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Wenn schon, denn schon! – Stadtlauf Augsburg 2012

Normalerweise bliebe ich dieser Laufveranstaltung fern. Immerhin sträubt sich einiges in mir als einer von 2.000 Lemmingen im selben „Outfit“ Werbung für einen Sportartikelhändler zu machen. Wenn ich es dennoch „über mich bringe“, dann aus zwei Gründen. Erstens muss man dieser Firma jenseits eindeutigen Geschäftsinteresses zugestehen, dass sie dem Laufsport mehr Menschen „zugeführt“, enger mit ihm verbunden oder dauerhaft erhalten hat, als diverse Sportvereine zusammen genommen. Niemand weiß das besser als ich, denn just während des Augsburger Stadtlaufes 2002 hatte ich mich endgültig dazu entschlossen wenigstens einmal in meinem Leben einen Marathon zu wagen … Auch wenn die Werbeidee im Vordergrund steht – letztlich wird einem gesamtgesellschaftlichen Interesse – nenn es meinetwegen „Volksgesundheit“ – zugearbeitet. Im Vordergrund meines Interesses steht allerdings nicht „Wohl und Wehe des Deutschen Volkes“, vielmehr die Teilnahme einiger meiner Schützlinge des Halb- und Marathonseminars der TG Viktoria Augsburg. Die einen wollen wochenlanges Training erstmalig mit einem Halbmarathon-Finish krönen, andere ihren Erfolg wiederholen und drei zukünftige Marathonis stehen vor einem harten Testlauf.

Auch Ines ist mit dabei. Sie will erstmals nach mehreren Jahren und unter vorübergehender Außerkraftsetzung ihres „läuferischen Weltbildes der Genussläuferin“ wieder unter zwei Stunden bleiben. Fordernd im Hintergrund steht auch ihr angepeilter zweiter Marathon, den wir gemeinsam im November in New York laufen werden. Meine heutige Taktik muss sich der Vorbereitung auf den Thüringen Ultra am 7. Juli (100 km, über 2.000 Hm) unterordnen. Derzeit gönne ich meinem Körper eine Regenerationswoche, habe also weniger Trainingskilometer in den Beinen, dafür jedoch mehr Tempo gemacht (unter anderem ein hartes Intervalltraining, 3 x 2.000 m). Deutlich über 90 Wochenkilometer werden dennoch nach dem Stadtlauf zu Buche stehen. Wenn nicht Quantität, dann Qualität, weswegen ich heute „volle Pulle“ gehen werde. Erfahrene Ultras wissen allerdings: Mann kann entweder weit laufen oder schnell. „Versaut“ von monatelangem Kilometerbolzen werde ich also keine für meine Verhältnisse supergute Zeit realisieren können. Dem Trainingsstand entsprechend müsste dennoch irgendwas um die 1:35 h herausspringen … Dem widerspricht meine scheinbare Tagesform: Ich habe miserabel geschlafen und empfinde schon stehend ein „unwohles“ Drücken im Unterbauch. Auch morgendliche Wärme und Schwüle werden sich nicht gerade leistungsfördernd auswirken.

9:00 Uhr: Wir treffen unsere Seminaristen zu kurzem Hallo und gegenseitigen Glückwünschen. 9:15 Uhr: Abschied von den anderen und von Ines, dann laufe ich mich ein. 9:25 Uhr: Meinen Platz finde ich heute weit vorne in der Startaufstellung. Höchstens hundert andere Läufer stehen vor mir. Zwar sind keine Startblöcke gekennzeichnet, doch in einer auf „Event“ gepolten Laufveranstaltung sollte ich mit meiner angepeilten Schlagzahl am Kopf des Feldes mitlaufen können. Ines’ Hoffnung eines bedeckten Himmels scheint sich zu erfüllen. Noch zeigt die dünne Wolkendecke keine Lücken. 9:30 Uhr: Start. Ich erwarte wenig Spektakuläres von der Strecke. Stadtlauf darf sich die Veranstaltung nur deshalb nennen, weil wir ausschließlich auf dem Gebiet der Stadt Augsburg unterwegs sein werden. Jedoch fast ausschließlich in Außenbezirken, im Grünen und an den Ufern des Lechs. Zunächst rennen wir über die für den Verkehr gesperrte, vierspurige Start-/Zielgerade auf den so genannten Glaspalast zu. Früher beherbergte das Gebäude Anlagen der mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg (SWA), eine von vielen textilen Produktionsstätten der Stadt, die allesamt der Billigkonkurrenz im Ausland – oder vielleicht auch der „Geiz-ist-geil-Mentalität“ von uns Konsumenten – zum Opfer fielen. Heute beherbergt das Industriedenkmal unter anderem ein Kunstmuseum.

Links weg und durch ein paar gesichtslose Augsburger Straßen hin zum Jakobertor. Vor diesem wiederum nach links Richtung Innenstadt. Mein Lauftempo habe ich anhand der ersten, natürlich zu schnellen Zwischenzeit „geeicht“ – ungefähr, so lala, genauer will ich es gar nicht wissen. Will mich auf mein inneres Echo verlassen, das mir sagen soll, „was geht“. Noch fühlt es sich an, als könnte ich die Geschwindigkeit unmöglich bis zum Ende durchhalten. Aber das war bei einem auf Angriff gelaufenen Halbmarathon eigentlich immer so. Es geht durch die Grünanlagen am Roten Tor, einen Steinwurf weit vorbei auch an der Freilichtbühne, den historischen Wassertürmen und der Augsburger Puppenkiste im Heilig-Geist-Spital. Von der geballten Augsburger Historie bekommen wir bedauerlicherweise nicht mehr zu sehen, als ein Stückchen Stadtmauer. Noch etwas ist bedauerlich: Binnen weniger Minuten löst sich Ines’ Hoffnung auf einen Halbmarathon unter schützender Wolkendecke zusammen mit derselben auf …

Wir erreichen den Siebentischwald, das Augsburger Naherholungs- und Joggerzentrum. Ein ausgedehnter Stadtwald, der von einem verwirrenden, zig Kilometer langen Wegenetz durchzogen wird. Auch etliche, schmale, oft schnurgerade, von Menschenhand angelegte Wasserläufe findet man hier und tausend verschwiegene Ecken. Wochentags läufst du hier stadtnah und dennoch einsam. Botanischer Garten und Augsburger Zoo sind harmonisch in die Ausläufer des Siebentischwaldes eingebettet. Und ebendiesen Zoo umlaufen wir nun. Zunächst nahe der Außenmauer, schattig kühl unter jahrhundertealten Laubbäumen, begleitet vom deutlich vernehmbaren Konzert vieler Tierstimmen. Ihre Erzeuger zu deuten fehlt mir die Konzentration. Die brauche ich, um meine Beine zu anhaltend schnellen Schritten zu zwingen. Mein Laufgefühl hat sich etwas verbessert …

Etwa anderthalb Kilometer hinterm Zoo treffen wir auf das Lechufer und streben dem Eiskanal zu. Jeder Augsburger kennt den „Eiskanal“, die anlässlich der Olympischen Spiele 1972 künstlich erbaute Wildwasserstrecke. Das Wasser liefert der Lech, es wird ein paar hundert Meter stromaufwärts am Hochablass ausgeleitet. Stell dir den Hochablass als Staumauer vor, über die wir nun im Halbmarathontempo hinweg fegen. Der Lech speist aber nicht nur den Eiskanal, er versorgt auf der anderen Uferseite auch den Kuhsee mit Wasser, eine flache Kieswanne, in der halb Augsburg sommers rumplanscht. Eine Runde um den Kuhsee, glücklicherweise meist im Schatten, gehört zur Strecke. Danach folgen wir dem Lechufer geradewegs Richtung Norden.

Immer wieder riskiere ich einen Blick auf den Pulsmesser, der eigentlich nur zu Kontroll- und Protokollzwecken mittickt. Mein Herz pumpt in einem Frequenzband, das ich ihm schon lange nicht mehr über längere Distanzen zugemutet habe. Die anfängliche Sorge, deshalb einzubrechen, erfüllt sich dennoch nicht. Nicht hier entlang des östlichen Lechufers auf den Kilometern 13 bis 15 und auch nicht während es Rückwegs am gegenüberliegenden Ufer. Auch die gelegentlichen Belastungsspitzen beim Unter- oder Überqueren von Brücken sowie im Rauf und Runter des Uferweges machen mich nicht mürbe.

Noch fünf, dann noch vier Kilometer. Allmählich beginne ich zu begreifen, dass ich stark genug bin um das „Ding“ durchzuziehen. Wie flott ich mich tatsächlich bewege, weiß ich allerdings nicht. Ich orientiere mich lediglich am Pulsmesser. Und wenn ich dessen inzwischen um ein paar Herzschläge pro Minute erhöhter Anzeige Glauben schenken darf, dann bin ich auf der Schlussetappe sogar um einiges schneller unterwegs als zuvor. Zuletzt entdecke ich noch ein paar mir unbekannte Augsburger Winkel, so zum Beispiel den Weg entlang des Proviantbachs. Im Grunde weist Augsburg auf der dem Lech zugewandten Seite einige Ähnlichkeit mit Venedig auf. Zig Kanäle durchziehen das Stadtgebiet, führen aus dem Lech abgezweigtes Wasser, das in früheren Zeiten den Durst zahlloser Handwerks- und Industriebetriebe stillte.

Der letzte Kilometer: Weg vom Proviantbach, durch eine schattige Allee und zuletzt auf die vierspurige Zielstraße hin zur City-Galerie. Ich ziehe einen langen Endspurt und freue mich einmal mehr darüber im Finale eines Wettkampfs noch Reserven freisetzen zu können. Im Ziel bin ich dann einigermaßen überrascht, das vorab kalkulierte Ausdauerniveau tatsächlich realisiert zu haben: 1:34:28 h, so schnell habe ich seit etlichen Jahren keinen Halbmarathon mehr absolviert.

Ich gönne mir einen Dreiviertelbecher alkoholfreies Weizenbier und mache mich wieder auf den Weg, dem anschwellenden Strom der Halbmarathonis entgegen. Mein Manöver hat verschiedene Ziele: Auslaufen, noch ein paar Zusatzkilometer in die Trainingswoche packen, dabei nach und nach meine Seminaristen „einfangen“ und ein Stück begleiten. Es erweist sich als gar nicht so einfach in der Flut von Köpfen nach den gesuchten zu fahnden. Nicht, wenn alle dasselbe Trikot tragen … Dennoch freue ich mich nach und nach Katrin, Sven, Andreas, Dirk, Ines, Silvia, Susanne und Regina zuzuwinken und wenigstens einige von ihnen ein Stück zu begleiten. En passant sammele ich dabei noch über sechs Kilometer.

Die meisten meiner Schützlinge können sich über befriedigende bis tolle Ergebnisse freuen. Ausdauertalent Katrin übertrifft mal wieder alle Erwartungen (wird in ihrer Altersklasse sogar Zweite), Bogenschütze Sven überrascht (sich selbst womöglich am meisten) mit einem pfeilschnellen Lauf und Dirk bleibt auf dem Weg zum ersten Marathon mal so eben und zum ersten Mal bei einem Halbmarathon unter zwei Stunden. Auch Ines hat ihr Ziel erreicht. Trotz Wärme und schwüler Luft (die sie eigentlich nicht mag) bleibt sie unter zwei Stunden. Ines und ich gratulieren allen zum erfolgreich gelaufenen Halbmarathon!

Und hier die Ergebnisse im Einzelnen:

 Katrin Faßnacht 1:41:08 h
 Susanne Lindenpütz 2:03:41 h
 Silvia Friedrich 2:01:40 h
 Regina Veits 2:17:19 h
 Andreas Jessberger 1:52:15 h
 Sven Timm 1:44:34 h
 Hubert Baierl 1:47:28 h
 Manfred Mayr 2:11:07 h
 Thomas Bauer 2:20:10 h
 Dirk von Gehlen 1:57:38 h
   
 Ines Pitsch 1:59:00 h
 Udo Pitsch 1:34:28 h

 

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