Der Gesang der Sirenen   –   WHEW100 km, 2. Mai 2015

„Die Wahrheit folgt auf den Irrtum, wie Morgenröte auf die Nacht.“ heißt es im Sprichwort eines unbekannten Dichters. Die Nacht in Wuppertal liegt hinter mir und Morgenröte steht im Osten am Himmel eines (mit-) entscheidenden Tages meiner Laufsaison. Am späten Nachmittag werde ich die Wahrheit kennen. Und wenn nicht die ganze Wahrheit, dann doch zumindest eine klare Tendenz: Wo stehe ich läuferisch im Augenblick? – Wie bitte? Ach so: Gerade jetzt, Samstagmorgen, 2. Mai 2015, 5:55 Uhr, stehe ich vorm ehemaligen Bahnhof „Mirke“ in Wuppertal, auf einer zum Radweg umfunktionierten Bahntrasse und fotografiere das Morgenrot.

Heute wird sich auch zeigen, ob ich einem Irrtum unterliege: 100 Kilometer unter 10 Stunden sind in meiner gegenwärtigen Verfassung keinesfalls drin! Dennoch werde ich alles daran setzen, das Gegenteil zu beweisen. Dazu treiben mich nicht pure Lust am Schmerz, noch Geistesschwäche. Die Sache ist viel komplizierter und dazu muss die Katze nun endgültig aus dem Sack: Im nächsten Jahr 2016 steht der „Spartathlon“, ein 240 km-Lauf in Griechenland, auf meiner Agenda. Für diesen Wettkampf muss ich mich qualifizieren. Als ich meine Saison 2015 plante, lag die Qualifikationsnorm für den „Spartathlon“ bei 10:30 h auf 100 km. Diese Zeit traute ich mir zu, obschon mein Ausdaueraufbau durch einen dreiwöchigen Urlaub gestört werden würde. Auch das Marathon-Double am letzten Wochenende sollte ich ausreichend schnell verkraften können. Leider ist nichts in dieser Welt beständiger als die Veränderung: Klammheimlich wurde die Quali auf unter 10 h verschärft. Ausschließlich deshalb werde ich heute gegen besseres Wissen und die Schallmauer 10 h anrennen (Hinweis: Außer diesem 100er habe ich noch andere Wettbewerbe zur Erfüllung der Qualifikationsnorm eingeplant.).

Das Morgenrot füllt den Kameraspeicher und ich mir nun den Magen. Läuferfrühstück im alten, zum Szenelokal umfunktionieren Bahnhofsgebäude. Ein heißer „Pott“ Kaffee bringt mich von 5°C Außen- auf Betriebstemperatur. Bei Käse- und Wurstbrötchen lasse ich meinen verkaterten Körperzellen Zeit aufzuwachen. Die Schar jener Zeitgenossen, die „mal eben“ 100 km weit laufen können, ist recht überschaubar. Deshalb wundert es mich nicht ein paar der „üblichen Verdächtigen“ anzutreffen. Kaffee 1 + 2 habe ich intus. Schenke mir noch einen dritten ein, obwohl ich genau weiß, dass mich diese Sünde nachher mindestens 2 x 30 Sekunden Laufzeit kosten wird.

Vor meinen Füßen stellt Anton Luber seinen Rucksack ab und beginnt mit Wettkampfvorbereitungen. Er kennt mich nicht, dafür ich ihn. Bisher ergab sich keine Gelegenheit für ein Gespräch, Antons einzige Möglichkeit sich jemanden einzuprägen. Er ist blind. Anton selbst geht mit seiner Behinderung offen und unverkrampft um, was ich später im Ziel im Gespräch erleben werde. Das solltest du bedenken, bevor du dich zu fragen beginnst, ob ein Nicht-am-Sehen-Gehinderter so ungeniert über einen Blinden schreiben darf. Anton kann nur meine Gegenwart ahnen, jedoch nicht, dass ich ihn unablässig beobachte. Staunend verfolge ich, wie er, nur auf den Tastsinn seiner Finger und deren Geschicklichkeit gestützt, seine Laufschuhe bindet. Aber Achtung! Nicht einfach nur zubinden, das kann im Grunde jeder mit geschlossenen Augen. Knifflige Zusatzaufgabe: Einbinden der Wegwerf-Transponder in die Schuhverschnürung beider Schuhe. Die Dinger sind als flexible Streifen konstruiert, durch deren vier (!) Löcher man die Schnürsenkel ziehen muss. Für diese Aufgabe existiert genau eine richtige Lösung! Anton kann die Anleitung nicht lesen, befragt auch niemanden, braucht dafür trotzdem nicht länger als ich vorhin. Er beendet seine Vorbereitungen vollkommen autark – mit einer Ausnahme: Ob die Startnummer auf dem Kopf oder den Füßen steht, kann er nicht ertasten, das sagt ihm sein Guide.

Aufgeräumte Stimmung im bunten Läuferhaufen, wie immer in den letzten Minuten vorm Start. Im Grunde eine irrationale Befindlichkeit, weiß doch ein jeder, was diese 100 Kilometer schlussendlich aus ihm machen werden: Ein völlig erschöpftes, in allen Fasern von Schmerzen beherrschtes Bündel Mensch. Und doch ist da Freude. Jetzt erst mal, dann (hoffentlich) sehr, sehr lange und wieder, wenn es vorbei ist. Fotos? Ich brauche eins von mir. Arbeitstitel: „Udo im Vollbesitz seiner physischen und mentalen Kräfte.“

Auf den ersten Kilometern weist die tief stehende Morgensonne den Weg. Einen brettflachen Weg, der zuweilen mit kaum fühlbarer Steigung aufwartet. Genau das konnte ich mir gestern nach der Anreise so gar nicht vorstellen. Wuppertals Häusermeer „überflutet“ einen Teil des „Bergischen Landes“, eine Landschaft in der sich Höhen und jäh abfallende Täler unausgesetzt abwechseln*. Doch unser Laufweg folgt der Trasse der ehemaligen „Nordbahn“. An den Schienenstrang erinnern nur noch umgewidmete Bahnhöfe, verrottete Abstellgleise, aus nostalgischen Motiven stehen gelassene Bahnsignale und mehrere Tunnel. Eingeweihte erkennen die Bahntrasse auch am großen Radius der Kurven und minimalen Steigungen.

*) Die Bezeichnung „Bergisches Land“ leitet sich nicht aus der Topographie her. Der Name stammt vom ehemaligen „Großherzogtum Berg“. 1822 verlor das „Herzogtum Berg“ seine Eigenständigkeit und wurde der „Rheinprovinz“ zugeschlagen.

Mehrere Viadukte überbrücken Wuppertaler Straßenschluchten, gestatten uns Frühaufstehern einen beeindruckenden Fernblick über die City. Während die Stadt zu unseren Füßen noch schläft, traben wir in Grüppchen munter plaudernd, über einen Traum aus Asphalt. Breit, glatt, frei von jeglichen Hindernissen. „Wisst ihr eigentlich, dass der Landesrechnungshof den Radweg als Geldverschwendung angeprangert hat?“ Ein landespolitisch Kundiger aus der Düsseldorfer Ecke erzählt es zwei Mitläufern. Ich höre mit und denke: ‚Wie kann ein Radweg Geldverschwendung sein?’ Heute Nachmittag, aus entgegengesetzter Richtung das Ziel ansteuernd, werde ich den Radweg gar als stark frequentierte Wuppertaler „Spielwiese“ erleben: Radeln, Joggen, Skateboarden, Inlineskaten und vor allem Spazierengehen sind Trumpf. Und ist nicht Bewegung das, woran es dem Menschen der Gegenwart am meisten mangelt? In körperliche Aktivitäten investierte Mittel als Geldverschwendung zu verleumden nenne ich gesundheitspolitische Kurzsichtigkeit (um mich höflich und vorsichtig auszudrücken).

Augenblicklich gehört der Edelradweg uns ganz allein. Neben der fremden Umgebung behalte ich peinlich genau die Uhr im Auge. Das übliche Prozedere zu Beginn: Nicht überziehen, aber auch die Chance aufs ehrgeizige Ziel nicht durch Trödelei vergeigen. Mein Tempo pendelt sich ein paar Sekunden unter 6 min/km ein. Das ist okay so, denn Verpflegungsstopps werden Zeit kosten. Gemütliches Traben bei bester Laune auf paradiesischem Weg. Schon vernehme ich von ferne verführerischen Gesang, der mir eine reelle Chance auf Sub10h verheißt … Lass dich nicht einlullen Udo! Umso heftiger wäre die Enttäuschung.

Was weiß ich eigentlich von der Strecke? – Nicht viel, um ehrlich zu sein. Ehemalige Bahnstrecken, mit insgesamt 470 Höhenmetern, alles gut zu laufen. Höre ich da Kritik? Etwa so: Krass, wie wenig der von seiner Strecke weiß und will 100 km weit drauf laufen! „Krass“ vielleicht aber nicht fahrlässig: Auf der Grundlage meiner Ultraerfahrung und erstarktem Selbstvertrauen nach dem Marathon-Double von letztem Wochenende, halte ich Detailkenntnisse für verzichtbar. Irgendwie schlage ich mich durch. Dafür bin ich stark genug. – Eine gute Stunde vergeht, in der die Nordbahntrasse nur einmal, von einem Neubaugebiet samt Supermarkt, unterbrochen wird. Von mir aus darf das bis zur Ziellinie so „easy“ weiter gehen. Tut es aber nicht. Ein noch in (Um-) Bau befindlicher Abschnitt des Radweges unterbricht das beschauliche Traben für ein paar Minuten: Umleitung durch ein Wohngebiet, dabei runter und zum Schluss durchaus schweißtreibend wieder rauf.

Nicht mehr als ein lästiger Mückenstich. Neuerlich umschmeichelt feinster Asphalt meine Füße. „Haltepunkt Bracken“ – Tunnel „Schee“ – alter Bahnhof „Schee“ – der Ausbau des Radweges kann in diesem Bereich erst ein paar Monate her sein. Lehmige, blanke Bankette und ein maschinell ausgehobener Wassergraben (Bach?) sprechen eine eindeutige Sprache. Kilometer 15: Die Asphaltdecke endet, die ermüdungsarm belaufbare Trasse der Nordbahn nicht. Jetzt präsentiert sie sich feinst und sorgsam geschottert, erwartet weiterhin keinerlei Aufmerksamkeit beim Setzen der Schritte.

Selten konnte ich Wettkampftempo halten und dabei so ungeniert die Umgebung betrachten. Ein bisher weißer Fleck meiner persönlichen Deutschlandkarte füllt sich mit herrlichen Frühlingseindrücken. Eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, wunderschönes „Bergisches Land“. Eher sanfte Hügel jetzt, Wald und Wiesen lösen einander ab, dann und wann das Hellbraun bestellter Äcker, einsame Bauernhöfe. Liest sich wie pures Läuferglück in der Morgensonne …

… fühlt sich aber leider nicht so an. Vor ein paar Minuten suchte mich ein ungeliebter Bekannter heim. Einer von der Sorte, die die Tür eintreten, weil du sie freiwillig nicht öffnest. Missliebige drei Buchstaben: ISG! Aus dem doofen Gelenk, von dem die meisten Menschen nicht mal wissen, dass sie zwei davon haben, zieht es in die Pobacke links. Was mich daran beunruhigt, ist nicht der Schmerz an sich. Nicht so schlimm: Auf einer Skala von 1 bis 10 vielleicht 2, maximal 3. Über das plötzliche Einsetzen binnen weniger Schritte und natürlich den frühen Zeitpunkt mache ich mir Sorgen. Die Aussicht auf mehr als 80 km mit Marschmusik aus dem Illiosakralgelenk dämpft meine Erwartungen gewaltig. Aber abwarten! Da hat sich höchstens was „verhakt“. Möglicherweise kann ich es „rauslaufen“!? Wäre nicht das erste Mal.

Die Natureindrücke wiederholen sich in tausend Variationen. Nicht nur, dass die alte Bahntrasse unbekannte Landschaft weitgehend ebenerdig erschließt. Von Brücken und seinerzeit haushoch aufgeschütteten Bahndämmen genieße ich reizvolle Panoramen, die mir ansonsten, üblichen Verkehrswegen folgend, verborgen blieben. 25, 26, 27 Kilometer Augenschmaus, dann wieder ein Tunnel, 1883 vollendet, so steht es über dem Tunnelportal. Knapp 200 feuchtkalte Meter, schummrig beleuchtet und zurück ins Sonnenlicht. Kleinere, für mich namenlose Ortschaften berührte unser Kurs schon mehrmals. Jetzt traben wir mitten durch ein Wohngebiet und verlassen alsbald sogar die Bahntrasse. „Hattingen“ lese ich auf einem Richtungsschild. Wir befinden uns demnach im „H“ von „WHEW100“ (Wuppertal–Hattingen–Essen–Wuppertal–100 Kilometer).

Schon als Bub studierte ich leidenschaftlich gerne Landkarten. Irgendwas war doch mit Hattingen!?? Hattingen liegt am Südrand des Ruhrgebietes. In meiner Jugend galt das Ruhrgebiet als verrußte Dreckschleuder der Nation, mutierte jedoch nach dem Ende der Schwerindustrie klammheimlich zum Naturpark. Ein Naturpark mit hoher Bevölkerungsdichte und reichlich Arbeitslosigkeit. Hattingen, Hattingen, … da war doch noch was … Dann sehe ich unvermittelt vor mir, laufe sogar daran entlang, was da noch war: Die Ruhr! Ach ja: Hattingen an der Ruhr.

Wer hätte an dieser einst besudelten Stelle des Planeten eine so – ich bitte die zuckersüße Wortwahl zu verzeihen – liebliche, vor lauter Idylle beinahe schon kitschige Flusslandschaft erwartet? Immerhin bin ich alt genug, um bei der Nennung des Namens „Ruhr“ noch reflexhaft an eine mit Industrieabwässern vergiftete Kloake zu denken. Das war sie wohl mal, bis der Umweltschutz aus der grünen Ecke geholt und als unabdingbare Lebensgrundlage begriffen wurde. Heute erlebe ich einen sauberen, klaren Fluss, von Sportfischern, Campern und Wasservögeln gleichermaßen begeistert angenommen. Natürlich auch von Spaziergängern, Radlern und Skateboardern mit denen wir uns den Uferweg teilen.

Reale Bilder, die an schwülstige, in drittklassigen Kunstgalerien hängende Gemälde erinnern: Zwischen Wildgänsen, Schwänen und friedvoll grasenden Schafen erreicht die Romantik einen Höhepunkt. Dieser Empfindung frönt wohl auch das mit Startnummern dekorierte Paar und lässt sich vor den schmucken, ihrer Winterwolle kürzlich beraubten Pelztieren ablichten.

Dem Fluss zu folgen macht Laune und ich überlege wie lange sie mir auf so angenehme Weise erhalten bleiben wird. Die Ruhr fließt in den Baldeney See in Essen und dessen Südufer ist Teil der Strecke. Also mache ich mir berechtigte Hoffnungen den Fluss samt grüner Lunge noch eine Weile auskosten zu dürfen. Ach ja, von wegen der Laune: Das mit dem „Rauslaufen“ hat einmal mehr geklappt. Von meinem ISG war schon eine ganze Weile kein Pups mehr zu vernehmen. Drück mir die Daumen, dass es so bleibt!

Wer eine Brücke baut, will vor allem eins: Trennendes überwinden. Moderne Brückenbauer bemühen sich, Funktionalität mit Ansehnlichkeit bis kühner Eleganz in Einklang zu bringen. Der letztlich umgesetzte Entwurf kann aber auch – mag sein aus Kostengründen – ein an Hässlichkeit kaum überbietbares Monstrum gebären. Ob Architektonisches dem Auge schmeichelt ist auch eine Geschmacksfrage. Doch die weiß lackierte Stahlkonstruktion, unter der ich momentan hindurch jogge, verschandelt die malerische Flusslandschaft in besonders drastischer Weise. Im Volksmund trägt das Ding den Namen „Fünfpfennigsbrücke“. Angeblich, weil früher eine entsprechende Nutzungsgebühr erhoben wurde. Doch spielt die Bezeichnung nicht eher verächtlich auf die niedrigen Baukosten an?

Auf hässlich folgt interessant. Fraglos der Versuch ein Kunstwerk zu schaffen. Farbige Dreiecke in kräftigen Farben schmücken einen Gittermast. Eigentlich hatte ich mir aus Zeitgründen vorgenommen heute keine Fotostopps einzulegen. Aber vor diesem (mindestens) bemerkenswerten Zeugnis menschlicher Kreativität** mache ich eine Ausnahme, um eine geeignete Perspektive für meine Kamera zu finden.

**) Die Installation ist Teil des „Kunstpfades Ruhr“, trägt den Titel "LEUCHTTURM" und ist eine Arbeit von Ali Hwang, Jeong Hae-Ryan und Park Chung-Ki, Kunstakademie Münster. Die Internetseite des „Ruhrtal Radweges“ beschreibt das Werk als „Montage von bunten, lichtdurchlässigen Kunststoffplatten am 100 KV-Strommast in Essen-Überruhr“.

Und weiter. Nach inzwischen immerhin 36 Kilometern habe ich mir einen kleinen Zeitpuffer von etwa vier Minuten erarbeitet. Frohlocken wäre definitiv verfrüht. Andererseits fällt es mir nicht schwer zwischen den Verpflegungspunkten eine Pace von etwa 5:45 min/km zu halten. Wieder höre ich den zauberhaften Gesang der Sirenen, vom jenseitigen Ufer diesmal, lauter, verlockender: Komm Udo, lass ein bisschen Optimismus zu! Glaube versetzt Berge und schenkt dir womöglich die Sub10h …

Trotzdem kein Frohlocken in Sachen „Sub10h“, dafür jubiliere ich in Sachen „Strecke“. Der Kurs schmiegt sich weiterhin ans Ufer und ich sammele zauberhafte Kilometer. Zuhause in Bayern erwacht die Vegetation gerade aus dem Winterschlaf. Hier an den Ufern der Ruhr explodiert sie bereits. Sattes, frisches Grün wohin man blickt. Dazu ein strahlend blauer Himmel und die trägen Fluten der Ruhr. Nun tatsächlich Läuferglück pur und das bereits seit etlichen Kilometern. Trotz Sonne von Pol zu Pol steht eine Hitzeschlacht nicht zu befürchten. Kühle Luft (14°C waren als Tageshöchstwert vorhergesagt) verhindert übermäßige Dehydrierung.

Drei Ruderboote dümpeln auf dem Wasser. Anscheinend genießen die Männer in ihren Einern eine Erholungspause nach scharfer Trainingsfahrt. Längst laufen wir auf Essener Boden, was ich der Beschriftung diverser Wegweiser und seltenen Reklametafeln entnehmen kann. Wir wechseln die Flussseite. Wer ist eigentlich „wir“? – Von Staffelläufern abgesehen, schieben sich immer wieder dieselben, nicht mehr als zehn verschiedenen Rückenansichten in mein Blickfeld. Meist bringt unterschiedliche Verweildauer an Verpflegungsstationen die Reihenfolge durcheinander, seltener Tempoänderungen. Ein Marathon liegt hinter mir. 42,195 km. Heute nur eine Zahl ohne Konsequenzen und Lohn. Dennoch mache ich in Gedanken einen Haken hinter der Marke. 100 km sind elend weit, also setze ich mir Teilziele und der Marathon ist eines davon. Das nächste Teilziel heißt „Halbzeit“ und das übernächste „Jetzt nur noch ein Marathon!“ …

Die Fußgängerampel zeigt „rot“. Zwei Mitläufer warten schon, also warte ich auch. Ein gefühlte Ewigkeit lang. Eine Minute vergeht, anderthalb, der Pulk wächst und meine Ungeduld auch. Es gibt immer einen, der es besser weiß oder kann. Dieser hat Glück, rettet sich unverletzt zur anderen Straßenseite. Über vier stark befahrene Spuren! „Da wäre ich vorsichtig!“ kommentiert einer der Wartenden das riskante Manöver. „An dieser Kreuzung haben sie schon einige totgefahren!“

Kilometer 48: Für ein paar Minuten ändert sich das Laufgeräusch auf den Holzbohlen einer Fußgängerbrücke. Gut 200 Meter von Ufer zu Ufer gehen nicht mehr als Fluss durch, das nenne ich bereits See. Einer, der ohnehin nur mit seiner Längenausdehnung (ca. 7 km) punkten kann, an der breitesten Stelle kaum mehr als einen halben Kilometer misst. Drüben angekommen verspüre ich so etwas wie „Wiedersehensfreude“. 2008 durfte ich das Südufer des Baldeney Sees beim Essen Marathon auf zwei Runden abmessen. Damals unter buntem Herbstlaub, jetzt zwischen frischem Frühlingsgrün.

„Soll ich von dir ein Foto machen, wenn du die Kamera schon mitschleppst?“ fragt der Begleitradler mit einer nicht zu überhörenden Spur Mitleid in der Stimme. Auch wenn es mir ein bisschen peinlich ist, zögere ich keine Sekunde ihm die zwischenzeitlich von Schweiß und verschmierten Gelresten klebrige Digicam auszuhändigen. Radelt voraus, steigt ab und „Klick“ ensteht ein überwiegend echtes Lauffoto von mir. „Überwiegend echt“, weil er zu wenig Vorsprung heraus radelt und ich mein Tempo radikal vermindern muss.

Das gepflegte Seeufer vermittelt die Illusion eines großen botanischen Gartens. Vor allem die Vielfalt der Baumarten trägt dazu bei. Etliche, die ich nicht zu benennen weiß, dazwischen Eichen, Buchen, Birken und nicht zuletzt Trauerweiden. Wie um Diskretion bemüht, verwehren deren Astvorhänge für ein paar Schritte den freien Blick aufs Wasser. Wenig Verkehr auf kaum bewegtem Spiegel: Weit draußen pflügen ein paar Segler den See. Leise tuckernd gleitet das Rundfahrtenboot „Stadt Essen“ vorbei. Auf dem Sonnendeck genießen ein paar Vermummte den sonnig unterkühlten Maisamstag.

50 km, Halbzeit und erst 4:54 h um. Eine kleine Kolonie aus Zuschauern und Helfern klatscht Beifall. Ich hatte die Marke ein paar hundert Meter später erwartet und bin vom angesammelten Zeitpolster ziemlich überrascht. Mehr noch: Da mich kein Anflug von Ermüdung bremst, wird es wohl nicht bei diesen sechs Minuten bleiben. So berückend, so unwiderstehlich betörend singen die Sirenen jetzt … Fesselt mich an einen Baumstamm, damit ich ihrem Lockruf nicht verfalle! Ich jage nicht länger einer Fata Morgana nach. Ab jetzt begreife ich „Sub10h“ als reelle Chance, die es auf Biegen und Brechen zu verteidigen gilt …

Weiter dem Seeufer folgen. Am Himmel ziehen Haufenwolken auf. Über deren zeitweiligen Schattenwurf bin ich alles andere als unglücklich, auch wenn ich keinen Durst verspüre. Vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt schreitet die unaufhaltsame Dehydrierung langsamer voran. 55 km: Ich erreiche die Staumauer des Baldeney Sees, erlebe die Wiedergeburt der Ruhr und passiere kurz darauf die auffällige „Weiße Mühle“. Davor verrottet die ehemalige „Schleuse Neukirchen“, deren Schleusenkammern nach dem Bau der Staumauer trockenfielen. Ein Altwasserarm der Ruhr weist den Weg, bis wir im Essener Ortsteil Werden einmal mehr die Flussseite wechseln …

Kilometer 58 lässt mich einen weiteren Haken auf meiner persönlichen Checkliste setzen. Jetzt fehlt „nur“ noch ein Marathon zum Finisher-Glück. „Ein Marathon ist eine recht überschaubare Strecke!“ gebe ich oft unter Zugabe einer Prise Ironie, in der Hauptsache aber mit gnadenlosem Ernst zu Protokoll. Deshalb bin ich ein wenig enttäuscht, dass von diesem Moment nicht mehr innerer Ansporn ausgeht. Ich habe nicht nur einmal erlebt, dass der Gedanke „Jetzt nur noch ein Marathon!“ erstaunliche Kräfte freisetzte. Nichts dergleichen heute. Ein bisschen Freude und schon gehe – pardon: trabe ich zur Tagesordnung über. Auf zur nächsten Wegmarke, nun bald 60 Kilometer!

Die Ruhr hinterm Baldeney See belohnt mit ähnlich verträumten Ecken wie davor. Eine Allee prächtiger Kopfweiden steht für die Läufer stramm, während uns zwei faulenzende Kanadagänse*** nur mit gelangweilten Blicken bedenken. Efeu rankt an uralten Bäumen, deren hellgrüner Blattnachwuchs winterschlaftrunken in die Sonne blinzelt. Na ja, im Augenblick braucht eigentlich niemand zu blinzeln, weil sich das Azurblau des Vormittags hinter milchigen Wolkenschleiern verkriecht.

***) Kanadagänse leben angeblich nur in Kanada, England und Südschweden. Deutschland und Holland berühren sie „eigentlich“ auf ihrem Zug im Winter. So steht es hier. Leben die zahlreichen Gänse an den Ufern der Ruhr demnach illegal in Deutschland? PS: Wenige Tage später sichte ich auch welche in Dießen am Ammersee. Wie kann man sich nur so verfliegen?

60 Kilometer: Als ich in der Schule lernte mit Brüchen und Prozenten zu jonglieren, war mir die wahre Tragweite des Lernstoffes nicht geläufig. Doch mal angenommen, die Allgegenwart dieser Arithmetik wäre mir damals zu vermitteln gewesen. Auf die Nutzung anlässlich eines 100 km-Laufs wäre keiner meiner Lehrer auch nur ansatzweise gekommen. Nächstes Zwischenziel: „Zwei Drittel“! Also 66,66 … km. Nette Schnapszahl – oder etwa nicht?

Kilometer 63, der letzte am Ufer der Ruhr. Der Abschied musste irgendwann kommen und in Kettwig ist es so weit. Nach sage und schreibe 35 Kilometern Fluss- und Seeufer setze ich ein letztes Mal über die Ruhr. Noch ein Blick flussaufwärts, dann folge ich den schwarz-gelben Flatterbändern entlang einer Ausfallstraße südwärts.

Was erwartet mich nun? Ganz sicher Höhenmeter. Ich folgte der Ruhr mit der Strömung, befinde ich mich folglich jetzt am tiefsten Punkt der Strecke. Und tatsächlich steigt die Straße hinter der Brücke an. Nicht nennenswert zunächst, weswegen ich mein Tempo beibehalte. Hinter einem tipptopp in Schuss gehaltenen Fachwerkhaus (Gasthof) fordert der Aufstieg bereits ein paar Körner mehr. Zuletzt tippele ich auf Zehenspitzen und mit ultrakurzen Schrittchen das steilste Stück der gesamten Rundstrecke aufwärts. Doch bevor die Qual in allen Körperecken ankommt, ist sie auch schon wieder vorbei. Eine weitere zum Radweg umfunktionierte Bahntrasse bestimmt den weiteren Weg ...

... aufwärts, immer weiter aufwärts, allerdings auf sehr moderater Steigung. Ich zolle den wechselweise zwei, drei, vier Grad Neigung, die Bahningenieure einst schnaufenden Dampfloks abverlangen konnten, Respekt und reduziere mein Tempo minimal. Auf diese Weise werde ich lediglich einen kleinen Teil meines Zeitpuffers (derzeit noch ca. 6:30 min) einbüßen – hoffe ich jedenfalls. Fünf Minuten weiter überhole ich zwei Kontrahenten, die sich gehend und plaudernd mehr Zeit lassen als ich. „Viel Erfolg!“ wünscht mir einer der beiden hinterher (schwingt da Skepsis in der Stimme mit?) und ich revanchiere mich mit einem ehrlichen „Euch beiden auch!“.

Zwischenzeiten-Check nach jedem Kilometer: Konstant etwa 6:15 min/km. Schneller wäre möglich, aber mein sicherer Untergang! Begründen kann ich das nicht, nur spüren. 66,666 km und ein Bild im Kopf: Stift in die Hand nehmen, Wegmarke abhaken. ‚Nicht dramatisch, wenn dein Vorsprung langsam abschmilzt!’ beruhige ich mich. ‚Weit kann es ohnehin nicht mehr sein, bis die Steigung überwunden ist. Bei Kilometer 70 werde ich sicher oben sein … Denke es und habe damit gleich meinen nächsten „Checkpoint“ fixiert.

Kilometer 67. Immer weniger Fotos entstehen. Viel Grün nach wie vor aber keine Ansicht, die mich reizt den Auslöser zu drücken. Verdacht: Das liegt nicht an der Gegend, es liegt an mir. „Mens sana in corpore sano!“ – Apropos gesunder Körper: Durst wird zum ernsthaften Ärgernis. Schon viel zu lange keine Tränke mehr und dummerweise habe ich versäumt bei der letzten meine kleine Trinkflasche aufzufüllen. Kilometer 68. In diesen Minuten mutiere ich zu einer Art Labormaus. Das Läuferschicksal startet eines seiner härtesten Experimente, das mir je zugemutet wurde. Arbeitshypothese des Forschungsleiters: Udo wird es nicht packen!

Kilometer 69. Eine Oase. Endlich! Ich saufe wie ein Kamel nach einer Woche Karawane durch staubtrockene Wüste. Schlucke ein Gel dazu, brauche Energie. Menge und Mischung fühlen sich scheußlich an im Magen. Aber darauf kann ich keine Rücksicht nehmen. Ein Ziel ist ein Ziel ist ein Ziel … Widerstands- und wortlos (Reden kostet Kraft!) lasse ich mir die Digicam abnehmen und mich beim Verpflegen ablichten. Will gar nicht wissen wie mitgenommen ich aussehe. Die linkischen Versuche mein Trinkfläschchen aus bereitstehenden Bechern nachzufüllen erregen Mitleid: „Soll ich es aus der Flasche auffüllen?“ Ein mundfaules „Ja“ aus trockener Kehle, dabei hätte die Helferin doch weit mehr als das verdient. Stecke die Flasche ein, nehme einen letzten Becher Wasser mit auf den Weg und ringe mir zwei Worte ab, die bereits erschreckend viel Konzentration und Krafteinsatz erfordern: „Danke!“ und „Tschüs!“

Alsbald poppt das Zwischenzeitfenster für Kilometer 70 (Haken hinter „70“) auf: Über sieben Minuten! Zuviel kostbare Zeit beim Verpflegen vertrödelt. Eine halbe Minute weniger wäre akzeptabel. Kontrolle verloren und der Sehnsucht nach Erholung verfallen. Ärgerlich. – Nächstes Zwischenziel? „80“ taugt nicht, liegt zu fern in ungewisser Zukunft. Also „75“! – Trabe in Richtung 71 km und überlasse mich dem Eindruck (der Hoffnung?) nun gleich „oben“ zu sein. Vielleicht hinter der nächsten Kurve? Dort vorne, zweihundert Meter höchstens noch …

‚Ich fasse es nicht!’ Spontan zischt diese Formel durch meinen Kopf als ich hinter die nächste Kurve blicke: Wie gehabt sanft aufwärts, schnurgeradeaus und weiter als das Auge reicht. 72 km. Laaaange Gerade und wieder von Wunschdenken beherrscht: ‚Hügel sind rechts und links kaum auszumachen. Die Steigung wird gleich enden. Nur noch um die Biegung da vorne …’ Dann liegt auch diese Kurve hinter mir und wieder kann ich kaum glauben, was ich sehe. Vier Worte werden zum Mantra wachsender Verzweiflung: „Ich fasse es nicht!“ Denke ich es acht-, neun-, zehnmal oder öfter? Wieder eine Kurve und wieder aufwärts.

73 km. Nun stelle sich niemand eine echte physische Herausforderung vor! Die sanfte Rampe zwingt mich nicht in die Knie, nicht einmal die Pace zu reduzieren. Dennoch drischt sie auf mich ein und erzielt Wirkungstreffer. Mentale! Bereits acht Kilometer unablässig bergauf und kein Ende in Sicht. Dieselbe Höhendifferenz auf einem Kilometer: Schnaufen, kämpfen, eine Viertelstunde lang fluchen und das war’s dann. Aber das hier dauert. Bis zum jüngsten Gericht, will mir scheinen. Auch der Zeitpunkt spielt eine Rolle: Vor fünf Stunden hätte ich die Steigung lediglich im Nebensatz erwähnt. Nach sieben Stunden Dauerlauf hält mir die Schräge einen Spiegel vor. Darin erblicke ich einen angezählten Kerl in erschöpftem Körper.

74 km. Ich verkürze den Abstand zu einer jungen Läuferin. Oberkörper nur knapp mit einem Bustier verhüllt. Trägt keine Startnummer, gehört augenscheinlich nicht zum Wettbewerb. Schließlich bin ich nah genug heran und identifiziere das flatternde, in die Träger ihres Oberteils geknotete Etwas als Laufshirt. Erkenne auch die Startnummer mit einer kleinen hochgestellten „3“. Also eine Staffelläuferin. Bin gleichauf. „Wissen Sie (Mann muss ich alt aussehen!) wie weit es noch ist?“ fragt sie hechelnd herüber. Sie kann nur den Wechselpunkt meinen, der – mathematisch korrekt – bei Kilometer 75 eingerichtet sein sollte. „Keine Ahnung“ knurre ich zurück und ergänze: „Ich kenne die Strecke nicht!“ Auch eine quengelige Anmerkung zur „elenden, nicht enden wollenden Steigung“ erspare ich ihr nicht. Selber Schuld! Was spricht sie mich auch an? – „Laufen Sie (noch ein „Sie“ und ich übersiedele ins Seniorenheim!) die ganze Strecke?“. Nach meiner Bestätigung entwickelt sie mehr Mitleid für mich, als für sich selbst, zeigt dem alten Mann an ihrer Seite alles, was Hoffnung weckt. Zunächst das 75 Kilometer-Fähnchen (Haken hinter „75“! Jetzt „80“! Bitte, bitte gebt mir bald die „80“). Gut tausend Meter weiter verkündet sie – mit Erlösung in der Stimme – die Wechselstelle und setzt zum Endspurt an.

77, 78 km. Zweimal in Folge ein wenig Gefälle und zweimal die Hoffnung es – „Verdammt noch mal!“ – endlich geschafft zu haben. Umso größer die Wucht der Keule „Realität“. Nie hatte ich ein Mantra nötiger. Verpacke darin allen Frust und jeglichen Schmerz, verschaffe mir Erleichterung:  „Ich fasse es nicht!“   Dass es mir (ein bisschen) hilft, kann nur nachvollziehen, wer Ähnliches je erlebte. Nächste Kurve, nächste Steigung. Sie sind untrennbar eins: Physische und mentale Not. Weiß nicht zu sagen, was überwiegt. 79 km und kein Ende. Durch eine Ortschaft. War’s das jetzt endlich? Kurz abwärts, noch einmal aufwärts. „80!“. Haken! Her mit der „85“!

Du brichst mich nicht, du Dreckssteigung! So mache ich mir Mut. Nur leider gibt es da diesen kleinen Mistkerl in meinem Gehörgang, ein wahrer Defätist vor dem Herrn, der längst die Wahrheit kennt: „Sie bricht dich nicht die Steigung, aber sie macht dich fertig! Noch zwanzig Kilometer und du wirst einbrechen!“ Jenseits wabernder Emotionen und nüchtern kalkulierend weiß ich also längst, dass diese lange Rampe mir nicht genug Kraft für Sub10h lassen wird. Ich weiß es auch, weil ich seit 10 Kilometern kein Gel mehr schlucken konnte. Dauerndes Unwohlsein verbietet es. 80 km. Haken! Und nun auf zu 85 km, dann ist es nicht mehr weit (Hörst du, wie er lacht, der kleine Mistkerl?) …

Bergab seit fünf Minuten und voraus eine Mulde. Ich hab’s geschafft. Nach 15 Kilometern Steigung! Blanker Wahnsinn. Und nun runter, flott, flott, Zeit gut machen, denn von meinem Puffer ist nichts mehr übrig. Bleibe wieder eindeutig unterm Sechserschnitt. Weiß aber auch: Noch ein wirkliches Hindernis, eine lange Steigung etwa, und es ist vorbei! Keiner der Weggefährten der ersten 60 Kilometer konnte mir folgen. Den letzten ließ ich oben auf der Kuppe hinter mir. Landschaft saust vorbei. Ist nicht so, empfinde es aber so. Ganz kurze Kilometer jetzt: 82, 83, 84 … Eine Tränke. Nur Wasser und rasch weiter, gehetzt von meinem Ziel. Runter, immer noch runter. 85! Haken! Her mit der „90“! 90 und dann nur noch lächerliche zehn (Hör auf zu lachen, du Pestbeule!) …

Trotz Gefälle greift Ermüdung rasend schnell um sich. Das geht nicht mehr lange gut. Mir ist immer noch unwohl, aber ich habe keine Wahl. Ohne ein paar Kohlenhydrate von außen werde ich nicht durchhalten. Also ein Gel. Boaaah schmeckt das widerlich. Vergewaltigung von Mundschleimhaut, Speiseröhre und Magen. Ätzend süß, nicht nur im übertragenen Sinne. Das Zeug verursacht mir beinahe Halsschmerzen. Zwei, drei Schlucke Wasser aus meiner Flasche. Besser.

Tempo halten. 86, 87 … und dann kommt das Ende schneller als jemals zuvor: Mir wird schlecht. Hundsmiserabel übel. In jeder Faser meines Körpers. Kann man nicht beschreiben. Grund: Muskeln sollen mehr Kraft freisetzen als sie können. Kilometer 88: Ich huste und stehe. Erbreche mich. Schlussverkauf: Alles muss raus! Ist mir egal. Nur ein Gedanke hat Platz: Vorbei! Aus! Ziel verfehlt. Eine Mitläuferin kümmert sich: „Kann ich dir helfen?“ – „Danke nein, alles gut!“ Sieht für sie aber nicht danach aus … tippelt weiter … Zwei Minuten vorbei, richte mich auf, trabe wieder an. Es geht. War mir klar. Klar ist aber auch: Viel langsamer als vorher. Hole die besorgte Mitläuferin ein. Steckt gerade ihr Handy weg, sagt: „Hatte jetzt doch ein schlechtes Gewissen, dich allein zu lassen …“. – „Alles gut, alles gut! Danke dir!“ und weiter.

Jetzt bin ich wirklich gebrochen. Keine Kraft mehr, um mein vorheriges Tempo aufzunehmen. Ironie des Schicksals: Bei Kilometer 90 km sind noch keine 9 Stunden um. Mit einem 6er-Schnitt könnte ich es locker schaffen. Aber so ist das nun einmal: Der völlig entkräftete Schiffbrüchige ertrinkt ein paar Meter vorm rettenden Ufer …

Keine Zwischenziele mehr. Nur noch ankommen. Beobachte die Uhr, töte letzte Spuren von Hoffnung in mir: 6:30, 6:35, 6:40 … zu langsam. Mehr geht nicht, also gib endlich Ruhe! Nun auch noch bergwärts und damit ist klar: Spätestens hier hätte mir die Strecke das Licht ausgeblasen. Kleine Schritte vorwärts aufwärts, ein bisschen was geht immer …

94 km und runter. Bin in Wuppertal. Und endlich auf der finalen Bahntrasse. Nur noch fünf Kilometer. Nicht mehr weit. Nicht mehr weit? Ich bin dem Ende nahe. Kein Spaß. Sogar sehr nahe. Verkürze meinen Schritt. Nicht auch noch diese Demütigung erleiden, nicht „Gehenmüssen“. Nicht auf einem Flachstück! NEIN, NEIN, NEIN! Will nicht! – Worte, Bilder, Fetzen von irgendwas im Kopf. Ich bin bei klarem Verstand, denke aber nur wirres Zeug. Lasse es in Gedanken kreisen. Wiederhole Unsinn lautlos mehrmals. Lenkt ab von der totalen Schwäche. Noch eine Tränke. Vier Kilometer vor dem Ziel. Schaffe es nicht vorbei zu laufen. Will auch nicht. Die Aussicht einen Moment zu rasten verheißt ein Stück vom Paradies. Ein bisschen Vorgeschmack auf die Erlösung von allem Leiden. Nur ein Becher Wasser … und viel Zeit.

Versuche gut auszusehen. Wenigstens das. Sage „Danke!“ und „Tschüs!“. Setze einen Fuß vor den anderen. Jeder Schritt kostet mich Überwindung. Ich gestehe mir ein: ‚So dicht war ich noch nie dran am Nicht-mehr-laufen-können!’ Nicht mal beim 24h-Lauf damals in Berlin. Schlimme Folter. Niemand scheint es zu merken. Skater, Radfahrer, Fußgänger in der Nachmittagssonne. Die meisten nehmen nicht mal Notiz von mir. Gut so! Einige klatschen Beifall: „Gleich geschafft! Klasse! Tolle Leistung!“ Zum Glück kein „Du siehst noch gut aus!“ In diesem Fall müsste ich den letzten Funken Leben an ein herzhaftes Lachen verschwenden und augenblicklich tot umfallen …

Ein Tunnel. Dahinter muss das Ziel sein. Nicht gleich dahinter. Dann aber ganz bald, balder, am baldesten. Bald geschafft, bald, bald, bald … Licht am Ende des Tunnels. Winzige Schritte. Zentnerschwere Füße. Laaaange Kurve. So brauchen es Züge. Damals und heute. Ich brauche nur eins: Ruhe! Da vorne: Der Zaun. Sieht doch aus wie … Vorsicht! Keine falschen Hoffnungen. Näher ran, Tippelschritte. Bitte, bitte … Ja, doch, oh mein Gott, da vorne ist das Ziel. Ich straffe mich. Blick zur Uhr: 10:06 h. Eindeutig drüber. Wenigstens eindeutig. Hinterher nicht wegen ein, zwei Minuten ärgern müssen … Letzte Schritte, jubelnde Menge. Keine Enttäuschung. Bin einfach nur froh. Nein mehr als das: Bin glücklich! Weiß nicht wieso. Ist aber so. Siegerpose, erhobene Hände und dann durchs Ziel …

Ergebnis: 10:07:12 h, Platz 14. von 53 Männern, Platz 1 von 4 in M60.

Fazit zum Wettkampf

Der Kampf gegen Strecke und mich selbst war mehr als hart und ich habe das Quali-Ziel verfehlt. Dennoch bin ich mit dem Ergebnis dieser Standortbestimmung sehr zufrieden. Neben einer für mich fantastischen Zeit nur sechs Tage nach dem Marathon-Double, freue ich mich vor allem über den bisher gelungenen Trainingsaufbau und die korrekte Vorhersage der Entwicklung meiner Leistungsfähigkeit. Die ursprüngliche Qualifikationszeit von 10:30 h hätte ich ohne Schwierigkeiten erbracht, die verschärfte hatte ich – wie vorhergesagt – an diesem Tag nicht drauf. In diesem Bewusstsein laufend konnte sich Enttäuschung bereits kurz nach dem Malheur von Kilometer 88 nicht festsetzen.

Erwähnen möchte ich noch, dass der blinde Läufer Anton Luber und sein Guide Stefan Beckmann nach herausragenden 9:56:41 h ins Ziel kamen.

 

Fazit zur Veranstaltung

Ein kleines Team hoch motivierter Enthusiasten stellt im Bergischen Land einen bemerkenswerten 100 km-Lauf auf die Beine! Wahrhaft eine Bereicherung des 100 km-Laufkalenders.

Das gilt zunächst für die Strecke, die, als Rundkurs ausgelegt, unendlich viele Naturschönheiten einfängt. Allein die 35 Kilometer am Ufer der Ruhr und des Baldeney Sees wären die ganze Anstrengung wert. Doch auch der lange Rest weiß mit herrlichen An- und Aussichten zu überzeugen.

Vielen Dank für die unendliche Mühe und Arbeit, die ein solches Unternehmen den Verantwortlichen abverlangt. An alles war gedacht und jede Einzelheit war mehr als zufriedenstellend geregelt.

Wer einen 100er zum Einstieg sucht, sollte nicht an Biel oder ähnlich legendäre Läufe denken, sondern an den WHEW100 in Wuppertal!

 

Bildnachweis: Die letzte Aufnahme in diesem Text stammt von wuppertal-und-berg.de. Alle anderen: Udo Pitsch

 

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