Straucheln, aufrappeln, weiterlaufen …  –  Bienwald-Marathon 2015

„Donna Quichote und Sancho Panza“ auf ihrem Ritt nach Kandel in die Südpfalz zur 40. Auflage des Bienwald-Marathons. Neben mir versprüht Sybille, eine Lauffreundin aus meinem Verein, dichte Nebel aus Zuversicht – unbewusst wahrscheinlich, was der wohltuenden Wirkung auf mich jedoch keinen Abbruch tut. Dabei hätte sie allen Grund selbst nervös im Sattel von „Rosinante“ hin und her zu rutschen. Einmal mehr wird sie heute gegen bisher übermächtige Windmühlenflügel kämpfen …

Bereits ein paarmal attackierte Sybille den mächtigen Feind Sub3:30h. Da mitnichten ein „Ritterfräulein von trauriger Gestalt“ winkte ihr stets der Sieg, nur konnte sie ihn leider nie realisieren. „Hoffentlich hängt mir die Brocken-Challenge nicht mehr nach!?“ meldet sie dann doch Bedenken an. Wem nicht geläufig: Die „Brocken-Challenge“ wird über 80 km ausgetragen, von Göttingen auf den höchsten Harzgipfel, ein Ultra im Winter, unter manchmal unsäglichen Bedingungen ausgetragen. In weniger als zehn Stunden (!) bewältigte Sybille diese Strecke. Eine Herausforderung für unrettbar dem Ultralaufwahnsinn Verfallene. Zu dieser Gattung zählt sie mittlerweile, auch wenn bescheidenes Auftreten und weiblicher Charme einem anderes suggerieren möchten. „Die Brocken Challenge ist drei Wochen her. Du hast jetzt allenfalls ein strukturelles aber kein Regenerationsproblem mehr!“ Boaah, was für ein schlauer Satz! Und das Schönste: Der kam Sancho Panza absolut spontan über die Lippen. Ultralaufen macht aus schnellen Läufern lahme Enten, das meint er mit „Strukturproblem“. Muskulatur und Stoffwechsel passen sich dem bedächtigen Ultratempo an. Ein Ultraknochenjob als Wegbereiter zur persönlichen Marathonbestzeit unter 3:30 h? Fraglos als trainingsstrategischer Nonsens einzustufen, dem sie infolge Terminkollision allerdings nicht ausweichen konnte. Konflikte dieser Art wären nur durch Verzicht aufzulösen. Ihr Schildknappe Sancho Panza jedoch ist überzeugt: Dem edlen Wettstreit entsagen braucht Donna Quichote nicht! Sie ist stark genug beide Gegner niederzuringen. Heute wird die Windmühle in Trümmer fallen, weil sie fallen muss

Und in welchem Dilemma stecke ich? – Es darf nicht zur Gewohnheit werden, doch auch die Schilderung dieses Wettkampfabenteuers habe ich mit Krankheit und Trainingsausfall einzuleiten. Sonntag vor zwei Wochen: Der Kristallmarathon endet als Standortbestimmung mit durchaus ermutigendem Ergebnis. Mittwoch danach: Ich zuckele 10 km in lächerlichem Tempo auf extrem wackeligen Beinen. Danach bin ich mausetot, bekomme Glieder- und Kopfschmerzen. Ermutigend: Obere Atemwege nicht betroffen. Pausiere zwei Tage, starte samstags einen Laufversuch, den ich alsbald schweißgebadet und völlig entkräftet abbrechen muss. Montag: Mit noch immer bleischweren Beinen trabe ich acht Kilometer weit, erlebe dasselbe am Dienstag. Schwerer als die physische wiegt meine mentale Hinfälligkeit: Wann war ich je so mies drauf? Ursache ist keineswegs die körperliche Einschränkung. Vielmehr stehe ich unter gewaltigem Druck. Habe mir ein forsches Programm von Aufbauwettkämpfen verordnet: Zunächst der Bienwald-Marathon, dann vier kürzere Ultras im Wochentakt … Laufpause am Mittwoch. Vom Donnerstagstraining erhoffe ich mir den Befreiungsschlag. Doch der findet nicht statt, obwohl mich die rätselhafte Schwäche nun schon länger als eine Woche fesselt! Etwas schneller zwar und immerhin 12 km weit, aber dann ist Schluss. Besserung ja, von Normalform noch weit entfernt.

Mit rigorosem Nichtstun unterstütze ich Freitag und Samstag mein Immunsystem. Kein Schritt zu viel, damit es den verdammten Mikroben endlich den Garaus macht. Das hätte ich schon vor Wochenfrist tun sollen, aber hinterher ist man immer schlauer. Während dieser beiden Tage stürzen Mut und Stimmung im freien Fall gen Erdmittelpunkt. Wenn der Bienwald -Marathon in die Hose ginge … nicht auszudenken! Meine Trainingsplanung gehorcht den Anforderungen eines kolossalen, nur scheinbar fernen Saisonzieles Ende Juni. Schon bald „muss“ ich wieder astronomische Wochenumfänge laufen. Aufbauwettkämpfe sind festlegt, Startgelder weitgehend entrichtet, Unterkünfte, so weit nötig, gebucht. Es mag dir schwer fallen den tonnenschweren Felsen auf meiner Seele zu ermessen, denn immerhin habe ich mir das Mammutprogramm aus freien Stücken auferlegt. Keine wirtschaftliche oder sonstige Notwendigkeit zwingt mich dazu. Dahinter steckt einzig der ehrgeizige Wunsch sich auch in diesem Jahr einer gewaltigen Herausforderung zu stellen. Alles so weit korrekt. Doch Freiwilligkeit befreit nicht von Zwängen. Beschlossene Ziele sind für mich niemals optional, sie temporären Schwierigkeiten zu opfern kommt nicht in Frage. Wie auch immer du diese Einstellung wertest: Ohne Unnachgiebigkeit von solcher Qualität wären meine Laufleistungen der letzten Jahre nicht möglich gewesen!

Hartnäckigkeit ist eine Sache, totale Verunsicherung infolge ungewisser physischer Stabilität eine ganz andere. Deshalb entsteigt ein ziemlich ratloser Udo dem Auto in Kandel: Was geht? Darf ich Normalform voraussetzen oder steht mein Energiestoffwechsel auch heute noch auf der Bremse? Und falls wieder auf dem Damm: Wie weit hat mich der Trainingsausfall zurückgeworfen? Ich nehme mir vor langsam zu beginnen, tendiere zu einer Laufzeit von über vier Stunden. „Reinrollen“ in den Wettkampf, unentwegt nach innen sondieren und beim leisesten Schwächegefühl runter mit dem Tempo … Dennoch weiß ich genau, was mir blüht, wenn die fleißigen immunologischen Geister ihr Werk in den zugestandenen zwei Tagen nicht vollenden konnten. Dann ist irgendwann Feierabend, zur Hälfte, hinter der 30-Kilometermarke oder kurz vorm Finish. Und wenn das geschieht, droht mir ein körperliches Inferno, das ich von früherem Erleben kenne. Darum habe ich Schiss, aber so was von …

Ein Tiefstapler, ganz klar. So dächte ich auch über mich, hörte ich mir zu. Erzählt von möglichem Scheitern, wird zu guter Letzt aber locker flockig ins Ziel laufen. Andere Läufer aus meinem Verein und diverse Bekannte, jedem bringe ich mein schicksalsschweres Sprüchlein zu Ohren. Wünschen mir alle Glück und einer meint noch: „Erfahrung genug hast du ja!“ Klar habe ich die und exakt deshalb die Hose voll. Meine Erfahrung rät mir aber auch: Du musst dieses Ding heute laufen! Geht alles gut, dann bist du wieder da. Erhebst dich einmal mehr aus der Asche. Nicht als großer, stolzer Phoenix, aber ein mittlerer oder kleiner würde auch schon reichen. Noch einigermaßen intakt nach 42 km über die Ziellinie laufen – darum geht es!

Sybille ist und bleibt verschwunden. Suche sie erst in der Halle, anschließend im Schwarm der etwa 1.700 startbereiten Kämpfer. Zugläufer 3:30 h, etwa hier oder weiter vorne sollte sie stehen. Würde Donna Quichote gerne mit Glückwünschen in den Kampf verabschieden, bevor sie auf Rosinante davon galoppiert. Sancho Panza vermag auf seinem Maulesel nur langsam hinterher zu traben. Die Meute steht zu locker, als dass sich eine hoch gewachsene Blondine darin verstecken könnte. Noch dazu eine im selben Trikot wie ich. Wahrscheinlichkeit ist eine Sache, Realität oft eine ganz andere: Unverrichteter Dinge verziehe ich mich nach hinten, wo ich heute hingehöre. Kurz entschlossen drücke ich einem unbekannten Mitläufer meine Kamera in die Hand. Will wenigstens ein statisches Vorstartfoto von mir einheimsen. Stehe „cool“ und „relaxed“ da, lächle wohl auch. Niemand wird mir meine Unsicherheit ansehen. „Mein 141. Marathon heute“ rede ich ungefragt an den Fotografen hin und der Mann guckt beeindruckt aus der Wäsche. Guckt so, wie ich wollte, dass er guckt. Sinn dieser Übung? – Mut aus vergangener Größe schöpfen: Ich kann Marathon laufen! Konnte es schon so oft und heute wieder. Es wird gut gehen!

Laufen fühlt sich komisch an. Ungelogen: Die ersten Schritte sind mir so fremd, wie schon lange nicht mehr. Blicke auf meine Fußspitzen. Wüsste ich nicht sicher, was diese Füße schon alles erlaufen haben … ich müsste sie fragen, was sie hier wollen. Ein Nichtläufer unter lauter bunten, austrainierten Athleten. Rasch zerstreut sich der irrationale Eindruck. Einen halben Kilometer später bin ich schon wieder ein bisschen ich selbst: Udo, Läufer und vielfacher Finisher, unterwegs in einem Marathon. Vermutlich zu schnell unterwegs. Sollte mich wundern, wenn es nicht so wäre. Erster Kilometer: Unter 5:30 min/km. Hab’ ich doch gesagt … Ein Sechserschnitt entspräche eher meinem Vorsatz. Trabe durch die lange Hauptstraße von Kandel, schwimme im kräftig sprudelnden Strom halber und ganzer Marathonis. Bisschen langsamer jetzt, aber nicht viel. Wie spürt es sich an? Normal? Oh mein Gott! Wie fühlt es sich an, wenn es sich „normal“ anfühlt? Irgendwie weiß ich grad gar nix mehr. Wenn schon. Jedenfalls spüre ich keine Schwäche und einlaufen muss ich mich schließlich auch noch … Abwarten und reinspüren!

Mir ist grad alles Wurst. So lange ich nicht wieder ich selbst bin. Oder genauer: So lange ich nicht sicher bin, wieder ich selbst zu sein. Einstweilen kann mir alles gestohlen bleiben. Der ganze bunte Marathonzirkus. Man lese und staune: Aber Udo steckt wirklich tief drin im Gefühlskeller. Verharrt in Agonie. Fotografiert. Klar, hat er immer gemacht. Automatismus. So wie er auch nicht von selbst aufhören würde zu atmen. Fotos also. Mann mit großem, weißem Hund an der Leine. Begleitschutz auf vier Pfoten. Kein Bedauern heute, dass Roxi zu Hause bleiben musste. An der Leine laufen wäre ohnehin nichts für sie.

Viele Fotos auf den ersten Kilometern. Kilometer, die ich heute zum sechsten Mal zurücklege. Also bräuchte ich gar keine Fotos. Sieht alles aus wie immer. Nur ich bin anders. Oder nicht? Tempo pendelt sich ein. Stets unter 5:40 min/km. Ist das okay so? frag ich mich grad zum x-ten Mal. Verdammt, ich weiß es nicht! Bin uneins mit mir selbst. Bliebe es so, käme ich unter vier Stunden ins Ziel. Aber bis dahin kann mir jederzeit der Saft ausgehen und dann ist zappenduster. Vernunft kontra Hoffnung, Bedenken versus Versuchung. Wieder und wieder forsche ich nach „unten innen“. Was geben die Beine für Signale von sich? Himmel, geht mir das auf den Wecker! Sich nicht auf sich verlassen können. Wie das nervt. Bewährten Dienern ach so vieler sportlicher Erfolge misstrauen zu müssen. Das ist so … so … übel.

Runter von der Straße, überschwemmte Brachwiesen passierend (Wo kommt das viele Wasser her?), rein in den Bienwald. Winterkahle Büsche und Haine. Keine Spur von Frühling, auch wenn sich die Sonne heute nach Kräften müht mich aufzuheitern. 2°C vielleicht, höchstens drei oder vier. Bekannte Bilder beidseits des Waldweges werden aufgefrischt. Dann Pferche mit Tieren und ein Hühnerhof jenseits eines schmalen, kanalartigen Wasserlaufs. War die „Viecherei“ vormals auch schon zu besichtigen? Erinnere mich nicht. Sechs Kilometer, dann sieben, schließlich acht. Es geht. Optimistisch kraftvoll ist anders, aber es geht. Bis auf weiteres keine Schwäche.

„Du fährst von Augsburg hierher, um einen Marathon zu laufen?“ Brumme zustimmend, während der ältere Läufer sich an meine Seite schiebt. „Da gehört schon einiges dazu!“ Wenn der wüsste, wie weit ich schon zu reisen bereit war, nur um meinen Marathonzähler zu erhöhen ... Verschweige ich ihm aber, bleibe stumm, wie ein Fisch. Oh Mann ist der gut drauf. Den ertrage ich heute nicht. „Augsburg ist eine schöne Stadt!“ Diese und vier, fünf weitere Bemerkungen redet er noch an mich hin, dann verscheucht ihn meine Einsilbigkeit. „Ich quatsche schon wieder zu viel! Wollte dich nicht stören! Mach’s gut!“ Sagt’s und springt davon wie ein junges Reh, obschon um einiges älter als ich. Ist mir an „normalen“ Tagen so was von egal. Aber heute ist (noch?) kein „normaler“ Tag. Nicht bevor ich meine Antwort habe … Später werde ich den betagten Springinsfeld an der Halbmarathonmarke abbiegen sehen, was mich dann wieder ein wenig entspannt …

Raus aus dem Wald, beidseits ein paar hundert Meter bekannte Wiesenlandschaft, wieder rein in den Forst. Denke an die Wildkatzen, die in diesem stellenweise urtümlich wirkenden Laubwald leben sollen. Werden wir nie zu Gesicht bekommen. Wegen falscher Tageszeit und des Stakkatos tausender Läuferfüße. Erschütterungen, die sich für Minz und Maunz zu einem wahren Erdbeben summieren. Der erste Läufer zischt auf Gegenkurs vorbei. Was, hier schon? Kurze Verwirrung, die mich an einen zeitgleich gestarteten 10 km-Lauf denken lässt, den es aber gar nicht gibt. Dann kapier ich’s: Sonst war ich deutlich schneller und bereits ein, zwei Kilometer weiter als mir die führenden Halbmarathonis begegneten … Biege auf die breite, für den Autoverkehr gesperrte Straße ein. Hauptsächlich diese großzügige Asphaltschneise und zwei Stichstrecken zu den Wenden 1 und 2, ebenfalls asphaltiert, addieren sich zur Strecke des Bienwald-Marathons (Link zur Streckenkarte). Der Kurs ist flach und windgeschützt, wofür ich heute von Herzen dankbar bin.

10 km und noch immer spüre ich keine Schwäche. Hab inzwischen so etwas wie einen Rhythmus gefunden, nach wie vor knapp unter Vier-Stunden-Zielzeit dahin dümpelnd. Das Tempo fordert mich, keine Frage. Aber so, wie ich die Belastung spüre, habe ich schon zig Mal vorher empfunden und den Wettkampf ohne Schwierigkeiten zu Ende gebracht. Alles in Ordnung. Würd’s nicht mal erwähnen, wäre heute alles wie sonst …

Etwas anderes ist dafür nicht in Ordnung: Mein Magen versendet übellaunige Botschaften. Stammt nicht vom ersten kalten Schluck Iso, vorhin bei Kilometer fünf. Zickte davor schon rum und kooperiert noch immer nicht. Irgendwas ist immer, resümiere ich pauschal. Falsch! Nicht immer. Einigen wir uns auf die Formel „Irgendwas ist oft!“. Immerhin erlebte ich so viele herrliche Wettkämpfe, in deren Verlauf mich nichts, rein gar nichts, anfechten konnte. Also aushalten den Mist. Wird sich geben.

Etwa hundertfünfzig Meter voraus hat der 4-Stunden-Messias seine Jünger im Schlepptau. Als die mich vor ein paar Kilometern überholten, kroch mir ein Anflug von Panik den Rücken hoch. Bloß nicht fragen wieso! Bloß nicht! Da ich doch erklärtermaßen gar nicht auf Sub4h losmarschiere … Aus purer Vernunft gefasste Absichten sind eine Sache, über Jahre hinweg zementierte Zielzeitwünsche eine ganz andere. Also schwimme ich stückweit im Kielwasser mit. Zum Glück meldet mein GPS-Knecht alsbald eine gewagte Zwischenzeit: 5:25 min für den letzten Kilometer. Was hat der mit seiner Meute vor? Will er sie vorzeitig aufreiben? Selbst in Bruttozeit gerechnet macht er zuviel Dampf. Das ist halt die Krux mit den Hasen, denke ich und lasse mich zurückfallen …

Der Strom entgegen strebender Läufer wird stärker, verdichtet sich zum Feld. Schließlich rückt die Halbmarathonwende ins Blickfeld, mehr als 12 km gelaufen. Schlagartig wird es stiller im Bienwald, weil gut zwei Drittel der bisherigen Mitkämpfer umkehren. Urplötzlich klafft vor mir eine riesige Lücke im Feld. 13 Kilometer, dann 14. Seltsamerweise vergehen die Kilometer wie im Flug. Wenn ich alles heute erwartet hätte, aber nicht diesen „Zeitraffereffekt“. Versende einen dankbaren Gedanken in jene Region, wo das Unerklärliche zuhause ist. Kann nicht schaden die verantwortliche Instanz bei Laune zu halten ... Ich passiere den Abzweig zur zweiten Wende auf der gegenüber liegenden Straßenseite. Dem werde ich nachher folgen, dann bereits mit einem Halbmarathon in den Beinen. Schon hier und jetzt kommen mir die führenden Marathonis entgegen.

15 Kilometer gelaufen. Zum ersten Mal wage ich zu hoffen, der Spuk in meinen Knochen könnte überstanden sein. Bislang haben sich keine Bleigewichte an meine Füße gehängt. Pacemaker 3:00 h, wenig später 3:15 h huschen vorbei, jeweils von wenig Kundschaft begleitet. Schrittweise erhöhe ich meine Alarmbereitschaft. Es kann jetzt nur noch Sekunden dauern, bis ich Sybille begegne … Meine Augen scannen forschend voraus. Zunächst kommen mir Barbara und Martin aus meinem Verein entgegen. „Das sieht gut aus Udo!“ Muss es auch Martin, denke ich, hab ja erst 16 Kilometer im Kasten … Sybille! Da kommt sie. Wende mich kurz um, ob ich auf dem Mittelstreifen der Straße für ein scharfes Foto stoppen kann. Locker und kraftvoll zieht sie vorbei und beantwortet mein Anfeuern mit einem Lächeln. Sie liegt eindeutig vorm Pacemaker 3:30 h. Ein gutes Zeichen, mehr nicht, denn noch liegen 22 km vor ihr …

Manche Dinge im Läuferleben haben Bestand. Welche, die man mag und solche, die einem eher lästig sind. Das rumst, scheppert, klappert, klackert, dröhnt und trompetet mir entgegen. Der Spielmannszug steht vorm Ortseingang von Schaidt. Da steht er jedes Jahr und will unterhalten. In mir weckt der infernalische Lärm allenfalls Fluchtgedanken. Und genau denen folge ich nun, in Richtung der ersten Marathonwende. Grund genug mich musikalisch zu hinterfragen: Wie kann es sein, dass mir Blasmusik im Allgemeinen und diese mit allerlei Klapperzeugs und Fanfarenblech bestückte Kombo im Speziellen so scheußlich in den Ohren klingt?

Gedanken zu musikalischem Geschmacksempfinden nachhängend und dabei dem Waldrand folgend brauche ich eine Weile, um etwas Gewohntes, ja regelrecht Erwartetes, zu vermissen: Wo ich heute mit nahezu lautlosem Schritt über allerfeinsten Asphalt „dahinschwebe“, reihte sich noch vorletztes Jahr Schlagloch an Schlagloch. Darunter gewaltige Krater, deren Entstehung den Einschlägen eines südpfälzischen Meteoritenschwarms geschuldet schien. Die gesamte Dinosaurier-Population im Umkreis von hundert Kilometern ausgerottet! Und nun: Alles picobello! Vom Waldrand im rechten Winkel ab, ein paar Minuten Richtung Ortschaft und dann ist Wende 1 Geschichte. Zurück zum Waldrand, neuerlich der Lärmwalze entgegen, daran vorbei und zurück ins stille Reich der Wildkatze …

Mehrfach grüßten Läufer vom Gegenstrom herüber, grüßen noch immer und werden auch auf dem zweiten Wendeabschnitt grüßen. Gefällt mir. Ausnehmend gut sogar. Was mir nicht gefällt, ist mein hundsmiserables Gedächtnis. Ich kenne die Gesichter, nur weiß ich sie oft nicht zuzuordnen. Nicht Begebenheiten, noch Orte und Namen schon gleich gar nicht. Das war mir ziemlich lange ziemlich peinlich. Nun bin ich über 60, seit Jahren Opa und jedwedem entgeltlichen Arbeitsverhältnis enthoben. Leute wie ich haben ein Recht auf ihren Alzheimer, finde ich … Dann begegnet mir einer, den ich grüßen mag, einer, den man nicht verwechseln kann. Schon von weitem „wackelt“ er mir entgegen, wie nur er wackeln kann. „Ultra-Urgestein“* – spontan formt mein Kopf den Begriff – dem ich Jahr für Jahr in mehreren Bewerben begegnete und unter Garantie auch 2015 begegnen werde (sofern das heute gut für mich ausgeht, was noch nicht entschieden ist …). Ich weiß nicht, ob ihm mein Konterfei bekannt vorkommt, jedenfalls winkt er zurück. Seinen Namen kenne ich nicht, wozu auch, würde den ohnehin schneller vergessen als ich versuchen könnte ihn mir einzuprägen. Und zum Smalltalk hat uns das Läuferschicksal bisher noch nicht zusammengeführt.

*) Ein kleines Denkmal hat die heutige Startnummer 40 verdient, finde ich jedenfalls. Gerhard Bracht stammt aus Stuttgart und hat in seiner DUV-Statistik (DUV = Deutsche Ultramarathon Vereinigung) sage und schreibe 219 Ultraläufe zu Buche stehen. Davon allein 18 im vergangenen Jahr. Wahrscheinlich kann er seine Marathons gar nicht mehr zählen …

Unglaublich aber wahr: Inzwischen leiste ich mir so etwas wie vorsichtigen Optimismus. Der erfuhr gerade eben, beim Überlaufen der Halbmarathonmarke noch einmal einen kräftigen Schub. Zumindest bin ich nun sicher, die vermaledeite Schwäche der letzten Tage überwunden zu haben. Damit steht zugleich fest, dass ich die Ziellinie „würdevoll“ überschreiten werde. Ob mit mehr oder weniger Würde, muss sich noch erweisen. Ein rascher Kräfteverfall, der mich zum Schneckentrab verdammen würde, kann mir jederzeit zustoßen …

Wieder „warte“ ich mit Spannung auf Sybille, nehme nacheinander die Parade der Zugläufer ab. Und dann zischt sie mir entgegen, nicht einfach nur so, nein, mit einem breiten Lachen im Gesicht. Stehend fange ich ein Foto ein, verpasse ihr verbal das Allgewaltigste, was mir an Motivierendem in den Sinn kommt und ende mit „Halt durch!“. Unfucking-fassbar: Die Dame hat noch Zeit und Luft meine guten Wünsche mit einem unglaublich entspannten „Du aber auch!“ zu kontern. Als mir kurz danach der Pacemaker 3:30 h begegnet bin ich fast schon sicher: Heute sprengt Donna Quichote auf Rosinante einem überwältigenden Sieg entgegen!

Ich werde es auch packen, aber es wird hart werden. Mit jedem der nach wie vor auf mysteriöse Weise „flugs“ abgearbeiteten Kilometer spüre ich meine Knochen deutlicher. 23, 24, 25 Kilometer haben Spuren hinterlassen. Im 141. Marathon mache ich mir darüber jedoch keine Sorgen. Ich hatte schon häufig mit solchen Wahrnehmungen kurz nach der Halbzeit zu kämpfen und brachte den Lauf jedes Mal zu Ende. Allerdings richte ich ab jetzt meine volle Aufmerksamkeit auf die Splits. Ich möchte den Anfang vom etwaigen Ende rechtzeitig mitbekommen. Manchmal war es hart und trotzdem konnte ich die Pace konservieren. In anderen Fällen war das unmöglich. Mal sehen, welches Finale mir heute beschieden ist.

Kurz und leicht hinan, dann einen Haken um Wende 2 schlagen und wieder zurück, abwärts. Der Anflug von Bergauflaufen, auf optisch kaum wahrnehmbarer Schräge, bildet sich ziemlich heftig in meinen Beinen ab. Noch ein Indiz für ein bevorstehendes hartes Finale. Elend lange Gerade im Bienwald. Für ein paar Kilometer scheinen wir unsichtbar aneinander gekettet, der Mann im roten Laufshirt des „Lauftreffs Schweich“ und ich. Nur unmerklich verschieben sich unsere Positionen und nach zääääähesten Überholmanövern wechseln wir uns ein paarmal in der Führungsarbeit ab. Oh, wie bin ich meinem Läuferschicksal dankbar für das vergleichsweise „Rasen“ des Kilometerzählers: 27 km, 28, 29 …

Es tut weh jetzt. Kein Problem mir das einzugestehen. Von der Wahrheit geht kein Schrecken aus: Werde leiden müssen. Auch das ist okay. Alles ist okay, seit ich wieder ich selbst bin. Ich kann wieder laufen und darf leiden! Aus Freude geborene Luftsprünge scheinen mir angemessen. Hab ich aber keine Puste für. Angesichts des sich zuspitzenden Kampfes bleibt mir nichts anderes übrig als weiter ein (vermutlich) gequältes Gesicht zur Schau zu stellen.

Eine Verpflegungsstelle: Ich werfe mir ein Gel ein, das zweite. Hatte fünf dabei mich aber meist mit Iso begnügt. Die Gelbeutel-Aufreißprozedur ist mir einfach zu lästig. Regele das mal mit Fleecehandschuhen über den Griffeln! Linken Handschuh abstreifen, in die Hose stecken, Beutel mit den Zähnen aufreißen, drücken, schlucken, drücken, schlucken, Packung einrollen, schlucken, wegwerfen, Handschuh aus dem Hosenbund fischen, wieder hochstreifen … Ätzendes Geschäft.

30 Kilometer, endlich 31. Mit aller Inbrunst, die in meiner Läuferseele wohnt, sehne ich das Ende des Abstechers zur zweiten Wende und die Rückkehr auf die breite Straße herbei. Da kann man mal sehen wie bekloppt unsereiner ist! Genau ab diesem Moment wird’s nämlich richtig hart und eklig werden. Auf den fünf schrecklichsten, demotivierendsten, aufreibendsten, schlicht allerallergemeinsten Kilometern des ganzen Kurses. Gucken bis nach übermorgen und doch kein Ende absehen können. Auf Beinen stelzen, an die die Todfeinde des Läufers nach und nach immer mehr Gewichte heften. Dann ist es endlich – und: Oh je! – so weit. Unter dem Beifall einiger Schlachtenbummler sage ich den verfilzten, teilweise überschwemmten Arealen (Wo kommt das viele Wasser her?) des Bienwaldes „adieu!“.

32 Kilometer und noch immer hält sich die Tachonadel tapfer unter 5:40 min/km. Erstaunlich. Damit war nicht zu rechnen. Ich könnte mir jetzt sogar schon einen 6er-Schnitt leisten und bliebe trotzdem noch unter vier Stunden … Muss doch sicher niemandem erklären, dass mein drecks-ehrgeiziges Ego „Sub4h“ längst als verpflichtendes Ziel ausgerufen hat!? Das ist ziemlich schlimm. Denn, wenn ich solche Vorsätze fasse, dann werde ich alles abrufen, was ich habe. Und wenn ich alles sage, meine ich alles!

Der „Lauftreff Schweich“ vermag mir nicht mehr zu folgen. Bisweilen überhole ich traurige Reste einst stolzer Marathonläufer, jetzt nur noch Schatten ihrer selbst. Schlappen laaangsam vorwärts, kriechen schneckengleich dahin oder ergeben sich mit gesenktem Kopf in ihr Schicksal: Gehenmüssen. Im wahrsten Sinne des Wortes „zur Strecke gebracht“, von 33, 34, dann 35 Kilometern Bienwald. Ich profitiere vom „Funkenflug“: Von jedem dieser bedauernswerten Mitkämpfer springt Energie auf mich über, treibt mich vorwärts, lässt mich anschwellende Not ertragen. Ein Duo beiderlei Geschlechts, flankiert von einem zeitlupenhaft pedalierenden Begleitradler, zuckelt vor mir her. Der Typ auf dem Drahtesel schwadroniert unablässig und in selbstgefälliger Manier auf die unglücklich Kraftlosen ein (Ich würde ihn töten! Auf der Stelle abmurksen!). Versichert in breitestem Pfälzer Dialekt, wie sehr sie es bereuen werden. Bereuen, wenn sie sich jetzt nicht noch „die paar Kilometer“ quälen. Geht mich zwar nix an aber: Vielleicht bereuen sie es ja gerade, wenn sie sich quälen und nicht den erträumten Lohn einfahren. Und danach sieht es nun mal aus. Was der Lohn sein könnte? Unter vier Stunden bleiben. Was denn sonst?

Kautschukbäume beidseits der verfluchten Bienwald-Jungle-Road? Kann nicht anders sein. Ohne Gummianteil im Asphalt könnte sich die Strecke nicht sooo in die Länge ziehen. Pure Folter. Voraus kullern Gestalten übern Asphalt. Klein, kleiner, am kleinsten, zuletzt nur mehr torkelnde Punkte. Wonach meine Augen jedoch in Wahrheit suchen, finden sie nicht. Den Ort der Erlösung: Wo ich von diesem gefühlt unendlichen Asphaltband endlich Richtung Stadion abbiegen darf. Wird bei knapp 37 km passieren. Nicht mehr weit. Rein perspektivisches Problem. In der Draufsicht könntest du es sehen. Es ist nicht mehr weit, du weißt es. Aber Wissen hilft dir nicht, wenn es gerade so richtig Sch… weh tut!

Keine falschen Schlussfolgerungen bitte! Um nichts in der Welt möchte ich jetzt auf genau diese Form der Selbstquälerei verzichten. Es ist ein Geschenk. Im Ernst. Da ich doch nur leide, weil ich wieder laufen kann! Und alle abgehakten Kilometer, die sich samt und sonders mit einer Zwischenzeit unter 5:40 min/km in der Uhr abbilden, gratulieren mir zur Wiederauferstehung. Freude staut sich hinter einem Damm verschiedenster Schmerzen. Beine tun weh, Füße tun weh, Zehen links schreien Zeter und Mordio. Und die kleinen Kraftwerke in zahllosen Muskelfasern gebend heulend Alarm. Das ist so hässlich. Das ist so schön. Bald! Bald geschafft!

Endlich abgebogen, 37 km. Weite Wiesenaue, sonnig ausgeleuchtet, 38 km. Alle leiden. Alle, die sich gleich mir in dieselbe Richtung bewegen. Nur noch vier Kilometer. Harscher Befehl: Stell dir jetzt um Himmels Willen keine heimische Strecke in dieser Länge vor! Lass es bloß sein! Ich gehorche mir, trabe stoisch voran, kalkuliere einmal mehr mein Finish. Nichts, absolut gar nichts, könnte mich jetzt noch davon abhalten unter vier Stunden das Ziel zu erreichen. Allerdings laufe ich dafür am Limit, vielleicht sogar schon jenseits. Sch… drauf was morgen sein wird! Ich kann Sub4h und ich werde Sub4h! Brauche ich, brauche ich, brauche ich!

Zurück in Kandel. Vor den ersten Häusern rechts ab. Betonierter Radweg zwischen Häusern und Feldrain. Überhole das Gespann Mensch-Hund. Im Bienwald durfte er von der Leine, jetzt hat Herrchen wieder das Kommando übernommen. Riecht anscheinend das Zielbier. Nein, nicht der weiße Schäferhund. Herrchen. Zieht an mir vorbei, als wollte er das köstliche alkfreie Nass alleine aussaufen. Soll er. Ich könnte ihm keine zehn Meter folgen. Brauch es auch nicht, denn plötzlich geht er. Klares Signal, wie es um seine Form bestellt ist. Vorbei und weiter. Ich sehne den nächsten kleinen, weißen Aufsteller herbei. Bitte, bitte … Da isser, war verdeckt von Läufern: 40 km! Was für eine wunderbare Botschaft! Was für eine fürchterliche Drohung: Immer noch mehr als zwei Kilometer und ich bin … nein, noch nicht am Ende. Aber wirklich kurz davor.

Bin ich das wirklich? Wieso steht dann wieder ein Split kleiner 5:40 min/km im zentralen Anzeigefeld meines GPS? Gefühlte Fragen, keine gedachten. Klar denken kann ich längst nicht mehr. Wie zuckende Aale winden sich Empfindungen durch meinen Körper, wabern Emotionen und Gedankenfetzen hinterdrein. Wille. Allein der Wille verhindert den Zusammenbruch. Drecksradweg, wann bist du endlich zu Ende. Wann kommt die Straße. Da vorn, hinter der Schonung, da muss sie sein. Und da steht dann auch die Tafel meiner Träume …

Abbiegen, auf die Straße, vorbei an der Tafel mit der 41. Der Rest ist einfach. Blödes Geschwätz! Sauschwer ist das, eine Tortur. Linkskurve, dann Umfriedung des Stadions. Sehe drinnen schon Finisher auf der Tartanbahn. Ich komme. Ich komme! Zähle innerlich die Meter runter: Noch 800, 700, 600 … Rechts ums Eck, noch einmal, dann durchs Stadiontor und auf die Laufbahn. Brauche nicht zur Uhr schauen, weiß auch so: Eindeutig unter vier Stunden! Ach was. Natürlich schaue ich zur Uhr. Diesen Triumph will ich genießen. Gucke den tickenden Sekunden ein paar Sekunden lang zu. 3:55:irgendwas, dann 3:55:irgendwas plus eins … Endspurt? Nö, heute nicht. Ich bin einfach zu kaputt. Und auf der Tribüne säße ohnehin nur ich selbst, um mir dabei zuzusehen und zu applaudieren. Dann streben nicht einmal die Hände empor, um meine Wiederauferstehung zu feiern. Das besorge ich still hinter der Ziellinie, tief über ein Geländer gebeugt, ausgepumpt wie ewig nicht mehr aber froh und glücklich …

3:57:14 h. Unterdurchschnittliches Marathonergebnis eines alternden Ultraläufers zu Beginn seiner Saison. Nur wer die Umstände kennt, kann ansatzweise ermessen, was mir ausgerechnet diese, selbst für meine Verhältnisse unterdurchschnittliche Zeit bedeutet. Ein Neuanfang. Der wievielte eigentlich? Straucheln, aufrappeln, weiterlaufen … mit nichts habe ich mehr Erfahrung.

 

Ergebnisse

Sybille Mai hat ihr Ziel erreicht! Mit 3:27:48 h bleibt sie eindeutig unter der angepeilten Marke, belegt bei den Frauen den 8. Gesamtplatz und in ihrer Altersklasse Rang 2.

Darüber hinaus gewinnt sie gemeinsam mit zwei anderen schnellen Frauen der TG Viktoria Augsburg (Barbara D'Introno, 3:25:22 h und Gabi Morhart, 3:36:35 h) die Mannschaftswertung der Frauen!

Meine bescheidene Sub4h-Zeit trägt immerhin noch zu einem vierten Platz der TG Viktoria Augsburg bei der Mannschaftswertung der Männer bei. Viertes von insgesamt 22 gewerteten Teams – das ist so schlecht auch wieder nicht.

 

Fazit zur Veranstaltung

Nur Bestnoten in jeder Hinsicht. Da gibt es meinen Berichten der vormaligen Bienwald-Marathons rein gar nichts hinzuzufügen.

Beim sechsten Mal vermag einem die Naturstrecke im Bienwald natürlich keine Begeisterungsstürme mehr zu entlocken. Ob man sie als kurz- oder langweilig empfindet, bleibt ohnehin dem persönlichen Empfinden vorbehalten. Mir ist sie jedenfalls lieber, als irgendein mittelprächtiger City-Marathon in öden Häuserschluchten.

 

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