Den Göttern opfern   –   Spartathlon Ultra Race 2016

            Für Ines

Eine Bitte

Der Spartathlon dauert sechs Tage, von Mittwoch bis Montag. Ein Bericht darf sich nicht auf die anderthalb Tage reiner Laufzeit beschränken, weil das Geschehen auch von den spannungsgeladenen Stunden davor abhängt. Manche mögen versucht sein dieses scheinbare „Vorgeplänkel“ zu überfliegen. Möglich ist das natürlich. Dem in diesem Sinne Ungeduldigen wird es jedoch in diversen Situationen an Verständnis mangeln. Also bitte nicht selektiv lesen.

Samstagmorgen, 1. Oktober, ca. 3.45 Uhr,

Checkpoint „Mountain Base“ am Fuß des Sangas-Passes

Ich richte den Blick in nachtschwarze Höhen und für einen Moment stockt mir der Atem. Rote Markierungsleuchten und aufwärts kriechende helle Schemen skizzieren den bevorstehenden Trail vor finsterem Hintergrund: Entsetzlich steil hinan! Viel steiler als in meinen von „wird-schon-nicht-so-schlimm-werden“ eingelullten Vorstellungen. Für eine unbekannte Spanne sagen meine Füße ihrem Freund Asphalt Lebewohl. Erste knirschende Schritte auf planiertem Geläuf nähren Hoffnungen einen wenigstens unschwierigen, wenn schon steilen Pfad vorzufinden. Keine zwei Minuten später platzt auch diese Seifenblase. Dafür bin ich nun wieder hellwach. Müde aber hellwach. Der Serpentinen-Halbschlaf von „Kaparelli“ hier rauf scheint überwunden. Mit „Laufen“ hat meine Aufwärtsbewegung nichts gemein. Auch von „Gehen“ spräche kaum jemand, der mich diesen Steilhang raufstolpern sähe, über loses Geröll, scharfkantiges Gestein, dann und wann unnatürlich hohe oder weit ausgreifende Tritte setzend. Also Füße höher heben! Mit Willenseinsatz erzwingen, was müder Schrittautomatismus verwehrt. Hin und wieder verkante ich einen Fuß, rutsche auf Kullersteinen ab oder schramme mit der Fußspitze gegen Fels. Dann jagt jäher Schrecken wie ein Blitz durch meinen Körper und schärft die Sinne. ‚Wahnsinn! Ist das steil!‘ denke ich in einem fort. Oder einfach nur: ‚Das gibt’s doch nicht!?‘, wenn hinter einer Kehre ein paar der gruselig roten Augen des Teufels die nächsten steilen Meter des Steiges ahnen lassen …

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Mittwoch 28. September

Menschen im Hotel

520 Euro Startgeld klingt nach ungehemmter Abzocke, frecher und zügelloser als seinerzeit beim New York Marathon. In Wahrheit ist der Betrag gerechtfertigt, verglichen mit deutschen Marathon- und Ultrastartgeldern sogar vergleichsweise niedrig. Enthält er doch fünf Übernachtungen mit Frühstück und Abendessen in guten Hotels (vier in Athen, eine in Sparta), sämtliche Bustransfers, eine vermutlich gewaltige Organisationsleistung, Verpflegung an nicht weniger als 75 Checkpoints und die Teilnahme an der „Award Ceremony“ mit ungeahnten Genüssen - mehr davon nach „getaner Arbeit“. Dieselbe Summe war auch für den „Supporter“ neben mir im Doppelbett zu entrichten. Ebenso wenig überzogen, da auch offiziell „bestallte“ Supporter von den Läuferbuffets „naschen“ dürfen und sogar eine Übernachtung mehr (wahlweise in Athen oder Sparta) in Anspruch nehmen können.

Wir 34 angereisten deutschen Teilnehmer (siehe „Qualifikation zum Spartathlon“) sind mit Franzosen und angeblich Chinesen im selben Hotel untergebracht, im Stadtteil „Glyfada“, unweit der Athener Strandpromenade. „Angeblich“ Chinesen, weil sich nur eine Chinesin, begleitet von (höchstwahrscheinlich) Mama und untern Gürtel geklemmter Stoffpuppe, bei den Mahlzeiten blicken ließ. Einen Teil der deutschen Teilnehmer kenne ich vom Sehen, einige näher. Mit Mike Hausdorf, dem Berliner, und Roland Krauss, aus der Nähe von Nürnberg, verbinden mich - unter anderem - Begegnungen und Erlebnisse bei Vorbereitungswettkämpfen. Alsbald bildet sich eine lockere Runde, zu der auch die Zwillinge Rüdiger und Frank Burger aus der Bayreuther Ecke gehören. Lange Zeit finde ich kein Merkmal, das die beiden unterscheidet. Leider wird sich das ändern …

Wer ist noch da? - Da wäre an erster Stelle Marika Heinlein zu nennen, die wohl jeder in der „Ultraszene“ kennt. Mehrfach beim Spartathlon erfolgreich, wie auch bei Deutschen Meisterschaften im 24-Stundenlauf. Auch Gunter Rothe, Veranstalter des „100 km Thüringen Ultra“, dürfte den meisten kein Unbekannter sein. Einige der übrigen deutschen Gesichter sind mir gleichfalls nicht fremd, wenngleich ich ihnen einstweilen weder Namen noch Begebenheiten zuordnen kann. Doch auch das wird sich auf teilweise kuriose Weise noch ändern …

Geschichtlicher Hintergrund des Spartathlon

Im Jahre 490 v.Chr. landete ein Persisches Heer bei Marathon an der griechischen Küste mit der Absicht die Stadtstaaten Griechenlands zu unterwerfen. In seiner Not sandte der Herrscher Athens einen Boten nach Sparta, um die Spartaner mit ihrem König Leonidas um militärische Unterstützung zu bitten. Der Bote mit Namen „Pheidippides“ soll die 246 km lange Strecke samt etwa 3.000 Höhenmetern in nur 36 Stunden bewältigt haben.

In der modernen Forschung gelten Existenz und Auftrag des „Pheidippides“ als wahrscheinlich, auch wenn der antike Geschichtsschreiber „Herodot“, der die Begebenheit erwähnt und beschreibt, eher kritisch gewürdigt wird. Spätere Quellen bestimmen „Pheidippides“ zu jenem Läufer, der die Nachricht vom Sieg des griechischen Heeres in der Schlacht von Marathon über etwa 42 Kilometer nach Athen überbracht haben und danach an Entkräftung gestorben sein soll. Jüngere Ergebnisse der Altertumsforschung leiten mit großer Wahrscheinlichkeit her, dass diese Darstellung geschichtlicher Realität entbehrt.

Kurzum: Wahrscheinlich lief Pheidippides von Athen nach Sparta, um Leonidas um Hilfe zu bitten. Und höchstwahrscheinlich ist die Marathonsaga pure, in jenen Tagen der Kurzweil dienende Erfindung.

Der Spartathlon lehnt sich eng an überlieferte Daten an, indem er die Originalstrecke – so weit rekonstruierbar – zugrunde legt. Darüber hinaus wird von jedem gewerteten Teilnehmer gefordert das Ziel in Sparta binnen 36 Stunden zu erreichen*. Läufer, die an den insgesamt 75 Kontrollpunkten die jeweils zugestandene Cut-off-Zeit überschreiten, werden disqualifiziert.

*) Um dramatische Szenen am Ziel, der Statue des Leonidas in Sparta, deren Sockel der Läufer berühren muss, zu vermeiden, werden alle Läufer gewertet, die den vorletzten Kontrollpunkt 74 rechtzeitig verlassen. Selbst dann, wenn sie die 36 Stunden im Ziel überschreiten. Das erklärt, wieso man gewertete Läufer mit Laufzeiten über 36 Stunden in den Listen findet.

Donnerstag 29. September, Vormittag 10 Uhr:

„Vor die Tugend haben die unsterblichen Götter das Warten gesetzt.“

(in Anlehnung an ein Wort des griechischen Dichters und Geschichtsschreibers Hesiod, ca. 700 v.Chr.)

Wir wechseln uns in der Warteschlange ab, Ines und ich. Was ich bisher als „Startunterlagen“ oder schlicht „Startnummer abholen“ kannte und nur Minuten in Anspruch nahm, heißt hier in Athen „Akkreditierung“. Seit einer halben Stunde rücken wir quälend langsam vor; erst stehend, später im Stuhlhalbkreis die „Reise nach Jerusalem“ nachspielend. Was dauert da so lange? - Ines‘ Begleitung entspringt nicht nur partnerschaftlicher Solidarität. Sie ist offiziell als „Supporter“ gemeldet und muss sich gleich mir unter Vorlage des Personalausweises persönlich vorstellen. Nur registrierte „Supporter“ dürfen an 15 der insgesamt 75 Checkpoints verpflegen, Ausrüstung reichen oder entgegen nehmen, beim Umziehen helfen und in „gewissem“ Umfang verarzten. Zwischen den festgelegten Kontrollstellen ist Hilfe verboten. Nicht einmal mit dem Fahrzeug auf offener Strecke anzuhalten ist erlaubt. Verstöße werden mit einer Verwarnung geahndet, die dritte „gelbe Karte“ führt zur Disqualifikation des jeweiligen Athleten. Wie strikt diese Paragraphen der „Race Regulations“ angewendet werden, entzieht sich meiner Kenntnis, ist überdies unerheblich: Ich bin entschlossen alle Vorschriften buchstabengetreu zu erfüllen, mir das Spartathlon-Finish auf absolut faire Weise zu verdienen.

Durch den Akkreditierungssaal schwirren Gesprächsfetzen in zig Sprachen. Mandeläugige aus Fernost (Japan? Korea? Taiwan? China?) stehen neben Engländern, letztere verrät das auffällige Teamshirt. Tschechen, Franzosen, Australier, Brasilianer, Mexikaner, US-Amerikaner und natürlich Griechen bevölkern die Aula. Nur keiner aus der deutschen Mannschaft, die waren wohl mehrheitlich bereits gestern hier. Den „Gaucho“ im Stuhlkreis vor mir stufe ich als „Wiederholungstäter“ ein. Auf der rechten Wade des jungen Argentiniers prangt handtellergroß das tätowierte Spartathlon-Emblem.

Vor einer Viertelstunde habe ich im Saal nebenan meine Drop-Bags in bereitstehenden Pappkisten abgelegt. Angesichts der mehr als 70 mit der jeweiligen Checkpoint-Nummer beschrifteten Kartons regte sich ein bisschen Skepsis: Ob jedes meiner mit Namen und Startnummer beschrifteten Bündel den vorbestimmten Ort erreichen wird? Obschon mir „Supporter“ Ines Verpflegung und Ausrüstung reichen wird und die Kontrollpunkte im Schnitt nur etwa 3,5 Kilometer auseinander liegen, ist der Zugriff auf Drop-Bags keineswegs „checkpoint-tolerant“! Zwänge des Reglements, fortlaufend benötiger Gel-Nachschub, Wechsel von Klima und Lichtverhältnissen (Tag-Nacht-Tag), sowie die geplante nächtliche Abwesenheit von Ines, bestimmen mein „Drop-Bag-Konzept“:

Drop-Bag bei: Inhalt:
CP6 / Km 25 5 x Gel
CP17 / Km 60,9 5 x Gel
CP41 / Km 143,1 6 x Gel, Armlinge
CP45 / Km 153,9 6 x Gel, Strümpfe, 1 Batterie für Taschenlampe
CP48 / Km 161,8
Sangas-Passhöhe
4 x Gel, winddichte Jacke, Fleece-Mütze, Handschuhe, Schlauchtuch, Unterhemd, 1 Batterie für Taschenlampe
CP51 / Km 169,8
hinterm Pass
6 x Gel, Laufschuhe, Strümpfe, Papiertaschentücher, Vaseline, 1 Batterie für Taschenlampe
CP56 / Km 183,5 6 x Gel, 1 Batterie, erste mögliche Deponie für Stirnlampe
CP59 / Km 191,8 4 x Gel, frische Stoffwindel, zweite mögliche Deponie Stirnlampe
CP62 / Km 206,4 3 x Gel, frische Stoffwindel, dritte mögliche Deponie Stirnlampe

Diesem Konzept liegen folgende Überlegungen und Notwendigkeiten zugrunde:

*) Obschon mit 62 im (Spät-?) Herbst meines Lebens, benötige ich die Windel nicht infolge Inkontinenz. Zügele einfach deine Neugier ein paar weitere Zeilen weit, dann löst sich dieses Rätsel …

Jesus wird gerade akkreditiert. Wie den Argentinier mit dem Waden-Tatoo habe ich mir den Heiland als Kind immer vorgestellt: Wallendes Haupthaar um ein junges, sanftmütiges Antlitz, in dem sich das Kreuzigungsleiden mit brutaler Eindringlichkeit abbilden wird. Die seinerzeitige Fixierung männlich göttlicher Attribute entsprang weniger einer unreif frömmelnden Fantasie, als übereinstimmender Darstellung in zahllosen plastischen wie gemalten Christusbildern meiner Kindheit. Als hätte ein Künstler vom anderen abgekupfert. Und nun, im Jahr Zweitausendsechzehn, auch noch ein Plagiat aus den schöpferischen Händen von Mutter Natur, eins, das Spanisch spricht und dessen rechte Wade ein Tatoo ziert … - Doch, doch, es gibt einen guten Grund diesem hübschen jungen Mann mit solcher Inbrunst textlich zu huldigen!!!

Nun sind wir an der Reihe und fünf Minuten später, am Ende der komplikationslos kurzen Prozedur, kapiere ich die mit Warten angefüllte letzte Stunde erst recht nicht mehr: Abhaken auf einer Liste, Empfang unserer in Folie eingeschweißten, in meinem Falle gar mit Lichtbild versehenen Ausweise, Übergabe diverser Quittungen und Vouchers, sowie der beiden Startnummern und des Zeitmess-Chips. Sodann vorrücken zur nächsten Station: Hier wird unser „Support-Car“ registriert und eine fürs Seiten- oder Rückfenster vorgesehene Folie beschriftet. Zuletzt empfange ich meine „Spartathlon-Tüte“ und das war’s dann auch schon …

Mittwoch/Donnerstag, 28./29. September:

Soll und Haben

Mit jeder Stunde, die der Start näher rückt, steigt die Anspannung. Notwendige Vorarbeiten, wie das Packen der Drop-Bags oder des Rucksacks, aus dem Ines mich versorgen wird, bremsen den Gedankenkreisel kaum. Auch ein nachmittäglicher Ausflug zur Akropolis macht mich nicht wirklich „locker“. Dass ich vor großen Laufaufgaben Spannung und Unruhe brauche, mich - um es unmissverständlich auszudrücken - exorbitant beschissen fühlen muss - physisch wie mental -, gilt mir als gesicherte Erkenntnis. Erleichterung verschafft mir dies zu wissen indes nicht. Vielleicht, weil sich der Druck im Kessel nun schon ein Jahr lang aufbaut. Möglicherweise auch, weil die Last auf meinen Schultern nie so tonnenschwer wog: 246,8 km weit, 3.000 Meter hoch, ein schwieriger Trail und Hitze inklusive, lediglich 36 Stunden Zeit - ich muss größenwahnsinnig sein, komplett plemplem …

Qualifikation zum Spartathlon

Grundsätzlich muss ein Läufer bestimmte Leistungen erbringen oder Teilnahmen an bestimmten Ultrawettkämpfen nachweisen, um sich für den Spartathlon zu qualifizieren. Beispiele: 180 km in einem 24h-Lauf oder 100 km unter 10 Stunden. Qualifiziert sind auch Finisher des Spartathlons aus den Vorjahren. Die Qualifikationsleistung gilt für 3 Jahre. Wer die Qualifikation erbringt, kann sich um einen Startplatz bewerben. Einen Startplatz sicher hat, wer eine der Quali-Leistungen 20 Prozent übererfüllt. Die Vorgabe anspruchsvoller Quali-Leistungen ist sinnvoll, um jene Hasardeure fernzuhalten, die so gut wie keine Chance auf ein Finish hätten, einfach nur dabei sein wollten und einem Läufer mit Spartathlon-Reife einen Startplatz wegnähmen.

Die International Spartathlon Association (ISA) gesteht drei Nationen eine fixe Anzahl von Startplätzen zu: Griechenland 60, Japan 60 und Deutschland 35. Die 35 deutschen Startplätze (die Anzahl kann sich ändern) werden von der Deutschen Ultramarathon Vereingung e.V. (DUV) vergeben. Es ist deutschen Teilnehmern nicht möglich sich direkt bei der ISA um einen Startplatz zu bewerben. In Abweichung von den grundsätzlichen Qualifikationsrichtlinien (siehe oben) behielt sich die DUV bislang vor, 10 Startplätze nach (intransparenten) Leistungskriterien zu vergeben. 25 Startplätze wurden nach dem Prinzip „wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ zugeteilt und waren in diesem Jahr vier Minuten nach Öffnung der Anmeldung „vergriffen“. Ab 2017 gelten neue Qualifikations- und Vergaberichtlinien*.

Meine Qualifikation erwarb ich bei den „100 Meilen von Berlin“ im Jahr 2014, bei denen ich die Quali-Zeit um mehr als 20% unterschritt, sowie mit dem 24h-Lauf-Ergebnis aus 2015, als ich mit knapp über 200 km in meiner Altersklasse den Titel eines Deutschen Seniorenmeisters erringen konnte. Die beiden Leistungen sicherten mir einen der nach Leistungskriterien vergebenen Startplätze.

 

*) LäuferInnen, die die Qualifikationsleistungen um 20 % übertreffen haben einen Startplatz sicher. Bleiben dann noch Startplätze übrig, werden sie unter den restlichen Bewerbern verlost.

Auch die Gewissheit, wenn schon nicht „optimal“, so doch gut bis sehr gut gewappnet in die „Schlacht“ zu ziehen, hilft meinem Selbstbewusstsein nicht auf die Sprünge. - ‚Ich hab den „Spartathlon“ in den Beinen, wenn ich meine Leistung normal abrufen kann, die zu erwartende Hitze aushalte, keine entscheidenden Fehler begehe und mir kein schwerwiegendes Missgeschick widerfährt‘ leiere ich in Gedanken immer wieder herunter. Doch warum verschafft mir diese Gebetsmühle keine Erleichterung? - Mehrfach unterziehe ich mich lautlosen „Verhören“: Wovor hast du eigentlich solche Angst, Udo? Distanz? Höhenmeter? Hitze? - Nein, das ist es nicht, solche Gegner kann ich besiegen. Übrig bleibt nur, was ich bisher nie zu fürchten hatte, zwei englische Silben mit rasiermesserscharfem, halsabschneidendem Klang: Cut-off!!

36 Stunden bis zum Kniefall vor Leonidas - das ließe mich noch einigermaßen kalt. Doch auf dem Weg dorthin gilt für jeden (!) der 74 Checkpoints eine Frist, die so genannte „Closing Time“, zu der man den Versorgungspunkt verlassen haben muss. 400 vom Dauer-Cut-off gejagte Kreaturen und eine von ihnen wird auf den Vornamen Udo hören!

Um die volle Härte der Spartathlon-Cut-offs offenzulegen, muss ich leider ein wenig ausholen und auf ökonomische Tempogestaltung im Allgemeinen sowie meine Ausdauereigenschaft im Speziellen eingehen: Am wirtschaftlichsten setzen jene ihr im Training erarbeitetes Ausdauerpotenzial ein, die vom ersten bis zum letzten Meter konstantes Tempo laufen. Diese Pace richtig einzuschätzen ist die hohe Kunst des Lang- und Längststreckenlaufs. Warum sehr viele, auch erfahrene Läufer, wissentlich viel zu schnell beginnen, um zwangsläufig auf der zweiten Hälfte nur noch im Schneckentempo Geländegewinne zu erzielen, können sie nur selbst wissen.

Meine Spartathlon-Vorbereitung

Einer der deutschen Finisher des Spartathlons 2016 gab an lediglich einmal einen Ultralauf zur Vorbereitung über mehr als 50 km absolviert zu haben. Den „Rest“ habe er mit seiner „Erfahrung“ wettgemacht. Dass einer wie ich, der nur über immensen Trainingsfleiß seine Erfolge erringt, solchen Aussagen sehr skeptisch begegnet, liegt nicht nur daran sie aus zweiter Hand erfahren zu haben. Man kann vieles über die Gnade immenser Begabung (also hervorragender genetischer Disposition) wettmachen, zusätzlich einiges durch „Erfahrung“, aber keine Monster-Strecke à la „Spartathlon“ mit ein „bisschen“ Vorbereitung erfolgreich durchstehen. – Aber egal. Für mich, den ausdauer-genetischen Normalo Udo, war klar, dass ich den Spartathlon nur nach knochenhartem Trainingsprogramm erfolgreich würde abschließen können.

Dieses Programm stand unter keinem guten Stern. Ausgangspunkt war meine schwere Laufverletzung in 2015, einem Ermüdungsbruch der Beckensymphyse, die mir volle drei Monate Laufverbot eintrug. Erst Ende September 2015, und damit exakt ein Jahr vor dem Start des Spartathlons, begann ich wieder mit Lauftraining. Erste Einheit: 10 x 400 m Trab, dazwischen 100 m Gehpausen! An Weihnachten 2015 überlief ich erstmals die 20 km-Marke und am 1. Januar 2016 begann ich mit einem sehr moderaten Marathontraining (Zielzeit 4 Stunden). Danach absolvierte ich im März 2016 meinen ersten Marathon, knapp unter 4 Stunden, drei Wochen später einen 6h-Lauf in Nürnberg mit rund 55 km.

In der Woche nach diesem 6h-Lauf ereilte mich der nächste gesundheitliche Nackenschlag und er hatte ausnahmsweise mit dem Laufen nichts zu tun: Einrisse in der Netzhaut des linken Auges mit Einblutungen in den Glaskörper. Die zeitweilige Beeinträchtigung der Sehkraft des Auges machte mir weit weniger zu schaffen als die 17 Tage strikten Laufverbots, um starke Erschütterungen zu vermeiden. Nicht einmal lesen durfte ich, weil der Augapfel dabei zu rasche horizontale Bewegungen vollführt. Dieses neuerliche Laufverbot kostete mich zwei Aufbaumarathons. Schlimmer als die Schwächung der Physis traf mich die zusätzliche mentale Belastung. Nun hatte ich zwei Körperbaustellen, die mich jederzeit Schachmatt setzen konnten …

Glücklicherweise war mir nach „Neustart“ vergönnt alle Vorbereitungswettkämpfe wie geplant „abzuhaken“. Damit war die vorgesehene „Quantität“, also die schrittweise Steigerung der Kilometerumfänge pro Woche und der Wettkampfdistanzen, gesichert. Zu Lasten der „Qualität“ allerdings. Tempoeinheiten, die bis dahin fester Bestandteil meiner Trainingswoche waren, brachte ich infolge dauerhaft zu hoher Restermüdung nicht mehr zustande. Von Jahresanfang bis „Spartathlon“, also in genau 9 Monaten spulte ich 3.722 Trainingskilometer ab. Ich begann mit einem bescheidenen Wochenumfang von etwa 50 Kilometer im Januar, den ich bis auf 240 Kilometer, also etwa Spartathlon-Distanz, Anfang September ausdehnte.

1.544 der Trainingskilometer entfallen auf 21 Wettkämpfe, davon 7 Marathons und 14 Ultraläufe. Ich verlangte mir alle nur denkbaren Schwierigkeiten ab: Laufen über Nacht, Distanzen bis 175 Kilometer, Knochen brechende Trails und ungezählte Höhenmeter (siehe Laufberichte 2016). Sollte es mir demnach beschieden sein auf dem Weg von Athen nach Sparta zu scheitern, dann sicher nicht mangels Trainingsfleiß …

In der Schlussphase des Trainings, nach einem 24h-Lauf über 164 km, stellten sich doch noch orthopädische Fragezeichen ein. Vor allem ein Auftrittsschmerz in der rechten Fußsohle in Höhe des Grundgelenks des großen Zehs (jedoch nicht im Gelenk). Mit Kühlen und Läufer-Hausmittelchen hielt ich die Zipperlein in Schach. Unklar war natürlich, ob diese Besänftigungsstrategie über mehr als 30 Stunden und 246 km aufgehen würde. Vor allem der diffizile Trailabschnitt über den Sangas-Pass, nach bis dorthin bereits 160 gelaufenen Kilometern, bereitete mir in dieser Hinsicht ein paar Sorgen.

Was mich angeht, so versuche ich zwischen Start und Ziel jeden Meter mit gleichmäßiger Geschwindigkeit zu absolvieren. Meist werde auch ich später langsamer, jedoch nicht im selben Maß, wie die „Schnellstarter“. Von denen sammle ich viele wieder ein. Tatsächlich wäre ich gar nicht fähig mit hohem Tempo zu beginnen, weil mein Energiestoffwechsel darauf nicht trainiert ist, ich folglich nach kurzer Zeit einbräche. Mein Training - insbesondere für sehr lange Ultras - besteht überwiegend aus langen Läufen in moderatem Tempo. Beispiel: Beim brettflachen Triple Marathon (3 abgeschlossene Marathons an einem Tag, einer meiner Spartathlon-Aufbauwettkämpfe) gelang mir über die insgesamt rund 126 km ein Tempo von konstant etwa 6:23 min/km. Im Ergebnis führt mein Trainingsaufbau dazu, dass ich zwar nur langsam, dafür jedoch außerordentlich weit (lange) laufen kann.

Wirtschaftlichem Kräfteeinsatz schiebt das System der Cut-off-Zeiten des Spartathlons jedoch einen Riegel vor, der vielen Teilnehmern zum Verhängnis werden kann. Zumindest trifft das auf die Mehrzahl der Finisher zu; all jene, die länger als etwa 27 bis 28 Stunden für die 246 km brauchen werden*. Begründung: Die Cut-off-Zeit der ersten 42 km erzwingt ein Durchschnittstempo von etwa 6:30 min/km, einschließlich aller Ver- und Entsorgungspausen. Wer langsamer unterwegs ist, läuft zu kurz vor der Disqualifikation her. Ein - wofür auch immer - erforderlicher Stopp von zwei, drei Minuten könnte dann bereits das Aus bedeuten. Eine Pace von 6:30 min/km hält jedoch die Majorität der Teilnehmer nur begrenzt weit/lange durch. Wer beispielsweise gerade noch unter 36 Stunden finished, erreicht ein Durchschnittstempo von 8:45 min/km und rennt sich möglicherweise mit den anfänglichen 6:30 um Kopf und Kragen. Weniger martialisch betrachtet: Dürften weniger ausdauerstarke Läufer langsamer beginnen, führte die ökonomischere Dosierung der Kräfte mutmaßlich zu einer besseren Laufzeit. - Fazit: Der harsche Anfangs-Cut-off kostet viele das ansonsten mögliche Finish, wieder anderen verdirbt er die Laufzeit.

*) 2016 erreichten genau 28 Teilnehmer das Ziel unter 28 Stunden, das sind ca. 12 % der Finisher und nur 7 % der gestarteten Teilnehmer.

Stellt sich die Frage: Warum fordert die ISA (International Spartathlon Association) derart meuchelmörderische Soll-Zeiten auf den ersten 40 bis 80 Kilometern? - Einen Teilnehmer hörte ich sagen: „Die wollen die Läufer so schnell wie möglich aus Athen raus haben!“. - Tatsächlich löst der Zug der Spartathleten massive Verkehrsbehinderungen aus, wo immer er sich entlang stark befahrener Straßen bewegt, nicht zuletzt im freitagmorgendlichen Athener Berufsverkehr. Wirklich massiv betroffen sind jedoch lediglich die ersten 20 Streckenkilometer. Ab dann liegt Athen hinter uns und der Kurs nutzt weniger frequentierte Nebenstraßen. Welcher relevante Nachteil ergäbe sich folglich aus 20 zugestandenen Mehrminuten, wenn das Soll-Tempo bei 7:30 statt 6:30 min/km läge? - Genau: Keiner. Zudem „dealt“ der Grieche ganz anders mit Verkehrsbehinderungen jedweder Art als zum Beispiel deutsche Automobilisten. Er betrachtet sie als gottgegeben, hupt nicht, schimpft nicht, übt sich in Geduld. Vor Blockaden hektisch zu hupen gilt als unschicklich, wer es unternimmt macht sich lächerlich …

Was also dann? - Es liegt mir fern der ISA solcherart befeuerte Legendenbildung zu unterstellen. Angeblich besagt jedoch die Statistik, dass das mörderische erste Streckendrittel die meisten Opfer fordert. Und eine hohe Abbrecherquote ist dem Mythos „Spartathlon“ sicher förderlich - ein Schelm, wer Böses dabei denkt! - Wahrscheinlich verhält es sich jedoch ganz anders: Es liegt nach meiner mehrjährigen Beobachtung in der (unerklärlichen) Natur vieler Ultraläufer zu schnell anzulaufen - gemessen an ihrem Ausdauerzustand. Und das unabhängig von der Streckenlänge. Brutale anfängliche Soll-Zeiten beim Spartathlon tragen diesem ultraläuferischen Usus Rechnung - nicht mehr und nicht weniger. Auf Läufer mit begrenzter Ausdauer, die ihre Kräfte wirtschaftlich einteilen wollen, langsam beginnen und am Ende dafür nicht eklatant einbrechen, nimmt man schlichtweg keine Rücksicht. Entweder nimmt man sie nicht wahr oder betrachtet sie als Randgruppe.

Die Orakel von Athen

Wie du siehst, bin ich schon im Alleingang fähig den „Spartathlon“ zum nahezu unüberwindlichen Gebirge aufzutürmen. Im Hotel, anlässlich gemeinsamer Mahlzeiten, bin ich aber nicht allein. Aus allen Richtungen „orakelt“ es in mein Ohr. Leider nicht in Altgriechisch, das ich nicht verstünde. Deutsche Stimmen flüstern und jede hat Gewichtiges beizutragen. Statistiken werden allenthalben zitiert, mit Vorliebe natürlich solche, die ein erfolgreiches Spartathlon-Finish in weite Ferne rücken. Vom Spartathlon-Katastrophenjahr ist die Rede, in dem nicht einmal die Hälfte der Teilnehmer Leonidas Füße erblicken durfte. Oder von der „Kleiner-50-Prozent-Quote“ für Spartathlon-Novizen, die unser Ziel, das Ziel von Roland, Frank, Rüdiger, Mike und mir, samt einiger anderer deutscher Newcomer, zum schier aussichtlosen Unterfangen deklariert. Ich blicke in die Runde und sehe wie solche Botschaften die Gesichtszüge verhärten. Ich horche in mich hinein und merke, dass solche Geschütze auch meine Festung nach und nach sturmreif schießen. Bis es mir reicht und ich rigoros einen Filter einschalte, der Verunsicherndes aussperrt und nur noch nützliche Strecken- oder Taktikinformationen passieren lässt.

„Das ALLES hier ist entsetzlich einschüchternd …“ schreibe ich Freunden in einer WhatsApp nach Hause, lasse in derselben Botschaft jedoch keine Zweifel aufkommen meine Chance beim Schopfe packen zu wollen. Wie jeder der Neulinge, wünsche ich mir nichts sehnlicher als diese verdammten 246,8 Kilometer irgendwie in 36 Stunden zu packen. Oder etwa nicht? - Bisweilen scheint man mir einreden zu wollen der erste Anlauf sei eine Art „Lernphase“ oder „Probelauf“: Klappt wahrscheinlich nicht, dafür weißt du beim nächsten Mal wie’s geht! - Das macht mich ein klein wenig wütend. Ich bin nicht zum Lernen hier! Ich kann „ultraweit“, das muss ich nicht erst lernen. Auch ein „Spartathlon“ ist seiner Natur nach nichts anderes als eine weite Strecke mit Hindernissen. Ich bin hier, um dieses „Ding“ beim ersten (und letzten) Mal zum glücklichen Ende zu bringen. Ich bin hier, um zu finishen! Rechnete ich mit Scheitern, bräuchte ich meinen Hintern gar nicht erst zur Akropolis zu bewegen! Bisher 178 Mal stand ich bei Marathon und weiter an der Startlinie und exakt diese 178 Mal erreichte ich das Ziel. Und das wird auch diesmal so sein, ganz gleich welche gemeinen Knüppel die Götter mir zwischen Athen und Sparta auch zwischen die Beine werfen werden!

Die geplante Opfergabe

Ein Opfer ist etwas, das man hergibt oder worauf man verzichtet, obwohl es schwerfällt; im religiösen Verständnis auch etwas, das einer Gottheit dargebracht wird.

Beim Abendessen leistet uns einer Gesellschaft, der Aufbauendes von sich gibt, unaufgeregt und überzeugend. Ralf Simon, als Betreuer des deutschen Teams von der DUV entsandt, spricht zu einem der Teilnehmer und ich höre mit: „36 Stunden sind viel Zeit. Wenn du abwärts und auf ebener Strecke läufst, bleibt dir genug Zeit um alle Anstiege zu gehen!“ - Das hört sich beruhigend an, entspricht nur leider nicht dem „Spartathlon“, wie er mir „vorschwebt“. Mein läuferisches Glaubensbekenntnis lässt Gehen nur als Notbehelf zu, wenn ich für Laufschritte nicht mehr ausreichend Kraft freisetzen kann. Also bin ich fest entschlossen den ganzen Weg von Athen nach Sparta zu laufen. Mit einer Ausnahme: Mike Hausdorf hat den Sangas-Pass vor Tagen erwandert und mir Bilder davon geschickt. Steil, steinig und im Dunkeln wird diese Trail-Passage - 2,3 Kilometer auf- und 2,7 Kilometer abwärts - allenfalls stellenweise Laufschritte zulassen.

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30.9.2016, vor Sonnenaufgang.

Die Götter werden mich strafen!

Weit, sehr weit soll der Bogen die giftigen Pfeile des Herakles schleudern, die üblen trojanischen Widersacher zu treffen. Mit gewaltiger Armkraft spannt Philoktetes* die Sehne - ein Daktylos** Auszugslänge mehr risse sie in unweigerlich in Fetzen … - Der Vergleich mit der Bogensehne kommt mir erst später in den Sinn, denn mein Kopf ist leer. Aber genauso fühle ich mich: Bis zum Zerreißen gespannt! Unter flexibler Auslegung geltender Verkehrsregeln lenkt der Busfahrer sein Gefährt in Richtung Akropolis. Der deutsch-französischen Insassenschaft bleibt verborgen, warum er die rote Ampel vorhin ignorierte, dem Haltegebot dieser hingegen gehorcht. „Griechische Fahrweise“ scheint jede Übertretung zu heiligen, die nicht unmittelbar zum Unfall führt … Laut klopfende Herzen um mich her, die den hallenden Glockenschlag meines eigenen dennoch nicht übertönen. Wie verhalten sich Männer vor Beginn einer Schlacht, die sie das Leben kosten kann? - Uneinheitlich: Die einen reißen Witze, andere lachen lauthals darüber, wieder welche verharren wie gelähmt, belohnen die Pointe höchstens mit einem angedeuteten Lächeln. Richtig: Zu Letzteren zähle ich.

*) „Philoktetes“: In der griechischen Mythologie der beste Bogenschütze, dem eine entscheidende Rolle bei der Eroberung Trojas zufiel. Herakles (Herkules) hinterließ ihm seinen Bogen und in die Galle der Hydra getauchte Giftpfeile.

**) 1 daktylos (δακτυλος) = 1/16 pous (πους) = 1,85 cm (antike griechische Längenmaße)

Ich wechsle ein paar Sätze mit Tell Wollert im Sitz neben mir. Sie erzeugen kein Echo in meiner Erinnerung. Ebenso wenig wie die kursierenden Scherze. Allein ihrer Protagonisten entsinne ich mich: Gute Laune bei den Burger-Zwillingen, wie auch bei Mike Hausdorf und Roland Krauss. Mein Kopf ist leer und doch wieder nicht. Fragen, Überlegungen, Bedenken schwirren darin herum, wie aufgeregte Bienen um ihren Stock. Wird Ines dem Bus auf den 14 Kilometern vom Hotel zur Akropolis folgen können? Und wenn sie ihn verliert - wird das doofe Navi sie mir am Fuß der Akropolis zurückgeben? - Ich hätte natürlich auch im Auto mitfahren können. So wie Mike bei seiner „Supporterin“ Natascha und die Burgers mit Conny. Aber wir waren uns einig in diesem Fall nach der völlig ungriechischen Devise „Safety first“ zu handeln! Was, wenn die Karre streikt, wir uns verfahren oder sonst wie den Start verpassen? Also Busfahren. Wenig Verkehr auf Athens Straßen am Freitagmorgen zwischen sechs und sieben; das beruhigt mich. Ankommen und was dann? - Ich habe alles dabei, was ich für den ersten Marathon, bis zum ersten Treff mit Ines, brauche*. Lediglich die Schuhe muss ich noch fester schnüren und meine Notdurft verrichten. Letzteres ließen knappe Zeit und mangelnde „organische Aktivität“ zu nachtschlafener Stunde im Hotel nicht mehr zu. Immer enger werden die Athener Gassen und der Bus klettert bergwärts. Ausreichend Indizien, dass der erste und berühmteste unter den Athener Hügeln nicht mehr weit sein kann …

*) Udos Rüstung zum Auftakt der Schlacht: Weiße, kurze Lauftight, weißes Unterhemd, darüber überwiegend weißes Singlet in Vereinsfarben, weiße Kompressionsstulpen; an den Füßen die am wenigsten abgelaufenen Schuhe aus meiner „Kollektion“; um die Hüften einen Gurt (quasi unsichtbar unter dem Singlet) mit Mobiltelefon, Feuchtetüchern und drei Gels; weitere zwei Gel-Portionen unterm oberen Rand meiner Kompressionsstulpen; um den Gürtel geschlungen: links Baby-Stoffwindel, rechts weiße Schildkappe; am Handgelenk links: GPS-Uhr für die ersten 80 km mit hartem Cut-off; am Handgelenk rechts: Stoppuhr und Handgelenktasche, darin: Salzpastillen, ein Blasenpflaster, Papiertaschentücher und ein Probedöschen mit Hautschutzcreme.

Kurz bevor der Bus auf dem Parkplatz hält umschwirren ihn mehrere Kleinwagen wie aufgeregte Wespen. Einer überholt in halsbrecherischer Fahrt, zischt um die Kurve, kommt unweit des Busses zum Stehen. „Ist das nicht Ines!?“ fragt Mike beim Aussteigen. Tatsächlich sind wir Sekunden später wieder vereint und marschieren Richtung Akropolis. Dabei berichtet sie von ihrer ganz und gar „griechischen“ Herfahrt: Bus verloren, Navi nicht vertraut, hinter Conny her gedüst und diverse Einbahnstraßen vorm Akropolis-Hügel einfach mal in falscher Richtung genommen … Egal, nun ist sie unversehrt hier und alles ist gut!

Lange habe ich gezögert, den folgenden, höchst unrühmlichen Abschnitt niederzuschreiben. Nur Helden in Märchen und Legenden bleiben von Heimsuchungen durch allzu Menschliches verschont. Der reale Abenteurer hat auch ausgesprochen „unheroische“ Situationen zu überstehen. Dergleichen zu verschweigen ist meine Sache nicht. Und deshalb …

… ist gar nichts gut! Ich traue meinen Augen nicht: Zwei Dixies für 400 LäuferInnen!?? Davor kapitale Warteschlangen und nur noch 20 min bis zum Start. Ein erster hochnotpeinlicher Cut-off schon bevor es richtig losgeht. Zudem einer, den nicht ich verschulde: Um 5:45 Uhr „precisely“ sollte der Bus am Hotel abfahren, kurz nach sechs war er immer noch nicht da … ein griechischer Moment in meinem Leben. Wäre mir einerlei, wenn nicht … Ich kann keine 20 Minuten warten, nicht mal mehr 10!! Unmöglich!!! - Niemals hätte ich für möglich gehalten, in welcher Weise ich dann frevle, unabwendbarer Not gehorchend, in einem Hain am Fuße des göttlichen Hügels, der Menschen Augen durch Dunkelheit entzogen. Doch die Götter sehen alles und sie werden mich strafen! Obwohl es mir gelingt, meine ruchlose Tat mit Steinen vollständig zu verbergen …

Gar nichts ist gut! Ein weiteres Stockwerk meines „spartathletischen Wolkenkuckucksheimes“ stürzt ein als Ines und ich im Startbereich ankommen. Der liegt keineswegs dort, wo heroische Einfalt von Spartathlon-Novizen ihn vermutet! Mitnichten hoch oben, vorm Tempel der Athene, stattdessen - weit weniger spektakulär - am Fuße des Akropolis-Felsens, vor der Außenwand eines antiken Theaters. Also ohne Gunst und Segen der Athene, Gottheit von Strategie und Kampf, in die alles entscheidende Schlacht ziehen? Sei’s drum - dem weiß gekleideten Frevler, ziemlich spaßbefreit in Ines’ Handy-Fotolinse blinzelnd, würde sie ohnehin die Erleuchtung verwehren …

Qualvoll langsam tröpfeln 5 x 60 Restsekunden dahin. Aus welcher Quelle speist sich eigentlich die zur Schau gestellte Begeisterung der vielen internationalen Mitläufer? Oder tun die nur so? Insbesondere Nippons Ultraelite lässt keine Optimismus signalisierende Pose aus. Sollte ein Samurai das Ritual des Harakiri nicht mit mehr Ernst und Würde einleiten? - Auch wenn mich Welten von fernöstlichem Gehabe trennen, ein klein wenig schauspielerisches Talent wohnt auch in mir. Mehrfach werfe ich mich in Positur, mal vor dem Feld, dann in Höhe des Startbanners, später im rückwärtigen Raum. Mime den starken, nach der Krone des Ultrasports greifenden Recken. In Wahrheit fühle ich mich klein und schwach, vollkommen unbedeutend und jedem der 399 anderen um Potenzen unterlegen. Kein von Selbstbewusstsein getragener „Spartathlet“, eher - wie es Natascha vor Tagen scherzhaft formulierte - ein „kleiner Spar-Athlet“!

Exakt solchem Empfinden folgt der Triumph! Reste analytischen Verstandes erkennen die Signale. Dieselben Signale, die jedem meiner Erfolge vorausgingen: In den Tagen davor das Gefühl physischer Schwäche gefolgt von der Erkenntnis eigener „Mickrigkeit“ angesichts gestählter Konkurrenz! Nur war es noch nie so schlimm wie diesmal. Aber besinne dich, Udo! Nie zuvor lag der Gipfel so weit oben, von Wolken der Sicht entzogen. Immerhin ringst du um nicht weniger als den Olymp des Ultralaufs … Doch kein Grund zu verzagen, du bist bestens vorbereitet. - Ines umarmt mich ein letztes Mal, gleich ist es so weit.

30.9.2016, 7:00 Uhr:

Der Hades bleibt heute unbewacht!

Dann löst sich ein Schuss. Keinerlei einleitendes Pathos, weder musikalisch noch in salbungsvollen Worten. Es gab einen kurzen Countdown, der mir jedoch in der allgemeinen Aufregung entging. Ich starte meine Uhren mit ein, zwei Sekunden Verzögerung. Vorne brandet Jubel auf und die Läufertraube strömt dem Trichter entgegen …

Es geht los. Schlagartig legt sich meine Verkrampfung, hält Konzentration auf das Wesentliche Einzug. Worauf kommt es an? - Ich rekapituliere und bete die Litanei der Notwendigkeiten: „Zurückhaltend starten, nicht mitreißen lassen, weder von schnellen Beinen noch vom strengen Cut-off!!! Halte dich im letzten Drittel, Viertel des Feldes! Mäßige deine Ungeduld! Der Cut-off befiehlt dir Raubbau an deiner Ausdauer. Also spiele ihm nicht in die Hände, indem du flotter läufst als notwendig!“ - 6:20 bis 6:30 min/km auf den ersten 42 Kilometern strebe ich an, hielte damit ausreichend zeitliche Distanz zur jeweiligen „Closing Time“. Alsbald um mehr als 5, später etwa 10 min wäre ich damit dem „Höllenhund Kerberos“* voraus. Heute bleibt der Hades unbewacht! Athene befahl den „Kerberos“ hinters Läuferfeld. Wer von einem seiner drei Köpfe gebissen wird, behält ein ewiges Schandmal im Fleisch zurück: DNF!!!**

*) „Kerberos“ ist ein Ungeheuer aus der griechischen Mythologie, ein dreiköpfiger Höllenhund, der den Eingang zum Hades bewacht. Kein Toter soll dem Hades entrinnen, kein Lebender eindringen können.

**) DNF: Did Not Finish; Ranglisteneintrag für gestartete Läufer, die disqualifiziert werden oder auf eigenen Wunsch abbrechen.

Ein erstes Opfer

Sanft abwärts zunächst und Konfrontation mit einer ersten Unbekannten: Der Höhenverlauf der 15 Auftaktkilometer ist mir gänzlich unbekannt. Die offizielle Profilkarte des Kurses entlarvte ich schon anlässlich heimischer Studien als üble Mogelpackung. Ihr lassen sich allenfalls die Hälfte der tatsächlichen 3.000 Höhenmeter entnehmen. Mithin ebnet die Profillinie etliche Buckel ein und erschwert mir so die Tempokontrolle. Zu Beginn mehr als drei Kilometer hügelab, auf denen ich Schnitte unter 6 min/km ablese und auch zulasse. Den Zeitbonus werden zu erwartende Anstiege wieder auffressen.

Vom Zierpflaster unterhalb der Akropolis wechseln die Füße auf Asphalt. Die Morgendämmerung schreitet rasch voran. Fotografische Eindrücke zu sammeln bleibt mir trotz ausreichend Licht verwehrt. Kurz entschlossen entschied ich die Digicam nicht mitzunehmen. Wollte sie ursprünglich auf den ersten 80 Kilometern dabei haben. Nun doch nicht. Reines Bauchgefühl. Muss heute allerlei Ausrüstung handhaben, ständig Gel und Wasser „tanken“, den Inhalt der Drop-Bags an mich bringen und parallel zu allem auf die Pace fokussiert bleiben. Fotografieren - egal wie routiniert ich dabei im Wettkampf auch sein mag - kostet Zeit. Zeit, die ich nicht habe, oder zumindest fürchte nicht zu haben! „Du wirst es bereuen, die Kamera nicht dabei zu haben!“ - Sicher wird Ines mit ihrem Einwand Recht behalten, aber es muss sein. Dem einen gewaltigen Ziel weihe ich auch dieses Opfer. Eines von vielen, die ich bis morgen Nachmittag noch werde darbringen müssen, will ich die Götter des Laufsports nach meiner Missetat milde stimmen …

Der Moloch Athen schläft noch

Weiter abwärts, Straßen im Zickzack passierend, dann nahezu geradlinig voran. Nur wenige Menschen scheinen zu früher Stunde unterwegs und wenn haben sie in verschiedenen Funktionen mit dem Lauf zu tun. Oder scheint es mir nur so, weil ich meine Aufmerksamkeit zu sehr nach innen richte? - Wie erwartet melden sich die üblichen Zipperlein. Zwicken hier, Zwacken dort. So flugs wie sie aufmucken, so rasch werden sie auch wieder verstummen. Deshalb mache ich mir üblicherweise keine Sorgen, wenn’s im Blech des alten Vehikels klappert. Üblicherweise? - ‚Üblicherweise hast du auch nicht die Absicht 246 km weit zu laufen!’ muckt der innere Bedenkenträger auf. Mit bewährtem Totschlagargument bringe ich ihn zum Schweigen: ‚Erstens bin ich gut vorbereitet, zweitens haben die „Knochen“ immer standgehalten, sie werden es auch diesmal tun!’

Von „Läuferfeld“ kann man bereits nach zwei, drei Kilometern nicht mehr sprechen. Vor mir, so weit das Auge reicht, trabt eine lose Kette von Grüppchen und einzelnen Läufern. Es stört mich nicht augenscheinlich weit hinten im Feld unterwegs zu sein. Oder genauer: Ich zwinge mich diese Tatsache zu akzeptieren, weil sie meiner Tempostrategie entspricht. Deshalb widerstehe ich der Versuchung meine Schritte zu beschleunigen, konfrontiere mich mehrmals mit der unumstößlichen Wahrheit: ‚Schon das gegenwärtige Tempo übersteigt mein tatsächliches Leistungsvermögen! Spätestens am Sangas-Pass werde ich dafür büßen!’ Zum Glück bleibt mir verborgen, wie weit hinten ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich rangiere (mir folgen nur noch etwa 40 Läufer und Läuferinnen).

Streckenkarte „Spartathlon“

Meine GPS-Aufzeichnung umfasst leider nur die ersten 14 Stunden des Wettkampfs bis der Akku leer war. Wer dem Lauf auf der Landkarte folgen möchte, kann das auf der Spartathlon-Seite tun. Hierzu bitte auf diesen Link oder das Bild klicken.

Einstweilen ist ein tiefster Punkt zwischen Athener Hügeln erreicht und es geht wieder aufwärts. Gleichermaßen moderat, aber deutlich zu spüren. Notwendigerweise überschreite ich die angepeilte Pace. Zuerst Gewinne, jetzt Verluste. Hält es sich die Waage? Wenn die Schätzung nicht komplett daneben liegt, dann bin ich dem Plan sogar leicht voraus. Die erhoffte genaue Tempoeichung von Kilometer zu Kilometer erweist sich als aussichtslos. Nach 10 Kilometern werde ich ein bisschen rechnen müssen …

Zwei Startnummern, auf Brust und Rücken, sind vorgeschrieben. Obschon ich hier nicht wettkämpfe, ausschließlich gegen zwei Widersacher anrenne - mein Limit und die Strecke -, begrüße ich den Umstand. Griechen, Japaner und deutsche Mitläufer erkenne ich so bereits von hinten*. Langsam, wie in Zeitlupe, schließe ich zu zwei deutschen Teilnehmern auf. Matthias - ich lese den Namen von der Rückenummer, bevor ich das Konterfei erkenne -, spricht auf seinen Nebenmann ein. Seit ich Matthias das erste Mal im Hotel sah, durchforste ich mein Gedächtnis, wo er mir in diesem Jahr bereits begegnete. Zu viele Läufe, zu viele, unsortierte Bilder und das erhellende ist leider nicht dabei. Um Peinlichkeiten zu entgehen, verzichtete ich darauf ihn anzusprechen und werde dabei bleiben …

*) Griechische Teilnehmer: Startnummern 1 - 60, Japaner: 61 - 120, Deutsche: 121 - 155, danach geht’s kunterbunt (= international) durcheinander.

Matthias erzählt seinem Laufpartner von einem seiner Vorbereitungsläufe. Ich höre ohne Interesse zu: Zum einen Ohr rein, zum anderen raus, … … … bis das Schlüsselwort die richtige Kammer in meiner Erinnerung aufsperrt: Er habe „geweint“, flicht Matthias in seinen Satz ein. Auch ich sah Matthias bereits vor Rührung weinen in diesem Jahr! Das war in der Umkleide nach dem zweiten von drei Marathons beim „Triple“, als er seinen Eltern am Telefon von einem grandiosen Lauferlebnis berichtete. - Als das Gespräch mit seinem Nebenmann versandet, richte ich das Wort an Matthias und minutenlang schwelgen wir in gemeinsamen Erinnerungen …

Über mehr als vier Kilometer Athener Vorstadt erstreckt sich der leichte Anstieg. Am Rand der breiten Ausfallstraße stören wir niemanden und erregen auch kein Aufsehen. Tankstellen, Geschäfte, Gewerbe, Wohnhäuser, vorbei an parkenden Autos. Keine Ansicht, die fesseln könnte, nichts, an das man sich später wird erinnern können oder wollen. Also zähle ich Kilometer, checke das Tempo, lasse meinen Gedanken ansonsten freien Lauf. Ich spüre, wie ich mich schleichend von der Außenwelt entkoppele - wie immer, wenn es darauf ankommt … Die unterste Stufe dieser Art von „Autismus“ hält mich bereits gefangen. Er dient der Zielfokussierung, der Bündelung aller Kräfte. Mit wachsender Ermüdung wird die Isolation wachsen, irgendwann im „Tunnel“ enden - lass es nur lange genug dauern …

Jetzt ist der Moloch wach liegt aber in Fesseln …

Seit zwei Kilometern in steter Abwärtsbewegung. Nicht bremsen, nicht beschleunigen, natürlicher Laufdynamik nicht ins Handwerk pfuschen, möglichst ökonomisch Schritt an Schritt reihen. Ich nähere mich der Zehn-Kilometer-Marke, darf den Punkt keinesfalls verpassen. Vorher mündet die Ausfallstraße in eine gesperrte Stadtautobahn. Wir überqueren sechs Fahrspuren mit sich stauenden Fahrzeugen und finden Schutz auf schmalem, von Pylonen abgeteiltem Streifen am Fahrbahnrand. An jedem anderen Tag des Jahres wäre ich jetzt mausetot, überrollt. Heute rollt hier einstweilen gar nix. Minuten hinter mir quert der Schlussläufer, dann wird der Verkehr freigegeben. Von beidem, Vollsperrung und Wiederaufleben des Verkehrs, nehme ich nicht wirklich Notiz. Vermutlich, weil ich ständig die gelaufene Distanz ablese. Ein paar Meter noch … Jetzt: 10 km in rund 1:02 Stunden. Einfach zu rechnen: Ein Schnitt von 6:12 Minuten pro Kilometer. Damit bleibe ich selbst bei unterstelltem GPS-Messfehler zu meinen Gunsten eindeutig unter den veranschlagten 6:20. Zu schnell für einen der noch mehr als 230 Kilometer vor sich hat …

Weiter abwärts, der - wie es scheint - geradewegs auf den Erdmittelpunkt zuhaltenden Autobahn folgend. Fahrzeuge rollen vorbei. Einzelne? Viele? Weiß nicht, bin im Abwägen gefangen: Wie soll ich mich verhalten? Weiter so oder langsamer? - So lange die Schwerkraft schiebt, werde ich nichts ändern. Ich nehme mir vor bei Anstiegen bewusst Tempo rauszunehmen. Eventuell auch bei flacheren Passagen. Bloß nicht überziehen! Keine Kraft verschwenden! Nicht nach den anderen schauen! Mach dein eigenes Ding! - Diese und andere Parolen rede ich lautlos an mich hin. Mentale Konditionierung. Immer wieder einschwören auf die zuvor mit meinem rationalen Selbst vereinbarte Taktik. Allerdings: Taktikplanung ist das eine, der von der Wirklichkeit beeinflusste Wettkampf etwas ganz anderes.

… und nun hält den Moloch nichts mehr auf!

Immer noch in Richtung Erdmittelpunkt unterwegs, der Verkehr nimmt zu. Irgendwann erreicht er Athener Qualität, keine Ahnung ab wann es mir bewusst wird. Lkw donnern vorbei, massenhaft Autos, hüben wie drüben. Trägt sicher nicht zur Luftverbesserung bei, stört mich entgegen konkreter Befürchtungen allerdings nicht die Bohne. Das Schlimmste bleibt uns infolge segensreicher Wetterlage ohnehin erspart: Kein Smog über Athen! Noch ist die Luft kühl und frisch, sogar hier am Rand der Autobahn. Noch: Sobald die Sonne höher steht, wird sich das ändern …

Laufen am Rand der Autobahn. Komplett irre Geschichte. Versuch mal in Deutschland eine Genehmigung für so was zu bekommen. Da lachten sie dich höchstens aus. Und der Verkehrsfunk überschlüge sich: „Achtung Autofahrer! Mehrere hundert Fußgänger auf der Autobahn!“ - Und offen gestanden hielte ich dergleichen zu Hause für lebensgefährlich. Hier in Griechenland fühle ich mich eigenartigerweise ziemlich sicher. Wieso eigentlich? - Vermutlich, weil vor und hinter mir etliche bunte Gestalten unterwegs sind. Sicher auch, weil ich Griechen in den vergangenen Tagen als „flexible“ Verkehrsteilnehmer erlebte. Verkehrsregeln gibt es, aber keine ist so heilig, dass man sie bei Bedarf nicht modifizieren könnte. Also rechnen griechische Fahrer auch mit dem Unberechenbaren und sitzen hellwach hinterm Steuer. - Ihr Götter des motorisierten Verkehrs: Gebt Acht und entlarvt den Frevler in diesem Punkte nicht als unbedacht fehlendes Menschenwesen …

Weiter runter geht nicht mehr: Jenseits der Gegenfahrbahn erstreckt sich eine der Athener Buchten. Sonne von schräg oben, stahlblaues, von Wellengang kaum belästigtes Wasser. Die frühmorgendliche Windstille unterhalb der Akropolis scheint sich in den Tag herüber zu retten. Noch weiß ich nicht, ob ich das begrüßen oder mich davor fürchten soll. Flaches, unbeschwertes Traben auf den Kilometern 14 bis 18. Es mündet in Tempoanzeigen, die mich nach jedem Kilometer alarmieren, liegen sie doch allesamt unter 6 min/km!?? Ich versteh’s nicht: Ich halte mich betont zurück, fixiere niemandes Hacken und lese dann doch wieder 5:5x in der Anzeige … Eventuell leichter Rückenwind?

Auf diesem Abschnitt passiere ich Checkpoint 4, an dem erstmals seit dem Start elektronisch die Zeit genommen wird. Die nachfolgend aufgelisteten Daten dieser Messung sind mir - wie auch alle späteren - nicht bekannt. Auf den ersten 80 Kilometern werde ich lediglich meine Tempoentwicklung per GPS kontrollieren. Danach wechsele ich zur einzig dann noch relevanten Bezugsgröße, dem Abstand zum Cut-off!

Offizielles Zwischenergebnis an CP4, Km 19,5:
Zeit: 9:01:29 Uhr (2:01:29 h), Abstand zur Closing Time: 8:30 Minuten, Position im Feld: 314
Registrierte Teilnehmer: 365 (gestartet: 370), davon M60 und älter: 11

Müll im Kopf

Ende des Autobahn-Intermezzos kurz vor Kilometer 20: In Höhe einer Ausfahrt lenken uns gelbe, vom Kürzel „SP“ begleitete Pfeile auf eine Ausfahrt. Die Sicht zum Meer ging vorher schon verloren. Gewerbe- und Wohngebiete wechseln sich nun wieder ab, allerdings nicht mehr in Athen. Der Ort heißt „Elefsina“, was aber nichts zur Sache tut, weil ich’s zu diesem Zeitpunkt gar nicht weiß. Auch hier schert sich niemand um die 400 Laufverrückten. Was mich im Grundsatz natürlich nicht, im „spartathletischen Fall“ aber doch erstaunt. Las ich nicht irgendwo vom „großen Bahnhof“, der den Läufern in jedem „Dorf“ bereitet wird? Mag sein, aber anscheinend nicht hier und wohl auch nicht am zeitigen Freitagvormittag …

Ein paar Minuten später, in der Nähe eines Checkpoints (CP5/Km 22,7), werde ich eines besseren belehrt. Kinder mindestens in Stärke einer Schulklasse feuern uns frenetisch an, nötigen mit ausgestreckten Händen zum Abklatschen. Mein Arm ruckt ansatzweise vor, „friert“ aber sofort wieder ein. Mentale Blockade infolge Hotel-Orakels: Eine Reihe von Läufern musste in der Vergangenheit wegen unterwegs auftretenden Durchfalls aufgeben. Man mutmaßte, sie hätten sich die Erreger auf der Strecke eingefangen; etwa an kontaminierten Trinkbechern, die notgedrungen von fremden Händen berührt werden müssen. Was, wenn nun diese Kinderhände … ? - Heiß wallt der Konflikt in mir auf: Hygienebedürfnis kontra Begeisterung in Kinderaugen. In Sekundenbruchteilen ersinnt mein Kopf einen Kompromiss: Ich strecke den Arm aus, hebe ihn aber so hoch, dass mich die Hände nur am Ellbogen treffen …

Die Begegnung mit den Kindern hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Wäre es nicht gescheiter, den ganzen Orakel-Mist in meinem Kopf über Bord zu schmeißen? Was soll schon passieren, wenn ich ein paar Kinderhände abklatsche? Zumal ich bereits aus einigen Bechern trank und noch hunderte weiterer werde leeren müssen. Höchst unwahrscheinlich, dass mich „Dünnpfiff“ aus dem Rennen werfen wird. Mehr als wahrscheinlich dagegen, dass der Spaß auf der Strecke bleibt, wenn ich in bloßem Sicherheitsdenken erstarre.

Geschicklichkeitsübung

Salz!? - In kühler Luft und unter herbstlich flach einfallender Sonne halten sich Schweiß- und damit Elektrolytverluste in Grenzen. Andererseits wäre es klug Elektrolyte ebenso frühzeitig zu ergänzen wie Kohlenhydrate. Außerdem bin ich jetzt noch quicklebendig - im Vollbesitz meiner „koordinativen Kräfte“ - und sollte den Dressurakt üben. Gedacht, getan: Pillendöschen der Handgelenktasche entnehmen und öffnen - ruhig halten, sonst kullern die Salzpastillen in den Rinnstein! - zwei in den Mund befördern - Schächtelchen wieder zuklappen - … - geht nicht! Zwei Tabletten blockieren den Mechanismus - bisschen schütteln, endgültig zuklappen, in die Handgelenktasche zurück stecken - …

Die Götter hören mich fluchen. Aber nur sie, weil sich meine Verwünschungen lautlos über die vollgestopfte Handgelenktasche ergießen. Erst nach fünf, sechs nestelnden Anläufen gelingt es mir das kantige Schächtelchen gemeinsam mit Babycreme, Blasenpflaster und Papiertaschentüchern ins übervolle Verlies zu sperren. Wie soll ich in ein paar Stunden, mit dann zittrigen, unbeherrschteren Händen zu Wege bringen, was in morgendlicher Frische nur mit Mühe gelang? - Ich lasse die Frage unbeantwortet. Eine Lösung wird sich finden, weil sich eine finden muss!

Vorm Hades stinkt’s zum Himmel

oder:  Müll in der Luft

Hübsche Panoramen auf langen Strecken mildern physische Härten. Wer den Spartathlon im Visier hat, sollte in dieser Hinsicht nicht zu viel erwarten. Es sei denn drei Kilometer Raffinerie, von haushohen Großtanks in Zylinderform hinreißend umsäumt, vermöchten ihn zu begeistern. Auch die Nase wird hierorts nicht geschont. Sprechen wir’s offen aus: Abschnittsweise stinkt es gewaltig zum Himmel, als läge das Tor zum Hades gleich um die Ecke. Ich achte kaum auf derlei Scheußlichkeiten, gleich welchem meiner Sinne sie zu nahe treten. Erstens muss hier durch, wer nach Sparta will, und zweitens habe ich Wichtigeres zu tun: Am nächsten Kontrollpunkt, CP6, bei Kilometer 25, wartet mein erstes Drop-Bag - jedenfalls hoffe ich das, weil mein Gel-Vorrat bis auf ein Päckchen aufgebraucht ist. - Ort und genauen Inhalt der Drop-Bags habe ich auf der Rückseite meiner vorderen Startnummer notiert, weil ich mir so viele Daten unmöglich merken und fehlerfrei abrufen kann. Offensichtlich misstraue ich meinem Gedächtnis. Leider zu wenig, wie der ausdauernde Leser demnächst erfahren wird …

Sanft abschüssig, dicht am Zaun der Raffinerie entlang. Die GPS-Anzeige springt auf 25 Kilometer. Kein Checkpoint in Sicht. Trotz phasenweise mulmigen Gefühls, war ich sicher, dass mein Forerunner sich nicht um fast zwei Kilometer „vermessen“ kann. Dass folglich die in Kilometerabständen auf den Asphalt gepinselten Zahlen nicht dem „Spartathlon“ gelten. Nun springt mich Unsicherheit an, die berüchtigte kalte Hand, die nach dem Herzen greift … Überflüssigerweise, wie sich ein paar Schritte weiter zeigt: Der Checkpoint wurde in einer Einfahrt zur Raffinerie platziert, einige Meter nach hinten versetzt und ist deshalb erst kurz vorher sichtbar.

Um mein Drop-Bag brauche ich mich nicht zu sorgen. Bereits zehn Meter vor Erreichen des CP streckt mir ein aufmerksamer, junger Mann die knallgrüne* Tüte entgegen. Dankbar nehme ich sie ihm aus den Händen und bleibe erstmals seit etwas mehr als zweieinhalb Stunden stehen. In Windeseile löse ich den Clip und verstaue vier von fünf Gels in Gürtel und Saum der Stulpen; der Inhalt des fünften wandert verzugslos in meinen Magen. Mit Wasser hinterher spülen und weiter. Nicht mal eine Minute musste ich diesem Manöver opfern …

*) Ich suchte im Internet nach farblich auffälligen, unverwechselbaren Kunststofftüten, um an den CP mein Drop-Bag auf einen Blick von anderen unterscheiden zu können. Ein charakteristischer Buntdruck wäre mir lieber gewesen, den gab es allerdings nicht oder nur zu horrendem Preis. Die leuchtend grünen Tüten erfüllten ihren Zweck jedoch vorzüglich, da keiner der anderen Läufer ähnliche Hüllen verwendete.

Von „Nike“ berührt

Scheußliches Industrieterrain, verpestete Luft, vor Minutenfrist noch ein fordernder Kurzanstieg. Und immer wieder von Zweifeln bedrängt: Wie ist diese Riesendistanz zu schaffen? - Augenblicklich alles vergessen! Was für ein Panorama! Leuchtendes Ultramarin tief unter mir. Klare, stille See, entfernt ein paar lang gezogene, vom Morgendunst entrückte Inseln. Und über allem das Azur eines gesegneten frühen Himmels. Was für ein fantastisches, über die Maßen erhabenes Bild. Wunderbare mediterrane Welt! Ein Poet hielte augenblicklich Einkehr und versuchte sich in glühenden Versen. Ich bin nur ein Läufer mit fernem Ziel, dem dieser Anblick als Zeichen gilt, als erste zaghafte, Erfolg verheißende Berührung von „Nike“, der Göttin des Sieges …

Nichts vermag in der nächsten halben Stunde meinen Frieden zu stören. Weder lebhafter Autoverkehr, noch hin und wieder wahrgenommene Störsignale aus meinem Bewegungsapparat. Schon gar nicht der anstrengende, ähnlich einer Achterbahn horizontale und vertikale Dimensionen ausschöpfende Verlauf der Straße. Immer wieder lenke ich meinen Blick meerwärts und hoffe, dass sich mir diese Ansichten unvergesslich einbrennen. Auf gut vier Kilometern folgt die Straße dem Küstenverlauf, lotet Buchten aus, schiebt Aussichtskanzeln seewärts vor. Noch immer ist die Luft kühl und der flache Einfall der Sonnenstrahlen wärmt angenehm. Ich schätze mich glücklich unter ungetrübtem Himmel unterwegs zu sein. Das mag kurzsichtig klingen, ist jedoch Antwort auf die Frage, was mir lieber wäre: Traumwetter samt Traumansichten oder unter bedecktem Himmel von Hitze nicht belästigt, dafür stumpfe Ansichten am Wegesrand? - Die Hitze kann kommen, ich bin vorbereitet.

Ein weiteres Opfer wird fällig

Die Straße hat sich vom Meer abgewandt, verläuft jetzt durch bewohnte Bezirke. Ab Kilometer 32 locker bebaute Areale, die mal mehr, mal weniger kleinstädtischen Charakter vorweisen. Wirklich Sehenswertes begegnet mir nicht. Von den penetrante Gerüche verbreitenden, ausschließlich Muscheln feilbietenden Auslagen einiger Fischhändler einmal abgesehen. ‚Kann als Fischhändler auch bezeichnet werden, wer nur Muscheln verkauft?’ - oder, sicher interessanter: ‚Warum werden hier eigentlich keine Fische angeboten?’ Die Fragen lenken mich ein Weilchen ab, zu beantworten vermag ich sie allerdings nicht.

Ansonsten optische Tristesse: Geschäfte, Tankstellen (ich kenne kein Land mit einem so engmaschigen Tankstellennetz!), Cafes, Tavernen, Wohnhäuser. Der Straßenrand gehört den Läufern. Nicht einmal bin ich gezwungen einem Autofahrer auszuweichen. Gleich ob entgegen kommend oder aus einer Seitenstraße einfahrend, sie nehmen Rücksicht. Offen gestanden hatte ich mir die Lauferei gefährlicher vorgestellt, als sie sich nun tatsächlich entwickelt. Aufmerksamkeit erregen wir auf diesen innerorts verlaufenden Kilometern keine. Der Zug der Lemminge scheint über die Jahre zum selbstverständlichen Anblick verkommen, auch wenn er nur an einem von 365 Tagen den Ort passiert.

Die dichtere Bebauung des Ortskerns bleibt zurück. Ab und an ein Anwesen, meist von Olivenbäumen umgeben. Da und dort Hallen und Betriebsgebäude, ohne dass ich mir einen Reim auf deren Funktion machen könnte. Die Straße schickt mich weiter gen Westen, auf diesem Abschnitt kaum Höhe gewinnend oder verlierend. Noch immer halte ich einigermaßen mühelos das vorgegebene Tempo. Nicht mehr ganz so forsch wie zu Beginn, doch immer noch eindeutig unter 6:20 min/km. Bisher verschwendete ich keinen Gedanken daran mich vor der Sonne zu schützen. Urplötzlich ist er präsent. Nach wie vor empfinde ich Sonnenschein und Lufttemperatur als eher angenehm, komme aber an der Tatsache vermehrten Schwitzens nicht vorbei. Also löse ich Babywindel und Schirmkappe vom Gürtel, kombiniere beide zu einem effektiven Sonnenschutz und bewege mich fortan, einem Beduinen nicht unähnlich, über hellenische Straßen …

Ich will mir nicht vorstellen, wie albern das aussieht - eine wallende, wie ein zu kurz geratenes Cape um meine Schultern flatternde Stoffwindel, von einer weißen Kappe mit extrem weit ins Gesicht ragendem Schild auf dem Kopf gehalten. Die Würde des Menschen ist unantastbar, jene des Läufers keineswegs. Irgendwo lauern Kameraobjektive, um mich in diesem lächerlichen Habitus abzulichten. Die Götter verlangen dieses Opfer meiner Eitelkeit. Ausbleibenden Sonnenbrand und eine bessere Kühlung stellen sie dafür in Aussicht …

Einer von fast sechs

Rasch Wasser „eingefüllt“ und weiter, Checkpoint 10 bei Kilometer 38,8 bleibt hinter mir zurück. Dem nächsten, exakt bei Marathondistanz und erster Treff mit Ines, trabe ich mit wachsender Vorfreude entgegen. Auch wenn ich bisher nicht auf die an jedem Kontrollpunkt aufgestellte Tafel mit der „Closing Time“ achtete, weiß ich mich dem Zeitplan um knapp 10 min voraus. Ines wird mich also noch nicht erwarten …

Haken hinter die Kilometer 40 und 41 … jetzt kurz vor 42 und meine Spannung steigt. Das erste, was ich von CP11 sehe, ist eine Ansammlung schier endlos und dicht hintereinander geparkter Kleinwagen mit Supporter-Schildern in Rück- oder Seitenfenstern. Wo ist Ines? - Mein suchender Blick erfasst sie 100 Meter voraus auf der anderen Straßenseite, im Gespräch mit Conny. Arme hoch und winken! Eine Weile hat es den Anschein, als würde sie mich nicht bemerken. Dann packt sie eiligst den vorbereiteten Rucksack und flitzt zu mir herüber … „Du bist viel früher dran!“ haucht sie mir atemlos entgegen, will mich noch vor der elektronischen Erfassung mit Gel und einer Flasche Wasser bedienen. Ich greife jedoch erst hinter der Matte, nach unüberhörbarem „Pfüt“ der Registrierung zu - aus schlichtem, bei älteren Männern auf der Hand liegendem Grund: Was, wenn ich es nachher im Eifer des Aufbruchs vergesse?

Offizielles Zwischenergebnis an CP11, Km 42,2:
Zeit: 11:20:27 Uhr (4:20:27 h), Abstand zur Closing Time: ca. 24 Minuten, Position im Feld: 301
Registrierte Teilnehmer: 368 (gestartet: 370), davon M60 und älter: 11

Es bleibt wenig Zeit, sich über die Geschehnisse der letzten viereinhalb Stunden auszutauschen. Ein paar hin gehechelte Sätze aus meinem Mund, die Ines zeigen, dass ich nach dem ersten von fast sechs Marathons „gut drauf“ bin. Und ruhiger gesprochene von ihr, die mir beweisen, dass sich ihre Unsicherheit in Sachen „Alleine-mit-dem-Auto-durch-Griechenland-gurken-und-Checkpoints-finden“ gelegt hat. Nach nur anderthalb Minuten Aufenthalt zum Trinken und Gel-Verstauen verabschiedet mich meine ganz persönliche Siegesgöttin mit strahlendem Lächeln auf die nächsten 38 Kilometer …

Feuer, Wasser, Luft und Erde

Nahezu überfallartig erwischt mich der Übergang von angenehm warm zu schweißtreibend heiß: Eben noch winkte ich munter der jubelnd vorbei fahrenden Ines auf sanft ansteigender Straße zu. Genoss das wiedergewonnene, vertikal von Ultramarin nach Azur aufgefächerte Panorama der Küste. Wasser und Luft als Bild beherrschende Elemente. Das dritte Element - Erde - erblicke ich vor meinen Füßen oder weit draußen hinter flirrendem Dunst, wo angestrengtes Spähen die Konturen einiger Inselchen mehr ahnt als dingfest macht. Vor einem Dorf gewinnt die breite Uferstraße gewaltig an Steigung. In diesen Minuten spüre ich das bislang bedeutungslose vierte Element: Feuer! Fast Mittagszeit und kaum Wind. Meine strahlende Freundin hat ungemein an Kraft gewonnen und heizt mir heftig ein. Am nächsten Checkpoint schwimme ich erstmals an diesem Tag im eigenen Saft. Zur Kompensation brauche ich mehr Wasser: Eine Becherfüllung mehr im Magen und äußerlich zwei weitere, um Kappe und Windel zu tränken.

Leidenschaft, die Leiden schafft …

47, 48, 49, 50, 51, 52 - Kilometer, so recht dafür geschaffen sich unsterblich in die Strecke des „Spartathlons“ zu verlieben. Ich folge der felsigen Steilküste und genieße die unbehinderte Aussicht. In kurzem Takt pendelt mein Blick hin und her: Sich der Straße versichernd kurz auf den Asphalt, dann wieder zur Seite, der himmlischen Sinfonie in Blau zugewandt. Dass die Sonne heiß vom Himmel sticht und Schweiß in Strömen rinnt, mindert meine Leidenschaft nicht im Mindesten. Leben und Laufen im Augenblick! Nicht an nachher denken, schon gar nicht an morgen, vor allem nicht an die verbleibenden fast 190 Kilometer. Das ist mein Wetter, meine Welt! Sonne, Wärme und ein mediterraner Rausch von Farben!

Das Auf und Ab der Uferstraße, die Hitze, das Tempo - alles Umstände, die an meiner Substanz knabbern. Einstweilen merke ich nichts davon. Wie ein trunkener Schmetterling flattere ich durchs Licht, vorwärts, immer weiter vorwärts. Irgendwie selbstvergessen und auch wieder nicht: Ich schlucke brav meine Gels, trinke literweise Wasser, lutsche hin und wieder eine Salzpastille (Bäh!), befeuchte an jedem Kontrollpunkt Kappe und Windel, checke unausgesetzt mein Tempo. Und das Tempo passt!

Passt es tatsächlich? - Vielleicht verwirren mir Sonne und Hitze die Sinne, vielleicht auch die atemberaubenden Bilder. Wie dem auch sei: Ich begehe einen schwerwiegenden taktischen Fehler und merke es nicht! Geplant waren ab Marathondistanz 7 min/km, die mir den Höllenhund ausreichend weit vom Leib gehalten hätten. Fälschlicherweise gehe ich jedoch von 6:30 min/km als Referenz aus! - Natürlich ein Versehen. Was denn sonst? Aber eines, das nicht hätte passieren dürfen, weil es den finalen Erfolg in Frage stellt. Und wenn nicht den, dann ein erträgliches letztes Drittel dieser unabsehbar gewaltigen Strecke! - Wie ich den Fehler hätte vermeiden können, fragst du? - Ein paar Zahlen zusätzlich auf der Rückseite meiner Startnummer zu notieren wäre wahrlich eine der leichtesten Übungen gewesen. Solches Handeln hätte allerdings vorausgesetzt, meinem Gedächtnis noch weniger über den Weg zu trauen, als ohnehin schon …

Leonidas' Füße salben

Um sich zu verlieben, bedarf es dauerhafter Anmut, über die Frau „Spartathlon“ leider nicht verfügt. Seit einer halben Stunde gibt sich die Dame eher spröde und langweilig. Anwesen hinter hohen Mauern unterbrochen von Gewerbeansiedlungen, dann und wann ein verwahrlost wirkender Olivenhain. Dazwischen Brachen, scheinbar keinen Zweck erfüllend. Wild wuchernde Infrastruktur, offenbar planlos hingeklotzte Bauten, dichter stehend, wenn man sich dem Ortskern nähert. Wälder aus Masten zwischen denen sich ein Netz kreuz und quer gezogener Kabel spannt - von irgendwo her, nach irgendwo hin. Improvisiert und vorläufig wirkende Technik für Strom, Licht und Kommunikation. Bin weder Perfektionist noch naserümpfender Tourist, schaue nur, bewerte nicht. Anerkenne auch die Notwendigkeit pragmatisch und nüchtern auszustatten, wo Mittel begrenzt sind. Aber in diese Strecke verlieben?

Statt mich zu verlieben bringe ich den Göttern ein weiteres Opfer dar: Literweise Körperflüssigkeit! An jedem Checkpoint fülle ich beinahe einen halben Liter Wasser ein, um es bis zum nächsten Tankstopp durch Millionen Poren in zwei Quadratmetern Hautfläche wieder zu verdunsten. Was nicht verdunstet, rinnt in steten Strömen an mir herab. Zum Glück verhindern Kappe und Windel weitestgehend, dass mir Schweiß in die Augen rinnt. Nur selten lupfe ich die Brille, um ein paar verirrte Tropfen von der Stirn zu wischen. „Weiter unten“ könnte die zusammenlaufende Brühe schon eher zum Problem werden! Wo feuchte Hautpartien aneinander reiben, ohne dass du es merkst. Erspare mir bitte deutlicher zu werden ... Nur noch so viel: Das Döschen Babycreme in meiner Handgelenktasche habe ich nicht dabei, um morgen damit Leonidas’ Füße zu salben!

Müll an der Straße

Bedachte ich Frau „Spartathlon“ eben mit den Attributen spröde und langweilig? - Das ginge ja noch. Mitunter präsentiert sie auch recht hässliche Partien. Über verdreckte Straßenränder sehe ich hinweg, wenn dahinter kristallklares Blau meinen Blick magisch anzieht. In Ortschaften oder weniger attraktiver Umgebung klappt das nicht. Müll ist vielerorts ein Riesenproblem in Griechenland. Müll, der sich vor überfüllten Tonnen stapelt, nicht oder zumindest nicht rechtzeitig abgefahren wird und zum Himmel stinkt. Mehr noch Unrat, der sich an Straßenrändern sammelt und dem niemand Beachtung zu schenken scheint. Die Gründe für diese massive Umweltverschmutzung kenne ich nicht, kann vor allem nicht beurteilen, ob es den Menschen in dieser Hinsicht an Problembewusstsein mangelt. Meines ist in Sachen Müll von deutschen Standards und einer kompromisslosen Erziehung geprägt: Abfall gehört getrennt, gesammelt, fachgerecht entsorgt und auf keinen Fall achtlos weggeworfen!

Und was tun, wenn Prinzipien mit Realitäten und Notwendigkeiten kollidieren? - Alle 20 Minuten erzeuge ich Abfall! Nicht früher, nicht später, exakt in diesem Takt, um kontinuierlichen Energienachschub sicherzustellen. Zu früher Konsum führte womöglich zum „Gelstau“ mit Übelkeit, zu später würde meinen Stoffwechsel schwächen. Aufschrauben, am Mundstück saugen, dabei drücken. Zwei Sekunden um das Gel zu schlucken, übrig bleiben ein paar Gramm Kunststofffolie. Oft kurz vor oder in Höhe eines Checkpoints, manchmal nahe eines der innerorts zentral aufgestellten, riesigen Müllbehälter, seltener vor Abfallkörben, die es wohl nur neben Grünanlagen und öffentlichen Plätzen gibt. Befinden sich Behältnisse außer Reich- oder Wurfweite, scheue ich auch ein paar Meter Umweg nicht, um meine leeren Tütchen prinzipientreu zu entsorgen. Dies zu meiner Ehrenrettung.

Und der Rest? Jene Päckchen, die ich irgendwo „in the middle of nowhere“ leere? - Das klebrige Ding bis zum nächsten Checkpoint in der Hand zu behalten ist ebenso wenig praktikabel, wie es im Gürtel zu verstauen. Binnen kurzer Zeit wäre ich als pampiger Fliegenfänger unterwegs. Was also tun? - Tatsächlich ist mir das Müllproblem in meiner Planung „durchgerutscht“. Ein kleiner, offener Müllbeutel, seitlich am Gürtel befestigt, wäre eine einfache Lösung gewesen. - Auch wenn es mir im Innersten widerstrebt die vermüllten Straßenränder mit meinen Unrat zusätzlich zu belasten, bleibt mir hin und wieder nichts anderes übrig. Absolution erwarte ich weder vom bereits vorhandenen Abfall, noch von den vielen leeren Geltütchen, die andere Läufer fallen ließen. Allerdings dämpft vorhandene Verschmutzung mein schlechtes Gewissen. Eine Stimme, die in ein paar Stunden infolge Erschöpfung gänzlich verstummen wird - so viel sei hier vorweg genommen …

Kilometer fressen

Ich hake Kilometer ab - ohne Begeisterung, aber immer noch ohne mich ernsthaft mühen zu müssen. Mit einiger Verblüffung registriere ich das „gefühlt“ flotte Anwachsen meiner GPS-Anzeige. Wirkliche Schwierigkeiten hatte ich auf dem ersten Streckendrittel nicht erwartet, wohl aber, dass mir die Umstände heftiger zusetzen würden. An 30°C wird inzwischen nicht mehr viel fehlen. Ich spüre die Hitze, nur macht sie mir nichts aus. Um Fehlinterpretationen vorzubeugen: Temperaturen um die Dreißig-Grad-Marke bremsen meinen Energiestoffwechsel im selben Maß, wie den von anderen Läufern. Nur leide ich nicht darunter. Hitze empfinde ich per se als angenehm, verabscheue dafür Kälte. Alles in allem fühle ich mich ausgezeichnet auf diesem ereignis- und meist reizlosen Abschnitt zwischen Kilometer 55 und 65 …

Nach wie vor verläuft die Strecke in Meeresnähe, selten weiter als vielleicht hundert Meter vom Ufer entfernt. Durchblicke zum Wasser ergeben sich nur sporadisch, weil der Küstenabschnitt komplett zugebaut wurde. Ich bin nun schon fast sieben Stunden unterwegs. Zwar habe ich ständig Läufer im Blickfeld, treffe an Checkpoints auch mit ihnen zusammen, kenne jedoch niemanden. Mike, Roland und die Burger-Zwillinge wähne ich irgendwo vor mir. Seit der Konversation mit Matthias ergab sich kein Gespräch mehr. Nicht, dass ich dazu Lust verspüren würde. Erst recht nicht auf Englisch. Wer mich kennt, weiß, dass ich am liebsten stumm und fokussiert - „autistisch“ - vor mich hin trabe. Warum mir dabei die Zeit nicht lang wird, verstehe ich selbst nicht.

Inzwischen habe ich aufgehört die international bunte Vielfalt der Läuferaufmachungen zu studieren. Sogar die teilweise quietschbunten bis höchst unverständlichen Outfits der Nippon-Fraktion fangen meine Augen nur noch für Augenblicke ein. So etwa die laufende „Erdbeere“, ein wahrer Alptraum in rosa, mit zwei überdimensionalen Erdbeeren auf der Rückenpartie. Vor allem mandeläugige Damen wandeln bis zur Unkenntlichkeit und von Kopf bis Fuß verhüllt über Hellas’ Fluren. Fehlt nur noch die auf japanischen Straßen - wenn man Bildberichten glauben darf - alltägliche Atemschutzmaske. Natürlich ist mir klar, dass ihre „Ganzkörperkondome“ vor der Sonne schützen. So wie bei Frau oder Fräulein „W.“, die in einer Art Alien-Raumanzug, Grundfarbe weiß, mit kreativem Manga-Dekor, mehrfach meine Wege kreuzt. Binnen Minuten streckte mich ein Hitzschlag nieder, zwänge man mich auf der Spartathlon-Bühne in solchem Kostüm zu agieren …

Wieder dicke Luft

Kilometer 69: Für ein paar Minuten trennt mich ein recht schmaler Uferstreifen vom Meer. Freie Sicht also, allerdings keine sonderlich erbauliche. Ein paar hundert Meter querab löschen Schiffe ihre Ladung, die über das Rohrleitungssystem eines weit ins Meer hinaus reichenden Landungsstegs zu Vorratstanks gepumpt wird. Die zweite Raffinerie des Tages steht zur „Besichtigung“ an und sie hinterlässt plastischere Eindrücke, als ihre „Schwester“ heute Morgen. Hier wie dort gigantische Treibstoffbehälter, daran kann es also nicht liegen. Eher schon an der fast hautnahen Inaugenscheinnahme turmhoher Apparaturen. Ein vermutlich dem Wahnsinn verfallener Genius schuf eine mehrstöckige, dreidimensional wuchernde, ganz und gar unentwirrbare Struktur ineinander verflochtener Rohre und Gerüste. Einzig Skulptur geworden, um den Göttern der Energie zu huldigen und aus hohen Schornsteinen giftig gelbe Dämpfe quellen zu lassen …

Wie aus einer anderen Welt

Kilometer 72. Die Landbrücke von Korinth - sie verbindet auf einer Breite von nur wenigen Kilometern den Peloponnes mit dem Festland - rückt näher. Weit voraus erkenne ich bereits jene Ufer, die den „Saronischen Golf“ nach Westen hin begrenzen. Jetzt trennt mich keine Stunde mehr von der zweiten Begegnung mit meiner Frau und dem Ende der Tempohatz. An einem der letzten Checkpoints schien es mir, als holte sich der Höllenhund „Kerberos“ ein erstes mir bekanntes Opfer. Dort saß Roland, trank eines seiner alk-freien Biere aus einem Drop-Bag und lächelte mir zu. Es gehe ihm noch gut meinte er nur, deutete dabei aber mit dem Flaschenhals gen Himmel und ergänzte: „Aber jetzt wird es hart!“ - Ich wünsche dem Laufkameraden das Beste, verlasse ihn aber mit großen, an Überzeugung grenzenden Bedenken, dass er es nicht schaffen wird …

Ich trabe auf und zwischen verschiedenen Verkehrswegen: Links der Ozean, in Ufernähe die Schienen einer Schmalspurbahn. Mehrmals überquerte ich heute bereits Bahngleise, allesamt nicht mehr genutzt und dem Verfall preisgegeben. Sieht dieser Gleiskörper gelegentlich noch Züge? - Unter meinen Füßen erstreckt sich die lebhaft befahrene Uferstraße und keine hundert Meter rechts von mir donnern Fahrzeuge über die Autobahn. Für mediterrane Romantik bleibt da eigentlich kein Jota Raum. Und dann sehe ich ihn vor mir. Nicht zum ersten Mal übrigens, weil Ines und ich Teile der Strecke auf dem Weg nach Athen bereits befuhren. Wie aus einer anderen Welt steht er da. Als hätte man ihn einem Märchenbuch entrissen und zweckfrei in die Moderne verpflanzt. Exakt in den schmalen Raum zwischen Autobahn und Uferstraße. Ein drei Stockwerke hoher, etwa zehn Meter breiter, achteckiger Turm!? Hellgraue bis cremefarbene Fassade, verziert mit reliefartigen Strukturen, Licht durch Spitzbogenfensterchen einlassend und zum flachen Dach hin in spielerischen Zinnen endend. Das Bauwerk wirkt wie frisch restauriert, zumindest frisch gestrichen. Was ist das? Wozu steht es hier? Auf verwahrlostem, mit halb verfallenem Zaun gesichertem Grundstück? Historisch oder erst vor wenigen Jahrzehnten erbaut? Errichtet zu einer Zeit, als er noch nicht vom rollenden Fortschritt umzingelt war? Fragen, auf die ich keine Antworten bekomme …

Der Schnitt durch die Torte

Nach den mehr oder weniger flachen letzten Stunden kommt mir diese Steigung irrsinnig steil vor. Zum ersten Mal, nach nunmehr über 75 Kilometern, fällt mir das Laufen schwer und der Schweiß rinnt stärker. Nur ein paar Minuten, dann flacht die Straße ab und die Viecherei geht wieder in erträglichen Trab über. Es kann nun nicht mehr weit sein, bis zum touristischen Highlight auf dem Isthmus (Landenge) von Korinth. Nur sechs Kilometer misst dieser Landstreifen an seiner engsten Stelle, wo ihn ein Kanal geradlinig durchschneidet.

Ich biege von einer Neben- auf die vierspurige Hauptstraße ein und sehe die den „Kanal von Korinth“ überspannende Brücke vor mir. Keine Minute später traben meine Füße auf stählernen Planken und ich werfe einen Blick in die Tiefe. Nur flüchtig heute, weil ich das Bauwerk bereits gründlich besichtigen durfte. Etwa achtzig Meter fallen die senkrecht wirkenden* Wände in die Tiefe ab, muten einen dabei an wie ein Schnitt durch die Schichten einer Geburtstagstorte. Schnurgerade strebt der schmale Kanal dem Saronischen Golf zu, in den er nach ungefähr 1,5 Kilometern mündet. Selbst bei flüchtigem Hinsehen ein beeindruckendes Bauwerk …

*) Der „Kanal von Korinth“ wurde zwischen 1881 und 1893 unter der Leitung zweier ungarischer Ingenieure erbaut. Der Geländeeinschnitt misst an der tiefsten Stelle etwa 84 m, wodurch eine Wassertiefe von etwa 8 m erreicht wurde. Am Grund hat der Kanal eine Breite von 21 m, in Höhe des Wasserspiegels beträgt sie knapp 25 m. Wegen der im Winkel von ca. 71 bis 77 Grad abgeschrägten Steilwände ergibt sich eine obere lichte Weite von ca. 75 m. Fünf Straßen- und Eisenbahnbrücken verbinden das Festland mit dem Peloponnes.

Erlösung vor der Dosenfabrik

Der Brücke folgt eine leichte Rechtskurve, ab der die Straße auf fast zwei Kilometern moderat ansteigt. Die Sonne müht sich nach wie vor redlich auch mir Respekt einzuflößen. Es ist mir gleichgültig, weil meine Vorfreude nun wieder mit jedem Meter wächst. Irgendwo dort vorne oben wartet Ines auf mich, am herbei gesehnten Checkpoint 22. Mein GPS-Knecht arbeitete bisher zuverlässig. Die übliche Abweichung einrechnend, werde ich in etwa fünf Minuten den mit „Hellas Can“ bezeichneten Kontrollpunkt bei Kilometer 80 erreichen. Erlösung vom Zwang schneller Schritte vor „Hellas Can“. Kein mystischer Ort übrigens und keine geweihte Erde: Aus dem Englischen übersetzt steht „Hellas Can“ schlicht für eine griechische Dosenfabrik.

Wo möglich, laufe ich auf breitem Parkstreifen parallel zur vierspurigen „Rennstrecke“, um nicht auf vorbei rasende Fahrzeuge achten zu müssen. Neuerlicher Blick zur Uhr: Tatsächlich werde ich den Checkpoint zwischen 15:35 und 15:40 Uhr erreichen, also ziemlich genau zum vorgesehenen Zeitpunkt. Ziemlich verwirrend, weil ich die vielen Daten in meinem Kopf nicht zu sortieren vermag. Angestrebtes Tempo, Zeitbonus bis Marathondistanz, Zeitverluste seither, weil ich das Tempo in der letzten Stunde nicht mehr halten konnte … Dass weder die tatsächliche Ankunftszeit noch das Referenztempo, dem ich seit Stunden hinterher hechele, meiner Planung entsprechen, kommt mir nicht in den Sinn …

Noch ein paar Meter hügelan, weitere hundert Schritte heftig schwitzen, dann nach links, zugleich über die hier einmündende Seitenstraße und mittenrein ins „Wimmelbild“. Etliche Läufer tummeln sich hier. Supporter, Offizielle und Helfer laufen zwischen ihnen kreuz und quer durcheinander. Ich peile die Matte der Zeitmessung an, suche zeitgleich nach Ines. Sie hat mich längst erspäht und dirigiert mich in den Schatten hoher Kiefern. Gel empfangen und verstauen, Salzpastillen einnehmen, trinken, Sonnenschutz befeuchten, für Fotos in Positur stellen … Von Ines erfahre ich, meinen Zeitplan um fast 20 min unterboten zu haben. Kann man das Fragezeichen auf meinem Gesicht sehen? - Wenn, dann nur kurz. Ich halte mich nicht lange mit Rätselraten auf, wieso ich dem Plan fast 20 Minuten vorauseile. Um mich in Gedächtnisakrobatik zu üben, braten meine grauen Zellen schon zu lange in Hellas’ Sonne. Außerdem brächte die Erkenntnis, so sie sich einstellte, keinen Vorteil. Aus unerfindlichem Grund war ich zu schnell unterwegs. Ein taktischer Fehler, der mich womöglich in ein paar Stunden strafen wird. Sich darüber zu grämen bliebe gleichermaßen nutzlos. Also gehe ich achselzuckend und mit Optimismus darüber hinweg …

Offizielles Zwischenergebnis an CP22, Km 80:
Zeit: 15:37:07 Uhr (8:37:07 h), Abstand zur Closing Time: ca. 52 Minuten, Position im Feld: 203
Registrierte Teilnehmer: 349 (von 370), davon M60 und älter: 9 (von 11)

Freigang

Fünfeinhalb Minuten gönne ich mir Ines’ Gegenwart, dann drängt der gnadenlose Cut-off zum Aufbruch. Also zurück auf die Straße. Nach ein paar Minuten überschreite ich eine unsichtbare Linie: Ein Drittel der Gesamtstrecke liegt nun hinter mir. Wer solche Überlegungen zulässt, sie gar arithmetisch ausspinnt - ‚Jetzt noch 164 Kilometer …’ -, geht das Risiko eines „mentalen Erdrutsches“ ein. Grundsätzlich. Mich ficht das allerdings nicht im Mindesten an. Zu oft befand ich mich in schier aussichtsloser Lage, mit hinfälliger Physis und in sicherem Bewusstsein noch viele Stunden leiden zu müssen. Auf diese Weise brachte ich mir bei auch in Bedrängnis an den Erfolg zu glauben. Jetzt und hier bin ich noch nicht einmal müde. Also kein Grund vor den verbleibenden „100 Meilen“ mental einzuknicken …

Seit dem Aufbruch bei „Hellas Can“ hat mein Empfinden was von „Freigang“ oder „unter Bewährungsauflagen aus der Haft entlassen“. Befreit also, da nicht länger harschen Tempoauflagen unterworfen. Aber auch seltsam unsicher, weil meiner Flucht vorm Höllenhund nun das Diktat fixer Vorgaben fehlt. Ich meinte darauf verzichten zu können, weil die Cut- off-Zeiten ab jetzt viel mehr Spielraum gewähren. Außerdem lässt sich eine Strecke von 246 Kilometern, deren Schwierigkeiten man nur im Grundsatz kennt, nicht minütlich durchplanen. Einstweilen trabe ich vor mich hin und überlasse die Tempogestaltung - wie so oft - „läuferischer Intuition“. Ich denke „Langsamer!“ und bekomme „langsamer“ - im Schnitt etwa 7:05 Minuten für jeden der nächsten 10 Kilometer.

Kein Ort für Götter

Die nächsten 60 Kilometer kenne ich bereits, allerdings in umgekehrter Richtung und vom Auto aus. Auf dem Weg nach Athen verschafften wir uns auf diese Weise einen Eindruck von der Strecke. Folglich bin ich von Feldwegcharakter und flachem Verlauf des schmalen Sträßchens zwischen den Kilometern 82 bis 87 nicht überrascht. Olivenhaine, Weingärten, Felder, ab und zu ein bäuerliches Anwesen, nichts, was den unbeschäftigten Geist des Ultra-Trabenden fesseln könnte. Und die im Hintergrund sichtbaren Höhenzüge des Peloponnes sind noch zu weit entfernt, um dem Auge mehr als wellenförmige Konturen zu offerieren. Langweile ich mich? - Sicher nicht in Form eines konkreten Gefühls. Wessen geistige Aktivitäten sich allerdings darin erschöpfen bröckelnde Straßenränder, auffällige Schlaglöcher, Risse im Asphalt oder einmündende Wege wieder zu erkennen und Freude über die diesbezügliche Gedächtnisleistung zu empfinden, dem sollten die Götter Beine machen. Diesen Landstrich scheinen sie allerdings zu meiden, weshalb es der laut jubelnden Ines vorbehalten bleibt mich gelegentlich ihres Vorbeituckerns aufzurütteln …

Rührendes

Viertel vor fünf nachmittags und noch immer kennt die Sonne kein Pardon. An Checkpoint 24, Km 87,7, stille ich meinen Durst. Die Tränke steht vorm Dorfplatz in „Examilia“. Durst löschend werde ich zum ersten Mal an diesem Tag mit einem weiteren hellenischen Problem konfrontiert. Zwei herrenlose, wild lebende Hunde* umkreisen das Läuferbüffet. Daheim lebe ich mit einer Hündin unterm selben Dach, fühle mich für sie verantwortlich und ihrem Wohlergehen verpflichtet. Der Mensch trieb die Domestizierung des Hundes bis zur völligen Abhängigkeit der Gattung voran. Wie so oft ist der Mensch verantwortlich! - Ich blicke in zwei paar hungrige Hundeaugen, fühle einen Stich gefolgt von hilfloser Ohnmacht und weiß doch sofort, was zu tun ist. Im Aufbruch schnappe ich mir ein paar Kekse, die mir dann - Hoppla! - infolge angeborener Ungeschicklichkeit direkt vor den Hundemäulern entgleiten und zu Boden fallen …

*) Das offizielle Griechenland reagiert bestenfalls mit Duldung der vagabundierenden Tiere, in letzter Konsequenz mit massenhafter Tötung. Nur wenige griechische Tierschutzorganisationen wehren ungebremster Fortpflanzung von Hunden und Katzen durch Kastration.

Keine fünfzig Meter weiter steht ein Mädchen am Fahrbahnrand und streckt mir demonstrativ ein Schreibheft samt Schreibgerät entgegen. Auch das ist „Spartathlon“! Ich nehme ihr Heft und Stift aus den Händen, sodann in Augenschein, auf welche Weise sich meine Vorgänger in diesem Dokument verewigten. Dann gebe ich das erste Autogramm meines Sportlerlebens und schreibe: „Udo Pitsch“ und in der Zeile darunter „Germany“ …

Zwei Hunde und ein Mädchen glücklich gemacht - den Göttern ein Wohlgefallen! Was soll nun noch schiefgehen? - Ein paar Schritte weiter wartet die nächste Autogrammsammlerin, die ist zum Glück jedoch gerade „belegt“, so komme ich unbehelligt und ohne Zeitverlust davon. Denkste! Hinter jeder Straßenbiegung stehen weitere „Promijäger“. Einige „übersehe“ ich geflissentlich, einer weiteren schenke ich dann aber doch noch meine Gunst …

Gel, Wasser und ein Lächeln

Bedeutung beziehen die fünftausend Meter zwischen „Examilia“ und „Ancient Corinth“ („Alt Korinth“) lediglich aus der Tatsache sie nach einer Dreiviertelstunde Eintönigkeit endlich absolviert zu haben. Umso mehr freue ich mich auf das nun vor mir liegende antike Ruinenfeld. Aus überhöhter Position heranlaufend streift mein Blick die verwitterten Reste ehemaliger Tempel. Trotzte die Säulenreihe den Jahrtausenden oder hat man sie als Schauobjekte wieder aufgerichtet? Ein paar beeindruckende Sekunden, dann biege ich rechts ab, betrete den touristischen, als Fußgängerzone gestalteten Teil des Dorfes „Alt Korinth“, passiere Cafés, Tavernen und Andenkenläden, finde mich schlussendlich auf einem quirlig belebten Platz und vor dem erwarteten Checkpoint 26 wieder.

Wo ist Ines? Im weiteren Wettkampfverlauf darf sie in kürzeren Abständen „supporten“, eben auch hier in „Alt Korinth“, bei Kilometer 93. Ich blicke mich um, drehe mich um die eigene Achse. Nach ein paar Schrecksekunden - Hat sie nicht hergefunden? War was mit dem Auto? -, die mir länger vorkommen als sie tatsächlich währen, eilt sie auch schon herbei und verpflegt mich mit Gel, Wasser und einem Lächeln. Letzteres wirkt auf meine Psyche ähnlich belebend, wie Wasser und Gel auf den Körper.

Bereits nach anderthalb Minuten breche ich wieder auf und setze damit um, was ich mir in den Tagen vorm Wettkampf mehrfach einbläute: Keine unnötig langen Aufenthalte! Nur so lange rasten, wie zur Versorgung erforderlich! Ein letzter Blick zur Tafel des Checkpoints: „Closing Time 18:25“ lese ich dort und subtrahiere in Gedanken die Ist-Zeit: 17:25 Uhr. Unterdessen beträgt mein Zeitpolster eine Stunde. Ausreichend, um nicht in Panik zu verfallen, jedoch weniger als ich mir erhoffte.

Was sind schon 100 Kilometer?

Die Welt zerfällt in zwei unifarbene Hälften, Himmel und Erde. Oben, wo die Götter wohnen, erstrahlt sie in kräftigem Blau. Darunter, in der Sphäre der Sterblichen, dominiert leuchtendes Grün, von der tief stehenden Nachmittagssonne in Szene gesetzt. Kilometerweit beidseits der Straße bilden Orangenbäume und Weinstöcke eine undurchdringliche Phalanx. Wie es scheint laufe ich durch einen flachen, fruchtbaren Landstrich. Übergangslos folgten dem Touristenidyll „Alt Korinth“ zwei öde Kilometer. Nach Unterqueren der Autobahn und gleichermaßen abrupt, wurde die Wüstenei von Obstplantagen und Weingärten abgelöst.

Kurzer Stopp am Checkpoint 27 (Km 97,1), trinken, weiter. Der nächste Kontrollpunkt steht auf einer magischen Marke: 100 Kilometer. Auf die halte ich nun mit einer gewissen Spannung zu, auch wenn sie mir in den vergangenen Stunden nicht als anspornendes Zwischenziel diente. An Zwischenzielen herrscht beim „Spartathlon“ wahrhaft kein Mangel: Entscheidende Checkpoints etwa, Treffen mit dem Supporter und natürlich der Sangas-Pass ... Als ich schließlich bei 100 km auf der Matte der Zeitmessung das bekannte „Pfüt“ auslöse, spüre ich … absolut nichts. Keine Magie, kein freudiger Augenblick, nicht einmal ein Anflug von „Toll 100 km geschafft!“, nichts dergleichen. Einer wie hunderttausend andere Momente, die aneinander gereiht den „Spartathlon“ ausmachen. Ich bin ein wenig enttäuscht. Von mir selbst natürlich. Andererseits: Was sind schon 100 Kilometer? - Nicht so rasend viel, wenn du weitere 146 vor dir hast …

Offizielles Zwischenergebnis an CP28, Km 100,1:
Zeit: 18:13:08 Uhr (11:13:08 h), Abstand zur Cut-off-Zeit: ca. 1:11 h, Position im Feld: 171
Registrierte Teilnehmer: 339 (von 370), davon M60 und älter: 9 (von 11)

Bei sinkender Sonne ist mit Nacht zu rechnen …

Vor Minuten meinte ich mich noch vor der tief stehenden Sonne schützen zu müssen, nun empfinde ich bereits einen Hauch abendlicher Kühle. Kurz entschlossen überantworte ich die durchschwitzte Windel einem Müllcontainer und befestige die Kappe am Vorratsgürtel. Es fühlt sich herrlich an, endlich wieder „Fahrtwind“ in schweißnassen Haaren zu spüren ...

Seit ich auf eine belebte Straße einbog, stehen die Behausungen dichter. In Hellas’ enger besiedelten Regionen weiß man nie so genau, wo ein Ort aufhört und der nächste beginnt. Blick zum Kilometerzähler am Handgelenk: In Kürze werde ich neuerlich meinem „Supporter“ begegnen, wahrscheinlich schon in diesem Dorf und lediglich neun Kilometer nach der letzten Begegnung in „Alt Korinth“*. Ein weiterer Blick gilt der Stoppuhr. Ich rechne die abgelesene Lauf- in Tageszeit um: 18:20 Uhr. In einer Stunde wird es stockdunkel sein! Und bis zum übernächsten Rendezvous mit Ines wird deutlich mehr als eine Stunde vergehen … Ich wiederhole die Kalkulation zweimal - will mit laufmüder Hirnmasse keinen Fehler riskieren! -, komme jedoch jedes Mal zum selben Ergebnis: Bereits am nächsten Checkpoint muss ich die Stirnlampe übernehmen!

*) Die vier Checkpoints 26, 29, 32 und 35, die von den Supportern genutzt werden dürfen, liegen jeweils nur 9, 11 bzw. 10 km auseinander. Auf diesem 30 km langen Streckenabschnitt werden die meisten Läufer von der Dunkelheit eingeholt und benötigen ihre Stirnlampe. Hierin besteht vermutlich der Grund für die ungewöhnlich kurzen Supporter-Intervalle.

Zugeparkte Straßenränder in engen Gassen und ein hiervon ausgelöstes Verkehrschaos: Der Checkpoint „wirft seine Schatten voraus“! Ich bin auf der Hut, weiche „geschmeidig“ aus und unterdrücke angesichts einer plötzlichen „Autofahrerattacke“ lautstarken Protest. Immerhin lasten ein paar Prozent Mitschuld am „Supporter-Auflauf“ auch auf meinen Schultern. Die „Wiedervereinigung“ mit Ines währt diesmal länger: Drei Minuten brauche ich, um die Stirnlampe am Vorratsgürtel zu befestigen, mich mit Gels nachzurüsten und die „Betankung“ mit Wasser abzuschließen.

Beginn der Nachtschicht

Mit goldgelber Patina überziehen die letzten Strahlen der verlöschenden Sonne die Landschaft. Ich trabe durch eine Talmulde, unweit eines hinter Gestrüpp meist unsichtbaren Flüsschens; von Beginn an in minimaler Steigung, die nur von stundenlangem Traben ermüdete Beine wahrnehmen. Rebgärten und Olivenhaine so weit das Auge reicht. Rasch gewinnen die Talflanken an Höhe, wodurch sich der Übergang vom Tag zur Nacht beschleunigt. Von der gegenüberliegenden Straßenseite her visiert mich einer der Fotografen des „Sparta Photography Club“* an. Mein „V“ für „Victory“ beantwortet er mit grellem Blitz. Was die Kamera ohne Kunstlicht nicht mehr schafft, gelingt den Augen spielend: Sie gleichen die schwindende Helligkeit so exzellent aus, dass ich keinen Gedanken an meine Stirnlampe verschwende.

*) Die Damen und Herren des „Sparta Photography Club“ stellen sich ehrenamtlich als Fotoreporter zur Verfügung. Und das entlang der kompletten Strecke von Athen bis ins Ziel in Sparta. Dabei schießen sie ca. 7.000 (!) teilweise spektakuläre Fotos, die jedermann kostenfrei downloaden kann. Mehr noch: Jeder Teilnehmer erhält nach dem Lauf zwei CD: Eine bereits in Sparta mit Zielfotos, eine weitere mit offiziellem Video und 1.000 Fotos anlässlich der Abschlussfeier in Athen. Man höre und staune: Kostenfrei! Ein Teil der im Text eingebetteten Fotos entstammt dieser Sammlung.

19:30 Uhr, Kilometer 109, noch immer versetzt mich ein Rest von Licht in die Lage alle Unebenheiten der Straße wahrzunehmen. Und wirklich relevante, solche, die einen ins Straucheln bringen könnten, gibt es ohnehin keine. Ich denke an den blinden Läufer, den ich samt Begleiter - sie waren mit einem dünnen Seilstück miteinander verbunden - vor Stunden, irgendwo am Meer, überholte: Laufen in ewiger Dunkelheit, als Orientierungshilfe nur die Ansagen des Begleiters. Unmöglich für einen Sehenden sich die 246,8 Kilometer, samt Höhenmetern und Sangas-Trail, als ganz und gar lichtloses Projekt vorzustellen. Eine unerhörte Leistung, die in meinen Augen viel Mut und noch mehr Vertrauen in den Begleiter voraussetzt …

Apropos „meine Augen“: Ich habe Ines die Wahrnehmung verschwiegen, um sie nicht zu beunruhigen. In den letzten drei Tagen vor dem Lauf ließ mich bei raschem Augenschwenk ein Stechen im linken, vordem erkrankten Auge heftig erschrecken. Dann und wann aber nur, völlig ohne Vorwarnung. Es war nicht reproduzierbar, auch wenn ich die Augäpfel wie wild hin und her rollen ließ. Ich bangte und hoffte. Hoffte, dass es sich nur um eine Art „nervöses Zucken“ handelte, als Folge der schier unerträglichen Spannung, die mich fast zu zerreißen drohte.* Offensichtlich die richtige „Diagnose“. Ich bin seit fünf Uhr früh auf den Beinen, 110 Kilometer weit gelaufen und nicht einmal muckte mein Auge …

*) Anfang September ließ ich mir vom Augenarzt noch einmal „tief in die Augen schauen“. Er bestätigte den guten Heilungsverlauf der Netzhauterkrankung vom April und gab grünes Licht.

19:45 Uhr: Noch nicht das schwärzeste Schwarz ringsum, dennoch es ist jetzt so dunkel, dass selbst die besten Augen keine Einzelheiten mehr wahrnehmen können. Ich bin aber zu träge und zu faul, um die Stirnlampe vom Gürtel zu lösen. Glatter Asphalt und schemenhaftes Restsehen genügen - jedenfalls rede ich mir das ein. Autos fahren ohnehin kaum welche auf dieser Nebenstrecke und wenn, dann handelt es sich um Supporter-Vehikel, deren Fahrer ganz sicher auf Läufer achten - unterstelle ich einfach mal und trabe stumpf autistisch vor mich hin. Übrigens seit fünf Kilometern beständig aufwärts und mit wachsender Steigung. Zwei Checkpoints habe ich unterdessen „abgehakt“, bereits am nächsten wird wieder Ines warten …

Zu gutem „Supporten“ gehört auch ein „Anschiss“ zur rechten Zeit

Offensichtlich hat sich die Straße entschlossen das Tal zu verlassen, windet sich in Serpentinen ziemlich steil hinan. Alle gehen. Ich nicht. Ist das klug? - Wahrscheinlich nicht. Aber ich darf nicht gehen. Das lässt mein Selbstverständnis als Läufer einfach nicht zu. So lange die Kraft reicht, will ich laufen. Und noch lässt mich dieser Anstieg nicht einmal ansatzweise meine Grenzen spüren. Also laufen. Auch, wenn einige der auf diese Weise Überholten meine unkluge Taktik mit überraschten Blicken unter ihren Stirnlampen quittieren. Was sie von mir denken, will ich gar nicht wissen …

Die Steigung fährt mir ziemlich in die Beine, scheint überdies nicht enden zu wollen. Vor Tagen, mit dem Auto abwärts fahrend, kam sie mir nicht so lange vor … Ab und zu überholt mich ein Supporter-Car, dann drücke ich mich an den Straßenrand, vertraue im Übrigen auf meine weiße Staffage. Verliert den Sinn für Risiken, wer sich ihnen nur lange genug aussetzt? - Ich fühle mich jedenfalls nicht im Mindesten gefährdet, nur weil ich nach wie vor ohne Stirnlampe unterwegs bin …

Punkt 20 Uhr treffe ich an Checkpoint 32, bei Km 112,9 auf Ines. Sie versorgt mich erst mit Gel, dann mit einer trinkbereiten Flasche und zum Abschied verpasst sie mir die fällige Rüge. Im Dunkeln ohne Licht zu laufen, also weithin unsichtbar, hält sie für ziemlich gefährlich. Wenn die eigene Frau dergestalt „entschlossen“ und missbilligend auf einen einredet, widersetzt man sich nicht. Vermutlich bin ich schon zu abgestumpft und unterschätze das Risiko. Also Lampe vom Gürtel lösen, aufsetzen, einschalten und ab …

Panikmache

Nun laufe ich mit Licht und gebe Ines Recht. Ihre Zurechtweisung war alles andere als Panikmache. Ich fühle mich nun wesentlich sicherer. Zum einen werde ich besser gesehen, zum anderen mache ich Bodenunebenheiten aus, die mir bislang entgingen. Die ein oder andere ist immerhin Stolperfalle genug, um ins Straucheln zu geraten, wenn man den Fuß unglücklich aufsetzt …

„Der nächste Checkpoint wird erst mal der letzte für mich sein!“ - Erst jetzt, ganz langsam, Schritt für Schritt, sickert mir Ines’ vorhin geäußerte Absicht ins Bewusstsein. Sie wird nach dem nächsten Treff an CP35 ihre Helferdienste wie vorgesehen unterbrechen und ins Hotel fahren … Elf Kilometer bis dorthin, dann werden ca. 123 Kilometer auf der Habenseite stehen … Ja, stimmt! Ziemlich genau die Hälfte. Diese Erkenntnis dringt aber gerade nicht durch, weil sich Panik in meinem Oberstübchen auszubreiten beginnt … DAS IST ZU FRÜH! Ich drehe meine Startnummer um und schaue nach, wo mein erstes, nächtliches Drop-Bag deponiert ist. Doch da steht nur „CP41“, keine Kilometerangabe … CP41 minus CP35 ergibt 6 Checkpoints … Sechs Kontrollstellen ohne externe Versorgung … Zu weit! Ich muss Ines dazu bringen noch eine Station dranzuhängen … Nicht auszudenken, sollte mir unterwegs das Gel ausgehen! Dann kann ich einpacken!

Not eines „Gerne-allein-Läufers“

Ich treffe auf einen der deutschen Läufer. Mundfaule Einzelgänger, besser: Gerne-allein-Läufer, wie ich, prägen sich oft auch Gesichter und Begegnungen ein, denen keine Konversation zugrunde liegt. Diesmal weiß ich sogar genau, wann und wo wir uns in diesem Jahr schon einmal über den Weg liefen - fast schon im wahrsten Sinne des Wortes. Im Hotel ergab sich keine Gelegenheit ihn darauf anzusprechen, darum hole ich es jetzt nach. Nach meinem verbalen Schubser erinnert auch er sich. Vielleicht nicht an mein Gesicht, wohl aber an die kuriose „Art“ unserer damaligen Begegnung. Ein paar Sätze in jener „Sache“, einige weitere von wegen „Wie läuft’s bei dir?“ überbrücken die zwei Meter Dunkelheit zwischen uns, werden gehört, überdacht, abgespeichert. Dann ist nach meinem Empfinden eigentlich alles gesagt …

Mein Nebenan scheint dagegen gewillt die Nacht plaudernd mit mir verbringen. Er habe bis vorhin Stunden an der Seite einer Australierin zugebracht, lässt er sich ein, sie dann jedoch notgedrungen zurück gelassen, weil sie zu lange Gehpausen einlegte. Was sagt mir das? - Der Mann redet gerne und läuft gerne in Begleitung. Beides ultraläuferische Gewohnheiten, die sich von meinen „autistischen“, dem Bedürfnis nach Schweigen und abgekapseltem Dahinschleichen, diametral unterscheiden. Was tun? - Offene Worte wären die schnellste Lösung für mein „Problem“ - aber auch die verträglichste? Wie dem auch sei: Nachdem ich erst zur Notdurft ausschere (er folglich warten muss), sodann auf alle Bemerkungen ziemlich einsilbig reagiere (nicht mutwillig, sondern weil ich bin, wie ich nun einmal bin), mir im Übrigen die Bereitschaft fehlt meinen automatisierten Schrittrhythmus auch nur geringfügig anzupassen, verlieren wir uns alsbald aus den Augen …

Over and out

Schwärzestes Schwarz erlebe ich erstmals auf den Kilometern 116 bis 121 in völlig menschenleerer Gegend. Felder, Weinbau und Olivenhaine erstrecken sich beidseits des Weges. Meine Kopffunzel ist zu schwach und mein müder Geist zu desinteressiert, um diese „Umgebungsdaten“ in der sich quälend langsam dahin schleppenden Gegenwart zu gewinnen. Von der Streckenbesichtigung vor ein paar Tagen behielt ich die Bilder im Kopf zurück. Dass das Auto stetig bergab rollte, mithin mein Weg nun unausgesetzt leichte Steigung aufweist, blieb mir nicht in Erinnerung. Mein eigener Lichtkegel, dann und wann ein unstet wischender aus der Lampe eines Mitläufers und natürlich die Beleuchtung der beiden Checkpoints, bei 117 und 120 km, bleiben die einzigen Hellzonen eines ansonsten toten Planeten. Mond scheint heute keiner und um im Sternenlicht „Trost“ zu finden, müsste ich wertvolle Kraftressourcen verschwenden, um die Kinnspitze zu heben …

Die Tippelei im Finstern macht keinen Spaß. Doch anders als früher zieht mich das nicht mehr runter. Von diversen mentalen Anfechtungen, die Längstläufer heimsuchen können, ist Lichtlosigkeit mein ärgster Feind. Aber einer, den in Schach zu halten, ich über die Jahre trainiert habe. Fragen wie: „Wozu nachts laufen, wenn mich das nur nervt?“ stelle ich längst nicht mehr. Ich suche die Herausforderung aberwitzig langer Strecken und begreife die „Sch … nacht“ als Teil der Prüfung. 80.000 Schritte höchstens noch, dann wird es wieder hell! Kriege ich rum, keine Frage. Over and out!

Licht am Ende des Tunnels! Mangels anderer Erklärungen deute ich den schwachen Lichtschein in Laufrichtung voraus als jenen Ort, an dem Ines auf mich wartet: „Alt Nemea“! Von der Entfernung her könnte das hinkommen. Wie zig Mal zuvor, will ich mir den Verdacht von meinem Forerunner bestätigen lassen. „120“ war vorhin die letzte abgelesene Distanz. Und nun? … Akku leer! Over and Out! Fräulein Forerunner hat sich nach 14 Stunden schlafen gelegt. Die Akku-Leistung verschlechterte sich in den letzten beiden Jahren deutlich. Bei den „100 Meilen von Berlin“, vor zwei Jahren, lieferte er noch über 17 Stunden lang Strom, schaltete sich erst auf den letzten Metern vorm Stadion ab … Egal, im Grunde brauchte ich das GPS-Gerät nur auf dem ersten Streckendrittel bis „Hellas Can“ zur Tempokontrolle.

Die ersten Häuser schälen sich aus dem Dunkel. Der Lichtschein lässt sich tatsächlich einer Ortschaft zuordnen, geht sogar von einer Stelle aus, vermutlich vom hell erleuchteten Checkpoint. Schemenhaft erkenne ich meine Umgebung, bin aber erst in einer Rechtskurve, an die ich mich konkret erinnere, sicher: Das ist „Alt Nemea“. Eine Minute später stehe ich geblendet auf dem Dorfplatz vor der Kirche und überfalle Ines mit meiner Panik: „Ich brauche dich noch am nächsten Checkpoint …“ beginne ich und erläutere meine Bedenken in Sachen „drohender Gel-Unterversorgung“. Bei Ultraläufen ist vieles „ultra“- ultrakurz in diesem Fall die Erörterung meines vermeintlichen Problems, das Ines nicht versteht: „Es sind doch höchstens 20 km bis zum Drop-Bag!?“ Zum Glück hat die gleichfalls auf ihren Sparta-Helden wartende Natascha (oder war es Conny?), die Liste der Checkpoints parat. Wir überprüfen die Distanz und … tatsächlich: Vom ersten Drop-Bag an CP41 trennen mich nur 19,8 km. Mindestens zweieinhalb Stunden zwar, also ungefähr 7 bis 8 Gels, aber die kann ich unterbringen … Je ein Gel links und rechts der Schienbeinkante in den Saum der Stulpen, drei weitere in den Gürtel und eins in den Mund. Wasser hinterher. Fertig verpflegt. Nun noch die Rüstung anpassen, um alle bösen Geister der Nacht aus dem Feld schlagen zu können: Forerunner abgeben, alte, lichtschwache Stirnfunzel gegen die neue eintauschen, Ersatz-Akku für die Lampe in den Gürtel stecken, die Schlaufe der kleinen LED-Taschenlampe übers Handgelenk streifen. Zuletzt ziehe ich eine leichte Jacke über, wenngleich ich derzeit nicht friere … Noch was vergessen? Andere Schuhe vielleicht?

Am letzten Treffpunkt hatte ich erwogen die Schuhe zu wechseln, weil es schien, als wolle sich der Schmerz unterhalb des Großzehgrundgelenks wieder aufbauen. Den hatte ich in den vergangenen Tagen mit Eispacks erfolgreich bekämpft, bis er nicht mehr zu spüren war. Offenbar habe ich mich getäuscht, denn auf den letzten Kilometern verloren sich die Beschwerden wieder. Ich muss mich entscheiden: Die nächste Gelegenheit zum Schuhwechsel werde ich erst wieder an CP51 (Km 170) haben, hinter dem Sangas-Pass! Im dortigen Drop-Bag habe ich für alle (Regen-) Fälle ein Paar Ersatzschuhe deponiert. Entscheidung: Kein Schuhwechsel!

Offizielles Zwischenergebnis an CP35, Km 123,3
Zeit: 21:26:00 Uhr (14:26:00 h), Abstand zur Closing Time: 1:34 h, Position im Feld: 164
Registrierte Teilnehmer: 321 (von 370), davon M60 und älter: 8 (von 11)

Zweifeln ist erlaubt, verzweifeln aus dem Wortschatz gestrichen

Nur zögerlich, Schritt um Schritt, fällt Beklemmung von mir ab. Es setzte mir unerwartet zu, meine Frau in die für uns beide ungewisse Nacht zu entlassen. Obgleich ihr Schicksal der nächsten Stunden objektiv weit weniger Fragen aufwirft, sorge ich mich mehr um sie, als um mich selbst. Ines ist unterwegs nach „Tripoli“, einer Kleinstadt nahe der Autobahn nach Sparta, zum reservierten Hotelzimmer. Von dort wird sie mich morgen früh nach kurzer Anfahrt erreichen - wenn ich es übern Sangas-Pass schaffe natürlich nur!

Was soll dieses unkende Infragestellen? Hege ich ernstlich Zweifel an meinem Erfolg? - In der Dunkelheit unterwegs zu sein deformiert mich mental und schrumpft mein Selbstbewusstsein. Das war nächtens laufend nie anders. Die Gewissheit in kurzen Abständen Betreuung und - wenn nötig - Hilfe zu finden ändert nichts an der Unerbittlichkeit der Aufgabe. Auch, dass andere vor und hinter mir denselben Strauß ausfechten, mildert das Gefühl der Verlorenheit um keinen Deut. Jeder von uns ist allein! Allein mit der Strecke und seinen inneren Dämonen. Verdrängen wäre die falsche Taktik. Also bilanziere ich Soll und Haben: Noch nie so weit, noch nie so lange durch die Nacht, noch nie den feurigen Atem des Höllenhundes „Kerberos“ im Nacken gespürt - noch nie so viel … Ungewissheit. Was hast du dem entgegen zu setzen, Udo? - Die vielen brutalen Vorbereitungsläufe drängen sich spontan auf. Fast meine ich körperlich zu spüren, was ich mir in den Vormonaten alles aufbürdete … Und dann natürlich meine Unbeugsamkeit. Die Fähigkeit schier unbegrenzt lange zu leiden, dabei weiter Schritt an Schritt zu reihen. Und schließlich ein gewichtiges Pfund, mit dem zu wuchern mir noch auf jeder Stufe der Verzweiflung half: 178 Mal lief ich los, um marathon- oder ultraweit zu laufen. Und exakt diese 178 Mal erreichte ich auch das Ziel! Und diesmal wird es nicht anders sein! Morgen werde ich Leonidas in Sparta gegenüber treten! Und das, bevor diese verfluchten 36 Stunden um sind …

Zorn kontra Staub

Manchmal kapiere ich die Griechen nicht. Ich meine damit nicht ihren lediglich aus deutscher Ferne, von Mediendarstellungen womöglich verzerrten Kampf gegen die drohende Staatspleite, weder die politische Geisterfahrt der vermeintlichen Eliten in diesem Land, noch anderweitig berichtete Defizite. Auch Müll- und Hundeproblem stehen hier nicht in Rede, obschon letzteres mich ziemlich aufwühlt. Seit Minuten jogge ich recht flott am Straßenrand bergab. Weit und breit keine Behausung, kein Betrieb, nirgends eine Seele. Trotzdem beleuchten in heller Regelmäßigkeit Straßenlaternen meinen Weg. Wozu in aller Welt vergeudet man hier sinnlos Energie?

Dann bin ich unten, biege links ab und stehe vorm nächsten Checkpoint. Mein „Hello!“ genügt den Helfern diesmal nicht, sie deuten auf meine Brust: „Your Number!??“ - Ach so, die Jacke verdeckt die Startnummer. Wie an jedem bisherigen, wird meine Startnummer auch an diesem Checkpoint notiert. Gel, Wasser, „Thank you!“ und weiter. Gerade mal zwei Kilometer weit, dann taucht auf, woran ich mich von unserer „Inspektionsfahrt“ erinnere, was als Checkpoint 37 und mit der Bezeichnung „Church on the right“ in der Road Map steht. „Church“ halte ich für schamlos übertrieben, „Chapel“ wäre eine treffendere Bezeichnung. Wieder ein Fingerzeig auf meine Brust, begleitet von „Your number!??“, wieder das Zippen am Reißverschluss, wieder Gel, danach Wasser und mein „Thank you!??“ zum Abschied. Inzwischen ernte ich damit meist noch ein „Good luck!“ seitens ausnahmslos bemühter und superfreundlicher Helfer. Nach fast 15 Stunden Wettkampfdauer schält sich durchschnittlich nur alle paar Minuten ein Läufer aus dem Dunkel, dem man sich dann mit Hingabe widmet …

Der Asphalt geht in eine Schotterpiste über. Abgesehen vom Sangas-Pass übrigens der einzige, nicht asphaltierte Abschnitt. Okay, da war vor Stunden mal eine Baustelle, zweihundert Meter Piste, doch die wird nächstes Jahr unter Asphalt begraben sein. Diese hier nicht. Manche werden den staubigen, mit losem Geröll und Schlaglöchern übersäten Weg als willkommene Abwechslung empfinden. Ich nicht. Meine beste Waffe im Kampf gegen längste Distanzen ist ein möglichst gleichförmiger Laufrhythmus. Monotone, auf den Millimeter gleich lange, von möglichst geringen Störgrößen beeinträchtigte Schritte. Geht so jetzt nicht mehr … eine Minute, zwei, drei … viele …

‚Hoffentlich überholt mich hier kein Auto!’ - Die Götter, zumindest die übel wollenden unter ihnen, lesen die Gedanken des Frevlers! Ich habe meiner Hoffnung kaum lautlosen Ausdruck verliehen, als von hinten ein Fahrzeug naht und Sekunden später vorbei rattert. Unzweifelhaft ein Supporter-Car, was mir die Beschilderung im Heckfenster trotz gewaltiger Staubfahne verrät. Augenblicke später fresse ich Dreck. Der feine Staub nimmt mir einige Schritte weit den Atem. „So ein Idiot!“ schimpfe ich lauthals vor mich hin. Entweder rücksichtslos oder hoffnungslos dämlich, eine dritte Alternative kommt mir nicht in den Sinn.

Alsbald erneut Motorgeräusche von hinten, die rasch näher kommen. Hört sich für mich an, als wäre der noch schneller unterwegs. Ich drehe mich weiter laufend halbwegs zur Seite und bedeute dem Fahrer/der Fahrerin mit Handzeichen im Schritttempo vorbei zu fahren. Juckt den Kerl/die Kerlin aber nicht. Da springt mich nackte Wut an: Ich steppe zur Fahrbahnmitte hin und boxe mit meiner Faust schräg nach unten. Der Typ/die Typin erschrickt und latscht auf die Bremse, kommt rutschend und knirschend zum Stehen. Jetzt hat er/sie es kapiert. Fährt wieder an und schleicht mit hängenden Kotflügeln vorbei …

Aller schlechten Dinge sind drei: Diesmal wende ich eine andere Taktik an. Ich orientiere mich zur Mitte der Piste und zwinge den Insassen/die Insassin sich mir langsam zu nähern. Erst als mich die Scheinwerfer des Autos voll erfasst haben weiche ich zur Seite. In Schleichfahrt tuckert der Supporter/die Supporterin vorbei. Na bitte! Geht doch!

Keine Ahnung wie lange sich diese blöde Schotterstrecke schon hinzieht, seit geraumer Zeit übrigens bergauf. Inzwischen verläuft sie parallel zur Autobahn, die kaum mehr als einen Steinwurf weit entfernt ist. Je steiler die Piste, umso übler das Geläuf. Weiterhin loses Geröll, dazu jetzt vom Regenwasser ausgewaschene Rinnen und reichlich Fußangeln in Form aufragender, großer Steine. Dann und wann rauscht auf der nahen Autobahn ein Auto vorbei. Jetzt kann es doch nicht mehr lange dauern!? Vor Tagen unterquerten wir mit dem Auto die Schnellstraße und direkt nach der Unterführung begann die Piste. Kann nicht mehr weit sein … Weitere zwei, drei, vier Minuten vergehen, dann stehe ich vor Checkpoint 38 und wieder auf Asphalt.

Zwangslage

Es geht mir gut, um einiges besser als vorhin auf der Schotterpiste oder davor. Eher überraschend von einem Geist beseelt, der sich am ehesten als „optimistisch und wagemutig“ beschreiben ließe. Was mich aufbaut und stabilisiert, weiß ich nicht. Womöglich der Fleck funkelnder Lichtpunkte mitten im schwarzen Nichts, menschliches Leben verheißendes Fanal, stückweit voraus und unterhalb meiner augenblicklichen Position. Vielleicht reicht schon die Tatsache dem einigermaßen fordernden Auf und Ab der Straße weiterhin ohne Schwierigkeiten gewachsen zu sein. Auch die völlige Abwesenheit von Beschwerden - nicht selbstverständlich nach immerhin bereits 135 Kilometern - mag dazu beitragen. Und nicht zu vergessen mein Vorsprung auf den Höllenhund „Kerberos“, den ich unterdessen um fast eindreiviertel Stunden abhängen konnte. Wodurch auch immer: Ich bin wirklich gut drauf und entschlossener denn je! Mich dieses Faktums selbst zu versichern hievt meine Stimmung auf der Treppe positiver Emotionen weitere Stufen empor …

Gel, Wasser und „Thank you!“ an einem Checkpoint mitten im Nirgendwo, sicher der letzten Station vor „Malandreni“. Das Dorf ist mir in lebhafter Erinnerung, weil wir auf unserer Erkundungsfahrt dort in einer Taverne einkehrten. Der Wirt - ein netter, alter Mann, dessen Lächeln mich ein wenig an „Bugs Bunny“ erinnerte, weil ein Großteil der oberen Schneidezähne fehlte - sprach kein Wort Englisch. Da sich Ines‘ und mein neugriechischer Wortschatz mit „kali mera“ fast schon erschöpft, begegneten wir uns weitgehend auf einer Ebene freundlichen Nichtverstehens. Das alsbald ausgesprochene Schlüsselwort „Spartathlon“ zauberte jedoch im Nu ein Leuchten in sein Gesicht. Eiligst nahm er einen über dem Tresen hängenden Bilderrahmen von der Wand und präsentierte uns stolz seine Finisherurkunde von 1983, dem Jahr des ersten „Spartathlons“. Vielleicht feiere ich in ein paar Minuten ein Wiedersehen mit „Bugs Bunny“, denn seine Taverne beherbergt den nächsten Checkpoint.

Abwärts seit Minuten, häufig sogar in ziemlichem Gefälle und mit langen Schritten, die offenbar etwas in Gang setzen … Auf das Ereignis an sich bin ich vorbereitet. Habe alles „an Bord“, was man zu seiner Bewältigung braucht. Womit ich überhaupt nicht rechne, es so auch nicht kenne, ist die zeitliche Intoleranz meiner Gedärme! Vom ersten Rühren bis zur Nötigung des ultimativen „Unbedingt-Jetzt!“ vergeht höchstens eine Minute. Eine Minute, in der ich anfangs noch entspannt davon ausgehe Sanitäranlagen und Licht der Taverne in „Malandreni“ nutzen zu können. Nicht zuletzt, weil der Lichtschein des Ortes bereits zum Greifen nah vor mir liegt. Eine Minute, in deren letzten Sekunden ich panisch mit meiner Stirnlampe umher schwenke, um einen verschwiegenen Ort für das Unumgängliche auszumachen. Was schlechterdings unmöglich ist, da ich bereits die ersten (gottlob in tiefem Dunkel liegenden) Häuser des Dorfes passiere. In höchster Not erfasst mein Lichtkegel einen Müllcontainer, hinter dem ich den gehässig kichernden Mistkerlen unter den Göttern weitere Opfer bringe: Würde und ungeahnt viel Zeit …

Dass das Manöver letztlich mehr als eine Viertelstunde meines kostbaren Vorsprungs eindampft, werden nur jene nicht verstehen, die dergleichen noch nie in verkrampfter Hocke, undurchdringlichem Dunkel, der Ermüdung von 140 Kilometern in den Beinen, einer Taschenlampe im Mund und nach Zusammenkramen benötiger Utensilien aus Hüftgürtel und Handgelenktasche bewerkstelligen mussten … Mehr als eine Viertelstunde ist verbürgt, da ich vor der Naturkatastrophe überaus munter unterwegs war, mein Vorsprung auf den Höllenhund in „Malandreni“ dennoch auf unter 1:30 Stunden geschrumpft ist.

Dem Boten ein Dankeschön

„Bugs Bunny“ treffe ich zur Geisterstunde zwar nicht am Checkpoint in „Malandreni“, dafür aber Ralf Simon, unseren guten Geist und Betreuer von der DUV und Conny (oder war’s Natascha?). Vielleicht wirkt der Schock dessen, was mir vorhin widerfuhr, noch nach. Jedenfalls wirke ich auf die beiden ziemlich desorientiert: „Suchst du was?“ fragt Ralf … Tatsächlich finde ich im Gewimmel der Läufer, Supporter und Helfer zunächst nicht die Tränke. Erst stundenlang allein im Finstern, jetzt grelles Licht und ein Bienenschwarm von Menschen - irgendwie überfordert mich das … Gel, Wasser, „Thank you!“ und rasch weiter - Zeit habe ich genug verloren …

Auf guter Straße und gerade noch erträglichem Gefälle weiter abwärts. Zwei Kilometer Schwerkraftunterstützung, auf denen ich der Versuchung widerstehe das Tempo unverträglich zu steigern, um verplemperte Zeit aufzuholen. Ich weiß, dass das nicht möglich ist. Verlorene Zeit ist und bleibt verloren! Auf brettflacher Straße voran, ohne jede Orientierung. Meine Erinnerung weiß ungefähr, wo ich mich befinde: Am tiefsten Punkt einer weiten Talmulde. Überwiegend Oliven gedeihen hier, aber auch Wein und Feldfrüchte. Zu erkennen ist nichts von alledem, auch nicht im Kegel der neuen Stirnlampe. Ich habe sie auf minimale Leuchtkraft eingestellt, damit der Akku länger durchhält. Erst zu Beginn des Trails, oben vorm Sangas-Pass, werde ich ihr die volle Leistung abfordern. Ich laufe einer winzigen, scharf abgegrenzten Lichtblase hinterher. Ab und zu überholen Supporter-Fahrzeuge. Auf asphaltierter Straße durchaus willkommen, weil die Autoscheinwerfer für Sekunden mein Miniuniversum erweitern, bis wieder der schwarze Vorhang fällt …

Am nächsten Kontrollpunkt (CP41, Km 143,1) wartet ein Drop-Bag. Außer Gels enthält der Beutel Armlinge, die ich jedoch nicht brauche. Die dünne, luftdurchlässige Jacke hält den Wärmehaushalt von Oberkörper und Armen trotz nächtlicher Kühle in der Waage. Und an den Beinen fröre ich ohnehin erst in der Nähe des Gefrierpunktes. Die gegenwärtige Temperatur kann ich nur schätzen. Sicher eindeutig unter 20°C, aber wie weit … keine Ahnung. Wie schon den ganzen Tag über, weht auch jetzt kein Lüftchen. Ideales Klima also, um Strecke zu machen. Vielleicht sitzt „Pheidippides“, der Bote und Initiator dieses Wettkampfs, ja dort oben zwischen zwei Sternen!? Wie jedes Jahr zur Linken der von unserem Treiben köstlich amüsierten Götter. Es kann nicht schaden ihm zu danken, dass er im Morgengrauen aufbrach und dadurch den Sangas-Pass der kühlen Nacht überschrieb. - „Sangas-Pass“ … vier „S“ in einem Wort. Das zischt und züngelt schlangengleich. Vermutlich erwartet mich dort oben ein grauenerregendes Monster ... Schätzungsweise noch elf, zwölf Kilometer, dann wird die Straße steil ansteigen und letzte Spuren von Laufspaß ausradieren …

Trabende Nicht-Existenz

Ich hake Kilometer ab. Kilometer auf denen rein gar nichts geschieht. Kilometer in minimal ansteigender Landschaft, von der ich rein gar nichts sehe. Erinnerung zeichnet das Bild eines stetig enger werdenden Tales. Dass die Berge näher rücken, bestätigen Konturen rechts und links der Strecke: Oberhalb der Grenzlinien mache ich Sterne aus, darunter nicht. Willkommene Abwechslung beim „Beinahe-Nichts-Sehen“ verschaffen mir einige Supporter-Cars und die im Zwanzig-Minuten-Rhythmus angesteuerten Checkpoints. Etwas Öderes als dieses reizarme, nächtliche Getrappel ist schwerlich vorstellbar. Wenn mein Lichtkegel wieder mal einen der zahlreich am Straßenrand stehenden Schreine* dem Dunkel entreißt, beschert mir das einen der aufregenderen Momente ... Ich denke. Natürlich denke ich irgendwas, weil ein Mensch nicht wach sein und zugleich an nichts denken kann. Doch nicht einer der zäh fließenden Gedanken ist wichtig, nicht einer erzeugt einen Hauch von Erinnerung …

*) Die überall in Griechenland an Straßen, auf Feldern, im Gebirge und auch sonst wo errichteten Schreine heißen „Proskinitaria“. Ursprünglich unterbrachen die Menschen untertags die Arbeit, um vor einem Schrein ihr Gebet zu verrichten. Inzwischen werden Proskinitaria auch überall da aufgestellt, wo Menschen bei Unfällen starben, oder diese Unfälle überlebten. Die Schreine haben häufig die Gestalt einer Miniaturkirche und enthalten Öllämpchen für die ewige Flamme, Ölvorrat und auch Heiligenbilder.

Vorwärts, unablässig weiter vorwärts. Durchhalten! Immerhin komme ich voran, auch wenn meine müden Beine Distanz und Zeit inzwischen nicht mehr leugnen können. Unter ernsthaften Beschwerden leide ich jedoch weiterhin nicht. Alles gut, einfach nur weiter … Ein Dorf, „Lirkia“ steht auf dem Ortschild. Von der geradeaus weiterführenden Straße abbiegen und … steil aufwärts. Grenzwertig aber noch zu vertreten. Ein, zwei Minuten tippele ich hinan, dann stehe ich im Lichtkreis eines weiteren Checkpoints. Rascher Blick auf die Tafel: „Closing Hour 3:10“ steht da. Rasch Gel, Wasser und ein knappes „Thank you!“, dann bin ich mal wieder weg … Fühle mich nach wie vor vom Cut-off gejagt, auch wenn sich mein Zeitpolster bei ungefähr anderthalb Stunden eingependelt hat.

Hinter „Lirkia“ frisst mich erneut völlige Ereignis- inmitten totaler Lichtlosigkeit. Da geschieht nichts, da ist nichts, da bleibt nichts. Eine weitere Stunde Lebenszeit, an die ich mich in ähnlicher Klarheit erinnere, wie an jede im Schlaf verbrachte. Nur schlafe ich nicht. Ich trotte mit träge „eiternden“ Gedanken vor mich hin. Was durchs Oberstübchen blubbert, gleicht Traumsequenzen: Diffus, dunkel, irgendwie real. Ich bin mir nicht einmal meiner Schritte bewusst. Alles automatisiert. Zeichnete man meine Hirnfunktionen auf, es wären keinerlei emotionale Ausschläge zu verzeichnen. Keine negativen, erst recht keine wohligen. Bin hier und jetzt auf seltsame Weise nicht-existent.

Das Bild rechts entstammt dem Video „Loneliness of the Ultra Runner“, das aus Fotos des Photography Club Sparta besteht und auf Youtube verfügbar ist.

Menschsein

Erst im nächsten Dorf, in „Kaparelli“, werde ich mir des Menschseins auf schmerzliche Weise wieder bewusst. Und das geschieht so: Im Ort schweißtreibend steil bergauf zum Checkpoint (CP45, Km 153,9). Ich erbitte mein Drop-Bag und verstaue die Gels. Die gleichfalls enthaltenen Ersatzstrümpfe brauche ich nicht, ebenso wenig die Ersatzbatterie. Abgesehen von … na ja, du weißt schon … war die Taschenlampe bisher nutzlos, ergo ausgeschaltet. Beutel wieder verschließen und zurückgeben. Ich trinke Wasser, Gel hatte ich schon eine Weile vor der Tränke eingefüllt. „Angewidert“ wäre übertrieben formuliert, aber Widerwillen regt sich inzwischen durchaus, wenn die süße Paste meinen Schlund in Richtung Magen runter flutscht. Wie meinst du? - „Kulinarische Abscheu“ als Indiz fürs „Menschsein“? - Ich weiß nicht … Unterscheidet nicht auch ein Tier zwischen schmackhaft und gerade noch genießbar? - Nur Geduld, die Menschsein-Szene kommt gleich …

Ein Mitläufer erbittet sich einen Becher heiße Suppe, die in zugedecktem Topf auf heißer Platte warm gehalten wird. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen … Suppe schmecken, was für ein Fest für den Gaumen wäre das jetzt! Und wenn ich’s recht bedenke: Suppe wurde gekocht, ist nahezu keimfrei. Was also soll schief gehen, wenn ich auch … ? Schon während die nette Helferin mit der Suppenkelle meine Portion abfüllt, bereue ich mein Verlangen. Erhofft hatte ich Brühe, was da im Becher schwappt sind überwiegend Nudeln. „Thank you!“ und Abgang mit „bedröpelter“ Miene von hell erleuchteter Bühne …

Ich gehe ein Stück die Straße entlang, genauer gesagt: hinunter, und schlürfe, was der Becher an Brühe hergibt. Die Nudeln bleiben als Bodensatz zurück. Sie lägen mir wie ein Stein im Magen und dieses Risiko gehe ich nicht ein. Schon gar nicht jetzt, da der Pass aller Pässe unmittelbar bevorsteht. Ich sehe mich suchend nach einer Mülltonne um, finde aber keine. Stattdessen trottet mir ein Hund entgegen. Kein Halsband! Menschsein: Augenblicklich übermannen mich Bedauern und Hilflosigkeit gegenüber der herrenlosen Kreatur, deren Schicksal niemanden kümmert. Doch zum Glück hat mich - wer oder was auch immer - Suppe erbitten lassen, die ich nicht mag. Und die biete ich dem „Wuff“ nun an. Menschsein: Der Schritt auf ihn zu, war ein Fehler. Ängstlich weicht er zurück. Dann eben anders: Ich drehe den Becher auf den Kopf und der Nudelbatzen klatscht auf die Straße. „Lass es dir schmecken!“ sage ich noch, gehe meiner Wege und schaue mich verstohlen um. Hinter meinem Rücken schleicht er sich wölfisch an, schnüffelt vorsichtig, beginnt dann die Nudeln vom Boden zu schlecken … Menschsein: Erst jetzt, erwärmt von einem Moment der Freude, trabe ich wieder an. Binnen weniger Schritte verschlingt mich Dunkelheit und ich falle zurück in dumpfes Brüten …

Übelkeiten

„Kaparelli“ liegt am Fuß des Sangas-Passes. Hinter dem Ortsausgang gewinnt die Straße alsbald gehörig an Steigung. Steigung, die mir erschreckend heftig in die Beine fährt. Es ist ohnehin an der Zeit wieder Energie nachzutanken und ich beschließe außerplanmäßig zwei Gels zu „vernaschen“. Eine Taktik, die mir in der Vergangenheit meist half, wenn es galt außergewöhnliche Hürden zu nehmen. Im Saum stecken diesmal zwei verschiedene Gel-Marken. Gehend verleibe ich mir eins der bisher überwiegend genutzten mit Orangengeschmack ein. Das zweite stammt aus Restbeständen, ist zähflüssiger, schmeckt … irgendwie süß halt. Ich reiße es auf, drücke mir den ersten Schwung in den Mund und schlucke. Jäh wallt Übelkeit in mir auf. Mit einer Geschwindigkeit und Vehemenz, wie ich das nie erlebt habe. Ich verharre, rechne mit augenblicklichem Erbrechen. Will ich aber nicht! Ich brauche den Zucker. Gerade jetzt an diesem Berg!

Sekundenlanges Unentschieden: Bleibt es bei mir oder muss ich mich davon verabschieden? Unterdessen überstürzen sich meine Gedanken: Woher kommt die spontane Übelkeit? Ich habe Marke und Sorte vordem viele Male vertragen. Überhaupt konnte ich bisher jedes Gel, gleich welchen Herstellers und in welcher Wettkampfsituation, ohne Gegenwehr des Magens verwenden. Mir ist immer noch mies, dennoch setze ich mich gehend in Bewegung, die halb entleerte Gelpackung in der Hand. Übelkeit ist das eine, vom Höllenhund gejagt zu werden das andere … Rasch und spurlos, als hätte ich das abrupte Aufwallen gar nicht wirklich erlebt, verschwindet die Übelkeit wieder. Ich wechsele in langsamen Trab, den Rest des Gels zu schlucken traue ich mich allerdings nicht …

Steiler und steiler erhebt sich das Asphaltband vor mir gegen die unsichtbare Bergflanke. Ich ringe mit der Schwerkraft, mehr noch um Einsicht. Seit den ersten Schritten an diesem Hang spricht mein Körper mit mir. Nicht zum ersten Mal in meinem Läuferleben. Das geschah schon häufiger. Mit der Zeit habe gelernt seine Sprache zu verstehen. Und ich habe gelernt, seinen Rat ernst zu nehmen. Widersetzte ich mich, war die Konsequenz verheerend. Und doch will ich mich nicht beugen, mich der klaren Ansage nicht unterwerfen. Denn ich weiß, wie übel es sich anfühlen wird, wenn ich … gehe.

Weiter aufwärts traben, wider alle Vernunft. Ich empfinde die Drohung körperlich: Wenn ich meine Absicht umsetze, bis zum Einstieg in den Trail zu laufen, dann werde ich es nicht nach Sparta schaffen! ‚Was ist dir wichtiger? Das Finish oder dein verdammter Ehrenkodex?‘ - Ein paar verzweifelte Schrittchen weit trabe ich noch, dann füge ich mich ins Unabänderliche und gehe. - Es fühlt sich noch ekelhafter an, als ich fürchtete, hat den Geschmack von Niederlage, schlägt eine tiefe Wunde in mein läuferisches Wertgefühl. Mist verdammter! - Höre ich dröhnendes Gelächter von da oben? Ist das ein weiteres Opfer, das ihr von mir fordert?

Schlafwandler

Ich wende den Blick gegen die von undurchdringlichem Dunkel eingehüllte Flanke des Berges. Vereinzelte, schwache Lichtflecken bewegen sich aufwärts, offensichtlich auf den weit geschwungenen Serpentinen der Straße. Der Anblick ist weniger beeindruckend, als ihn ein vor Monaten gelesener Laufbericht beschrieb. Weniger beeindruckend und alles andere als erhebend. Ich latsche missmutig vor mich hin. So weit erkennbar verfahren alle andern in derselben Weise. Linkskurve und weiter bergan. Als wir die Straße mit dem Auto befuhren, war ich überzeugt den „harmlosen“ Anstieg laufend bewältigen zu können. Merke: Was ausgeruht im Auto sitzend harmlos aussieht, kann dich nach 155 gelaufenen Kilometern zur Strecke bringen. „Harmlos“ ist relativ!

Ich befriede meinen Geist, sich zu grämen bringt nichts. Auch in Sachen „Cut-off“ in Panik zu verfallen, wäre nicht hilfreich. Vermutlich trägt die Soll-Zeit diesem Anstieg Rechnung. Alles in mir beruhigt sich, ich gehe, gehe, gehe … schreite, schreite, schreite … gehe, gehe, gehe, … viele, viele Minuten lang, bis ich plötzlich ein paar torkelnde Schritte an mir selbst wahrnehme. Was ist das? - Ich denke diese Frage nicht als Satz ausformuliert, fühle sie eher. Ich bin nicht richtig bei mir. Kein Schmerz, keine Schwäche, keine Form krankhaft schwindenden Bewusstseins … Seit diesem Sommer kenne ich diesen Zustand: Ich bin hundemüde! Gehend kurz vorm Einschlafen. Wie vor Monaten im Morgengrauen auf dem „Kölnpfad“ …

Ich dämmere vor mich hin, gehe weiter, ständig an der Schwelle zum Schlaf. Setzte ich mich hin, schliefe ich auf der Stelle ein. Geh weiter! Geh! Geh! - Ein ganz und gar scheußlicher Zustand. Meiner selbst nicht mehr wirklich Herr zu sein. Es steht ja nicht nur der Körper kurz davor hinüber zu dämmern. Auch der Geist möchte ausruhen, das Bewusstsein verlieren. Schritte entstehen durch einen Rest von Willen, gelenkt von nervalen Automatismen. Denken geht kaum noch. Ein bisschen Hoffen ist noch verfügbar: In Köln war ich irgendwann wieder bei mir. Fühlte mich hellwach, konnte wieder laufen, als wäre nichts gewesen. Es wird, es muss, hier auch so kommen …

Kehre, weiter aufwärts, dann noch eine Kehre. So ähnlich muss sich Stumpfsinn anfühlen. Oder auch nicht. Schließlich ist sich der Debile seiner Geistesschwäche nicht bewusst. Und ich weiß, was mit mir nicht stimmt. Nicht stimmt? - Eigentlich stimmt alles. Um diese Zeit schlafe ich normalerweise. Frühes Aufstehen, langer Tag, vor allem auch die Hitze des Tages und der lange Weg hierher. Deshalb bin ich müde und deshalb „stimmt es“. Nur kommt es ungelegen. - Keine klaren Gedanken, ich schaffe es nicht mich zu konzentrieren. Vorwärts aufwärts gehen ist alles, was ich noch im Sinn habe. Gehen, gehen, gehen … Daneben hat nichts Platz.

Ich muss schon Stunden in diesem schlafwandlerischen Zustand unterwegs sein. Stiere auf die Straße vor mir. Dorthin, wo meine Lampe den glatten Asphalt erhellt. Nicht nach rechts, keinen Zentimeter weiter links, nicht ausnahmsweise mal voraus und auch meine Fußspitzen interessieren mich nicht die Bohne. Gehen und Stieren. Stieren und Gehen. Weiter, immer weiter. Vielleicht ist das eine Form von Schlaf. Vielleicht regenerieren Körper und Geist auf diese Weise. Mag sein, doch leider fühlt es sich abscheulich an. Schlafenwollen kontra Gehenmüssen …

Irgendwann erreiche ich die bekannte Unterführung der Autobahn. Drunter durch, dahinter links und sofort wieder steil bergan. Hundert Meter, zweihundert, Rechtskurve, immer noch rauf. Schließlich flacht die Straße ab und stückweit voraus ist Leben - der Checkpoint „Mountain Base“! Dort eintreffend kommt es mir vor, als stünde ich an einem Samstag vor Weihnachten im Eingangsbereich eines Kaufhauses: Unzählige Menschen, Läufer, Supporter, Helfer, Offizielle. Umtriebig, bemüht, zielstrebig, manche gar eilig. Ist die Hektik real oder bildet sich meine weggetretene Großhirnrinde das nur ein?

Offizielles Zwischenergebnis an CP47 „Mountain Base“, Km 159,5:
Zeit: 3:42:26 Uhr (20:42:26 h), Abstand zur Closing Time: 1:27 h, Position im Feld: 154
Registrierte Teilnehmer: 282 (von 370), davon M60 und älter: 6 (von 11)

Die roten Augen des Teufels

Auf jeden Fall wecken Gewimmel und nötige Verrichtungen meine Lebensgeister: Gel, Wasser trinken, für das übliche „Thank you!“ findet sich kein Empfänger. Ich richte meinen Blick auf die Tafel des Checkpoints und berechne mein Zeitpolster. „Closing Time 5:10“, also immer noch fast anderthalb Stunden Vorsprung vor meinem Todfeind. Das Gehenmüssen mag mein Ego demoliert haben, das Zeitpolster brachte es nicht zum Abschmelzen. Ausnahmsweise berechne ich die vorgesehene Zeit bis zum nächsten Checkpoint, oben bei „Mountain Top“. Closing Time dort: 5:50 h, minus 5:10 Uhr hier, ist gleich 40 Minuten. 40 Minuten für rund zwei Kilometer? Ist das nicht übertrieben? Ich überquere die Straße und …

… richte den Blick in nachtschwarze Höhen. Für einen Moment stockt mir der Atem. Rote Markierungsleuchten und aufwärts kriechende helle Schemen skizzieren den bevorstehenden Trail vor finsterem Hintergrund: Entsetzlich steil hinan! Viel steiler als in meinen von „wird-schon-nicht-so-schlimm-werden“ eingelullten Vorstellungen. Für eine unbekannte Spanne sagen meine Füße ihrem Freund Asphalt Lebewohl. Erste knirschende Schritte auf planiertem Geläuf nähren Hoffnungen einen wenigstens unschwierigen, wenn schon steilen Pfad vorzufinden. Keine zwei Minuten später platzt auch diese Seifenblase. Dafür bin ich nun wieder hellwach. Müde aber hellwach. Der Serpentinen-Halbschlaf von „Kaparelli“ hier rauf scheint überwunden. Mit „Laufen“ hat meine Aufwärtsbewegung nichts gemein. Auch von „Gehen“ spräche kaum jemand, der mich diesen Steilhang raufstolpern sähe, über loses Geröll, scharfkantiges Gestein, dann und wann unnatürlich hohe oder weit ausgreifende Tritte setzend. Also Füße höher heben! Mit Willenseinsatz erzwingen, was müder Schrittautomatismus verwehrt. Hin und wieder verkante ich einen Fuß, rutsche auf Kullersteinen ab oder schramme mit der Fußspitze gegen Fels. Dann jagt jäher Schrecken wie ein Blitz durch meinen Körper und schärft die Sinne. ‚Wahnsinn! Ist das steil!‘ denke ich in einem fort. Oder einfach nur: ‚Das gibt’s doch nicht!?‘, wenn hinter einer Kehre ein paar der gruselig roten Augen des Teufels die nächsten steilen Meter des Steiges ahnen lassen …

Oh Einfalt, dein Name ist Udo! - Mehr Licht! Hatte vergessen die Stirnlampe auf höchste Leuchtstufe zu schalten und erkenne nun Unebenheiten besser. Weiter aufwärts, weiter stolpern, bisweilen trotten. Kehre um Kehre. Auf manchen Abschnitten entpuppt sich der Trail als weniger anspruchsvoll, wenn eine im Dunkel verborgene Serpentine die Steilheit zwischen zwei roten Teufelsaugen entschärft. Ob 40 Minuten für diese schrundigen 300 Höhenmeter reichen werden? Schon jetzt - noch mittendrin - habe ich jedes Zeitgefühl verloren. Ist auch egal, könnte die Haxen ohnehin nicht rascher bewegen. Ob einer der Schnelleren in der Lage war hier rauf zu laufen? Vor und hinter mir gehen alle. Manche kommen schneller voran als ich, ließ vorhin jemanden passieren. Wenigstens fühle ich mich nicht allein gelassen. Immer wieder stehen Streckenposten am Wegrand, einmal sogar ein Sanitäter samt Erste-Hilfe-Koffer, für den Fall der Unfälle. Meine Füße hassen diesen Weg und ich schließe mich ihnen an. Wünsche mit Inbrunst die Passhöhe herbei … Einmal blitzt es vor mir auf: Ein sich unvermutet aus dem Dunkeln schälender Fotoposten hat meine Mühen im Bild festgehalten. Noch eine Kehre, eine weitere und schließlich … vielleicht die Letzte? - Ich ahne die Passhöhe mehr als ich sie gegen den mit Sternen dekorierten Himmel ausmachen kann. Ein paar Schritte noch, ein letzter Stolperer, dann habe ich den Sangas-Pass bezwungen und trete in den Lichtkreis von Checkpoint 48, „Mountain Top“.

Noch mehr Steine

Die düsteren Prophezeihungen von Wind und beißender Kälte auf der Passhöhe erfüllen sich nicht. Stattdessen herrscht nachtkühle Windstille. Trotzdem erbitte ich mein voraus geschicktes Drop-Bag und kleide mich neu ein: Schlauchtuch über Kopf und Nacken, winddichte Jacke an Stelle der dünnen, zum Schluss leichte Handschuhe. Mein Oberkörper ist weitgehend abgetrocknet, ergo verzichte ich darauf das Unterhemd zu wechseln. Zuletzt fische ich die deponierten Gels heraus, verstaue sie wie gehabt, drücke mir das letzte in den Mund und spüle mit Wasser nach. Drop-Bag verschließen und zurückgeben, „Thank you!“ nicht vergessen, dann vertraue ich mich dem „Downhill Trail“ und sofort wieder der schwärzesten aller schwarzen Nächte an … - Aber halt! Erst noch ein prüfender Blick auf meinen Cut-off-Vorsprung: Keine Veränderung gegenüber „Mountain Base“. Auch wenn es mir viel länger vorkam - augenscheinlich habe ich einschließlich Umkleiden und Verpflegen nicht mehr als die veranschlagten 40 Minuten für den vermaledeiten Sangas-Hang verbraucht!

Bergab flott laufen und Zeit gutmachen! Wer diese Absicht in der Flanke des „Sangas“ konsequent umsetzt, läuft Gefahr sich den Hals zu brechen. Und das, obwohl die planierte, mehrere Meter breite Schotterpiste einen gutartigen Eindruck vermittelt - aber nur auf den ersten Blick. Ein paar beherzte Schritte und schon rutschen meine Sohlen auf dem stark abschüssigen, gerölligen Untergrund weg. Überdies drohen die Fußspitzen an grobschlächtig aufragenden Gesteinsbrocken „einzufädeln“. Mehrfach verliere ich die Balance, muss mein Gewicht auf null abbremsen, um den Körper wieder in eine sichere, stabile Lage zu bringen. Es folgt ein steter Wechsel zwischen stolpernden Laufschritten und vorsichtigem Abwärtstasten. Stoßgebet oder Fluch - was hilft eher? Götter meiden diese Einöde sicher, also tendiere ich mehr und mehr zum Kraftausdruck. - Waden, Oberschenkel, vor allem Knie betteln inständig um Erlösung. Wie lange noch abwärts? Wie lange noch diese extreme Spannung in den Beinen halten müssen? Mehr als 160 Kilometer und über 21 Stunden tragen sie mich schon durch Griechenland und jetzt das … - Knirschendes Rutschen, von Adrenalin induziertes Erschrecken, intuitives Abfangen und Austarieren - wieder einmal gut gegangen! Zeitweiliges geht in hemmungsloses Fluchen über. Bewährtes Mittel zur Stressbewältigung, wenn mich Unberechenbarkeiten körperlich hart bedrängen. - Wieder ein paar gelaufene Schritte, abstoppen, tastendes Gehen, vorsichtig laufen lassen, bremsen, gehen, immer weiter runter …

Wahrscheinlich kommt mir die Passage länger vor als sie tatsächlich währt. Irgendwann flacht die Schotterpiste ab und ein paar Häuser kommen in Sicht. Endlich. In aufkeimende Entspannung feuert meine Stirnlampe ihr Warnsignal, blinkt dreimal kurz. „Akku bald leer“ heißt das. Zum Akku-Wechsel steuere ich eines der nahen Häuser an und bediene mich eines Mauervorsprungs, um die Gerätschaften ab oder bereit zu legen. Sodann: Taschenlampe anknipsen, mit dem Mund halten, Akku-Wechsel, leeren Akku verstauen, Lampe wieder aufsetzen und weiter … Ich stelle die Lampe auf maximale Leuchtstärke. In diesem Betriebsmodus hält eine Akku-Ladung vier und hell wird es in längstens zwei Stunden …

Denksportaufgabe

Noch in diesem Dorf treffe ich auf den nächsten Checkpoint. Zwei einsame Männer kümmern sich um einen einsamen Läufer, mich. Drei Seelen in einer wie ausgestorben wirkenden Ansammlung von Häusern. Irrationale Empfindung: Wo sind die Menschen? - Auf seltsame Weise fehlt mir inzwischen jeglicher Bezug zur Ist-Zeit, obschon ich vielfach zur Uhr schaute, eben sogar den Zeitpunkt des Hellwerdens kalkulierte. Ich schlage mir die Nacht um die Ohren. Selbstverständlich hält das den Rest der Welt nicht davon ab zu dieser Stunde tief und fest zu schlafen. Irgendwie unnatürlich kommt es mir dennoch vor meinen Weg gänzlich unbeobachtet fortzusetzen …

Weiter abwärts fortzusetzen, bis das Dorf hinter mir liegt. Nicht lange und ich gebe dem schon länger verspürten Drang nach mich zu erleichtern. Nicht zum ersten Mal übrigens, was mich indes nicht wundert, weil ich in kühler Nachtluft und „downhill“ kaum Schweiß verliere. Und weiter, inzwischen auf flacher Straße und wieder durch pechschwarze Nacht. Nicht ein Lichtpunkt außerhalb meines eng umschränkten Kleinuniversums. Auch kein huschender Schein eines Leidensgenossen vor mir. Nichts. Schritt für Schritt, Sekunde reiht sich an Sekunde - wieder leer im Kopf, neuerlich anhaltende Ereignislosigkeit. Beinahe jedenfalls: Ich muss schon wieder. Aber ich hab doch erst. Höchstens eine Viertelstunde her!? - Es wäre nicht der erste erschöpfende Lauf, der meinen Körper solchen Drang vortäuschen lässt, um sich eine kleine Pause zu erschleichen. Wahrscheinlich ist das jetzt auch so … Dennoch treibt es mich zum Straßenrand und mit einiger Verwunderung erledige ich das Nötige. Im selben „Umfang“, wie vorhin. Kann das sein? Woher kommt das viele Wasser?

Nächster Checkpoint, versorgen, „Thank you!“ sagen, weiter. Fünf Minuten, dann muss ich wieder. Und muss tatsächlich, obzwar das letzte Mal wiederum höchstens 20 Minuten zurückliegt. Wieder kostet mich dieser Halt etwa eine Minute. Für die „Sache an sich“, um meine Kleidung zu richten und den Gürtel mit Ausrüstung in Position zu rücken. Weiter. Viertelstunde, zwanzig Minuten und … du ahnst es sicher … same procedure as before. Ich kapiere es nicht. So weit ich noch zu analytischem Denken fähig bin, beschäftigt sich mein Kopf nun angestrengt mit der Frage, warum der Körper in so kurzen Intervallen Unmengen an Flüssigkeit loswerden will. Natürlich trinke ich nach wie vor Wasser, um das geschluckte Gel zu verdünnen. Aber nicht mehr so viel wie tagsüber unter sengender Sonne. Vielleicht liegt es an den Salztabletten, auf die ich seit gestern, als es kühler wurde, verzichte. Salz bindet Wasser im Körper. Nun gibt er es ab. Mag sein, aber das bisschen Salz reißt nicht literweise Flüssigkeit an sich. Rätselhaft …

Never change a running system

Der nächste Checkpoint (CP51, Km 169,8) unterbricht meine Überlegungen, fordert volle Konzentration, jedenfalls den mir davon nach langem Wettkampf noch verbliebenen Rest. Ich erbitte mein Drop-Bag und passe zunächst meine Bekleidung an. Auf Handschuhe und Schlauchtuch meine ich verzichten zu können, sie wandern in den Beutel. Die Jacke behalte ich an. Frische Schuhe oder Strümpfe? - Nein, lieber nicht. Ich folge der einst für Computer-Hardware formulierten und im Ultrasport bewährten Devise „Never change a running system!“ Auch Vaseline und Batterie taste ich nicht an; Wundsein droht nicht und die Taschenlampe nutzte ich bisher nur ein paar Minuten. Zuletzt die Gels verstauen, eins konsumieren, Wasser trinken und abschließend den Beutel mit der Bitte „Back to Sparta!“ zurück reichen.

Thema durch

Und schon tippele ich wieder über die Landstraße. Nicht weit und mir bleibt nichts anderes übrig als Deckung am Straßenrand zu suchen. Unfassbar, unerklärlich. Um deine Lesegeduld mit diesem Aspekt meines Spartathlon-Abenteuers nun nicht weiter zu strapazieren, greife ich vor: Es geht in diesen - pardon - Pinkelintervallen weiter. Die Abstände werden länger werden, wenn die Sonne vom Himmel sticht, aber versiegen wird die „Quelle“ auch dann nicht. Ohne jede Übertreibung: Geschätzte 20 bis 30 Mal wiederholt sich der Vorgang, immer mit derselben Ergiebigkeit. Dass ich dafür letztendlich keine stichhaltige Erklärung finde, stört mich weniger als durch diese „Notwasserungen“ insgesamt etwa 20 bis 30 Minuten kostbare Zeit zu verlieren. Thema durch! Ich werde es lediglich noch in Form verlorener Zeit zitieren …

Zeit über die Kälte zu klagen: Ob die Temperatur zwischenzeitlich tatsächlich so tief gesunken ist, wie es mir vorkommt, weiß ich natürlich nicht. Fest steht, dass mir oben auf dem Sangas-Pass und in der Stunde danach, sogar noch vorhin, als ich mich der Handschuhe entledigte, kuschelig warm war. Und dass ich nun hundserbärmlich friere. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie übel ich ohne winddichte Jacke dran wäre …

Noch immer gejagt

Die vier, fünf Kilometer nahezu flache Wegstrecke haben mir gut getan. Ich durfte laufen und das grässliche Gehenmüssen am „Sangas“ vergessen. Meine Füße haben die Sangas-Trail-Tortur beschwerdefrei überstanden. Auch von der Ausdauer her spüre ich kein Limit. Selbst in diesen Minuten nicht, da ich aus der bisherigen Ebene (?) moderat aufwärts auf einen beleuchteten Straßenabschnitt zuhalte. Das wird vermutlich das Kleinstädtchen „Nestani“ sein, wenngleich ich eher erwartet hätte „Nestani“ bergab zu betreten. „Nestani“ liegt in einem Talkessel, der sich nur nach einer Seite zu einem Hochplateau hin öffnet. Vor Tagen versuchten wir hier ein Hotel für Ines zu finden, weshalb ich den Ort kenne. Jedenfalls dachte ich ihn zu kennen …

Hell erleuchtete Gassen: Noch kurz bergan, vorbei am Friedhof und sofort wieder hinab, den gelben, in diesem Bereich rot umrandeten Pfeilen der Wegweisung folgend. Ich brauchte nie konzentriert auf die Pfeile und das „SP“ zu achten. Meist war der Geradeausweg alternativlos oder Mitläufer wiesen den Kurs. Und wenn doch einmal ein Richtungswechsel erfolgte, dann waren die Wegweiser nicht zu übersehen. Nicht einmal musste ich mir suchend die Augen verrenken, hatte nie den geringsten Zweifel an der Wegführung. - Asphalt geht in helles Pflaster über, ganz so als beträte man eine Fußgängerzone. Hundert Meter weiter, im kleinen Zentrum des Städtchens, erreiche den auf der „Platía“* eingerichteten Checkpoint (CP52, Km 171,5) und überlaufe die Matte der elektronischen Zeitmessung.

*) Platía = Πλατεια = Hauptplatz eines Ortes

Offizielles Zwischenergebnis an CP52 „Nestani“, Km 171,5:
Zeit: 6:25:07 Uhr (23:25:07 h), Abstand zur Closing Time: 1:04 h, Position im Feld: 174
Registrierte Teilnehmer: 273 (von 370), davon M60 und älter: 5 (von 11)

Obzwar auch in „Nestani“ Supporter „supporten“ dürfen, belagern nur wenige Menschen den Kontrollpunkt. Vielleicht auch eine Fehleinschätzung, da meine Wahrnehmung inzwischen gelitten hat. Was ich sehe ist real und geschieht genauso, wie ich es sehe. Nur irgendwie jenseits von etwas unbestimmbar Trennendem, wie durch eine voll transparente Wand. Und die Frage bleibt: Bekomme ich alles mit, was rings umher geschieht?*

*) Nicht falsch verstehen: In „Nestani“ war ich zu sehr „weggetreten“, um mir Gedanken über meine Wahrnehmung zu machen. Es war mir seinerzeit nicht einmal klar, dass ich „anders“ wahrnehme als im Normalzustand. Erst die Erinnerung zeigt die Abweichung auf.

Der hübsche, gänzlich von ausladenden Bäumen überdachte Platz strahlt sogar in der Dunkelheit etwas Anheimelndes, zum Verweilen Einladendes aus. Nur besteht absolut kein Grund hier länger zu verweilen als für den inzwischen eingespielten Dreikampf „Gel-Wasser-Vorsprungsberechnung“ erforderlich. Noch immer in der Rolle des Gejagten halte ich mich strikt daran …

Es ward Abend, und es ward Morgen: Der zweite Tag …

Ich habe Zeit liegenlassen, mein Vorsprung auf Kerberos ist auf gut eine Stunde abgeschmolzen. Wodurch kann ich nur vermuten, wirklich beunruhigt bin ich darob nicht. Liegt vielleicht daran, dass ich für die verbleibenden 75 Kilometer noch mehr als 12 Stunden Zeit habe. Wie sollte ich das nicht packen? Hätte ich zu diesem Zeitpunkt geahnt, was mir an Widrigkeiten und Härten noch bevorsteht, ich wäre vermutlich weniger zuversichtlich aufgebrochen.

Der von Vorahnungen Unbelastete erinnert sich auf leicht abschüssiger Ausfallstraße an die Begegnung mit der trächtigen Hundedame als wir vordem durch „Nestani“ spazierten. Mitten auf der Kreuzung schmiss der Vierbeiner sich mir zu Füßen, drehte sich auf den Rücken und ließ sich mit vertrauensvoll geschlossenen Augen am Bauch kraulen. Kein Halsband! Also erfüllte ich ihr diesen Wunsch gerne ein, zwei Minuten, zumal uns kein Auto von dort verjagte. Nur der Abschied war schlimm. Wegen ihrer Trächtigkeit trottete sie behäbigen Schrittes hinter uns her. Zuletzt legten wir einen kleinen Zwischenspurt hin, um sie abzuhängen und das Auto zu erreichen … Ich verdränge die Erinnerung, um meinem schlechten Gewissen zu entrinnen, fühle mich auch so schon „mies“ genug.

6:30 Uhr. Es dämmert, als der Ortsrand von „Nestani“ hinter mir zurückbleibt. Wenig später schalte ich die Lampe aus. Die Nacht ist überstanden. Ein Wert an sich. Über „nah“ hinaus wieder Halbdistanz und Ferne unterscheiden zu können, empfand ich bei Übernachtwettkämpfen immer als eine Art Wiedergeburt. Ein durch und durch verkehrtes Gefühl. Schließlich war ich all die dunklen Stunden bei mir, fühlte Leben in mir (na ja, meistens jedenfalls). Wenn schon, dann war die Welt verloren, ausgelöscht, verschwunden und ist nun wiedererstanden … Sicher kein Zufall, dass ich ausgerechnet im beginnenden Stimmungsaufschwung an Ines denke. Wähne sie noch in Morpheus Armen, allenfalls gerade aufgestanden und sich aufs Frühstück vorbereitend.

Noch immer hätte ich nicht übel Lust mit den Zähnen zu klappern. Wer es nicht am eigenen Leib erfährt, wird kaum glauben, wie kalt es Anfang Oktober auf dem Peloponnes werden kann. Zwar quere ich hier eine allseitig von hohen Bergen umgrenzte Hochebene (ca. 650 m ü.NN), aber eben auf einem Breitengrad, der auch Nordafrika schneidet. Unter der Autobahn hindurch, dahinter nach links, infolge massenhaft ausgebrachter Pfeile unmöglich zu verfehlen. Und nun stur geradeaus, erst hundert, bald tausend Schritte weit und mehr ...

Notlage (1)

Seit längerem, lange vor „Nestani“, habe ich keinen Mitläufer mehr bewusst wahrgenommen. Weiß nicht wieso. Niemandem räumlich nahe gewesen zu sein, ist höchst unwahrscheinlich. Zeitweise Isolation könnte es erklären: Eingesponnen in einen Kokon aus Licht, fixiert auf Kapriolen des eigenen Körpers, dazu der fortschreitende „Autismus“. Erst jetzt, mit wiedererlangter Weitsicht, erkenne ich stückweit voraus eine Läuferin. Der Abstand verkürzt sich, alsbald bin ich gleichauf und ziehe vorbei. Schweigend, teilnahmslos, nahezu apathisch. Startnummern und Aufmachung interessieren mich schon lange nicht mehr. Aber meine innere Abgeschiedenheit ist umfassender: Wieso gelingt es mir, einem D-Zug gleich an ihr vorbeirauschen, obwohl selbst nicht mehr sonderlich flott auf den Beinen? Mein relatives D-Zug-Tempo fällt mir nicht einmal auf, von weitergehenden Überlegungen ganz zu schweigen.

Vor einer großen, um diese Zeit verkehrstoten Kreuzung, lenke ich meine Schritte zum nächsten Checkpoint (CP53, Km 175,5). Noch während meines „Dreikampfs“, trifft besagte Läuferin ein. Für ein paar Augenblicke sind wir beide mit den Helfern alleine. Dann geschieht Verwirrendes und die Ereignisse überschlagen sich: Einer der Helfer entfaltet eine knisternde Rettungsdecke, öffnet den Verschlag seines nahebei stehenden Pkw und breitet die goldene Folie über die hintere Sitzreihe. Zugleich erschallt eine zornige Männerstimme, lässt mich herumfahren: „Was rufst du mich an? Du weißt doch, dass ich dir nicht helfen darf! Was soll ich hier?“ - Mit kraftloser Stimme begegnet die Gescholtene dem Vorwurf: „Ich bin völlig fertig. Muss mich erst mal eine Stunde hinlegen und schlafen!“ Haucht es mehr, als sie es spricht und verzieht sich in den Pkw, vom Arm des Helfers gestützt.

Zwischen Empörung und Freude

Ich breche auf, weiß also nicht zu berichten, welchen Fortgang die Szene nimmt ... Stattdessen regt sich Unmut in mir: Sein Einwand war dem Regelwerk des Laufes gehorchend korrekt. Und doch: Wie kann man jemanden in offensichtlicher Bedrängnis derart anschnauzen? Ein Supporter seinen Schützling, der Mann die Frau, der Starke den hinfällig Schwachen? Geht gar nicht! - In meiner Empörung - der ersten nennenswerten Gefühlsaufwallung seit Stunden - entgeht mir ein offensichtlicher Umstand, der mir erst viel später, rückblickend, klar wird: Die beiden sprachen Deutsch!

Keine zwei Minuten später dringt Musik an mein Ohr. Mein Mobiltelefon dudelt die bekannte Melodie. Ines!!! Jetzt schon??? Kurz nach sieben??? Abrupt bleibe ich stehen und nestele das „Sprechkästchen“ mit fahrigen Bewegungen hervor. War mir ihre Stimme je willkommener? Freude pur! Wir koordinieren kurz unseren nächsten Treffpunkt: „Bin gerade bei Checkpoint 53 weg!“ - „Okay! Werde sehen, ob ich es rechtzeitig bis „Zevgolatio“, CP57, Km 186,1, schaffe.“ Bis dahin sind es noch über 10 km rechnet Ines für mich aus. „Dafür brauche ich mehr als eine Stunde! Das schaffst du bestimmt!“ und sie pflichtet mir letztendlich bei.

Notlage (2)

Meine Lebensgeister kehren stufenweise zurück. Das Hellwerden leitete den Prozess ein, die Aufregung um die völlig erschöpfte Mitläuferin weckte weitere Emotionen und nun, nach dem Gespräch mit Ines, wähne ich mich vollends erfrischt im Diesseits. Entsprechend optimistisch trotte ich die Straße entlang. Dass sie, wie die meisten Straßen der Spartathlon-Route, schier endlos weit und nahezu geradeaus in dieselbe Richtung führt, bringt mich nicht aus dem mentalen Gleichgewicht. Meist saugt sich der Blick an einem Stück Asphalt, ein paar Meter vor meinen Füßen fest. Und wenn ich aufblicke, dann eher um das komplette Panorama einer weiten, von spärlich begrünten Bergen eingeschlossenen Hochebene aufzunehmen.

Nächster Checkpoint und krasse Richtungsänderung: Ab hier zuckele ich auf die Hänge der ostwärts gelegenen Berge zu. Passiere vielfach Weingärten, bestellte Felder und einen einsam gelegenen Bauernhof - verbellt vom aufmerksamen Wachhund. Olivenbäume fehlen. Entweder ist es hier „oben“ zu kalt oder den Bauern ist der fruchtbare Boden für den Olivenanbau zu schade. Apropos kalt: An jedem Kontrollpunkt entblöße ich kurz meine Brust zur Registrierung der Startnummer, eine inzwischen in Fleisch und Blut übergegangene Handlung, um dann den Reißverschluss sofort wieder bis zum Stehkragen zu schließen. Ob subjektiv empfundene oder tatsächliche Kälte: Noch immer friere ich und zittere wie Espenlaub, wenn ich auch nur ein paar Sekunden zu lange am Checkpoint verweile.

Eine Unterführung. Mein Orientierungssinn gehört nicht zu den wiederbelebten Fähigkeiten, sonst wäre mir klar, dass ich einmal mehr die Autobahn unterquere. Vielleicht aber auch ein Sachverhalt der mangels Relevanz ausgeblendet wird. Hinterm kurzen Tunnel der nächste Kontrollpunkt (CP55, Km 178,8). Schon wieder einer? Der letzte ist doch höchstens 10 Minuten her? Tatsächlich trennen CP54 und 55 nur 1,3 brettflache Kilometer. Ein Becher Wasser, das englische „Dankeschön!“ und gegenüber weiter, ab hier zwischen Berghang und Autobahn. Unser Sträßchen verläuft einstweilen parallel zur Autobahn, nicht mal einen Steinwurf weit entfernt. Ich spreche von „unserem“ Sträßchen, weil ich auf den ersten paar hundert Metern einige Läufer überhole.

Es kneift im Unterbauch. Ich vermute eine Blähung und achte nicht weiter darauf. Das Zwacken wiederholt sich mehrmals. Positiv denken: Da kann nichts mehr drin sein! Ich halte Kurs, nach abermaligem Beben der Bauchdecke allerdings ein wenig beunruhigt. Da baut sich was auf, das ich leugne, bis die Unvermeidlichkeit außer Zweifel steht. Kein geeigneter Ort hier: Rechts Autobahn, links Abhang mit ein paar Büschen. Also aushalten, kann es sicher noch eine Weile kontrollieren. Als ich die letzte, nunmehr ultimative Drohung „empfange“, hat sich der linke Straßenrand längst zu einem mit Sand, Steinen und Unrat angefüllten Straßengraben gewandelt. Unmittelbar dahinter erhebt sich eine senkrechte Felswand, die, so weit das Auge reicht, kein Ende nimmt!

Von Panik getrieben flitze ich in den Straßengraben und komme hinter dürrem Busch auf Unmengen von Müll wackelig zum Stehen. Mir bleibt keine Wahl, als mich öffentlich, unter absolut unwürdigen Umständen zu erleichtern. Wer zufällig in meine Richtung blickt, darf dem Schauspiel beiwohnen. Sein Fahrzeug lenkend von Autobahn und Straße aus oder in aller Deutlichkeit - sozusagen mit Logenplatz - alle vorhin überholten Mitläufer. Erst joggt einer vorbei, guckt irritiert her und hurtig wieder weg, dann ein zweiter, … drei, … mehr … Schamgefühl regt sich keines. Dazu fehlen mir Kraft und Alternative. Bedauern, vielleicht auch Ärger, fühle ich, weil das Malheur wieder eine Viertelstunde wertvolle Zeit vernichtet. Nicht vorstellbar, meinst du? - Lauf 24 Stunden und 175 km weit, dann reden wir noch mal drüber …

Leichte Kilometer

Erneut ein bitterböser Schelmenstreich, an dem sich das durch und durch gelangweilte Götterpack ergötzte. Wäre ich nur ansatzweise abergläubisch, müsste ich mich fragen, was ihnen wohl als nächstes einfällt. Ein paar hundert Schritte sind nötig, um den Verdruss abzuschütteln, dann setze ich einen Haken hinter das Geschehene und richte den Blick nach vorn. Dort warten noch etliche flache Kilometer auf meine Füße und bis ins Ziel fehlen „nur“ noch rund 65 km. Außerdem werde ich Ines bald treffen!

Noch immer hat die Sonne den Sprung über die östlichen Bergrücken nicht geschafft. Vereinzelt liegen Nebelschwaden wie Leinentücher über dem Hochtal. Ich kenne diesen Abschnitt des Kurses, weiß, was er mir optisch zu bieten hat. Weithin intensive Landwirtschaft, vor allem Obstanbau, Wein und Tomaten. Schon zu dieser frühen Stunde am Samstag sind Bauern unterwegs. Reife Ernte wartet nicht, sie will eingebracht werden. Ein Lkw mit offener Plane steht am Straßenrand, leere Kisten stapeln sich daneben, warten auf eingebrachte Feldfrüchte. Volle wurden bereits verladen. Was drin ist? - Zu sehr Nebensache, um nach solchen Details zu forschen.

Die Schritte fallen mir nicht mehr leicht. Entscheidend ist, dass ich sie noch ohne große Überwindung zustande bringe. Wenn ich meinem Laufgefühl vertrauen darf, dann ist auch noch kein Limit abzusehen. Fortschreitende Erschöpfung werde ich mit Temporeduzierung ausgleichen können. Bis zum glücklichen Ende in Sparta! Ich will und ich kann!

Ein letzter Checkpoint, bevor ich Ines treffe. Er kostet mich ein wenig Zeit, weil hier ein Drop-Bag mit Gels lagert, die es zu verstauen gilt. Die seit bald anderthalb Stunden nutzlos auf meinem Kopf thronende Stirnlampe werde ich noch ein paar Minuten weiter tragen. Die Funzel war zu teuer, um sie dem Risiko eines Verlustes beim Drop-Bag-Rücktransport auszusetzen. Weiter auf flacher Straße, mehr oder weniger geradeaus, fünf Minuten, zehn, fünfzehn … Ortseingang „Zevgolatio“ und direkt in Ines Arme … Dass mir der Tag in diesem Moment strahlend hell und schön erscheint, ist unserer Wiedervereinigung geschuldet. Na gut, zum kleineren Teil vielleicht auch der endlich wieder am Himmel erschienenen Sonne.

Fehlende Erinnerung

„Zevgolatio“ liegt hinter mir. Vom nächsten Treff mit Ines trennen mich lediglich neun Kilometer. Ich spule sie leidenschaftslos ab, einen nach dem anderen. Klingt nach munterem Trab, nach „alles unter Kontrolle“, stimmt so aber nicht. Der Kampf um den jeweils nächsten Schritt hat begonnen. Ich bringe den Willen dazu auf, alles andere überlasse ich meinem Körper. Der setzt Schritte. Zähe Schritte? Noch erträglich flotte Schritte? Ich weiß es wirklich nicht. Mitläufer auf der Straße. Kann nicht sagen, ob ich mich ihnen nähere, der Abstand konstant bleibt oder sie davon ziehen. Zwei weitere Checkpoints steuere ich an. An einem leere ich ein Drop-Bag. Muss mehrmals abbiegen, einmal eine Bahnlinie überqueren. Weiter voran durch flaches Land. Irgendwann halte ich auf eine runde, dicke Turmruine zu. Die kenne ich, vom Auto aus schon mal gesehen. Überquere die Straße und jogge durch eine schattige Ansiedlung. Mehr Einzelheiten prägen sich meiner Erinnerung nicht auf. Ein äußerst bescheidener Extrakt von 105 Minuten, in denen ich allerdings auch nichts weiter im Sinn habe, als Zeit und Strecke mit Füßen tot zu treten. Weiter, immer weiter. Weg vom Höllenhund, hin zur winkenden, leider noch quälend weit entfernten Göttin „Nike“ …

Zunächst freue ich mich auf meine ganz persönliche Siegesgöttin (siehe Bild)! „Alea-Tegea“ heißt der Ort, was ich nicht weiß, weil es mir entfallen ist. Und wüsste ich’s noch, wäre es mir gleichgültig. Inzwischen finden Nebensächlichkeiten und Randnotizen in meinen Hirnaktivitäten nicht mehr statt. Ich sehe, höre, spüre. Beachte jedoch nur, was den nächsten Schritten dient. Linkskurve im Ort, eine weitere Minute und dann stehe ich wieder vor Ines. Gel schlucken, Wasser trinken, alles automatisiert. Ines reicht mir eine frische Babywindel. Sonnenstand und Temperatur raten dazu die Birne wieder zu verhüllen.

Angeblich weist mein Laufstil bereits „Schlagseite“ auf. Wenn sie’s sagt, wird es wohl stimmen, wenngleich ich selbst noch nichts davon merke. Beschwerden verursacht die nach rechts abgeknickte Haltung ohnehin nicht. Ich spüre es an der „Drift“, einem Auto mit falsch eingestellter Spur ähnlich, das ohne Gegenlenken ausbräche. Aber so weit ist es noch nicht. Ines’ zweite Botschaft empfinde ich als weit unangenehmer: Lange 17 km, bis sie mich wieder versorgen darf. Grund genug ihre Nähe noch eine Weile zu suchen. Doch so verlockend die Vorstellung sein mag, ein paar Minuten mit ihr zu verplaudern oder einfach nur bei ihr zu stehen - es darf nicht sein. Das inzwischen wieder auf 1:22 h angeschwollene Zeitguthaben stimmt mich zuversichtlich, ein Gefühl von Sicherheit vermittelt es nicht. Vor allem, weil mir in Bälde ein paar Anstiege bevorstehen.

Offizielles Zwischenergebnis an CP60 „Alea-Tegea“, Km 195,3:
Zeit: 9:47:51 Uhr (26:47:51 h), Abstand zur Closing Time 1:22 h, Position im Feld: 168
Registrierte Teilnehmer: 261 (von 370), davon M60 und älter: 5 (von 11)

Wie ich meinen Vorsprung auf „Kerberos“ trotz wachsender Ermüdung und „stoffwechselbedingter“ Zwangspausen über die Route retten, zuletzt sogar wieder ausbauen konnte, ist mir schleierhaft. Mit klarem, analytischem Denken ließe sich womöglich eine Erklärung finden, nicht jedoch in meinem von Schlafmangel und physischer Auszehrung geschwächten Hohlschädel. In dem wabern Gedanken, Impulse, Empfindungen unkoordiniert durcheinander. Es kostet mich zunehmend mehr Willenskraft eine Absicht umzusetzen, etwa ein weiteres Gel zu konsumieren, oder auch nur mit Blick zur Uhr festzustellen, ob die Zeit dafür gekommen ist. ‚Wo war ich? - Da war doch was? - Ach ja, mein Vorsprung auf Cut-off! - Bin vielleicht schneller als es sich anfühlt!? Oder die Cut-offs werden immer lascher! Is’ doch auch sch…egal! Hauptsache mein Puffer wird nicht kleiner!’

Nackenschlag

Immer noch flache Wegstrecke, ein weiterer Kilometer, zwei, dann auf die Hauptstraße abbiegen. Die gibt sich anfangs gleichfalls bretteben, lässt den baldigen Anstieg aber bereits ahnen. Höchstens noch ein Kilometer, dann geht’s rauf. Guten Mutes und kein bisschen alarmiert nähere ich mich dem Fuß eines unspektakulär wirkenden Berges. Kein bisschen beeindruckend oder bösartig, wie ihn Schilderungen von „gemeinen Höhenmetern“ hinter Kilometer 195 in meiner Vorstellung verankerten. Dann hebt sich die Straße, erst sachte, bald etwas fordernder und ich vermindere mein Tempo. An „langsamer“ zu denken reicht schon, um langsamer zu werden …

Autos zischen in einem Affenzahn vorbei. 90 km/h wären auf der Landstraße erlaubt, bei vielen wird an 120 km/h nicht viel fehlen … Bin ich in Gefahr? - Die Frage stelle ich mir nicht und mein Empfinden verneint sie eindeutig. Zwei überbreite Fahrspuren und daneben - für uns Läufer - der etwa einen Meter breite, mit weißem Strich abgeteilte Randstreifen. „Uns“ bedeutet nicht nur, dass ich mehrere Läufer vor mir sehe - übrigens hauptsächlich „bunte“ Japaner in jüngster Zeit. Es hebt auch auf meine Hoffnung ab, die lose, mutmaßlich jetzt schon bis Sparta reichende Läuferkette möge entgegen kommende Autofahrer zur Aufmerksamkeit animieren. Auf meiner Höhe sind die längst alarmiert und passen auf. Sagt mein Gefühl …

Weiter aufwärts traben, nun ja: jetzt vielleicht eher tippeln. Das ist hart und schweißtreibend. Vom Schweißfilm nass glänzen meine Arme wie eine Speckschwarte. Seltsam: Obwohl ich immer noch angenehm kühle Luft atme, setzt mir Hitze zu. Ein Widerspruch in sich. Die aus wieder strahlend blauem, von keinem Wölkchen getrübtem Himmel stechende Sonne löst ihn teilweise auf. Den Rest besorgt der Straßenbelag: Inzwischen pechschwarz, da jüngst erneuert, wirft er gespeicherte Sonnenwärme von unten zurück.

Rechtskurve in der Hügelflanke, die Straße gewinnt an Steigung. Objektiv eine Lächerlichkeit von einer Steigung. Mit - ach ja! - jetzt ziemlich genau 200 Kilometern in den Beinen markiert sie allerdings die Grenze meiner Leistungsfähigkeit. - ‚200 Kilometer! Du hast 200 Kilometer geschafft!! Nur noch 46 jetzt!!!’ - Ich hänge dem Gedanken ein paar Schritte weit nach, erwarte eine freudige, motivierende Regung. Bei ähnlichen Gelegenheiten produzierte mein müdes Hirn auch mal spontan ein Mantra, dessen autosuggestive Wirkung mir die Reststrecke verkürzte. Komplette Fehlanzeige. Kein Pieps im Oberstübchen. Bin zu müde und gegenwärtig wohl auch zu sehr gefordert. Die weiter bergwärts strebende Straße beschreibt jetzt ein lang gezogenes „S“ mit noch steilerem Ende. Und dieses steile Ende bedeutet auch das Ende meiner bislang noch einigermaßen heilen Spartathlon-Welt: Ich muss gehen!

Mentaler Dammbruch

Nicht so schrecklich weit, aber das spielt keine Rolle. Die Tatsache an sich empfinde ich als Demütigung. Mit Inbrunst hatte ich gehofft zwischen Sangas-Pass und Sparta alles laufend zu bewältigen. Diente monatelange Trainingsfolter nicht auch diesem Ziel: Möglichst alles laufen? Also gehe ich ein Stück. Und dabei tun mir die Füße weh. Wer steht schon gerne unter Verdacht ein Jammerlappen zu sein? - Also verschwieg ich über diverse Abschnitte dieses Textes, dass meine Füße mich quälen. Zumal ich nicht sagen könnte, wann es anfing und wann es mich zu nerven begann. Blöderweise intensivieren sich die Beschwerden beim Gehen. Also falle ich sobald wie möglich wieder in verhaltenen Trab.

„Gehenmüssen“ riecht nach Fehlschlag, Schlappe, Niederlage. Ein weiteres Opfer, das ich bringen muss. Für sich genommen Schaden genug. Fast noch schlimmer ist jedoch die davon ausgehende Wirkung, der mentale Dammbruch. Dem bisher gültigen, kategorischen „Alles laufen, keinen Schritt gehen! Es sei denn …“ fühle ich mich zwar weiter verpflichtet. Die Toleranzschwelle des „Es sei denn …“ liegt nun aber niedriger. Und es ist kaum vorstellbar, dass dieses „Hügelchen“ der intriganten Götter letzte Arglist gewesen sein soll. Aber vielleicht, wer weiß, die Hoffnung stirbt zuletzt …

Unterm grellen Licht der hellenischen Sonne stirbt die Hoffnung bereits nach Minuten. Wahrscheinlich könnte ich mich der neuerlich herben Steigung noch eine Weile mit Trippelschritten erwehren. Nur bringe ich nicht mehr den Willen dazu auf. Also wieder gehen. Nippons Söhnen, einer englischsprachigen, spindeldürren Amazone und einigen anderen Vertretern aus aller Herren Länder geht es nicht besser. Niemand bringt mehr die Kraft zum Laufen auf.

Sisyphos lässt grüßen

Gehen. Gehen. Gehen. Hinter der nächsten Kurve scheint die Straße abzuflachen, wahrscheinlich bin ich bald oben. Dann blicke ich an der Kurvenböschung vorbei: Hinter diesem, baut sich ein weiterer, höherer Hügel auf, auf den die Straße zustrebt …

Gehen. Gehen. Gehen. Der Zeitverlust muss enorm sein. Ich bleibe gelassen. Erstens gehen alle, und die wollen auch finishen. Zweitens war die nächste „Closing Time“ bisher immer dem Anspruch der Strecke angepasst. Und drittens bin ich für Panik viel zu müde. - Gehen. Gehen. Gehen. Wenn nur die Füße nicht so jammern würden. Sie schmerzen unspezifisch, vor allem an der Sohle, und punktuell im Bereich der Zehen. Wahrscheinlich Blasen. ‚Sei froh, dass dir sonst nix fehlt!’ rufe ich mich zur Ordnung. Tatsächlich bin ich ansonsten beschwerdefrei und die Fußfolter vermag ich meist auszublenden …

Gehen. Gehen. Gehen. Bestimmt flacht die Straße hinter der nächsten Kurve ab. Hab ja nun schon einiges an Höhenmetern abgehakt. Dann reicht der Blick über die Kuppe hinaus und die nächste, weithin einsehbare Steigung liegt vor mir. - Die verfluchte Straße denkt gar nicht daran abzuflachen. Gedankliche Stöhnvarianten: ‚Das gibt’s doch nicht!’ oder ‚Das kann doch nicht sein!’ oder mit depressivem Anstrich ‚Hört das denn gar nicht mehr auf?’ Hinter der nächsten, übernächsten, überübernächsten und überüberübernächsten Kurve flehe ich gen Himmel … werde aber nicht erhört. Die Götter lachen dröhnend und Sisyphos lässt grüßen …

Portionierter Ekel

Sieben (!!) Kilometer steigt das dunkle Asphaltband beinahe beständig an. Sieben Kilometer, auf denen mir die Sonne unbarmherzig letzte Flausen austreibt. Sieben Kilometer, die mich mental dergestalt anzählen, dass ich sogar vergesse mein letztes Drop-Bag abzuholen. Viel zu spät, als mir die Gels auszugehen drohen, bemerke ich meinen Fehler …

Was nun? - Bis ich Ines treffe, wird noch eine gute Stunde vergehen. Eine Stunde, das heißt drei Gels. Seit gestern meine Maßeinheit für Zeit: 1 Gel ist gleich 20 Minuten. Ohne Gel kann ich einpacken. Schwäche wird mir allenfalls noch Gehen erlauben, lange über das Treffen mit Ines hinaus. Ich kratze Reste verbliebener Geisteskraft zusammen, um eine Lösung zu finden. Einzige Möglichkeit: Am nächsten Checkpoint der angebotenen Verpflegung zusprechen, wenngleich feste Nahrung nur zögerlich im Muskelmotor ankommen wird. Um mir Durchfall einzufangen, ist die verbleibende Zeit sicher zu kurz. Und angesichts meiner jüngeren „Stoffwechselvergangenheit“: Was sollte da noch durchfallen?

Zweifellos spielen die Götter mit mir. Erst benebeln sie mir das Hirn, lassen mich das Drop-Bag vergessen und nun - ich traue meinen Augen kaum - liegen da Gel-Portionen auf dem Tisch am Checkpoint. Ich reiße eine auf, drücke, sauge, schlucke … und spüle eiligst mit Wasser nach. Widerwärtig, ekelhaft, scheußlich. Verdammte Götterbrut. Gehört das zum Spiel? Unmöglich den abgrundtief grässlichen Nachgeschmack in Worte zu fassen. Viele Gel-Marken schmecken zum Abgewöhnen. Diese hier toppt alles. Aber die Paste liefert Kalorien und mein Magen behält sie bei sich. Und nur das zählt im Augenblick. Ich schnappe mir zwei weitere Päckchen und verstaue sie unterm „Strumpfband“.

Was wichtig ist und was nicht

Die Babywindel flattert im Rhythmus meiner Schritte um Wangen und Schultern. Manchmal zupfe ich sie unter der Kappe in Form, damit sie möglichst viel Udo beschattet. Die Frage, welches Bild ich in dieser Maskerade abgebe, stellte ich mir gestern. Hier, in diesen Hügeln ist sie mir genauso gleichgültig, wie der Dreck im Straßengraben nebenan. Grelles Licht in Hülle und Fülle. Griechische Sonne am ersten Oktober. Ich danke dem Designer meiner Kappe für den langen Schirm und dessen schwarze Unterseite. Ich fasse in den Stoff der Windel. Schon wieder trocken. Vor zehn Minuten tauchte ich sie am Checkpoint in den Wassereimer, wrang sie aus und zog sie über den Kopf. Ich taste auf der Mütze umher - wenigstens die ist noch feucht …

Ein paar Läufer trotten vor mir her. Immer wieder dieselben und das gefühlt seit Stunden. Unsere Positionen verschieben sich zuweilen. Je nachdem, wer sich, wie lange am Checkpoint aufhält. Abhängig auch vom Moment, ab dem sich einer entschließt zu traben oder zu Gehschritten gezwungen wird. So wie ich gerade wieder. Erst hatte der Asphalt Gefälle, dann für ein, zwei Minuten annähernd ebenes Geläuf und nun wieder rauf. Inzwischen geht jedem Antraben ein bewusster Willensakt voraus. Ich befehle mir: ‚Lauf los!’ Danach braucht es ein paar Gehschritte, bis ich wieder lostrotte. Und dann bin ich jedes Mal froh es geschafft zu haben, weil es den Füßen gut tut. Schon nach ein paar Laufschritten reduziert sich der Schmerz auf ein erträgliches Maß.

Die Landschaft verändert sich mehrfach. Ziemlich grün ist sie hier oben (auf inzwischen über 800 ü.NN.). Entlang diverser Abschnitte stehen sogar Laubbäume. Ahorn oder so was. Mit ihrer Blätterfärbung signalisieren sie den Herbst. Links neben der Straße breitet sich eine flache, grasige Wanne aus. Vermutlich eine Weide für Schafe oder Ziegen. Felsbrocken liegen herum, einzelne Bäume recken ihre Äste ins Himmelblau. „Schön“ sagt mein Verstand. Ein Gefühl, das diesem „schön“ entspräche, empfinde ich nicht. Die Quelle aller Gefühle ohne Spartathlon-Ziel-Relevanz ist versiegt …

Weit kann es nicht mehr sein. Ein Wunder, dass ich mir die Zahl überhaupt noch merken konnte: Bei Kilometer 212-Komma-irgendwas wartet Ines. Inzwischen habe ich mich mit dem Schicksal bergan zu gehen arrangiert. Was bleibt mir anderes übrig? Enttäuschung oder Niedergeschlagenheit würden mich schwächen. Seit einer Weile laufe ich wieder, komme gut voran. Auch der Rechtsdrall, nun nicht mehr zu leugnen, behindert mich nicht. Rückt der weiße Trennstrich zur Fahrbahn näher, korrigiere ich meine Laufrichtung. Alles gut so weit.

Ich blicke voraus, wie mehrmals in den letzten Minuten. Nirgendwo Anzeichen für einen Checkpoint. Ein Konvoi Autos rauscht, von hinten kommend, an mir vorbei. Eines bremst etwa 200 Meter voraus, blinkt und biegt ab. Ich fixiere den Punkt: Tatsächlich der Checkpoint! Endlich! - Unterm Beifall eines der anderen Supporter laufe ich auf den Parkplatz und finde Ines! Wiedersehensfreude übermannt mich und ich finde einmal mehr bestätigt: Nichts vermag mich gleichermaßen aufzubauen, wie Lächeln und Zuspruch meiner Frau!

Wo ist Ines?

Mein Zeitpolster hat gelitten. Gerade mal noch 70 min vor „Closing Time“ mache ich mich wieder auf den Weg. Einerseits verständlich angesichts diverser im Wanderschritt erklommener Hügel. Andererseits aber auch wieder nicht: Jetzt fehlen noch schlappe 35 Kilometer, für die ich mir mehr als sechs Stunden Zeit lassen könnte. Auch ohne Nachrechnen liegt auf der Hand: Die Zeit würde selbst dann reichen, wenn ich von nun an keinen Meter mehr laufe. Zudem weisen die letzten 12, 13 Kilometer konstantes Gefälle auf. Wieso also ist mir der Höllenhund so dicht auf den Fersen?

Checkpoint Nummer … keine Ahnung … völlig unwichtig. Irgendeiner halt. Gel ist drin, mit Wasser hab ich nachgespült, nun noch die Windel tränken. Ein paar Schritte zum Wassereimer, eintauchen das Ding, auswringen, aber nicht zu sehr, sonst ist der Fetzen nach paar Schritten wieder trocken. Übern Kopf legen, Mütze drüber, zurechtrücken. Bin ein bisschen wackelig auf den Beinen. Keine Schwäche, wohl eher bisschen schwindlig vom Runterbücken zum Wassereimer. Plötzlich raunzt mich einer ziemlich bösartig an. Irgendwas auf Englisch. Außer uns beiden ist da niemand, der muss mich meinen. Hab ich ihn etwa angerempelt? Verwirrt schmeiße ich ihm einen englisch formulierten Happen hin: „What did I?“ Ist mir „Wurscht“, ob englische Grammatik die drei Vokabeln in dieser Satzstellung gutheißt. Immerhin versteht er mich. Hebt den Kopf, guckt mich mürrisch aus hochrotem Gesicht an, murmelt irgendwas mit „Sorry!“ und Irrtum. Danach schüttet er sich den halben Eimer Wasser über die Rübe und sinkt über ein Geländer gebeugt stöhnend zusammen. Alles rot an dem Kerl: Kopf, Oberkörper, nackte Schultern und Arme. ‚Der ist fertig!’ denke ich. Anscheinend hat ihn die griechische Sonne auf dem Gewissen. Aber wohl auch fehlende Vorsorge: Wie kann einer mit so heller Haut im Singlet und ohne Sonnenschutz durch Griechenland rennen?

Was soll ich dich langweilen? Könnte beständig diese oder jene Schilderung wiederholen. In einem fort dasselbe. Gehen. Gehen. Gehen. Bergauf. Dann: Steigung flacht ab. Neuerliches Antraben befehlen, konzentrieren und - nach letzten zögerlichen Gehschritten wieder trotten. Schmerz in den Füßen lässt nach. Traben. Traben. Traben. Abwärts, im Flachen und in geringer Steigung. Straße hebt sich, auf ein Neues: Gehen. Gehen. Gehen. - Mehrfach, vielfach. Außerdem: Sonne sticht, Windel flattert …

Ergänzungen: (1) Der Mensch orientiert sich an Vorbildern. Also wechsele auch ich bei Rechtskurven zur anderen Straßenseite, um ein paar Meter zu sparen. Die Straßenüberquerung ist nicht ganz ungefährlich, aber ich achte auf den Verkehr, der samstags gottlob nicht sonderlich dicht zu sein scheint. - (2) Von den Ekel-Gels scheint eine belebendere Wirkung auszugehen, als von meinen eigenen. Nach dem „Genuss“ des ersten vorhin, meinte ich mehr Kraft zu spüren. Vielleicht zündet der „Double Booster“ Koffein, der da laut Packungsaufschrift drin sein soll. Möglicherweise bilde ich mir die Wirkung auch nur ein. Jedenfalls würge ich von Zeit zu Zeit den Inhalt eines dieser beinahe Brechreiz erzeugenden Päckchen runter. - (3) Der Vollständigkeit halber, um das Heroische meines Kampfes in noch helleres Licht zu rücken: Sodbrennen begleitet seit langem jeden Gel-Schluckakt. Die letzten Zentimeter Rutschstrecke in der Speiseröhre, kurz bevor der Sirup den Magen erreicht, könnte ich mit dem Finger von außen nachzeichnen. Nicht kriegsentscheidend, einfach ein weiteres Opfer, das mir launige Götter auferlegen.

Ich tippele auf den nächsten Checkpoint zu, kann ihn schon von weitem einsehen. Eine ganze Herde von Supporter-Cars parkt dort und diverse Leute rennen geschäftig hin und her. Also anscheinend der nächste Treffpunkt mit Supporter-Diensten. Dann bin ich heran und blicke mich suchend um. Wo ist Ines? Ich schaue in jedes Gesicht, lasse meine Augen über die abgestellten Autos wandern. Nichts. Keine Ines. Der Schweiß rinnt weiter ist aber plötzlich eiskalt. Sie hat mich vorhin nicht überholt. Hat sie mir nicht sonst jeweils jubelnd zugewunken? Ist ihr was passiert? Oder streikt etwa das Mietauto?

Hier ist sie jedenfalls nicht. Im höchsten Maße beunruhigt fische ich das Handy aus dem Gürtel und wähle ihre Nummer. Als sie rangeht, weicht schon mal der gröbste Druck: „Wo bist du?“ frage ich einigermaßen aufgelöst. - Es stellt sich raus, dass erst am nächsten Checkpoint die Versorgung erlaubt ist. Und dort wartet sie auf mich. Also alles in Ordnung. Nur: Warum stehen hier so viele Supporter-Cars herum und was haben die dazugehörigen Supporter im Sinn? - Gel, Wasser, Windel tränken und weiter …

Die Butter bleibt auf dem Brot!

‚Der Drops ist gelutscht! Ungefähr 220 Kilometer „Spartathlon“ gehören mir bereits und den lächerlichen Rest von 26 rutsche ich notfalls auf Knien nach Sparta! Zeit habe ich jedenfalls im Übermaß dafür! Da kann und wird nichts mehr schief gehen!‘ - Ich sage das nicht mit Vorsatz auf, die Gedanken stellen sich von selbst ein. Weil die Zeit reif ist, mich endlich auf ein glückliches Ende meines Spartathlon-Abenteuers festzulegen. Die (Vor-) Freude darüber fällt mäßig aus. Noch ist es zu früh für Jubelgesänge, außerdem kostet Freude Kraft. Jedes Quäntchen Emotion verbraucht Energie, egal ob du glücklich bist oder traurig, ob du liebst oder hasst. Das merkt erst, wer wirklicher Erschöpfung nahe genug kommt.

Statt Freude überkommt mich Ruhe. Ich fühle mich nicht länger als Getriebener, meine Flucht ist zu Ende! In Gedanken wiederhole ich meinen Lauf, verweile bei wichtigen Stationen. Sehe mich mit „Affenzahn“ am Meer entlang laufen - unter Garantie eine der Ursachen für das heutige Geh-Desaster. War das wirklich erst gestern früh? Noch einmal klettere ich den Sangas empor, stolpere im Finstern nach unten. Erinnere mich an die zahlreichen Repressalien meines Körpers, wie er mich Mal um Mal zu Zwangspausen nötigte. Ich rechne die Stopps mal grob zusammen und komme auf die erstaunliche Summe von mehr als einer Dreiviertelstunde zur „Entsorgung von Stoffwechselendprodukten“. Summierte „Strafzeiten“ wie im Eishockey oder Handball, um meine Missetaten zu sühnen …

Ich trabe weiter am Straßenrand, immer weiter … Ich hatte mir kein Fixum für diesen Lauf vorgegeben. Mit gewissen Tempi alles durchgerechnet, um die Versorgung zu kalkulieren, das schon. Aber wirklich festgelegt war ich nur auf dem ersten Drittel, um nicht vorzeitig vom Höllenhund gefressen zu werden. Andererseits hielt ich eine Zeit um die 33 Stunden angesichts meiner Vorbereitung nicht für Größenwahn. Daraus wird nun nichts, unter anderem, weil mein Körper es nicht wollte.

Ich trotte weiter am endlosen Asphaltband entlang, immer weiter … Es ist, wie es ist! Bin ich unzufrieden damit? Seltsamerweise nicht. Mehr noch: Da mir der Erfolg nun nicht mehr zu nehmen ist, verliert die Endzeit jede Bedeutung. Und deshalb geschieht Unerhörtes am nächsten Checkpoint: Ich setze mich tatsächlich auf einen Stuhl und lasse mir Zeit. Sitzen hatte ich bislang immer mit flapsigem Kommentar abgelehnt: „Wenn ich mich hinsetze, muss ich später wieder aufstehen!“ - Gel, Wasser, mal wieder Salz, Windel anfeuchten - Ines umsorgt mich nach Kräften. Ich hoffe sie zieht aus meinem „Sitzstreik“ keine falschen Schlüsse. Es ihr zu erklären fehlt mir dann doch die Puste. Irgendwann raffe ich mich wieder auf. Ines gibt mir noch ein paar aufbauende Gesten und Worte mit auf den Weg. Zusammengefasst etwa das: „Nicht mehr weit! Halt durch!“ - Ich schaue ihr in die Augen, lege alle Zuversicht in meine Entgegnung, will überzeugen: „Nur noch 24 Kilometer! Jetzt lasse ich mir die Butter nicht mehr vom Brot nehmen!!!“

Daumen hoch!

On the road again - seit der vorletzten Begegnung mit Ines überwiegen die Gefälleabschnitte. Allerdings hält sich hartnäckig die gegenteilige Auffassung, da mich zwischendurch immer mal wieder ein Anstieg zum Gehen zwingt. Gerade überholt wieder „Jonny Controlletti“ mit wenig mehr als Schritttempo. Die „offizielle“ Dame hinterm Steuer des „offiziellen“ Autos linst zu uns rüber. Wie vordem schon einmal, grüße ich mit „Daumen hoch!“ in ihre Richtung und sie grüßt mit Blickverbindung zurück. Da fällt bei mir der Groschen: Die anderen Läufer vor und hinter mir kümmern sie nicht. Mein schräger Laufstil, den Ines vorhin noch mal erwähnte, macht ihr Sorgen. Mein Daumen entkräftet ihre Bedenken, sie gibt Gas und zischt davon …

Checkpoint 69 sehe ich schon von weitem. Ein einsames Haus, davor einer dieser Holzpavillons. An den ersten erinnere ich mich bei „Mountain Base“ und hier an der Straße standen mehrere. Überraschenderweise erwartet mich hier eine elektronische Zeitnahme. Ich trabe über die rote Matte und werde mit „Piep“ registriert:

Offizielles Zwischenergebnis an CP69 „Modern House with arches“, Km 226,7:
Zeit: 14:55:12 Uhr (31:55:12 h), Abstand zur Closing Time: 1:05 h, Position im Feld: 163
Registrierte Teilnehmer: 235 (von 370), davon M60 und älter: 5 (von 11)

Was könnte schöner sein?

Noch 20 km und volle vier Stunden Zeit! 32 Stunden bin ich jetzt auf den Beinen. Außer an den Füßen, die mich mittlerweile entsetzlich martern, spüre ich nirgendwo Schmerzen. Nicht mal im Bereich der Gesäßmuskulatur, die sonst gerne mal muckt. Nichts. Ein kleines Wunder, das meine Hoffnung nährt die Herausforderung „Spartathlon“ ohne ernsthafte Blessuren zu überstehen. Was nicht selbstverständlich ist. Keiner weiß das besser als ich. Trotzdem sehne ich mich vor allem nach einem: Nicht mehr laufen müssen, sitzen und ausruhen dürfen! Noch zweieinhalb Stunden etwa. Bald wird es leichter werden, bald nur noch bergab. Keine Anstiege mehr, keine Gehschritte. Gehen tut so weh. Bald, bald, nur jetzt noch nicht …

… einstweilen noch das: Stell dir eine superbreite Straße vor. Mit Fahrstreifen, auf denen locker zwei Autos nebeneinander Platz hätten und zwei Meter breiten Randstreifen auf jeder Seite. Fast dreißig Kilometer arbeitest du dich nun schon entlang dieser Asphaltschneise ab, stiegst immer höher und höher. Versetz dich in eine hügelige, überwiegend grüne Landschaft, durch die sich diese „Rennstrecke“ kurvenreich zieht. Kurven mit weichem, elegantem Schwung und gewaltigem Radius. Bist du imaginär angekommen? Noch nicht? - Verbanne alles Kleine und Enge aus deiner Vorstellung, lass großzügige Perspektiven vollständigen Einzug halten. Von dieser Warte aus meinst du keine bemerkenswerten Auf- und Abstiege mehr zu erkennen, wähnst dich gar auf einer Art Hochplateau. Der phänomenale Rundblick auf viel höhere, allerdings weit entfernte Berge verstärkt diesen Eindruck noch. Auch die Leichtigkeit, mit der du nach über 32 Stunden Wettkampf gerade vorwärts tippelst, lässt dich glauben das Mühseligste überwunden zu haben …

… aber nur bis du die Sohle dieser kilometerlangen S-Kurve erreichst und deine Schritte in den finalen Bogen lenkst. Dann geht es wieder rauf, unmerklich erst, dann spürbar, schließlich immerhin so steil, dass du das Handtuch schmeißt und gehst. Wahrscheinlich reagierst du anders als ich, fluchst nicht haltlos vor dich hin, bist nicht genervt, wünscht dich nicht weg von dieser Drecksstraße, deren vertikale Kapriolen kein Ende zu nehmen scheinen. Liegt vielleicht daran, dass dein Körper noch nicht so inständig um Gnade fleht wie meiner. Und vermutlich spürst du auch nicht diesen peinigenden, gehend um ein Mehrfaches intensiveren Schmerz. Nein, dir geht es vergleichsweise gut und deshalb genießt du das Panorama, den blauen Himmel und die herrliche Nachmittagssonne. Was könnte schöner sein?

Sparta ich komme!

Ich kämpfe um jeden verdammten Schritt. Reihe mehr als tausend aneinander, bis ich wieder einen Kilometer vom Rest subtrahieren kann. Alles aushalten, durchhalten, nicht nachlassen, sich quälen. Weiter, immer weiter. Bist hierher gekommen, schaffst das poplige Schlussstück nun auch noch. Keine 15 Kilometer mehr! Weniger als fünfzehn!! Was ist das schon?

Alles aushalten bis es besser wird, unterdessen den Mut nicht sinken lassen - auf diese Weise war ich vielfach schon erfolgreich. Noch nie so lange und weit wie diesmal, aber die „Strategie“ funktioniert auch heute. Eine Ausfahrt holt mich von der längst verhassten „Rennstrecke“, schickt mich nach links und abwärts. Moderat abwärts, ideal um energiesparend und schmerzreduziert zu joggen. Was für ein Anblick! Vor mir türmt sich nichts mehr auf. Vor mir liegt eine Talmulde. So tief, dass ich den Grund noch nicht erkennen kann. Den sehe ich ein paar Minuten weiter und nehme der Straße ein Versprechen ab: Hinab, beständig hinab! Sparta ich komme!

Ruhezone

Ein Checkpoint (Km 233,5). Lasse mich nicht aufhalten, will endlich wieder Ines treffen. Nur Gel, Wasser, Windel anfeuchten und weiter. Laufen, laufen, laufen. Alles sehen und nichts registrieren. Keine Spur einer Erinnerung. Landschaft? Berg und Tal? Bestimmt. Muss vorwärts, muss laufen. Und genau das mache ich. Ständig sanft abwärts, Blick am Boden, auf grauer Fläche. Straße. Mehr Straße, noch mehr Straße. Vorwärts. Jetzt Häuser und ich hebe den Blick. Kein Checkpoint. Noch nicht. Kurve um Kurve im Dorf, Straße senkt sich, kaum Menschen zu sehen. Weiter. Dort vorne! Die Tankstelle! Da muss der Checkpoint sein …

An Zapfsäulen vorbei gehe (!) ich Ines die letzten Meter entgegen. Cut-off, Closing Time und Kerberos können mich mal! Von hier noch 10 Kilometer und satte 2:45 h bis Zielschluss. Bekannte Gesichter lachen mir aus dem Schatten entgegen, grüßen herüber: „Hallo Udo!“. Natascha wartet auf ihren Spartiaten Mike und Conny auf Rüdiger. Frank lümmelt sich wohlig in seinem Stuhl. Das ist weniger erfreulich. Musste aufgeben. Ein Ultra „hat fertig“, wenn er im Ziel ist. Oder, wenn der Schmerz den Willen bezwingt. Irgendwo nach Km 195 war es bei Frank soweit. Sein Zwillingsbruder ist noch im Rennen. Vielleicht lächelt Frank aus diesem Grund. Unglücklich sieht er jedenfalls nicht aus. Sagt man eineiigen Zwillingen nicht eine besondere Verbindung nach? Übersinnliches Einssein, durch Raum und Zeit nicht zu trennen? Dann wäre ein Teil von Frank noch im Wettkampf und für Bedauern bestünde tatsächlich weniger Anlass …

Cut-off, Closing Time und Kerberos können mich mal! Ich setze mich in einen Stuhl und lasse mich von Ines bemuttern. Sie sorgt für Gel-Nachschub, Getränk und Wasser zum Anfeuchten der Windel. Mehr ist nicht zu tun. Ich bin hundemüde aber intakt. Könnte auch sofort weiter. Dass ich länger hier sitze als nötig, weiß ich selbst nicht genau zu deuten. Eine Art Demonstration erlangter Souveränität vielleicht. Bin nicht länger Sklave des Cut-off, noch getrieben vom Ehrgeiz die bestmögliche Zeit zu erkämpfen. „Bestmögliche Zeit“ - eine längst obsolete Kategorie! Welchen Sinn sollte es haben, dem „ollen“ Leonidas ein paar Minuten früher an den Sockel zu langen? So viele Minuten blieben buchstäblich auf der Strecke. Noch nie habe ich einen solchen Wett-Kampf ausgetragen. Keine Spur „Wett-“ dafür einhundert Prozent „Kampf“. Kampf gegen die Strecke, schwierige äußere Bedingungen und Widerstände meines Körpers. Und nicht zu vergessen der Kampf gegen das unausgesetzt über den Köpfen schwebende Damoklesschwert „Zeitüberschreitung“.

Ich hab die Haare schön …

Sparta liegt vor mir. Nicht mehr weit, höchstens drei, vier Kilometer. Was mir seit dem letzten Rendezvous mit Ines begegnete, weiß ich nicht. Zwei, drei Bilder sind im Kopf. Keins davon ist wichtig. Eher schon, worum sich meine Gedanken drehten und noch drehen: Das Finale steht bevor, der Zieleinlauf. Eine Riesensache, sollte man meinen, nach über 34 Stunden. Jedenfalls eine, der man entgegen fiebert, auf die man sich freut, die einem im Voraus Schauer der Erregung über die Haut jagt. Zumal der Empfang in Sparta unvergesslich sein soll! Einzigartig, großartig, glanzvoll … habe ich zumindest gehört. Nichts dergleichen bewegt mich. Gleich hab ich’s geschafft! Für mich und niemand sonst. Mein Lauf, mein Leiden, mein Sieg. Das reicht vollkommen. Brimborium drum herum bedeutet mir nicht viel. Tat es nie. Heute werde ich zum 179. Mal eine Ziellinie queren, die vom Starttor einen Marathon oder weiter entfernt war. Meist war ich einer von vielen anonymen Finishern. Anonym, aber im Herzen glücklich. Ebendies und nicht mehr erwarte ich auch heute …

Die Straße hat nun kein Gefälle mehr. Ich überquere eine Brücke und halte auf den letzten Checkpoint (CP74, Km 244,4) in Höhe einer großen Kreuzung zu. Rote Matte, Zeitmessung und „Pfüüüt“. Verwaister Stuhl im Schatten eines Baumes. Wieder setze ich mich demonstrativ hin. Ich „genieße“ das letzte Gel, spüre, wie es in meinen Magen gleitet. Eines von weit über 100. Will auf den letzten zweieinhalb Kilometern keinen Schwächeanfall riskieren, unter gar keinen Umständen so kurz vorm Ziel und unter aller Augen das Leiden Christi demonstrieren. Spüle Wasser hinterher. Lasse mir Zeit. Und dann nehme ich die entscheidenden Vorbereitungen meines „Auftritts“ vor: Ich entsorge die Windel in den bereitstehenden Müllsack, befestige die Kappe am Gürtel und bringe meine Frisur in Ordnung. Schließlich stehe ich auf und überprüfe den Sitz meiner Klamotten. Weder werde ich maskiert, noch in irgendeiner Weise derangiert vor Leonidas auftauchen!

Ich verabschiede mich ausgesprochen herzlich von der Helferin, gehe über die Kreuzung, überrede mich zu Laufschritten und Sekunden später laufe ich tatsächlich … nur leider nicht sehr weit. Ich könnte mit der Tatsache hadern, dass Sparta nicht in eine Ebene gebaut wurde. Das ist aber nun auch schon egal. Hundert Meter aufwärts gehe ich. Auf der Kuppe gebe ich mir ein weiteres Mal die Sporen und trabe. An der nächsten Häuserecke schicken mich Pfeile nach rechts und ich resigniere neuerlich: Zu steil. Also gehen. Nicht weit, hundert, höchstens 150 Meter. Und wieder: ‚Los jetzt: Lauf! Bring’s zu Ende!’

Ab und zu winkt jemand, vereinzeltes Klatschen. Passanten. Aus Höflichkeit winke ich zurück. Keine Spur von großem Bahnhof. Nicht mal ansatzweise. Was mich aber nicht daran hindert diesen letzten Kilometer halbwegs zu genießen. Vor allem die Tatsache, dass ich immer noch laufe … Kein anderer Läufer vor mir. Das habe ich in Höhe des letzten Checkpoints so arrangiert, bewusst wird es mir erst jetzt. Ich will auf diesem letzten Stück alleine sein. Und es fühlt sich gut an. Die letzte Ecke, danach geht es auf Leonidas zu. Frag nicht, woher ich das weiß. Ich weiß es einfach, spüre es. Egal was kommt, hinter dieser Ecke werde ich nur noch laufen. Und wenn es das Letzte wäre, was ich in diesem Leben tue!

Der Triumph

Wetze um die Ecke und die Welt verwandelt sich … Real: Eine Straße mit Mittelstreifen, gesäumt von Tavernen und Cafés. Empfunden: Mir ist als beträte ich eine der Ehrerbietung geweihte Ruhmeshalle. Hände erheben sich zum Gruß, viele andere klatschen. Kinder springen an meine Seite, begleiten mich ein Stück. In mir explodieren Gefühle in einer Weise, die ich für völlig ausgeschlossen hielt. Ich grüße zurück, hierhin, dorthin, dahin. Recke mal beide Daumen hoch oder forme das „V“ für Victory. Noch sehe ich kein Ziel und will es auch nicht. Will diesen Triumphzug genießen. Frenetischer Beifall und vielfaches Bravo! Es steht außer Zweifel: Ich bin der erste Spartathlet, der hier heute Einzug hält! Zumindest vermitteln die Menschen von Sparta mir dieses Gefühl. Mein Gott! Was für ein Empfang. Nicht einer, der mir seine Aufmerksamkeit verweigerte. Jubel begleitet meine Schritte, anerkennende Blicke richten sich auf mich, reichen mich weiter! Und ich? - Bin völlig aus dem Häuschen. Ganz und gar überwältigt. Erwartete nichts und nun liegt mir eine Stadt buchstäblich zu Füßen. Ich strahle, reiße die Arme empor, wieder und wieder.

Dort vorne steht er, Leonidas! Die letzten 50 Meter - die letzten 50 von 246.800 Metern. Mein Blick greift nach dem Kerl auf seinem Sockel und ich meine zu begreifen: Ich habe es tatsächlich geschafft!!! Vorbei an meiner begeisterten Ines und dicht stehendem Publikum. Purer Wahnsinn diese Beifallsstürme, als wäre ich auf dem Weg den Spartathlon zu gewinnen. Als wäre ich nicht einer von vielen, die diese letzten, ach so süßen, hinreißenden, traumhaft schönen Meter heute bereits auskosten durften. Als schallte die Stimme aus himmlischen Höhen, salbungsvoll, aus dem Munde von Göttervater Zeus höchstselbst, begrüßt mich ein Sprecher. Nennt Namen, Herkunft und heißt mich als erstmaligen Finisher willkommen. Bin wie im Rausch, möchte die ganze Welt umarmen …

Letzte Schritte und fünf Stufen … hoch zum Denkmal … Der Platz vor der Statue ist gerade besetzt und so lebt der Wettkämpfer in mir noch einmal für Sekunden auf: Erst wenn ich den Sockel berühre, bleibt die Uhr stehen! Also nähere ich mich der Statue von der Seite und umarme mit überlaufendem Herzen den Sockel …

Ich bin außer mir. Kein Erfolg katapultierte mich je in solche Höhen. Nun dulden mich die Götter in ihrer Nähe, überlassen dem Sieger einen Platz an ihrer Seite. Mir, dem Spartathleten. Ich kann es nicht fassen und darum verliere ich die Fassung. Endlich ist Ines bei mir. Ein Kuss, dann hauche ich ihr meinen in Rührung beinahe erstickenden Dank entgegen. Sie hat enormen Anteil an diesem Erfolg. Auch daran musste ich auf meinem langen Weg nach Sparta immer wieder denken. An die vielen Monate häufiger Abwesenheit, mein Gequengel nach kleinen und großen Rückschlägen, den stetig wachsenden Druck auf meinen Schultern, der sich auch auf sie übertrug. Sie ließ mich gewähren, unterstützte mich, hielt es aus, klagte nicht.

Jetzt holen sie mich zur Ehrung vor die Statue. Habe keinen Schimmer, was mich erwartet, fand nie Zeit über Rituale - formelle wie informelle - nachzulesen, nehme glückselig und mit staunenden Kinderaugen entgegen, was mir geschieht: Drei junge Mädchen, nach altgriechischer Sitte in hell Wallendes gewandet, Nymphen (Priesterinnen? Jungfrauen? Göttinnen?) verkörpernd, treten an meine Seite. „Euboea“, Nymphe der Quellen, Brunnen und Frischwasserströme, reicht mir feierlich eine Schale mit klarer Flüssigkeit. Nach so vielen erfolgreichen Schritten jetzt bloß kein ritueller Fehltritt! Lieber mal halblaut fragen: „Is it water?“ Die Angesprochene lächelt huldvoll und nickt. Also setze ich das zeremonielle Gefäß an meine Lippen, trinke und recke anschließend im Taumel der Begeisterung die Arme empor.

Die Nymphe „Echo“, einst von Hera der Sprache beraubt, lediglich fähig an sie gerichtete Worte zu wiederholen, überreicht mir wortlos meinen Pokal, stilisierte Olivenzweige. - „Syke“, Nymphe des Baumes, tritt vor, krönt mich mit einem Siegerkranz aus geflochtenen Olivenzweigen. Das fühlt sich … fantastisch an. Hilflos glücklich lasse ich mich ehren. Nullkommanull Promille und total besoffen. Besoffen vor Glück. Trunken im Rausch des Sieges … Irgendwer dreht Ines und mich zur Straße hin. Fotografen nehmen uns aufs Korn, Kameras klicken. Wer bin ich, dass man so ein Aufheben von mir macht? - Irgendwie bin ich noch nicht angekommen, muss mir bestätigen: Du bist im Ziel. Du hast es geschafft. Du hast diesen irrsinnig langen Spartathlon bezwungen. Dein Traum erfüllt sich gerade jetzt!

Endergebnis zu Leonidas' Füßen, Km 246,8:
Zeit: 34:47:53 h, Platzierung: 152 (ältester männlicher Finisher 2016)
Finisher insgesamt: 235, davon M60 und älter: 5

Der Traum geht weiter

Zeit den Ort des Ruhmes und der Ehrung zu verlassen. Weitere Spartathleten drängen zur Zeremonie. Irgendwer überreicht mir mein Finishershirt. Von der Seite tritt eine junge Frau auf mich zu. Auch in helles Tuch gewandet, aber weniger sakral, eher medizinisch steril. Fragt: „Are you ready for the medical check?“. Ich hab Schlagseite und wahrscheinlich auch Blasen an den Füßen. Nichts davon wäre Grund genug „Äskulaps“ Dienste in Anspruch zu nehmen. Signalisiere auf Englisch „keine ernsten Probleme“. Doch die Dame lässt nicht ab von mir, hakt mich gar behutsam unter. Und so entsinne ich mich eines Rates von Natascha, Mikes Gefährtin und Griechenland-Kennerin, den sie vor Tagen formulierte. Man solle nichts ablehnen, was man angeboten bekommt, das gälte als unhöflich. Bezog sich wohl hauptsächlich auf Kulinarisches, aber in Sachen „Offerten“ will und werde ich generell nicht freveln.

Lasse mich also ab- und zur Seite führen. Erblicke vollkommen überrascht eine Reihe von Stühlen, vor jedem eine Kunststoffwanne. Sinke auf dem angebotenen Sitzmöbel nieder und dann ist die Erkenntnis durchgesickert: Man will dem Helden die Füße waschen! Eine Geste von geradezu biblischer Dimension. Das haut mich fast vom Hocker, zerreißt letzte, hauchdünne Fäden von Bodenhaftung. Unerhörtes Geschehen und keineswegs nur symbolisch zu verstehen: „Äskulaps“ Sendbotin löst die Schnürsenkel, zieht mir die Schuhe aus, versucht sich an Strümpfen und Kompressionsstulpen. Aussichtslos. Nie im Leben kriegt sie das runter. Also helfe ich ihr. „What do you want to drink? - Cola, Water, beer or something else?”- „A beer would be fine!“ antworte ich entgeistert einer zweiten weißen, unbemerkt herbei geschwebten Fee. „Do you want something to eat? May be a sandwich?“ - Ich werde keinen Bissen runterkriegen, höre aber das Echo von Nataschas Stimme - „Nichts ablehnen!“ - und antworte: „Oh yes! Beer and sandwich would be fine!“

Unterdessen hat die andere Wohltäterin den auf 246 Kilometern eingesammelten Schmutz von meinen Füßen gewaschen und trocknet sie behutsam tupfend ab. Tischlein deck dich auf griechische Art: Fee Nummer zwei reicht mir eine Dose Bier und ein Sandwich. Ein dritter guter Geist, diesmal männlich, geht vor mir in die Hocke und begutachtet Läufers wertvollste, jetzt blitzsaubere Werkzeuge. Steht wortlos auf, geht zur Seite und kehrt mit einer Spritze zurück. Ines, die diese Szene natürlich im Bild festhält, verdreht erschrocken die Augen. Ich dagegen bin heroisch zufriedene Ruhe selbst. Was immer die mit mir machen werden: Vor ein paar Minuten habe ich den „Spartathlon“ gefinished! Alles andere ist unwichtig. Er desinfiziert die Blasen, steckt die Kanüle auf die Spritze, sticht nacheinander in zwei kapitale Blasen und entzieht ihnen das Wundsekret. Zuletzt reicht man mir weiche, weiße Einmal-Pantinen und ich schlüpfe hinein. Ich erhebe mich entschlossen, um meinen Abgang in Würde zu vollziehen. Irgendwer übergibt mir eine Kunststofftüte, darin meine Schuhe, Strümpfe und Stulpen und dann werde ich mit einem Lächeln entlassen …

Sich mit Freunden freuen

Für ein paar Minuten reicht meine Kraft, um dem Zieleinlauf anderer Spartathleten stehend oder an ein Absperrgitter gelehnt beizuwohnen. Dann schnappe ich mir einen Stuhl vom Trottoir und harre nun sitzend der Ankunft der Freunde. Zur erwartungsfrohen Kolonie gehören Ines, Natascha und Conny. Natürlich auch Frank, der auf seinen Zwillingsbruder wartet. Und Roland, der mir so überschwänglich gratulierte, als habe er selbst gerade Leonidas beehrt und nicht gestern irgendwo zwischen Kilometer 100 und 120 das Handtuch werfen müssen. Er sah eine minimale Chance zu finishen, konnte seinen verletzungsbedingten Trainingsrückstand jedoch nicht wettmachen. Unter Schmerzen und mit dem Sangas-Pass ein unüberwindliches Hindernis vor sich wissend stieg er aus. Das bedauere ich von Herzen und formuliere Tröstliches. Doch wie es scheint, hat er den Fußtritt des Schicksals bereits weggesteckt. Ein wahrer Ultraathlet …

Ich schwebe. Da ich in einem Stuhl sitze, muss wohl der Stuhl vom Erdboden abgehoben haben. Mein Geist findet keine Ruhe. Ich bin weit davon entfernt das Geschehene in seiner ganzen Tragweite zu erfassen. Ich schwimme in einem Bassin voller Glückseligkeit und lasse mich treiben. - Begleitet von stürmischem Beifall legt Marika Heinlein ihre letzten Meter zurück. Sie macht heute zum siebten (!) Mal Leonidas ihre Aufwartung … Ein paar Minuten vergehen und wieder brandet Jubel auf. Er gilt Mike! Bis ich mich aus meinem Stuhl empor gewuchtet habe ist Mike leider schon vorbei … Gratuliere ich dem Freund eben nachher …

Rüdiger macht es spannend! Keiner hat Zweifel, dass er es schafft, aber man weiß ja nie ... Knapp zwanzig Minuten vor Ultimo ist es dann endlich so weit: Mit Tränen in den Augen trabt Rüdiger gen Leonidas, begleitet von seinem Zwillingsbruder Frank. Auch ich möchte heulen, so wundervoll ist das …

Rede und Gegenrede. Nichts von Tragweite. Einfach nur besinnungslose, in Worten und Sätzen sprudelnde Freude. Gegenseitiges Schulterklopfen: Indem ich den Freund berühre weiß ich: Es ist nicht länger nur ein Traum, es ist real! Die letzten Minuten zeitlich klaustrophober 36 Stunden verstreichen und noch mal brandet Jubel auf. Wie ein von Stürmen zur Seite gebeugter Baum, begleitet von einer Horde Kinder zuckelt eine Japanerin Richtung Leonidas und beendet ihren Lauf nach 36:00:30 h. Kaum ist das Toben verstummt, wiederholt sich das Schauspiel und eine weitere Tochter Nippons, mit noch mehr Schräglage wankt auf die Statue zu. Laufen kann sie längst nicht mehr, wird von einem Offiziellen gestützt. Anscheinend bangt man der weibliche Samurai könnte kurz vorm Ziel seitwärts überkippen und in sein Schwert stürzen. Auch sie, die mutmaßlich letzte* Finisherin des Spartathlon 2016, genießt ungeteilte Aufmerksamkeit und Anerkennung aller Zaungäste. Nicht als Letzte wird sie begrüßt, man feiert die Siegerin! - Tatsächlich gilt die Platzierung beim Spartathlon herzlich wenig - von den drei Spitzenplätzen einmal abgesehen. Wer je den Weg von Athen nach Sparta gelaufen ist, versteht, warum das so ist.

*) Die letzte Japanerin erreichte das Ziel in einer Zeit von 36:01:26 h. Mit ihr meinten alle Anwesenden die Tagesletzte beklatscht zu haben. Tatsächlich erreichte ein weiterer Läufer das Ziel mit ziemlicher Verspätung und wurde mit 36:25:02 h gewertet. Da er den letzten Checkpoint um 18:30 Uhr verlassen haben musste, benötigte er mindestens 55 Minuten für die finalen 2,4 km. Offen gestanden will ich gar nicht wissen, welche Form körperlichen Grauens ihm dieses Wegstück auf fast eine Stunde dehnte …

Stationen des Glücks

Wer den Spartathlon auf die reine Wettkampfzeit reduziert, wird dieser legendären Veranstaltung nicht gerecht. Nach und nach wird mir klar, dass ein auch im Hinblick auf organisatorische und logistische Aspekte so gigantisches Vorhaben nicht unter sechs Tagen Rundumversorgung zu machen ist: Mittwoch Anreise, Donnerstag Akkreditierung und Drop-Bag- Abgabe, Freitag auf Samstag laufen, Sonntag Rückfahrt nach Athen und Montagabend die Abschlusszeremonie. Wann immer „wir Spartathleten“ im und rund ums Hotel aufeinander treffen, lächeln wir uns wissend an. Ich mag seine Sprache nicht verstehen, fühle aber wie er … Mittlerweile kennt man sich, oder erkennt sich am grellgelben Finisher-Fummel. Ginge es nach mir, ich trüge in den kommenden Wochen nichts anderes mehr als „dies heilige Hemd“.

Ein toller Ort für Finisher-Begegnungen ist der Hotelaufzug. Immer wieder treffe ich dort auf Meinesgleichen und man muss fürchten, dass die dabei auftretenden interkorporalen Ströme von Glück die Vorrichtung blockieren. Obschon zur Regeneration ungemein wichtig, spielt der Aspekt „Ernährung“ beim Frühstück nur eine untergeordnete Rolle. Mike in die Augen zu schauen, sich noch einmal zu umarmen, gemeinsam die Breite eines Fotos mit praller Fröhlichkeit zu füllen, steht viel höher im Kurs. Grüße in Bestlaune nach hierin, ein seliges Winken dorthin. Vermutlich haben Conny, Natascha und Ines ihre ultralaufenden Ehehälften seit Wochen nicht so unbeschwert und ausgelassen erlebt wie in diesen Stunden. - Komm nicht auf die Idee ich hätte meine Leistung bereits realisiert oder Teile des Erlebten gar verarbeitet. Ich schreite wie auf Wolken, befreit von jeglichem Druck, dennoch unfähig mich länger als ein paar Sekunden auf etwas zu konzentrieren. Ich gehe, stehe, sitze, liege, spreche, schweige - was auch immer - im Bewusstsein etwas Großartiges geschafft zu haben. Begreifen und Verarbeiten? - Das kommt später …

Sonntagmittag: Der Bürgermeister von Sparta lädt alle Athleten samt Anhang - geschätzte fünf- bis sechshundert (!) Leute - zum Mittagessen ein. Vorm Hotel warten wir auf den Bus, scherzen, lachen, lassen uns gegenseitig mit „Sparta Bier“ einmal mehr hochleben. Auch diese Augenblicke des Herumstehens auf wehen Füßen und sich trotzdem Pudelwohlfühlens werde ich nie vergessen. Das anschließende Festmahl gewiss auch nicht: Bei wundervoll warmem, sonnigem Wetter sitzen wir draußen unter gut eingewachsen Pergolen und schattigen Bäumen, tafeln wie die Könige von Sparta und sind wohl auch nicht weit davon entfernt uns so zu fühlen …

Montagabend: Mit dem Bus durch entlegene Athener Stadtbezirke zur Abschlussfeier. Ziel unbekannt. Ankunft in unattraktiver, von Industrie und Gewerbe dominierter Umgebung. Keiner kann sich vorstellen ausgerechnet in diesem mehrstöckigen, von außen nüchtern wirkenden Zweckbau einen ansprechenden Rahmen für Siegerehrung und Bankett vorzufinden. Eine Viertelstunde lang steht sich die nach Ankunft weiterer Busse ins riesenhafte wachsende Schlange erwartungsfroher Spartathlon-Jünger die Beine in den Bauch. Dann Einlass und Aufstieg in den zweiten Stock, dort Einrücken in den - jedes andere Wort wäre untertrieben - prunkvollen Saal der Schlussfeier. Uns erwarten weißgedeckte Tafeln, elegant gekleidetes Personal und ein Ausblick bei geöffneter Fensterfront, der einem den Atem nimmt: Athen im Abendlicht. Ein Meer von Häusern überflutet die Hügel. Im Zentrum der Stadt ein Felsmassiv, darauf die Akropolis. Obschon klein aus der Ferne, beeindrucken Lage und Bauart der Tempelanlage. Vor allem als es dunkel wird und das antike Heiligtum im hellen Licht der Scheinwerfer erstrahlt.

Nach kurzem „Aufwärmen“ nimmt der Abend Fahrt auf. Wieder und wieder kreisen unsere Gespräche um die Erlebnisse zwischen Athen und Sparta. Ganz so als bräuchte es Zeugen und Mittäter sich immer wieder zu versichern: Es ist wirklich wahr! Wir liefen von Athen nach Sparta! Was da für eine Erregung in unseren Stimmen mitschwingt! Und ein paar Schlüsselworte genügen und wir liegen uns einmal mehr freudetrunken in den Armen …

Die Siegerehrung eröffnet das Programm und zieht sich bei bester Laune hin. Jeder Finisher wird aufgerufen und einzeln geehrt: Finishermedaille umhängen, Urkunde aushändigen, Hände schütteln, Fototermin. Immer wieder gibt es Grund zu persönlicher Gratulation, wenn einer aus dem deutschen Team in unsere Ecke zurückkehrt. Dann ist die Reihe an mir. Es ist ein erhebender Moment, endlich den gedruckten und geprägten Nachweis der eigenen Leistung ausgehändigt zu bekommen. Wieder wird das Spartathlon-Finish ein Stückchen realer: Da steht es schwarz auf weiß! Offiziell mit Namen, Startnummer und Zeit und mir nie mehr zu nehmen! Den „Spartathlon“ gefinished - weltweit eine der höchsten Weihen, die ein Ultraläufer erwerben kann.

Nach der Siegerehrung wird das Büffet eröffnet und natürlich bildet sich davor eine Schlange. Der Maître de Plaisir sorgt für Kurzweil und unterhält die Schlangesteher mit dem offiziellen Video des „Spartathlons 2016“. Es besteht aus einer Diaschau der eindrucksvollsten, von Frauen und Männern des „Sparta Photography Club“ geschossenen Aufnahmen. Man muss sich das einfach mal durch den Kopf gegen lassen: Der Zieleinlauf ist jetzt gerade mal zwei Tage her und die präsentieren hier „the best of“ aus mehreren tausend Fotos. Untermalt mit Musik, die die Wirkung verstärkt und dramaturgisch so geschickt geordnet, dass steigende Spannung einen das nahe Futter vor der Nase beinahe vergessen lässt … Ich rücke zügig in Richtung Büffet vor und genieße die einzigartigen Bilder. Dann Aufnahmen der Begegnung mit Leonidas. Gewaltige, fotografisch eingefangene Gefühle. Plötzlich starre ich auf die Leinwand wie vom Donner gerührt: Das Bild aller Bilder! Jesus zu Füßen von Leonidas! Mein argentinischer Jesus. Erinnere dich an den Anfang des Berichts. Meinetwegen blättere zurück … Feucht strähniges Haar, ausgezehrtes, um Jahre gealtertes Gesicht in dem sich Leiden und Erfüllung gleichermaßen abbilden. Augen, die nicht fassen können, es tatsächlich geschafft zu haben … Für mich das aussagekräftigste Bild eines erfolgreichen Ausdauerathleten, das ich je zu Gesicht bekam! Meine Augen sind jetzt feucht und ich schäme mich der Tränen nicht … Vor Wasser blinde Augen sind aber nicht der Grund, weshalb ich mein eigenes Porträt in diesem Video nicht mehr sehe. Der Hunger treibt mich voran und hin zur Futterkrippe.

Das Bild des Argentiniers, wie auch meines, weiter oben, den Sockel umarmend, ist Teil des offiziellen Foto-Videos. Natürlich verschweigt es schlimme Momente, widerspiegelt mit fantastischen Aufnahmen dennoch Härten und glückselige Momente des Laufes.

Ein griechisches Büffet, das seinesgleichen sucht. Leckereien ohne Ende. Leider kann ich nur so viel davon essen, wie mit aller Gewalt in meinen Magen passt. Dazu trinken wir Bier oder Wein, der in Strömen fließt, von dem aber in unserer Runde keiner mehr genießt, als er verträgt. Der Kopf muss klar bleiben, um der Festlichkeit des Abends gerecht zu werden. Um Frohsinn und Glück in vollen und bewussten Zügen einzuatmen. Um mit den Freunden Spaß zu haben und kein Bild dieser wunderbaren „Award Ceremony“ zu verpassen.

Ein DJ legt auf und sofort ist die Tanzfläche voll. Enthemmte Japaner kriegst du nicht oft zu sehen. So sie den Spartathlon erfolgreich absolvierten schon. Eine Polonaise schlängelt sich durch den Saal und meine Frau ist irgendwo zwischen den Tanzenden verschollen. Ich verzichtete lachend und plaudernd auf diese Art von Ausdauertraining, will meinen muckernden rechten Fuß nicht herausfordern. Wieder Gespräche und Fotos. Noch und nöcher Umarmungen und nicht selten blickt man in tränenfeuchte Augen. In vieler Hinsicht war mir glasklar, was auf mich zukommt, was geschehen wird oder geschehen kann. Dass der Spartathlon als international verbindendes Ereignis jedoch solche Dimensionen erreicht, einen ganz und gar in seinen Bann zieht, hinterlässt mich völlig perplex und … glücklich.


Hier noch ein paar Links zu Videos, die die Schwierigkeiten des Spartathlons recht gut einfangen. Zugegebenermaßen sind die Darbietungen von viel Pathos „umflort“. Nachdem du, lieber Leser, mit mir aber alle Niederungen und Tiefen, die so ein Lauf auch zu bieten hat, mehrfach durchleiden musstet, hast du dir ein paar Höhepunkte verdient ...

Spartathlon 2016: Photo Tribute

Spartathlon 2016: „Loneliness of the Ultra Runner“

Spartathlon 2016 - Touching the dream

Spartathlon 2016 Movie

Spartathlon Official Trailer 2016


Über mein Spartathlon-Abenteuer berichtete auch die Augsburger Allgemeine Zeitung:

am 6. Oktober 2016: „Ich musste entsetzlich leiden“

am 24. Februar 2017, als Teil einer Sonderbeilage: „Man läuft mit dem Kopf“


Fotonachweis:

  • Viele der Fotos im Text stammen vom Sparta Photography Club, meist durch Aufdruck erkennbar. Wer noch mehr dieser teilweise grandiosen Bilder sehen möchte, findet etwa 7.000 davon auf der Spartathlon-Seite.
  • Mein besonderer Dank für etliche Aufnahmen geht an Ralf Simon (DUV), der die deutschen Teilnehmer mit Rat, Tat und Kamera begleitete.
  • Weitere Bilder schossen unsere Supporterinnen Conny, Natascha und natürlich Ines. Vielen Dank dafür.
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