Marathon-Double, zweiter Tag:

Dunkle Wolken überm Fluss  –  Oberelbe Marathon 2015

Petrus scheint unentschlossen: Mache ich sie gleich nass oder erst später? Über dem Oberlauf der Elbe brodeln dunkle Wolken und Pfützen zeugen von nächtlichen Güssen. Pessimismus in Sachen Wetter ist Trumpf. Im Zug von Dresden nach Königstein und jetzt im Startbereich höre ich allerlei Unkenrufe. „Es wird noch vorm Start regnen!“ meint gar ein Hellseher (na ja, eher ein „Schwarzseher“).

Was mich angeht, so platze ich fast vor Optimismus. Das ist ganz und gar untypisch für den eher „morgenmuffelnden“ Udo. Außerdem gibt es eigentlich keinen Grund für übertriebene Hochstimmung. Die grauschwarzen Wolken drohen tatsächlich mit feuchtem Ungemach, das jederzeit über uns hereinbrechen kann. Zudem könnte man sie als Zeichen des Himmels deuten, der uns schon vor Beginn von Teil zwei des Abenteuers dessen ungutes Ende prophezeit. „Uns“ meint Sybille und mich. Und unser Abenteuer besteht aus „zwei Marathons in zwei Tagen“. Gestern der Bleilochlauf in Thüringen (46 km, über 1.100 Höhenmeter), heute der Oberelbe Marathon.

Wer Sybille und mich nicht kennt, wird mir die Bezeichnung „Abenteuer“ angesichts der harten Aufgabe unbesehen abnehmen. Jenen, denen wir läuferisch nicht fremd sind, muss man das Wort schon eher erklären. Ganz „gentlemanlike“ fange ich mal mit mir an: Das Double zweier Marathons (oder auch Ultra plus Marathon) an zwei aufeinander folgenden Tagen wendete ich schon mehrfach und ausnahmslos erfolgreich als spezielles Langzeittraining an. Von „Abenteuer“ zu sprechen und diesmal sogar ein Scheitern einzuplanen entspringt der Tatsache mangelnder Vorbereitung. Der dreiwöchige Urlaub in Südafrika hat in meinem Trainingsaufbau eine Ausdauerdelle hinterlassen. Wie tief die geht, weiß ich nicht. Lauffaul war ich nicht am Südende Afrikas. Aber primär Urlaubs-/Sightseeing-Ziele verfolgend auch nicht so fleißig, wie in derselben Zeit daheim. Mal sehen, was geht!

Sybille prüft sich erstmals mit einem Double und betrachtet es als gewaltige Herausforderung. Wenn man so will, habe ich sie in dieses Abenteuer „reingequatscht“. Weil ich keine Trainingsform kenne, die einen Ultraläufer für Wettkämpfe im Bereich 100 km und mehr nachhaltiger und rascher voran bringt, als so ein Doppelschlag. Natürlich nur auf Basis eines bereits mit Marathon- oder kürzeren Ultrastrecken gut ausdauertrainierten Körpers und ausreichend mentaler Härte. Mit beiden Pfunden vermag Sybille in diesem Jahr zu wuchern. Neben Ultra-Großtaten wie der „Brocken Challenge“, glückte ihr beim Bienwald Marathon eine persönliche Bestzeit unter 3:30 h. „Supergut drauf zu sein“ stellt allerdings keine Garantie für eine belastbare Tagesform dar und schon gar keine Versicherung gegen Lampenfieber. Also hat Sybille vermutlich ganz schön „die Hosen voll“.

Ich nicht. Nicht mal ein bisschen. Ich entwickele genug Optimismus und gute Laune für uns beide. Aus den dunklen Wolken über uns wird es nicht regnen und ihre schicksalsschwangere Prophezeiung gilt weder Sybille noch mir. Aus unerfindlichen Gründen weiß ich sicher, dass das Abenteuer für uns gut ausgehen wird …

Großes Hallo nach langer Zeit: Erst begegne ich „Tati“ aus Sachsen, dann „Anett“ und „Binchen“ (nach dem Lauf auch noch der Halbmarathon-Finisherin „Beate“) aus Eisenhüttenstadt. Was für eine Freude. Der Tag meint es gut mit mir. Und mal ehrlich: Was soll nach so vielen herzlichen Umarmungen und guten Wünschen denn noch schief gehen?

Lockere Versammlung auf der Wiese hinterm Startportal (Sybille: „Die sind hier viel entspannter als bei anderen Marathons!“). Voraus, hoch über der Elbe und dem gleichnamigen Ort, die Festung „Königstein“. Der Raddampfer „Dresden“ hat seine Passagiere (Läuferbegleitung) aufgenommen, gewendet und gleitet elegant vorbei. Ein Signal aus seinem Nebelhorn begleitet unseren Start. Kenne ich alles. Dasselbe Stück, beinahe identisches Bühnenbild, sich wiederholende Dramaturgie – war zuletzt vor zwei Jahren im selben Theater.

Unrunder Aufgalopp entlang der Elbe im Wettlauf mit dem Dampfer. Das „Unrunde“ kommt von den in diesem Bereich verlegten Pflastersteinen. Alsbald unterquert der Fußweg die Bahnlinie und begrüßt mich mit 1a-Asphalt. Am „Unrunden“ ändert das herzlich wenig. Das habe ich auch nicht erwartet, aus Erfahrung vielmehr dies: Zäher Beginn und vielstimmiges Meckern aller Abteilungen des gestern beanspruchten Bewegungsapparates. Nach und nach sollte sich das geben und normalem Laufgefühl Platz machen …

Gut zehn Kilometer liegen hinter mir und damit die anspruchsvolleren Kilometer dieses Kurses. Abseits des Elbufers muss sich der Radweg auf diesem Abschnitt mit dem schmalen Streifen zwischen Bahntrasse und Abhängen des Elbsandsteingebirges bescheiden. So nahe am Berg geht das nicht ohne Buckel ab. Die Folgen der Buckel stecken jetzt in meinen Beinen und wollen mich belehren: Das Tempo 5:40 min/km wirst du keinesfalls bis nach Dresden durchstehen!

Ich zeige mich „unbelehrbar“ und lasse erst einmal nicht locker. Meine heutige „Lauftaktik“ könnte man etwa so zusammenfassen: „Augen zu und durch!“ Etwas eleganter formuliert: Mein Ziel ist immer einen Marathon unter vier Stunden zu beenden. Jedenfalls solche Marathons, die nicht zu viele Höhenmeter oder Trails aufweisen. Dafür muss ich im Schnitt besagte 5:40 min/km bringen. Anfänglich justierte Tempi vermag ich ohne große Schwankungen bis ins Ziel zu behaupten. Zuverlässig wie ein Uhrwerk. Natürlich nur, wenn die Kraft reicht. Ob sie heute reichen wird, weiß ich nicht. Aber einen Sub4h-Versuch ist es wert. Die Gefahr meine Akkus vorzeitig leer zu laufen und jenseits der 30 km-Marke von Schwächeanfällen gefoltert zu werden ist mir bewusst.

Bisher blieb der Himmel trocken, wie erhofft. Und das, obwohl sich immer wieder fette, schwarze Wolken über uns zusammenballen. Für fünf, zehn Minuten Petrus’ drohende Faust, dann verzieht sich der Spuk und die Sonne bricht wieder durch. Und wie die durchbricht! Jedes Mal wärmer und deshalb trage ich nach einem Viertel der Distanz schon keinen trockenen Faden mehr am Leib. Ich erinnere mich an meinen gestrigen Durst auf der Bleilochstrecke in Thüringen bei niedrigeren Temperaturen und nehme mir vor heute reinzukippen, was geht.

Die Kilometertafeln entlang der Strecke geben mir zu denken. Damit meine ich (zunächst) nicht die ungewöhnliche Tatsache des Countdowns, der bei „41“ begann und mittlerweile „30“ erreicht hat. Die Schilder stehen mit konstanter Abweichung nicht da, wo sie eigentlich stehen müssten, also 195 Meter hinter den alten Kilometermarken. Die finde ich jedes Mal kurz nachdem mein GPS-Zählwerk einen vollendeten Kilometer meldet. Die offizielle Tafel steht dann jeweils erst 400 Meter weiter. Merkwürdig.

Blühende Obstbäume fördern Erinnerungen zu Tage. Ich kenne die Strecke, weniger attraktiv wird sie dadurch nicht. Wenn sie gerade scheint, lässt die Sonne das frische Grün an den Hängen leuchten. Für mich hat es immer einen besonderen Reiz am Wasser zu laufen. Egal, ob stehend oder fließend, wie die Elbe. Vermutlich geht das auch anderen Menschen so. Bisher kamen mir noch keine Flüsse oder Seen unter, deren Ufer nicht lückenlos von Wegen erschlossen waren. Was macht den Blick auf Wasser so anziehend? Oder lockt uns das Zusammentreffen der Elemente Wasser und Erde? Zumal wenn sich die „Erde“ bildfüllend beidseits des Stroms erhebt, wie hier im Elbtal.

Seinen schluchtartigen Charakter hat das obere Elbtal in diesem Abschnitt, kurz vor Pirna, bereits eingebüßt. Weniger hoch und abweisend präsentieren sich die bewaldeten Hänge beidseits des Stroms. Wo Schroffheit fehlt, lebt Idylle. Auch in den gepflegten Gärten der Flussanwohner. Ich kann mir durchaus vorstellen, wie schön es sein muss hier zu wohnen. Na ja, so lange die Elbe da bleibt, wo sie hingehört … Wenn sie zu Besuch kommt, hört der Spaß auf.

Apropos Spaß: Davon empfinde ich wieder mehr, seit der Uferweg sich flach erstreckt. Das Gefühl mich zu verausgaben ist weitgehend gewichen. Das Ziepen im Bewegungsapparat blieb allerdings erhalten. Obschon ich das so nicht kenne, mache ich mir keine Sorgen darüber, meine die Gründe zu kennen. Die gestrige Strecke war knochenhart oder besser: Hart für meine Knochen. Steinig, kantig, voller Wurzeln, dazu häufiges Auf und Ab. Das beansprucht in besonderer Weise. Erstens. Zweitens konnte ich meinen Körper in diesem Jahr noch nicht auf ähnlichem Geläuf abhärten.

Pflaster löst Asphalt ab, Pirna kündigt sich an. Eine hohe Mauer trennt den Uferbereich vom Rest der Stadt. Per Torbogen lassen wir die Mauer hinter uns, um die Altstadt zu erkunden. Gleich hinter dem Torbogen weichen wir nach links aus, weil eine Baustelle den direkten Zugang blockiert. Das bedeutet eine Streckenänderung und zwar eine, die mir insgesamt länger vorkommt als vor zwei Jahren. Die zwangsläufige Längendifferenz zur Originalstrecke ließe sich nur kompensieren, indem man Start- oder Ziellinie verschiebt. Die Startlinie verlief an derselben Stelle, wie letztes Mal und das Ziel im Stadion scheint unverrückbar. Liegt hierin der Grund für die „falsche“ Platzierung der Kilometertafeln? Laufen wir heute „Ultra“ statt Marathon, 42,4 statt 42,195 Kilometer?

Der Abstecher durch die Pirnaer Altstadt weiß mit vielen historischen, wundervoll restaurierten Gebäuden zu gefallen. Und die Umleitung beschert mir sogar einen eindrucksvolleren Blick auf das Pirnaer Schloss, von dem sonst nur ein Seitentrakt über einer Häuserschlucht zu sehen ist. Schon lange vor dem nur Sekunden währenden Lauf über den Platz vorm prachtvollen Rathaus hört man aufbrandenden Jubel und laute Musik. Cheerleader-Gruppen bilden ein Spalier, bringen sich, zahlreiche Zuschauer und die nach 17 Kilometern bereits ausgedünnte Läuferkette in Feierlaune. Ein bisschen Gänsehaut nehme ich von diesem Ort mit in die abzweigende Gasse …

Zurück am Elbufer finde ich den vom Pirnaer Pflaster und mehrmaligen Richtungswechseln gestörten Laufrhythmus rasch wieder. Steinerne Elbbrücke, drunter durch, noch ein paar Meter, dann ist Halbzeit: Knapp unter zwei Stunden, also im Soll. Aber läuft das auch auf ein finales Haben von knapp unter vier Stunden raus, oder werde ich einbrechen? Wer sich oft genug mit „Herrn Marathon“ duelliert hat, weiß, dass eine Prognose zur Halbzeit ungefähr so viel wert ist, wie die Wettervorhersage von nächster Woche. Für mich spricht, dass ich den auf dem ersten „buckligen“ Viertel eingefahrenen Rückstand wieder wettmachen konnte. Gegen mich die unablässig steigende Temperatur und der Widerstand, den mein Körper nach der Hälfte der Distanz bereits leistet.

Ich verwende bewusst das Wort „Widerstand“ und nicht etwa Müdigkeit. Weil nicht klar ist, wogegen ich ankämpfe. Gestrige Überlastung diverser Partien spielt mit Sicherheit eine Rolle. Im Bereich von Gesäß und Hüfte ziept es vom Start weg und vermutlich wird das auch so bleiben. Und der Rest? Weiß nicht. Beginnende Erschöpfung eher nicht, sonst müsste ich auf dem nächsten, dem übernächsten und weiteren Kilometern immer mehr Willenskraft mobilisieren, um die Pace zu halten. Die Belastung bleibt aber gleich – bis auf Weiteres jedenfalls.

Noch 19, 18, 17 Kilometer … ich lese es und denke, dass auf die Idee die Tafeln mit einem Countdown zu beschriften nur jemand kommen kann, der noch nie einen Marathon lief. Nach 23, 24, 25 Kilometer sind manche schon so müde, dass die Aussicht auf weitere 19, 18, 17 ihnen unendlich weit vorkommen muss. Marathon läufst du mit dem Kopf! Will heißen: Genügend Ausdauer ist lediglich Voraussetzung, Willenskraft entscheidend für ein gelungenes Finish. Eine der „gedanklichen Hygienevorschriften“, um sich nicht selbst mental zu schwächen, betrifft die Zählweise. So lange du noch nicht einstellig bist, immer nur an die vielen Kilometer denken, die schon im Kasten sind!

Vom Elbtal ist wenig mehr als die Elbe übrig. Dieseits des Flusses flaches Ackerland, jenseits ausgedehnte Wiesen, weiter hinten Hügel. Eine Reihe himmelstürmender, alter Pappeln beherrscht das Landschaftsbild und weist den Laufweg. Gerade ballt sich wieder so ein schwarzes Wolkenmonster über unseren Köpfen zusammen und speit doch tatsächlich dicke Tropfen. Für mehr als ein paar schwarze Pocken auf hellgrauem Asphalt reicht es aber nicht.

Der „schnelle Raumkreuzer Orion“ musste nach „Rücksturz zur Erde“ infolge Havarie auf einem Acker neben der Elbe notlanden. Gleich werden der stets aufmüpfige „Major Cliff Allister McLane“ und seine Besatzung aussteigen und übers Feld zu uns herüber stapfen. Sein Sicherheitsoffizier „Tamara Jagellovsk“ wird uns zur Rede stellen, ob die „oberste Raumbehörde“ unseren Lauf überhaupt genehmigt hat. So weit klar. Aber warum in aller Welt haben sie die schnittige fliegende Untertasse so grellbunt angepinselt? Oder hab ich das damals übersehen? Bei der Erstausstrahlung der legendären Fernsehserie „Raumpatrouille“ gab’s nur Schwarz-Weiß-Fernsehen. – Bereits vor zwei Jahren konnte ich mir keinen Reim auf das „Ufo“ machen. Zu niedrig für einen Wasserturm, zu weit abseits der Wohnlagen, um darin Menschen unterzubringen oder zu schulen. Ich muss noch einmal mein Rechercheglück im Internet versuchen!*

*) Auf einem Bild bei Google Earth wird die Anlage als „Tiefbrunnen“ bezeichnet.

Als Marathonläufer kann man Schloss Pillnitz auf der anderen Elbseite leicht übersehen. Nach inzwischen 27 km beginnt sich dein verfügbarer Bildausschnitt langsam in Richtung Tunnelblick zu verengen. Außerdem versteckt sich das Schloss für einen Laufkilometer hinter der gleichnamigen Elbinsel. Nur dank einer zufälligen Blickwendung entdecke ich heute den unmittelbar am Ufer errichteten Seitenflügel des Schlosses. Vielleicht hilft auch die Sonne, weil sie die Schlossfassade gelb und grauweiß zum Leuchten bringt.

Apropos Sonne: Seit ein paar Kilometern hält sie mir die Treue. Die direkte Einstrahlung lässt mich mächtig schwitzen und verstärkt das Gefühl jederzeit mit einem Einbruch rechnen zu müssen. Noch 13 Kilometer. Das ist elend weit, wenn man fühlt, was ich fühle. Aber egal: Noch geht es und Laufziele gebe ich erst auf, wenn die Umstände mich zwingen.

Weit voraus schiebt sich das „Blaue Wunder“ ins Blickfeld, eine Stahlbrücke aus der Gründerzeit. Damals das Nonplusultra der Brückenbautechnik. Ihren Namen verpassten ihr die Sachsen wegen des blauen Schutzanstrichs. – „Mit welchem Tempo bist du unterwegs?“ Erst kapiere ich nicht so recht, was mein Nebenmann von mir will. Nach dem Tempo hat mich noch nie jemand gefragt. Anscheinend will er seines überprüfen, um die Sub4h-Ankunft in Dresden sicherzustellen. Also antworte ich nach einem Blick auf meine GPS-Anzeige wahrheitsgemäß: „Ungefähr 5:30 bis 5:35!“ Damit endet unser Dialog auch schon. Anscheinend hat er „zu später Stunde“ genauso wenig Atem für Gespräche, wie ich.

Laufe unterm „Blauen Wunder“ hindurch und wundere mich, dass meine Zellen immer noch ausreichend Energie bereitstellen. Wird es für die verbleibenden 8 km reichen? Zwar muss ich mich quälen aber nicht grenzwertig. Es gelingt mir die Pace ohne Abweichungen zu halten. Mit jedem Schritt wächst die Überzeugung es unter vier Stunden zu schaffen. Darüber empfinde ich unbändige Freude und die verleiht bekanntlich Flügel. Natürlich denke ich auch an Sybille, die sofort nach dem Start mit forschem Schritt davon zog. Und es sieht nicht so aus, als würde ich sie noch einholen. Sie scheint auf dem besten Weg unser „Abenteuer“ gleichermaßen erfolgreich abzuschließen …

Ich ziehe meine Bahn durch die ausgedehnten Elbwiesen, von denen der Fluss bei Hochwasser Besitz ergreift. Von der Elbe bin ich nur einen Steinwurf weit entfernt. Noch 6, dann 5 Kilometer. Seit geraumer Zeit überhole ich Läufer um Läufer. Das ist immer so, wenn man sein Tempo hält. Alle kämpfen hart um die letzten Kilometer, rennen nicht nur aufs Ziel, sondern auch auf die völlige Erschöpfung zu. Ihre Schwäche setzt bei mir Kräfte frei, bei jedem Überholten ein Quäntchen.

Noch vier Kilometer und voraus taucht die unscheinbare aber folgenreiche Waldschlößchenbrücke auf. Man sieht sie kaum, so flach überspannt sie Elbe und Elbwiesen. Die Ingenieure mussten ihre Reißbretter sicher lange quälen, um diese unauffällige Lösung zu entwerfen. Trotz aller Anstrengungen kostete das Bauwerk die Stadt Dresden den Titel „UNESCO-Welterbe Kulturlandschaft Dresdner Elbtal“.

Noch drei Kilometer und Hochstimmung bei mir, auch wenn nun jede Faser meines Körpers nach Ruhe bettelt. Ich werde es schaffen! In der Ferne taucht die wunderschöne Dresdener Altstadtsilhouette auf. Kuppel der Frauenkirche und verschiedene Türme sind schon auszumachen. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass ich mein Tempo sogar noch steigere. Es wäre nicht nötig, bekräftigt aber die Gewissheit wieder einmal alles richtig gemacht zu haben.

Ich passiere nacheinander Brühlsche Terrasse, Hofkirche und zuletzt die Semperoper. Der letzte Kilometer. Noch einmal lasse ich den Blick über die Elbe schweifen, dann halte ich auf den Stadioneingang zu. Rein und auf die Tartanbahn. Eine über alle Backen strahlende Sybille winkt mir zu. Ich forme ein „V“ mit meinen Fingern und damit ist alles gesagt. Rascher Blick zur Uhr: Noch fünf Minuten Zeit, also keine Eile erforderlich. Trotzdem fliegen meine Füße wie von selbst über den roten Belag der Laufbahn. Ziehe noch an vier, fünf, sechs meiner Mitkämpfer vorbei und dann ist es geschafft.

– – –

Sybille brachte das Kunststück fertig auf den harten Bleilochlauf einen Marathon in 3:41 h folgen zu lassen. Um diese tolle Leistung richtig einstufen zu können, muss man wissen, dass ihre persönliche Bestzeit bei etwa 3:29 h liegt!

Unsere Ergebnisse:

Sybille: 3:40:45 h, 18. von 170 Frauen, 4. von 16 in W30

Udo: 3:57:20 h, 367. von 747 Männern, 6. von 30 in M60

 

Fazit zur Veranstaltung

Die Strecke ist jede Wiederholung wert und wird sicher nie langweilig. Dafür sorgen viele Naturschönheiten aber auch der kurze Abstecher durch die Pirnaer Altstadt und das Dresdner Kulturfinale.

Organisatorisch gab es keinerlei Defizite. Alles bestens geregelt. Die Versorgung unterwegs und im Ziel ist üppig.

 

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