OJa!  oder  ONein?    –    München Marathon 2013

Warum in dieser Stadt? Münchens Straßen hatte ich schon zweimal unter den Sohlen, 2003 und 2006. Die Strecke hat man seither geändert, was allerdings nur einen recht schwachen Grund abgibt den Lauf neuerlich auf meine Agenda zu setzen. Zudem stößt mir die exorbitant hohe Startgebühr auf. Für München kann ich mir mindestens zwei andere, schwächer besuchte Läufe „kaufen“. Damit will ich keine Diskussion „zu teuer oder nicht?“ anstoßen. Um auf diese Frage zu antworten bräuchte man Insiderwissen. Außerdem: Niemand muss in München laufen, wenn er nicht will. Aber ich will. Also warum? Nur eine Stunde Anreise und ich stehe am Start. Ein guter Grund! Um10 Uhr geht’s los, also kann ich ausschlafen. Ein noch besserer Grund! Darüber hinaus brauche ich Ersatz für den kürzlich „ausgefallenen“, fest eingeplanten Amberg-Weiden Marathon. Sollte dich keines dieser Argumente überzeugen, dann habe ich noch das alles entscheidende Motiv anzubieten, selbsterklärend: Ich hab’ einfach Bock drauf!

Gegen 9:10 Uhr ankommen, parken, letzte Vorbereitungen abschließen, am Help-Desk noch mal den Chip überprüfen lassen, Toilette aufsuchen – in aller Seelenruhe hake ich das Vorstartprogramm ab. Bloß keine Hektik. Ich bin mit den örtlichen Gegebenheiten hier im Münchner Olympiapark vertraut und mein Startblock B wird ohnehin erst um 10:10 Uhr auf die Reise geschickt. Die anderthalb Kilometer von der Startnummernausgabe zum Start nutze ich zum Aufwärmen. Das gebe ich mir heute, entgegen sonstiger Gewohnheit. Außer einer hauchdünnen Mülltüte habe ich keinen Wärmeschutz am Körper und der leichte Trimmtrab hilft gegen 5°C morgendliche Kälte. Auch mein Kreislauf profitiert von der Übung, scheint endlich zu kapieren, dass die Nacht längst vorbei ist … Zunächst gilt es nur selten dem Start zustrebende Mitkämpfer zu umkurven. Alsbald sind jedoch großzügigere Ausweichmanöver vonnöten, um dicht an dicht aufmarschierende Kohorten zu überholen. Kurz vor zehn erreiche ich Block C, muss also weiter nach vorn ... Im dichten Gewimmel von Läufern und Zuschauern kann ich Block B nirgendwo ausmachen. Nach kurzem Countdown eröffnet „irgendwo da vorn“ ein gewaltiger Böller die „wilde Hatz“. Plötzlich kommt Bewegung ins Läufervolk jenseits der Absperrung. ‚Das muss Block B sein, der zur Startlinie vorrückt!’ so mein erster Gedanke. Also schlüpfe ich durch die Sperrgitter und reihe mich ein ... zum „fliegenden Start“, weil ich mich offensichtlich in Block A verirrt habe. Gerade noch rechtzeitig starte ich meine Uhr, bevor es mich über die Startlinie spült.

Eine nach langer Saison beständig sinkende Formkurve erzwingt Bescheidenheit: Ich möchte meinen 117. Marathon unter vier Stunden abschließen und dabei testen, ob es mir gelingt der Hydra „Laufwehwehchen“ einen weiteren Kopf abzuschlagen. Begonnen hatte das Schmerzgeschehen nach harten, handwerklichen Arbeiten in ungewohnter Haltung: Gebückt, kniend, verdreht, mal so, mal so oder auch alles zusammen. Fatal für einen „Suchtkranken“, der vor allem Wettkämpfen erste Priorität einräumt: Ich konnte jederzeit schmerzfrei laufen, durchlitt anschließend allerdings schmerzhafte Nächte. Wieder weiß keiner so genau, woran es liegt. Ischiasnerv oder Illiosakralgelenk links oder doch was anderes? Mir ist eigentlich „wurscht“ was es ist, will’s einfach nur loswerden. Nach zuletzt zwei, drei Wochen vorsichtig dosiertem Lauftraining ist eine durchgreifende Besserung eingetreten. Und so bin ich zuversichtlich auch in der kommenden Nacht ohne nennenswerte Beschwerden schlafen zu können (selten liegt mir so viel daran recht zu behalten …).

Zäher Beginn. Körperlich aber nur, mein Kopf ist gleich mit Spaß bei der Sache. Eine Ampel springt auf „Rot“ und mit geradezu kindlichem Vergnügen missachte ich das strikte Signal. Unter bayerisch weiß-blauem Himmel strebt die bunte Schar dem nahen Schwabing zu. Pfützen auf nassem Asphalt erzählen von Regen bis in den frühen Morgen. Unterdessen reißt der Himmel immer weiter auf und bisweilen finden mich ein paar Sonnenstrahlen. Langarm-Shirt, Mütze und Handschuhe waren dennoch erste Wahl. Lieber schwitzen als frieren! Tempo? Erst einmal im Strom mitschwimmen. Wenn mich nicht alles täuscht, windet sich der Lindwurm mit nahezu 5:30 min/km durch Münchens Gassen. Genauer kann ich das so kurz nach dem Start nie sagen und heute erst recht nicht. Erste Kilometertafel verschlafen, zweite auch. Aber „Garminchen“ am Handgelenk bestätigt meine Vermutung und deshalb verschwende ich einstweilen keine Gedanken mehr in Sachen Tempo. Eine auf den ersten Kilometern „justierte“ Pace halte ich normalerweise automatisch und mit einiger Konstanz bis zum guten (oder bitteren) Ende.

Nähme ich die „Unfrische“ in meinem Bewegungsapparat als Omen, dann sollte ich mir Sorgen machen. Aber ganz ehrlich: Diese Fähigkeit ist mir in den letzten Jahren völlig abhanden gekommen. Mit Überheblichkeit hat das nichts zu tun, dafür mit viel Erfahrung. Wie oft bin ich schon muskulär „verkatert“ losgelaufen und erreichte ein paar Stunden später quietschvergnügt das Ziel? Klar ging’s auch ein paar Mal daneben. Bei diesen Gelegenheiten rannte ich dann stückweit durch die Hölle. Aber ich habe eben nie aufgeben müssen. Wenn ich loslief, kam ich auch an.

Nach nicht mal drei Kilometern schwenken wir südwärts auf die berühmte Leopoldstraße ein. Schlanke, hohe Pappeln und das nun beständig „wachsende“ Siegestor, südwärts voraus, verleihen Schwabings Amüsiermeile ein unverwechselbares Gesicht. Auf der anderen Fahrbahnseite zischen bereits die schnelleren Kämpen mit Zwischenziel Englischer Garten vorbei. Die Leopoldstraße dürfen wir heute ausgiebig besichtigen: Zum Auftakt als Wendestrecke in beiden Richtungen und später, vom Stadtzentrum kommend, ein drittes Mal. Fotozeit. Bisher hatte meine Kamera kaum Arbeit. Ein paar Pflichtbildchen, nichts Berauschendes. Vorm Triumphbogen und auf der dahinter beginnenden Ludwigstraße lohnen Fotopausen dagegen sehr. Umwehte einen nicht nordisch germanische Kälte, man wähnte sich in diesem Teil Münchens glatt auf italienischem Boden. Helle, mediterran anmutende Fassaden geleiten mich bis zur Wende. Die Voranzeige „Wende in 100 m“ liefert einen hinreichenden „Anfangsverdacht“! Im Wirtschaftsunternehmen „München Marathon“ scheinen die Euros reichlich zu sprudeln. Man hat sich für diesen simplen Zweck eine elektrische, sogar auf einem Anhänger montierte Anzeige geleistet! Muss das wirklich sein? Reicht da keine mannshohe, gedruckte Tafel? Vor drei Wochen beim „Maratona del Mugello“ waren fast alle Hinweisschilder handgemalt. Hat sich deswegen jemand verlaufen? Dort gab man sich mit einem „Fuffi“ weniger (!) für das Startgeld zufrieden. Natürlich steuert eine „Luxuswendeanzeige auf Selbstfahrlafette“ nur ein Teilchen zum Megaorganisationspuzzle bei. Aber erhellt nicht gerade so ein Detail schlaglichtartig wie man in München mit dem Geld von Läufern (und Sponsoren) umgeht? Wie gesagt: Ein „hinreichender Anfangsverdacht“, mehr nicht. Wer mag kann weiter ermitteln …

Wende – zurück auf der Ludwigstraße – Siegestor von hinten – ein Finne vor mir (einer von vielen ausländischen Läufern, die mir zwischen Start und Ziel auffallen) – Leopoldstraße noch immer im Schatten – ein bisschen Zickzack in unbekanntem, eher gesichtslosem Schwabing. Dann plötzlich: Kunst. Blitzen und Gleißen von ausladendem Gegenstand, ein kahler Baum. Die Skulptur* steht auf dem Vorplatz eines Instituts (Schule? Bürogebäude?), wunderbar silbern von der Sonne in Szene gesetzt. Echte Bäume, zumal grüne oder wie in dieser Jahreszeit hier im Englischen Garten schon herbstbunt eingefärbt, machen mich allerdings mehr an. Münchens grüne Lunge zieht jetzt Kilometer um Kilometer an mir vorbei. Dichtes Laubgehölz unterbrochen von weiten Schneisen oder Lichtungen. Alles wie von selbst gewachsen, Mutter Natur überlassen, der Evolution gehorchend. Tatsächlich ein biologisches Plagiat aus Menschenhand, kunstvoll, höherer Einsicht und Ordnung folgend. „The Chinese Tower“ – auf dessen mutmaßliche Lage eine englischsprachige Mitläuferin mit Hand- und Kopfbewegung ihren Begleiter hinweist – bekommen wir ebenso wenig zu sehen, wie andere Attraktionen dieser gigantischen Parkanlage (3,75 qkm, im Jahr 1792 für die damals 40.000 Einwohner Münchens eröffnet).

*) Die Skulptur des „kahlen, silbernen Baumes“ steht in der Mandlstraße 3 und ist ein Werk des amerikanischen Künstlers Roxy Paine. Welche Bezeichnung der Künstler seiner Schöpfung gegeben hat, ob überhaupt eine, konnte ich nicht er-„googlen“.

Erst ein bisschen Sightseeing in Schwabing, jetzt Landschaftslauf mitten in der Stadt und das Versprechen des Streckenplans für weitere städtebauliche Edelsteine im letzten Drittel des Kurses im Kopf – so gefällt mir ein Citymarathon. Insgesamt sieben Kilometer wurden zwischen Parkbäumen abgespult, als wir bei Kilometer 15 die Isar ostwärts überqueren und den Stadtteil Bogenhausen ansteuern. Über dem Ostufer der Isar erhebt sich in München die so genannte Isarhöhe. Markant aber nicht weltbewegend, ein Höhenunterschied von höchstens 30 Metern. Und entlang unseres Weges sind diese paar Höhenmeter auf eine ziemliche Distanz verteilt. So ist die behutsam ansteigende Rampe mehr geeignet mir das unbemerkt aufgezogene, läuferische Zwischenhoch bewusst zu machen als die Beine zu ermüden. Super optimistisch und um keinen Deut langsamer gewinne ich Höhe und Strecke. Die vor drei Wochen in Italien geschlagene Schlacht mahnt. War es dort nicht ebenso? Erst der müde Beginn, dann ein lustvoll und forsch abgespulter Mittelteil, zuletzt die Strafe für leichtfertig frühes Verausgaben. Stimmt. Doch dort war mein Stoffwechsel von Urlaubsvöllerei ruiniert, das Thermometer zeigte deutlich über 20°C und im Streckenprofil lauerten mehr als vierhundert Höhenmeter.

Diesen Belastungen unterliege ich heute nicht. Ich fühle mich gut. Sehr gut sogar. Derzeit laufe ich mühelos, mit geradezu erschreckender Konstanz. Mehrmals nacheinander meldet „Garminchen“ fast genau 5:30 min/km, mit einer Abweichung von lediglich ein oder zwei Sekunden. Und das, obwohl ich keinen Sinn auf mein Tempo richte. Schon dieser Umstand macht ungemein Spaß. Großen Spaß. Lust an Laufkonstanz. Die Schaltzentren meines Nervensystems deichseln das ohne mein Zutun. Ergebnis von zig Trainingseinheiten und mehr als hundert Wettkämpfen? Wahrscheinlich. Gefällt mir! Ein Lächeln muss mein Gesicht bei dieser lautlosen Feststellung überzogen haben.

Ich fühle mich gut. Sehr gut sogar. Und ich hätte nicht übel Lust einfach schneller zu laufen, obwohl es heute um fast nichts geht. Oder vielleicht damit es dann doch um MEHR geht als nur „unter vier Stunden ankommen und den Marathonzähler eins höher setzen“? Warum sich nicht wieder so richtig quälen auf den letzten Kilometern und die Grenzen ausloten? Jetzt spontan die Latte höher legen! Erregender Gedanke. Warnung: Halte keinem leistungsorientierten Läufer den kleinen Finger hin. Die Bestie „Ehrgeiz“ in ihm wird deine ganze Hand verschlingen! Es ist nicht der erste derartige Angriff auf mein läuferisches Lustzentrum, mitten in einem Wettkampf. Nicht das erste Mal, dass ein masochistischer Funke Disziplin und Lauftaktik in die Luft sprengt und meine Beine entfesselt. Aber nicht heute! Brav und stoisch halte ich „meine 5:30“. ‚Schon das liegt 9 Sekunden unter dem Notwendigen!’ mahnt der dunkle Schatten an meiner Seite. Nein, ich meine nicht diesen verwachsenen Gnom da auf der Straße, dem ich fortwährend auf die Füße trete. Ich spreche von der mitlaufenden Furcht vor dem „Fauchen des Drachens“. Links unten, Höhe Po, du erinnerst dich ... Ich möchte so gern recht behalten, Besserung realisieren und heute Nacht beschwerdefrei schlafen. Mehr noch: Dass dergleichen bei vermindertem Lauftraining und trotz Marathonbelastung ausheilen kann, gilt es zu beweisen. Also keine tolldreisten Tempoexperimente!

Widerlich! Geschmack und vor allem Konsistenz. Cremig, butterig klebt das Gel auf der Zunge und am liebsten möchte ich es in den Straßengraben speien. Ekelhaft! Schlucke es dann doch runter, weil Vernunft es befiehlt. Energie! Bei Km 14 habe ich mir zwei Beutelchen der offiziell gereichten Paste geschnappt, um mich auch dort mit Kalorien zu versorgen, wo nur Wasser gereicht wird. Mein Magen-Darm-Trakt hat bisher jedes Gel vertragen und unbekanntes Iso-Getränk nur dann mit Protesten quittiert, wenn es Kohlensäure enthielt (Ja wirklich, so was Hirnrissiges gibt’s!). Fraglos wird mein Körper auch diese silikonartige Substanz in meinem Mund verdauen. Doch selten war mir bewusster, was man unerfahrenen Marathonis oder Magen-Darm-Sensibelchen dringend raten sollte: Greife nicht zu Gel oder Iso, das dein Magen nicht vom Training her kennt! Es könnte deinen Traum vom Finish rasch beenden …

Unattraktives München. Wohnstraßen, Gewerbegebiete, die berühmt berüchtigten Füllkilometer, die du in jedem Citymarathon dieser Welt einfach abhaken musst. Kann einen mental runter ziehen, weil spektakuläre Ablenkung fehlt. Zumal, wenn jemand gerne Publikum am Straßenrand applaudieren hört, hier im Münchner Osten eine sehr seltene Spezies. Unerwartet setzt die Strecke ein Fragezeichen. Zur Erinnerung: Wir laufen im Münchner Stadtgebiet durch eine – für europäische Verhältnisse – Megacity, Luftlinie nur etwa vier Kilometer vom Zentrum entfernt. Wie also konnte dieser Rest bäuerlichen Wirkens, frisch mit Wintersaat bestellte Felder, nahe der vierspurigen Effnerstraße überleben? Was ist das hier? Wem gehört das? So nahe am Münchner Kern muss man nicht nur sehr viel Geld, sondern sicher auch eine Menge Glück einbringen, um überhaupt ein Grundstück zu ergattern. Und dann bestellt da ein Bäuerlein Jahr für Jahr seinen Acker und erliegt nicht dem süßen Duft des Geldes? Was ist das hier? Wer enthüllt mir dieses Geheimnis?

Kilometer 20, 21, Halbmarathon: Wie gehabt 5:30 min/km mit nur geringer Abweichung und keine Zeichen von Ermüdung. Ohnehin bin ich jetzt „über den Berg“. Am schwersten fallen mir die Kilometer jenseits der zehn bis Halbmarathon. Laufen ist Kopfsache. Zu Beginn meiner Marathonzeit sprangen mich die mentalen Teufel jenseits der dreißig Kilometer an. Dann hatte ich einige Jahre an allen Kilometern hart zu kauen, die mit der „2“ beginnen. Inzwischen also 12, 13, 14 … bis zur Hälfte. Nach dieser Distanz lässt sich die Grundtatsache unseres Sports bereits nicht mehr leugnen: Laufen ist anstrengend! Und beim Blick auf die Uhr wird klar, dass ich diese Anstrengung noch mehr als zwei Stunden genießen darf.

Nichts zu sehen in betonierter Einöde und nichts zu tun infolge des gut funktionierenden Tempomats. Vielleicht nehme ich deshalb endlich eines der zahllosen, mit weiß-blauen Rauten unterlegten Plakate näher in Augenschein. Alle paar Meter verstellen sie aufdringlich irgendeine Blickachse. Will die eigentlich noch jemand sehen, mit plakatmüden Augen, nach eben erst überstandener Land- und Bundestagswahl? Auf dem Mittelstreifen dieser Straße formiert sich gar eine Schlachtordnung nach römischem Vorbild als „Schildkröte“. Weiß-blaue Plakat-Legionäre, angetreten, um dumpfe Unentschiedenheit aus Münchner Köpfen zu vertreiben. Und was soll stattdessen rein? „OJa!“ entziffere ich und: „Dein Heimspiel – JA für München 22“. Darum geht es also: Im November werden die Münchner Bürger darüber entscheiden, ob sich die Stadt ein zweites Mal, diesmal für die Olympischen (und Paralympischen) Winterspiele 2022 bewerben soll. Nachdem man zuletzt auf erbitterten Widerstand (vor allem seitens der Anlieger vorgesehener Sportstätten) stieß, sollen es jetzt breite öffentliche Zustimmung und ein Bürgerentscheid richten. Gleich zu Beginn starken Meinungsdruck aufbauen, der alle Andersdenker tief in einsame Alpentäler pustet und München dem Internationalen Olympischen Komitee als idealen Austragungsort nahelegt. Aber stimmt das auch? Ist München dieser „ideale“ Gastgeber für Spiele? Weiß nicht. Dass die Spiele großräumig auf München, Garmisch-Partenkirchen und andere Gemeinden verteilt würden, gibt mir immerhin zu denken. Ist so etwas sinnvoll?** OJa! oder ONein?

**) Immer vorausgesetzt, man hält Olympische Spiele überhaupt für eine sinnvolle Sache, worüber man auch diskutieren könnte.

Ostbahnhof und dazugehörige Gleisanlage, darauf zu, drunter durch, daran vorbei, davon weg. Das ist ungefähr so spannend wie die Lektüre eines Telefonbuchs. Ich laufe und meine Gedanken kullern auf die Straße. Nicht einer dabei, der die Welt – nicht mal meine eigene, kleine – bewegen könnte. Nichts, was ich werde festhalten und erinnern können. Dazu flüchtige Bilder, die keinen Speicherplatz dauerhaft im Kopf belegen werden. Vier, fünf Kilometer läuferisches „Outback“, lediglich zu finaler Erschöpfung und sonst gar nichts beitragend. Kilometer 27: Eine von zwei Verpflegungsstationen mit Gel im Angebot. Mit sehr gemischten Gefühlen bunkere ich ein Beutelchen Silikon im engen Ärmel meines Laufshirts. Ich bin eher entschlossen es später wegzuwerfen als mir die „buttrige Widerlichkeit“ noch einmal anzutun. Aber sicher ist sicher. Sollte ich was brauchen, will ich es dabei haben.

Am Münchner Kulturtempel „Gasteig“, einer Ansammlung von Konzert- und Vortragssälen, Residenz der Münchner Philharmoniker, auch Sitz der Stadtbibliothek und der Volkshochschule, verlassen wir die Isarhöhe. Rechts zieht der neubarocke Jugendstilbau des „Müllerschen Volksbades“ vorbei. Eigentlich fotografiere ich den Komplex nur, weil sich der (Reservewasser-) Turm des Bades so hübsch malerisch in den blauen Himmel reckt. Wieder einmal wird mir bewusst, wie wenig ich von der Bayerischen Landeshauptstadt kenne. Erst nachträgliches Betrachten der Fotos und Stöbern bei Wikipedia erschließen die Tatsache an einem historischen Schwimmbad vorbei gelaufen zu sein.

Nicht mal eine Minute weiter, in Höhe des klotzig rechteckigen, eher hässlichen Bauwerks mit der riesigen Schiffsschraube im „Vorgarten“, ist das anders. Der einst auf einer Kiesbank in der Isar errichtete Gebäudekomplex beherbergt das „Deutsche Museum“. Der Begriff „Technikmuseum“ greift eindeutig zu kurz, was jeder verstehen wird, der je einen kurzweiligen aber sehr anstrengenden Tag in diesen Mauern verbrachte. Schon als Jugendlicher war ich fasziniert von den Sammlungen und der Art und Weise diese zu präsentieren. Sie vermitteln Einblicke in Welten und technisches Geschehen, das nirgendwo sonst so umfangreich und mit Erlebnischarakter zu haben ist. Ein Tipp für einen etwaigen Besuch: Nicht am Wochende, wenn’s regnet und nicht in den Wochen vor den bayerischen Schulferien besuchen! Dann gleicht das Museum einem Ameisenhaufen. Und wenn nicht anders möglich, dann Sammlungsbereiche aussuchen, die nicht so spektakulär daher kommen, wie die Vorführung der Starkstromanlage mit Blitz und Donner oder das Bergwerk.

Gleich hinter Isarbrücke und einem Schlenker entlang des Isarufers beginnt die Besichtigung der Münchner Innenstadt. Da hätte ich zunächst den hübsch angelegten Gärtnerplatz mit dem renommierten Gärtnerplatztheater im Angebot; wenige Schritte später den turmartigen Hochbunker in der Blumenstraße, ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem bis zu 1.200 Menschen Schutz vor Luftangriffen finden sollten. Vorbei am „Viktualienmarkt“, von dessen Buden mit den bunten Auslagen und einem kulinarisch üppigen Angebot aus aller Herren Länder leider wenig zu erkennen ist. Am „Sendlinger Tor“ berühren wir den südlichen Rand des Münchner Altstadtkerns. Hier erliege ich ebenso stehend meiner Sucht nach scharfen Fotos, wie kurz darauf vorm prächtig barocken „Asamhaus“ mit integrierter „Asamkirche“. Weiter jetzt, es lockt der „Marienplatz“ mit massenhaft Publikum. Das gibt sich jedoch erstaunlich zurückhaltend. Vorbei an der aufregenden Fassade des Rathauses und der Mariensäule. Auf deren Kapitell thront die in frischem Goldglanz erstrahlende Marienstatue und wacht über die vorbeiziehenden Läufer (hoffentlich!).

Hinter dem Rathaus kann, wer nach über 31 Kilometern noch Kraft und Muße hat, den Kopf nach links drehen und die über die Dächer lugenden Türme der „Frauenkirche“ sehen. Mir raubt der Anblick nicht gerade den Atem, nur ein paar Sekunden Laufzeit für ein Foto. Kaum wieder im Wettkampf renne ich auf den nächsten Blickfang zu, die „Residenz“, das Stadtschloss der bayerischen Herzöge, Kurfürsten und Könige. Vom vorgelagerten „Max-Joseph-Platz“ winkt die Statue des sitzenden Königs Max Joseph I. den Läufern huldvoll zu: „Toll, was ihr da so treibt und wie schön, dass ich nur zuschauen brauche!“

Ich finde keine Zeit meine physischen oder gar sportlichen Belange im Fokus zu halten. Zu dicht reihen sich die Attraktionen. Mein Tempomat wird’s schon richten und den 5:30er-Schnitt bewahren. Über den Max-Joseph-Platz und durch die Residenzstraße erreichen wir einen ebenso düsteren wie spannenden Ort Münchner Geschichte, die „Feldherrnhalle“. Ursprünglich diente die repräsentable, als Loggia nach italienischem Vorbild erbaute Feldherrnhalle lediglich als Anfangsbauwerk der prächtigen Ludwigstraße und Gegenpol zum genau einen Kilometer entfernten Siegestor in Schwabing. Zu Zeiten des braunen Wahnsinns erlangte der Ort dann unselige Berühmtheit. Ein dilettantisch an dieser Stelle scheiternder Putschversuch (Hitler-Ludendorff-Putsch, 9.11.1923) wurde im braunen Deutschland zu heldenhaftem Geschehen verklärt und alljährlich im November nationalsozialistisch stilvoll, also düster und drohend, inszeniert … Aber was ist das? Ja! So lässt sich der Wahnsinn zwar nicht ungeschehen machen, aber doch ein wenig konterkarieren: Ein Hochzeitspaar – Sie in einem Traum aus türkisgrünem Tüll*** – hat vor einer der mächtigen Säulen für Hochzeitsfotos Aufstellung genommen. Ich würde mich zwar lieber irgendwo im Grünen oder vor geschichtlich nicht so aufgeladener Kulisse ablichten lassen … aber warum nicht? Wie meinte der freigeistige Preußenkönig Friedrich II. einst im fernen Berlin: Jeder möge nach seiner „Façon“ glücklich werden …

***) Was für ein geiler Gedanke: Welche deutsche Braut trägt „Türkis“ zur Hochzeit? Ich wünsch’ mir, dass es „Ausländer“ sind. Gerne Türken, also geradezu eine Inkarnation des „Nicht-Ariers“, die hier auf „teutschen Steinen“ ’rum turnen und den bösen Geist menschenverachtenden Deutschtums auf ewig verjagen.

Mehrmals „Klick“: Feldherrnhalle von der Seite und frontal und natürlich in Verbindung mit der nebenan unverwechselbar den blauen Himmel kitzelnden „Theatinerkirche“. Kräftig ockergelb und mit eigenwillig, spätbarocken Türmen begrenzt sie den Odeonsplatz im Westen. Nordwärts über die Ludwigstraße, vorbei an baugeschichtlichen Zeugnissen, die aufzulisten mir Schreibausdauer und Kenntnisse fehlen. Nicht mehr weit von hier bis zum Ziel im Olympiastadion, um in Erinnerung zu bringen: Dies ist ein Lauf- und kein Reisebericht. Dass der Kilometerzähler an meinem Handgelenk erst gut 32 Kilometer anzeigt, verweist auf die nun vorgesehene „Schikane“. Etwa vier Kilometer in Form zweier Rechtecke. Kennt man das so ausgeschnittene Stadtviertel nicht, unterstellt man dem Streckenplaner dumpfe Fantasielosigkeit. Dieser Eindruck hält sich hartnäckig, auch noch bei Kilometer 33 (Hurra! Einstellig jetzt!). Wirklich Attraktives oder Kurioses gibt es nicht zu sehen, wenn ich mal von dem Läufer in Lederhosen vor mir absehe. Lederhosen und langärmliges Oberhemd. Schmunzeln und Unverständnis zu gleichen Teilen: Sehe ich jemanden wie ihn, eingehüllt in eher bewegungsfeindliche Plünen, Kostüme und Verkleidungen jedweder Art, dann weiß ich eins mit völliger Klarheit: So was werde ich nie zum Laufen anziehen! Aber um noch einmal mitten im bayerischen Herzen und sinngemäß den Alten Fritz zu zitieren: Jeder möge nach seiner „Façon“ glücklich werden.

Hoppla, nun doch was fürs Auge: „Karolinenplatz mit Obelisk“. Die schwarze, fast 30 Meter in den Münchner Himmel ragende Säule betrügt das Auge: Kein Monolith, herbeigeschafft aus fernen Landen. Im Kern besteht sie aus schnöden Backsteinen. Ihrer Wirkung und Funktion (Gedenken an die toten bayerischen Soldaten von Napoleons Russlandfeldzug) tut das allerdings keinen Abbruch. Ich sammele noch ein paar Bildchen vom Lederhosenläufer, überhole ihn dafür sogar. Durchaus ein Kraftakt, denn mittlerweile hat Ermüdung – inmitten der vielen Sehenswürdigkeiten fast unbemerkt – eingesetzt. Will den Gedanken nicht verschweigen, auch wenn er mir ein bisschen peinlich ist: Wie wäre ich jetzt „beinander“, hätte ich mich von meinem Ehrgeiz zu schnellerem Laufen hinreißen lassen? Lederhosenmann und Obelisk wären im inzwischen eingetretenen läuferischen „Überlebenskampf“ bedeutungslose Wahrnehmungen. Mutmaßlich auch das architektonische „Griechenland“, das meine Füße nun auf dem „Königsplatz“ abarbeiten. Tempel und Säulenhallen stehen dort. Sie führen Namen, die einen augenblicklich ins antike Hellas katapultieren: Dorische Prophyläen, Glyptotek, Korinthische Antikensammlung. Spätestens an dieser Stelle dürften sich die letzten Leser von ihrem bisherigen München-Bild verabschieden. Die Stadt hat mehr zu bieten als den FC Bayern, Oktoberfest, Bier, Weißwurst, Biergärten, Burschen in Leder und Madln im Dirndl (in letzterem stellen sich hierorts ohnehin zunehmend „zuagroaste, preißische Weiberleit!“ zur Schau).

Der Schlussabschnitt entspricht dem Aufgalopp. Noch einmal Siegestor von hinten, zum dritten Mal die Leopoldstraße, dann nach links. Nach links Richtung Stadion und nach links zum finalen Leiden. Hier muss man keine baulichen Schönheiten mehr aufstellen und auch Zuschauer sind entbehrlich. Entlang der verbleibenden vier Kilometer lässt sich die „Pein im Gebein“ ohne jede Ablenkung wunderbar auskosten. Ich bin jetzt verdammt müde und mein Fahrgestell schmerzt heftig. Unter anderem auch an einer Stelle, die ich noch nie gespürt habe: Rechte große Zehe, Außenseite. Am Ende behalte ich eine kapitale Blase als Erinnerung zurück (ICH und Blasen vom Laufen?). Jeder Meter will jetzt erkämpft werden. Schritte, die die Frage nahe legen: „Warum tue ich mir das schon wieder an?“. Ich stelle sie nicht, weil es jetzt keine Antwort gäbe. Und in ein paar Minuten wird sie sich ohnehin von selbst erledigen. Aber es tut weh, weh, weh. Soll ich dem ein Wehklagen über meine besch… Spätform in diesem Jahr hinzufügen? Will keiner hören, am wenigsten ich selbst. Außerdem halte ich doch ganz passabel das seit mehr als dreißig Kilometer eingestellte Tempo. Macht der Tempomat. Noch ein paar Minuten leiden. ‚Mach’s dir doch leichter! Runter mit dem Tempo! Hast doch noch endlos Zeit und wirst locker unter vier Stunden finishen!’ Warum hält der Depp nicht ein für allemal die Klappe? Wieso realisiert er nicht endlich, nach so vielen ähnlichen Kämpfen und Situationen, dass sein defätistisches Geschwätz unnütz Kraft verschwendet, aber nicht verfängt. Ehrgeiz hält Tempo, so lange es geht. Und es geht noch …

Noch zwei Kilometer und weit voraus erkenne ich den Fernsehturm. Herbstbunte Straßenbäume nehmen mir ab und an die Sicht aber ich halte ihn fest im Fokus. Und dann geschieht, was mir so oft, fast immer, in dieser Phase widerfährt. Die Qual wird von Siegeszuversicht verdrängt. Nun bald in diese wunderschöne, weltweit einmalige Arena einlaufen zu dürfen birgt weiteren Lohn für stundenlanges Laufen. Nur noch ein Kilometer und dann sehe ich das Marathontor. Rein und durchs Halbdunkel, von Lichteffekten und waberndem Nebel begleitet. Mit fünf, sechs Schritten vom Dunkel in hellen Sonnenschein, über mir das geniale Zeltdach des Olympiastadions und jetzt auf … WAS IST DENN DAS???? Mit einer Mischung aus Verwunderung, Enttäuschung und etwas Entsetzen beginne ich zu realisieren – ich muss wirklich mehrmals hinschauen –, dass die Tartanbahn durch schnöden Asphalt ersetzt wurde. Aber das ist noch nicht alles. Es gibt auch keinen Rasen mehr im Olympiastadion. Grüner Kunstrasen breitet sich aus, wo einst Grashalme wuchsen. Meine Fassungslosigkeit speist sich keineswegs aus der Tatsache, dass mir nun Tartanschlussrunde und Verweilen auf gepflegtem Rasen versagt bleiben. Nach ein paar Schritten ist mir klar: Hier wird es nie wieder Leichtathletikwettkämpfe geben! Auch Springer und Werfer finden hier keine Heimat mehr. Diesem wunderschönen, weltweit einmaligen Stadion hat man das Herz herausgerissen. Sakrileg. Sündenfall. Nenn es wie du willst. Geldmangel. Schon klar. Die Stadt konnte sich den Erhalt von Bahn, Rasen und wer weiß was sonst noch nicht mehr leisten. Oder wollte es nicht. Was haben sie jetzt? Eine große Schüssel für Open Air Konzerte. Und was nun? Du erinnerst dich an die weiß-blauen Plakate? Garantiert dieselben Herrschaften, denen wir die Kastration des „Olympia(!!!)stadions“ von 1972 zu verdanken haben, bewerben sich jetzt um die Winterspiele 2022. Die haben nicht mal ausreichend Mittel vorhandenes „Olympia“ dem Sport zu erhalten und biedern sich nun für künftiges an. Reizt mich ungemein zum Lachen – oder doch eher zum Weinen? Mein bisheriges „OJa!“ wandelt sich spontan zum „ONein!“.

Letzte Kurve, ab hier in roten Kunstrasen mit aufgemalten Laufbahnen übergehend. Fake hoch sieben. Musste das jetzt auch noch sein? Eigentlich eine Verhöhnung allen sportlichen Eifers. Das wird die Kommission des IOC nicht zu sehen bekommen, wenn man sie dereinst nach München holt und mit allen gerade noch legalen Mitteln umgarnt. Auf roten Kunstrasen gepinselte Laufbahnen … unfassbar. Braucht kein Mensch, am wenigsten Marathonis auf den letzten von 42.195 Metern. Und so streben meine Arme mehr gewohnheitsmäßig als final beglückt in die Höhe als ich nach 3:53:16 h die Ziellinie überquere.

 

Fazit zum München Marathon

Die irgendwann in den letzten Jahren vorgenommene Streckenänderung hat der Attraktivität des Kurses gut getan. Zum Auftakt, dann auf den 15 km zwischen Englischem Garten und Deutschem Museum und wieder am Ende hat man zwar reichlich Betonwüste abzuarbeiten, doch welcher Citymarathon kann auf diese Füllkilometer verzichten. Der Zuschauerzuspruch ist nur stellenweise gut. Wer mental auf applaudierendes Fußvolk angewiesen ist, sollte seine Fans entlang der oben beschriebenen urbanen Ödnis postieren.

Selbstverständlich ist dieser Lauf gut organisiert. Für bis zu 80 Euro Startgeld wäre alles andere auch unerträglich. In der Höhe dieses Betrages erschöpft sich denn auch meine Negativkritik. Alles Übrige war in Ordnung bis bestens (oder – wie das kastrierte Olympiastadion – nicht vom Veranstalter zu verantworten).

 

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