Baleka Kakhulu (Run fast)  –  Two Oceans Ultramarathon Kapstadt 2015

Kein Aprilscherz: Am 1.4.2015 sitzen Ines und ich in Flug Nummer QR 1369 der Qatar Airways, von Doha (Katar) nach Kapstadt und der Chef im Cockpit outet sich als „Captain Kirk“. Die Sache ist die: Wer mit Captain Kirk auf der Enterprise durch die unendlichen Weiten des Alls düst, muss mit Abenteuern rechnen. Verschiedenes wird schiefgehen, doch das Happyend scheint immerhin garantiert. Nun bin ich nicht abergläubisch, gebe also nichts auf Vorzeichen oder Orakel. Dass unsere Läufe im Rahmen des „Two Oceans Ultramarathon“ in Kapstadt dennoch der Dramaturgie jener Science Fiction Serie folgen, muss purer Zufall sein …

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Wieder einmal ein von langer Hand geplanter, interkontinentaler Urlaubstrip, der einen der „Dream Runs“ dieser Welt einschließen soll. Ziel ist der „Two Oceans Ultramarathon“, 56 km, in Kapstadt. Da die Distanz Ines‘ Reichweite deutlich überschreitet, sie jedoch nicht ohne Laufmedaille heimfliegen soll, startet sie beim zeitgleich stattfindenden Halbmarathon. Wir buchen Flug und Rundreise und wissen nichts über die südafrikanische Laufszene. Deshalb entgehen wir nur um Haaresbreite der Anmeldekatastrophe: Das Teilnehmerlimit für den Halbmarathon, sage und schreibe 14.000 Plätze, ist nach Öffnung der Anmeldung binnen Stunden ausgebucht. Und nur durch den pursten aller puren Zufälle bekomme ich das Prozedere am Vortag mit … Um einen der 11.000 (!!!) Ultrastartplätze zu belegen, hätte ich länger Zeit gehabt. Dass sie letztlich alle weggehen, wie die sprichwörtlich warmen Semmeln, erstaunt mich dann aber doch. Der aufwühlende Anmelde-Prolog lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Laufen ist Volkssport in Südafrika. Davon halbwegs überzeugt zu sein, bewahrt uns jedoch nicht vor weiteren Fehleinschätzungen und Überraschungen …

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„Living your dream“

Freitag 3. April 2015: Abholung der Startunterlagen im Kongresszentrum (CTICC), Cape Town. Wir haben kein Glück in Sachen „interkontinentales Laufen“. Einigermaßen fassungslos halte ich die aktuelle Streckenkarte in Händen und erwehre mich ähnlicher Gefühle, wie 2012 in New York, als wir in der Hotellobby von der Absage des „NYM“ erfuhren. Der „Two Oceans“ wird stattfinden, aber nur mit „one ocean”. The Atlantic Ocean will be missing! Heißt: Die Passage entlang des atlantischen Oceans wurde durch eine Route im Inneren der Kap-Halbinsel ersetzt. Ursache ist eine gigantische Feuersbrunst, die vor zwei Monaten zig Hektar Natur in der Kapregion vernichtete. Aus welchem Grund konkret die Strecke nicht belaufbar ist, haben wir nicht in Erfahrung bringen können. Mit dem Auto war sie ohne Schwierigkeiten passierbar.

Sicher klingt diese Streckenänderung nicht sonderlich dramatisch. Was soll’s? Läuft man eben woanders. Doch der „Two Oceans“ gilt als schönster Marathon weltweit und dieses Prädikat verdankt er überwiegend dem traumhaft schönen Abschnitt entlang des Atlantiks. Beinahe alle Werbefotos, die man zu sehen bekommt, zeigen Ansichten der Atlantikküste! Wir fuhren die Strecke tags zuvor mit dem Auto ab. Dabei entstanden die beiden Bilder in diesem Abschnitt. Auch wenn Fotos die Realität nur unzulänglich wiedergeben, wird doch jeder verstehen, warum mein Läuferherz blutet …

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Samstagmorgen 5:15 Uhr: Unbeschreibliches Tohuwabohu und wir mit unserem Mietauto mittendrin. Zum Parken steuere ich einen (gegen geringe Gebühr) reservierten Parkplatz an. Geht nicht, weil wir im Verkehrschaos rund um den Startbereich des „Two Oceans“ stecken bleiben. Ganz nebenbei absolviere ich einen Crash-Kurs „Fahren und Überleben bei Linksverkehr“. Das Navi nützt mir dabei so viel, wie dem Verdurstenden die Fata Morgana. Letztlich folge ich dem Beispiel anderer Läufer und stelle das Auto ab, wo ich gerade bin und eine Lücke erwische. Wildes Parken in der „Wenlock Road“, wo immer das auch sein mag. Die Straße werde ich mein Leben lang nicht vergessen, weil ich mir den Namen eiligst „ins Hirn prügele“. Mit jedem Schritt weg vom Auto wiederhole ich mein Mantra: „Wenlock Road“ … „Wenlock Road“ … „Wenlock Road“ …, um später nicht ganz Kapstadt nach unserem fahrbaren Untersatz absuchen zu müssen … Noch nie war ich so darauf angewiesen offensichtlich ortskundigen Läufern blind zu folgen … „Wenlock Road“ … „Wenlock Road“ … Ist das zu fassen? Eine glückliche Fügung des Schicksals bescherte uns offensichtlich einen startnahen Parkplatz und …

… deshalb stehen wir Minuten später bereits vorm Startbereich des Halbmarathons. Wegen der Absperrungen kommen wir allerdings nicht rein. Dem Beispiel zig anderer folgend, wenden wir uns einer Nebenstraße zu. Dort lehnt ein ziemlich verloren wirkender Helfer an einer Hauswand und deutet immer wieder auf einen unscheinbaren Durchgang. Inmitten einer Endlosschlange zwängen wir uns durch einen engen, stockdunklen Pfad und hoffen inständig nicht zu stürzen. Ach ja, das hatte ich vergessen zu erwähnen: Die Uhr zeigt 5:20 Uhr am Morgen und da ist es im Kapstädter Herbst noch reichlich finster …

Endlich am Ziel unserer Wünsche, mitten auf der „Mainroad“*. Die Startbereiche für Ultra und Halbmarathon sind hintereinander und durch eine Straßenkreuzung voneinander getrennt angeordnet. Rund um die Kreuzung und um uns herum herrscht ein Gewusel wie im Ameisenhaufen, nur dass Ameisen ihren Staat besser organisieren. 5:35 h: Vor dem „Tog Bag Lkw“ staut sich bereits die Menge (Tog Bag: Kleiderbeutel). Ines beschließt: Bereits jetzt startbereit machen, auch wenn ihr Block E erst um 6:10 Uhr auf die Strecke geht. Das Kommando gilt auch für mich, weil wir nur einen gemeinsamen Beutel abgeben.

*) „Mainroad“ meint keineswegs eine Hauptstraße in der City von Kapstadt. Der Lauf startet in einer Vorstadt, beschreibt eine Runde durch die südliche Kaphalbinsel und endet etwa 2 km vom Startort entfernt auf dem Sportgelände der Universität von Kapstadt.

5:40 h: Beide fixfertig gestiefelt und gespornt. Ich schnappe mir den Beutel, drehe mich um und … der Lkw hat seine Ladeklappe bereits geschlossen!?? Renne hin, radebreche etwas verzweifelt Dringliches samt „Sorry!“ und „Please!“, werde aber zum Lkw auf der anderen Straßenseite geschickt. Dort herrscht maximale Verwirrung, denn neben dem Lkw hängt ein Schild, mit eindeutiger Aufschrift: „Tog Bags 56 km“. Aus mehreren Mündern höre ich die Frage in Richtung Laderampe: „Twenty-one or fifty-six?“ Antworten bleiben aus, dennoch scheinen wir richtig. „Wir“ meint eine von allen Seiten zur Laderampe drängende Meute. Der Mann auf der Laderampe guckt wie unbeteiligt aus der Wäsche und rasch – zwischenzeitlich unentrinnbar zwischen Leibern eingekeilt – erkenne ich auch warum: Seelenruhig und bester Laune klebt 1 Mann (in Worten: „ein“) Nummernzettel auf die Bags, reißt eine gleichlautende Klebenummer davon ab und pappt sie dem Abgebenden von hinten auf die Startnummer. Dann bin ich an der Reihe: Klebe- und Reißprozedur, sodann fordernd: „Show me your number!“ Ich versuche zu erklären: „It’s the bag of my wife. She runs the halfmarathon. I run 56 km.“ Ob er’s kapiert, weiß ich nicht, wurscht ist es ihm allemal. Noch einmal, jetzt energisch: „Please! Show me your number!“ Und „Papp!“ klebt das Zettelchen auf meiner Startnummer.

Unversehrt bei Ines angekommen, reiße ich den Nummernaufkleber wieder runter und sie steckt ihn sich in die Tasche. Damit wäre Ines‘ Startvorbereitung schon mal unfallfrei geglückt. Hurra! Augenblicklich hebt sich meine Stimmung um eine Oktave und drängt auf ein Erinnerungsfoto. Wir bitten den nächstbesten Läufer um den Freundschaftsdienst und posen mitten auf der taghell ausgeleuchteten Kreuzung zwischen den Startbereichen. Umringt von bunten Fantasiegestalten (Wo kamen die so plötzlich her?) lassen wir uns verewigen.

„Run for Health, educate for Wealth”

5:50 h: Eigentlich wollte ich Ines‘ Start abwarten und fotografisch begleiten. Stattdessen wünschen wir uns vorzeitig „The best run ever!“ und danach lasse ich sie am Ende ihres Startblocks zurück. Ich muss noch etwas Unausweichliches für meine Gesundheit tun und erwarte endlose Schlangen vor den Toiletten. Zunächst zwänge ich mich durch einen Mahlstrom von Leibern Richtung 56 km-Start und unverhofft scheint alles ganz einfach. Im Halbdunkel zwischen zwei Reihen Dixies habe ich die Tür schon in der Hand, als mir eine dunkelhäutige Dame mit resoluten Worten Einhalt gebietet: „These are the toilets for the ladies!“ Zur Verstärkung eilt noch eine weitere Amazone herbei. Als wollte sie ein lästiges Insekt vertreiben sprüht die Wortführerin vor meiner Nase eine Giftwolke in das Gelass: Pffft, pffft, pffft!

5:55 h: Ich stehe mir am Ende der Toilettenschlange „for men“ die Beine in den Bauch. Sicherheitshalber frage ich meinen Vordermann: „Are you waiting for the toilet?“. Der meint nur genervt: „Unfortunatly yes!“. – 6:00 h: Raumgewinn etwa 35 cm. 6:10 h: „Over there“, wo ich Startblock E vermute, fällt ein Schuss und schickt Ines auf die Reise. In Gedanken drücke ich noch einmal die Daumen. Ach ja, Raumgewinn inzwischen ca. 2 Meter. Immerhin, „but still about 15 Meters to go!“ …

Um 6:15 h verliert fünf, sechs Positionen vor mir einer die Nerven und bläst mit klarer Ansage zum Sturm auf den femininen Toilettenbereich! Männer sind nur so lange hilflos, bis einer die Initiative ergreift und die Truppe ins Gefecht führt! Solch grimmiger Entschlossenheit haben die Amazonen höchstens ihre lächerlichen Sprühflaschen entgegen zu setzen. Einer nach dem anderen kapert ein freiwerdendes Women-Dixie und tut, was ein Mann in dieser Situation nun einmal tun muss …

6:20 h: Unmöglich Startblock C** zu betreten. Überfüllt! In stetig wachsender Traube gedulde ich mich vorm Eingang. Mit einem Chip am Fuß*** für die Nettozeit ist mir das von Herzen egal. Bin jetzt startbereit und nur das zählt. Endlich laufen! Den vielen bunten Mitkämpfern um mich her geht es nicht anders. Alle scharren sprichwörtlich mit den Füßen. Meine infolge kastrierter Strecke kreuzmiserable Stimmung steigt weiter …

**) Der „bessere“ Startblock C wurde mir automatisch zugewiesen, weil ich meine Marathonbestzeit angeben musste. Obschon diese Form der Startplatzierung weitgehend der Sinnhaftigkeit entbehrt, konnte ich mich zum Schwindeln nicht durchringen.

***) Neuzeitliche Läuferweisheit: Traue keiner elektronischen Zeiterfassung! Wie man der Ergebnisliste entnehmen kann, bin ich einer der nicht mal seltenen Fälle, bei denen die offensichtlich überforderte Starterfassung versagte. Folglich kann ich keine offizielle Nettozeit angeben. Für’s Protokoll: Es dauerte nach dem Startschuss über 2 min, bis ich die Startlinie passierte …

Ich mustere die Läufer um mich her. Farbige und weiße Läufer gemischt. Da ist es wieder, dieses seltsam unsichere Gefühl. Urlaubmachen und Laufen in einem Land, das erst vor einem Vierteljahrhundert die unsägliche Geißel der Apartheid überwunden hat. Natürlich nur in seiner Verfassung, bestimmt noch nicht in den Köpfen und schon gar nicht, was die Verteilung des Reichtums betrifft. Umgang mit Farbigen**** wurde in den beiden Tagen, die wir schon hier sind, zur Selbstverständlichkeit. Aber immer begegneten sie uns als dienstbare Geister. Zuvorkommend, unverstellt herzlich, oft sogar fröhlich. Nichts davon war gespielt, dergleichen würde ich spüren. Aber in solchen Situationen hast du als Weißer immer dieses unsichere Gefühl: Was sehen sie in dir? Hier vorm Eingang von Startblock C – und hoffentlich auch nachher unterwegs – ist das anders. Hier begegne ich schwarzen Mitmenschen auf Augenhöhe. Die nächsten Stunden sind wir alle nur eins: Läufer, mit denselben Wünschen und Hoffnungen …

****) Die politisch korrekte Ausdrucksweise ist mir egal, da ich keinerlei Vorurteile gegen wen auch immer hege. Weder hier in Südafrika noch irgendwo sonst auf der Welt. Ich verwende die Ausdrücke „Farbiger“ oder „schwarzer Südafrikaner“, um bei dir die Vorstellung schwarzer Hautfarbe und eines negroiden Gesichtes zu provozieren.

„It’s a Record year“

Auf Augenhöhe? Na ja, nicht ganz. Die Farbigen der Kapregion sind durchwegs von zierlicher Gestalt. Deswegen und nur deswegen schaue ich auf meinen schwarzen Nebenmann ein wenig runter. Der ist supergut drauf. Mit fröhlich blitzenden Augen gibt er Bonmots zum Besten, die ich leider nur halb verstehe. Sobald die Umstehenden lachen, lache ich einvernehmlich mit. Dazu wippt er im Takt von „Eye of the tiger“. Ach was wippt: Windet sich geschmeidig wie eine Wildkatze, reißt die Arme hoch, wird wohl gleich abheben. Toller Typ. Gefällt mir. Sein ansteckender Enthusiasmus ist genau das, was ich noch brauche, um das ganze Durcheinander vorhin und den Tiefschlag mit der Streckenänderung zu vergessen. Nun bin ich sowas von heiß auf Laufen!

Plötzliche Andacht: (Fast) alle reißen die Kappen vom Kopf und legen ihre Hand in Herzhöhe auf die Brust. Schwarz und Weiß. Die Nationalhymne erklingt und das raue Organ meines farbigen Nachbarn vergrößert die Öffnung meiner Ohrmuschel. Nicht alle singen. Doch gibt es bei Sängern und Nichtsängern weder ethnische noch geschlechtliche Häufungen.

Noch zwei Minuten: Der schwarze Südafrikaner an meiner Seite fasziniert mich. Zwangsläufig treffen sich unsere Blicke. Warum er gerade mir das erzählt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich bezieht er sich auf eine der vielen Lautsprecherdurchsagen, von denen ich wegen schlechter Akustik und Slang kaum eine verstehe. Er findet unglaublich, wie schnell die vorderen Leute diesen Ultra absolvieren und wörtlich im Nachsatz: „These runners are crazy!“ Ungewollt liefert er mir ein Stichwort: „We all run 56 km! So we all must be a little bit crazy!“ – Von heftigem Lachen geschüttelt wiederholt er: „Oh yes! We are all crazy!“ Unterdessen fällt der Startschuss und gaaaanz langsam zieht uns der Sog in den Startblock, dann Richtung Startlinie ... Ein letztes Mal finden sich unsere Augen. Nach „Give me five“ und „Good luck! Enjoy the race!“ verlieren wir uns im Getümmel schnell aus den Augen …

Ein, zwei, höchstens drei Kilometer bleibt mein Tempo fremdbestimmt, was mich aber keineswegs stört. Umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich nicht gleich zu Anfang Ausdauer verschwende. Der Kurs führt schnurgeradeaus auf der breiten Vorstadtstraße und gemäß Streckenkarte wird das für etwa 13 Kilometer so bleiben. Erwarte ich auf diesem Abschnitt Attraktives? Nein, definitiv nicht. Was soll es auf ellenlanger Ausfallstraße einer Weltmetropole mit 3,7 Millionen Einwohnern schon groß zu sehen geben. Die Morgendämmerung schreitet voran und Wind kommt auf. Feuchte, 17°C warme Luft bläst den Läufern aus Südosten, vom noch unsichtbaren Indischen Ozean her, ins Gesicht. Im Nu steht mir der Schweiß auf der Stirn. Ein Alarmzeichen, das mich bereits an der ersten Verpflegungsstation, kaum 3 km nach dem Start, nach einem Becher Cola (Iso gibt’s erst später) und Wasser greifen lässt.

Das vor dem Start Erlebte (Streckenänderung ausgenommen, dafür kann niemand was) fordert herbe Kritik an der Organisation (besser: Nicht-Organisation) dieser Veranstaltung heraus. Schönreden ist meine Sache nicht … Was jedoch die Versorgung mit „Drinks" angeht, so muss ich für den „Two Oceans“ eine Lanze brechen! Die Versorgung steht unter dem Motto „Stay hydrated!“ (Bleib hydriert! oder: Trink ausreichend!) und wird ohne Zweifel umgesetzt! Zu diesem Zweck reiht sich Tränke an Tränke, etwa alle drei Kilometer eine, oft in kürzeren Abständen. Später sind die Verpflegungspunkte ausnahmslos mit Wasser, Iso und Cola bestückt. Für die Portionierung von Wasser und Iso bedient man sich eines raffinierten Verfahrens, das mir nirgendwo sonst bisher begegnete. Etwa 0,1 Liter Flüssigkeit sind in einen kleinen Kunststoffbeutel eingeschweißt. Bedenkt man die Masse der Läufer (25.000 Ultra + HM), dann muss eine schier unvorstellbare Menge an Wasser- und Gelportionen (300.000? Eine halbe Million?) bereit liegen.

Mein erster Versuch mit einer Wasserportion ist von Erfolg gekrönt: Ecke mit den Zähnen aufreißen und schon sprudelt das Nass in den Mund. Der zweite Versuch geht schief. Gottlob wieder mit Wasser: Ich reiße ein zu kleines Loch und drücke zu stark, wodurch das Beutelchen platzt und mir die Herrlichkeit aufs Dekolleté serviert. Lernerfolg: Loch reißen, sofort saugen und nur sanft drücken! Mit dieser Technik erziele ich in den folgenden Stunden ausnahmslos Erfolge … Ach ja, das noch: Zweite Tränke und wieder knallt ein Pistolenschuss, diesmal von mir selbst abgefeuert. Der Knall, einem Schuss zum Verwechseln ähnlich, entsteht immer, wenn ein Läufer auf ein weggeworfenes, noch halbwegs gefülltes Beutelchen tritt.

Weshalb bittet er mich und keinen anderen der dicht an dicht trabenden Mitkämpfer? David überholt, hat folglich vorher meinen Vereinsnamen gelesen und mich als Ausländer identifiziert. Also warum ich? Sind ausländische Weiße zugänglicher? Oder hat er einfach gesehen, welch regen Gebrauch ich von meiner Digicam mache? Bestimmt geheimnisse ich in einen simplen Vorgang zu viel hinein. Erliege der Faszination des Fremdartigen, einem Flair, in dem nach so wenigen Stunden Aufenthalt noch nichts zur Selbstverständlichkeit reifen konnte. Wie dem auch sei: Davids Haut ist schwarz und er schlägt vor, dass wir uns gegenseitig fotografieren. Ich sage „Yes of course“ und schon halte ich sein SmartPhone in der Hand. Drei Klicks, dann übernimmt er meine Kamera und erweist mir denselben Dienst. Während ich ihn von hinten ablichte, zieht David davon. Leider erweist sich meine Hand zu zittrig, als dass ich im Foto den ersten, der Sprache seines Stammes entlehnten Teil seines Vornamens, entziffern könnte …

Der bevorstehende Sonnenaufgang enthüllt ein recht seltsames Wettergeschehen. Im Dunkeln zeigten sich noch Sterne am Himmel, jetzt ziehen immer mehr tief hängende Wolkenfetzen heran. Kurz bevor sich die Sonne über die Gebäude östlich der Mainroad erheben und mit ersten Strahlen den Läufertross wärmen kann, ersäuft der Himmel im Wolkengrau. Und von Südosten treibt auffrischender Wind erste Regenfahnen vor sich her. Ich hoffe mich zu täuschen, werde nur leider Sekunden später von einsetzendem Sprühregen bestätigt. Einmal mehr sieht man mich fassungslos. Einen „Dreamrun between Two Oceans“, den ultimativen „Run into the sun“ hatte ich mir erhofft und jetzt der zweite Nackenschlag. Nach Streckenkastration nun auch noch Regen. Mir klebt das Pech an den Läuferfüßen. Wie groß es wirklich ist, werde ich erst noch erfahren: Die beiden Tage vor und etliche Tage nach diesem Samstag scheint die Sonne unermüdlich …

„Rain means more difficulties!“ First: Mit feinen Tröpfchen gesprenkelte Brillengläser vermögen ihre Arbeit nur noch eingeschränkt zu verrichten. Second: Neben internem wische ich mir nun auch noch das externe Nass aus der Stirn. Bin ich genervt? Ja und nein, vielleicht, weiß nicht. Ach egal! Ich hoffe auf ein Wunder und laufe … laufe … laufe … Selbstverständlich geschieht das Wunder nicht. Der Himmel stellt die Brause zwar alsbald wieder ab, doch Wolkengrau bleibt die dominierende Farbe des jungen Tages.

Nach 10 Kilometern zeigt meine Uhr fast exakt 60 min an. Davor habe ich keine Zwischenzeiten genommen. Anfangs wäre es wegen der Behinderungen sinnlos gewesen und zwischenzeitlich konnte ich mich dazu überreden, auch diesen Lauf nur als langen Trainingslauf zu betrachten: Laufend Ankommen! Es war ein Leichtes, für mein vorsichtiges das ehrgeizige Ego auf diese Formel festzulegen, weil die Beine sich ziemlich „unfrisch“ anfühlen. Weiß nicht wie ich es beschreiben soll: Nicht müde aber steif, irgendwie unwillig. Massenhaft Wettkampferfahrung lehrt: Verlässliche Prognosen auf Verlauf und finale Kilometer lassen sich daraus nicht ableiten.

Zu „Höherem“ scheine ich heute jedoch kaum berufen. Und um mir ein Zeitlimit zu setzen, müsste ich mehr über die Schwierigkeiten der Strecke wissen. Vor allem die beiden langen Steigungen sind schwer auszurechnen. – Gut gebrüllt Löwe! Mit vorstehenden Argumenten lässt sich fast jede Form des Scheiterns rechtfertigen. Da gibt es allerdings einen Umstand, den ein ehrlicher Laufbericht nicht verschweigen darf: Irgendwo tief in mir drin glimmt ein Fünkchen Hoffnung unter sechs Stunden zu finishen. Beileibe keine feste Absicht und – ehrlich! – ich glaube, es nicht schaffen zu können. Wie gesagt: Nur eine schwache Hoffnung. Das Limit „6 h“ ist ausnahmsweise einmal mehr als nur eine Zahl: Eine Bronzemedaille ist der Lohn für jeden, der unter der magischen Grenze bleibt. Wem das misslingt, darf sich immerhin über die „Blue Medal“ freuen. Wie? Ja sie vergeben auch Silber und Gold. Nur liegen die dafür zu erbringenden Leistungen galaktisch weit jenseits meiner Möglichkeiten. Aber Bronze … ja, Bronze wäre schon ein Traum …

Mache ich es am ‚Pacemaker 6:20 h‘ fest, dann bin derzeit ungefähr 20 Minuten von einer Bronzemedaille entfernt. Na ja, vielleicht weniger, denn immerhin überhole ich den Schrittmacher zügig und am Start hatte er sicher ein, zwei Minuten Vorsprung. Trotzdem: Mein Rückstand auf die sechs Stunden scheint uneinholbar …

Langeweile kann heute im Läuferfeld nicht aufkommen. Dafür sorgt die zweite Startnummer auf dem Rücken, die einiges von ihrem Läufer preisgibt: Wie er mit Vornamen heißt, wie oft er Halbmarathon und Ultra bereits absolviert hat und sein Alter. Letzteres nur in grober Näherung, denn die Altersklassen sind in 10er-Schritten abgestuft. Beispiel: Die „40“ kennzeichnet LäuferInnen im Alter von 40 bis 49 Jahren. Zwei, drei Frauen rennen ohne „age branding“ vor mir her, andere mit. Südafrikanische Höflichkeit? Durften Frauen die Altersklassifizierung ablehnen? Dann entdecke ich mehr und mehr „alterslose“ Männer. Nach einigem Beobachten – die „30“ erscheint auf keiner Startnummer – fällt der Groschen: Läufer ohne Altersklasse gehören sämtlich zur Gruppe U40.

Langeweile wird wirklich nicht aufkommen, auch wenn die Ansichten beidseits der Strecke gegenwärtig nichts Attraktives offerieren. Unstet springen meine Augen von Rückennummer zu Rückennummer und meine Sammlung südafrikanischer Vornamen wächst. Auch wenn es zunächst nach sinnloser Übung aussieht – bitte lies dir meine (kleine) Vornamenauswahl durch und lass sie auf dich wirken:

Female and black: Zimkhita, Nandipa Portia, Mausley, Anzonia, Nombuso, …

Male and black: Sfundiso, Vusumuzi, Ncamile, Edmund-Sipho, Sonwabo, Sisikelelwe, Thuvesa, Mohola Israel, Jabulani, Smanjhe, Pono, Seiso, Mankgase-Bethuel, Mziyanda, …

Female and white: Lauren, Tammy, Vaughneen, Lara, Kerin, Nerin, Ann-Mari, Anna, Rachel, Belinda, Angelique, Francina, Fiona, …

Male an white: Willem, Jason, William, Gerhard, Neville, Gavin, Kerry, Andrew, Ricardo, Francois, Etienne, John, Gerard, Adriaan Hendrikus, Vishnu*****, James, Pieter, Mogamat Majdie, Satish, Gareth, Roger, Christo, Ahmed, Garron, Steve, Kevin, Ebrahim, Nieuwoudt, Grant, Edward, Louis, Graeme, …

*****) Obwohl der Mann den Namen einer hinduistischen Gottheit trägt, musste er mit den eigenen Füßen laufen, wie wir alle …

Dem aufmerksamen Leser werden weder die ethnische Vielfalt noch die diversen europäischen Beiträge im südafrikanischen Völkergemisch verborgen bleiben. Eines kann meine zufällige, von eigenen Fotos abgelesene Auswahl allerdings nicht darstellen: Etwa 80 Prozent der südafrikanischen Bevölkerung ist schwarz. Im Marathonfeld beträgt ihr Anteil – vorsichtig geschätzt – höchstens ein Viertel bis ein Drittel. Schlussfolgerungen hieraus überlasse ich jedem Leser selbst****** …

******) Meine Einteilung in „Black“ and „White“ ist grob vereinfachend und insofern eine Verzerrung der tatsächlichen Bevölkerungsverhältnisse. Zu Zeiten der Apartheid wurde dreigeteilt in „Weiße“, „Blacks“ und „Coloured People“. Wobei Gesetze unter „Coloured“ alles subsummierten und gleichfalls in seinen Rechten einschränkte, was weder „Fully Black“ noch „Rein Weiß“ war. Für den Südafrikatouristen ist es unmöglich verschiedenen Konterfeis anzusehen, ob sie weiß oder coloured sind oder etwa doch noch black. Dieser Not entspringt meine obige Zweiteilung.

Ich erkenne den Ort von unserer gestrigen Rundfahrt wieder: Muizenberg. Gleich werden wir am Indischen Ozean entlang laufen, vom Wasser lediglich durch einen weißen, feinsandigen Strand getrennt (und leider auch eine unfotogene Bahntrasse). Besonderheit: In Muizenberg öffnete vor 50 Jahren der erste Surfladen Afrikas. Tatsächlich konnten wir am gestrigen Karfreitag reichlich Jünger des Surfsports mit den Wellen ringen sehen (Osterfeiertage übrigens wie in Deutschland).

Welchem Drehbuch folgt die meteorologische Dramaturgie? Aufhellungen und ein blauer Fleck zwischen den Wolken nähren Hoffnungen. Wärmer ist es auch geworden. Noch immer trinke ich an jeder Verpflegungsstation und der gleichbleibend geringe Druck auf der Blase gibt mir Recht. Ständig wandert mein Blick meerwärts, wie um ein wenig „Two Oceans Stimmung“ herauf zu beschwören. Wird aber erst fruchten, wenn der Stern heiß aus blauem Himmel brennt. Egal. Ich habe mich mit Strecke und Wetter abgefunden. Bleibt immer noch das einzigartige Erlebnis an der Südspitze Afrikas, zwölf Flugstunden von zu Hause entfernt, unter fremdartigen Umständen einen Ultramarathon zu laufen.

20 Kilometer Afrika haben meine Beine abgemessen, als sie die Kleinstadt „Fish Hoek“ betreten. Wie mehrfach zuvor säumen auch in Fish Hoek nur vereinzelt Zuschauer die Strecke, die dafür umso emsiger anfeuern: „Go Udo go!“ oder „Well done Udo!“ Wahre Jubelstürme ernten die zahlreichen Teilnehmer aus dem Ort, zu erkennen am gelb-weiß-schwarzen T-Shirt mit Aufdruck „Fish Hoek“.

„One Ocean down One Two go”

Die Tafeln hingen auch schon vorher entlang der Strecke. Doch erst jetzt, da wir uns vom Indischen Ozean ab- und dem Inneren der Kaphalbinsel zuwenden, schenke ich den Sprüchen darauf Beachtung. Von einem fühle ich mich dann doch ein wenig verhöhnt: „One Ocean down, One Two go“ (kein Schreibfehler, siehe Bild). Oder werden wir nachher etwa doch den Atlantik zu sehen bekommen? Vielleicht vom Scheitelpunkt des Anstiegs aus?

Es mag merkwürdig klingen, aber mein Laufgefühl hat sich in der letzten halben Stunde verbessert, als wäre ich erst jetzt vollends eingelaufen. Physiologisch ist das natürlich Unsinn, dennoch fühlt es sich so an. Ich wüsste zu gerne, welche Veränderung meiner Stoffwechselparameter dieser seltsamen Wahrnehmung zugrunde liegt. Mit dem „Kopf“ hat es eher nichts zu tun, denn der verharrt konstant in … na sagen wir: befriedigender Stimmung.

Mühseliges wirft seine Schatten voraus: In der Ferne erkenne ich dunkle Konturen von Höhenzügen. Etwa bei Kilometer 25 „droht“, was im bis dahin leicht welligen Streckenprofil aufragt wie ein „Haifischzahn“. 300 Meter Höhenunterschied sind auf etwa 7 km zu bewältigen. Klingt nicht dramatisch, trotzdem vermag ich mir nicht auszumalen, wie sich diese Steigung in der Realität darstellen wird …

Spontaner Impuls angesichts der ansteigenden Straße: ‚Sieht gar nicht so schlimm aus!‘ Bevor ich mich für die voreilige Einschätzung schelten kann, ziehen ein paar Helfer alle Aufmerksamkeit auf sich. Sie halten den Läufern einladend offene Pappschachteln mit ???? entgegen. Was ist das? Höchstens 20 Meter Zeit zum Identifizieren und Zugreifen … Sieht aus wie tischtennisballgroße Kartoffeln, mit sauberer, in Salz gewälzter Schale. Von Kartoffeln kann mir unmöglich schlecht werden und Salz ist auf langer, schweißtreibender Route nicht verkehrt. Also zufassen, abbeißen, kauen und …

… schon geht’s bergauf. Einigermaßen sanft, so dass ich mein Tempo nur mäßig reduzieren muss. 25,5 Kilometer liegen hinter mir und was ich jetzt erlebe, lässt mich staunen: Kaum einer aus der dicht gedrängten Schar fällt vom Laufen ins Gehen! 26 km gelaufen, dann 27, stetig bergwärts, abschnittsweise durchaus fordernd und noch immer stellen Geher eher die Ausnahme dar. Wie ist das möglich, bei 11.000 Teilnehmern und lediglich im Mittelfeld mit etwa 6 min/km trabend? Gäbe es einen Ultra in Deutschland mit ähnlichen Anforderungen, mindestens die Hälfte meiner Mitkämpfer sparte bereits jetzt gehend Körner …

Nach etwa 2:48 h passiere ich die 28 km-Marke. Halbzeit. Gibt es Läufer, die es schaffen in diesem Moment die einfache Multiplikation mit „2“ zu unterdrücken? Ich gehöre nicht dazu, auch wenn ich weiß, dass die meisten Höhenmeter noch vor mir liegen und damit rechne irgendwann einzubrechen. Wegen „null Bock auf Enttäuschung“ bläue ich mir ein: ‚Die Anstiege werden dich zermürben und müde machen! Sub6h ist nicht drin!‘

„Warning: Captivating Views Ahead“

(Captivating = Fesselnd)

Trotz Streckenänderung hatte ich mir berauschende An- und Aussichten erhofft. Fällt komplett aus: Die Vegetation um mich her wurde infolge des bereits erwähnten Feuers ein Raub der Flammen. Verkohlte Büsche und von Asche schwarzgrau verfärbte Erde dominieren mein Blickfeld. Darüber der graue Himmel, aus dem es seit einiger Zeit wieder in Schauern nieselt. Fernsicht? Nö, heute nicht, dazu ist es zu regnerisch und diesig.

Mein Respekt vor südafrikanischen Läufern schraubt sich mit der Steigung in schwindelnde Höhen. Alle haben jetzt 30 Kilometer in den Beinen, davon bald fünf bergauf und fast das komplette Feld läuft … läuft … läuft ... Mein bei der Anmeldung von der schieren Teilnehmerzahl genährter Verdacht wird von der Realität des „Two Oceans“ mehr als bestätigt: Südafrika ist eine Läufernation!

„Do Great Things“

Kilometer 31. Einer noch, dann müsste der Scheitelpunkt erreicht sein und bereits jetzt frohlocke ich. Die Beinschwere der ersten 10, 15 Kilometer ist wie weggeblasen. Vor ein paar Minuten zog ich locker an der Läufertraube rund um den „Pacemaker 6 h“ vorbei. Meinem Selbstvertrauen machte dieser Umstand unglaublich Beine … Leichtfüßig (auch wenn das übertrieben klingen mag) jogge ich diese nicht enden wollende Rampe hinauf. Kein Zweifel: Ich habe heute einen der besseren Tage erwischt! „Do Great Things“ hieß es auf einer der Motivationstafeln – mal sehen, vielleicht kriege ich das ja hin …

Ein gewaltiges Heer von Streckenposten – sie heißen hier „Marshals“ – sichert den Lauf. Hier am Berg ist ihre Arbeit überlebenswichtig. Gebetsmühlenartig wiederholen sie ihren Spruch „For your own safety: Use left lane please!“ und winken verirrte Läufer von der Gegenfahrbahn. Oft kurz bevor die nächste Autokolonne mit unverminderter Geschwindigkeit zu Tal rauscht. Richtig beängstigend wird die Situation, wenn ein schwerer Lkw mit knappem Abstand vorbei donnert. Fast mutet es wie Zufall an, dass kein Strecken-Marshal dabei zu Schaden kommt.

Geschafft, oben angekommen. Ein paar hundert Meter ebene Strecke, die allerdings niemand genießen wird. Der Wind weht steif von der Seite und peitscht gerade wieder ein paar Regentropfen durch die Luft. Alsbald senkt sich die Straße talwärts und sogleich endet der unangenehme Seitenwind. Kilometer 33 und ich riskiere einen Blick auf die Uhr: Nur knapp drei Minuten über dem 6er-Schnitt. Also habe ich kaum Zeit auf den sieben Kilometern Anstieg eingebüßt. Aus zeitlicher Distanz betrachtet, beim Schreiben des Laufberichts, finde ich dafür nur ein Wort: Sensationell! Gegenwärtig, mitten im Wettkampf und nicht wissend, was noch auf mich zukommt, werte ich es als ermutigend. Mehr gestatte ich mir nicht …

„Hello Udo!“ grüßt er von schräg hinten, um sofort die Frage anzuschließen, ob er mich ablichten soll. Frans (kein Schreibfehler!) hat am Trikot den Europäer und an der wild feuernden Kamera den Bildersammler erkannt. Mit den Worten „That would be nice!“ übergebe ich ihm auch gleich die Digicam und verlangsame mein bergab doch ziemlich flottes Tempo … Nach dem Fotoshooting laufen wir noch eine Weile plaudernd nebeneinander her. Der massige Südafrikaner schwärmt von seinen Laufreisen nach Europa. „How beautiful“ es beim 3-Länder-Marathon am Bodensee war oder in Budapest. Auch in diesem Jahr wird er wieder nach Europa aufbrechen und unter anderem in Zagreb Marathon laufen …

„Running out of Time“

Meine Verwirrung infolge völliger Desorientierung ist groß. Eine Weile erwarte ich tatsächlich irgendwo die bereits passierte Strecke zu kreuzen und den Kurs in einer „8“ zu vollenden. Das gab die Streckenkarte zwar nicht her, aber vielleicht habe ich sie falsch gelesen. Null Ortskenntnis, keine Sonne am Himmel zur Richtungsbestimmung, fehlende Sicht zu markanten Punkten und schon joggt Udo „Lost in Time and Space“. Wir passieren Alleen, Weingärten, Obstplantagen und immer wieder Orte mit inzwischen reichlich Publikum. Plötzlich taucht am Streckenrand eine Hinweistafel auf: „1 km to Go, 42,2 km Cut Off 11:50“. Ich rechne nach: Start um 6:30 h … insgesamt also 5:20 h Zeit, um den Marathon Cut Off zu erreichen. Ziemlich harte Bandagen finde ich. Sicher nicht als Zielschluss für einen Marathon, wohl aber für einen 56 km langen Ultra, mit etlichen Höhenmetern und – wenn man Glück hat (oder: Pech, je nach Einstellung) – unter praller Sonne.

„Looking good“

Bereits mehrfach glaubte ich mich im Begriff die zweite, „nur“ etwa 200 Höhenmeter überwindende Steigung zu erklimmen. Doch jedes Mal erwies sich der vermeintliche Berg als eine von zahllosen Kuppen. Kilometer 44: Wieder mal sanft aufwärts. Nur noch 12 Kilometer und ich spüre nicht die leiseste Regung von Schwäche. Ich vermag mich nicht länger dagegen zu wehren: Der schwache Funke Hoffnung entfacht eine heiß brennende Flamme. Nun glaube ich fest an meine Chance und werde mir die Bronzemedaille holen!

Weiter aufwärts durch eines der typischen Wohngebiete weißer Südafrikaner. Die Einfriedungen von Grundstücken erinnern oft an Festungsanlagen. Hohe Mauern, deren Krone mit stromführenden Drähten und/oder allen Raffinessen elektronischer Sicherungssysteme bewehrt sind, verbergen häuslichen Wohlstand (Reichtum?). Je prächtiger ein Anwesen, umso mehr gleicht es von außen einem Bunker. Angebrachte Schilder verweisen auf zuständige Sicherheitsdienste, drohen zuweilen symbolisch mit Schusswaffengebrauch … Mir führt das die empfindliche Sicherheitssituation vor Augen. Ebenso die Tatsache, dass erhebliche Teile der schwarzen Bevölkerung, 21 Jahre nach Regierungsübernahme durch den ANC (African National Congress) und andere von Schwarzafrikanern gestützte Parteien, noch immer nicht wissen, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen … Als Ausländer bleibt mir (bis auf weiteres) verschlossen, wie Schwarz und Weiß aktuell tatsächlich zueinander stehen. Meine Beobachtungen sind von – schlechtestenfalls – gegenseitigem Ignorieren, durchaus aber auch entspanntem Miteinander geprägt. Junge Südafrikaner scheinen am wenigsten gehemmt auch freundschaftliche Beziehungen zueinander einzugehen …

„Don’t stop to smell the flowers“

Ein paar hundert Meter rechts des Sperrzauns hin, dann Wende, anschließend auf der anderen Seite zurück und sanft aufwärts. Der Sinn dieser Schikane erschließt sich mir nicht, auch wenn die Absicht klar zu sein scheint: Den geänderten Kurs auf gleiche Länge mit der Originalstrecke bringen. Dadurch lassen sich die Laufzeiten allerdings auch nicht ohne weiteres mit denen früherer Jahre vergleichen. Dazu müsste man noch schikanöse Höhenmeter eliminieren, denn schon der grobe Vergleich beider Höhenprofile zeigt, dass die heutige Strecke mehr Höhenmeter fordert.

Aufwärts war seit einiger Zeit die vorherrschende Tendenz und dabei bleibt es. Nun durch einen Wald sehr hoher Bäume relativ steil bergan. Inzwischen hat sich der Anteil gehender Läufer erhöht, aber nicht drastisch. Höchstens zwei von zehn, eher weniger. Ich lege mich fest: Um das durchschnittliche Niveau südafrikanischer Marathonis und Ultras zu erreichen, müssten wir Deutschen deutlich mehr trainieren …

„Amper Daar, Amper Klaar” (Afrikaans: Fast fertig, fast da)

Schwer sich im steten Auf und Ab festzulegen, aber der zweite markante Zacken im Profil scheint hinter mir zu liegen. Kein Berg, sondern eine Serie mehr oder weniger fordernder Anstiege. Noch sieben Kilometer bis ins Ziel und damit ist die „Sache“ entschieden: Ich werde mehr als deutlich unter 6 h bleiben! Die Freude darüber beflügelt meine Schritte. Was nicht nötig gewesen wäre, denn noch immer spüre ich keine Anzeichen von Ermüdung. Natürlich schmerzen alle „Gräten“ unterhalb des Bauchnabels. „Business as usual“. Aber wirklich kämpfen brauche ich heute nicht. Ein Wettkampftag geht seinem Ende entgegen, an dem mich mein Körper wieder einmal in Erstaunen versetzt: Auf der Ziellinie werde ich exakt 100 Wochenkilometer notieren dürfen, das größte Wochenpensum seit … keine Ahnung … irgendwann letztes Jahr. Dann war da noch die vergangene, infolge Irrtums völlig vergeigte Regenerationswoche. Vier Wochen ohne Regeneration … Woraus schöpft mein Körper diese Leistung? Liegt es an der fremden Umgebung, am Bewusstsein tausende von Kilometern fern der Heimat einen Ultra laufen zu dürfen?

Das Wetter wendet sich zum Besseren. Dann und wann lugt die Sonne durch die Wolken und angenehm warm wurde es inzwischen auch („angenehm“ entspricht natürlich meinem Empfinden). Überwiegend abwärts strebe ich dem Ziel entgegen. Einzig die mehrfach eingeschobenen, wenngleich nicht allzu langen Anstiege verhindern, dass mir Flügel wachsen. Sie lassen mich unmissverständlich spüren, dass ich in diesem Tempo nicht ganz Südafrika durchqueren könnte …

Diesen Teil der Strecke hat Ines bereits vor Stunden bei ihrem Halbmarathon gesehen. Auf mich wirkt er wie ein riesiger Park am Abhang eines Höhenzuges. Tatsächlich vermag ich oft nicht zu entscheiden, ob die Kulturen beidseits der Straße von Menschenhand oder Mutter Natur angelegt wurden. Und endlich auch ein hübscher, halbwegs spektakulärer Anblick: Voraus ragen Felsformationen mehrere hundert Meter jäh aus grünen Hängen auf. Das Gebirgsmassiv zieht sich bis Kapstadt hin, wo es im „Devils Peak“ und dem weitaus berühmteren „Tafelberg“ ausläuft. Einziger Wermutstropfen der Ansicht: Die Felsen halten sich nach wie vor mit undurchdringlicher „Wolkenmütze“ bedeckt.

„I’m still standing, Yeah, Yeah …”

Noch fünf Kilometer und ich beginne mich nach dem Ziel zu sehnen. Ursache sind Schmerzen im Laufapparat und die Wahrnehmung einsetzender Ermüdung. Diese Gefühle sind unangenehm aber wichtig! Ein Nachweis, dass ich mich ausreichend forderte, wenngleich nicht bis zum Anschlag. Also genau in jener Weise, wie ich sie bei einem überlangen Trainingslauf schätze. Alles passt und ich habe Lust … Lust noch mehr Fotos zu schießen (etwa 350 werden es auf der gesamten Strecke sein) und Lust mich zu quälen. Ein paar Minuten mehr, um den „Two Oceans“ geruhsam ausklingen zu lassen, wären „fully okay“. Aber das bringe ich nicht übers Kämpferherz. Ich will mir beweisen, dass ich das gleichmäßige, für meine Verhältnisse anspruchsvolle Tempo über die volle Distanz durchziehen kann …

„Almost there“

Noch ein Kilometer und ein letzter, relativ langer Anstieg. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie der Anblick des Buckels auf jene wirken muss, die dem physischen Ende nahe sind … Mir tut der Buckel gleichfalls weh, vermittelt aber auch die Empfindung durchaus noch ein paar von derselben Sorte packen zu können. Dann abwärts und runter von der Straße. Sofort betreten wir den Sportbereich der „University of Cape Town“. Um genau zu sein: Den heiligen Rasen des Rugby-Stadions. Ein paar Schlenker links, rechts, links und noch mal rechts, dann geht es unter dem Beifall zahlloser Zuschauer auf das Zieltor zu … Sinnlos nach Ines Ausschau zu halten. Einerseits würde ich sie in der Menge nicht erkennen, zum anderen wird sie noch nicht Position bezogen haben. Zwischen 6 und 6:15 h hatte ich ihr als mögliche Laufzeit vorgegeben. Und bis dahin fehlen noch mehr als 20 Minuten …

Ich genieße den Zieleinlauf, auch wenn sich der „Two Oceans Ultramarathon“ nicht als der erhoffte, ultimative „Dream Run“ erwiesen hat. Auf den letzten Metern wird mir vollends bewusst, wo ich laufe: In einem anderen Erdteil, an der Südspitze Afrikas, in Kapstadt, fast unterhalb des Tafelberges. Dort, wo jetzt der Winter bevorsteht, während man sich bei uns auf den Frühling freut … Nach 56 km und 5:38 h reiße ich meine Arme empor und setze den Fuß auf die Ziellinie.

 

Offizielle Zeit (Bruttozeit): 5:41:21 h, Platz 41 von 250 Teilnehmern in AK 60 – 69

 

Ines‘ Halbmarathon

Eigentlich ein Unding, den Laufbericht mit dem Ergebnis einzuleiten. Ines brauchte für die Halbmarathondistanz sage und schreibe 2:40:20 h!!! Dieses „berauschende“ Ergebnis ist keineswegs mangelndem Training geschuldet. Zwar hatte sie infolge zweimaliger Erkrankung Trainingsausfälle hinzunehmen, doch für eine Zeit um 2:05 bis 2:15 h hätte es allemal reichen müssen. Was also war da los?

Ines erlebte das völlige Gegenteil meiner Wahrnehmung. Sie stand im letzten, im Startblock E und hatte massenhaft untrainierte und – ihr Entsetzen, mit dem sie mir nach dem Lauf berichtete, war echt! – fettleibige LäuferInnen vor sich. Mitläufer also, die angesichts eines jeden Hauchs von Steigung bereits ins Gehen wechselten. Dabei war die Strecke dermaßen von Läufern verstopft, dass an Überholen nicht zu denken war. Auch die ersten Kilometer tippelte sie mit kleinen, vorsichtigen Schrittchen dahin, um im dicht gedrängten Feld nicht zu stolpern und niemanden zu Fall zu bringen. War auch hier ein ums andere Mal gezwungen zu gehen.

Selbst auf den letzten Kilometern vor dem Ziel war Überholen nicht möglich! Wer das liest, wird Kapstadt aus der Liste seiner Wunsch-Halbmarathons hoffentlich streichen. Eine Organisation, die das Limit einer Strecke dergestalt überbucht muss man mit Nichtteilnahme bestrafen (auch wenn das nichts nutzt, weil sich sicher in jedem Jahr 14.000 Unbeeindruckte ein Startticket kaufen).

Die beiden Highlights entlang der Strecke waren musikalischer Natur und drangen aus Lautsprechern: „Billy Jean“ von „Michael Jackson“ und „Money“ von Simply Red“. Da hätten Ines‘ Füße vor Glück eigentlich tanzen wollen, waren nur leider gerade mit Laufen (oder Gehen?) beschäftigt …

 

Tipps zur Teilnahme am Two Oceans Ultramarathon (Ultra und Halbmarathon)

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