Samstag, 13. Mai 2017

Die Lektion  -  Bizau Ultra Trail 2017

oder: „Alles ganz easy!“

Die Erkenntnis sollte mich erschrecken. Wenn nicht erschrecken, dann wenigstens gequält aufstöhnen lassen. Hoch droben im grasigen Steilhang bewegt sich ein buntes Männlein. „Bunte Männlein“ entpuppten sich in dieser alpinen Umgebung bisher stets als Trailläufer. Also komme ich nicht umhin weitere hundert bis zweihundert Meter in die Höhe zu kraxeln - steiler als steil, weil auf sehr kurzer Distanz. Dabei werde ich mich einer der „Alpintrail-Gangarten“ bedienen müssen. Anders kann ich die Stelle nicht erreichen, wo das bunte Männlein gerade zwischen Fichten im Bergwald verschwindet …

Du kennst die „Alpintrail-Gangarten“ nicht? - Nur Geduld, ich erkläre sie dir nach und nach an Beispielen. Zunächst einmal beginne ich im etwa 20 Prozent steilen Grashang zu steigen. Eine Art der Fortbewegung, die nach kurzer Zeit Sauerstoff- und Blutpumpe Richtung Maximum stresst … Bevor du mich nun eilfertig in der Weichei-Schublade ablegst, noch ein paar Daten: Ich bin seit etwa siebeneinhalb Stunden unterwegs, legte in dieser beträchtlichen Zeitspanne lediglich etwa 38 Kilometer zurück, durchstieg dafür jedoch bereits etwa 2.500 Höhenmeter. Mit anderen Worten: Meine Beine sind nicht mehr allzu frisch …

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Nicht Überheblichkeit ließ mich vor Monaten zum Anmelden die ENTER-Taste drücken - so viel will ich mir zugute halten. Ernsthaftes Abwägen kann meiner Entscheidung am „Bizau Ultra Trail“ teilzunehmen allerdings auch nicht zugrunde gelegen haben. Erst vor ein paar Wochen, als mich meine erfahrene Ultra-Traillauf-Vereinskameradin Sybille frug, was ich in Bizau* eigentlich zu finden hoffe, befasste ich mich näher mit dem Vorhaben. Sybille gab zu bedenken, dass 3.000 Höhenmeter verteilt auf nur 48,2 Kilometer alpine Holperpfade genau jenen Bedingungen entsprechen müssen, die zur speziellen „Färbung“ meiner Läuferseele so gar nicht passen.

*) Bizau liegt im österreichischen Bundesland Vorarlberg und gehört zum Bezirk „Bregenzer Wald“.

Was also bewog mich nach Bizau zu fahren? - Vor allem die verlockende Aussicht eine harte „Trainings-Session“ in schöner Landschaft zu absolvieren, und die noch verlockendere meine Frau Ines für ein Kurzurlaubswochenende dabei zu haben. Dieser unbestreitbare Nutzen vermag meine Dummheit jedoch nur notdürftig zu kaschieren: Selbst unter besten Bedingungen - trocken, nicht zu warm, keine extremen Trails, normaler Formaufbau - stünde ich in Bizau vor einer unlösbaren Aufgabe. Unlösbar, wenn ich meinen läuferischen Anspruch als Maßstab nehme. Kurzfassung zum besseren Verständnis:

Ich bin Läufer. Läufer ist nach meinem Verständnis jemand, der eine vorgegebene Route komplett laufend zurücklegt. „Gehen“ kommt als Fortbewegungsart in dieser Vorstellung lediglich als notwendiges, auf Promilleanteile beschränktes Übel vor (auf langen Strecken zum Trinken, Essen und bei der Ausrüstungskorrektur - so weit diese Verrichtungen nicht ohnehin stehend erledigt werden müssen). Mein läuferisches Glaubensbekenntnis beruht nicht auf elitärer Überhebung, es wurde vielmehr von Selbsterfahrung geprägt. Mehrmals hinterließ mich ein Wettkampf unzufrieden, wenn ich nicht alle Abschnitte laufend bewältigte - auch jene auf granatenschlechtem Geläuf oder in steilem Gelände. Aus diesem Blickwinkel betrachtet darf ich eigentlich nur zu Laufveranstaltungen fahren, denen ich auf voller Distanz laufend gewachsen bin.

Was also will ich in Bizau? Auf einer Strecke, von der vorab feststeht, dass ich mehrfach werde gehen müssen. - Keine Regel ohne Ausnahme! Die Teilnahme an Aufbau- / Trainingswettkämpfen bildet einen unverzichtbaren Anteil meiner Vorbereitung auf ein Saisonziel. Es ist ungleich effizienter marathon- oder ultraweit im Wettkampf zu trainieren, als ähnliche Kilometersummen daheim abzuspulen. Die (Trainings-) Motivation ist deutlich höher und bei offiziell tickender Uhr auch der Ehrgeiz. Im Ergebnis nehme ich mich weit härter „ran“, als das in heimischer Umgebung geschähe. Die Schwierigkeit bei der Umsetzung dieses Konzepts besteht darin, einen geeigneten Aufbauwettkampf an bestimmten Wochenenden zu finden. Oft ist das mit weiten Fahrten verbunden. Bizau bot die vermeintlich wunderbare Möglichkeit mein Wochenendtraining vergleichsweise „um die Ecke“ zu absolvieren. Dafür war ich bereit in den sauren Apfel zu beißen und „ein bisschen“ zu gehen.

6:45 Uhr: Einweisung; kaum mehr als die Präsentation der Streckenkennzeichnung und Ermahnung auf „matschige Verhältnisse“ vorbereitet zu sein. Nicht mal einem Gelegenheits-Trailer wie mir hätte man das erzählen müssen. Letzte Nacht schüttete es aus Hektoliterkannen und auch an den Tagen davor gingen Unmengen von Regen nieder. Wer mir an diesem regnerischen Samstagmorgen in die Augen schaut, kann erkennen, dass ich mit meiner Entscheidung hierher zu kommen hadere. Sicher schwingt das auch in den launigen Sätzen mit, die ich mit meinem Nebenmann wechsele. Wir haben den Ausrüstungs-Check* schon hinter uns und warten aufs Startkommando.

*) Pflichtausrüstung: Trailschuhe, 1,5 l Getränk, Erste Hilfe Set, Rettungsdecke, Regenjacke, Mütze, Handschuhe, eingeschaltetes Handy mit gespeicherter Notfallnummer; selbst mitgeführte Verpflegung ist mit der Startnummer zu beschriften.

Freimütig gestehe ich meinem Nebenmann die Hosen ziemlich voll zu haben. Für ihn - hörbar ebenso nicht-alpiner Deutscher - sei der Lauf gleichermaßen „grenzwertig“. Redefaul und mangels verbleibender Zeit verzichte ich darauf ihm meine „vollen Hosen“ näher zu erläutern. Stattdessen wünsche ich ihm einen gelungenen Lauf und - das scheint mir heute das Wichtigste zu sein - gesunde Wiederkehr. Punkt 7 Uhr schickt uns der Countdown der Zeitmessanlage, runtergezählt vom Starter, auf die feuchte Reise. Vor der Einweisung begann es zu tröpfeln. Nicht ergiebig, irgendwas zwischen Regen und Nieseln. Die Wettervorhersage für Tag und Stund’ widerspricht der Realität. Eigentlich sollte es jetzt bereits trocken sein und mit älter werdendem Tag sollen die Wolken aufreißen …

Etwa anderthalb Kilometer flacher Talgrund sind mir zum Einlaufen vergönnt. Immerhin, auch wenn die Distanz nicht reicht, um alle Aggregate auf Nennleistung zu bringen. Schon gar nicht, um sich einer hoffentlich brauchbaren Tagesform zu versichern. In Missmut und Bedenken versunken arbeite ich den Asphalt zwischen Dorf und erstem Anstieg ab. Meine Verdrossenheit ist dem einstweilen miserablen Wetter geschuldet. Schwer lastet die fette Wolkendecke auf dem weiter oben schneebedeckten Felsmassiv der „Kanisfluh“. So schwer, dass man unwillkürlich fürchtet, sie stürzte herab und erschlüge einen, sollte der Berg plötzlich verschwinden. Auch die Aussicht diverse Kilometer als strammer Bergwanderer verbringen zu müssen, stimmt mich nicht gerade frohgemut. Meine Bedenken hingegen kreisen um die fehlende Deckung zwischen meinen Fähigkeiten und den Verhältnissen, die ich vorfinden werde. Auch diese Feststellung bedarf einer Erläuterung:

Regenmassen haben die Wege aufgeweicht, die Trails werden folglich rutschig sein. Das heißt im Klartext: Nirgendwo verlässliche Fixpunkte. Jeder unbedachte und viele bedachte Schritte können Abrutschen und Sturz zur Folge haben. Kein Stein und erst recht keine der zu erwartenden 1 Million Wurzeln werden sicheren Halt bieten. Solche Verhältnisse fordern ein Höchstmaß an koordinativen Fähigkeiten und genau da habe ich ein Limit. Ich gehöre nicht zu den „Gemsen“ unter den Trailläufern, die mit unglaublicher Sicherheit in jedem Gelände unterwegs sind. Wenn ich das Stadion in Bizau unfallfrei wiedersehen möchte, dann bin ich zu bedingungsloser Vorsicht verdonnert. Weitere Voraussetzung: Mein unter normalen Bedingungen ohnehin geringes Trail-Wettkampftempo zusätzlich reduzieren. Sorgen bereitet mir überdies die Ausdauerverfassung. Verletztungsbedingt hinkt meine Form hinter dem her, was ich bei der Planung der Aufbauwettkämpfe zugrunde legte. Deshalb war es mir auch nur eingeschränkt möglich Höhenmeter im bisherigen Training einzubauen. Mir wird es an Beinkraft fehlen, um 3.000 Höhenmeter ohne Nachwehen zu überstehen. Vor allem talwärts, wenn die Muskulatur exzentrisch - bremsend - arbeiten muss. Ein brutaler Muskelkater scheint mir so sicher wie das Amen in der nahen Bizauer Kirche nach dem Abendgebet …

Der Waldrand und mit ihm der Anstieg - erste Unbekannte in einer langen Gleichung - rücken näher. Noch ein paar Sekunden, dann verabschiedet uns ein Streckenposten auf einen Wanderpfad und … Ein Blick bergwärts genügt, um zu wissen, wie mein Trail-Abenteuer heute ausgehen wird, versuchte ich diesen verflucht steilen Weg im Laufschritt zu nehmen: Ankommen ausgeschlossen! Entweder würde ich entkräftet irgendwann aufgeben müssen oder infolge Erschöpfung stürzen. Unter dem Druck solcher Horrorvorstellungen nehme ich die Schräge mit zügigen Gehschritten in Angriff - wie ausnahmslos alle anderen …

Ist der Mut erst ruiniert, geht es sich ganz ungeniert. Binnen Minutenfrist rechne ich mit dem „Lordsiegelbewahrer“ meiner Laufprinzipien in mir ab: Schluss mit der Nörgelei! Du bist zu schwach, um solche Wege zu laufen! Selbst schuld, wenn du dir 3.000 Höhenmeter zumutest! Finde dich einfach damit ab!

Unter tropfenden Bäumen, auf nass steinigen Serpentinen lege ich einen ziemlich flotten Schritt vor, überhole sogar einige Mit-„läufer“. Schon dieser Sauseschritt könnte mir in stundenferner Zukunft das Genick brechen. Zu noch mehr Mäßigung, wenn ich schon nicht laufen kann, sehe ich mich allerdings außerstande. - Was trägt der denn für Schlappen an den Füßen?? - Sieht aus wie … Segeltuchschuhe! In was genau seine Füße stecken, kann ich nicht erkennen. Nenne es „Segeltuchschuhe“, damit du dir die Galoschen vorstellen kannst. Dünnstes Söhlchen, keine Festigkeit, keine Fußführung, Obermaterial mit einer Struktur wie Segeltuch. Im Grunde also … barfuß!?? - Pflichtausrüstung: Trailschuhe! Das da an seinen Füßen mag sein, was es will - Trailschuhe sind es jedenfalls nicht. Reglement hin, Vorschriften her: Wie sollen seine Füße aushalten, was sie in den nächsten Stunden malträtieren wird? - Oder wird’s gar nicht so schlimm, wie mein hasenfüßiges Selbst befürchtet? - Wie auch immer: Der da vor mir wird schon wissen, was er tut! Schließlich bin ich in dieser Aufführung der Laiendarsteller.

Wald und Steilhang enden vor einer Hütte, auf deren Eingangsstufen sich ein früher Wanderer im Regenumhang zur Rast niederließ. Womöglich hätte ich bemerkt, dass es sich bei der vermeintlichen „Hütte“ um eine Kapelle handelt, drängte sich nicht das bombastische, von geheimnisvollen Regennebeln verschleierte Panorama der klotzig aufragenden Kanisfluh ins Blickfeld. So aber passiere ich das erste von heute ungezählten Drehkreuzen und traile über eine Almwiese zum nahen Wirtschaftsweg. Beinahe hätte ich es versäumt mich im folgenden sanften Hinan zu Laufschritten anzuhalten. Auch der sich anschließende Pfad im vor Nässe dampfenden Mischwald lässt diese Gangart zu. Bisschen rauf, ein wenig runter, „Stückerl“ eben, links und rechts und diese Orientierungen in ständigem Wechsel. Einstweilen kaum Behinderungen. Häufig Matschlöcher, doch die lassen sich umgehen.

Hinter tiefer Kuhle, auf einem Baumstumpf, harrt ein Streckenposten aus. Ausrüstung: Schirm, Filzhut, Regenponcho, Kladde und Schreibgerät. Unter Verwendung von Letzterem notiert er die vorbei trailenden Startnummern (oder streicht sie durch, wie ich das bei späteren Streckenposten sehen werde). Abzweigende Wanderwege kann ich an dieser Stelle keine erkennen. Wenn nicht auch der Wegweisung, dient der Aufenthalt des Offiziellen also ausschließlich Kontrollzwecken? Und wieso ausgerechnet an diesem Ort?

Streckenposten cirka 1,30 bis 1,50 Meter groß und das gleich doppelt. Ein Junge (Mädchen?) am Übergang vom Pfad zum Asphaltsträßchen, ein weiterer dreißig Meter weiter, wo der Weg auf eine bergwärts führende Wiese abbiegt. Beide lächeln, schweigen und schwenken ihre kurzen Arme wie Verkehrspolizisten auf verkehrsreicher Kreuzung. In Warnweste und wasserdicht aufgeplustert könnte es sich bei den beiden auch um eine sportlich coole Version von Trollen handeln. - Die Wiese erlebt mich bereits wieder gehend und ich gestehe: Es tut fast nicht mehr weh. Auf nassem, stellenweise rutschigem Gras hinan bis zum Waldrand, wo ein weiterer Streckenposten ein Weidegatter bewacht. Er wünscht gutes Gelingen, verkneift sich aber auch einen ironischen, Alarmstufe „gelb“ provozierenden Halbsatz nicht: „ … und jetzt viel Spaß bei der Abfahrt!“

Besagte „Abfahrt“ unter hohen Laubbäumen währt etwa acht Minuten und ist erstmal steil. Alsbald steil und rutschig. Wenig später steil, glitschig und mit zentimeterhohem, von zig Füßen gut durchgeknetetem Matsch gesegnet. Mittendrin sogar gefährlich für Leib und Leben, sollte einem Fehltritt der Absturz folgen. Ein vom Streckenmarkierer angebrachtes Schild nötigt zu höchster Konzentration: „ACHTUNG gefährliche Passage!!“ Für mich hätte er den Hinweis nicht aufhängen müssen. Bin inzwischen so was von wach und alarmiert! Ein paar Schritte in ungewisse Tiefen weit bedrängt mich ein Gefühl, das ich beim Laufen zutiefst verabscheue, weil es da absolut nicht hingehört: Angst. Dann wird der Weg wieder griffiger, eine Spur flacher oder wurde zumindest mit Stufen gesichert. - Gerade mal eine Dreiviertelstunde unterwegs für lediglich vier (!) Kilometer und bereits den ersten brandgefährlichen Abschnitt schadfrei überstanden - meine schlimmen Vorahnungen scheinen Wirklichkeit zu werden …

Waldweg sanft aufwärts, anschließend eine Alm. Endlich ein bisschen traben zwischen Wiesen, vorbei an Almhütten, in denen sich morgendliches Leben regt. Hübsche Aussicht auf die Bergwelt östlich von uns und zu regnen hat es auch aufgehört. Von Alarmstufe „rot“ über „gelb“ zurück auf „grün“, so grün wie die Welt um mich her. War die glitschig gefährliche Rutschbahn vorhin nur ein Albtraum? Verharre kurz für Fotos, trabe an zwei munter schwatzenden Gehern vorbei und alsbald aufs nächste dunkle Portal zwischen Bäumen zu.

Es war kein Albtraum! Ich bin wach, außerdem wiederholt sich das Inferno. Jetzt! Glitschige Wurzeln, rutschige Steine oder Felsbrocken, mehrfach so granatensteil hinab, dass mein Vordermann sich sogar einen Knüppel als Gehstock suchte. Mit dem stützt er sich talwärts ab und greift mit der freien linken Hand mehrmals nach aufragendem Fels. Übervorsichtig setzt er einen Fuß unter und vor den anderen. Offenbar hat er seine Lektion gelernt, ein Schluss, den sein mit Dreck verkrusteter Hosenboden nahelegt. Vielleicht war er es, den ich vorhin am ersten Matschhang ausrutschen und unsanft auf dem Hintern landen sah … Wie in Zeitlupe und unter den wachsamen Augen der Bergwacht (!) tasten unsere Füße nach tragfähigem Halt. Gelingt meistens aber nicht immer. Der Mann von der Bergwacht macht ein paar Bemerkungen zum schlechten Zustand des Weges, wünscht abschließend viel Glück und Spaß. Ich glaube, er meint das ernst - das mit dem Glück sowieso, aber auch das mit dem Spaß.

Ein Novum für mich, dass zur Absicherung einer Laufstrecke erfahrene Bergwachtler aufgeboten werden. Muss mir Erleichterung und Dankbarkeit unbedingt von der Seele reden: „Beruhigend, dass ihr auf uns aufpasst! Vielen Dank fürs Hiersein!“ - Vor mir der Mann mit dem Knüppel. Hinter mir stöckelt es weiblich und einigermaßen ungeduldig. Ich warte selbst auf eine Gelegenheit zum Überholen, weil mir der Knüppelträger mit seiner Übervorsicht den Weg verlegt. Wenig später gelingt mir das Manöver, die Stöcklerin vermag ich dadurch nicht abzuschütteln. Sekunden später stochert sie mit ihren Spießen schon wieder gefährlich nah hinter meinen Absätzen herum - zumindest will mein Gehör mir das weismachen.

Heilfroh der Ungeduldigen durch einen kurzen Stopp den Vorbeimarsch ermöglicht zu haben, stürze ich mich in den nächsten Steilhang. Oh, mein Gott! Nervöses Stockgeklapper hinter den Hacken wäre das Letzte, das ich hier gebrauchen kann. Neuerlich packt mich die Angst. Jetzt bloß kein Ausrutscher, sonst war’s dein letzter. Wieder und wieder Wurzeln, Steine, Morast. Munter durcheinander. Jedes Aufsetzen des Fußes gilt es zu kalkulieren. Ein Schritt tief hinab, den nächsten zwischen Wurzel und glitschigen Hang setzen, Fuß einklemmen. Dann zur Sicherheit ein Zwischenschritt, ein paar Zentimeter Rutschen gegen ein sicher auffangendes Hindernis in Kauf nehmen, weiter, immer weiter in den Abgrund. Ich bin gottfroh und erleichtert die alten Trailschuhe zu tragen! Obwohl die ihren Lebenszyklus längst überschritten, ist die Sohle erstaunlich gut in Schuss. Und in solchem Gelände kommt es vor allem auf den „Grip“ der Sohle an.

Geschafft! Ein letzter langer Schritt und ich lande endlich wieder auf verlässlich festem Boden. Der Wirtschaftsweg geleitet mich die letzten Höhenmeter hinab und aus dem Wald. Vor mir erstreckt sich der breite, flache Talgrund, über den ich auf den Startort Bizau zuhalte. Natürlich bin ich noch nicht müde. Dennoch fühlen sich meine Laufwerkzeuge angegriffen an. Als hätten sie ein paar kräftige Stockhiebe abbekommen. Für die Fortbewegungsart „Steigen“, insbesondere bergab, sind sie kaum trainiert. Ständiges Verdrehen, Verkanten und Verkrampfen, um irgendwo Halt zu finden. Dass meine Achillessehne meckert, nach nur 8 von 48 Kilometern und höchstens 400 von insgesamt 3.000 Höhenmetern, wundert mich unter solchen Umständen nicht. Kein Befund, der mich sonderlich optimistisch stimmt …

Unterm Beifall der Streckenposten und einer einzelnen, geradezu exstatisch applaudierenden Dame quere ich ein paar Meter Bizau, überschreite den rauschenden Dorfbach, biege vorm Lamapferch rechts ab und folge dem Bachlauf talaufwärts. Das war’s dann auch schon wieder mit Laufen, vor mir steigt der Pfad „unlaufbar“ steil an. „Unlaufbar“ für jemanden in meinem Ausdauertrainingszustand UND bezogen auf die insgesamt zu überstehenden Höhenmeter. In Sichtweite eines Mitläufers und forschen Schrittes arbeite ich mich einen bewaldeten Buckel empor. Ein innerörtliches Intermezzo, denn für Kilometer Neun wurde mir der erste Verpflegungspunkt auf dem Gelände eines Kinderspielplatzes in Bizau versprochen.

Was mich an Witterung und schweißtreibenden Herausforderungen demnächst erwartet, weiß ich nur ungefähr. Auf den nächsten 16 (!) Kilometern wird es jedoch keine Versorgung geben. Also fülle ich, einem durstigen Kamel vor Durchquerung der Wüste Gobi nicht unähnlich, meinen Bauch randvoll mit Cola. Mit Zucker werde ich heute nicht sparen! Zwei Beutel Gel vom Büffet würge ich zusätzlich runter, dazu noch ein Stückchen Kuchen. Wer meine Ernährungsgewohnheiten in Wettkämpfen kennt, insbesondere bei solchen, die lediglich Trainingszwecken dienen, vermag an dieser Magenfüllung abzulesen wie groß meine Bedenken sind.

Ein paar Meter über höhergelegene Bizauer Wohnstraßen, dann auf einen anfänglich sanft ansteigenden Wanderpfad. Was mir laufbar erscheint, laufe ich. Und diese Vorgehensweise empfinde ich zusehends als Dilemma: Was ist laufbar? Was nicht? Welches Profil überfordert mich - über Stunden summiert - tatsächlich? Und wann unterliege ich lediglich Einflüsterungen des Weicheis in mir. Jenem Teil des Läufer-Ichs, das Anstrengungen scheut, die Ausdauer-Komfortzone möglichst selten verlassen will. Bei jemandem, der sich vielfach über knallharte Ultrastrecken quälte, mag dir das seltsam erscheinen. Bedenke jedoch: Das sonst alternativlose und deshalb antreibende „Alles laufen, nichts gehen!“ hilft mir heute nicht.

In ausgedehntem Buchenwald bergwärts. Als ich vor einer halben Stunde den Talgrund in Bizau verließ begann der erste längere Anstieg, 750 Höhenmeter. Ich gehe. Überwiegend. Zum Laufen kann ich mich nur dann und wann, für ein paar Meter durchringen. Immer ein Prozess mit Verzögerungen: Zunächst die Erkenntnis „Hier ist laufen möglich!“, gefolgt von der Aufforderung „Also los: Lauf!“ bis ich endlich in zähe Tippelschritte falle. Treibt die Anstrengung Atem- und Pulsfrequenz in die Höhe, bin ich rasch geneigt meinen Lauf-Widerstand aufzugeben. Reste von Unzufriedenheit bleiben, wenngleich ich für heute meinen Frieden mit diesem Zustand gemacht habe.

Zur Miesepetrigkeit reicht es nicht! Nicht auf aktuell gut zu belaufenden Pfaden und Forstwegen. Und schon gar nicht angesichts eines Himmels, der immer eindeutiger zu besserem Wetter tendiert! Mehrfach blicke ich übers Bizauer Tal, hinüber zur verschneiten Kanisfluh und entdecke blaue Löcher in der bisher einheitlich grauen Wolkensuppe. Ansätze guter Laune würde ich nun nicht mehr leugnen, so man sie mir unterstellt. Daran ändert auch mein Fluchen nichts - mit gedämpfter Lautstärke, wo ich mich alleine wähne, lautlos, in Gegenwart anderer -, wenn mich Unsägliches bremst. Etwa glitschiges Gras auf kaum erkennbarem Steig, vielfach matschige Untiefen oder ein von Unvermögen provozierter Stolperer.

Ich entscheide mich dafür die Warnung nicht ernst zu nehmen: „Vorsicht!! Elektrischer Zaun. Freilaufender wilder Stier. Betreten auf eigene Gefahr!“ - Der Elektrozaun streift die Erde, wäre also kein Hindernis für einen schnaubenden Koloss, wie ihn meine Gedanken gerade skizzieren. Im Übrigen wird der Veranstalter dafür gesorgt haben, dass die Wiese wenigstens heute feindfrei bleibt. Mehrfach bereits Absicherung mit Streckenposten und Bergwachtlern - solcher Fürsorge wird auch ein Killerstier nicht entgangen sein. Drei Minuten Alm, zurück auf einen festen Weg, ich laufe ein Stückchen, passiere einen Streckenposten mit Kladde und werde abgehakt …

Forstweg, erträglich steil, aber nicht laufbar. Für die Vorderen im Feld bestimmt, nicht jedoch für mich, noch für die anderen Mitstreiter in Sichtweite vor und hinter mir. Serpentine, dann lange und geradeaus bergwärts auf völlig unschwierigem Weg. Gehen. Stetes, unbefriedigendes, ödes Gehen. Bergwandertag. Die steile, unschwierige Gerade dauert lange. Zu lange, um nicht die Sinnfrage zu stellen. Lange genug, um auch nach einer Antwort zu suchen. Und lange genug, um sicher zu sein, dass ich keine finden werde. Selbst in meinen irrwitzigsten Wettkämpfen folgte dem Warum immer ein Deshalb. Vielleicht nicht mehr als „Weil ich es kann!“ oder „Weil ich es will!“ - Und darin liegt der Unterschied: Das hier kann ich nicht! Nicht so jedenfalls, wie ich es will.

Streckenposten, runter vom einfachen Weg, flacher nun auf einem Pfad, also versuche ich zu laufen. Gelingt mir mittelprächtig, weil immer wieder Morastlöcher oder schwierige Trittkombinationen bremsen. Pfütze übersehen, Wasser spritzt, rechter Fuß wird nass - da hilft auch die dicke Schutzschicht aus klebriger Erde nichts. Fluchen. Weiter. Rhythmisches Läuten einer Kuhglocke voraus. Vieh auf einer Weide? Wohl kaum. Eine Kuh bimmelt in gemächlichem Fress-Rhythmus. Nicht auf so aufgeregte, auch mal für Sekunden aussetzende Weise. Etliche Steine, Wurzeln, Erd- und Matschlöcher weiter erkenne ich das „Läutwerk“: Ein Junge steht erhöht auf einem Felsen und lässt die Glocke für jeden Läufer erklingen - schweigend und unbewegten Gesichts. Vermutlich im Auftrag von Papa, jenem Streckenposten, der mich vor fünf (zehn?) Minuten hierher schickte.

Ende des Pfades, zurück auf einen Forstweg, dafür wieder steil. Laufversuch, fünf Meter, zehn, resignieren, gehen. Gehen. Gehen. Gehen und Denken. Nerviges, inneres Zwiegespräch, eins von einigen, stets demselben Strickmuster entsprechend:

- So steil ist das nicht. Hier könnte man laufen.

- Normalerweise ja, aber nicht heute, bei dem was noch kommt.

- Du fauler Sack scheust einfach nur die Anstrengung.

- Stimmt nicht. Ich habe Bedenken es sonst nicht zu schaffen.

- Wirklich? Oder ist das nur eine Ausrede?

- Keine Ausrede. Außerdem: Denk an die Achillessehne!

Es bleibt dabei: Ich gehe. Und gehe … Wer nicht bekommt, was er zu brauchen glaubt, verschafft sich Ersatz. In meinem Fall sind das schöne Bilder für Augen und Kamera. Primär das Panorama, aber auch der Anblick saftig grüner Frühlingswiesen. Da trifft es sich gut, dass die Sonne seit einer Viertelstunde, wenn auch nur zeitweise, durch die Wolken dringt. Ein paar uralte, von Wetter und Blitzen gezeichnete Bäume ziehen meine Blicke magisch an. Vermutlich Bergahorn, auch wenn die dicke Moosschicht auf dem Stamm und fehlende Belaubung keine verbürgte Aussage zulassen.

Gegen 10 Uhr stehe ich fotografierend vor der „Alpe Wildmoos“, malerisch auf einem flachen Höhenrücken gelegen, mit wunderschöner Rundsicht Richtung Süden und Westen. „1.400 m ü. M.“ steht auf einer Tafel. Grob kalkuliert sollte ich damit den ersten, langen Anstieg bewältigt haben. Also beginne ich zu traben und schon ein paar Meter weiter geht der Weg in sanftes Gefälle über. Eine weitere Alphütte kommt in Sicht, davor ein Mann, der am Wegrand irgendwelche Winterschäden mit einer Schaufel ausbessert. Jedenfalls sieht es für mich danach aus. „Wollen wir tauschen?“ bietet er mir lachend an.

Der Weg führt immer weiter in die Tiefe. Mal breit und unschwierig, mehrmals aber auch als Pfad auf dem die üblichen Tücken lauern: Wurzeln, Steine, Barrieren jedweder Beschaffenheit, hohe Stufen, glitschige Flanken, bisweilen Matsch. Dennoch komme ich gut und deshalb auch frohgemut voran. Gelegentliche, der Sicherheit wegen ultrakurze, Blicke ins Tal werfen die Frage auf: Wo bin ich hier? Noch oberhalb von Bizau oder gehören die Häuser dort unten zum Dorf Bezau? - Kein Schreibfehler, orthografisch unterscheidet die beiden Orte nur ein Vokal und geografisch trennt sie lediglich ein Höhenrücken (den ich später auch erforschen werde).

„Bizau oder Bezau?“ bleibt eine Weile ungeklärt, weil in der Bewegung keine genaue Bestimmung möglich ist und stehen bleiben will ich nicht. Dann unterquere ich die armdicken Tragseile der Bezauer Seilbahn und es ist entschieden. So weit schon? Dauernde Richtungsänderungen und ewiges Steigen gaukelten mir vor kaum Strecke zu machen, auch wenn mein GPS bereits 19 km anzeigt. Weiter abwärts auf einem Bergpfad. Meist im Wald, folglich massenhaft Wurzeln. Zeitweise so steil, dass mein Trab vielfach in ängstliches Tasten übergeht. Ich bin einfach zu alt für so einen Mist! Ganz eindeutig! Nicht an altersbedingt schwindende Kräfte denke ich dabei. Mir fehlt der Mut ständig Schritt-Wagnisse einzugehen. Älterwerden lässt einen Risiken deutlicher wahrnehmen und scheuen. Jüngere im Feld springen den Hang runter wie Gemsen. Gewandt, mutig und viele objektive Gefahren entweder nicht erkennend oder ignorierend. Auch deshalb sind sie schnell - schneller als ein zweifacher Großvater, der schon so manchen vermeintlichen Halt hat nachgeben sehen …

Immer noch runter, inzwischen unter den Kronen hoher Laubbäume und ohne Fernsicht. Vor dem nächsten längeren Anstieg gilt es mehr als 600 Höhenmeter aufzugeben. Die letzten davon verbringe ich in recht flottem Trab auf einer Forststraße, Km 21, 22 … schließlich bin ich unten. Zwar halten sich Zweifel in einem kurzen Gegenanstieg zu stecken, wie stets in alpiner Umgebung. Die verfliegen aber rasch, weil der Waldweg seine Aufwärtstendenz beibehält. Eine moderate Tendenz, die mich sogar zu Laufschritten animiert. Einen halben Kilometer weit zumindest, dann schickt mich Frau Streckenposten im spitzen Winkel nach rechts und unvermittelt steiler hinan. 20, 30 Schritte weit wehre ich mich gegen die Einsicht, um schließlich doch in flottes Marschtempo überzugehen. Mist! Laufbarer, nicht zu steiler Asphalt unter den Füßen und ich gehe. Muss gehen. Mist! Ganz großer Mist! - Der erzwungene Frieden im Läuferherzen bröckelt, ich drohe in unterdrückte Gefühlsmuster zurückzufallen …

Sobald mir ein Abschnitt flach genug erscheint, trabe ich los. Hier mal 200, dort vielleicht nur 100 Meter - oder so. Unmöglich den gelaufenen Anteil genauer abzuschätzen, keinesfalls mehr als ein Drittel der Strecke. Übergang von Asphalt zu fest geschottertem Almweg. Ich gehe, minutenlang, begleitet vom durchdringenden Geräusch einer Motorsäge. Ein Traktor tuckert weit hinter mir den Berg herauf, nähert sich, macht mir Beine. Wieder ein, zwei Minuten Trab. Traktor biegt ab, Motorsägengeräusch verebbt. Neuerlich Stille. Stille und Sonne. Die vor einiger Zeit runter gestreiften Armlinge sind mir nun auch als Armband lästig. Ich zerre die Dinger von den Handgelenken und verstaue sie gehend in einer der zahlreichen Taschen des Laufrucksacks. Weiter.

Ich stecke im längsten und somit härtesten Aufstieg des „Bizau Ultra Trails“. Knapp 1.000 Höhenmeter ständig bergan. Nun schon eine ganze Weile recht gemäßigt bergan. Wie brächte ich es sonst zuwege, immer wieder zu traben? Eine Kehre und weiter traben, der Weg wird sogar flacher, scheint einem Sattel zuzustreben. Von hinten sprintet ein junger Kerl heran. Die Startnummer kennzeichnet ihn unzweideutig als Teilnehmer. Wie geht das denn? Wieso krebst der hier am Ende des Feldes rum, wenn er so schnell ist? Verlaufen? - Fragen, die unbeantwortet bleiben. Der Sattel wird flacher, schließlich eben und eine halbe Minute später stehe ich vor der zweiten Tränke. Auschließlich Getränke, Verpflegung gibt es hier keine, also nasche ich ein Gel aus meinem Vorrat.

Du musst diesen Steilhang mit eigenen Füßen genommen haben, spüren, wie er den Beinen Kräfte entzieht, willst du seinen Anspruch kennen. Auf Bildern sieht harmlos aus, was real jäh und manchmal unwegsam empor führt. Schluss mit lustig. Über Gras, Erde, Waldboden, Steine, Wurzeln hinan. Schweiß bricht aus allen Poren, der Atem geht schwer. Anfänglich flottes Steigen ermattet alsbald in zäher Gemächlichkeit. Vertikal komme ich voran, horizontal nur unwesentlich. Bergwandertag. Wie oft stieg ich schon vergnügt schwitzend auf Berge. Kaum zählbar die schönen Touren der Vergangenheit. Spaß pur. Heute beschädigt meine Laune, was ich sonst mit Freuden unternahm. Exakt dieselbe (Tor-) Tour. Seinerzeit hatte ich Bergschuhe an den Füßen, heute Laufschuhe. Und das ist der Punkt! Laufschuhe! Weil ich eigentlich laufen will und nicht steigen …

Steigen. Einmal mehr unter den wachsamen Augen der Bergwacht, obschon ich keinen Gefahrenschwerpunkt im Gelände aufzeigen könnte. „Wie fühlst du dich?“ - Ach so, darum geht es: Wen hat der bisherige Weg bereits halbwegs ausgeknockt? - Eine Routinefrage, auf die ich mit einem Scherz reagiere: „Passt schon! Aber im Ziel werde ich mich besser fühlen!“ - Nur scheinbar eine Routinefrage: An dem, was und wie ich antworte, kann er ablesen, wie es tatsächlich um mich steht. Wieder bedanke ich mich für seine guten Wünsche und den nicht selbstverständlichen Dienst am Nächsten!

Schmale Pfadspur, manchmal lediglich Steigspuren, oft nicht mal das. Dann weglos über Grasflanken. Hochalmen, von gelegentlich zu überwindenden Zäunen und Drehkreuzen als solche deklariert. Völlig illusorisch hier laufen zu wollen, wenngleich auch flachere Abschnitte dabei sind. Die brauche ich zur Erholung. Außerdem: Versuch doch mal auf Gras mit ein paar Grad Steigung zu laufen …

Nach der Tränke ließ das Gelände alsbald seine wahre Natur, die eines Höhenrückens, erkennen. Derzeit steige ich in seiner nach und nach spärlicher bewaldeten Südflanke. Näher dem Grat zu treffe ich nur noch auf Baumgruppen oder singuläre, von Wind und Wetter gegerbte Baumgestalten. Schließlich direkt auf breitem, zuletzt fast nur noch von Gras bedecktem Grat voran. Gras und immer wieder auch Blumen. Eine Enzianart - im nahen Allgäu volkstümlich als „Schusternägele“ bezeichnet - reckt seine kleinen, blauen Blüten in den Frühjahrshimmel. Weiter oben sprießen da und dort weiße Krokusse. Ein unübersehbares Zeichen. Dafür, dass der Frühling hier erst ein paar Tage regiert und dafür, dass ich bald die Schneegrenze erreichen muss.

Hebe ich hier oben den Blick, verliert er sich in grenzenlosen Weiten, Richtung Norden und Westen. Auch unter den Wolken scheint die Freiheit schrankenlos … für einen Moment, dann bleiben die Augen an einer Wasserfläche hängen, die selbst aus gut und gerne 20 Kilometern mit gewaltigen Ausmaßen beeindruckt: Der Bodensee - was für ein Anblick! Innehalten für einen sinnlichen Augenblick inmitten körperlicher Bedrängis.

Um die Schneeverhältnisse kreisten vorab die meisten meiner eher besorgten Gedanken. Maximale Höhe des Trails: 1.710 m. Mitte Mai trifft man in solcher Höhe noch auf beträchtliche Altschneefelder. Wohl erst recht in diesem kalten wetter-verrückten Frühjahr 2017 - so meine Überlegung. Vor anderthalb Wochen hat es hier noch bis in die Täler runter geschneit. Mit jedem gewonnenen Höhenmeter verliert das Gras an Farbe. Von kräftig grün sprießend hin zu gelblich fahl, vor Tagen erst von Schnee befreit und abgestorben. Da und dort Schneereste, aber immer abseits des Weges. Unterdessen passiere ich die Bergstation der Bezauer Seilbahn. Weit kann es nun nicht mehr sein bis zum höchsten Punkt - und noch immer kein Schnee! Sollte ich etwa verschont bleiben?

Noch über ein paar flache Buckel im Grat, schließlich erreiche ich die Verpflegungsstelle und damit den höchsten Punkt des Trails. Ich fülle meinen Bauch mit Cola und Gel, die Flaschen des Rucksacks mit Iso. Meine Kamera gebe ich kurz aus der Hand und bitte zur Erinnerung um ein Foto. Eile ist angesagt, um den zugigen, mithin nicht sonderlich gastlichen Ort alsbald hinter sich zu lassen … Weiter dem Grat folgend und in der Hoffnung nun wieder mehrere Kilometer überwiegend laufend überbrücken zu dürfen … Pustekuchen! Mehrmals erstickt der Weg meine Laufversuche, gibt sich miserabel, schmierig, matschig, nass und … schickt mich über zahllose Altschneefelder. Versuch doch mal in sulzig weichem Schnee zu laufen!

Ich taumele voran wie ein Betrunkener. Trabe ein paar Schritte, eiere ein paar Schritte, gehe ein paar Schritte oder schliddere einfach irgendwie vorwärts abwärts. Hier oben ist mir das egal, weil ich mich allenfalls einsaue, wenn ich falle, aber nicht verletzen kann. Weiter. Schweißtreibend weiter. Zunächst kaum Höhe verlierend, da und dort ein paar Meter, aber was ist das schon? Schnee vermengt mit Morast gehört zum Übelsten, was der Trail an Untergrund zu bieten hat. Gemein sind auch Wasseransammlungen unter scheinbar intakter Schneefläche. Unmöglich diesen Verhältnissen mit anderen als nassen Füßen zu entkommen. Voran, immer weiter voran über Schnee, durch Morast und Dreck, zwischen Steinen, auf schmierigem Gras. Rutschbahnen talwärts. Wassergefüllte Kuhlen. Nun durch ein steiniges Kar, irgendwann im Wald und ganz allmählich entkomme ich den Schneefeldern. Endgültig, wie ich glaube und noch intensiver hoffe.

Horizontaler Raumgewinn pro Zeiteinheit bisher minimal, ab jetzt komme ich rascher voran, sanft abwärts auf einem Wirtschaftsweg. Der ist zwar steinig holprig, aber wenigstens fest. Kilometer 32, dann 33, inzwischen bin ich mehr als sechs Stunden unterwegs. Übrigens von Beginn an ohne konkrete Vorstellung wie lange ich für dieses Abenteuer brauchen werde. Für einen Blick in die Ergebnislisten der vergangenen Jahre war nie Zeit. Nicht unter acht Stunden unkte ich gegenüber Ines, eingedenk technischer Schwierigkeiten und der 3.000 Höhenmeter. Unterdessen ist längst klar, dass mich der Trail weitaus länger gefangen halten wird. Zielschluss soll nach 10 Stunden sein. Von hier noch etwa 16 Kilometer und gut dreieinhalb Stunden Zeit. In Österreich drückt man meine Chancen so aus: Das sollte sich ausgehen!

Gegenanstieg auf einem Fahrweg. Heftig, da länger anhaltend und steil. Wieder nur gehen, wieder schwitzen, dabei wenigstens von spektakulärer Aussicht bei Laune gehalten. Ein in seinen Nordabstürzen noch überwiegend schneebedeckter Felsrücken gegenüber zieht meine Blicke magisch an. Schneebedeckt bis in Bereiche ein paar hundert Meter unter meinem gegenwärtigen Niveau. Als Warnung nehme ich das lange Zeit nicht, gehe ich doch davon aus alsbald in das Tal davor abzusteigen.

Damit habe ich die Rechnung allerdings ohne den Streckenmarkierer des „Bizau Ultra Trails“ gemacht. Irgendwann kapiere ich, dass die Strecke den lang gestreckten Felsklotz sozusagen umkurven oder überwinden wird ... Klebrig lehmig auf dem Fahrweg voran, schlussendlich pampig morastig durch ein Schneefeld aufwärts zu einem Checkpoint. Checkpoint? Hier gibt’s Getränke und das verstehe ich nicht! Ich habe mir die vorgesehenen Positionen der Versorgungsstellen auf der Startnummer notiert. Die bisherigen drei, bei Km 9, 25 und zuletzt 29 am höchsten Streckenpunkt, passten jeweils. Die nächste Verpflegung war in der Ausschreibung auf der Homepage erst für Km 39,5 angekündigt. Hier hängt ein Schild „Noch 15 km“. Also stehe ich jetzt bei Kilometer 33,2!?

Die hurtigsten 30 Meter der Route fahre ich im Schnee ab. Einfach gleiten, nur zweimal mit großem Schritt einem Felsblock ausweichen, ansonsten mühelos talwärts schliddern … Zurück auf abschüssigem Almweg, also zügig und nahezu ermüdungsfrei traben. Hinab und weiter voran. Mit jedem dieser Schritte passt sich mein Stimmungsbarometer dem sonnigen Nachmittagshimmel an. Sind doch nur noch 14 Kilometer! Sozusagen „bald geschafft!“. Eine Welle der Freude durchflutet mich, spült alles Übrige beiseite. Hochmut kommt manchmal vor dem Fall, hier gottlob nur vor schmerzlicher Erkenntnis: Auf der anderen Talseite „kriechen“ ein paar bunte Punkte am Hang empor. Diesen Hang??? Aus meiner Perspektive mutet der beinahe senkrecht an. Da rauf??? Meine Augen fixieren den Grat, können aber keine Scharte ausmachen. Vermutlich versteckt sie sich hinter Bäumen.

Hinab in den engen Talgrund und auf der Gegenseite wieder hinauf. Erst moderat, dann steiler. Natürlich gehe ich. Schnee erwartet mich weiter oben in der Bergflanke, hoffentlich einigermaßen begehbar. Steil und glitschig, steinig und holprig, rutschig und matschig - weiter, höher hinauf. Später am Rand der Schneefelder, wo Tauwasser den Weg aufweicht. Noch weiter, noch höher hinauf. Ich rücke einem Läufer dichter auf die Pelle, der mich vorhin abwärts rasant überholte. Offenbar hat er keine Lust mehr. Wegen stundenlangen Verlaufens, wenn ich seine Äußerungen am Checkpoint richtig deute. Bittet mich um einen Schnappschuss mit seinem Handy als ich ihn einhole. Motiv: „Läufer im Schnee“. Erweist mir im Gegenzug denselben Dienst, bricht mit frischen Kräften auf, bringt rasch Höhen- und Weitenmeter zwischen uns, erreicht die Scharte und ist weg …

Die etwa 150 Höhenmeter herauf zur Scharte haben mich eine Menge Schweiß und Körner gekostet. Durst quält mich, also raste ich, streife den Rucksack ab und trinke. Werfe mir zusätzlich Gel ein, wer weiß, was mich noch alles erwartet. Immerhin fehlen weitere 13 Kilometer bis ins Ziel. Und nun weiter im Laufschritt, Pfad und Terrain lassen es zu. Drei, vier Kurven, ein paar sanfte Buckel, dann biege ich um die Ecke und … stehe vorm nächsten Verpflegungspunkt. Nun verstehe ich gar nichts mehr!? „Noch 13 km“ steht auf der Tafel, also bin ich hier bei Kilometer 35. Die nächste Verpflegung soll jedoch erst bei Kilometer 39,5 bereitstehen!?? Heißt es jedenfalls auf der Homepage!?? Toll: Drei Minuten mit überflüssigem Hantieren in der Scharte verschwendet*.

*) Im Ziel werde ich auf der ausgehängten Streckenskizze die nicht angekündigte Getränkestelle ebenso eingezeichnet finden, wie V5 an dieser Stelle. Leider stimmen die Angaben auf der Homepage damit nicht überein. Nicht „kriegsentscheidend“, zudem der einzige Lapsus einer ansonsten vorbildlichen Organisation.

Wunderbare Fernsicht, saftig grüne Wiesen, steile Hänge, Schnee auf Gipfeln und ein jäh eingeschnittenes Tal. Häufiger und länger als bisher kann ich das Panorama genießen. Beschwingte, leichte, geschenkte Kilometer zwischen Wiesen, überwiegend leicht bergab, vorbei an Almhütten, auf meist festem Geläuf, minutenlang auch mal über Asphalt, fast alles laufbar und wirklich müde bin ich noch nicht. Nicht lauf-müde meine ich damit. Die Beine fühlen sich auf andere Art schwer an. Die alpine Strecke fordert häufig puren Krafteinsatz, um meine massige Gestalt in die Höhe zu hieven oder talwärts zu bremsen. Horizontal vorwärts ermüde ich dagegen kaum und das wird wohl auch auf den paar Restkilometern nicht geschehen. Was auch dem immensen Zeitbedarf geschuldet ist. Zeit, in der ich immer wieder Kalorien nachlegen kann. Meine Ausdauerdepots verbrauchen sich entsprechend langsam. Technische Schwierigkeiten und Höhenmeter verzögern das Vorankommen, nicht die Entfernung.

Kein Wunder, wenn sich schönen Bildern und solcher Selbstgewissheit neuerlich der Trugschluss des „Fast schon geschafft!“ zugesellt. Und ich lasse es gerne geschehen, weil es meine Stimmung hebt und mir diesen Trail in anderem als dem unsinnigen Licht des trüben Morgens erscheinen lässt. Unsinnig im Hinblick auf meine Trainingsbedürfnisse und geradezu idiotisch, wenn ich den Zollstock meines läuferisches Glaubensbekenntnisses anlege.

Nichtsdestoweniger ist die Vorstellung vom „Fast schon geschafft!“ hanebüchener Unsinn und Quell für weiteren Frust. Denn einmal mehr ist von einem Schritt zum nächsten Schluss mit lustig: Die Erkenntnis sollte mich erschrecken. Wenn nicht erschrecken, dann wenigstens gequält aufstöhnen lassen. Hoch droben im grasigen Steilhang bewegt sich ein buntes Männlein. „Bunte Männlein“ entpuppten sich in dieser alpinen Umgebung bisher stets als Trailläufer. Also komme ich nicht umhin weitere hundert bis zweihundert Meter in die Höhe zu kraxeln - steiler als steil, weil auf sehr kurzer Distanz. Erneut bediene ich mich der „Alpintrail-Gangart“ Steigen, um im anfänglich etwa 20 Prozent steilen Grashang irgendwann jenen Punkt zu erreichen, wo das bunte Männlein gerade hinter Fichten im Bergwald verschwindet.

Vom Grashang in einen nahen Waldstreifen und vorbei an unzweideutiger Warnung: „ACHTUNG gefährliche Passage!!“ Empor am sturzgefährdeten Hang über Erdstufen, Wurzeln und Felsblöcke. Mehrfach hohe Tritte mit viel Kraft überwinden. Ein Seil gibt Halt und Sicherheit, eines das nur heute hier liegt. Ausgebracht und alle paar Meter verankert von der Bergwacht. Einige Meter voraus kauert ein Bergretter auf sonniger Lichtung am jäh abfallenden Hang, lässt zwei „Mittätern“ Ratschläge angedeihen. Voll konzentriert arbeite ich mich voran. Alsbald über ein kleines Schneefeld, schroff aufwärts, zurück zwischen Bäume. Und nun stehe ich vor einer Wand. Ohne Übertreibung: In Falllinie nach oben im stellenweise mehr als 45° geneigten Hang. Halt zwischen Felsen, Wurzeln und Baumstämmen suchend - vor allem aber an dem von der Bergwacht ausgelegten Seil. Ich nutze es als Sicherung und um mich mit Armkraft beim Klettern zu untersützten. Diese „Alpintrail-Gangart“ ist neu: Klettern im Schwierigkeitsgrad „1“ bis „2“*

*) Schwierigkeitsgrade beim Klettern reichen von I bis VIII.

Römisch „1“ ist definiert als: „Geringe Schwierigkeiten, einfachste Form der Felskletterei (jedoch kein leichtes Gehgelände). Die Hände sind zur Unterstützung des Gleichgewichtes erforderlich. Anfänger müssen am Seil gesichert werden. Schwindelfreiheit ist bereits erforderlich.“

Römisch „2“: „Mäßige Schwierigkeiten. Hier beginnt die Kletterei, welche die Drei-Punkt-Haltung erforderlich macht.“

Selbstverständlich bereiten mir die etwa dreißig auf diese Weise bewältigten Höhenmeter keine ernstlichen Schwierigkeiten. Weder bin ich objektiv in Gefahr, noch lähmen mich subjektiv irgendwelche Ängste. Hunderte Male habe ich solche Passagen (und deutlich anspruchsvollere) bei Bergwanderungen durchstiegen. Aber genau hier liegt der Hund begraben: Bei Bergwanderungen! Und das ist eine völlig andere Disziplin als eine Laufveranstaltung. Anders im Anspruch, anders in der Motivation, anders hinsichtlich der Pausengestaltung, anders im Bezug auf Muße und Genuss.

Ich bin „oben“. Jedenfalls behauptet das der zweite Bergwachtler, der im Zenit der Passage sichert: „Vorsichtig weiter, aber die Höhe hast du!“ Auch er will wissen, wie ich mich fühle und bekommt dieselbe Antwort, wie sein Kamerad beim Aufstieg. Ich bewege mich weiter vorsichtig voran, nach und nach wird’s flacher. An Laufen ist trotzdem nicht zu denken. Dazu fehlt mir der Mut. Wer an steilem Grashang unglücklich stürzt, findet keinen Halt mehr!

Konzentriert voran, gehend wo nötig, trabend sobald gefahrlos möglich, lange Zeit im dichten Wald, was immer dasselbe bedeutet: Wurzeln, Erde, Rutschgefahr, zwischendrin Steine, hohe Tritte, Barrieren, also sehr, sehr langsames Vorwärtskommen. Und dann, mit einem Mal, geht’s steil bergab. Zunächst noch im Wald, alsbald auf abschüssiger Wiese. Kaum Serpentinen, oft in der Falllinie. Bereits nach Minuten schmerzen meine Oberschenkel. Bis hierhin hätte ich das Abenteuer „Bizau“ wohl noch folgenlos verkraftet. Ab jetzt schier endlos in die Tiefe und geradewegs auf einen Muskelkater zu … Vorbei an einer Almhütte mit Wassertrog, in dem sich drei Mitkämpfer erfrischen. Eine Tüte mit … keine Ahnung mit was … geht reihum. Ich trabe in Gedanken versunken vorbei. ‚Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um Ines anzurufen?’ Eigentlich ist mein Anruf überfällig. Ich hätte jedoch nicht gewusst, was ich ihr sagen soll. Von „Ich lebe und bin wohlauf!“ einmal abgesehen.

Ich entscheide mich für eine kurze Trinkpause und packe bei der Gelegenheit das Handy in eine vordere Tasche des Rucksacks. Sobald ich das Ende dieses Abstieges absehen kann, werde ich Ines anrufen. Weiter runter und hinter der Dreiergruppe her, die ich jedoch rasch - infolge zunehmend protestierender Oberschenkel - aus den Augen verliere. Auf den steilen Wirtschaftsweg folgt ein noch steilerer Schutthang, der in einen gleichermaßen abschüssigen Grashang übergeht. Runter, runter, runter. Meine Oberschenkel werden immer dicker, in ein paar Minuten müssen sie platzen … Endlich wieder ein Almweg, die wilde Hatz scheint überstanden. Nicht mehr weit bis zum Sattel und nur noch etwa 7 bis 8 Kilometer Distanz. Ich bleibe stehen, greife mir das Handy und erkenne den verpassten Anruf von Ines. Höchste Zeit sie zu beruhigen. Ob mir das mit dem in die Sprechmuschel gestöhnten Redeschwall - „matschig, rutschig, steil, gefährlich, usw.“ - gelingt, ist allerdings fraglich. Sicherheitshalber schicke ich noch ein „Mir geht’s so weit ganz gut …“ hinterher. Restkilometerangabe und grob geschätzte Ankunftszeit (nicht unter einer Stunde, wenn’s dumm geht auch deutlich länger) beschließen unser Gespräch.

Endlich unten auf gutem Fahrweg. Die abschließende Schleife (über den Bergrücken zwischen Bizau und Bezau) beginnt gleich wieder mit einem Anstieg. Nur sanft hinan, doch schon dieses „sanft“ zwingt mich zu gehen. Stramm marschiere ich an einem Paar mit Kinderwagen vorbei und ernte Ansporn von ihr: „Nicht mehr weit und auch nicht mehr wirklich steil!“ Alles relativ denke ich und meine es den beiden erklären zu müssen: „Schon möglich. Inzwischen kommen mir aber auch harmlose Anstiege vor wie die Eiger Nordwand!“ - Links abbiegen und den Pfeilen mit Schriftzug „Ziel“ folgen. Asphalt und minimale Steigung. Ich zwinge mich zu laufen. Ein wunderschöner, alter Hof liegt am Weg, vor dem sich die Hauskatze in der Sonne aalt. Bis auf fünf Schritte lässt sie mich für ein Foto heran, dann türmt sie in wilder Panik. Weiter traben, zunehmend flacher, dann ein bisschen abschüssig, zuletzt - immer noch auf Asphalt - wieder leicht bergan.

Schon von weitem erblicken mich die beiden Damen und honorieren meine Bemühungen dem „Event“ den Charakter einer Laufveranstaltung zurückzugeben mit frenetischem Beifall. Vor ihrem Verpflegungsstand lasse ich mich in ein Gespräch verwickeln, während ich letztmalig nachtanke. Zusätzlich bunkere ich ein paar feste Kalorien, auch wenn ich das süße Zeug inzwischen mit Widerwillen runterwürgen muss. Auch in dieser Kausa ernte ich Zuspruch, der mich zu kulinarischem Outing verleitet: „Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich auf das Wiener Schnitzel mit Pommes heute Abend freue!“ - „Wunderbar! Herrlich! Genau das Richtige! Schön fett!“ kriege ich zur Antwort, bin also offensichtlich unter Gleichgesinnten (auch wenn ich weniger das Fett als den salzigen Geschmack im Sinn habe).

Traben, ein weiterer Kilometer. Stückchen Asphalt, fester Weg, vorbei an ein paar Häusern, moderat hinab in ein sich verengendes Tal, bis hin zum Talschluss. Genau: Talschluss heißt auch Schluss mit Laufen. Unter Bäumen beginnt ein ansteigender Pfad, der mich in eine Zauberwelt zwischen bemooste Felsbrocken führt. Nicht laufbar natürlich, aber das registriere ich zwischenzeitlich nicht einmal mehr. Irgendwann geht’s wieder: Tippeln, Kippeln oder Hoppeln, wie ein Hase. Drüber steigen. Runter rutschen. Langer Schritt und kurzer. Im Matsch versinken oder Morast randseitig umkurven. Steine überschreiten, die nicht tragen. Weiter, immer weiter. Noch vier Kilometer, lange Zeit später noch drei. Auch eine „gefährliche Passage“ liegt noch auf dem Weg. Wobei ich mich nach all dem Erlebten frage, was an diesem relativ flachen, nicht einmal absturzgefährdeten Hang das Prädikat „gefährlich“ rechtfertigt. Wahrscheinlich die zutreffende Unterstellung zu diesem Zeitpunkt schon erschöpft also unachtsam zu sein.

Fester Pfad und abwärts, hurtig, hurtig jetzt dem Ziel entgegen. Ich bleibe dabei: Ich fühle mich nicht annähernd so ausgebrannt, wie sonst nach Laufunternehmungen von dieser Dauer. Ein Einschnitt im Waldgelände, danach wieder rauf. Na und? Guter Pfad, mehr verlange ich gar nicht mehr. Gehen. Steigen. Zügig. Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr. Wanderer auf dem Pfad vor mir? Mitläufer wohl kaum, die hätten nach mehr als neun Stunden nicht mehr den Nerv miteinander zu quatschen. Dann stehe ich unterhalb einer Felswand und erkenne zweierlei. Erstens: Ich muss da rauf, geführt und gesichert von Fixseilen und Geländern. Zweitens: Die Stimmen gehören Männern der Bergwacht, die meinen Bemühungen von oben zusehen. Eine Kletterminute später und erstaunlicherweise bester Laune frage ich die beiden: „Passagen, für die ich mich im Klettergurt anseilen müsste, kommen aber nicht mehr. Oder doch?“ Meine Frage wird schmunzelnd verneint; man habe solche Stellen für heute aus dem Programm genommen. Zudem stellen sie mir einen anspruchslosen Restweg in Aussicht: „Nur noch ein kurzer Gegenanstieg auf einem Fahrweg im Wald. Ansonsten alles bergab. Alles ganz easy!“

Ich danke und verabschiede mich. - Er sagte tatsächlich „Alles ganz easy!“ - Wenn einer von der Bergwacht Wege „easy“ findet, solltest du deine Aufmerksamkeit schärfen. Erst einmal geht es rutschig und mit teilweiser Zuhilfenahme der Hände abwärts. Wie gehabt: Steine, Wurzeln, Matsch. „Alles ganz easy!“ denke ich mehr als einmal ironisch. Aber nur noch ein paar Minuten, dann erfüllt sich gottlob die Vorhersage. Auf breitem Waldweg abschüssig und unschwierig dahin. Alsbald im angekündigten Gegenanstieg, den ich laufend bewältige - sich hier noch zu schonen wäre nichts weiter als eine Ausrede. Kurz darauf erneut bergab, zunehmend steiler und flotter. Wie schon mehrmals in den vergangenen Stunden registriere ich dankbar, dass meine Achillessehne das anfängliche Zetern beizeiten einstellte. Auch ein Grund für meine inzwischen fast ungetrübte Stimmung. Nach ein paar Minuten bin ich zurück in Bizau und schalte in den „Zieleinlaufmodus“. „Sich freuen“ heißt das. Egal wie’s war, welche scheußlichen Wegverhältnisse mir auch zusetzten und welche Ängste mich zeitweise heimsuchten. Auch unbeschadet der vielen gehend verbrachten Kilometer. Jetzt ist Freude angesagt. In Höhe der ersten Häuser zücke ich noch einmal mein Handy und kündige mich Ines an: „In drei Minuten bin ich da!“

Vom Berg kommend aufs Stadion zu und weil es von dieser Seite keinen Eingang gibt gaaanz außenrum. Hundert Meter am Dorfbach entlang im wärmsten Sonnenschein des Tages. Nun ist meine Welt vollkommen im Lot und nichts bedrängt mich mehr. Einfahrt zum Stadion, Seiteneingang und gemessenen Schrittes auf das Zieltor zu. Ines! Hinterm Ziel steht sie mit der Kamera im Anschlag. Ich hebe die Arme und fühle mich als Sieger. Alles ohne Sturz und gesund überstanden! Habe der Strecke Paroli geboten, auch wenn sie mir anders denn als Laufstrecke begegnete. Und jetzt, neun Stunden, siebenundzwanzig Minuten und vierundfünfzig Sekunden nach dem Startsignal, setze ich meinen Fuß über die Ziellinie …

Nachklapp: Diesmal habe ich verstanden! Wahrscheinlich war die heftige Lektion noch einmal nötig. Alpine Ultratrails sind meine Sache nicht. Weder bin ich ihnen technisch gewachsen, noch erfüllen sie die Voraussetzungen, um mir beglückende Lauferlebnisse zu bescheren.

 

Fazit zur Veranstaltung

Die Strecke ist berauschend schön, technisch überaus schwierig, extrem gefährlich - insbesondere bei oder nach starken Regenfällen - und fordert den Trailläufer mit bestmöglich trainierter Ausdauer. Gute Athleten werden etwa Dreiviertel der Route laufen können, der Rest ist nicht laufbar. Gegen Teile des Kurses zu argumentieren hieße die Natur alpinen Traillaufens zu verkennen. Wer es unternimmt, weiß, was er tut. Und er mag, was er tut. Wer nicht, sollte es unterlassen (Das gilt zum Beispiel für mich.).

Die Organisation, mehr noch die Durchführung der Veranstaltung lässt kaum Wünsche offen. Aus meiner Sicht einzig zu beanstanden: Die Standorte zweier Verpflegungspunkte stimmten nicht mit der Veröffentlichung im Internet überein. Und nicht jeder wird sich beim Abholen der Startunterlagen die aushängende Streckenkarte ansehen. Man hätte die Änderungen anlässlich der Einweisung bekanntgeben können.

Hervorzuheben sind die gute Stimmung und die Herzlichkeit aller Offiziellen und Helfer. Darüber hinaus - und ganz besonders - die Absicherung der Strecke mit Streckenposten und ausgebildeten Rettern der Bergwacht an Gefahrenstellen. Damit zeigt der Veranstalter, wie sehr er sich seiner Verantwortung für Leib und Leben der Aktiven bewusst ist.

Fazit: Jedem gut trainierten und hinreichend geschickten Trailläufer ist der „Bizau Ultra Trail“ ans Herz zu legen. Eine tolle Veranstaltung - nur leider nicht für mich …

 


Bildnachweis:

Zwei Fotos aus Beständen des Veranstalters www.svbizau.at (sh. Vermerk auf den Bildern).

Alle anderen Fotos: Udo Pitsch

 

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