Freitag, 18. Mai 2018

Besondere Menschen   -   Olympian Race 2018

Es gibt Laufwettbewerbe - Marathon, 10 km, Halbmarathon, welche Disziplin auch immer - zu denen fährt man hin, gibt, was man zu geben hat, ist mit dem Erreichten mehr oder weniger zufrieden. Wenn man Glück hat, bleiben im Kopf ein paar schillernde Bilder zurück, die die Erinnerung dann und wann hervorkramt. Das meiste jedoch verblasst, überdeckt von neuen Eindrücken, bis es irgendwann keine Rolle mehr spielt. Das gilt für viele, wahrscheinlich die meisten meiner Wettkämpfe. Die 180 Kilometer des Oympian Race auf dem Peloponnes in Griechenland hätten ein ähnlich vergängliches Abbild hinterlassen können. Es kam anders, weil ich mich einließ. Einließ auf steinerne Zeugen einer frühen Hochkultur, der Wiege dessen, was wir heute als Zivilisation bezeichnen. Vor allem aber einließ auf Menschen, die mir dort begegneten. Mir Nahestehende oder Bekannte, nicht zuletzt auch Fremde und beileibe nicht ausschließlich Läufer. Deshalb erzählen die folgenden Zeilen nicht nur von meinem Weg nach Olympia. Sie berichten auch und vor allem von Menschen, die mich nachhaltig beeindruckten oder sogar begeisterten.

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Antikes Stadion von Nemea, Freitagnachmittag 13:45 Uhr

In meinem Kopf feiert schlaglichtartig der vergangene, in meiner Heimat wahrhaft ekelhafte Winter ein Comeback, während der griechische Himmel im antiken Stadion von Nemea schon mal den schwülwarmen mediterranen Sommer probt. Zwei Infekte musste ich verkraften, eine der Ursachen für eine ziemlich verkorkste Vorbereitung. Darüber hinaus nutzten Muskeln, Sehnen, Gelenke und zuletzt mein jahrzehntelanger Intimfeind - die LWS - jede Gelegenheit mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Brachten mich Mal um Mal physisch ins Straucheln. Dergleichen nagt an der wichtigsten Waffe, will Siegfried den übermächtigen Drachen besiegen, dem Selbstvertrauen. Und wer zweifelt - wirklich ernsthaft (!) zweifelt -, die Arena als Sieger zu verlassen, der hat schon verloren. Ein cool-zögerliches „schau'n mer mal, dann seng ma scho“, mag da und dort im Sport dem Erfolg nicht im Wege stehen. Auf längsten Strecken jedoch ist äußerste, dem Wissen um die eigene Ausdauerstärke entspringende Entschlossenheit unabdingbar. Auch wenn’s ein Römer und kein Grieche sagte: Veni, vidi, vici - ich kam, sah und siegte - so habe ich es bisher immer gehalten, 229 Mal auf Strecken von mindestens Marathonlänge. Auch beim Spartathlon. Testläufe gibt es nicht. Wenn ich antrete, dann mit dem Bild der Finisher-Medaille vor Augen, die man mir Stunden später umhängen wird!

Ein in Ehren ergrauter amerikanischer Archäologe* erzählt von der Suche nach und der Wiederentdeckung des antiken Stadions von Nemea. Seinem routinierten, humorvollen Erzählstil fehlt es wahrlich nicht an Lebendigkeit. Fast kann man die schwitzenden, in peloponnesischer Erde wühlenden Altertumsforscher riechen, spürt ihre Aufregung als sie unter zig Tonnen Erdreich auf die marmorne Ziellinie des Stadions stoßen … Beherrscht von Versagensängsten, die wie Nebelschwaden durch mein Oberstübchen ziehen, höre ich dennoch nur halbherzig hin. Wie konnte ich so vermessen sein zu glauben, der einfallsreiche, hinhaltende Widerstand meines Körpers müsse enden, sobald die Füße die ersehnte griechische Erde betreten? Wo ich doch nur zu genau um das surreale Gefühl körperlicher Schwäche weiß, das mich stets unmittelbar vor wichtigen Wettkämpfen befällt. Beinahe alles kann ich mir für die kommenden Stunden vorstellen, außer 180 Kilometer quer über den Peloponnes zu wetzen …

*) Es handelt sich um Professor Stephen G. Miller, der die Ausgrabungen in Nemea von 1971 bis 2004 leitete, inzwischen seinen Ruhestand genießt und in der Gegend ansässig ist.

Erst stand ich im Halbschatten eines Baumes, nun sitze ich auf antikem, halb verwittertem Stein neben Michael, einem von vier deutschen Teilnehmern. Ich nestele an der Schuhverschnürung herum, korrigiere den Sitz der kleinen Schleife mit dem Chip für die Zeitmessung. Als wir uns im Stadion versammelten bilanzierte ich verstohlen „Montageverhalten“ ringsum: Die einen montierten die Schleife „so rum“, die deutlich überwiegende Mehrzahl „anders rum“. Selbstverständlich gehöre ich zur Minderheit. Meine einst beruflich erworbenen Kenntnisse, die Ausbreitung elektromagnetischer Wellen betreffend, mögen mich eindringlich belehren, dass es gleichgültig ist, ob eine Antenne, die sich unter anderem in der Schleife verbirgt, „so rum“ oder „anders rum“ angeordnet ist. Dennoch möchte ich zur Mehrheit gehören, zur Schwarmintelligenz, die für gewöhnlich richtig liegt …

Ich nippe an einer Wasserflasche. Das tue ich sonst nie so kurz vorm Start. Doch bei schwülen 28°C schwitze ich bereits im Sitzen. Mein Blick wandert unstet über die Zuhörer, LäuferInnen und ihre Begleitung. Interessierte Gesichter, teilnahmslose, da und dort ein Lächeln. Nur wenige scheinen konzentriert zuzuhören. Einige wirken völlig in sich versunken, wie zum Beispiel Kai, einer von vier Deutschen im Feld, mir schräg gegenüber am Boden sitzend. Kai, den ich gestern erst kennen lernte, versucht sich zum ersten Mal an einer so langen Distanz. Zwar hat er einen Start beim Spartathlon vorzuweisen, doch stand damals bereits vorher fest, dass er infolge Verletzung nach wenigen Kilometern würde passen müssen. Kai hat sichtlich die Hosen voll und war Manns genug das im Gespräch zuzugeben. „Da sind wir schon zwei!“ versuchte ich ihn mit einem aufmunternden Scherz mitzunehmen.

Hoffentlich ist der Vortrag bald zu Ende! Im Programm stand etwas von „Zeremonie“ vorm Start, nichts von einem Vortrag. Im Grunde meines geschichts-affinen Herzens wäre ich der wissbegierigste unter allen Zuhörern - hinterher, wenn „es“ vorbei ist. „Es“, das mich unter Strom setzt, mein Herz in der Brust so laut hämmern lässt, dass es die Stimme des Amerikaners eigentlich übertönen müsste … Weiß nicht, was ich mir unter „Zeremonie“ vorgestellt hatte, das jedenfalls nicht. Leider stellt sich nicht mal ein Hauch jener geheimnisvollen Stimmung ein, die mir vor rund anderthalb Jahren im leeren antiken Stadion von Olympia Schauer über den Rücken jagte. Nichts von der Empfindung des Einsseins mit dem Geist tausender olympischer Athleten. Hoffte ich das Gefühl hier in Nemea wiederzubeleben, um mich davon guten Mutes auf den Weg bringen zu lassen?

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Rückblende: Anfang Oktober 2016, während der Besichtigung der Ruinen von Olympia

Mein Erfolg beim Spartathlon war erst ein paar Tage alt. Die unvorstellbare Dimension dessen, was ich mir zwischen Athen und Sparta abfordern musste, hinter-ließ mich körperlich ausgelaugt und angeschlagen. Mental ent-ließ sie mich zu einem nicht enden wollenden Höhenflug. Ines und ich genossen unseren Nach-Spartathlon-Urlaub, der uns abschließend nach Olympia führte. Pflichtprogramm: Mit anderen Touristen besichtigten wir die Ausgrabungen des dem Göttervater Zeus geweihten Heiligtums, zugleich die Wiege des Sports moderner Prägung.

Nachsaison und drohender Regen bescherten mir einen unvergesslichen Moment: Für zwei Minuten saß ich mutterseelenallein (!) auf dem Zuschauerwall des antiken Stadions, unweit der marmornen Ziellinie. Die letzten Besucher, die eben noch mit „Startübungen“ im Sand des Stadions ihre nicht gerade leisen Späße gemacht hatten, waren gegangen. Kein Mensch im Stadion, niemand auf der Bahn. Und doch kam es mir vor, als könnte ich das Keuchen der Athleten hören. Als wäre ich mit dem Kampfgeist mehrerer tausend Athleten verbunden, die geschichtlich verbürgt von 767 v.Chr. bis ins vierte Jahrhundert nach Christus hier im Wettstreit lagen. Mehr als tausend Jahre olympischer Sport! Und plötzlich stand mir klar vor Augen, was ich tun will. Nein, entschiedener: Was ich tun muss! Ich wollte in dieses Stadion einlaufen! Nach einer von mir selbst vollbrachten Leistung, die jener der altgriechischen Helden des Sports nicht nachsteht.

Mein Freund Mike hatte mir von einem Lauf berichtet, dem Olympian Race, den er im selben Jahr zur Vorbreitung auf den Spartathlon absolviert hatte. Seine Strecke beginnt im antiken Nemea, überwindet 180 schwierige Kilometer und endet hier in Olympia. 2018 sollte er das nächste Mal stattfinden und dann wollte auch ich dabei sein!

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Der Vortrag ist zu Ende. Eine Viertelstunde bleibt bis zum Start. Der Ami steht auf seinen Gehstock gelehnt in Nähe des Tunnelportals, durch den die Helden der Antike das Stadion betraten und beantwortet Fragen. Zwei, drei Wissensdurstige scheinen seine Ausführungen nicht völlig zufriedengestellt zu haben. Ich schlage mich in die Büsche, um überflüssiges Wasser loszuwerden. Mehrfach sehe ich mich im Stadion um, lasse den Ort auf mich wirken, spüre dennoch keine Regung der Ehrfurcht, die mich seinerzeit in Olympia bewegte. Vielleicht liegt es an der nur teilweise freigelegten Anlage von Nemea. 40.000 stehende Zuschauer sollen auf den Wällen Platz gefunden haben. Unvorstellbar … Gar nichts kann ich mir im Augenblick vorstellen, verkrampft und ängstlich wie ich mich fühle. Will es auch nicht. Will jetzt nur eins: Loslaufen! Endlich loslaufen, alles Hemmende, jeglichen Ballast abwerfen und meine Mission erfüllen!

Geschichtlicher Hintergrund zum Olympian Race

Vermutlich kann man auf griechischer Erde keinen Kilometer laufen, ohne dabei antike Stätten oder Wege zu kreuzen. Die Griechen selbst sind geschichtsbewusste Menschen, die Wettkämpfe über lange Distanzen gerne mit Mythen und archäologisch belegtem oder legendärem Geschehen der Antike unterlegen. Am deutlichsten wird das am Ur-Marathon von Marathon nach Athen und dem Spartathlon. Dass einst der Bote Pheidippides von Athen nach Sparta lief, begründete den Ruf des Spartathlons als Ultraveranstaltung mit Weltgeltung.

Beim Olympian Race, der vorm antiken Stadion von Nemea beginnt und am Stadion des antiken Olympia endet, stehen die so genannten „Panhellenischen Spiele“ im Fokus. Vor mehr als 2.000 Jahren und über einen sehr langen Zeitraum fanden an vier Orten sportliche Wettkämpfe statt. Es waren dies:

  • Die „Nemeischen Spiele“ alle zwei Jahre in Nemea zu Ehren des Zeus.
  • Die „Olympischen Spiele“ alle vier Jahre in Olympia zu Ehren des Zeus.
  • Die „Phytischen Spiele“ alle zwei Jahre in Delphi zu Ehren des Apollon.
  • Die „Isthmischen Spiele“ alle zwei Jahre in Korinth zu Ehren des Poseidon.

Es handelte sich dabei nicht um Sportveranstaltungen in unserem, rein weltlichen Sinne. Die Spiele fanden zu Ehren von Gottheiten statt. Ihnen gingen entsprechende Zeremonien voraus und das geltende Regelwerk fußte gleichfalls im antiken Glauben und Leben.

Der Sport hat seinen Charakter seit damals in fast allen Belangen geändert. Die Religion spielt - wenn überhaupt - eine höchst untergeordnete Rolle, ist vor allem Sache eines jeden Athleten selbst. Es gilt nicht mehr nur der Sieger als „Held“ - zumindest sollte es so sein. Die Regeln achten vor allem auf die körperliche Unversehrtheit der Sportler und zu den wenigen Ur-Disziplinen olympischen Wettstreitens sind hunderte von neuen Sportarten hinzugekommen. Geblieben ist der Gedanke des unnachgiebigen Ringens um den Sieg. Wo der Gegner fehlt, oder ein Mithalten an der Spitze mangels Leistungsfähigkeit nicht möglich ist (Stichwort: Breitensport), kommt die persönliche Zielsetzung ins Spiel. Anders formuliert: Der Kampf gegen sich selbst oder die Selbstüberwindung …

Der Olympian Race setzt den „Nemeischen“ und den „Olympischen Spielen“ ein Denkmal. Beide Ereignisse sind Teil des Programms des Olympian Race. Vor dem Lauf im antiken Stadion von Nemea, mehr noch hinterher in Olympia, wo eine Führung Einblick in die über tausend Jahre währenden Olympischen Spiele gibt. Sie fanden alle vier Jahre jeweils im Sommer statt. Der Austragungsort war der Heilige Hain von Olympia. Olympische Spiele wurden von 776 v.Chr. bis 393 n.Chr., also über mehr als 1.000 (!) Jahre, abgehalten.

Die einander bekämpfenden, griechischen Herrscher schlossen eine Waffenruhe, die während der Zeit der Spiele galt, um allen Beteiligten eine sichere An- und Abreise zu garantieren. Die heiligen Stätten von Olympia durften nicht mit Waffen betreten werden. Dieser Frieden stiftende Gedanke liegt auch den Olympischen Spielen der Moderne zugrunde, leider mit demselben mageren Erfolg wie schon vor über 2.000 Jahren. Die Spiele der Antike waren gesellschaftlich, kulturell und politisch von immenser Bedeutung.

Als Wettkämpfer waren nur „freie Männer“ zugelassen. Ausschließlich griechische Bürger, die geloben mussten von ehrlicher Geburt und keines Verbrechens schuldig zu sein. Als Zuschauer waren gleichfalls nur freie Männer und unverheiratete Frauen geduldet. Verheirateten Frauen, Unfreien und Nicht-Griechen drohte bei Missachtung des Gebots der Nichtteilnahme die Todesstrafe. In der Anfangszeit der Olympischen Spiele waren die Wettkämpfer lediglich besonders sportliche Männer, später vorwiegend Berufssportler, die sich die langen Trainingszeiten finanziell leisten konnten. Ähnlichkeiten mit Tendenzen des Sports der Neuzeit sind sicher nicht zufällig.

Die Regeln der Wettkämpfe waren hart, bisweilen sogar tödlich und nach heutigen Maßstäben vielfach ungerecht. Es gab keinerlei Gewichtsklassen und die Zuordnung zu Altersklassen geschah mangels Dokumenten nach Augenschein. Bei Regelverstößen verhängten Schiedsrichter körperliche Züchtigungen (beispielsweise auch bei Frühstarts). Zeiten und Entfernungen wurden nicht gemessen, weil einzig der Sieg zählte. Sieger wurden als „Günstlinge der Götter“ betrachtet und geehrt; unter anderem mit einem Kranz aus Olivenzweigen. Das Schicksal der Unterlegenen galt nichts. Sie kehrten mit Schimpf und Schande heim. Wegen dieses gesellschaftlichen Drucks versäumten es Athleten nicht selten ihr Aufgeben rechtzeitig zu signalisieren. Schwere Verletzungen oder Tod waren die Folge.

Das Laufen ist die älteste olympische Disziplin. Erst nach 15 Olympiaden kamen andere Disziplinen hinzu, wie Fünfkampf, Schwerathletik und Pferdesport. Bei den Laufbewerben bewegte man sich barfuß und begann mit Hochstart. Gelaufen wurde im Stadion zwischen den Rillen von Start- und Zielschwellen (ca. 192 m, 600 (alt-) griechische Fuß). Laufdisziplinen waren:

  • Stadionlauf (eine Bahn, also Kurzstrecke, ca. 192 m)
  • Doppellauf (ca. 384 m)
  • Langstreckenlauf (20 oder 24 mal Stadionlänge, also ca. 2845 oder 4614 m)
  • Waffenlauf (in Rüstung und mit Bewaffnung)

Die Bahnen führten über eine Länge des Stadions geradeaus. Beim Doppellauf musste jeder Läufer nach halber Distanz um eine Stange auf seiner Bahn wenden. Beim Langstreckenlauf wurde um jeweils eine Stange am Anfang und am Ende der Laufbahn gependelt.

Den Niedergang der Olympischen Spiele bewirkten Konflikte innerhalb Griechenlands, vor allem jedoch der Einfluss der Römer ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. Dennoch wurden die Wettkämpfe noch bis 393 n.Chr. ausgetragen, bis der christliche Kaiser Theodosius I. alle heidnischen Feste, Zeremonien und Rituale verbot. Dazu zählten wegen des Bezuges der Wettkämpfe zur Götterwelt auch die Olympischen Spiele. In späteren Konflikten wurden die Weihe- und Sportstätten Olympias zerstört. Naturkatastophen ließen die Ruinen unter Erdreich verschwinden. Erst 1766 wurden Teile davon wiederentdeckt.

Dieser kurze Abriss vor allem der Geschichte der Spiele im antiken Olympia leidet naturgemäß unter Vereinfachungen und Lücken. Mehr steht beispielsweise bei Wikipedia, wo ich einen Großteil obenstehender Fakten verifizierte bzw. ergänzte.

Straße vorm antiken Stadion von Nemea, Freitag 14:30 Uhr, Kilometer 0

Es ist so weit. Endlich. Letzte Ausrüstungschecks sind erledigt, alle Absprachen mit Ines getroffen. Sie wird mich wie schon beim Spartathlon „supporten“. Wir haben uns zum „Abschied“ umarmt und gesagt, was gesagt werden muss. Allen bekannten Mitkämpfern wünsche ich mit Handschlag und Schulterklopfen dasselbe, was ich mir selbst erhoffe: Einen guten Lauf, gekrönt vom glücklichen Finish. Von Kai habe ich mir bestätigen lassen, dass alles in Ordnung ist. Seine Versunkenheit, vorhin im Stadion, diente lediglich innerer Sammlung. Den Freund umarme ich, mir dabei wünschend Mike morgen Nachmittag wieder um den Hals fallen zu können - beide dann dekoriert mit dem Siegerkranz. Letzte Sekunden, griechischer Countdown. Die Zahlen verstehe ich nicht, kapiere aber auch so. Und nun los …

Vorbei an Mikes filmender Frau und „Supporterin“ Natascha und meiner fotografierenden Ines laufen wir ein paar hundert Meter weit durchs Dorf Archea Nemea. Als ich hier das letzte Mal vorbei trabte, war es dunkel. Das ist anderthalb Jahre her und von der gewaltigen, 246 Kilometer langen Strecke des Spartathlons hatte ich zu jenem Zeitpunkt etwa die Hälfte geschafft - die mit Abstand einfachere Hälfte … Natürlich befrage ich auf diesem ersten Kilometer des Olympian Race Beine und Körper, was sie von nachmittäglichem Laufen in schwülwarmer Luft halten. Wenn ich auf entschieden bereitwillige Reaktionen gehofft hätte, wäre ich nun enttäuscht. Ich mein's mit Blick auf untrainiertere Menschen nicht überheblich, noch böse: Ich fühle mich wie ein beliebiger, nicht mehr ganz taufrischer Sechziger beim Joggen zur blödesten aller Tageszeiten; in der ersten Hälfte des Nachmittags, wenn die Biokurve eine tiefe Delle aufweist.

Zumindest tut mir nichts weh. Weder beschwert sich die Achillessehne, noch kriege ich Störfeuer aus dem Rücken, der die letzte von vielen Attacken meines Körpers ritt: Nach dem abschließenden Marathon-Doppel in der Steiermark und Salzburg schien ich auf dem besten Wege … genau drei Tage war die Welt in guter Ordnung, dann rammte mir jemand ein Messer in den Rücken. Dergleichen kann mich nicht erschrecken, meine Achillesferse liegt nun mal im Rücken. Ich war nach vielen weitgehend beschwerdefreien Monaten einfach mal wieder fällig. Und der hinterhältige Gnom, der während der kompletten Olympian-Race-Vorbereitung immer wieder bitterböse Reaktionen meines Körpers provozierte, hielt die Gelegenheit für überaus günstig … Doch wie gesagt: Ich „habe schon lange Rücken“, weswegen mich so ein Vorfall nicht in Panik versetzt, gemeinsam mit anderen Bedenken allerdings verunsichert.

Ich halte mich in der Nähe von Mike und Kai, als wir die Spartathlon-Route auf einem Abschneider verlassen. Sofort geht’s auf ruppig zerfurchtem Untergrund steil bergan. Alle gehen und ich setze um, worauf ich mich in mehreren stillen Dialogen der letzten Tage mit mir selbst einigte: Ich gehe ebenfalls! Die meisten meiner Leser werden wissen, wie ich über Gehpassagen denke und was ich dabei fühle. Werden mein läuferisches Glaubensbekenntnis kennen, das mit der Leiden heraufbeschwörenden Einleitung „Ich bin Läufer. Läufer laufen, sie gehen nicht ...“ beginnt. Angesichts mäßiger Vorbereitung und der Dauer des Olympian Race wäre solches Verhalten jedoch anmaßend. Versuchte ich in steilem Gelände von Beginn an zu laufen, käme ich vermutlich nicht mal durch die Nacht …

Checkpoint 1 (CP 1), Nemea, Kilometer 5,7

Wieder zurück auf der Straße und im wahren Sinne des Wortes „übern Berg“. Ein paar hundert Meter der Spartathlon-Route dürfen wir noch mit Füßen treten, dann biegen wir rechts ab und passieren die ersten Häuser des Ortes (Neu) Nemea. Mittlerweile bin ich eingelaufen, habe auch alle Bedenken und Zweifel über Bord geworfen. Im quirligen Zentrum von Nemea, nach knapp sechs Kilometern, gibt es viel Beifall und zum ersten Mal Wassernachschub. Ich kippe mir zwei große Becher davon hinter die Binde und nehme einen dritten mit auf den Weg. Gemäß Absprache erwarten uns Ines und Natascha erst am nächsten Checkpoint, um dem Verkehrschaos in den engen Gassen von Nemea zu entgehen.

Vorm Start fühlte es sich noch so an, als würde ich in dieser schwülen Luft keine 10 Kilometer weit laufen können. Unterdessen genieße ich die Wärme, wenngleich meine Poren unermüdlich Schweiß produzieren und ich häufiger über Stirn und Schläfen wischen muss als mir lieb ist. Am wohligen Empfinden ändert sich auch nichts als kurz hinter den letzten Häusern von Nemea der Wolkenschirm aufreißt und fortan die Sonne ungefiltert hernieder sengt. Darunter leidet meine physische Leistungsfähigkeit, wie die von allen anderen. Mental - und das empfinde ich als großen Vorteil - fechten mich die Begleiterscheinungen von Hitzeläufen dagegen so gut wie gar nicht an. Im Gegenteil: Im selben Maße wie ich frostiges Ekelwetter hasse, liebe ich sommerlich warme bis schwül heiße Bedingungen.

Noch immer halte ich mich dicht hinter Mike und Kai, die sich eine Weile angeregt unterhielten, nun aber zunehmend der Schweigsamkeit huldigen. Bislang schenkte ich meinem Tempo keine Aufmerksamkeit, joggte von inneren Automatismen gesteuert dahin, versuchte einen Laufrhythmus zu finden. Im Auf und Ab der ersten Kilometer wären Tempokontrollen ohnehin sinnlos gewesen. Doch nun trabe ich durch ein flaches Hochtal. Und zufällig schaue ich genau in dem Moment auf die Uhr, als mein GPS-Knecht die Zeit für einen vollendeten Kilometer meldet: 6:10 min. Gemessen an meiner mutmaßlichen Leistungsfähigkeit ist das eigentlich zu schnell. Selbst wenn ich die Absicht in Rechnung stelle, bei diesem Lauf alle fordernden Bergaufpassagen gehend zu nehmen. Ich versuche meinen Schritt zu mäßigen, was sich jedoch einfacher anhört als es ist. Meine Beine haben ihren Rhythmus gefunden, würden die einmal justierte Schrittlänge und -frequenz nun bis zum Versiegen der Kraft oder einem Anstieg mit nur minimaler Abweichung beibehalten. Außerdem ziehen mich Mikes und Kais Hacken magisch an. Ich zwinge mich den Abstand zu vergrößern, moderatere Schritte zu setzen. Gebe dann auch noch dem Verlangen meiner Blase nach, die schon eine Weile nervt … Als ich wieder auf die Straße einschwenke, sind Mike und Kai gut hundert Meter enteilt.

Jeder Wettkampf ist anders: Neue Strecke, andere Mitstreiter, spezielle Ausrüstung, von jeweiliger Tagesform geprägte Befindlichkeit. Unter anderem deshalb kann Laufen nie und nimmer langweilig werden. Heute gibt es noch mehr Ungewohntes. Ich brauchte Zeit, um meine innere Verkrampfung loszuwerden, Zeit, um mich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Zeit auch, um mich an meinen neuen Trinkgürtel zu gewöhnen. Hatte lange gezögert, bis ich mich für ein Modell entschied, konnte deshalb den Gürtel nur einmal auf einem langen Lauf testen. Trank zwar das mitgeführte Wasser, trug die gebunkerten Gels allerdings nur versuchsweise durch heimische Gefilde. Wirklich bewähren können wir uns als Funktionseinheit „Mensch-Material“ erst jetzt. Die Flasche fasst 0,6 Liter Wasser, drei Gels sind außen verzurrt, zwei weitere in der Gürteltasche. Addiere ich dazu die Gel-Portion in der Handgelenk- und eine weitere in der Gesäßtasche meiner Lauftight, dann bringe ich es auf 7 x 100 kcal. Genug Energie, um auch die längeren Distanzen - bis zu 23 km - ohne Versorgung überbrücken zu können. Mein Wasservorrat von 0,6 l hätte durchaus knapp werden können und eventuell erfordert zwischen weiter entfernten Versorgungsstellen eine Zusatzflasche in die Hand zu nehmen. Diese Sorge wurde mir vom Veranstalter genommen, weil er in der Mitte der drei längeren Etappen eine zusätzliche Wasserstelle ankündigte.

Sieben, dann acht Kilometer vorbei, erst jetzt bin ich wirklich im Wettkampf angekommen. Habe mich mit allem arrangiert, mit Wetter, Tagesform, Ausrüstung, Umgebung. Letztere nehme ich in diesen Minuten erstmals richtig wahr. Die Landschaft war auch bisher schon beeindruckend und reizvoll, nur kam es nicht bei mir an. Ich laufe durch eine breite, flache, vollständig von Hügeln und Bergen umringte Wanne. Weingarten folgt auf Weingarten. Offensichtlich sind die Bedingungen für den Weinanbau nirgendwo auf dem Peloponnes besser als hier. Überall sprießen Wildblumen, blaue, gelbe, rote. An einer Stelle wächst Mohn zwischen den Reben, steht dicht an dicht. Blüten vom intensivsten, zugleich dunkelsten Rot, das ich je an Mohnblüten sah. Endlich lebe und laufe ich den Augenblick. Dankbar hier zu sein und einmal mehr von der keineswegs selbstverständlichen Leistungs- und Widerstandsfähigkeit meines Körpers getragen. Dass es nicht beim Genuss bleiben wird, steht fest, spielt aber keine Rolle.

Erst Ines, dahinter Natascha tuckern im Auto vorbei, jubeln, feuern mich an. Ein zusätzliches Geschenk, das mein Stimmungsbarometer weiter in die Höhe treibt. Aidonia, der zweite Checkpoint, ist weitere drei Kilometer entfernt, höchstens noch 20 Minuten. Ich schlucke eins meiner Gels, greife dann zur Flasche und trinke sie leer. Lieber zu viel, als zu wenig Flüssigkeit bei diesen Verhältnissen! Was den Energienachschub angeht, habe ich mich auf anfängliche 30- statt der geplanten 20-Minuten-Intervalle für die Gelrationen festgelegt. Mein Magen hatte das Mittagessen - Spaghetti mit Tomatensoße - noch nicht gänzlich verdaut. Einerseits, weil ich den Nudeln über Gebühr zusprach. Zum anderen ist mein Magen an üppiges Essen zur Mittagszeit nicht gewöhnt.

CP 2, Aidonia, Kilometer 13,3

Beim Aufenthalt in Aidonia verstreichen nur ein paar Minuten, die ich zum Auffüllen meiner Flasche und zur Ergänzung meines Gelvorrats brauche. Wasser vom offiziellen Büffet, Gels von Ines zugereicht. Ein Kuss, ein Lächeln und weiter, noch immer flach auf der Landstraße. Ein paar Kilometer weiter gewinnt das Asphaltband dann an Höhe. Unmerklich zunächst, alsbald fordernder, doch einstweilen mit erträglicher Steilheit, die ich bis auf ein, zwei kurze Ausnahmen trabend bewältige. Unter anderen überhole ich dabei Kai, der sich für konsequentes Gehen entschieden hat. Ich frage ihn nach Mike, worauf er lächelnd aber auch mit Zweifel in der Stimme meint: „Der Mike macht richtig Dampf!“ - Ich habe von Mike nichts anderes erwartet. Er wird seinen anfänglichen Leistungslevel so lange wie möglich halten. Ich vertraue darauf, dass er sich nicht übernimmt. Immerhin ist das seine zweite Ultradistanz in Griechenland binnen einer Woche. Letzten Samstag rannte er 107 Kilometer von Platea nach Delphi und das nicht wirklich langsam …

Am Berg vor Platani empfinde ich erstmals so etwas wie „Nachmittagshitze“. Wo sie sich über dem Asphalt staut, dürfte an 30°C nicht viel fehlen. Ich stelle es lediglich fest, fühle mich von ernsthafter „Belästigung“ jedoch weit entfernt. Schweiß rinnt, verdunstet, kühlt mich ausreichend. Den Flüssigkeitsverlust kompensiere ich mit relativ kurzen Trinkintervallen. Bislang bin ich mit dem Wettkampfverlauf mehr als zufrieden. Und das obwohl die Achillessehne seit einiger Zeit zu meckern begonnen hat. Doch wegen dieses renitenten Mitarbeiters der Abteilung „Fortbewegung“ mache ich mir keinen Kopf. Die Achillessehne mault, wenn ihr danach ist, nie, wenn ich es belastungsabhängig erwarten würde. Und ebenso unvermittelt, wie sie zu rebellieren beginnt, stellt sie ihren Protest meist auch wieder ein. Genau das wird irgendwann geschehen. Erstens, weil es immer so war, zweitens, weil nicht sein kann, was nicht sein darf!

CP 3, Platani, Kilometer 20,5

Ines wartet mit Wasser, Gel und einer Windel auf mich. Die Windel soll nicht altersbedingter Inkontinenz vorbeugen, sondern meinen Kopf nass und dadurch kühlend umschließen. Ich hatte nicht nach Windel und Schildkappe verlangt. Dennoch folge ich Ines Rat und Angebot, tränke den Stoff unterm Wasserstrahl eines Schlauches und verhülle mein Haupt in Manier der Beduinen.

Auf den folgenden Abschnitt dürfen uns die Supporter nicht folgen. Am Ortsende von Platani endet die fußschonende, gemütliche Asphaltpartie. Ab hier bis zum nächsten, 13 Kilometer entfernten Verpflegungspunkt folgen wir einer Piste. Supportern ist das Befahren von Pisten untersagt. Eine weise Wettkampfregel, die ich sehr begrüße! Um mir vorzustellen, was wir auszustehen hätten, dürften die Pisten befahren werden, brauche ich mir nur das einzige Stück Piste des Spartathlons ins Gedächtnis zu rufen; die Staubschleppen der damals vorbei rollenden Supporter und meine beklemmenden Atemzüge, da ich den Dreck unweigerlich einatmen musste …

Meine Befürchtungen, was den Zustand der Pisten angeht, erfüllen sich gottlob nicht. Nur stellenweise hat Regenwasser Rinnen ausgespült oder gröbere Unebenheiten freigelegt. Ansonsten ist die Route brauchbar zu belaufen, genauer gesagt - da nun überwiegend ansteigend - zu begehen. Der sich aufwärts windende, mit rotem Schotter ausgebaute Weg bildet die einzige Narbe in diesem Teil der scheinbar un-, allenfalls extensiv genutzten Landschaft. Rechts und links der Piste entfaltet Mutter Natur eine Orgie in Grün, treibt Gräser, Büsche, Bäume gen Himmel. Gestaltet vor allem ein Paradies für Bienen. Daran lassen die vielerorts aufstellten Bienenstöcke keinen Zweifel. Seitwärts und im Halbkreis zwischen Büschen angeordnet, oder einfach am Wegrand abgestellt, summt es rund um bunt bemalte Kästen. Die Honigernte scheint sich in diesem Teil des Peloponnes zu lohnen. Stattliche 30 bis 50 Völker (Kisten) haben die Imker jeweils aufgestellt. Und das gleich mehrmals auf den nun folgenden Kilometern.

Am höchsten Punkt dieser Etappe erwartet er uns, der versprochene zusätzliche Versorgungspunkt. Ich fülle meine Flasche nach, bedanke mich fürs Ausharren und beginne den Abstieg. Wobei ich mich bremse, was das Tempo angeht. Der Weg ist nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht gut. Ich will das Sturzrisiko klein halten. Außerdem kostete der Aufstieg einige Körner. Bei abwärts reduziertem Energieeinsatz bietet sich die Chance zumindest teilweiser Erholung … Das gilt - worüber ich alsbald belehrt werde - jedoch nur für die Ausdauer. Die „Knochen“ nimmt der phasenweise stark abschüssige Weg ordentlich „ran“. Ist schrundig, fordert mit tiefen Rinnen, verlegt mir da und dort mit Geröll und Stolperkanten den Weg. Nicht nur mir versteht sich, nur scheinen meine Mitläufer - wie so oft auf ähnlichem Geläuf - mit diesen Verhältnissen besser zurecht zu kommen. Mehrmals werde ich überholt, was mir selbst nur in einem Fall gelingt. Und auch das nur, weil der Schwede mit den Riemchenlatschen die Landschaft bewundert …

Kein Scherz: Dass er Schwede ist erfahre ich erst nach dem Wettkampf. Dass der junge Mann mit den drei Kinnbartzöpfen (ca. 30 Zentimeter lang!) auf schlichten Ledersandalen unterwegs ist, davon konnte ich mich schon vorm Start überzeugen. Lederriemen, einer zwischen den Zehen, die übrigen um Ferse und Sprunggelenk geschlossen, halten die nur millimeterdicke, plane Sohle am Fuß. Wie man mit solcher Fußbekleidung 180 Kilometer überstehen können soll, war nicht nur mir schleierhaft. Zumal auf zu erwartenden, stellenweise nun auch schon vorgefundenen miserablen Untergründen … So ganz scheint der drahtige Kerl dem (Fuß-) Frieden allerdings nicht zu trauen. Als alternative Fußbekleidung hat er Zehenschuhe unter seinen Laufrucksack geschnallt. Zehenschuhe - auch in denen hielte ich keinen Kilometer bei solchen Verhältnissen durch. Die Macht von Gewöhnung und Anpassung scheint das Unmögliche möglich zu machen …

Nicht nur der zottelbärtige Schwede steht und schaut. Auch ich verharre, wenn auch nur kurz, um den Ausblick von hier oben im Bild festzuhalten: Auf schmaler Talsohle, zwischen bewaldeten Höhenzügen reiht sich Feld an Feld. Ein reizvoller Flickenteppich, dessen Karos zwischen verschiedenen Rotbraun- und Grüntönen wechseln. Dazu das Grün der Hügel und der blaue, von harmlosen (?) Wolken dekorierte Himmel. Schon irgendwie … erhaben.

Erstmals leisten meine Oberschenkel Schwerstarbeit, fangen bei jedem Schritt das Gewicht meines Körpers ab. Und ich brauche viele Schritte, um weitere zweieinhalb Kilometer bis hinunter in die Ebene zu bewältigen. Hier geht es zwischen besagten Feldern in Richtung der nächsten Ortschaft, davor für einen halben Kilometer dann doch wieder auf Asphalt.

CP 4, Skotini, Kilometer 33,5

Mike bricht gerade auf, als ich am Checkpoint ankomme. Vielleicht hätte ich das gar nicht mitbekommen, wenn Supporter Natascha ihm nicht hinterher riefe: „Mike! Bist du über die Matte gelaufen?“ - Ich halte meinen Aufenthalt kurz, bunkere Wasser und Gel, gebe außerdem Windel und Kappe an Ines zurück. „Windelwetter“ hatte ich allenfalls noch beim Aufstieg hierher zu verzeichnen. Im Abstieg wurde es bereits kühler, begünstigt von der wieder vielfach wolkenverhangenen Sonne. Unterdessen ist die Temperatur merklich gesunken (auf 22°C; von Ines auf der Liste mit den Checkpoints vermerkt).

Zum Abschied von Skotini überlaufe ich die Matte der Zeitmessung und nehme zum ersten Mal bewusst meinen Abstand zur Cut-Off-Zeit wahr: 18:33 Uhr löse ich die Messschleife aus. Gemäß Closing Time muss ich den Checkpoint bis 19:35 Uhr verlassen haben. Mithin eine Stunde Zeitguthaben nach nur 33,5 gelaufenen Kilometern. Was will ich mehr?

Hinter Skotini erschwert eine weitere Off-Road-Passage das Vorwärtskommen. Vor allem anfangs recht fordernd auf Wegen, die nicht immer eindeutig als solche erkennbar sind. Über Gras, ein anderes Mal schweißtreibend einen mit grobem Schotter belegten Abhang empor. Wieder runter, rauf, noch mal runter, wieder rauf. Meinen Füßen setzt solches Geläuf erfahrungsgemäß zu, wenngleich sich in dieser Frühphase noch kein Verschleiß bemerkbar macht. Inständig hoffe ich auf ein baldiges Ende dieser fuß-mordenden Passage. Bereits nach einer Viertelstunde erfüllt sich meine Hoffnung auf Untergrund, der nun wieder die Bezeichnung „Weg“ verdient. Ein Forstweg, um genau zu sein, auf dem dichter Nadelbaumbestand nur noch zeitweise Tiefblicke zulässt.

Kai ist in meiner Nähe. Mal vor mir, mal hinter mir, je nachdem welche Abschnitte ich mir im Tippeltrab zumute. Kai geht konsequent und zügig. Wie es ihm geht, weiß ich nicht. Fragen, reden, kostet einfach zu viel Kraft. Und nach lediglich knapp 40 von gewaltigen 180 Kilometern ist ohnehin noch nichts entschieden … Jedenfalls käme ich nicht auf die Idee bei Kai bereits Schwierigkeiten zu vermuten. Was, wie ich hinterher erfahre, jedoch der Fall ist. Unklare Knieschmerzen bremsen ihn. Einen oder zwei Checkpoints später wird er aus diesem Grund, der Vernunft gehorchend, aufgeben …

Der hoch aufgeschossene, gertenschlanke Michael ist nicht zu übersehen. Schon nicht in Berlin, wo er herkommt und als Musiker arbeitet, noch weniger im inzwischen dämmrigen Nadelwald. Zu Beginn stürmte er eiligen Schrittes davon, scheint nun aber gewaltig Tempo raus genommen zu haben. Michael lernte ich bereits beim Spartathlon kennen, jedoch nicht so intensiv wie in den Tagen des Olympian Race. Mit dem etwa gleichaltrigen Mitkämpfer lernte ich einen höchst angenehmen Menschen kennen: Tiefenentspannt, da sich selbst und der Richtigkeit seines Tun vollkommen gewiss, dazu liebenswert aufgeschlossen und mit Humor gesegnet. Es scheint mir absolut aussichtslos Michael mit was auch immer auf die Palme bringen zu wollen. Einer jener Menschen, die man einfach mögen muss und gerne in seiner Nähe hat. Wie Michael tickt, zeigt auch seine Reaktion auf meine Bemerkung, als wir kurzzeitig auf gleicher Höhe laufen. Mein „Inzwischen spüre ich die Anstrengung!“ kontert er mit einer talwärts weisenden Geste und dem entwaffnenden, Demut signalisierenden Satz: „Ist das nicht eine herrliche Aussicht!?“

Das Hochgefühl des hellen, warmen Nachmittags, dort drüben jenseits der Hügelkette, als meine Füße noch in hochfrequenter Schrittfolge auf den Asphalt trommelten, ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Mehrere lange Abschnitte musste ich zwischenzeitlich gehend verbringen. Ich akzeptiere es, froh macht es mich wahrlich nicht. Auch jetzt wieder gehen, gehen, gehen ... Der Weg ist keinesfalls zu steil, als dass Laufen weniger effizient wäre als flottes Gehen. Ich verfüge nun mal leider nicht über ausreichend Reserven für 180 Kilometer, wenn ich mich im ersten Viertel bereits verausgabe. Deshalb gehen! Zuletzt eine steile Rampe empor, die offensichtlich auf einer Straße endet, wo diverse Zuschauer applaudieren. Erst höre, dann sehe ich sie. Zu meiner Freude ist auch Ines dabei, auf die ich geradewegs zuhalte. Warnend ruft sie mir entgegen: „Wir dürfen hier aber nicht helfen!“ - Ich stürme mit einem breiten Grinsen auf sie zu und lasse mir die unabsichtlich zugespielte Pointe nicht entgehen: „Aber küssen darf ich dich!“ - Eine Absicht, der ich umgehend und unter wohlwollendem Beifall und Lachen der Umstehenden nachkomme.

Ein paar hundert Meter später und dem Straßenrand folgend erreichen wir eine Passhöhe. Es dauert eine Weile bis ich mein Glück fassen kann: Unentwegt abwärts nun und das auf Asphalt. Als Ines jubelnd vorbeifährt habe ich noch mehr begriffen: Drunten im Tal und scheinbar zum Greifen nahe liegt ein größerer Ort. Das kann eigentlich nur unser nächstes Etappenziel Kandyla sein. Doch mein Kilometerzählwerk ist gerade erst über Marathondistanz hinaus und der nächste Checkpoint ist bei Kilometer 48 angegeben. Fünf Kilometer bis Kandyla? Also vermutlich in diversen Serpentinen und langen Geraden mehr oder weniger gemütlich abwärts.

Die Straße bietet meinen malträtierten Füßen Gelegenheit sich zu erholen. Zudem mache ich bei minimalem Krafteinsatz flotte Fahrt. Sofort bin ich wieder besser drauf. Was ein paar gelaufene Schritte bewirken können! - Zwischen Büschen talwärts lugend mache ich eine Kehre weiter unten einen Läufer aus. Ist das Mike? Einen Rest Unsicherheit beseitigt der Freund, der mich bergwärts spähend gleichfalls erkennt. Im selben Moment heben wir den Arm und winken uns zu. Eigentlich nicht mehr als eine Geste, von der ich nie angenommen hätte, dass sie mich in dem Maße beflügelt, wie sie das nun unzweifelhaft tut …

Abwärts, immer weiter abwärts. Mir bleibt nichts weiter zu tun als mich möglichst unangestrengt treiben zu lassen. Lange Schritte setzen, damit ich keine Energie vergeude. Obwohl der Asphalt jegliche Dämpfung vermissen lässt, scheint mein Rücken die lange Schussfahrt klaglos hinzunehmen. Kein Mucks aus der Lendenwirbelregion. Wieder ein ermutigendes Signal, das ich sogleich zum Erfolgsversprechen ummünze: Du wirst es schaffen, Udo! Musst nicht mehr als durchhalten!

CP 5, Kandyla, Kilometer 48

Als ich in Kandyla aufbreche, ist die Abenddämmerung schon weit fortgeschritten. Neben der Betankung mit Wasser und Zuckertreibstoff habe ich auch meinen „Rüstzustand“ korrigiert. Die kleine Digicam liefert keine brauchbaren Bilder mehr, also hab ich sie Ines übergeben. Dafür „krönt“ nun die alte, leidlich lichtstarke Stirnlampe mein Haupt. Bis Levidi (ca. 14 km) wird sie hoffentlich durchhalten. Bis dorthin bleiben wir auf der Straße, wo es mehr darum geht gesehen zu werden, als selbst etwas zu sehen. Und das leistet meine alte Funzel allemal.

Noch komme ich ohne Licht aus. Die Straße wird flacher, läuft in einem lang gezogenen Hochtal aus. Gerade mal sechs Kilometer trennen mich vom nächsten Checkpoint. Rasches Vorankommen stimmt mich gleichermaßen froh, wie die Tatsache dem Cut-Off seit Kandyla knapp zwei Stunden voraus zu sein. Die alten Griechen kannten nur wenige, an Orte gebundene Orakel, die ihnen die Zukunft offenbarten. Ich dagegen finde mehrfach erfreuliche Hinweise und Zeichen am Wegrand: Es wird gelingen, Udo, du wirst es schaffen!

Eine Viertelstunde später vermag ich den Straßenbelag nur noch schemenhaft zu erkennen. Die Angst vor schadhaftem Asphalt, davor „einzufädeln“ und zu stürzen, veranlasst mich dann doch das Licht einzuschalten. Umgehend wird die Welt jenseits des hellen Lichtflecks auf der Straße weitgehend unsichtbar. Wie jedes Mal, irritiert mich der Abschied aus dem Diesseits auch heute. Als hätte ich mich aus vertrautem Kosmos ins Nichts katapultiert, in ein privates Raum-Zeit-Kontinuum. Wo der Raum sich endlos dehnt und die Zeit viel langsamer tickt. Laufen mit Stirnlampe ist gewöhnungsbedürftig und aus meinen Worten erschließt sich dem verehrten Leser unschwer: Ich kann’s nicht sonderlich leiden!

CP 6, Kefalovryso, Kilometer 54

Kein Ort, lediglich ein griechisches Restaurant am Rand der Straße Nummer „66“. Ein bisschen Licht mitten in weiträumig regierendem Dunkel. Meine Flasche blieb seit Kandyla unangetastet. Also trinke ich am Checkpoint, lasse mich mit ein paar Sätzen von Ines aufbauen und mache mich umgehend wieder auf den Weg.

Back on Route „sixty-six“: Die Leuchtkraft meiner betagten Stirnlampe leidet zunehmend, jedoch nicht an Altersschwäche. Beim Zusammenraffen der Ausrüstung für den Olympian Race stand ich unter ziemlichem Zeitdruck. Wie stets und bei allen Verrichtungen in den letzten Wochen. Darunter litt die Sorgfalt. Unter anderem verzichtete ich darauf die Akkus der alten Funzel nachzuladen. Eine unbedeutende Nachlässigkeit, so schien mir, war doch die Lampe nur als Notbehelf vorgesehen. Bis Levidi, dessen Lichter ich schon seit einiger Zeit weit voraus auszumachen glaube, wird sie mir den Weg erhellen. Und falls nicht - bis Levidi folge ich der „Route 66“ mit bisher tadelloser Asphaltdecke. Das gelänge äußerstenfalls auch ohne Licht. Und ebendieser Asphalt steigt nun wieder an … Etwas wahrhaft Wertvolles lernt man oft erst zu schätzen, wenn man es verliert. In diesem Fall das vergleichsweise mühelose Traben der letzten 20 Kilometer, erst von der Passhöhe hinab nach Kandyla, seitdem überwiegend flach dahin.

Jetzt also wieder hinan. Im Grunde trabe ich hier bereits am Fuß des furchterregendsten Zackens im Streckenprofil: Höhenunterschied 760 (!) Meter. Auf anfänglich moderat ansteigender Rampe reduziere ich mein Tempo, behalte aber den Laufschritt bei, komme so weiterhin zügig voran. Die Lichter von Levidi scheinen bereits zum Greifen nahe. Das scheint aber nur so: Je finsterer die Finsternis dich einschließt, umso näher wähnst du dich Rettung verheißendem Obdach ... Weiter bergauf ... Die fortschreitende Schwindsucht meiner Stirnlampe hat auch einen Vorteil: Keine (Selbst-) Blendung, ergo entgeht mir nichts ausreichend Lichtstarkes jenseits ihres matten Schimmers. Die Ansammlung intensiver werdender Lichtpunkte mit Namen „Levidi“ etwa oder seit kurzem der Schemen eines Vordermannes im hin und her wischenden Licht seiner Kopflampe. Zentimeterweise, über mehrere Minuten schrumpft der Abstand, bis ich - höchstens noch 20 Meter entfernt - erkenne, wen ich vor mir habe: Meinen Freund Mike! Spontan aufkeimende Freude wandelt sich binnen Sekunden in Sorge: Einen „voll intakten“ Mike hätte ich nie und nimmer einholen können!

Seite an Seite durchs Dunkel unterhalb von Levidi. Mike leidet unter … wie könnte ich in Worte fassen, was ihm fehlt, wenn er selbst es nicht recht weiß. Seit Tagen stellt sich zum Abend hin Unwohlsein ein, begleitet von Hustenreiz. Dann und wann hustet er auch jetzt und ich stelle ihm auch noch die dümmste aller möglichen Fragen: „Schwächt es dich?“ - Machte es ihm nicht zu schaffen, ich hätte keine Gelegenheit bekommen derart blöd zu fragen. Und eigentlich wollte ich gar nicht fragen; nicht solchen Unfug jedenfalls. Eigentlich wollte ich nur Begleitung und Mitfühlen signalisieren. Wollte vielleicht wissen, wie sehr es ihn hemmt. - Stumm nebeneinander, zunächst im Trab, einige Zeit später, vor der Steigung kapitulierend, im zügigen Gehschritt. Es arbeitet in mir: Wenn ich das nächste Mal den Mund aufmache, um das Wort an den Freund zu richten, dann überlegt, dem Misthaufen des in mehr als sieben Laufstunden aufgehäuften Stumpfsinns in meinem Hirn zum Trotz!

Was ich ihm schließlich sage, verfehlt seine Wirkung nicht. Geradezu grimmig und bis zum Äußersten entschlossen stimmt er mir zu. Ob es ihm helfen wird, bleibt abzuwarten. Bin selbst einer von 116 Verrückten, die diese irre Distanz bis Olympia durchstehen wollen. Als solcher weiß ich, dass hehre, kraftvolle Worte nur eine begrenzte Wirkung entfalten können. Sie vermögen eine Flamme höher auflodern zu lassen, aber nicht zu entzünden, wenn sie mangels Energie erlischt … - Was ich zu Mike sagte, willst du wissen? - Freunde funken manchmal auf einer nur ihnen zugänglichen oder verständlichen Frequenz. Was sie auf dieser Wellenlänge austauschen, ist nicht für Dritte bestimmt …

CP 7, Levidi, Kilometer 61,7

Aus zügigem, wurde mühsames Gehen, im Ort hat die Steigung der Straße gewaltig zugenommen. Freitagabend, nach 22 Uhr: Zu dieser Zeit sprudelt Griechenland vor Leben über, sofern es warm genug ist, wie heute Abend, und mehr als nur eine Handvoll Häuser beieinander stehen, so wie hier in Levidi. Am meisten Aktivität herrscht auf der hell erleuchteten „Plateía“* - vermutlich Standort des nächsten Checkpoints. Seite an Seite streben wir auf dem Bürgersteig dem Licht entgegen. Im Halbdunkel bemerke ich die Matte der Zeitmessung erst auf den letzten Metern. Spontan greife ich nach Mikes Hand, um mit ihm gemeinsam hinter dem Zwischenziel „Levidi“ einen Haken zu setzen. Ein Symbol. Spontan, also unüberlegt, aber keinesfalls unmotiviert. Ich verstehe es. Mike versteht es. Reicht.

*) Πλατεια =  Plateía (sprich: „Platía“): Griechisch für „Platz“

Unsere Supporter erwarten uns im Verhältnis 1:1 zum Boxenstopp. Kein entsprechend ausgeklügelter Choreographie hin und her wuselndes Team wie im Formel-1-Rennen, wo die sensiblen Chassis der Rennautos binnen Sekunden wieder flott gemacht werden. Unsere Körper brauchen mehr Zeit. Natascha umsorgt Mike, Ines mich. Insgesamt 22 Portionen Energiegel und ein Paar frische Strümpfe habe ich zu den nächsten sechs Checkpoints, die ich nächtens oder am frühen Morgen erreichen werde, per Drop Bag vorausgeschickt. Alles andere für die Nacht übernehme ich jetzt von Ines: Die beim Spartathlon bewährte „neue“ Stirnlampe samt Ersatzakku, eine Taschenlampe, ein Schlauchtuch und eine Windstopper-Laufjacke. Während ich trinke und meine Gelvorräte auffülle, assistiert Ines beim Verstauen der Utensilien: Lampe auf den Kopf, Ersatzakku und Taschenlampe in den Beutel meines Trinkgürtels, das Schlauchtuch in die Jackentasche, Jacke fest um die Hüften gebunden. Ines wird sich hier in Levidi im Hotel ausschlafen. Ich fühle mich wohler dabei, sie sicher im Hotel zu wissen und nicht übermüdet auf menschenleeren Straßen im griechischen „Outback“. Außerdem bin ich bei Nachtläufen erfahrungsgemäß eher mies gelaunt. Eine Befindlichkeit, in der ich mich im Grunde niemandem zumuten will, am wenigsten meiner Frau.

Zehn Minuten dauert der Boxenstopp (gemäß GPS-Track). Zeit aufzubrechen, ich beginne zu frieren. Ich blicke zu Mike hinüber, der just in diesen Sekunden seine „Metamorphose“ abgeschlossen hat: Langarm-Shirt und lange Hose sollen ihn während kalter Nachtstunden vorm Auskühlen schützen. Dass ich bis auf weiteres in der Nähe des angeschlagenen Freundes bleiben werde, ist für mich alternativlos und nicht die Umsetzung eines Entschlusses nach Abwägen, auch kein Akt der Hilfsbereitschaft. Es ist schlicht selbstverständlich. Einen Kameraden, in diesem Falle zugleich den Freund, will ich begleiten. Ob es ihm was bringt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Er wird mich so lange nicht loswerden, bis er aufgibt oder wiedererstarkt davonzieht.

Ich wünsche Ines eine gute Nacht. In ihrem Blick, dem Abschiedskuss, mehr noch ihrer Umarmung empfange ich Wellen guter Energie, pure mentale Kraft. Sie glaubt an mich, an den Erfolg. Wahrscheinlich sogar rigoroser, mit mehr Selbstverständnis, als mir das gegenwärtig selbst gelingt. Und sie erwartet von mir, dass ich durchhalte, die Nacht besiege. Wie könnte sie sonst ruhig schlafen? - Also werde ich durchhalten, werde Erfolg haben!

22:30 Uhr: Mike wehrt sich ein wenig gegen meine Begleitung. Seinem Zieren liegen zwei Fehleinschätzungen zugrunde: Erstens habe ich nicht, wie er unterstellt, auf ihn gewartet, wir waren tatsächlich gleichzeitig fertig zum Aufbruch. Und zweitens bin ich keineswegs so stark, wie er vermutet. Nur einem angeschlagenen Mike vermag ich gerade so eben Paroli zu bieten. Eine Einschätzung, die ich einstweilen mal in den finsteren Luftraum über Levidi stelle, nicht ahnend wie rasch die Beweisführung folgen wird …

Forschen Schrittes nehmen wir die bergwärts aus der Kleinstadt führende Straße. Wenn wir uns austauschen, dann kurz und knapp zur Sache. Mike, der den Olympian Race zum zweiten Mal bezwingen will, bereitet mich auf eine kleine Ewigkeit vor: „Die einen sprechen von 8 Kilometer Aufstieg, andere behaupten es ginge mehr als 10 Kilometer ununterbrochen bergan!“ - Von Asphalt wechseln wir auf eine feste Piste. Fest, doch wie die nächsten Kilometer unausgesetzt beweisen, keineswegs eben. Vielfach liegt loses Geröll herum, auf das man schon der Kraftverschwendung wegen nicht treten will. Und vor mal mehr, mal weniger hoch aufragenden Steinen muss man sich ohnehin in Acht nehmen. Zwei Lampen = zwei Lichtkreise = bessere Sicht. „Bessere Sicht“ versorgt aber zumindest mich nicht ausreichend mit Dreidimensionalität, um die tatsächliche Höhe von Kanten sicher abschätzen zu können. Das eine oder andere - zum Glück harmlose - Stolpern vermag ich folglich nicht zu vermeiden …

Nebeneinander, manchmal, wo sinnvoll, auch hintereinander, latschen wir hinan. Nur Gehen, kein Laufen. Ich habe aufgehört mich dafür vor mir selbst zu rechtfertigen. Mir selbst den Nerv zu töten. Versuchte ich hier zu laufen, hätte ich mich auch gleich zu Ines ins Hotelbett legen können - was mir offen gestanden im Augenblick vorkommt, wie das von Adam aus nichtigeren Gründen verspielte Paradies … Keine Verteidigungsreden vorm inneren Inquisitor also, dafür Bedauern: Die Steigung stellt keine wirkliche Herausforderung dar, wäre normalerweise in voller Länge sogar für einen Laufopa wie mich joggend zu bewältigen - nur eben nicht mit limitierter Ausdauer bei verbleibenden 120 Kilometern.

Motorengeräusch nähert sich von hinten. Mike unterstellt zunächst eine Kontrollfahrt des Veranstalters. Was dann Minuten später unter ohrenbetäubendem Lärm an uns vorbei „dieselt“, entpuppt sich jedoch als ein bis zum Rand seiner überhohen Bordwände mit bunt lackierten Kästen beladener Kleinlaster. Zig Bienenvölker rumpeln ihrem nächtlichen Bestimmungsort entgegen. Die im ersten Hindenken befremdliche Nachtfahrt, erschließt sich mir rasch als einzig sinnvolle Alternative: Erst in fortschreitender Dämmerung kehren alle Bienen in den Stock zurück. Im Dunkeln weggesperrt und verbracht schwärmen die fleißigen Pollensammler dann mitten im üppigen neuen Blütenparadies wieder aus …

Aus. Ende. Zeitgefühl verloren. Halbe Stunde unterwegs? Eine, anderthalb? - Obwohl wir immer noch zügig ausschreiten, rauschen Mitkämpfer vorbei. Zum Beispiel „Angel“, der junge Franzose. Ich kenne ihn nicht. Brauche ich auch nicht, hab ja Mike an meiner Seite und der kennt „fast“ jeden. Mike spornt „Angel“ (Englisch ausgesprochen) an und erzählt mir seine Geschichte, nachdem der Betroffene außer Hörweite ist. Angel gehört dem Feld der 116 Laufverrückten ebenso an, wie sein Vater Gilles, der den Olympian Race bereits sechsmal erfolgreich absolvierte. Was ich aus zweiter Hand über die Familie von Gilles und Angel erfahre, will ich hier nicht weitergeben, gestehe jedoch unumwunden die anlässlich Mikes Schilderung empfundene Rührung und Hochachtung.

Angel war der erste, ist aber nicht der letzte Mitstreiter, der uns in flotterem Gehtempo überholt. Längst spüre ich die unaufhörliche Steigung in den Beinen. Sie laugt mich auf eine Weise aus, wie ich es nicht erwartet habe. Zudem bin ich müde - „schlafmüde“ ist damit gemeint, nicht „ausdauermüde“. Welches Defizit überwiegt, das der Ausdauer oder Schlafmangel, kann ich nicht sagen. Jedenfalls klafft derweil eine meterlange Lücke zwischen Mike und mir. Ich kann nicht schneller und will es auch nicht. Mehrfach blickt der Freund sich um. Versucht sicher einzuschätzen, was mit mir los ist. Will den Kontakt nicht abreißen lassen. Ich spüre seinen inneren Zwiespalt. Er will nicht davon ziehen, da nun möglicherweise ich in die erste Krise schliddere. Auch wenn zwischen uns im Grundsatz alles klar ist, fordere ich ihn entschieden auf: „Ich bin müde! Wenn du schneller kannst, dann mach dein Ding! Lauf zu, Mike!“. Unmissverständlich ausgesprochen, irgendwann später noch einmal wiederholt. Schließlich akzeptiert er das Unabänderliche und unser Abstand vergrößert sich …

Unerwartet endet die Steigung. Ein paar Meter flache Wegstrecke, dann ebenso moderat bergab, wie über mehrere Kilometer bergauf. Erst glaube ich an ein Intermezzo. Sooo lange war ich seit Levidi doch nicht unterwegs und sooo hoch kann ich auf schleichend ansteigendem Weg nicht gelangt sein … Die Piste scheren meine Zweifel nicht. Sie bleibt abschüssig und ich mache rasche Fahrt. Nicht so rasch wie Mike, dessen hell erleuchtetes „Raumschiff“ ich alsbald aus den Augen verliere. Ich konzentriere mich aufs Laufen. Ermahne mich energisch zur Aufmerksamkeit, auch wenn die Beschaffenheit des breiten Waldweges über weite Strecken keine Klagen aufkommen lässt: Nur ab und zu rauere Passagen, insgesamt jedoch besser als vorhin bergan und damit kein Problem.

Licht voraus! Der versprochene, zusätzliche Verpflegungsstand schält sich aus dem Dunkel des Forstes. Dahinter zwei Helfer, darauf Wasser und Kekse, davor Mike, der seine Vorräte ergänzt hat. Ohne ein Wort des Abschieds kann er mich nicht stehen lassen, das ginge mir genauso: „Es geht runter! Das muss ich mitnehmen! Wir sehen uns spätestens unten!“ und ich packe alle Überzeugungskraft in meine Antwort, derer ich fähig bin: „Lauf zu Mike!!! Mach dein Ding!!!“ - Ein eigentlich überflüssiger Dialog, denn, wie erwähnt, passt zwischen unser beider Auffassung, wie wir den Olympian Race überstehen wollen, nicht mal ein Blatt Papier! Der Chef des preußischen Generalstabes, Helmuth von Moldtke, soll unsere Taktik vor der Schlacht von Königgrätz (1866) kurz so formuliert haben: „Getrennt marschieren, vereint schlagen!“

Ich fülle meine Trinkflasche und gönne mir noch ein paar Schlucke Wasser vor Ort. Das Angebot der Kekse lehne ich dankend ab. Ausschließlich Gel und Wasser - mein Raketentreibstoff bis morgen Nachmittag. Ab und zu ein Becherchen Cola, um die Viskosität zu erhöhen. Von jeder anderen Mischung könnten Fehlzündungen ausgehen. Und ich will den interstellaren Flug in die Millionen von Lichtjahren entfernte Galaxis Olympia nicht gefährden …

Mike ist auf und davon. Beruhigend. 8 von 180 Kilometern mit dem Freund an der Seite unterwegs zu sein war … wozu sich formulierend verkünsteln? - Es war einfach angenehm. Angenehm für mich aber nicht gut für ihn, da seiner Schwächephase geschuldet. Es ist mir lieber er eilt voraus, offenbar wieder im Vollbesitz seiner überlegenen Ausdauer. Jetzt also allein weiter. Nur noch eine Kugel aus Licht umschließt mich. Unten abgeplattet vom fest geschotterten, glücklicherweise höchst selten „halsbrecherischen“ Weg. Konzentriert einen Fuß vor den anderen zu setzen gilt es trotzdem. Einen der hie und da nur zentimeterhoch aufragenden Steine übersehen … das kann‘s dann auch schon gewesen sein.

Ausschließlich Körpersignale drängen in und beherrschen mein Bewusstsein. Emotional existiert dort gegenwärtig nur ein neutrales „Grundrauschen“. Kein Ausschlag in Richtung Freude oder Unzufriedenheit zu verzeichnen. Und damit sind Burschen meines Naturells gut bedient. Ich käme nie auf die abwegige Idee nachts zu laufen, zwängen mich nicht Umstände dazu. Umstände wie überlanger Wettkampf oder tagsüber keine Zeit - Letzteres jedoch nur früher als ich noch sklavisch Trainingspläne umsetzte. Ich bin ein Mensch und Menschen formte die Evolution zu tagaktiven Wesen. Nachts fehlt der Spezies ihr wichtigster Sinn, das Sehen. Nachts draußen unterwegs zu sein widerspricht artgerechter Lebensweise und ich spüre das. Tappte bei anfänglichen Nachtläufen regelmäßig durch depressive Abgründe. Das ist infolge Gewöhnung gottlob vorbei. Und deshalb fühle ich mich mit „neutralem Grundrauschen“ im Oberstübchen gut bedient!

Zurückhaltend und achtsam trabe ich den moderat abschüssigen, breiten Waldweg hinab. Physisch „spürt sich das unschön an“, tut aber nicht weh. Geht so. Vielleicht bin ich zu alt, fußläufig zu ramponiert, um noch zu wissen, wie sich beschwerdefreies Laufen anfühlt. „Geht so“ ist jedenfalls dieser Tage mein „alles okay“. Andere machten sich womöglich Sorgen auf „unschön signalisierenden“ Beinen und Füßen nicht anzukommen. Ich sorge mich nicht. Weiß, dass es nicht nur nicht schlechter werden wird. Wahrscheinlich wird sich das „Unschöne“ sogar verlieren, später durch andere, von stundenlanger Abnutzung verursachte Beschwerden ersetzt oder überdeckt werden.

Mein Kopf ist arm an Gedanken. Oder treffender ausgedrückt: Reich an armen Gedanken. Kurze Hauptsätze dominieren, oft nur Fragmente davon, auf den Lauf Bezogenes, völlig Selbstverständliches: „Mike ist weg. Gut so.“ - „Ines wird bald schlafen.“ - „Gar nicht so schlecht der Weg.“ - „Markierung!“ - „Bin richtig.“ - „Wind rauscht in den Bäumen.“ - Das und mehr von ähnlicher Belanglosigkeit, vieles vielfach wiederholt. Irgendwas muss wacher Geist schließlich denken. Udo allein im Wald. Acht Kilometer bergauf nur Wald und nun bergab, weitere „x“ Kilometer wieder nur Wald. Eine Tatsache die ich nicht werte, die mir überdies völlig gleichgültig ist. Bäume sehe ich nicht, nur Teile davon, wenn der Schein der Lampe Äste oder Stämme streift. Jenseits des von meiner Lichtblase abgegrenzten, winzigen Universums nehme ich nichts wahr. Einerlei also, was dort existiert.

Zweimal tröpfelt es in meinem kleinen Kosmos. Erst kaum wahrnehmbar, dann für ein paar Minuten unergiebig. Für einen Augenblick schalte ich die Lampe aus, studiere den Himmel. Keine Mondsichel, nicht ein Stern. Einen bevorstehenden heftigeren Regenguss befürchte ich trotzdem nicht. Zu heftig der Wind. Nach längerer Pause der dritte Schauer. Das Bombardement der Tropfen schwillt an, lässt mich kurzzeitig erwägen die Schildkappe zum Schutz der Brille aufzusetzen. Wenig später und abrupt versiegt die Brause. Das war’s dann auch schon mit Wasser vom Himmel - so viel sei für den Rest des Olympian Race vorweg genommen.

Fast 23 Kilometer weit zwischen Levidi und Vytina in finsterer Nacht und mutterseelenallein auf einer Piste unterwegs - das zieht sich. Das Gefühl für Zeit ist mir längst abhanden gekommen. Vielleicht wäre es anders, schaute ich häufiger auf die Uhr. Doch was hätte ich davon? Ich bewege mich so rasch, wie es mir ratsam und möglich erscheint. Das allein bestimmt, wann ich den nächsten Checkpoint erreiche. Nicht nur die Zeit, auch der Raum scheint sich ins Endlose auszudehnen. Dankbar blicke ich dann und wann auf die Kilometeranzeige meines GPS-Begleiters. Das clevere Maschinchen lässt sich von Dunkelheit nicht beirren, misst und zählt die Meter, addiert sie zum bereits Geleisteten. Elend langsam, dafür immerhin stetig wächst der angezeigte Wert. Ein Nachweis: Und er bewegt sich doch! Vorwärts nämlich, auf das nächste Zwischenziel zu.

Kurz war da mal Licht, während ich bergab lief. Irgendwer überholte mich, zog vorbei und davon. Später noch einer. Jeder zieht hier sein eigenes Ding durch. Auf die Art die er für die beste hält. Natürlich versucht ein jeder abwärts so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. Manche können es sich leisten Vorsicht und Schongang talwärts zu vernachlässigen. Ich kann das nicht. Mein Sicherheitsempfinden lässt es nicht zu. Zudem hoffe ich durch moderates Bergablaufen auf Schonung, wenn nicht gar teilweise Erholung meiner Ressourcen.

Im Lichtlosen regiert das Abrupte: Ohne Vorwarnung mündet die Piste in eine breite, asphaltierte Straße, gleichfalls abschüssig. Auf der bin ich eine ziemliche Weile unterwegs, ohne von Fahrzeugen überholt zu werden. Wo sollten die auch herkommen, mitten in der Nacht und wohin fahren. Die Grundfeste meines Universums besteht jetzt aus fußschonendem Asphalt - sonst ändert sich nichts.

Um abschließend Reste romantischer Vorstellungen meiner Leser auszuräumen, fasse ich zusammen: Da war dreimal kurz Licht vorbei huschender Mitläufer, waren ein paar Tropfen, hin und wieder rauschte Wind in möglicherweise existenten Bäumen. Sonst war da nichts. Überhaupt nichts. Für lange Zeit. Keine Ereignisse, keine Bilder, nur Dunkelheit. Wenigstens letztere wird nun teilweise erhellt. Von Straßenlaternen, die mich zum, schließlich durch den nächsten Ort begleiten. Ich drehe mein Kopflicht ab, will Akkuladung sparen. Sparen, obwohl ich mit zwei vollen Akkus über ausreichend zeitliche Redundanz verfüge? Zur Not auch noch die Taschenlampe in petto hätte? Übervorsicht? - Vielleicht. Doch, wer gibt mir die Garantie dafür, dass nicht eine Verkettung dummer Zufälle, menschliches (mein) und technisches Versagen, meinen Lichtvorrat vorzeitig aufbraucht? Und ohne Licht könnte ich hier einpacken!

CP 8, Vytina, Kilometer 84,4

Der Ort zieht sich in die Länge. Erst nach mehr als einem Kilometer erreiche ich den Verpflegungspunkt. Zwei Dinge erwarte ich hier: Wasser für meine leere Flasche und die im Drop Bag vorausgeschickten Gels. Meine Erwartung wird erheblich übertroffen: Natascha ist noch hier, obwohl Mike längst wieder in der Finsternis abtauchte (natürlich vergesse ich zu fragen, wann er weg ist). Mehr noch: Natascha hat mich ankommen sehen und streckt mir mein Drop Bag entgegen. Besorgt mir einen Becher mit Wasser, fragt, ob ich etwas brauche. Nächtlicher Doppel-Support durch Natascha. Ich bin auf einen Solo-Ritt durch die Nacht vorbereitet, komme - käme - auch allein über die dunklen Runden. Doch müsste ich lügen, würde ich leugnen, dass mir Nataschas Hilfe willkommen ist. Ihre bloße Gegenwart vermutlich mehr als jedes Zureichen.

Ich trabe über eine Straße durch lichtloses Land. „Traben“ kann nur heißen: Abwärts, flach voraus oder in harmloser Steigung. Seit ich Vytina mit seiner Straßenbeleuchtung hinter mir ließ, fehlt wieder jede Vorstellung, wie die Landschaft rings umher aussieht. Klingt, als würde mich das interessieren. Tut es aber nicht. Es ist schwierig meine seelische Verfassung zu beschreiben. Ein bisschen gleicht sie der einer seelenlosen Maschine. Ich habe mich auf Vorwärtsbewegung und Durchhalten programmiert. Emotionen leiste ich mir kaum, zumindest köcheln sie auf kleiner Flamme. Nicht missverstehen: Dabei handelt es sich um keinen willentlich herbeigeführten Gemütszustand. Dunkelheit, fortschreitende Ermüdung und das Diktat des „Vorwärtsmüssens“ halten mich gefangen. Keine gute, keine schlechte Laune - irgendwie gar keine Laune. Was meiner Absicht, heute Nachmittag in Olympia über die Ziellinie zu laufen, allerdings eher hilft, als schadet. Ich habe Läufer von nächtlichem Laufen schwärmen hören. Wenn sie’s sagen, wird’s wohl so sein. Ich selbst schaffte es kein einziges Mal anlässlich nächtlichen Joggens gute Gefühle zu rekrutieren. Nicht mal eine Spur davon. Intensiv depressive dagegen schon. Und die braucht kein Mensch, dann schon lieber „roboterhafte Gefühlskälte“. Vielleicht liegt darin auch ein Grund, weswegen ich nachts gerne auf Ines Gegenwart verzichte: Welche Frau erlebt schon gerne, wie ihr Mann zum Zombie mutiert?

Meinen physischen Zustand zu beschreiben ist um einiges einfacher: Ich bin zwar müde, mobilisiere aber stetig Energie, um mich in akzeptablem Tempo vorwärts zu bewegen. Die Achillessehne hat vorzeiten das Absurde ihres Protests angesichts unseres Vorhabens eingesehen und hält die Klappe. Die Füße fühlen sich ein bisschen an, als klemmten sie in einem Schraubstock, den ein Folterknecht im Viertelstundentakt fester anzieht. Jedoch keine wirklichen Schmerzen. Am rechten großen Zeh, Außenseite, hat sich eine Blase gebildet. So lange es rieb, tat’s weh, nun ist das Polster aus abgelöster Haut und Gewebewasser fertig und das bisschen Restschmerz lässt sich mühelos ausblenden. Zusammengefasst vielleicht so: Der rostige, alte Seelenverkäufer ist leck geschlagen, doch längst noch nicht dem Untergang geweiht …

Obschon ich kaum etwas „erlebte“, bin ich nachbetrachtend nicht mehr fähig die wenigen berichtenswerten Begebenheiten zeitlich oder räumlich zu verorten. Das gilt auch für die zwei, drei Begegnungen mit Ursula. „Hallo Ursula!“ - Mehr Rede fällt mir nicht ein. Wer würde auch von einem Zombie Witz oder Esprit erwarten? Immerhin freue ich mich - im Rahmen meiner noch vorhandenen Möglichkeiten - der verrückten Ursula mitten im dunklen Nirgendwo zu begegnen. Jemanden als „verrückt“ zu kennzeichnen, gilt in „unseren Kreisen“ übrigens als Ausdruck höchster Wertschätzung. Geschieht es doch im Bewusstsein von den meisten Mitmenschen selbst als extremer Sonderling wahrgenommen und eingestuft zu werden ... Ursula ist Schweizerin, fast in meinem Alter, hat höchstens drei Viertel meiner Größe und trägt wenig mehr als mein halbes Gewicht über den Peloponnes. Im Grunde schwebt sie eher über die Straße als zu joggen. Ein bisschen (eigentlich: sehr!) beneide ich sie um ihre Leichtfüßigkeit, die ihr in jedem Terrain unbestreitbare Vorteile bringt. Nun ziehe ich an ihr vorbei und weiß eigentlich nicht recht wieso. Ich hatte erwartet sie frühestens in Olympia wiederzusehen!?*

*) Ursula gewinnt die Damenkonkurrenz des Olympian Race in fantastischen 26:06:29 h.

CP 9, Magouliana, Kilometer 97

Ohne es zu bemerken ist meine Laune in den Keller gerauscht. Wie mies ich zwischenzeitlich drauf bin, macht mir Nataschas Frage bewusst, die sie mir am Checkpoint in Magouliana stellt: „Wie geht’s dir?“ - Sie fragt, ist von Mike sicher einigen verbalen „Kummer“ gewöhnt, also antworte ich ehrlich. Keine depressive Verstimmung. Davor scheine ich gefeit. Ich bin einfach endlos genervt vom ewigen Gehenmüssen. Als ausgedehnte Nachtwanderung hatte ich mir den Olympian Race nicht vorgestellt. Als ich in Magouliana ankomme, liegen wieder sieben Kilometer stetigen Aufstiegs hinter mir. Kein Wunder, dass mein Abstand zur Cut-off-Zeit schrumpfte. In Vytina waren es noch 2:05, hier in Magouliana verbleiben nur noch 1:50 Stunden. Nicht, dass ich mich deswegen sorgte. Während ich beim Spartathlon ständig den Leibhaftigen im Genick spürte, beschränke ich mich beim Olympian Race darauf die Schwindsucht meines Zeitvorrats leidenschaftslos zur Kenntnis zu nehmen.

Einmal mehr reicht mir Natascha das Drop Bag, versorgt mich mit Wasser. Fragt überdies, ob ich etwas von der warmen Nudelsuppe haben möchte, die am Läuferbuffet angeboten wird. Nach Brühe wäre mir vielleicht, aber nicht nach den unvermeidlich mitgelieferten Nudeln. Die lägen mir wie ein Stein im Magen. Kein Risiko! Bislang verschickt mein Magen ausgesprochen kooperative Signale! Also lehne ich dankend ab, wie schon vor bald zwei Stunden in Vytina. „Drinnen brennt ein Feuer! Willst du dich nicht ein wenig aufwärmen?“ - Nataschas Frage, die ich zunächst gleichfalls verneinte, ist ein paar Minuten her. Die verbrachte ich stehend, hantierend, trinkend. Nun spüre ich doch, wie nächtliche Kühle unter die dünnen, obendrein feuchten Klamotten kriecht. Also greife ich mir einen letzten Becher Trinkbares und stelle mich „indoor“ vors wärmende Kaminfeuer. Eine Minute, höchstens zwei. Ich könnte den Becher schneller leeren, hätte vielleicht sogar auf den Inhalt verzichten können. Doch je länger Nacht und Wettkampf dauern, umso stärker wird die Anziehungskraft von Menschen und Obdach.

Back on the road again. Was nehme ich aus Magouliana mit? - Den Eindruck eines selbst zu nachtschlafener Zeit nicht völlig menschenleeren Ortes. Kurz vor vier Uhr morgens meinte ich Menschen vor einem noch offenen Lokal gesehen zu haben. Hab ich das geträumt? - Sicher kein Traum war der idyllische Ortskern, den ich im Schein der Straßenbeleuchtung registrierte. Vielleicht lohnt ein Besuch des Dorfes bei Tageslicht?

Back on the road again und wieder dem heftigen, bisweilen böigen Wind ausgesetzt. Den bemerke ich bereits die ganze Nacht über, wenngleich er sich meistens nicht störend auswirkte. Nur einmal, für ein, zwei Kilometer erwischt er mich frontal und bremst. Eigenartigerweise friere ich nicht, obwohl die Laufjacke noch immer nur meine Hüften wärmt. Anziehen will ich sie nicht, um unnützes Schwitzen zu vermeiden. Von Zeit zu Zeit schaue ich auf die Uhr. Im Grunde nur, um mich der Tatsache zu versichern, dass meine Freundin Sonne bald zurückkehren wird. Keine zwei Stunden mehr bis zur Dämmerung! Am letzten Checkpoint habe ich den Akku meiner Stirnlampe gewechselt. Der war zwar nicht leer, ich wollte mir jedoch das Hantieren im Dunkeln ersparen, zu dem ich die Taschenlampe hätte „’rausfischen“ müssen. Zudem konnte ich den ausgewechselten Akku an Natascha loswerden.

Natürlich dient der Blick auf die Anzeige auch der Distanzkontrolle. Auf dem ersten Streckendrittel maß ich dem abgelesenen Wert kaum Bedeutung zu. Inzwischen schöpfe ich daraus Motivation. Ich setzte und setze mir Zwischenziele. Je mehr, umso besser. „Keine 100 Kilometer mehr …“ war zum Beispiel eines, das ich flott abwärts joggend noch vor Vytina realisierte. Dann nahm ich den Checkpoint in Vytina selbst aufs Korn, weil er bei Kilometer 84,4 dem Punkt entspricht, wo ich den zweiten Marathon in Serie feiern konnte. Als nächstes strebte ich der halben Distanz - Kilometer 90 - entgegen, dabei sorgsam auf meine Wortwahl achtend: Halbe Distanz, nicht Halbzeit! Nach fast genau 12:30 Stunden freute ich mich - ein wenig - über diese denkwürdige Marke. Wichtiger war jedoch etwas anderes: 12:30 von insgesamt 28 zugestandenen Stunden verbraucht. Also bleiben noch 15:30 Stunden für „nur“ 90 Kilometer! Das schaffe ich locker!

Zwischendrin vergeht allerdings viel Zeit inmitten noch immer pechschwarzer Nacht. Ich bin wach und muss denken. Weil ein Mensch nicht bei Bewusstsein sein kann und nichts denken. Also denke ich. Nur was? - Eine Kostprobe gab’s bereits weiter oben. Auch jetzt und weiterhin Plattitüden und Selbstverständliches wie: Es ist dunkel. - Wind weht immer noch. - Mir ist nicht kalt. - Weit und breit kein Licht. - Wieder Sterne am Himmel (nur zu sehen, wenn ich die Lampe kurz mit der Hand abdunkle). - In der Ferne bellt ein Hund. - Sch … dunkelheit. Null Spaß. - Bald wird’s wieder hell. - Schon wieder rauf. Sch…! - Blödes Gelatsche. Doofe Nachtwanderung. - Wie spät ist es eigentlich? - Ines schläft. - Hoffe, Ines hat ein gutes Zimmer. - Hoffe, Ines kann durchschlafen. - Kein Auto auf der Straße. - Und so weiter und so fort … Schließlich - irgendwann, irgendwo - beginne ich doch noch zu frieren und streife meine Jacke über.

CP 10, Valtesiniko, Kilometer 105,3

Wieder erwartet mich Natascha mit meinem diesmal prall gefüllten Drop Bag. Die nächste Etappe erstreckt sich über 19 Kilometer, also verstaue ich einen maximalen Vorrat von sieben Gels und konsumiere gleich noch eins an Ort und Stelle. Die vorsichtshalber eingepackten frischen Strümpfe, um nötigenfalls meine Füße trocken zu legen, überlasse ich Natascha. Der Wetterbericht sprach davon, dass es in der Nacht hier oben in den Bergen regnen könnte. Dass uns Zeus* nur mit ein paar Tropfen neckte, darf als gutes Omen gewertet werden. „Wie geht es Mike?“ - Offensichtlich ganz passabel, wenn ich Natascha nicht missverstehe (Was infolge Schlafentzug durchaus geschehen kann). Wann er weg ist, frage ich nicht. Das kann noch nicht ewig her sein, sonst wäre Natascha nicht mehr hier. Ist auch nicht wichtig. Hauptsache Mike hat sich gefangen und läuft weiterhin stabil!

*) Zeus galt den Griechen nicht nur als Göttervater. Er kontrollierte auch Donner, Blitz und Regen, war ihnen also auch Wettergott.

Gegen 5:20 Uhr breche ich auf, noch immer unter pechschwarzem Himmel. Lange kann es nun nicht mehr dauern, bis der Tag anbricht. Ich darf auch wieder ein Stück traben, abwärts, wie mehrmals zuletzt, was jedoch im Gedächtnis fast keine Erinnerung hinterlässt. Dass mich eine weitere Steigung zum verhassten Gehen nötigt schon eher. Wie auch der unschöne Umstand dem Asphalt nach insgesamt 27 Kilometern einstweilen Lebewohl sagen zu müssen …

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27 Kilometer Straße? - Eine Zahl, deren Höhe ich vehement leugnen würde, spräche nicht die GPS-Aufzeichnung ein objektives Machtwort. Wenn ich an diese Nacht zurückdenke, schrumpfen alle Dimensionen. Ich finde zu wenig Bilder, Eindrücke und Erlebnisse in meinem Gedächtnis, um Zeit und Raum auf ihr tatsächliches Maß zu dehnen. Damit unterliege ich genau der gegenteiligen Täuschung wie vor Ort. Dort auf dem dunklen Peloponnes schien die Zeit langsamer zu laufen und die Strecke kein Ende zu nehmen. Ein Paradoxon - um eines der vielen Wörter zu gebrauchen, die aus dem Altgriechischen Eingang in unseren Sprachgebrauch fanden.

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Nun also wieder mal auf einer Piste. Immerhin mit recht brauchbarem Geläuf, wenngleich das zunächst bergauf, also gehend, keine Rolle spielt. Als ich mal wieder am Lichtschein meiner Lampe vorbeilinse, hat der Himmel Kontur gewonnen. Genauer gesagt zeichnet die nach wie vor rabenschwarze Silhouette des Waldsaumes eine klare Linie in den inzwischen minimal aufgehellten Himmel. Der Tag bricht an. Endlich. Fast will mir scheinen, als hätte mein Unterleib nur auf dieses Signal gewartet … da ist etwas in Bewegung gekommen. Ich fluche, bitte, flehe: „Verdammt! Bitte nicht jetzt! Nun kannst „du“ auch noch warten, bis es richtig hell ist! Bitte!“ - Bestimmt hilft es mit den Eingeweiden flehentlich zu reden, ein paar weitere Minuten Geduld einzufordern. Zu plastisch erinnere ich mich an dieselbe Situation beim Spartathlon. Endlose 20 Minuten kostete mich das Manöver damals im lichtlosen Gelände. Und während ich das Unvermeidliche verrichtete, stand mir das Versagen der Schöpfung klar vor Augen: Weshalb stattete sie den Menschen mit nur zwei Händen aus?

Genug Licht um jede Unebenheit am Boden sicher wahrzunehmen, also lösche ich die Lampe. Würde mich ihrer nun gerne entledigen, werde aber wohl noch einige Zeit „gekrönt“ überdauern müssen. In der Tasche des Trinkgürtels ist neben Handy, Taschenlampe und Gelbeuteln zu wenig Platz, um das voluminöse Gerät zu verstauen. Es wird immer heller und ich darf traben. Langsam zwar, da in minimaler Steigung, aber immerhin traben … Meine Stimmung bessert sich, in den Zombie kehrt das Leben zurück ... Am dritten der versprochenen Extra-Verpflegungspunkte ergänze ich meinen Wasservorrat und trinke aus gereichten Bechern. Zeitverlust minimal. Weiter, ab hier vergleichsweise flott, weil sich die Piste einem Taleinschnitt zuneigt. Ein paar hundert Meter rascher abwärts, ein paar Minuten stärkere Erschütterungen. Es ist so weit. Ich suche mir eine abgelegene Stelle und Deckung …

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Warum erwähnt er diese „Sache“? - Mag sein, du fragst dich das. Schon seinerzeit im Bericht zum Spartathlon belästigte ich meine Leser mit solchen undelikaten Details ultralanger Ultralauferei. Also warum? - Ich unterschlage dir nicht die geringste der Schönheiten, noch die Freude des finalen Triumphs, mit denen dieser Sport mich immer wieder beschenkt. Nur die vielen Höhepunkte machen begreiflich, warum ich derartige Härten, die ganze verdammte Quälerei Mal um Mal auf mich nehme. Ich schreibe aber auch gegen Verklärung und romantisierende Illusionen. Wie weiter oben gegen die irrige Vorstellung eines erhabenen Sternenhimmels, den die Läufer in tiefdunkler, griechischer Nacht genießen können. Pustekuchen: Die helle Kopflampe blendet die Augen und damit alles aus, was sich hinter ihrem Schein verbirgt.

Auf der Kehrseite der Finisher-Medaille sind die unschönen Details eingraviert und der Preis des Sieges. Darüber hinaus das lästige, allzu Menschliche, auf das du als Ultraläufer vorbereitet sein musst. Ein über viele Stunden beanspruchter, schwitzender Körper verzeiht keine Fehler. Das musste ich noch im ersten Drittel des Wettkampfs schmerzlich erfahren, weil ich es versäumte meine Oberschenkel (ganz oben, innen) dick mit Vaseline einzureiben. Selbstverständlich versuchte ich die Scharte am nächsten Checkpoint auszuwetzen. Doch eine wund geriebene Stelle wird dich immer wieder belästigen. Und wäre mir nicht das unverdiente Glück des „Aushilfs-Supportes“ durch Natascha zuteil geworden, ich wäre Ines am Morgen aus den Weiten des Peloponnes wohl wie ein o-beiniger Revolverheld entgegen gestakst …

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Weiter bergab, vorbei an einem einsamen, unbewohnt wirkenden Gehöft. Wie vom Wetterbericht versprochen zeigt sich kein Wölkchen am blauen Morgenhimmel. Bald wird sich die Sonne über die Hügelkette im Osten erheben. Längst habe ich die Jacke ausgezogen und wieder um die Hüften gebunden. Und das Handy trage ich nun in der Hand. Ines wird mich anrufen, so ist es abgesprochen. Nur wann, weiß ich natürlich nicht. Will aber vorbereitet sein und das Handy nicht erst mühsam aus der Tasche kramen müssen. Im Zustand fortgeschrittener Erschöpfung dauert dergleichen ewig.

Sieben Uhr. Zu früh für einen Anruf. Aufstehen, fertig machen, frühstücken, losfahren, mir hinterher fahren. Wer weiß wie weit und wie lange … Also definitiv zu früh für einen Anruf. Und käme er genau jetzt, er erreichte mich nicht einmal. Seit einiger Zeit tippele ich durch ein enges, menschenleeres Tal und mein Handy meldet bedauernd: „Keine Netzabdeckung!“. Auch diese Möglichkeit haben wir bedacht. Wenn sie mich nicht erreicht, fährt Ines erst einmal weiter und versucht es später erneut …

7:15 Uhr. Dreierlei versüßt mir den Tag: Die Sonne blinzelt über den Hügelkamm, die Piste geht unerwartet in ein asphaltiertes Sträßchen über und die Feldstärkeanzeige meines Handys signalisiert nun eine stabile Verbindung zur nächsten Station. Hätte Ines unterdessen versucht mich anzurufen, bekäme ich jetzt den Hinweis auf einen verpassten Anruf. Ich bezähme meine Ungeduld und trabe erst einmal weiter. Der Sonnenschein tut mir gut, verdampft Reste von Lethargie, die acht durchwachte und in Bewegung verbrachte Nachtstunden hinterließen. Physisch vollzieht sich eine Belebung. Es fällt mir leichter mich vorwärts zu bewegen. Wieder einer der Momente, in denen ich meine Abhängigkeit von hellem Sonnenschein auch körperlich wahrnehme. Ich werde nie verstehen, wie Menschen im hohen Norden des Kontinents ein halbes Jahr ohne Sonne im Halbdunkel unbeschadet überdauern können …

7:30 Uhr, noch immer schweigt das Handy. Bin nicht beunruhigt, hätte dennoch gerne bestätigt, dass Ines wohlauf und auf gutem Wege ist … Sie wird erst anrufen, wenn Orts- und Zeitangaben verlässlich möglich sind und das kann dauern … Über genügend Guthaben verfügt das Konto des alten Prepaid-Handys … Warum auf ihren Anruf warten? - Also gehe ich ein Stück, um die Nummer meines neuen Handys zu wählen, das bei Ines zurückblieb …

Zum besseren Verständnis: Bei längsten Läufen greife ich auf Ines altes „Sprechklötzchen“ zurück. Es weist kompaktere Abmessungen auf. Vor allem jedoch saugt es im Standby-Betrieb so wenig Strom aus seinem Akku, dass der erst nach mehreren Tagen nachgeladen werden muss. Dumm nur, dass ich mit diesem vorsintflutlichen Kommunikationsgerät noch nie richtig umgehen konnte. Doppelt dumm, weil das Ding alles andere als „intuitiv“ bedienbar ist. Und dreifach dumm, weil es mir mangels Nachtschlaf an Geisteskraft gebricht. Ungeduldig erst, dann immer verzweifelter versuche ich meine eigene Nummer einzutippen … nur gelingt mir das nicht … Verdammt! Das kann doch nicht sein!? Wie gibt man bei dem Ding eine Telefonnummer ein? … Ich habe ein Brett vorm Kopf. Mindestens Balkenstärke. Krieg’s einfach nicht gebacken. Was mache ich falsch? - Egal, wähle ich eben die Nummer von Ines’ Handy, die ist eingespeichert. Winzige Tasten, dicke (geschwollene?) Finger, verirre mich mehrfach im Menü … Fluche, schimpfe vor mich hin … Endlich - endlich!!! - nach zahllosen Fehlversuchen und mehreren Gehminuten wählt das blöde Ding Ines’ Nummer …

Sie meldet sich beinahe sofort. Stell dir einen beinahe erschlafften Ballon vor, der sich unter kraftvollen Atemzügen wieder füllt und zu wahrer Größe aufbläht - so wirkt Ines Stimme auf mich. Sie bricht gerade am Hotel auf und ich beschreibe ihr, wo ich bin - etwa 5 Kilometer vor Perdikoneri … Und dann bricht alle Last der letzten Stunden aus mir heraus … Endlich jemand, der mir zuhört, der mich kennt und meinen Frust - bereits verdauten und frischen - zu nehmen weiß … Ich schimpfe wie ein Rohrspatz über das „blöde, alte Handy“ und schleife Ines mit ein paar ruppigen Sätzen durch die vergangene Nacht. Die vielen Anstiege, das missliebige Gehenmüssen und überhaupt … Ein paar gut gelaunte Sätze, jenseits der Berge ausgesprochen, brechen meinem Unmut das Genick, lassen die ohnehin schon kräftigen Farben des Morgens um ein Vielfaches intensiver leuchten.

Sie ist auf dem Weg. Wird sich melden, wenn sie abschätzen kann, welchen Checkpoint sie vor mir erreicht. Ich habe keine Vorstellung davon, wie weit sie fahren muss, noch wie lange das dauern wird. Bis Doxa, dem überübernächsten Checkpoint, liegen meine Drop Bags bereit - werde also nicht „hungern“ müssen. Ich trabe wieder stetig und einigermaßen flott voran. „Flott“ meint natürlich das subjektive Laufempfinden des Augenblicks. Gestern Nachmittag oder bei Einbruch der Nacht war „flott“ sicher um einiges „flotter“ als jetzt. In kurzen Gegenanstiegen quäle ich mich tippelnd empor, gehen muss ich nur ausnahmsweise.

Trotz Wiederbelebung durch Sonne am Himmel und Sonne am Telefon: Was da über die Straße wetzt, ist noch nicht der Udo, den ich kenne. Der einzige übrigens, den ich selbst richtig gut leiden kann. Der sich an jedem halbwegs schönen oder bunten Bild erfreut, dessen er ansichtig wird. Ein lang gestreckter See füllt das Tal unter mir aus. Kerbt Buchten in umliegende Hänge, verästelt sich in Seitentäler. Rundherum die Berge. Darüber das Azurblau des Morgens, als Versprechen für einen warmen Sommertag. Alles herrlich anzuschauen, wunderschön … Ich begegne dem Bild mit erschreckender Gleichgültigkeit. Geist und Körper sind eins, bedingen sich gegenseitig. Zum Glück komme ich nicht auf die Idee von meiner „emotionalen Indifferenz“ auf das zu schließen, was mir körperlich bevorsteht … Zum Glück!

Ein paar Mal überholten wir einander in der vergangenen Stunde. Die junge Frau spricht akzentfreies Deutsch, ist aber keine Deutsche. Kai, Michael, Mike und ich sind die einzigen Deutschen im Feld. Dank „emotionaler Indifferenz“ kein Rätsel, dem ich nachforschen müsste. Neugier bleibt als eine der ersten menschlichen Eigenschaften auf der Ultra-Strecke. Vorhin fragte sie mich nach der verbleibenden Distanz bis Perdikoneri. Da meine Suunto weniger als die tatsächliche/offizielle Entfernung anzeigt, musste ich rechnen. Will mir jemand verübeln, dass ich mich dabei um einen Kilometer ver-rechnete? Den reklamiert sie nun, nicht anklagend, eher zweifelnd. Offensichtlich ist sie selbst im Besitz eines GPS-Geräts. Ich überprüfe mein Zahlenwerk, erkenne den Fehler, bekenne ihn an Stelle von Reue mit Freude. Immerhin auch ein Kilometer weniger für mich! Hinter der nächsten Kurve erschließen sich dem Blick bereits die ersten Häuser eines Dorfes, tiefer gelegen und vielleicht noch anderthalb Kilometer entfernt.

CP 11, Perdikoneri, Kilometer 124,4

Ich fische einmal mehr die kleine Karte aus meiner Gürteltasche, auf der alle Checkpoints mit Entfernungsangaben verzeichnet stehen. Eingeschweißt in schweißresistenter Folie, stellte sie uns der Veranstalter dankenswerter Weise zur Verfügung. Zwischen Perdikoneri und Tropea, dem übernächsten Checkpoint, liegen nur drei Kilometer. Für meine Versorgung hat das keine Konsequenzen, wohl aber für die Entsorgung von Stirnlampe und Laufjacke. In Perdikoneri werde ich nicht auf Natascha treffen. Mike ist dort mit Sicherheit schon eine Weile durch und Natascha muss weiter ins nahe Tropea.

Zwei Gels aus dem Drop Bag nesteln, Wasserflasche auffüllen, trinken, trinken, trinken. Ein Dankeschön für die Helfer am Checkpoint und weiter. Auf nur drei Minuten beziffert der GPS-Track meinen Aufenthalt in Perdikoneri. Natascha war, wie erwartet, längst aufgebrochen. Die routinemäßig vollzogene Subtraktion „Closing Time minus Ist-Zeit“ ergibt eine Differenz, die mir einen Dämpfer verpasst: Mein einst stolzer Mehr-als-zwei-Stunden-Vorsprung ist auf den bedauerlichen Rest von einer Stunde und acht Minuten abgeschmolzen. Wo blieb die Zeit? - Ich bilanziere im Kopf: Da war ein längerer, biologisch motivierter Halt. Zudem das ausgedehnte, gehend verbrachte Studium der Handybedienung samt anschließendem Telefonat. Den Verdacht, darüber hinaus auf dem letzten Abschnitt tempomäßig eingebrochen zu sein, werde ich dennoch nicht los.

In meinem müden Kopf arbeitet es: Nur noch rund eine Stunde vorm Cut-Off. Ich habe es zweifach überprüft und es stimmt. Allerdings verstehe ich die damit betriebene Hetze nicht!? 56 Kilometer fehlten am letzten CP noch bis ins Ziel. 56 Kilometer, für die ich - auch das mehrfach kalkuliert und gegen-gecheckt - rund 10:30 Stunden Zeit habe. Ein mehr als üppiges Polster, um die Distanz zu schaffen. Zumal die wirklich Kraft raubenden Anstiege bereits Wettkampfgeschichte sind. Okay, meine Erschöpfung wird wachsen, das Tempo weiter in die Knie gehen. Aber mehr als 10 Stunden für jetzt noch etwas mehr als 50 Kilometer? Also wozu dieser Cut-Off-Terror?

Abwärts, aufwärts, abwärts … tendenziell mehr abwärts als aufwärts … aber eben auch immer wieder hinan. Zu vorgerückter Stunde bilden Gegenanstiege eine der Heimsuchungen des zunehmend müden Läufers. Keine lauf-philosophische Betrachtung, einfach eine Erfahrungstatsache, von der ich mich nicht entmutigen lasse. Ich bringe alle Passagen kommentarlos und entschlossen hinter mich. Wo nötig gehend. Selbst gehen zu müssen, begleite ich kaum noch mit negativen Emotionen. Es ist, wie es ist.

CP 12, Tropea, Kilometer 127,5

Zuletzt gewährt mir der Peloponnes einen Kilometer Schussfahrt, über die ich mich auf rätselhaft beschwerdefreien Beinen freue. „Rätselhaft“, weil meine Oberschenkel bereits vor Stunden auf die vielen negativen Höhenmeter mit einem unangenehmen Ziehen reagierten. Und nun kein Pieps mehr davon!? Eine Spitzkehre noch, dann jogge ich an den ersten Häusern von Tropea vorbei und stehe zwei Minuten später Natascha gegenüber. Sie reicht mir mein Drop Bag, nimmt mir im Gegenzug Stirnlampe und Laufjacke ab. Während ich die Flasche auffülle und trinke, erfahre ich von Natascha, dass Ines mich in Doxa, am nächsten Checkpoint, etwa 9 Kilometer von hier, erwarten wird.

Inzwischen brennt die Sonne wieder heftig vom Himmel und ich schütte an Flüssigkeit in mich rein, was mein Magen gerade noch ohne zu rebellieren bewältigt. Obwohl eine Tafel an jedem Checkpoint alle Daten anbietet, erfragte ich die Distanz bis zum nächsten Stopp jeweils von Ines, nachts von Natascha. Warum ich nicht selbst hinsehe? - Ich weiß es nicht. Manchmal gewinne ich nachbetrachtend den Eindruck, dass mir langes und längstes Laufen Filter über Augen und Ohren legt, die mich von vielem abschotten. Da ich viel Wettkampf-Relevantes, vor allem auch schöne Bilder, letztlich doch im Kopf behalte, frage ich mich, welchen Regeln die Selektion unterliegt!? Trinkend streift mein Blick die unweit aufgestellte Tafel - Closing Time 9:45 Uhr - und anschließend. meine Uhr - Ist-Zeit: 8:42 Uhr. Weitere Minuten seit Perdikoneri eingebüßt. Unmut an einen Menschen mit gleicher Muttersprache loszuwerden hat was Befreiendes. Weswegen ich den eruptiv aufwallenden Unmut zum Cut-off-Terror sogleich Natascha unter die Nase reibe: „Bis Olympia noch 53 Kilometer. Dafür bleiben knapp 10 Stunden. Das schaffe ich notfalls gehend. Wozu die knappe Closing Time? - Das ist Blödsinn, macht nur unnötig Druck!“

Hätte ich die Tafel am Checkpoint eingehender studiert, wüsste ich was mir bevorsteht: Acht Kilometer „Dirt Road“. „Schmutzige Straße“ wörtlich übersetzt, was nicht die eigentliche Belästigung des Läufers wiedergibt. „Fuß-folternde Straße“ wäre eine treffendere Bezeichnung … Die nächste Bastonade für meine bereits verschlissenen Füße. Dann und wann jaulen sie wie mondsüchtige Wölfe. Schmerzen mal auf diese, mal auf jene Weise. Meist eine Art Summenschmerz aus diversen nicht genau bestimmbaren Quellen. Mindestens eine weitere Blase hat sich gebildet, die sich binnen weniger Schritte füllte, dabei Druck aufbaute und schließlich nicht mehr wahrnehmbar war. Ich war weniger erschrocken als verblüfft, hatte dergleichen nie zuvor verspürt. Ich ignoriere alle Beschwerden und schinde mich. Wie schon seit Stunden. Wer zu leiden versteht, kommt an. Wer die wachsende Qual nicht (oder: nicht mehr) erträgt, scheitert. So einfach ist das im Grunde.

Kein Selbstmitleid, nicht jammern, einfach ausblenden. Was bereits an mir zerrt und alles, was noch kommen wird. So lange ich weiter langsam traben kann, geht es mir gut! Weiter abwärts am Hang eines Geländeeinschnitts. Hier steht die Luft und von oben heizt mir meine „strahlende Freundin“ tüchtig ein. Der Olympian Race hat mir schon bessere Pisten zu Füßen gelegt als diese. Trotzdem komme ich gut voran ... voran … voran … Das muss die von Mike bezeichnete Stelle sein! An der er sich vor zwei Jahren verlief und plötzlich vor einem Bauernhof stand. „Kurz vor Doxa!“ - so drückte er sich aus. Kurz ist relativ, bis Doxa fehlen gut und gerne noch 4 bis 5 Kilometer. Aber seine Beschreibung passt. Ehrlich gesagt ist mir schleierhaft, wie er (und andere) sich hier verlaufen konnte. Zwei Markierungsbänder baumeln rechts und links des Weges, lassen es an Eindeutigkeit nicht fehlen. Vielleicht lag’s am miesen Wetter damals. Häufige Regengüsse, schlechte Sicht … Wer weiß?

Ich seh’s und bin ein bisschen geschockt. Wenn mich nicht alles täuscht, dann stehe ich am Fuß des bisher steilsten Anstiegs überhaupt. Dermaßen steil, dass man den Weg sogar asphaltierte, um ihn nach Sintfluten nicht jedes Mal neu schottern zu müssen. Ich stapfe mit kurzen, langsamen Schritten aufwärts. Schon dabei bricht Schweiß aus allen Poren und die Waden wimmern unter der Belastung. Zwei Minuten, drei, vier, dann flacher. Mein Atem beruhigt sich, die Waden stellen ihren Protest ein. Ich tippele wieder los. Wechselnde vertikale Orientierung, mal rauf, mal runter. Obschon die Sinne mir das Gegenteil vorgaukeln, will der Verstand mich zu „hauptsächlich abwärts“ überreden. Endlich mal ein flacher Abschnitt! Ein Friedhof kommt in Sicht. Davor geht die Piste in ein Sträßchen über. Kein Friedhof ohne Dorf, auch wenn ich noch keine Behausungen ausmachen kann. Friedhöfe liegen in Griechenland immer abseits des Ortes. Vielleicht noch ein halber Kilometer bis zum Checkpoint?? Die Vorfreude auf eine Verschnaufpause und eine volle Trinkflasche steigt. Am meisten freue ich mich jedoch auf meine Frau! Vor einer halben Stunde verständigte mich Ines von ihrer Ankunft in Doxa.

CP 13, Doxa, Kilometer 136,1

Die ersten Häuser. Aus leicht erhöhter Position schaue ich über Dächer zu den Kirchtürmen hin. In meinem übernächtigten, schweißüberströmten Schädel verschwimmen Daten und Erinnerungen: War nicht Doxa das Dorf, wo der Checkpoint unmittelbar neben der Kirche liegt? Zwei Minuten später ersetzt Gewissheit die Vermutung, während ich meiner strahlenden Ines mit spitzem Mund einen Guten-Morgen-Kuss auf die Lippen drücke. „Der Stuhl ist für dich gerichtet!“ lacht sie und deutet auf ein mit getigertem Überwurf verhülltes Sitzmöbel, das wie der Thron eines schwarzafrikanischen Häuptlings anmutet. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir unbekannt, dass im Umkreis von Stühlen die Schwerkraft mit jedem Zentimeter Annäherung steigt. Gegenwehr sinnlos, also setze ich mich. Warum auch nicht? Zeit habe ich genug. Gel, trinken, Erfahrungsaustausch. Alles unverzichtbar. Noch wichtiger aber ist sie zu sehen. Wie sie sich um mich bemüht. Oder einfach nur dasteht, redet, lächelt. Deshalb klebe ich regelrecht an diesem Stuhl. Deshalb vergehen volle zehn Minuten, bis ich es schaffe aufzustehen und mich zu verabschieden.

Ines hält mir die Digicam entgegen, fragt, ob ich sie mitnehmen will. Spontan und mit einer Entschiedenheit, die mich nachdenklich stimmen sollte, lehne ich ab. Mir fehlt jeder Funken Lust den Rest des Weges fotografisch zu dokumentieren. Jedem anderen mag das völlig normal vorkommen, nach so vielen Wettkampfstunden. Mir, der ich mich besser kenne, könnte es weiteres Indiz dafür sein, wie ausgebrannt ich bereits bin. Ziemlich genau gegen 10 Uhr kehre ich dem Checkpoint den Rücken. Gehe ein paar Schritte, überrede mich mit einiger Mühe in leichten Trab zu fallen und lese auf der Tafel: „Closing Time 11 Uhr“.

Nur drei Kilometer bis Kalliani und tatsächlich - ich kann mein Glück kaum fassen - unentwegt abwärts. Pause und Begegnung mit Ines haben mich nicht nur physisch gestärkt. Meine Zuversicht war seit etlichen Stunden nicht größer als gerade jetzt. Zudem nähere ich mich einer immens wichtigen Stelle des Kurses: 180 minus 42,2 ist gleich 137,8 Kilometer! Mehrfach blicke ich auf die Anzeige meiner Uhr und dann ist es so weit: Jetzt nur noch ein Marathon! - Der von dieser Gewissheit ausgehende emotionale Schub ist kleiner als erhofft. Immerhin spüre ich ihn, obschon hundemüde auf wunden Füßen. Wem Distanzen weit jenseits eines Marathons fremd sind, wird kaum verstehen, was ich empfinde. Wird eher fragen: Wie kann man Freude und eine gewisse Form der Erleichterung verspüren, wenn man noch einen Marathon zu laufen hat und sich dem Versiegen der Kräfte schon so nahe weiß? Versuchte ich es zu erklären, müsste ich scheitern. Mir fehlen die Worte den „psycho-physischen Strudel“ in meinem Kopf zu beschreiben, in dem die Wahrheit kaum fassbar umher wirbelt.

Abwärts bis Kalliani auf Asphalt. Wirklich schnell vermag ich auf meinen Füßen nicht mehr zu laufen. Meine dennoch eine Zwischenzeit für einen Kilometer unter 6:30 abgelesen zu haben. Immerhin. Drei „flugs“ absolvierte Kilometer, die ich in meiner Verfassung als Geschenk der Götter betrachte. Sehnsucht ist Vater meines Gedankens: Vielleicht geht es nun bis Olympia mehr oder weniger so weiter!? - Was für ein Glück, dass ich die Dimension meines Irrtums nicht mal ansatzweise ahne!

CP 14, Kalliani, Kilometer 139,4

Wieder bugsiert mich Ines auf einen Stuhl, den ich ohne Gegenwehr akzeptiere. Ungewöhnlich für mich, weil ich weiß, dass Sitzen jede Pause unweigerlich verlängert. Wie jedes Mal hat Ines alles parat: Wasser, Gel-Nachschub und jetzt auch wieder die Windel. 25°C dürften bereits erreicht sein, außerdem steht die Sonne inzwischen hoch am Himmel. Trinken, Gel an Bord nehmen, vielleicht eins schlucken, mich „windeln“. Verrichtungen, die selbst erschöpfte Menschen in wenigen Minuten erledigen können. Tatsächlich benötige ich erneut zehn Minuten, um die Gravitationskraft des Stuhls zu überwinden und mich von Ines zu verabschieden.

Wichtige Details:

Auf der Straße nach Kastraki werde ich von Mitkämpfern überholt. Einmal, zweimal, dreimal. Eine angemessene „Strafe“ für zweifaches Zeitverschwenden beim Pausieren. „Man“ redet nicht miteinander. Sicher nicht der Sprachbarriere wegen, es fehlen zwingender Grund und Antrieb. Letzteren brauche zumindest ich zu hundert Prozent für die Beine. Die tragen mich noch, überwiegend sogar im Trab. Ich gehe jeweils ein paar Meter, wenn eine der vielen kurzen Steigungen, die die Profilskizze böswillig verschweigt, etwas steiler ausfällt. Auf dem Weg nach Kastraki, auf sechs Kilometern, kommt mir nur ein Auto entgegen und darin sitzt Natascha … bremst, winkt, feuert mich an, ist vorbei.

Der Mann scheint noch bei guter Kondition zu sein. Einer von den Dreien, die mich vorhin überholten. Lauf- und zeitweilige Gehschritte wirken locker. Gesamteindruck: Wie gerade frisch aus dem Ei geschlüpft. Vermutlich ein Grieche. Letzte Zweifel beseitigt sein überraschender Schlenker: Verlässt die Straße, betritt die ansteigende Zufahrt, nähert sich der Kapelle, berührt und küsst die Außenwand. Ein frommer Grieche …

Auf sechs Kilometern Landstraße ist man lange genug mit sich alleine, um trotz eingeschränkter Sensibilität die eigene Verfassung sicher zu taxieren. Zusammengefasst: Physisch eher kritisch, psychisch wieder eitel Sonnenschein. Ein wunderschöner Sommertag, Ines unterstützt, nur noch 35 Kilometer bis ins Ziel und dafür satte 7:15 Stunden Zeit - wie könnte ich da mental anders als gut drauf sein? - Fortgeschrittene Erschöpfung könnte mich niederdrücken meinst du? - Nicht wirklich. Zu oft war ich in ähnlicher Hinfälligkeit unterwegs und am Ende stand stets der Erfolg. Unbill und Schmerzen halte ich noch stundenlang aus. So lange sich im wehklagenden Chor keine Stimme erhebt, die eine ernsthafte Verletzung ankündigt, kümmern mich die Schmerzen nicht.

Kastraki kann nicht mehr weit entfernt sein. Vor meinen Augen vollzieht sich eine bizarr anmutende High-Voltage-Show. In den Himmel reichende Kräne und ein von einer Winde gespanntes Seil unterstützen Arbeiter beim Einziehen neuer Überlandleitungen. Oder geht es darum alte Stützen durch neue zu ersetzen? - Ein paar ameisen-kleine Männlein turnen in schwindelerregender Höhe an einem Mast herum. Unterhalten sich überlaut, womöglich auch mit dem Mann an der Winde. Ein klein wenig mulmig ist mir schon zu Mute, als ich unter den gespannten Leitungen hindurch laufe, mir dabei unwillkürlich vorstelle, was geschähe, wenn eine risse und herabfiele … Was genau die da oben treiben verstehe ich nicht. Ebenso wenig wie das, was sie mir jetzt hinterher rufen. Vermutlich feuern sie mich an, wie viele Zaungäste in den letzten Stunden.

CP 15, Kastraki, Kilometer 145,3

Der Checkpoint verbirgt sich im Schatten einer Veranda, hinter üppig grün hängenden Pflanzen. Udo sucht einen Zugang, findet ihn jedoch erst nach lenkenden, in Englisch formulierten Hinweisen. Wie immer wird seine Startnummer notiert. Und wie jedes Mal wollen ihn die griechischen Helfer auch in Kastraki mit den Köstlichkeiten ihres Büffets beglücken. Ortsüblich gibt es alles, wovon „Otto Normalultraläufer“ träumt und einiges mehr. Udo bleibt schweren Herzens bei Wasser, akzeptiert schließlich einen Becher Cola, um seine Gastgeber nicht ganz vor den Kopf zu stoßen. Während er trinkt, offeriert ihm die „Checkpoint-Chefin“ Kunststoffsäcke, in die er seine Füße verpacken könnte um sie vor Nässe zu schützen: „You will find the river two kilometers ahead!“ - „Kannst du vergessen! Sind dünne Müllsäcke, die reißen sowieso!“ hat ihm sein Freund Mike zuvor versichert - Also lehnt er mit englischen Vokabeln ab, wie vermutlich einige andere vor ihm und verabschiedet sich mit einem griechischen „Dankeschön!“ - „Efcharistó!“

In Höhe des letzten Hauses endet der Asphalt, beginnt die nächste „Dirt Road“. Nicht gut, nicht schlecht, ein mittelprächtiger Kiesweg, der den Rest des Jahres wohl nur von Bauern mit Traktoren befahren wird. Vielleicht liegt es am Geläuf, vielleicht an meiner Erschöpfung oder der unseligen Allianz aus beidem: Ich komme nur im Schneckentempo voran, obschon ich bis auf ein paar unbedeutende Gegenanstiege alles tippelnd bewältige. Immer weiter Richtung Talboden und dem bis zuletzt hinter einer grünen Wand verborgenen Fluss entgegen. Mehrfach taucht ein Mitläufer in meinem Sichtfeld auf, der am Checkpoint kurz vor mir aufbrach. Er trägt irgendwelche Habseligkeiten in einem grauen Müllsack bei sich. Vermutlich Schuhe und Strümpfe, die er jenseits der Furt anziehen wird!?

Griechische Kilometer sind länger als sonst wo auf der Welt - von wegen zwei Kilometer bis zum Fluss!? Nach dem dritten, „finnisch per Suunto“ gemessenen Kilometer schlägt die Piste weitere Haken, bis sie mich schlussendlich ins Flussbett entlässt. Und statt einer Furt quere ich auf bald zweihundert markierten Metern deren sechs, bis endlich alle Arme des Flusses durchwatet sind. Das kühle Nass lindert die Beschwerden, nur leider stolpere ich mehr durchs Wasser als zu gehen. In diesen Minuten und gegen den zusätzlichen Widerstand der höchstens knöcheltiefen Flut spüre ich wie ausgelaugt ich tatsächlich bin. Mit quietschnassen Schuhen und Strümpfen - das mit dem Quietschen bitte wörtlich verstehen! - setze ich meinen Weg auf flachem Terrain fort. Flach, also gilt die mir selbst auferlegte Pflicht: Laufen, nicht gehen! Dies denken und loslaufen ist schon seit Stunden nicht mehr eins. Mittlerweile dauert es eine ziemliche Weile, bis ich mich zu Tippelschritten zwingen kann. Erst quälend langsam. Ganz allmählich, sobald der überforderte Apparat einigermaßen „eingelaufen“ ist, auch wieder weniger langsam.

CP 16, Koklama (Tankstelle), Kilometer 150,5

Von der Piste gelange ich auf eine Brücke, wo mir ein Mann Beifall spendet und mit deutschen Sätzen huldigt. Nicht zum ersten Mal übrigens. Erst hinterher erfahre ich, dass es sich um den Vater von Gabi handelt, jener Schweizer Läuferin, der ich vor Perdikoneri die Entfernung falsch ansagte … Von der Brücke auf die Straße und nach zweihundert langen Metern zum Checkpoint gegenüber einer Tankstelle.

Erst lehne ich den von Ines angebotenen Stuhl ab. Kein heroischer Akt meinerseits, sondern schlicht Ausdruck der Angst vor Schmerzen, wenn ich wieder aufstehe. Allerdings will ich die Strümpfe wechseln und das geht nicht im Stehen. Seit dem Fußbad habe ich mehrmals erwogen auf den Strumpfwechsel zu verzichten. Ich scheue Mühe und Zeitverlust. Vermutlich wären Schuhe und Strümpfe bei inzwischen wieder nahe 30°C und in praller Sonne binnen einer halben Stunde trocken. Auf erheblich geschundenen Füßen mit mehreren Blasen, von denen mindestens eine inzwischen offen ist, scheue ich jedoch das Risiko. Ines hilft mir beim Ausziehen von Schuhen und Strümpfen. Kurz entschlossen schicke ich sie zum Auto, um die Ersatzschuhe zu holen. Vielleicht komme ich in frischen Schuhen besser (= weniger gepeinigt) voran!? Ich trockne die Füße mit einem T-Shirt ab, pelle trockene Socken drüber und will in den Ersatzschuh steigen … Hoffnungslos! Meine Füße sind derart aufgequollen, dass mir die Ersatzschuhe drei Nummern zu klein vorkommen.

Trinken, Gel, schließlich der Abschied und wieder los. Unfassbare 20 Minuten hat Udo am Checkpoint liegen lassen. Noch unglaublicher der Umstand, dass ihm das vollkommen gleichgültig ist. Und nicht nur, weil er trotz überlanger Pause noch immer 1:15 Stunden vor Closing Time aufbricht. Sicher wüsste er seine Gleichgültigkeit als Alarmzeichen richtig zu deuten, dächte er darüber nach. Nur ist das mit dem Denken so eine Sache für einen Kerl, der schon 22 Stunden auf griechischer Erde wandelt …

Apropos Denken: Mein Kopf denkt positiv! ‚Keine 30 Kilometer mehr!’ Und das denkt er in voller Absicht, weil so zu denken mir hilft, mich anspornt. ‚Keine 30 Kilometer mehr und … ’ - mein schwerfälliges Hirn braucht ein paar Sekunden zum Auf-die-Uhr-schauen und Rechnen - ‚ … und noch sechs Stunden Zeit! Das reicht. Einen Schnitt von 5 km/h kriege ich notfalls auch gehend hin.’ - Wieder muss ich 20, 30 Gehschritte aufbieten, während derer ich mich zu etwas überrede, das sich wie Laufen anfühlt. Ob es für einen Beobachter auch wie Laufen aussieht? - Tippelschritte zum Einlaufen, schließlich steter, sehr langsamer Trab. Für mehr Tempo fehlt die Kraft. Vielleicht hilft ein Mantra: ‚Keine 30 Kilometer mehr!’ - ‚Keine 30 Kilometer mehr!’ - ‚Keine 30 Kilometer mehr!’ …

Die flache Straße, an deren Rand ich Meter um Meter zurücklege, hält mich bei Laune und nährt meine Zuversicht. Die weicht allerdings einigem Entsetzen, als ein gelber Pfeil mich (und zwei andere Läufer in Sichtweite) auf die nächste „Dirt Road“ schickt. Durchschnittliche Steigung: 12,5 Prozent auf 600 endlosen Metern. So verzeichnet es der Track meiner Uhr und die misst vertikal auf Basis eines barometrischen Höhenmessers ziemlich genau. Ich gehe. Bedächtig, weil alle Systeme am Anschlag arbeiten. Schritt für Schritt aufwärts. Ich schwimme im eigenen Saft und mache eine unschöne Erfahrung: Die Hitze setzt mir trotz angefeuchteter Windel ziemlich zu. Wie kann das sein? - Normalerweise machen mir solche Temperaturen nichts aus!?

Nach bezwungenem Steilanstieg weiter bergauf. Ich verstehe es nicht: Im veröffentlichten Profil waren gegen Ende keine derart geharnischten und ausgedehnten Anstiege mehr verzeichnet. Mehrfach trinke ich, leere meine Flasche fast komplett. Was den Nachschub angeht, vertraue ich auf die von der Wettkampfleitung verbreitete Parole: Ab jetzt alle 6 Kilometer ein Wasserdepot! Damit reagieren die Verantwortlichen auf die sogar für Griechenland ungewöhnlich hohen Temperaturen zu dieser Jahreszeit. In Höhe einer eingefriedeten, gemähten Wiese schickt mich die Markierung nach links und … vors erste Sonderdepot! Eine Styroporkiste mit Deckel hält das Wasser angenehm kühl. Ich trinke, trinke, trinke … fülle zudem meine Flasche auf. Weiter! Das heißt weiter hinan, bedeutet gehen, immer weiter gehen. Auf der Wiese nähert sich ein Traktor mit angehängtem Ungetüm. Es stampft, klappert, rattert … infernalisch der Lärm, man meint jederzeit mit dem Verenden des Monstrums rechnen zu müssen. Vielleicht fürchtet das auch der Bauer: Hält an, steigt vom Sitz, inspiziert das Monstrum … steigt wieder auf, und weiter geht’s … vorne verschlingt der Moloch Heu, hinten schleudert er einen Ballen auf die Wiese … Ich lasse sie Szene hinter mir … Gehen, immer weiter gehen!

Wegbiegung und ein lautes (?), unterdrücktes (?), nur gedankliches (?), auf jeden Fall inbrünstiges Stöhnen. Ein weiteres Mal brutal steil bergauf und wieder mehr als einen halben Kilometer weit. Halluziniere ich? Ist das wirklich so steil oder gaukelt Erschöpfung es mir nur vor? Ich rufe den Mann vor mir in den Zeugenstand: Wie in Zeitlupe schleppt er sich hinan, unsäglich müde wirkend und sicher das Ziel herbei sehnend. Es ist als sähe ich mich selbst. Unter Garantie gebe ich von hinten betrachtet ein ähnlich desolates Bild ab.

Wenig erschließt sich mir noch über den Verstand. Inmitten anhaltenden Leidens und instinktiv ist mir irgendwann im Verlauf dieser Minuten klar, dass ich noch nie - wirklich noch NIE! - dem Versagen der Kräfte näher war. Ich will gerade in diesem Punkt auf keinen Fall missverstanden werden: Ich steuere auf keinen bedrohlichen Körperzustand zu. Kreislauf und Temperaturniveau sind im grünen Bereich. Ich werde also weder zusammenbrechen, noch kollabieren. Bin überdies vollkommen klar im Kopf - von den Auswirkungen fortgeschrittener Erschöpfung abgesehen! Mit „Versagen der Kräfte“ meine ich den Verlust der Fähigkeit zu laufen - genauer gesagt sehr langsam zu traben. Bislang konnte ich in jeder Situation, beispielsweise auch in der Schlussphase des Spartathlons, die Fähigkeit zu laufen auf niedrigem Niveau stabilisieren. Nicht am Berg natürlich, jedoch abwärts und flach. Voraussetzung war jeweils über Energie-Gel Kohlenhydrate zu mir zu nehmen und das Tempo zu reduzieren. Ich verfüge über reichlich Lauferfahrung im Grenzbereich der Erschöpfung. Und diese Erfahrung sagt mir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, dass es heute anders ist. Anders, weil ich mit zu wenig Vorbereitung antrat und anfänglich vielleicht zu forsch zu Werke ging!?

Abwärts, endlich runter, endlich Erleichterung, auch wenn die Piste meine Füße martert. Egal, nur noch 25 Kilometer, das halten sie schon noch aus. Ich versuche so wenig Kraft wie möglich in meine Schritte zu investieren, will meinem Körper helfen ein bisschen Energie zu sparen. Von meiner Umgebung bekomme ich wenig mit, konzentriere mich auf den Boden vor meinen Füßen. Der Gedanke an einen Sturz … Oh Gott! Nicht auch noch das! Doch die Gefahr besteht, wenn einer so entkräftet ist wie ich.

Schließlich mündet der Weg in die Straße und gottlob darf ich der jetzt folgen. Die Straße, von der ich unwillkürlich annehme, dass es sich um dieselbe handelt, von der wir vordem ins Hügelland verbannt wurden. Die Götter wissen, dass es nicht so ist und doch komme ich mir maximal - pardon! - „verarscht“ vor. Ich schimpfe vor mich hin wie ein Rohrspatz, weil sich Luft zu machen hilft! Mir jedenfalls. Dabei hilft ansonsten unzugängliche Reserven freizusetzen. Lautlos motzen versteht sich, sonst könnt’s jemand hören!

Glatter Asphalt unter den Füßen „kühlt mein Mütchen“ rasch, assistiert vom weiterhin abschüssigen Verlauf der Straße. Erleichterung und Optimismus - nun schon mehrfach erlebt - halten jedoch nur bis zur nächsten „bösen“ Wendung vor. Gerade haben wir den Fluss auf eiserner Brücke überquert, da geschieht das Unfassbare. Die Markierung vertreibt uns aus dem asphaltierten Paradies auf einen Pfad. Und der steigt sofort wieder an. Kein Aufstöhnen mehr. Diesmal nicht. Wiederholte Pein stumpft ab. Würde auch nix ändern. Muss da rauf, will ins Ziel … irgendwann.

Ich kämpfe mich voran und himmelwärts. Überwiegend gehe ich. Flache Wegstücke oder Gefälle sind meist zu kurz. Bis ich mich zum Laufen überwinden kann, steigt der Weg wieder an. Eine ziemlich miserable „Dirt Road“ - nur mal so nebenbei. Offensichtlich aber nicht „dirty“ genug: Von hinten nähert sich mahlendes Motorgeräusch, holt auf, schließlich rollt ein SUV der Wettkampfleitung in wenig mehr als Schritttempo vorbei. Streckenkontrolle. Muss wohl sein. Wollen sehen, wer nicht mehr kann. Nicht mehr kann und am Wegrand liegt. Oder nicht mehr kann, weil er torkelt und vor sich selbst geschützt werden muss. Auch diesen Teil des Jobs nehmen die Griechen sehr ernst, wovon ich mich schon seinerzeit beim Spartathlon überzeugen konnte.

CP 17, Aspra Spitia, Kilometer 160

Irgendwann ist die längste Durststrecke - hier sogar im wahrsten Sinne des Wortes - zu Ende, irgendwann kommt man an. Ines lächelt mir entgegen. Allerdings mischt sich diesmal Skepsis in ihr aufmunterndes Lächeln. Sie sorgt sich. Volle zwei Stunden für 10 Kilometer!!! Mit ein paar gequält entlassenen Sätzen verdeutliche ich ihr die Hölle der letzten Stunden. Hölle mag sich überdreht anhören. Für mich war es eine. Sie versteht und atmet auf. Auch, weil sie wohl erkennt, dass ihr Held angezählt wurde aber nicht k.o. in den Seilen hängt. Und so lange Udo lauthals jammert ist er ohnehin noch nicht am Ende!

Wasser und Gel. Windel und Kappe mit Wasser tränken. Weiter nach acht Minuten. Lediglich noch 52 Minuten Vorsprung auf den Cut off nehme ich mit. Es wird eng werden! Weil ich zu langsam bin! Noch 20 Kilometer und knappe vier Stunden Zeit. Auf gerade mal 5 km/h habe ich es auf den letzten 10 Kilometern gebracht. Im selben Tempo von hier bis ins Ziel und ich käme zu spät! - Alles kann ich ertragen, nur kein DNF: Did not finish! Meine stolze Serie von 229 mal loslaufen und 229 mal auch ankommen - wird sie heute abreißen? - Nun rutscht mir gehörig das Herz in die Hosen. Weil ich mich total erledigt fühle und nichts mehr zuzusetzen hab. Außerdem steht mir eine weitere „Dirt Road“ bevor, die - ich habe Mikes Worte noch im Ohr - hinter Aspra Spitia über das grobschlächtigste Stück Erde führen soll, das der Olympian Race dem Erfolg entgegenzusetzen hat. Damit nicht genug: Vor mir baut sich eine Wand auf …

Im härtesten Anstieg seit ich gestern vorm Stadion in Nemea aufbrach kennt meine Fassungslosigkeit keine Grenzen. Ich bilde mir das nicht ein. Es ist real. So real wie meine schlaffen, gebrechlichen Beine. Nur im Kriechgang kann ich diesen Buckel überwinden … Die Furcht vorm DNF bringt mein Oberstübchen auf Touren: Ich muss etwas tun! Aber was? Welche Alternative habe ich denn noch? - Eigentlich keine. Höchstens eine vage, aus Verzweiflung geborene Hoffnung: Mehr Gel, mehr Zucker! - Schon einmal half mir diese Taktik aus der Patsche, vor Jahren bei einem Hunderter mit vielen Höhenmetern. Damals erkannte ich, dass ich bei langsamer Gangart viel mehr Gel vertrage, als ich mir je hätte vorstellen können. Eben jene Menge, mit der ich in den vergangenen Stunden kalkulierte: Nach jeweils 20 Minuten ein Beutel. Was passiert, wenn ich mehr schlucke? - Entweder wird mir übel, dann war’s das. Oder es bleibt drin, wird verdaut und …

Friss oder stirb! Ich riskiere es. In Aspra Spitia, erst Minuten her, habe ich die letzte Portion verspeist. Dazu jetzt zwei Päckchen auf einmal. Also 200 kcal Zucker in die Blutbahn - wenn er drin bleibt. Weiter. Aufwärts. Minute um Minute. Mein Magen gibt sich unbeeindruckt. Wild entschlossen ein weiteres Gel, Minuten später der vierte Beutel … 400 kcal Zucker im Schuss. Wenn mir jetzt nicht übel wird, werde ich finishen!

Ich habe gar nicht den Nerv auf Anzeichen von Übelkeit zu achten. Die Strecke fordert meine volle Aufmerksamkeit. Erst bin ich dem Weinen nahe. Weinen vor Wut, weil hinter jedem Buckel bereits der nächste lauert. Ich verfluche die Oberflächlichkeit der Profilskizze! Schenke ihr keinen Glauben, falls du meinem Beispiel folgen und nach Olympia laufen willst! Die bunte Skizze lügt! Schlussendlich noch eine Wand. Die letzte. Überhaupt die letzte relevante Steigung vorm Ziel, was ich natürlich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal zu hoffen wage.

Runter jetzt. Lange abwärts und steil abwärts. Und tatsächlich auf dem grässlichsten Untergrund der ganzen Strecke. Sollte an und in meinen Füßen noch etwas intakt gewesen sein - diese zweieinhalb Kilometer Schussfahrt ruinieren den Rest. Ich habe nicht die Worte auszudrücken, wie weh das tut. Wie auch meine Oberschenkel vor Überlastung schreien. Und doch ist mir das von Herzen egal. Was zählt ist, dass ich laufe! Laufe, nicht gehe! Was zählt ist, dass die 400 kcal Zucker drin geblieben sind! Was zählt ist, dass ich unten angekommen, auf jetzt verdächtig flacher Piste den Trab beibehalten kann! Trotz Schwäche, die ich weiterhin spüre. Ein Wunder? Wunder geschehen. Vielleicht. Aber nicht beim Ultralauf. Das Traben fällt mir schwer, aber bei Weitem nicht mehr so schwer wie noch vor einer Stunde!

Phönix aus der Asche! Das Bild des mythischen Vogels, der am Ende seines Lebens verbrennt, um aus seiner Asche neu zu erstehen und sich in die Lüfte zu schwingen - ich kriege es nicht mehr aus dem Kopf. Und will es auch nicht. Ich fühle mich befreit - um nicht zu sagen beschwingt - und meine Stimmung steigt gen Himmel wie jener Vogel in der griechischen Mythologie … Zu poetisch, zu schwülstig? - Doch exakt so fühlt es sich an. Wenn’s dir nicht zu blöd im Ohr klingt nach seitenweise niedergeschriebenem Verdruss, dann lass dir versichern: Jetzt genieße ich den Olympian Race! Endlich … oder endlich wieder … Selbstverständlich wünsche ich mir das Ende herbei. Stehen bleiben dürfen. Nicht mehr laufen müssen. Nicht mehr leiden … Bald. Bald!

Ich laufe auf brauchbarer Piste flach durch ein Tal. Die Sonne brennt vom Himmel, als wollte sie alles Lebendige auf Erden rösten. Nun macht mir die Hitze nichts mehr aus. Weil ich wieder leidlich bei Kräften bin. Der Winter war lang und hart. Ich hasse Frost und liebe Hitze. Und nun genieße ich die Hitze. Bin auch gut hydriert, sonst triebe es mich unter solchen Bedingungen nicht an den Streckenrand, um mich zu erleichtern. Ein junger Kerl joggt unterdessen an mir vorbei, verschafft sich ein paar Meter Vorsprung. Wenn der sich so fühlt, wie er sich bewegt, dann geht’s ihm grottenschlecht.

Ein paar hundert Meter weiter die nächste Wasserstelle. Wieder eine Styroporbox, wieder gekühltes Wasser aus Flaschen. Der junge Läufer setzt eine Flasche an und säuft sie in nur zwei Zügen leer. Ja, er säuft! Durstige Kühe habe ich unter Hervorbringung ähnlich saugend gutturaler Laute so ihren Durst löschen hören. Auch ich stille meinen Durst und fülle die Trinkflasche auf. Ein Drittel bleibt ungenutzt in der Kunststoffflasche zurück. Ich erwäge den Rest wegzuschütten, damit kein Nachfolger an den Mund setzen muss, woraus ich bereits trank. Schraube dann aber doch die Kappe auf und lege die Flasche zurück. Der Vorrat in der Kiste ist nicht endlos und wer weiß wie viele Durstige noch kommen!?

Auch wenn ich dem Frieden sehr lange nicht traue: Die Piste bleibt flach, stellt mich auch fußtechnisch vor keine Herausforderungen mehr. Kilometer 166, 167, 168 … kein Meter gegangen und so geht es weiter. Schließlich zurück auf die Straße. Fussfreundlich und mit kleinstmöglichem Kraftaufwand belaufbar. Längst zähle ich die Kilometer im Countdown: Noch 14, 13, 12, 11 … dann nur noch 10. ‚Was sind schon 10 Kilometer!?’ - Selbstverständlich belüge ich mich mit dieser geringschätzigen Frage, die gar keine Antwort hören will. Ich lache sogar darüber, weil ich den Unfug erkenne, bevor ich ihn zu Ende denken kann. 10 Kilometer sind nichts zu Beginn einer 180 km-Strecke, aber endlos weit an deren Ende … Egal. Flapsig albern bis überheblich zu denken motiviert mich. Dass ich es schaffen werde, steht nun fest! Ein Luftsprung - gleich mehrere - wären fällig, so ich noch Energie dafür im Leib hätte.

CP 18, Mouria, Kilometer 172,8

Ich überrasche mich selbst. Vorm Ortskern von Mouria steigt die Straße nicht unerheblich an und … ich trabe! Natürlich warf ich zuletzt Gel-Rationen mit höherer Frequenz ein. Vor dieser Rampe nicht zu kapitulieren fühlt sich dennoch wie ein kleines Wunder an. Zucker alleine bringt das nicht zuwege. Mein Stimmungshoch und das sichere Finish tun das Ihre dazu! Vom wunderschönen Lächeln meiner Frau ganz abgesehen, die mir auf den letzten Metern bis zum Checkpoint entgegen strahlt! Überirdisch! Meiner Siegesgöttin Fröhlichkeit haut mich fast um. Kunststück: Sie kann die Uhr lesen und nach vielen Wettkämpfen, zu denen sie mich zuschauend oder als Betreuerin begleitete, auch mein müdes Gesicht.

Ich setze mich nicht mehr, fülle nur meinen Vorrat auf, trinke. Fünf Minuten, dann weiter. Der Abschied fällt kurz aus, nicht mal drei Kilometer bis zum nächsten und LETZTEN! Checkpoint vor Olympia. Und ich nehme frohe Kunde mit: Ines hat mir berichtet, dass Mike Minuten zuvor ins Ziel gelaufen ist. Mein total verrückter, mein grandios laufender Freund Mike. Er muss auf den letzten Kilometern gewetzt sein, als schnappten Hunde nach seinen Fersen. Fantastisch!

Als Team zelebrieren wir diese letzten Kilometer: Ich freue mich auf den Moment, da Ines mich überholt. Recke beide Daumen in den griechischen Himmel und Ines jubelt im Vorbeifahren, schießt sogar ein paar Fotos … Noch sieben Kilometer bis Olympia … Wahnsinn! Ich schaffe es tatsächlich! Noch einmal kommt mir der grausame Winter mit all den Enttäuschungen in den Sinn. Was ist nicht alles schiefgelaufen!? Infekte, die mich zurückwarfen. Immer wieder auch Probleme mit der ruinierten Achillessehne. Der Hunderter in der Halle in Senftenberg, den ich erkältet nicht antreten konnte. Wodurch die Basis extrem langen Laufens fehlte. Fehlte, bis ich sie vor vier Wochen - viel zu spät eigentlich - mit dem Traumlauf in der Toskana nachholte … Zuletzt die Rückenschmerzen. Wochen voller Zweifel, Bangen und immer wieder Hoffen. Und nun trabe ich sechs Kilometer vor Olympia. Sechs Kilometer für die ich anderthalb Stunden Zeit hätte …

CP 19, Linaria, Kilometer 175,1

Der Halt ist kurz, drei Minuten. Ein letztes Mal trinken, Gel habe ich noch, die Flasche blieb seit Mouria unangetastet. Das Wichtigste: Kappe und Windel abgeben. Will in Olympia wie ein Athlet aussehen und nicht wie eine Nonne. Auch die Handgelenktasche ist nun überflüssig. Jetzt nicht nur aller Sorgen, nun auch fast jeglicher Ausrüstung ledig. Warum ich nicht auch den Trinkgürtel bei Ines lasse, weiß ich eigentlich selbst nicht. Und dann los, die letzten herrlichen, wunderbaren, himmlischen, entsetzlich schweren Kilometer bis nach Olympia. Anfangs gehe ich. Einfach so, weil ich es mir leisten kann. Sogar leisten könnte bis zum Zielstrich zu wandern. Nach einigen Metern besinne ich mich dann doch. Nicht eines Besseren, sondern wer und was ich bin. Ich bin Läufer. Und Läufer laufen, so lange sie die Kraft dazu haben. So lautet das Gesetz, das ich mir selbst auferlegte und dem ich immer treu ergeben war. Gegen das ich nicht ausgerechnet hier, vor den Toren von Olympia, der Wiege des Sports, aus purem Übermut verstoßen will. Also falle ich in verhaltenen Trab.

„4 km“ - der gelbe Schriftzug erstreckt sich über die gesamte Breite der Straße. Ich halte die Kamera drauf (hab ich mir in Linaria von Ines geben lassen) und nehme ihn als Erinnerung mit. Ich erkenne die hügelige, üppig grüne Gegend rund um Olympia wieder. Noch 3 km Kilometer … stückweit voraus zwei Läufer. Ich korrigiere: Zwei Geher. Zwei, die mich (gehend) überholten als ich länger rastete. Obschon sie anfangs nur ungenau auszumachen sind, signalisiert die Art wie sie sich bewegen völlige Erschöpfung. Die sind fertig. Noch ramponierter als ich. Der Wettstreit an sich reizt mich überhaupt nicht, ebenso wenig eine bessere Platzierung. Doch als letztes Zwischenziel vorm eigentlichen Finale erleichtert so ein Wettlauf die letzten Schritte: Du wirst die beiden einsammeln Udo und zwei Plätze gut machen!

Noch zwei Kilometer. Ich verkürze den Abstand, überhole alsbald den hinteren der beiden. Unvermutet eine letzte Steigung, die mich zwingt ein-, zweihundert Meter zu gehen. Von der Verpflichtung des Zwischenziels motiviert trabe ich frühzeitig wieder an, bin dem Vordermann dicht auf den Fersen … und kurz nach der 1 km-Marke lasse ich ihn hinter mir. „500“ in gelber Farbe auf grauem Asphalt. Ihr Götter von Olympia - wie ich diese letzten 500 Meter genieße. Kein Opfer kann zu groß sein für diesen Sieg, für dieses Bild vor meinen Augen. Ein lang gehegter Traum erfüllt sich. Ganz nah bin ich ihm jetzt. Beifall und Jubelrufe schallen mir entgegen. Letzte Meter … die Arme zum olympischen Himmel erhoben. Der Sieg ist mein! - nach unendlich langen 27:19:05 Stunden.

Wie vordem in Sparta ziert nun ein Kranz aus Olivenzweigen meinen Kopf. Vor 2.000 Jahren war er dem Sieger vorbehalten, alle anderen gingen leer aus. Ein undekoriertes Haupt - Stigma des Verlierers. 180 Kilometer Peloponnes kennen keine Verlierer. Wer es bisher schafft, hat den stärksten aller Widersacher niedergerungen - die eigene Schwäche. Ich umarme und küsse meine Frau. Ein erstes Dankeschön. Dann ist Mike bei mir. Der Freund harrte über eine Stunde aus, um meinen Zieleinlauf mitzuerleben. Niemand sonst, von Ines abgesehen, glaubte so felsenfest an meinen Erfolg. Wir umarmen uns. Spartathlon und Olympian Race gemeinsam durchlitten und gefinished. Da ist einiges mehr, was uns verbindet. Doch diese gemeinsam errungenen Siege schweißen uns wohl auf Dauer zusammen. Irgendwann tauche ich aus einem Ozean der Rührung wieder auf. Komme zur Besinnung und sehe die offene Tür im Zaun. Die Tür zum antiken Stadion von Olympia. Es dauert eine Weile bis ich die Möglichkeit begreife: Ich will, ich muss, ich werde ins Stadion einlaufen, bis hin zur marmornen Ziellinie. Meinen Traum vollenden. Das war es, was ich seit damals im Sinn hatte. Als Sieger zurückkommen, als einer der Heroen von Olympia.

Ines bleibt einstweilen zurück, überlässt mich der Magie der leeren Arena. Gehen kommt nicht in Frage. Und wenn es das letzte wäre, was ich in meinem Leben tue: Ich werde laufen! Langsam tippele ich den grünen Zuschauerwall abwärts, betrete die sandige Bahn, strebe der Ziellinie entgegen … Gerade versammelt sich dort eine Touristengruppe mit Führer. Ausgerechnet jetzt. Einerlei. Diesen - meinen! - olympischen Moment lasse ich mir nicht nehmen. Weiche aus, halte Abstand zur Gruppe, betrete und überschreite die antike Ziellinie. Was für ein bewegender Augenblick. Ich knie mich hin. Bedächtig, weil alle Gelenke und Fasern schmerzen. Die Knie im Sand, berühre ich den Marmor mit Händen und Stirn. Freudetrunken kann ich nicht mehr an mich halten und beginne zu weinen … … … Habe mich gefangen, komme wieder hoch, posiere für ein Erinnerungsfoto auf der Ziellinie. Dann legen die Götter Olympias den letzten Mosaikstein des Glücks an seinen Platz: Ich kehre der Arena den Rücken - Seite an Seite mit Ines!

Wenn Griechen einen Ultralauf ausrichten, bereiten sie ihn akribisch vor und führen ihn mit aller Sorgfalt durch. Und nach Zielschluss beginnt jener Teil der Veranstaltung, der ihnen gleichermaßen am Herzen liegt. Dann feiern sie die Läufer, ihr Land, den Lauf und sich selbst mit Würde und Leidenschaft. Noch am Abend im Hotel, mit Blick ins Tal von Olympia und nach einem märchenhaften Sonnenuntergang, werden alle Finisher mit Medaille und Urkunde geehrt. Anschließend das Bankett: Gemeinsam essen, trinken, Gespräche. Die Gescheiterten sind natürlich traurig, sitzen aber nicht abseits. Sie gehören dazu, schaffen es sicher beim nächsten Mal.

Ich plappere frohgelaunt drauflos, texte jeden zu, der in meine Nähe kommt. Kai vor allem, der leider allzu früh aussteigen musste. Michael sitzt mir an der runden Tafel gegenüber. Er hat es kurz vor Zielschluss auch noch geschafft. Und nun ist Michael geschafft. Todmüde, vermag er sich nach wohlverdientem Bierchen kaum noch auf dem Stuhl zu halten. Schließlich schläft er ein, mit dem für ihn so typischen seligen Lächeln im Gesicht. Mit vollem Bauch und Alkohol im Blut werde auch ich nach und nach stiller … Bald darauf der wohlverdiente Schlaf. Einer, der sich von stundenlanger Bewusstlosigkeit kaum unterscheidet.

Wenn du nun glaubst, der Oympian Race 2018 wäre zu Ende, dann irrst du. Am nächsten Abend, um 19 Uhr, treffen sich Veranstalter, Helfer und Läufer auf einem Weingut in der Nähe des Startortes Nemea zur eigentlichen Abschlussfeier. Essen, Wein bis zum Abwinken, Musik, Tanz. Ein rauschendes Fest. Mittendrin und an erster Stelle, vor allem auch beim Tanzen, die Offiziellen. Race Director Anastasia zum Beispiel mit ihrer Tochter. Oder Sotiris Barakitis, den ich schon vom Spartathlon her kenne. Mike hat mir erzählt, dass Sotiris bereits vor einer Woche, beim Lauf von Platea nach Delphi, als Helfer im Einsatz war. Nun steht er auf der Tanzfläche und zelebriert mit feierlichem Ernst Schritte eines griechischen Volkstanzes …

Man muss ein Land bereisen, die Menschen vor Ort erleben, wenn man sie verstehen will. Zu Hause am Fernseher oder im geschriebenen Wort bleibt vieles unklar. Dieselbe Luft atmen, sich näher kommen und auf den anderen einlassen. Dann geht es. An diesem Abend, auf einem Weingut nahe Nemea, geschieht es wieder einmal, dass ich verstehe. Kapiere wie Land und Volk in den ökonomischen Kollaps schliddern konnten. Nach meiner festen Überzeugung muss man die Probleme lösen, ohne die griechische Seele zu beschädigen. Griechen sind anders als wir. Sie feiern das Leben. Stellen die Lebensfreude in den Mittelpunkt. - Was steht bei uns im Mittelpunkt?

Besondere Menschen: An erster Stelle natürlich meine Frau Ines, ohne deren Unterstützung - schon lange vor dem Lauf - ich Olympia nie erreicht hätte. Mein Freund Mike und seine Frau Natascha. Andere Läufer wie Michael, Ursula, die erwähnten Franzosen. Auch die vielen helfenden griechischen Hände, die nichts gewinnen außer der Freude diesen Lauf zu ermöglichen. Die Offiziellen an der Spitze, Anastasia und ihre Tochter, Sotiris Barakitis und andere, die zu erwähnen diesen Rahmen sprengen würde. Allesamt besondere Menschen. Neben den persönlichen Momenten des Sieges und im Stadion von Olympia werden vor allem diese Menschen meine Erinnerung prägen.

Ultralauf in Griechenland - ein besonderes Erlebnis inmitten außergewöhnlicher Menschen - nirgendwo anders auf der Welt in dieser Weise möglich …

Fazit zum Wettkampf

Wie im Laufbericht verschiedentlich erwähnt, litt meine Vorbereitung zum Olympian Race unter diversen Rückschlägen. Zwei Infekte, die zu keinem Zeitpunkt wirklich völlig „befriedete“ Achillessehne, kurzzeitige (in zwei Fällen unklare, sogar irrational anmutende) Schmerzzustände und über mehrere Wochen zu eisiges Wetter führten zu Einbußen im Wochentrainingsumfang. Darüber hinaus konnte ich zu einem wichtigen Vorbereitungswettkampf über 100 km im Januar nicht antreten, mit dem ich den Grundstein für längste Strecken legen wollte. Letztlich fuhr ich allenfalls ausreichend ausdauertrainiert zum Olymian Race. Mich nicht - wie bei allen anderen Saisonzielen der Vergangenheit - gut bis sehr gut vorbereitet zu wissen nährte Versagensängste.

In den Vorjahren lag der Saisonhöhepunkt später im Jahr, so dass ich erst im ausklingenden Winter mit hoch belastendem Training beginnen musste. Für den Olympian Race begann der Aufbau bereits im Vorjahr und erstreckte sich über den kompletten Winter. Hierbei musste ich die (nicht überraschende) Erfahrung machen, dass mir ein fordernder, progressiver Ultratrainingsaufbau im Winter nicht bekommt. Mein Immunsystem erwies sich als zu wenig resistent gegenüber Kälte. Mein - ich kann es nicht anders ausdrücken - Abscheu gegen lange und längste Läufe bei widrigen, winterlichen Bedingungen dürfte als mentale Rückkopplung für die mangelhafte physische Widerstandsfähigkeit mitverantwortlich gewesen sein. Im Guten wie im Schlechten erfuhr ich in vielen Laufjahren, wie gewaltig der Einfluss der Psyche auf den Körper ist. Laufen, insbesondere das Laufen auf langen Strecken, ist großenteils Kopfsache.

Wie erwartet und oben dokumentiert reichte meine Form so eben aus, um die gestellte Aufgabe zu lösen. Hierzu musste ich mich bis kurz vor die totale Erschöpfung verausgaben. Sogar tiefer und nachhaltiger erschöpfen als vor anderthalb Jahren beim strecken- und zeitmäßig längeren Spartathlon. Damit habe ich den bisher härtesten Wettkampf meiner persönlichen Laufgeschichte absolviert. Wie hart der Wettkampf tatsächlich war, bezeugt die hohe Aussteigerquote: Von 116 gestarteten Teilnehmern erreichten nur 58 und damit genau 50 Prozent das Ziel! Es ist natürlich nicht mess- und damit auch nicht belegbar, inwieweit die Notmaßnahme „Zuckerkalorien im Schuss“, also die Einnahme von fünf Rationen Gel binnen sehr kurzer Zeit, mich rettete bzw. meine Rest-Lauffähigkeit bewahrte oder wiederherstellte. Ich bin jedoch auf Grund körper-sensorischer Selbstwahrnehmung in dieser entscheidenden Phase des Wettkampfs davon überzeugt, dass die Gabe von Extrakalorien in Form von rasch verstoffwechselbaren Einfachzuckern mich stückweit wieder aufbaute.

Obschon mir der Olympian Race infolge unzureichender Vorbereitung mit aller Härte, Unerbittlichkeit, ja Brutalität begegnete, möchte ich ihn keinesfalls missen. Die nicht wenigen grausamen Stunden werden von schönen Phasen und vielen wunderbaren Erlebnissen mehr als nur ausgeglichen. In Griechenland an Wettkämpfen teilzunehmen ist für einen geschichtsbewussten Menschen wie mich (mehr noch meinen Freund Mike) viel mehr als nur ein überlanges Lauferlebnis. Das war beim Spartathlon so und wiederholte sich mit ähnlicher emotionaler Wucht auf dem Weg und final in Olympia. Stell dir unsere heutige Zivilisation, Kultur und Gesellschaft, als mehrere tausend Jahre alten Baum vor: Eine der bedeutendsten und ältesten Wurzeln dieses Baumes sprießt aus griechischer Erde. Nicht nur das. Wer mit Leidenschaft läuft, ist Sportler. Ist es mit Leib und Seele. Auch die Anfänge des Sports gehen auf kulturelle Entwicklungen des antiken Griechenlands zurück. Wie könnte ich als Sportler von einem Zieleinlauf in Olympia und einer Ehrung im antiken olympischen Stadion anders als maßlos beeindruckt und ergriffen sein?

Der Preis des Siegerkranzes

Ich bin es gewohnt für einen Erfolg in einem Marathon oder Ultralauf den fälligen Preis zu entrichten. In Geld ausgedrückt steigt der bei Unternehmungen wie Spartathlon oder Olympian Race nahezu exponentiell an. Startgebühr, Flug, Hotelkosten davor und danach, Ausrüstung, Verpflegung, usw. summieren sich auf einen erklecklichen Betrag. Laufen längster Ultradistanzen ist ein kostspieliges Hobby.

Körperlich und mental ist gleichfalls ein Entgeld zu entrichten. Man kann sich mit harter physischer Vorbereitung und mentaler Härte zwar keine Medaille „kaufen“, hat jedoch beides als Vorleistung zu entrichten. Normalerweise gehe ich aus Wettkämpfen ohne nennenswerte Blessuren oder gar Verletzungen hervor. Die Gefahr sich dergleichen einzufangen steigt natürlich mit der Dauer/Belastung, die ein Ultraziel fordert. Insofern wundert es mich nicht, bei meinen beiden 24h-Lauf-Erfolgen 2008 und 2015 (jeweils Deutscher Seniorenmeister) nicht unerhebliche Verletzungen, gefolgt von Laufpausen, davon getragen zu haben.

Beim Spartathlon verletzte ich mich nicht, musste allerdings in den Monaten danach eine massive Beeinträchtigung meiner körperlichen Robustheit zur Kenntnis nehmen. Heute, im Abstand von etwa 3 Wochen nach dem Olympian Race, wage ich die Voraussage, dass mir dergleichen diesmal erspart bleiben wird. Der erfolgreiche Start beim Sommeralm Marathon, nur zwei Wochen nach dem Olympian Race, hat mir gezeigt, dass ich die Belastung von über 27 Stunden gut verkraftete.

Meine Füße waren nach dem Olympian Race „geschreddert“ wie nie zuvor. Übersät mit Blasen, insbesondere im Bereich der Zehen. Dies ist insofern verwunderlich, als ich bislang eher selten bei Marathons und Ultras unter Blasen litt. Ich führe es auf 60 von 180 km „Dirt Road“ zurück und auf die über die komplette Distanz getragenen Schuhe.

Eine Blase umschloss komplett einen Zehennagel am rechten Fuß. Dergleichen hatte ich nie zuvor gesehen. Trotz Vorsicht (nicht aufstechen!) entzündete sich der Zeh. Deshalb musste ich den Zehennagel nachträglich Zeus als Opfergabe widmen … Dasselbe - nur am anderen Fuß - widerfuhr mir übrigens auch nach dem Spartathlon.

Physisch scheine ich die Belastung trotz fortgeschrittenen Mannesalters gut verkraftet zu haben. Weniger gut verlief die mentale Verarbeitung. Ich stand wegen der Rückschläge in der Vorbereitung unter gewaltigem Druck. Dass solcher Druck anlässlich einer Freitzeitbeschäftigung selbstgemacht, dem Grunde nach folglich überflüssig ist, vermindert nicht dessen Wirkung. Den Druck aufzuheben hätte überdies bedeutet auf das Ziel zu verzichten, wozu ich jedoch nicht bereit war. Im Übrigen brauche ich das von einem schwierig zu realisierenden Ziel ausgehende „Prüfungsgefühl im Bauch“, weil es sich im Wettkampf entlädt und Leistung mobilisiert. Nur eben keinen Druck aus den Gründen und in der Höhe, wie das vor dem Oympian Race der Fall war. 180 km Peloponnes gekrönt vom Zieleinlauf ließen den Druck entweichen. Die anschließende „Schwerelosigkeit des Seins“ schubste mich nach Abschluss der Feierlichkeiten in ein Loch. Phasenweise war ich völlig antriebslos, was nicht nur die Motivation zu laufen betraf. Das hat sich gebessert, wirkt jedoch noch nach. Ein solche „Lauflustdelle“ nach erreichtem Saisonziel musste ich in all den Laufjahren noch nie hinnehmen. Ich gehe davon aus, dass sie nicht Ausdruck eines Sättigungseffekts, vielmehr der zitierten Drucksituation vor dem Wettkampf geschuldet ist. Nebenbei bemerkt, empfinde ich dieses ziellose Dahintreiben nach Monaten strikter Zielfokussierung als durchaus befreiend und genieße es - zumindest eine gewisse Zeit lang.

Sich körperlich und mental so zu verausgaben, wie ich es für den Erfolg beim Olympian Race tun musste, wirkt sehr lange nach. Wie sich zeigt nicht nur physisch sondern auch im Kopf.

Fazit zur Veranstaltung

Eine in Vorbereitung wie Durchführung ohne jeden Abstrich glänzend ausgerichtete Laufveranstaltung. Man kann die griechischen Gastgeber - und das gilt für jeden, der in irgendeiner Form mitwirkte - nur über den Klee loben. Freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit.

Die Strecke würdigt der Bericht. Eine Kurzzusammenfassung würde ihr nicht gerecht werden. Außer der Länge von 180 km, hat man 4.450 Höhenmeter zu überwinden und das auf zumindest abschnittsweise schwierigem Untergrund (ca. ein Drittel auf Pisten). Eine überhaus harte Nuss, die zu knacken ähnlich gute Ausdauer erfordert, wie für den Spartathlon.

Fazit: Wäre ich nicht so alt wie ich es nun einmal bin, ich versuchte es vielleicht ein zweites Mal. Und sei es nur, um mit den Griechen hinterher das Leben zu feiern.

 

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