Im Regenwald   –   Ultra Bodenseelauf 100 km, 27. Juli 2014

Immenstaad, Bodensee, Sonntagmorgen 7:03 Uhr: Es regnet und Udo läuft. Aber halt! Das ist nicht präzise genug: Es schüttet, wie aus Gießkannen und der Wettkampf hat vor drei Minuten begonnen. Haare und Oberkörper sind bereits nass, Schuhe und Füße noch einigermaßen trocken. Wer ihn kennt, weiß: Udo ist genervt – vorsichtig formuliert. Doch er vertraut dem Wetterbericht. Auf der Herfahrt wurde ihm versprochen, dass der Regen allmählich nachlassen wird. Und gestern prognostizierte „wetter.de“ etwa 70 % Regenwahrscheinlichkeit frühmorgens und – Hurra! – 0 % um die Mittagszeit.

Zeitsprung: Immenstaad, Bodensee, Sonntagnachmittag 13 Uhr: Es regnet noch immer. Zuweilen scheint es, als gelänge es endlich das Loch im himmlischen Staudamm zu verstopfen, bis sich dann neuerlich ein dichter Regenvorhang über die Landschaft senkt ... und ich laufe immer noch. Alles an mir ist nass, nässer, am nässesten. Auch mein Hirn leidet inzwischen an einem Wasserschaden. Kann man gegen flirrende Regenschauer anrennen und die am Körper zerplatzenden Tropfen aus tiefster Seele hassen? Ist es möglich, gegen jede Form von Nässe, einschließlich jener im Trinkbecher Agressionen zu entwickeln? Es mag dir irrational, zudem völlig sinnlos und zutiefst unverständlich vorkommen. Aber glaube mir bitte: Ich kann das.

Sechs Stunden sind um und hinter etwa 58 der beabsichtigten 100 Kilometer habe ich einen Haken gesetzt. Klingt gar nicht übel – oder? Ich weiß nicht, ob es mir mit Worten gelingen kann, meine phasenweise extreme körperliche und seelische Verfassung während so vieler Stunden nachvollziehbar zu beschreiben. Beginnen möchte ich jedenfalls mit einer Beschreibung der Strecke:

Der Lauf wird auf einem 2,4xx km langen Rundkurs ausgetragen. Auf Runde eins unternehmen wir einen Abstecher zu einer Wendemarke, sammeln 822 m zusätzlich (siehe „Schwanz“ in der GPS-Aufzeichnung). Danach summieren sich weitere, beinahe vollständig im Wald gelaufene 41 Runden zu insgesamt 100 km. Die Bilder im Text geben ein paar Ansichten in der Reihenfolge wieder, wie sie die Läufer erleben. Lediglich an einer Stelle, am Waldrand, für ein paar Sekunden, ergibt sich ein Ausblick, über Felder und einen Höhenzug. Genauer formuliert: Der Fernblick ergäbe sich, begrenzten ihn nicht tief hängende Wolken auf die Ähren eines Getreidefeldes. Erst zwei Stunden vorm Zieleinlauf feiern meine Augen ein kleines Fest, genießen endlich den Blick auf die stückweit entfernten Hügel … Zum Namensgeber des Laufes, dem Bodensee, nur etwa zwei Kilometer weit entfernt, ist kein Ausblick möglich. Weitere florale Abwechslung bietet eine Obstplantage, an der wir etwa hundert Meter entlang laufen, auf deren Bäumchen jedoch eine übermannshohe Hecke wirkliche Sicht verweigert. Der Rest ist Wald. Regenwald, um genau zu sein. Start und Ziel hat man an der mit Abstand dunkelsten Stelle im Wald aufgebaut (Position des orangefarbenen Punktes in der GPS-Aufzeichnung). Sicher sinnvoll, wenn die Sonne heiß vom Himmel brennt. Und so überreicht mir die nette Dame nicht nur meine Startnummer, sondern auch eine nach Entschuldigung klingende Erklärung: Fünfmal habe man den Lauf bisher ausgetragen und jedes Mal bei schönem Wetter … Über Kälte muss heute auch niemand klagen. Etwa 15°C am frühen Morgen – Tendenz steigend bis über 20°C gegen Ende des Laufes – gestalten die Sache einigermaßen erträglich.

Zwei, drei Runden vergehen zur Tempofindung. Zwar halte ich mich bereits auf dem ersten Kilometer zurück, lasse mich dennoch vom vergleichsweise wilden Aufgalopp der Übrigen mitziehen. Das liegt am winzigen, nur 7 – in Worten: sieben – Mitstreiter umfassenden Teilnehmerfeld. Ungefähr anderthalb Runden halte ich als Schlusslicht Kontakt zu meinem Vordermann, der mit etwa 5:30 min/km unterwegs ist. Viel zu schnell für mich (und wenn ich nicht völlig falsch liege, wohl auch zu schnell für ihn). Bereits in der vierten Runde überrunden mich die beiden Führenden. Mag sein, dass die beiden supergut drauf sind. Dieses aberwitzige Tempo werden sie jedoch kaum 100 km weit durchhalten …

Alleine zu laufen betrachte ich als Normalzustand. Im Training ohnehin, aber auch bei Marathon- oder Ultrawettkämpfen. Wenn ich heute bereits in der ersten Stunde unablässigen Kreisens gedanklich die Sinnfrage formuliere, dann hat das folglich nichts mit der Einsamkeit im Regenwald unweit des Bodensees zu tun. Natürlich schiebe ich es auf die Flut von oben, auf kirschgroße Regenschrapnells, die, von den Blättern der Bäume abgefeuert, in dichter Folge auf Gesicht und Körper zerplatzen. Meine Brille habe ich bereits nach der ersten Runde im Rucksack entsorgt. Lieber blicke ich gleichmäßig unscharf in die Welt, als verzerrt durch hundert Spritzer auf den Brillengläsern. Möglich, dass der Regen meine schlechte Laune verursacht. Sicher ist das aber nicht. Vielleicht brauche ich die miese Stimmung einfach mal, um mich zu fragen, was das soll: Bei solchem Mistwetter mitten in der Nacht aufstehen, fast zwei Stunden durchs Land „gurken“, irgendwo auf der Welt im „pissnassen“ Wald mit sieben anderen Verrückten an einer Startlinie stehen, um dann mehr oder weniger unbeobachtet Runde um Runde im Regen zu drehen. Sich so lange die Füße wund laufen, bis schlussendlich die verdammten 100.000 Meter abgemessen sind …

Es kommt Leben in die Strecke. Menschliches Leben. 8 Uhr vorbei. 50 km- und Staffelläufer sind jetzt auf der Strecke. In kurzen, unregelmäßigen Intervallen knirschen die flotten Sohlen vorbei. Mit Argusaugen beende ich ab jetzt jede Runde, beginne eine neue erst, wenn ich sicher bin, dass mein Umlauf registriert wurde. Das Prozedere ist denkbar einfach, scheint mir aber fehleranfällig: An einer mehrere Meter langen, etwa zwei Meter hohen Holzwand hängt unter meinem Namen eine Art „Abreißblock“. Die Blätter von 1 bis 9 segelten bereits in den Papierkorb. Eine Helferin reißt ab, eine zweite ruft ihr die Startnummern zu. Sicher sind die beiden eingespielt und fix genug. Und doch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser … Neben Rufen und Abreißen finden sie auch noch Zeit das „kreisende Leiden“ immer wieder mit Worten zu belohnen und anzufeuern. Danke!

Meine Laune hat sich irgendwo zwischen „So-ein-Mist!“ und „Weltuntergang“ eingepegelt. Auch im höchst „Unkommoden“ kann ich es mir einrichten und den Zustand einige Stunden aushalten. Läufer ohne diese Fähigkeit sollten sich erst gar nicht auf ultralange Strecken einlassen. Nach gut einer Stunde ist es an der Zeit, ein erstes meiner mitgebrachten Gel-Beutelchen zu naschen. Vorm Start ein wenig unter Zeitdruck deponierte ich die Tüte mit den Gels einfach neben der Strecke im Wald und verdeckte sie mit meinem Schirm. – Der Schirm ist weg! Die Tüte liegt noch da. Wo ist mein Schirm? Er lag etwas abseits, eine Verwechslung scheint ausgeschlossen. Tatsächlich liegt er auch an keiner anderen Stelle. Ich fasse es nicht. Drecksack Nummer eins (wenn ich sie nummeriere gibt es dereinst wohl noch einen …) hat mir meinen Schirm geklaut! Im Moment hege ich noch die Hoffnung, ihn nach dem Zieleinlauf wiederzufinden (eine Hoffnung, die sich leider nicht erfüllen wird …).

Nach zwanzig Kilometern zeigt die Uhr etwa 2:03 Stunden an, nach dreißig steht sie bei 3:05. Obwohl ich die Sinnlosigkeit solchen Unterfangens hinreichend oft studieren durfte, stelle ich auch diesmal Hochrechnungen auf die Endzeit an … Es mag sich ein jeder selbst ausrechnen, welche Zahl zu dieser Zeit durch meine Gedanken spukt. Die Zahlenspielerei ist schon deshalb vergebliche Liebensmüh’, weil meine Beine nach nur 30 km deutliche Ermüdungssignale senden. Und zehn Kilometer weiter, in den Runden 15, 16, 17, nach lediglich Marathondistanz also, fühle ich mich dem Ende nahe. Wieso schon jetzt? Über dieser Frage brüte ich nun fortgesetzt, denn nach allem, was ich weiß und verstehe, dürfte diese Schwäche erst sehr viel später einsetzen … Ich bringe innerlich Begründungen vor, um sie nach und nach zu verwerfen:

Wenn nicht das, was dann? Vermutlich die Summenwirkung von allem und dazu eine schlechte Tagesform. So schlecht, dass ich um Kilometer 50 herum fürchte, diese Aufgabe heute nicht bewältigen zu können. Mir ist nicht schwindelig, ich torkele nicht, habe aber das Empfinden, mir könnte genau das demnächst zustoßen …

13:15 Uhr, 60 Kilometer gelaufen, es regnet. Ob es gerade schüttet oder nur tröpfelt vermag ich nur an bestimmten Stellen des Kurses zu bestimmen. Unterm Blätterdach pladdert es gleichmäßig. Dass ich das noch immer wahrnehme, wundert mich selbst. Man sollte sich nach sechs Stunden Dauerberieselung daran gewöhnt haben. Dieser bohrende, an Zorn grenzende Ärger in der Seele ist allerdings gewichen. Wo er hauste blieb ein dunkler Brandfleck zurück. Mistwetter verdammtes! Mein Allheilmittel „Fluchen wenn’s hart ist“ hilft heute leider nicht. Wasser von oben ist eine „objektive Einflussgröße“, die ich mit der Wucht meiner Gedanken nicht bekämpfen kann. Also weiter üben im Hinnehmen …

Meine Schwäche hat sich stabilisiert. Das Gefühl demnächst die Kontrolle über meinen Bewegungsablauf zu verlieren wurde vermutlich vom Regen abgewaschen und in den Graben gespült. Ich zwinge mich immer weiter einen Schritt vor den anderen zu setzen. „Keiner kann sich vorstellen, wie weh das tut!“ werde ich später im Ziel die Qual der vielen Stunden mit Worten zusammenfassen. Ich habe das schon oft so erlebt, in allen Fasern meines Körpers bitter gespürt. Auch dieses Gefühl ist nichts, woran man sich gewöhnen könnte. Aber ich habe vorzeiten gelernt es stundenlang zu ertragen. Also werde ich die verbleibenden 40 Kilometer auch noch „aus mir herausholen“. „Kein Marathon mehr!“ Es mag jedem Jogger, der sich mit wenig Wochenkilometern für Gesundheit und Spaß bescheidet, vermessen und elitär in den Ohren klingen. „Kein Marathon mehr!“ Marathon ist eine überschaubare Strecke. Für mich bedeutet sie jetzt tatsächlich das kleine Licht am Ende des heute rabenschwarzen Tunnels. Ein bisschen Hoffnung, auch wenn ich weiß, dass mir noch gut und gerne viereinhalb Stunden Tortur bevorstehen …

14:21 Uhr, 70 Kilometer gepackt. Noch ein bisschen weniger Kraft in den Beinen als vor einer Stunde, aber nur unwesentlich. Was in der Welt da draußen vor sich geht, entzieht sich meinen Blicken. Gibt es sie überhaupt noch? Der Wald ist wie ein Tunnel. Ich bin jetzt über sieben Stunden unterwegs und es ist vergleichsweise wenig passiert. Meine Kontrahenten haben ihr D-Zugtempo rasch auf ein erträgliches Maß reduziert. Nur der Führende überrundet mich noch dann und wann. Alle anderen bleiben entweder unsichtbar oder müssen sich seit einiger Zeit von mir überholen lassen. Zwei von ihnen gehen lange Passagen, vor allem am steileren der zwei Anstiege. Und einer hat offensichtlich Schmerzen, greift sich häufiger an … ja wohin eigentlich. „Warum gibst du nicht auf?“ frage ich lautlos den Hinkenden, als ich ihn zum zweiten Mal überrunde. Die Frage ist überflüssig und töricht. Vor allem, wenn ich sie stelle … Soll ich ihn ansprechen? Mich kümmern? Normalerweise dächte ich darüber nicht nach, würde einfach handeln. Aber das hier ist ein Rundkurs von nur 2,4 km Ausdehnung. Er kann jederzeit Hilfe bekommen. Also halte ich die Klappe und konzentriere mich auf meine eigenen Schwierigkeiten.

Zum x-ten Mal vorbei an der Wanne mit dem Wasser zum Erfrischen. Seit Stunden steht sie auf einem Türmchen aus Bierkästen ungenutzt am Wegrand. Braucht heute keiner. Müsste die Wanne nicht langsam überlaufen? Wie tief stand das Wasser heute morgen darin? Oder hat sich vielleicht doch jemand bedient? Schwer vorstellbar. Irgendwann muss ich noch ein paar Bilder schießen für den Laufbericht. Ein, zwei Runden reichen dafür. Vielleicht hört es ja doch noch auf zu regnen … Wusch! und Wusch! Knirsch! und Knirsch! Kurz hintereinander flitzen mal wieder zwei Staffelläufer vorbei. Seit Stunden nervt mich das und es wird immer schlimmer. Jedes Mal habe ich das Gefühl zu stehen. Schlimmer noch: Gemessen an den (zumeist) jungen Burschen komme ich mir nicht mehr wie ein Läufer vor. Eher wie ein Schlurfer, Schlapper, Tippler … was gaaanz Langsames. Quälend langsam addiert die Entfernungsanzeige Meter zu schon vorhandenen. Und quälend langsam erhöht sich mein Rundenkonto an der Anzeigetafel: 28, 29, 30 … Eine kurze, „intra-ohr-ale“ Injektion von „Super Udo! Klasse! Weiter so! Bleib dran! Sieht gut aus!“, bekomme ich bei jedem Rundenfinish verabreicht.

Irgendwann hört es auf zu regnen. Endlich. Leider zu spät. Unterm Blätterdach tröpfelt es noch lange nach. Und die Rinnsale quer zur Laufrichtung werden auch bis zum feuchten Ende nicht versiegen. In jeder Runde, an der tiefsten Stelle des Kurses, dort, wo man Hügel in der Ferne sehen könnte, wenn man sie sehen könnte, gurgelt ein schmutzigbrauner Bach. Ich habe seine Geburt heute miterlebt. Auf den ersten 20 bis 40 Kilometern kreißte der Wald, konnte die Fluten dann nicht mehr halten. Seitdem gibt es den Bach und auch er überlebt das Ende des Regens. In der letzten Runde werde ich mich fragen, wie lange er wohl braucht, um den bewaldeten Hügel trocken zu legen …

Es hat aufgehört zu regnen. Ungefähr 4 Stunden zu spät für meine Füße. Die sind quatschnass und aufgequollen. Aufgequollen passen sie aber nicht mehr richtig in die Laufschuhe. Die Zehen schmerzen und die Fußsohlen brennen. Lauf du mal stundenlang auf schrumpliger Sohlenhaut. Ich hätte sogar Ersatzschuhe und -strümpfe dabei. Aber leider im Auto und das steht etwa einen halben Kilometer von der Strecke entfernt. Warum ich sie nicht dabei habe? Das ist frühmorgendlicher Hektik geschuldet und der Tatsache in 131 Läufen davor nie Ersatz benötigt zu haben.

Der Himmel wird heller und ich beschließe mir die Kamera aus dem Rucksack zu holen. Nur leider ist der weg, als ich am Anhänger, wo ich ihn vor Stunden regensicher deponierte, danach suche. Fluchend wühle ich in Klamotten, Taschen, Tüten, sonstigem Krimskrams, kann ihn aber nicht finden. Ralf, der Veranstalter, springt mir helfend bei, steigt in das überdachte Gelass, wühlt seinerseits. Nach weiteren zwei Minuten hat er endlich Erfolg, findet den Rucksack irgendwo ganz hinten unten. Der Jux hat mich gut und gerne vier Minuten gekostet. Egal. Was juckt mich heute die Zeit (Tut sie natürlich ganz hinten drin doch. Irgendwann bring’ ich den ehrgeizigen Gnom mal um. Ganz bestimmt!).

Das wird meine mit Abstand längste Runde. Ständig bleibe ich für Fotos stehen. Und immer wieder tut es unsäglich weh neu anzutraben. Von den Knippspausen auf ein, zwei Runden hatte ich mir ein bisschen Erleichterung versprochen. Stattdessen macht mir jeder Neustart auf schmerzhafte Weise bewusst, wie schwach ich bin. In Höhe der Rundenzählung können sie es nicht fassen, dass dieser Verrückte jetzt, nach 80 Kilometern, seelenruhig zu fotografieren beginnt … Das beeindruckt sie mindestens so sehr, wie die Zeit des Siegers (exakt drei Stunden weniger als ich).

Der Rundenzettel mit der „31“ fliegt in den Papierkorb und ich lese „32“ am Teilnehmerbord. Ralf – the boss himself – feuert mich an: „Super Udo! 32 Runden hast du, nur noch 10!“ – Nur noch zehn??? Nicht elf??? Bislang ging ich davon aus, dass eine Runde mit ihrem Abriss gezählt wurde. Demnach hätte ich erst 31 im Kasten und nicht 32!? Aber Ralf muss es schließlich wissen! Er managt die Veranstaltung nicht zum ersten Mal! Ja, schon, aber ein Freud’scher Versprecher kann jedem unterlaufen … Ich könnte nachfragen, klar. Aber eigentlich will ich es gar nicht wissen; mag lieber hoffen, tatsächlich nur noch 9, 8, 7, 6 … Runden vor mir zu haben.

Noch 6 Runden. Klingt nach lächerlich wenig. Sind jedoch immer noch mehr als 14 Kilometer und länger als anderthalb Stunden. Aber muss ich denn so rechnen? Jetzt schon? Lieber denken: ‚Nur noch 6 Runden!‘ Das baut auf. Seit Stunden fühle ich mich schwach, dennoch gelingen mir auch jetzt noch Runden mit einem Durchschnittstempo von etwa 6:30 min/km. Ganz passabel eigentlich. Wenn es nur nicht so unheimlich hart wäre, die Energie dafür zu mobilisieren. Natürlich senden die Körperteile unterhalb der Gürtellinie unentwegt und gleichfalls seit Stunden Schmerzsignale. Einen der vielen Schreihälse hervor zu heben wäre sinnlos. Mal zieht es stärker da, dann wieder dort, einen Umlauf später an einer anderen Stelle. Lediglich meine Füße machen mir zunehmend Sorgen. Das Brennen unter den Fußsohlen ist stärker geworden. Und auch im Bereich der Zehen geht einiges schief, weil sie im Schuh vorne anstoßen. Ich habe mit Sicherheit schon Blasen und kann nur hoffen, dass die Reststrecke die Füße nicht vollends ramponiert. Übermorgen will ich wieder trainieren und nächsten Samstag 69 km durch den Harz laufen …

Noch 4 Runden … Nur noch viermal durch den Matsch im Start-/Zielbereich. Nur noch viermal den blöden, steilen Berg rauf (den haben sie mittlerweile höher aufgeschüttet!). Nur noch viermal durch den meterbreit sickernden Bach quer zur Laufrichtung platschen. Nur noch viermal am Klohäuschen vorbei. Und jetzt durchs Ziel, dann sind’s nur noch drei!!! – „Super Udo!“ feuert mich die Rundenzählerin an und legt den Zettel mit der „39“ frei. „38 Runden gelaufen! Jetzt nur noch vier!“ – Der Schock hält sich in Grenzen. Im Grunde meines Läuferherzens habe ich es die ganze Zeit gewusst. Keine andere Zählweise ergibt wirklich Sinn. Sch… drauf! Dann eben jetzt noch viermal … viermal … viermal …

Noch vier Runden. Ich habe mir meine Gelbeutel gut eingeteilt. Einer ist noch übrig und den werde ich mir jetzt als „Nachbrenner“ für die letzten knapp zehn Kilometer verabreichen … Weg! Geklaut! Das gibt es doch nicht!??? Wer klaut einen Gelbeutel vom Tisch mit der Eigenverpflegung? Es fällt mir schwer es zuzugeben. Aber auch unter Läufern gibt es Menschen, denen Anstand und Charakterfestigkeit fehlen. Um nicht gänzlich auf Zucker verzichten zu müssen, trinke ich ersatzweise einen Becher Cola …

Noch zwei Runden. Vor längerem fiel mir auf, dass der junge, am Bein lädierte Kontrahent wieder „rund“ laufen konnte. Zufällig traben wir jetzt nebeneinander her. „Wie viele Runden hast du noch?“ fragt er mich. Es stellt sich heraus, dass auch er noch zweimal kreisen muss. Ziemlich doofe Situation. Eigentlich müsste ich nun versuchen vor ihm zu finishen. Andererseits kann man seine Ansprache auch als Offerte oder Bitte verstehen: „Lass es uns gemeinsam zu Ende bringen!“ So tippeln wir denn in der vorletzten Runde mal hinter- mal nebeneinander her. Ich denke dabei an Kraxi, den schnellen Steiermärker. Letztes Jahr beim Halbmarathon in Füssen lag er mit einem anderen Läufer gleichauf. Kraxi machte den Vorschlag gemeinsam ins Ziel und auf Platz 3 zu laufen. Der andere antwortete nicht, wollte sich offensichtlich nicht darauf einlassen. Letztlich ließ Kraxi ihm den Vortritt, obwohl er für einen Fight noch genügend Kraft gehabt hätte. Damals habe ich das nicht wirklich verstanden. Heute bin ich dem Verstehen ziemlich nahe und beschließe dem Jüngeren den Vortritt zu lassen …

Eine Glocke läutet unsere letzte Runde ein und sie wird mir auch verbal bestätigt: „Udo läuft seine letzte Runde!“ Aber warum wird mein Begleiter nicht erwähnt? Ein paar hundert Meter weiter löst er das Rätsel auf: „Ich soll noch zwei Runden laufen!“ Er will nicht ausschließen sich verzählt zu haben, ist aber ziemlich sicher, dass ihm ein Umlauf nicht gut geschrieben wurde. Wie dem auch sei: In Gedanken nehme ich Abschied. Vom Wald, vom Bach, der noch immer braungrau gurgelt, vom steilen und vom nicht so steilen Anstieg, von der nutzlosen Erfrischungswanne, der Obstplantage, die ich nur beim Fotografieren einmal richtig sehen durfte, vom Wasser auf den Wegen, vom Klohäuschen. Von allem Abschied ganz ohne Wehmut. Ich versteige mich sogar zu einem „niemals wieder“! Daran mag man ermessen, wie sehr ich das Ende herbei sehne. Und dann – ganz unspektakulär – ist es endlich, endlich, endlich geschafft.

Die Uhr bleibt bei 10:53:00 h für mich stehen. Platz 4 von 5 Finishern. Zwei weitere haben bei etwa 70 Kilometern aufgegeben. Ich lasse mir Zeit im Start-/Zielbereich. Will warten bis mein Mitläufer seine letzte Runde hinter sich hat. Ehrensache. Sein Protest hat nichts gebracht und so bleibt ihm nichts anderes übrig als Runde 43 auch noch zu absolvieren. Oder Runde 42, je nachdem, wer sich verzählt hat … Schließlich klatschen wir uns ab. „Mach’s gut! Wir sehen uns!“ Und das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Ein Münchner und ein Augsburger Ultra, beide Vielläufer, können sich auf Dauer gar nicht aus dem Weg – pardon: der Strecke – gehen …

Fazit zur Veranstaltung

Wer Wald sehr mag oder beim Laufen keine Ausblicke braucht, für den ist diese Runde durch den Wald nahe Immenstaad, 42 mal wiederholt, genau das Richtige. Vorteile: Relativ wenig Höhenmeter (nach meiner Schätzung 600 bis 800), nicht windanfällig, viel Schatten bei Hitzeläufen.

Die Organisation wirkte ein wenig improvisiert. Letztlich klappte jedoch alles ohne Beanstandung. Leider fehlt ein Unterstand, Zelt oder ähnliches, wo man seine Sachen sicher, trocken und für jederzeitigen Zugriff aufbewahren kann. Die Versorgung mit Getränken und Verpflegung war ausreichend.

 

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