Sonntag, 2. Juni 2019

Kaum Variablen, beglückende Konstanten  -  Sommeralm Marathon 2019

Das Wetter spielt weltweit verrückt. Noch in meiner Jugend durfte man sich auf örtlich und saisonal wiederkehrende Wetterlagen einstellen. Das ist vorbei. Wärme, wenn eigentlich Frost oder Übergang vorherrschen sollte oder Kälte in sommerlicher Jahreszeit stülpen nicht selten die gewohnte „Wetterordnung“ um. Ich will hier nicht nach Gründen suchen, noch Petrus‘ Wankelmütigkeit beklagen. Will nur feststellen, dass auf den meteorologischen Himmel kein Verlass mehr ist.

Umso verblüffender die Tatsache einer Region in Europa, die in den letzten sieben Jahren, jeweils am ersten Juniwochenende, mit demselben Wetter aufwartete: Morgens sonnig und schwülwarm, im Tagesverlauf zunehmend wolkig, am Nachmittag Neigung zu Regengüssen oder gar Gewittern. Und exakt diese Witterung genießen Roxi und ich auch in diesem Jahr, beim achten Marathonlauf von Winzendorf bei Pöllau hoch zur Sommeralm. In genauen Karten findest du die angegebenen Orte verzeichnet, etwa 40 Kilometer Luftlinie östlich von Graz, in der Oststeiermark.

Der kluge Marathoni hat natürlich alle Ausrüstungsvarianten im Gepäck. Beim Sommeralm Marathon kam jedoch jeweils nur die Minimalversion zum Einsatz. Was abgesehen von der Witterung auch dem Profil dieses Bergmarathons geschuldet ist. 1.800 Höhenmeter im Anstieg, 800 „downhill“, unterziehen die Schweißdrüsen einem Stresstest. 1.800 Höhenmeter zu unterschätzen scheint schlechterdings unmöglich. Und doch tappen Sommeralm-Debütanten nicht selten in diese Falle. Weil einen die Strecke im zwar steten, vergleichsweise aber harmlosen Auf und Ab der ersten 27 Kilometer zu offensiver Tempogestaltung verführt. Mit hinterhältigem Grinsen den Eindruck vermittelt, man habe schon den Löwenanteil des Gesamtaufstieges bewältigt. Nur um auf den letzten 15 Kilometern Unvorsichtige mit den längsten und härtesten Hängen überhaupt herauszufordern und - so sie ihre Ressourcen nicht sparsam dosierten - rigoros abzustrafen.

„Bei Kilometer 27, nach dem Abstieg in ein Tal, beginnt der Sommeralm Marathon erst richtig. Und das mit 600 Höhenmetern nonstop bergan auf den nächsten sechs Kilometern!“ Michael, an den ich meine Warnung adressiere, hat zwar schon einige Marathonläufe auf dem Kerbholz, darunter aber keinen mit solchem Anspruch. Sein nicht zu überspürendes Lampenfieber, schon gestern bei der Anreise, war nur allzu verständlich. „Cool“ bis abgebrüht dagegen die Einstellung von Sybille und Stephan, deren beider Läufervita weit „kriminellere Bergfahrten“ verzeichnet. Mit mir vier Mitglieder desselben Vereins, der TG Viktoria Augsburg, die das Starterfeld auf etwa 60 Teilnehmer erweitern.

Mit dem Kopf schon mehr in Südafrika als mit dem Körper in heimischen Gefilden, hätte ich unter normalen Umständen in diesem Jahr auf die Sommeralm verzichtet. Doch beim Sommeralm Marathon gibt es für mich - und wer einmal da war wird mir aufs Entschiedenste beipflichten - keine „normalen Umstände“. Das liegt am „Gesamtpaket“ der Veranstaltung, für das Hannes Kranixfeld, alias „Kraxi“, seine Frau Barbara, die beiden Söhne Marcel und Kevin und viele Bekannte als Helfer verantwortlich zeichnen. Über die Jahre etablierten Kraxi und Babsi in allen Details der Veranstaltung einen Standard, der in der Laufwelt unerreicht sein dürfte. Außerdem verbindet mich eine langjährige Freundschaft mit Kraxi und Babsi, die nur unter dramatischen Umständen einen Verzicht auf die „Sommeralm“ als jährliches Laufziel zuließe. Eine wenige Stunden später beginnende Urlaubsreise nach Südafrika ist da einfach nicht dramatisch genug.

Darum sind wir wieder da, Roxi, meine Hündin, und ich. Und man kennt uns, so wie auch mir viele der österreichischen Läufer und Helfer aus der „Sommeralm-Familie“ alles andere als fremd sind. Vor allem Roxi hinterließ noch jedes Jahr am Start einen bleibenden Pfotenabdruck im Gedächtnis der Anwesenden. „An Roxi erinnere ich mich gut, an dich eher nicht!“ lächelt uns eine Läuferin vorm Start entgegen. Dass es mir mit ihr genauso geht, verschweige ich der Höflichkeit halber. Zudem entstünde ein falscher Eindruck von Ignoranz. Im Bemühen sie im Bestien-Modus zu bändigen bin ich vorm Start auf Roxi fokussiert. In dieser Phase entgeht mir vieles. Unter anderem heute einige Bekannte, denen ich später auf der Strecke oder bei der Siegerehrung begegnen werde.

Also alles wie immer: Start unter wolkenlos blauem Himmel und ein dem temporären Wahnsinn verfallener Hund, der sich an der Leine zerrend nahezu erwürgt. Dabei auf eine Weise röchelt und keucht, die Darth Vader vor Neid erblassen ließe. Wir bleiben hinterm Feld zurück, damit Roxi ihren Adrenalinspiegel abbauen kann. Und meinem in frühmorgendlichem Standby dümpelnden Kreislauf bekommt das Schneckentempo zum hügeligen Beginn auch besser. Merke: Wer einen flachen Beginn zum Einlaufen braucht, sollte auf alternative Marathonstrecken ausweichen …

Roxi ist wieder Roxi. Ganz abgeklärte, brave Hündin, die sich mit ein paar Kommandos verlässlich durch Dick und Dünn dirigieren lässt. Lediglich 300 Meter Unfreiheit an der Leine musste sie ertragen. Seitdem pendelt Roxi: Rennt voraus, kehrt wieder um, sucht mich, wartet bei Bedarf. Den anfänglichen Trail im Wald nahe Winzendorf habe ich ohne auszurutschen und - wider Erwarten - ohne morastige Schuhe überstanden. Im Pöllautal ist auf einem halben, flachen Kilometer Entspannen angesagt. Bevor es wieder aufwärts geht, stetig, mit wechselnder Steilheit.

Kilometer 5, die erste Labstelle, wie Verpflegungsstationen in Österreich bezeichnet werden. Kraxis Sohn Kevin, unterstützt von einem Freund, schenkt Wasser und Iso aus. Ich kippe mir drei volle Becher hinter die Binde. Schon auf den ersten schwülwarmen Kilometern habe ich Ströme von Schweiß vergossen. Roxi reibe ich zwei Becher Wasser ins schwarze Fell. Ein wenig Abkühlung für Kopf, Nacken und Rücken. Fast drei Minuten kostet uns die Versorgung. Ein Vorgang, der sich nun an fast jeder der 10 (!) Laben wiederholen wird.

Mit jedem Meter Höhengewinn wird die Aussicht reizvoller. Hinunter ins Pöllautal oder über die grün-grün gefleckten, weitläufigen Gegenhänge. Hellgrün die Wiesen, dunkelgrün die Waldflächen. Hätten wir daheim in Bayern mehr solcher Wiesen erhalten, das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ wäre nie aus der Taufe gehoben worden. Sortenreiche Gräser, durchsetzt mit farbenprächtigen Blumen, zu Heu geworden intensiv duftend.

Auch dieses Bild könnte meiner Erinnerung an vormalige Auflagen des Sommeralm Marathons entlehnt sein: Mit einigen meiner Mitläufer liefere ich mir ein unbeabsichtigtes, wenngleich zwangs-läufiges Duell. Unbeabsichtigt, weil keiner von uns es darauf anlegt die Nase vorn zu haben. Der „Wettlauf“ entwickelt sich „zwangs-läufig“, weil alle in harschen Anstiegen gehen. Nur Roxi und ich nicht. Gehen geht nicht: Auch in diesem Jahr will ich jeden Meter hoch zur Sommeralm im Laufschritt bewältigen. Bergan ziehen Roxi und ich vorbei, im Flachen oder Abschüssigen werden wir alsbald wieder überholt …

Kilometer 10, Labe zwei, betrieben von Babsi: Während ich trinke, erfahre ich von Babsi, dass Sybille derzeit Platz drei hält. Ob es wohl dabei bleiben wird? - Die ungeduldige Roxi bricht kurz vor mir auf, was ihr ein paar geharnischt ausgestoßene Kommandos einträgt. Zwar sind die Sträßchen der Laufstrecke am Sonntagvormittag kaum befahren. Vor rollenden Rädern müssen wir dennoch jederzeit auf der Hut sein. Mit Grausen denke ich an den Milchlaster, der vor einigen Jahren unvermittelt um eine Kurve bog und auf die arglose Roxi zufuhr … Roxis Ungestüm hat aber auch etwas Beruhigendes. Im Juli wird sie 12 Jahre alt. Nicht eben wenig für einen Hund ihrer Größe. Seit einer ganzen Weile schon achte ich mit Argusaugen auf Anzeichen, die Roxis Marathontauglichkeit infragestellen. Bislang fand ich keine. Im Training hängt sie zuweilen gelangweilt zurück, was jedoch ihrer altersgemäßen Cleverness und dem Faktor „die Strecke kenne ich schon, hier riecht’s heute auch nicht anders als vorgestern und letzte Woche“ geschuldet sein dürfte. Sobald wir unser Zuhause ansteuern, wo nach dem Jogg das kulinarische Highlight des Tages winkt, rennt sie wie gehabt in „jugendlicher Frische“ voraus.

Wir joggen durch eine von Österreichs Obstanbauregionen. Kenntlich an diversen Plantagen, die unseren Weg bereits säumten, an Streuobstwiesen und Hinweisschildern. Letztere offerieren Dörrobst und Säfte oder lenken Liebhaber von Hochprozentigem zu Brennereien. Ich schenke dem Himmel einen argwöhnischen Blick: Den offenbar raschen Übergang von makellos blauem Himmel zu heftig quellenden Wolkentürmen registrierte ich erst vorhin, als mich plötzlich kühlender Schatten umfing. Alles wie immer. Ich hoffe nur, dass die Bewölkung sich nicht zu Regen oder gar Gewitter verdichtet.

Wenn zutrifft, was ich vermute, dass Roxi der Weg zur Sommeralm genauso vertraut ist wie mir, dann freut sie sich auf die nächste Verpflegungsstelle. Weil sie ab dort eine gute Viertelstunde vor einengenden Kommandos ihre Ruhe hat. Nach der Labe dem Waldrand folgend auf einer Schotterpiste steil empor, alsbald vom Wald verschluckt. Roxi schnüffelt, bleibt zurück, überholt mich wenig später im flotten Trab. Wildfährten! Gibt es Interessanteres für ihre Nase? - Als wir uns vor fast 10 Jahren zum Sechs-Beine-Paarlauf vereinten, verschwand sie bei solchen Gelegenheiten für längere Zeit im Dickicht. Zu Ines und meiner hellen Aufregung. Nach etwa einem halben Jahr hatten wir ihren Jagdtrieb weitestgehend eingedämmt. Grimmigstes Ungehaltensein empfing sie jeweils nach ihren Ausflügen. Nach und nach kapierte sie, dass ihr Rudel solches Verhalten nicht duldet. Seitdem kann ich mich blind auf sie verlassen: Sie nimmt eine Spur zwar auf, hat Spaß daran sie ein paar Meter abseits des Weges zu verfolgen, um dann auf flinken Pfoten hinter mir her zu flitzen.

Talwärts umgeben Wiesen den großen Bauernhof. Auf einer von ihnen weideten noch in jedem Jahr Milchkühe. Welche Wiese derzeit beweidet wird, lässt sich vom Asphalt ablesen. Kuhfladen oder zumindest Reste davon markieren den allabendlichen Cow-Trail zum Stall, genauer gesagt zur Melkmaschine. Für mich kennzeichnet der Hof den vorerst höchsten Punkt der Strecke. Dahinter steil hinab zur Bundesstraße, die uns binnen weniger Minuten zum Gschaider Sattel und dem Baum der Bäume geleitet. Eine Winterlinde, mehrere hundert Jahre alt und von solch erhabener Gestalt, dass sich ihr unaufgefordert zu nähern an Majestätsbeleidigung grenzt. Mit ausladenden Ästen beschirmt sie eine weitere Labe, an der wir uns nur kurz erfrischen. Roxi bekommt einen von zwei Hundesnacks, die ich im Gürtel bei mir trage. Für mich gibt’s einen „Gel-Snack“ (einer von fünf insgesamt) und reichlich Iso zum Nachspülen. Roxi mit Wasser aus Bechern zu begießen unterlasse ich diesmal. Dafür gibt’s nur viertelstundenweit von hier eine geschicktere Alternative …

Ein paar hundert Meter voller Laufgenuss: Flach über Asphalt und vor uns das Panorama des so genannten Steirischen Almenlandes. Wer’s weiß und den Anblick erträgt, der kann von hier aus auch schon das Ziel auf der Sommeralm erahnen - unweit des winzig kleinen, scheinbar Lichtjahre weit entfernten Windrades …

Begeistert ist sie nach all den Sommern, in denen wir die Methode mancherorts praktizierten, noch immer nicht, lässt es aber willig geschehen. Aus der Kuhtränke - ein unablässig von einer Quelle gespeister Trog am Straßenrand -, schöpfe ich Wasser und „bade“ meinen Hund. Mehrfach schüttelt sich Roxi, womit sie auch mir eine Dusche beschert. Zum guten Schluss schlabbert sie noch reichlich Wasser aus meinen zum Hundenapf zusammengelegten Händen. Nach reichlich drei Minuten machen wir uns an die Verfolgung jener, die die „Frechheit“ besaßen uns zwischenzeitlich zu überholen. Einer von ihnen scherzte en passant: „Wenn ich noch mal auf die Welt komme, dann als dein Hund. Ich möchte auch so umsorgt werden!“

Liebte ich nicht vieles - nein: eigentlich alles - am Sommeralm Marathon „heiß und innig“, ich wäre kaum jedes Jahr am Start. Eine seiner angenehmsten Eigenschaften ist der weitgehende Verzicht auf negative Höhenmeter. Nur einmal - jetzt, bei Kilometer 23 - beginnt ein fuß- und knieschreddernder Abstieg. Auf steile, teilweise nicht ungefährlich holprige Wegstücke folgen jedoch mehrfach beinahe flache Abschnitte oder auch kurze Gegenanstiege. Labsal fürs „downhill“ leidgeprüfte Fahrgestell. Die Schussfahrt bietet auch Abwechslung: Dunkle, kühle Passagen im dichten Wald wechseln mit Wiesen und freier Sicht. Da und dort Viehweiden und Bauernhöfe. Eine Herde Bullenkälber prescht parallel zu uns Läufern übers Gras. Reagieren sie auf die bunten Zweibeiner oder doch eher auf Roxi? - Rinnsale überquere ich mit weitem Schritt, nicht ohne das übliche, auffordernd ausgesprochene „Wasser, Roxi! Wasser!“ Litte Roxi Durst, sie stillte ihn jetzt. Dass sie es nicht tut, demonstriert ihr tierisches Verständnis von Zeit: Sie lebt im Hier und Jetzt. Vergangenes bewahrt sie allenfalls als Reflex, der in ähnlicher Situation ihr Verhalten beeinflusst. Die Zukunft - etwa in Form vorsorglichen Trinkens, weil Durst sie doch unweigerlich heimsuchen muss - ignoriert sie völlig. Zukunft ist imaginär, nichts was geschieht oder bereits geschah … Zukunft existiert für Roxi nicht.

Eine Bundesstraße und ein Bach, mehr findet im engen Talgrund keinen Platz. Mit Vorsicht überschreiten wir die lebhaft befahrene Straße - assistiert von Robert als Streckenposten. Robert traf ich mehrmals beim Sommeralm Marathon als Läufer, aber auch auf anderen Strecken in Österreich. Derzeit reicht seine Ausdauer nicht, um die Sommeralm auf „gedeihliche“ Weise zu erstürmen. Also stellt er sich Kraxi als Helfer zur Verfügung … „Hallo Robert! Schön dich zu sehen!“

Man geht, frau auch. Alle gehen. Alle bis auf Roxi und mich. Wir tippeln. 600 Höhenmeter ununterbrochener Anstieg, da und dort abflachend, häufig steil und gelegentlich noch steiler. Es fühlt sich unangenehm an, keine Frage. Unangenehm aber machbar. Schneckengleich aufwärts, letztlich aber doch mit Raumgewinn und unaufhaltsam. Abgesehen von einer Labe, an der uns ein lautes Hallo empfängt. Wie gesagt: Man - in diesem Fall Frau - kennt uns. Weiter bergwärts in den mit Abstand steilsten Passagen der Sommeralmroute. 15 Prozent Steigung, vielleicht mehr? - Die Beine werden immer schwerer. Ich steuere gegen, verkürze meinen Schritt. Mehr als unangenehm jetzt, scheußlich und grenzwertig. Ich bemühe Erinnerungen: Es gab Jahre, in denen ich mehrmals schnappatmend stehenblieb. Kurz natürlich nur, auch für Fotos. In diesem Jahr bleiben die Zwangspausen aus. Für mich die Bestätigung, dass ich besser vorbereitet an Start ging.

Voraus eine Läuferin, die ich gestern beim Abholen der Startnummer sah. Sie geht zögerlich, beinahe wankend. Ein, zwei Minuten verstreichen bis ich auf gleicher Höhe bin. In dieser Zeit behalte ich sie im Auge. Ganz offensichtlich hat sie ein Problem. Ich schiele zu ihr rüber. Kopf gesenkt, Gesicht kränklich verzogen. Was immer nicht mit ihr stimmt - sie kämpft dagegen an, hat es aber im Griff. ‚Stör sie nicht, sprich sie nicht an! Helfen kannst du ihr ohnehin nicht!‘ denke ich und ziehe langsam vorbei.*

*) Natürlich war ich unsicher mich korrekt zu verhalten. Nach dem Lauf sprach ich mit ihr und durfte erleichtert feststellen, dass ich mit meiner Einschätzung vollkommen richtig lag.

In Salleg endet der Aufstieg nicht, wird aber durch eine Labstelle einmal mehr unterbrochen. Für Roxi gibt’s hier ein Häppchen Kuchen (ausnahmsweise und nur bei Läufen!) für mich wieder ein Gel. Und Iso, sehr viel Iso … Ich treffe Michael, Mitfahrer und Sommeralm-Debütant, hier oben. Die Bergabpassage bescherte ihm Krämpfe, aufwärts lässt er es langsamer angehen. Auf den nächsten Kilometern werden wir uns in der „Führung“ immer wieder abwechseln: Aufwärts, wenn er vernünftigerweise geht, überhole ich. Auf wenig fordernden Abschnitten und bergab zieht er wieder vorbei …

600 Höhenmeter am Stück geschafft, noch gut acht Kilometer. Auf dreien davon dürfen wir uns erholen. Meistenteils im Wald, zwischendurch aber auch von atemberaubenden Panoramen unterhalten, flach dahin trabend, später auch abschüssig. Ich behalte Roxi im Auge, hatte ein-, zweimal den Eindruck es fiele ihr inzwischen schwerer das Tempo zu halten. Ein Verdacht, den sie alsbald - wie eh und je munter einher tippelnd - zerstreut.

Fünf Kilometer vor dem Ziel: Vorletzte Labe am Waldrand in einer Einsattelung. Ich dope mich ein letztes Mal mit Gel und Roxi mit gehaltvollem Leckerchen. Von hier aus nur noch positive Höhenmeter. „Positive Höhenmeter“ klingt herrlich harmlos - positiv eben. In Wahrheit trennen mich noch etwa 350 Höhenmeter und die zwei hässlichsten Anstiege überhaupt vom Zielstrich. Der erste beginnt kurz hinter der Verpflegungsstelle. Hässlich da Trail im Wald. Steil über Wurzeln, Tritte, Absätze hinan. Zweihundert Meter nur, die mir jedoch schon immer viel länger vorkamen. Gefolgt von einer steilen Wiese. In diesem Jahr vom Bauern gemäht, also mit etwas weniger Kraftaufwand als üblich zu überwinden.

Wer hier oben noch Muße hat zu schauen, überdies auch klare Sichtverhältnisse, der blickt gen Süden bis nach Ungarn. Die Zeit nähme ich mir, in diesiger Luft bliebe der Versuch jedoch sinnlos. Allerdings wäre übers Wetter zu klagen ein klarer Affront gegen alle Wetterheiligen. Bislang ließen sie uns ungeschoren, öffneten nach und nach sogar wieder breitere Lücken zwischen den Wolken. Wie es aussieht werden Roxi und ich die Sommeralm heute trockenen Fußes und auf trockenen Pfoten erreichen.

Die letzte Labe vor dem Ziel. Mit zwei Bechern Cola trinke ich mir Mut an. Ein bisschen Mut braucht schon, wer die Verhältnisse auf der nun folgenden, an schönen Tagen stark frequentierten Bergstraße kennt. Ich setze dich ins Bild: An der linken Straßenseite tippeln Udo und Roxi steil bergauf. Wirklich steil, nicht eingebildet steil infolge Entkräftung. Manchmal nur haarscharf an den beiden vorbei rauscht der Verkehr. Sonntagsausflügler in Autos, zuweilen auch ein paar verhinderte rot-weiß-rote Rennfahrer auf den Spuren des jüngst verstorbenen Landsmannes Niki Lauda. Und wer darf auf Bergstraßen bei guter Witterung keinesfalls fehlen? - Natürlich Motorradfahrer. Mit infernalischem Getöse donnern sie an uns vorbei. Kann uns nichts anhaben, uns nicht aufhalten, nur noch drei Kilometer …

Der letzte, aus mehreren Gründen zauberhafte Abschnitt vor dem Finish. Zaunfreie, sommerlich grüne Almen soweit das Auge reicht. Kühe grasen da und dort. Darüber der blaue Himmel mit fetten, letztlich aber harmlosen Wolken. Der Blick reicht weit gen Süden über steirische Niederungen. Was für eine grandiose Aussicht! Ein letzter fordernder Buckel, dann noch anderthalb Kilometer Genuss. Zwar immer noch von „positiven Höhenmetern“ gebremst, doch nur moderat und mit nun leichterem Schritt. Eine weite Linkskurve gibt den Weg vor, an ihrem Ende das Ziel zum Greifen nah - die Stoakogl Hütte. So viele wunderbare Erinnerungen wirbeln diese letzten Meter in mir auf. Freude pur, die alle Mühen der letzten fünf Stunden vergessen macht. Es kommt mir vor als teilte Roxi diese stille Freude mit mir. Als wüsste sie genau, dass wir in ein paar Minuten ankommen und den achten Sommeralmsieg gemeinsam feiern werden. Im Grunde bin ich sicher, dass Roxis all das - auf ihre instinktive Weise natürlich - ähnlich empfindet wie ich.

Die letzten Meter vorm Ziel. Den im Biergarten der Hütte Sitzenden werden wir angekündigt wie Promis im Bierzelt. Name, Herkunft und dann der Clou: Achtmal die Sommeralm gefinished und jedes Mal als Duo auf sechs Beinen. Kein anderer Läufer hat so viele Läufe zur Sommeralm vorzuweisen. Lebhafter Beifall empfängt uns. Er gilt vor allem Roxi, was mich mehr rührt, als ich zuzugeben bereit wäre. Was für ein Glück mit einer so geduldigen, ausdauernden, stets lauffreudigen Gefährtin auf vier Pfoten gesegnet zu sein! Nach genau 5:14:17 Stunden überqueren wir Seite an Seite die Ziellinie.

 

Ergebnisse:

Sybille: 4:23:34 h

Stephan: 4:10:42 h

Udo: 5:14:17 h

Michael: 5:15:08 h

 

Fazit zum Sommeralm Marathon

Das Beste vom Besten und Feinste vom Feinen. Wie in jedem Jahr verwöhnten Kraxi, Babsi und alle Helfer uns Läufer mit Sorgfalt und sprudelnder Freundlichkeit. Es hieße Eulen nach Athen zu tragen, wollte ich nun alle bereits in den voraufgegangenen sieben Berichten der Jahre 2012 bis 2018 geschilderten Details wiederholen. Wer möchte kann dort nachlesen, was den Sommeralmläufer und -finsher alles erwartet.

Fazit: Keine andere Laufveranstaltung auf der Welt wird dir deine Mühen lohnen wie es der Sommeralm Marathon tut. Wer ihn noch laufen möchte, sollte die Chance im nächsten Jahr 2020 nutzen. Anlässlich der 10. und möglicherweise letzten Auflage …

 

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