschaft ich diesen steilen Berg "anzukreiden" habe.*

*) Es handelt sich um den Freudenstädter Stadtteil Wittlensweiler

Das warís noch nicht mit Steigung, wenngleich sie sich ab jetzt im Wald versteckt. Überdies auf ein Maß reduziert, dass ich noch in Runde eins und zwei als bedeutungslos einstufte. Eine Fehleinschätzung, nicht länger haltbar, da meine Beine nun vehement gegen derlei Verharmlosung protestieren. Also weiter aufwärts, in akzeptablem Tempo. Der knochenhart verfestigte, von losem Geröll überwiegend freie Weg machtís möglich. Auch wachsender Optimismus unterstützt mich, immerhin habe ich das Schlimmste nun hinter mir. Okay, da kommt noch was, zweieinhalb Kilometer vorm Ziel, aber auch diese finale Boshaftigkeit wird mich nicht aufhalten können ...

Wem es nicht ohnehin schon klar ist: Ich laufe jetzt durch den Schwarzwald! Nicht in jenem Teil, der von hohen Bergen und tiefen Schluchten geprägt ist, den Touristen gemeinhin mit Schwarzwälder Schinken, Kuckucksuhren und roten Bollen auf Trachtenhüten gleichsetzen. Stattdessen in den Ausläufern des "mittleren Schwarzwaldes", an deren östlichem Rand Freudenstadt liegt. Ein Schwarzwald-Klischee behält augenscheinlich aber auch hier Gültigkeit: "Schwarzwald" ist gleich Fichtenwald. Den Eindruck fand ich in der Vergangenheit mehrfach bestätigt und halte an der Gleichung fest, so lange mich niemand besseren Wissens von etwas anderem überzeugt. Abertausende besagter Fichten werden meinen Weg nun fast sechs Kilometer weit säumen. Aufwärts noch, dann stückweit und wohltuend ebenerdig, schließlich wieder in leichtem Gefälle und in Gegenrichtung abwärts.

Ich nähere mich einem Mitläufer. Was er zu vorgerückter Wettkampfstunde noch aus seinem Bewegungsapparat "herausholt", sieht weder nach Laufen, noch nach korrektem Gehen aus. Überforderung demonstrierende Schritte, die einleitend Laufen antäuschen, im weiteren Bewegungsablauf jedoch gehend enden. Sieht unbeholfen aus, unkoordiniert, irgendwie "eckig". Es fehlt Kraft, vermutlich auch Training und als verbindende Ursache identifiziere ich "fortgeschrittenes Alter". Ich darf das alles so ungeschminkt ausdrücken, weil mir zu seinem Alter nur ein paar Lebensjahre fehlen. Wieder einer, den ich mir zum negativen Vorbild nehme. Entschieden gesagt aber nicht böse gemeint, denn: Jeder ist seines Glückes Schmied. Wenn sich jemand eine Distanz zumutet, der er eigentlich nicht gewachsen ist, so ist das zunächst allein seine Sache. Warum nicht, wenn er dabei glücklich ist, ihn auch nicht stört ein Bild des Jammers abzugeben. Mir selbst werde ich das nicht gestatten. Kurze Strecken sind sicher bis ins hohe Alter laufend zu bewältigen und auf längeren wird Wandern oder Spazierengehen die Disziplin meiner Wahl sein! Ich jogge verhalten grüßend vorbei, will keinesfalls nassforsch oder überheblich wirken. Das Echo ist erwartungsgemäß schwach. Will mir gar nicht vorstellen, dass er zu diesem Zeitpunkt der Überrundung noch mehr als einen kompletten Umlauf vor sich hat ...

Nächtes Teilziel: Mein persönlicher VP. Nur dreimal, nach jeweils 12,7 km einer Runde zu trinken und Gel einzuwerfen, war keine Option. In "kleiner Manege" einen Trinkgürtel oder gar -rucksack mitzuschleppen aber auch nicht. Also entschied ich, den Trinkgürtel ungefähr zur Hälfte in Runde eins hinter einem Baum zu verstecken. Inhalt: Etwa 0,5 Liter Wasser und drei Gelpäckchen. Was ich brauchte, war eine markante Stelle inmitten von Fichten besiedelter Einförmigkeit, um mein Depot auf Anhieb wiederzufinden. Ab einer unverwechselbaren Weggabelung suchte ich rechts wie links nach "meinem" Baum: nahe am Weg stehend, hoher Wiedererkennungswert und ausreichend dicker Stamm, der meine Labsal verbirgt. Und hinter dieser mächtigen, alten Fichte finde ich mich nun zum vierten und letzten Male ein. Schlucke das letzte Gel (mit den drei im Zielbereich genossenen insgesamt sechs) und spüle die Süße mit dem Rest des Wassers in der Flasche runter. Schrumplig leere Gelpäckchen verstauen, Flasche einstecken und ab ... das Umschnallen des Gürtels vollführe ich bereits gehend auf dem Weg.

Nächstes Teilziel: Höchster Punkt der Route. Bis dahin zähle ich noch zigtausend Nadelbäume, überwinde aber lediglich weitere 40 Höhenmeter. Das war beim ersten Mal leicht, weitere zweimal kein Problem. Lag jedenfalls unterhalb der Schwelle, wo ich Steigung als lauferschwerend einstufen würde. Inzwischen fordert mich sogar dieser eigentlich harmlose Abschnitt. Macht mir aber nichts aus, weil ich mich zugleich und frohgemut von jedem Meter Schwarzwald verabschiede. Motto: Zum letzten Mal hier vorbei!

Dann abwärts. Merklich beschleunigt mein Schritt in minimalem Gefälle. Setze Haken um Haken hinter Markantem. Viel gibtís da natürlich nicht, erst recht nichts Spektakuläres. Da sind die von einem schweren Fahrzeug im angrenzenden Wald hinterlassenen und mit brauner Brühe vollgelaufenen knietiefen Fahrspuren. Muss eine zig Tonnen schwere Maschine gewesen sein, die sich hier ihren Weg zwischen Bäumen bahnte ... Haken hinter ein paar Stauden, die weit in den Weg hängen ... den ersten Ameisenhaufen, bald hinter zwei weitere, einander benachbarte ... Fünfzig Meter knieforderndes Gefälle, auf dem ich auch diesmal im D-Zug-Tempo abwärts trudele - uuuuuund abhaken ... Zum letzten Mal jene dreihundert Meter, auf denen der Weg noch einmal leicht ansteigt ... schließlich die Lichtung linkerhand, als Vorankündigung bald den Wald zu verlassen ... Sobald ich die Lichtung passiert habe, sehe ich bereits Licht am Ende des Tunnels. So wirkt es tatsächlich. Ein Tunnel aus "Schwarzwald" und am Ende ein Portal, das nun stetig größer wird.

Am Waldrand öffnet sich der Blick, als zoomte man mit dem Kameraobjektiv urplötzlich auf Weitwinkel. Schaut über gemähte Wiesen zu einzeln stehenden Bäumen und Baumgruppen - fraglos eine der reizvollsten Ansichten entlang der Strecke. Ich biege scharf links ab, bleibe am Waldrand, tauche kurz darauf sogar wieder im Forst unter. Es folgt, was ich salopp als "die letzte Härteübung" bezeichnen möchte. Sie beginnt im übelsten Gefälle, das der Kurs zu bieten hat. Hundert Meter, auf denen jeder Schritt in die Tiefe meine Oberschenkel exzentrisch ans Limit und die derzeit gestresste LWS-Region zum Versenden von Alarmsignalen treibt. Kaum unten, geht es verzugslos wieder rauf. Was für eine bitterböse Überraschung in Runde eins, als ich mir in Unkenntnis der Strecke noch ausmalte weiter gemütlich gen Grüntal joggen zu dürfen. Nun wieder: Schritt verkürzt, Atem beschleunigt, Herzschlag hämmernd, so besiege ich den zwar kurzen, aber ekligen Buckel zum vierten und letzten Mal.

Der nahe Waldrand markiert das Ende der Mühsal. Auf dieser Runde kommt mir kurz vorher ein Mann entgegen, der sich immer wieder umwendet, kurz verharrt und irgendwelche nach Lockruf klingenden Geräusche von sich gibt. Als Hundebesitzer ordne ich dieses Verhalten entsprechend ein. Tippele wortlos - noch aufwärts - an dem Mann vorbei und erwarte jeden Moment seinem Vierbeiner zu begegnen. Doch da zeigt sich kein Hund, nicht auf den verbleibenden dreißig Metern bis zum Waldrand. Als ich schon glaube einem sinnlos brabbelnden Sonderling begegnet zu sein, just beim Verlassen des Waldes und vor einer Wiese rechts abbiegend, flüchtet ein dunkler Schatten vor mir. Was da in panischer Angst davonprescht, erweist sich als rabenschwarz befellter, junger, in seiner Silhouette einem Schäferhund nicht unähnlicher Vierbeiner. "Er ist hier auf der Wiese! Abgehauen als er mich gesehen hat!" Ich brülle die Sätze quer durch den Wald in Richtung des unsichtbaren Herrchens. "Ich weiß! Danke!" kommt es frohgemut zurück. Unterdessen trottet der Angsthase bereits wieder in Richtung Wald, weswegen ich die Situation als "geregelt" und abgeschlossen betrachte.

Noch zwei Kilometer und nun tatsächlich nur noch abwärts. Alsbald endet die Schotterpiste, den Rest jogge ich über Asphalt. Natürlich nehme ich Fahrt auf, wettete allerdings mit jedermann, nun eindeutig unter dem vormalig erreichten Tempo zu bleiben. Wetten, die mich in die Armut trieben, weil ich sie allesamt verlöre. Die spätere Auswertung wird ergeben, dass ich in der finalen Runde mit 1:23 Stunden ebenso flott unterwegs war wie in der Runde davor. Dass es sich gegenteilig anfühlt, dafür gebe ich der anhaltenden inneren Zerrissenheit die Schuld. Noch immer ist mein Empfinden als eine Art Passagier in seinem Körper unterwegs. Mitfühlend, auch lenkend, aber nicht "voll integriert".

Ich verabschiede mich von der Landschaft. Was mir leicht fällt, weil sich die körperliche Abnutzung mittlerweile schmerzhaft bemerkbar macht. Das Zwicken und Zwacken ist dem heute (für mich!) hohen Durchschnittstempo zuzuschreiben. Hohes Tempo, für das Asphalt und beste Waldwege die Voraussetzung bildeten. Hört sich widersinnig an, stimmt aber: Gute Wege verursachen mir im Wettkampf Laufbeschwerden. - Auch mit Blick in den Himmel, der sich nun immer mehr eintrübt, fällt der Abschied nicht schwer. Genug Laufzirkus in kleiner Manege heute! Die ersten Häuser von Grüntal, zuletzt noch einmal in rüdem Gefälle hinab, an der Kreuzung links und auf den letzten Metern dem nahen Ziel entgegen. Als ich in Thomas Dornburgs "kleiner Gaststätte einkehre", vollendet die Uhr gerade fünf Stunden und siebenunddreißig Minuten.

 


 

Fazit zur Veranstaltung

Die Strecke lockt nicht mit Spektakulärem, weiß aber im Kleinen und mit diversen reizvollen Ansichten zu gefallen. Deshalb sind vier Runden zu je etwa 12,7 Kilometer gut auszuhalten. Etwa sechs Kilometer der Route verlaufen im Wald, der Rest zwischen Wiesen oder in Ortschaften. Hinsichtlich der tatsächlichen Höhenmeter vertraue ich der barometrischen Messung meiner Uhr, die 960 Höhenmeter ermittelte (1.230 Höhenmeter waren offiziell angegeben).

Organisatorisch kann man nicht mehr bieten, als Thomas Dornburg und sein Team an diesem Tag bereitstellten. Ich fühlte mich rundum gut betreut und bestens versorgt. Vielen Dank!

Fazit: Gerne jederzeit wieder!

 

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