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Wie lang ist ein langer Lauf? – Ein Trainingsexperiment in zwei Teilen

Zweite Etappe:

Wenn kein Wunder, was ist es dann?  –  Kassel Marathon 2012

Darf ich dem Anschein trauen? Vom Bett ins Bad und wieder zurück … … danach zum Frühstückstisch … … und absolut kein Zwicken, kein schmerzhaftes Ziehen, nicht mal von den notorischen Nörglern beidseits, oberhalb der Ferse? Den Ultratrail von gestern auf heute einfach so weggesteckt? Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Mal sehen, wie das weitergeht. Vielleicht rebelliert mein Körper nachher, wenn ich versuche ihn auf akzeptables Marathontempo zu beschleunigen. Skepsis regiert, durchbrochen von einem verhalten optimistischen „Vielleicht-klappt’s-ja-doch“.

8:28 Uhr: In zwei Minuten gehen die Halbmarathonläufer auf die Strecke. Etwa fünf Meter querab und ziemlich eingekeilt unter etwa 3.000 Teilnehmern, stehen Sybille und Dennis. Lauffreunde aus Augsburg, die seit gestern hier in Kassel Kost und Logis für mich organisieren. Ein letztes Winken, dann beendet die Startpistole das allgemeine Warten beidseits der Barrieren. Mir bleibt noch eine halbe Stunde, um meine Siebensachen abzugeben und mich gedanklich auf die erwartete „Härteübung“ vorzubereiten. Denn etwas anderes als eine stundenlange Tortur kann ich mir nach dem gestrigen Ultratrail im Sauerland (67 km, 1.533 Höhenmeter) nicht vorstellen. Das verdient weder „Mitleid“, noch schreckt es mich, denn genau diese Intensität als Langstreckentraining hatte ich für mich vorgesehen.

Läuferische Erfüllung stellt sich unter zwei Voraussetzungen ein: Innen hui und außen nicht pfui. Dem heutigen „Außen“ mögen die meisten meiner 500 Kontrahenten mit heftigem Aufstöhnen entgegen sehen, in mir freut es noch die letzte Pore: Ein herrlich blauer Himmel wölbt sich über dem Kasseler Becken und das Thermometer klettert unaufhaltsam in Richtung 20°C. Mein Laufwetter! Leistungseinbußen bei höheren Temperaturen unterliege ich wie jeder andere auch und schwitze literweise. Körperliches und mehr noch mentales Wohlsein verknüpfen sich bei mir jedoch stets mit Sonne und Wärme. Dennoch nutze ich auf dem Weg zum Abgeben meines Kleiderbeutels jede Deckung, die mir die grüne Umgebung rund ums Stadion bietet. Nicht schon vorm Start aufheizen!

Was das (Marathon-) Laufen angeht, beharre ich auf ein paar Prinzipien, die kein noch so strenges Wettkampfstatut kennt. Zunächst nehme ich den Begriff „Läufer“ als Verpflichtung: Keinen Meter gehen und nur stehen, pausieren, wenn es zwingend notwendig ist. Eine Maxime, die mir gestern im Hochsauerland mehrfach dicke Oberschenkel und schmerzhaft ziehende Waden bereitete. Außerdem möchte ich jeden „normalen“ Marathon unter vier Stunden abschließen. Reine Willkür, mit der ich mir das Läuferleben schwer mache, denn letztlich ist diese Spanne „viermal eine Stunde“ bedeutungslos. Im universellen Maßstab ist die „Stunde“ als Maßeinheit ohne Sinn, nichts anderes als ein Strich auf einer Skala der Zeit. Sie hat nur im irdischen Kontext Bedeutung, ein Vierundzwanzigstel im Hell-Dunkel-Rhythmus – eine rein planetare Einheit. Zeit fließt ohne Anfang und Ende, braucht keine Einteilung, offenbart sich – mit Raum und Geschwindigkeit verwoben – sogar als relative Größe.

Kein Grundsatz ohne Ausnahme: Für heute nehme ich das Limit nur als Richtwert, wäre nach der gestrigen Ultra-Belastung auch mit einem „laufend ankommen“ zufrieden. Taktik: Den Wettkampfverlauf über das Ergebnis entscheiden lassen. Und: Mit 5:40 min/km anlaufen. Das hält die Option „Sub4h“ offen und liefert sicher rasch Anhaltswerte, ob ich mit dem Tempo runter muss. Geplant, getan: Endlich Startschuss und los. Erste Eindrücke von innen und außen. Außen: Grüne Auenlandschaft (Wo ist die Stadt?), wohltuend fürs Auge. Innen: Keine Schmerzen, kein Ziehen, nur eine alle Fasern durchziehende Trägheit. ‚Als wäre ich gestern weit gelaufen!’ schießt es mir durch den Kopf, ein Grinsen hinter sich herziehend. Beinahe augenblicklich quillt Wasser aus allen Poren. Meine Haut badet in Sonnenschein und ist in warme, von Wasserdampf gesättigte Luft gehüllt. Die hohe Luftfeuchtigkeit ist nächtlichen Schauern über Kassel geschuldet, von denen jetzt noch Pfützen und feuchte Stellen im Schatten künden. Ich erwarte eine Hitzeschlacht und nehme mir vor entsprechende Mengen zu trinken!

Zwei Kilometer Grün entlang gehegter Auen- und Parklandschaft samt eingebetteter Wasserflächen bleiben zurück, dann nimmt uns ein Kasseler Vorortbezirk in Empfang. Einfamilienhäuser, Wohnblöcke, dazwischen Grünflächen, links, rechts, links, rechts, ein paar Zuschauer hier, ein wenig Publikum dort, Straße reiht sich an Straße … Kilometer „verbraten“ heißt diese Übung … nichts im Sichtfeld, woran meine Augen hängen blieben, woran ein schweifender Geist Interesse fände. Und immer wieder spüre ich lauernd in mich hinein. Keine Veränderung: Beschwerdefrei und mit schweren Beinen trabe ich dahin, zu früh für Prognosen. „Du hast aber noch ein schönes Stück vor dir!“ meint einer von halblinks hinten. Angesprochen hat er mich sicher, weil mein Laufshirt die Herkunft verrät. Aber worauf bezieht er sich? Meint er die weite Heimfahrt nach Augsburg oder den viel weiteren Weg ins Marathonziel? Seine Startnummer weist ihn als Staffelläufer aus, wie so viele andere um mich her. Ich entscheide mich für die Option „lange Reststrecke Marathon“, nicht zuletzt, um wenigstens einmal die Anonymität des unerkannt trainierenden Ultraläufers zu verlassen: „Und ich bin jetzt schon müde!“ beginne ich, um dann mit ein paar Sätzen meinen gestrigen Vor-Lauf zu umreißen. „Dann ist das hier ja nicht mehr als Auslaufen für dich.“ gibt er lachend zu Protokoll, lässt darüber hinaus ein zugleich nach Bewunderung, Resignation und Unverständnis klingendes „Das ist nicht meine Welt!“ folgen, um schließlich mit guten Wünschen in Richtung Ziel zu entschwinden.

Es geht mir gut. Der Kopf macht den Läufer, der Körper hat zu gehorchen. Zu laufen verlangt seit dem ersten Meter stete Willenskraft und spürbar körperliche Arbeit – der erwartet „etwas andere“ Marathonauftakt. Den Kopf allerdings beherrscht vorsichtiger Optimismus und ein mit jedem Kilometer wachsendes Selbstvertrauen. Beides speist sich aus der schieren Fassungslosigkeit, dass von der Strapaze im sauerländischen Bergland nicht mehr blieb als diese lastende Mattigkeit. Und natürlich spielt auch das Wetter eine große Rolle! Einen Moment lang stelle ich mir Kassel grau und hinter Regenschleiern vor … Sonnenschein ist mein Lebens- und Laufelixier.

Es geht mir rundum gut, nur der Kurs erweist sich als ziemlich eintönig. Die Bilanz städtebaulicher Höhepunkte bis Kilometer 15 fällt mager aus: Ein einsames Fachwerkhaus und geraume Zeit später ein altes, aus Backsteinen gemauertes Fabrikgebäude – das war’s. Einerseits gehe ich ganz selbstverständlich von später gebotenen Attraktionen aus, andererseits ficht mich die Bilderarmut heute, da sich alles auf „laufend ankommen“ konzentriert, nicht an. Wie das Bühnenbild eines spartanisch inszenierten Theaterstücks: Die Protagonisten bewegen sich auf weitgehend leerer Bühne und hantieren mit spärlichen Requisiten. Wichtig ist allein der vom Wort getragene Inhalt des Stücks …

Apropos dramaturgische Inhalte: Jeder Marathon hat seinen eigenen, völlig unverwechselbaren Charakter. Bei manchen steht die sportliche Leistung im Fokus, andere zeichnet eine wunderschöne Strecke aus, etliche huldigen dem Trend der Zeit, stellen als „Event“ den Spaßfaktor in den Mittelpunkt. Letzteres trifft für Kassel in besonderem Maße zu, offiziell und privat. Rauchende Grills an der Strecke, volle Straßenlokale, Publikum, das sich vor allem selbst feiert und bejubelt, gut gelaunte, jederzeit zu Späßen aufgelegte Helfer. Da wird das Führerhaus eines Feuerwehrautos schon mal als Hochsitz zweckentfremdet und das Tatütata seines Martinshorns mit bloßen Händen zu schauerlichen Klängen moduliert. An jeder Stadtteilgrenze steht eine Willkommenstafel: „Herzlich willkommen in der Unterneustadt … im Westertor … im Philippinenhof-Warteberg … in Rothenditmold …“ Cheerleadergruppen feuern an und diverse, mehr oder weniger begabte Moderatoren krächzen in Mikros, unterhalten Zuschauer, Läufer, vor allem aber sich selbst. Klingt nach negativer Kritik, ist aber nicht so gemeint – es gilt: Ein jeder nach seiner Fasson! Auch wenn mir der süße, fingerdicke Zuckerguss um diesen Kuchen am ehesten verzichtbar erscheint: Ein Marathon ist ein Marathon! Im Kern bedeutet das immer 42 Kilometer weit zu laufen. Wer’s nicht hier und unter diesen Umständen will, läuft halt woanders.

In meinem „Zustand“ sollte man erwarten, dass ich heute jede abgehakte Kilometermarke mit einem Stöhnen quittiere und mich sofort nach der nächsten sehne. Aber so läuft es erstaunlicherweise überhaupt nicht. Nach anfänglicher Tempojustierung achte ich kaum noch auf die Uhr und nehme die Zifferntafeln nur beiläufig wahr. Wenn ich Zwischenzeiten nehme, dann gewohnheitsmäßig, wie ein programmierter Computer, ohne Absicht der Verwertung. Immerhin führt dieser Automatismus zur Erkenntnis etwa 10 Sekunden pro Kilometer schneller als geplant unterwegs zu sein. Insofern befriedigend, weil das nicht vom Empfinden erhöhter Anstrengung begleitet wird. Und, weil ich nicht das leiseste „Echo“ eines immer noch befürchteten Versiegens meiner Kraft vernehme. Nicht bei 15 Kilometer, nicht in Höhe der Halbmarathon-Zwischenzeitnahme (ca. 1:56 h) und auch nicht danach.

Was für ein langweiliger Kurs! Ich adressiere eine Dankesbotschaft an die Götter des Marathons, die mir einen Sonn-(en)-tag mit unverwüstlich guter Stimmung schenken. Das macht alles wett. Beispielsweise den sechs Kilometer langen Abstecher zu einer Wende, von dem mir nur eine Wechselzone, die Gleise der Straßenbahn und eine stufenförmig in den Hang gebaute Wohnanlage in Erinnerung bleiben. Und es geht so weiter: Noch eine Wendestrecke, noch mehr Stadtteile mit Wohnhäusern. Hat Kassel denn keine Innenstadt, keine interessanten Ansichten zu bieten? 30 Kilometer gelaufen, um eine Ecke und ich sehe gelb-rot: Die Backsteinfluchten eines offenbar historischen Straßenzuges. Endlich Arbeit für die Kamera. Hindurch und nach links und … nichts weiter. Randbezirk. Links bepflanzte Böschung (wahrscheinlich eine Bahntrasse dahinter), rechts irgendwelche Wohnblocks, alles wirkt ausgestorben. Ein bisschen rauf, dann wieder sanft abwärts und schließlich wieder rauf.

Bis auf weiteres stelle ich die Berichterstattung in Sachen „Strecke“ ein. Ich erinnere mich an nichts Konkretes von Kilometer 31 bis 37. Ein Meer von Wohnhäusern aller Arten und Größen, durchsetzt von Zweckbauten. Auch wenn es sich wie ein Widerspruch liest: Besonders auf diesem Abschnitt des Kassel Marathon – wegen der unablässigen, sanften Berg- und Talfahrt der physisch anspruchsvollste – fühle ich mich besonders wohl. Denn das Ding ist gelaufen! Ich nähere mich dem Ziel und Energie fließt meinem Bewegungsapparat mit einer Selbstverständlichkeit zu, als hätte ich den gestrigen Tag faulenzend im Liegestuhl verbracht. Ich bin abwechselnd verwundert und euphorisch, lasse alle Vorsicht fahren und werde schneller …

Eine wunderschöne Ansicht hat der Kurs dann doch noch zu bieten, immerhin: Über mehrere Kilometer zieht sich eine schnurgerade Schneise durch Kassel, zielt auf den bewaldeten Rücken der Wilhelmshöhe, präsentiert in halber Höhe das gleichnamige Schloss und am höchsten Punkt die Statue des Herkules. Nur etwa acht Meter hoch, erscheint der Koloss aus dieser Entfernung als Punkt an der Spitze einer schlanken Pyramide, ihrerseits auf einem Sockel stehend, dem so genannten Oktogon. Man versteht sofort, warum diese Blickachse von den Baumeistern des Landgrafen Wilhelm geschaffen wurde. Wilhelmshöhe, Schloss und Herkules beeindrucken schon von weitem jeden, der sich ihnen nähert.

Noch „580 Meter bis zum Ziel“ steht auf dem Transparent, das sich quer zur Straße spannt. Darunter, beidseits eines immer schmäler werdenden Kanals, warten massenhaft Staffelläufer. Vermutlich dürfen sie sich ab hier ihrem Schlussläufer anschließen und gemeinsam das Finish genießen. Ich werde immer schneller, ohne Notwendigkeit. Ankommen, sogar deutlich unter vier Stunden ankommen, steht schon lange fest. Und doch werde ich schneller. Einfach weil ich es kann. Weil es sich gut anfühlt, am Ende zweier, langer Etappen noch Reserven zu mobilisieren. 109 Kilometer in zwei Tagen und ich bin nicht am Ende, nicht mal dicht davor und frei von Beschwerden. Das ist einfach wunderbar, das ist Läuferglück pur. Ich laufe ins Stadion zur Schlussrunde. Ein gewaltiges Rockepos tönt aus den Lautsprechern und reißt mich mit. Schauer der schönsten Emotionen lassen mich über die Tartanbahn fliegen. Abklatschen mit Sybille und Dennis, die in der Kurve auf mich gewartet haben. Noch 200 Meter, Gegengerade, rasant in die Zielkurve und dann durchs Marathontor – glücklich, zufrieden und nicht mal ausgepumpt.

Fazit zum Kassel Marathon

Kassel bietet ein stimmungsvolles Lauffestival, das reibungslos und ohne Wartezeiten durchgeführt wurde. Um die von der Hitze herauf beschworene Gefahr zu mindern, waren etwa alle 2,5 Kilometer Getränke verfügbar. Feuerwehrfahrzeuge stellten Brausen bereit, unter denen sich überhitzte Läufer abkühlen konnten. Die Startgebühr ist für einen Stadtmarathon nicht übermäßig hoch (35 bis 55 Euro, je nach Zeitpunkt der Anmeldung).

Enttäuschung hinterließ allein die Strecke. Auch wenn auf den gesichteten 42,2 Kilometern Kassel jedem Zeitgenossen klar wird, wie erfolgreich die amerikanischen und englischen Bomberstaffeln im Zweiten Weltkrieg gewesen sein müssen - es muss doch attraktivere Abschnitte geben, die man alternativ ablaufen kann. Gibt es keine Wege entlang der Fulda? Keine Möglichkeit die Orangerie zu sehen? Keinen Kurs, der häufiger als einmal den Blick auf Schloss und Herkules erlaubt?

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