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Bildnachweis: Überwiegend eigene Fotos, ergänzt durch drei vom Veranstalter freigegebene Aufnahmen

Genug Zeit für Poesie?    –    6h-Lauf Salzburg 2012

Sechs-Stunden-Läufe halten dich in unablässigem Orbit, auf vermessener Bahn, von 400 Meter bis wenige Kilometer. Ja wirklich: Auch im Stadionrund werden solche Bewerbe gelegentlich ausgetragen. In Laufberichten habe ich mich oft geoutet: Ich quäle mich gern. Doch mein Laufmasochismus kennt Grenzen. Stundenlang auf einer Tartanbahn, das ginge mir über die Hutschnur (Aber wer weiß, was ich mir dereinst noch alles antun werde …). Auch Runden von einem Kilometer oder mehr, zigfach wiederholt, sind nicht jeden Läufers Sache. In Salzburg misst die Runde genau 1555,54 Meter. Vom Startbereich etwa 650 Meter am Ufer der Salzach entlang, dann per Fußgängerbrücke, dem Müllner Steg, zur anderen Uferseite und zurück; zuletzt über die Lehener Brücke ans ursprüngliche Ufer und sofort ins Ziel. Ein vergleichsweise reizvoller Kurs, entlang der graugrünen Salzach und mit Blick zur beeindruckenden Salzburger Altstadt. Sehr schön! Aber das „sehr schön“ schrumpft binnen zweier Stunden zu „schön“. Nach der doppelten Zeitspanne denkst du nur noch „ganz nett“ und irgendwann danach erscheint dir die Aussicht von Herzen gleichgültig …

Bitte weiterlesen! Damit der im Grundsatz geneigte Leser in Erwartung von Eintönigkeit nicht schon an dieser Stelle das Handtuch wirft, verspreche ich hoch und heilig, mich nicht in schnöder Runden-Tempo-Wettkampf-Mathematik zu erschöpfen. So ein Sechs-Stunden-Kreisel ist nämlich furchtbar aufregend. Ehrlich! Natürlich fordert das Sportliche sein Recht, weswegen dem Eiligen die reine „Datenerfassung“ gleich hier ermöglicht werden soll:

Zielvorstellung: Sechs Stunden Fettstoffwechseltraining, rein aerob, bei einem Tempo von etwa 6 min/km. Das entspricht in meiner momentanen Trainingsverfassung einer Herzfrequenz unter 70 % der maximalen Herzfrequenz und etwa 60 zu laufenden Kilometern. Der 6h-Lauf soll meinen „Radius“ für kommende Trainingswettkämpfe und letztlich den 100 km-Lauf im Juli erweitern.

Rahmenbedingungen: Ich unterziehe mich der 6h-Prüfung ohne volle Regeneration, also ohne Tapering. Außerdem will ich mich nicht voll verausgaben, weil die kommende Woche, gleichfalls ohne vorheriges Tapering, mit dem Marathon in Padua abschließen soll.

Ergebnis meines 6h-Laufs: In 39 vollen Runden plus einer angefangenen messen meine Füße 61,263 km entlang der Salzach ab. Das entspricht einem Durchschnittstempo von 5:52 min/km und meinem Wunschergebnis. Noch erfreulicher als das Erreichen der Solldaten: Mein Bewegungsapparat bewältigt die Strapaze ohne Murren!

Und nun zum Geschehen in Salzburg …

„Vorstadt im Föhn“

Hallo Sie da im Jenseits. Hallo Herr Georg Trakl: Also wirklich! Alles kann’s heut’ geben, nur keinen Föhn. Leider, denn Föhn, der warme Fallwind, reißt bekanntlich den Himmel auf und erlaubt den Menschen luftig leichte Gewänder. Stattdessen ballen sich Wolken über Salzburg, unentschieden zwischen harmlos hell und nässeschwanger dunkel. So weit der Wetterbericht, Samstagvormittag, kurz nach 8 Uhr, knappe zwei Stunden vor dem Start. Bin gerade angekommen, halte nach ultrakurzem „Verwaltungsakt“ meine Startnummer in Händen und muss nun Zeit totschlagen. Noch regnet es nicht, aber ich rechne fest damit. Daran hat sich anderthalb Stunden später nichts geändert, als ich meine Wettkampftasche mit mehreren Garnituren Laufbekleidung zum Wechseln im Bierzelt des Veranstalters unterstelle. Direkt neben die Tasche von Franz. Dass er Franz heißt, erfahre ich zum Schluss unseres kurzen Dialogs, in dem er mir unter anderem einen Tag ohne Regen in Salzburg verheißt. Exakt das habe der Wetterbericht zuletzt gemeldet. Eine feine Nachricht und ein gutes Zeichen. Herr Trakl scheint sich zu mühen … (Geduld, du wirst Herrn Trakl gleich kennen lernen).

Noch ein gutes Omen: Als Wettkampftasche dient mir wieder der „flotte Tennisranzen“. Jenes zweckentfremdete Gepäckstück also, das ich weiland beim sensationell verlaufenen 24h-Lauf nutzte, mit dem ich mir unter all den Ultra-im-Kreis-’rum-renn-Profis vorkam wie David inmitten einer Armee aus Goliaths. Am Ende war der Beweis erbracht, dass die einschüchternde, logistische Großoffensive diverser Mitläufer für mich verzichtbar war. Am Ende war ich erfolgreich und glücklich mit meinem „flotten Tennisranzen“.

„Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen, …“

Ein paar Runden liegen schon hinter mir und etliche Fotos im JPG-Format in meinem Kameraspeicher. Die Strecke ist fraglos gut für ein solches Vorhaben geeignet. Komplett asphaltiert oder gepflastert weist sie nur geringe Höhenunterschiede auf. Obwohl, es gibt Höhenunterschiede und ich spüre sie; anfangs kaum, im letzten Drittel durchaus. So „durchaus“, dass ich in den Stunden vier bis sechs immer wieder anfange zu rechnen: Den tiefsten Punkt erreiche ich an jedem Ufer beim Unterqueren der Eisenbahnbrücke. Danach gilt es sich auf das Niveau des jeweiligen Brückscheitels zu „hieven“. Die Höhendistanz kann ich nur schätzen. Setzt man sie mit beidseitig drei Metern an, dann summieren sich (für mich) etwa 240 Höhenmeter in sechs Stunden. Nicht viel, zugegeben, aber auch nicht nichts.

Dennoch bin ich dankbar für ebendiesen Kurs, weil er dem Auge was bietet. Begleite mich doch auf einer Runde! Es sind nur gut anderthalb Kilometer, das packt doch jeder: Vor dem historischen, weißen Bau des Christian Doppler Gymnasium (erbaut 1899, ehedem eine Infanteriekaserne) liegt die Matte der Zeitnehmung. Dahinter flitze ich geradeaus in die „Boxengasse“, um mich erforderlichenfalls zu verköstigen – um mich zu „laben“, wie man in Österreich sagt. Meist trabe ich halblinks daran vorbei und folge dem Verlauf der Uferböschung. Links unten die Salzach, rechts, für gut 100 Meter, das bunte Lagerleben eines Stundenlaufes. Pausierende, trinkende, essende, mit einem Wort: verharrende Läufer, versorgt und manchmal auch bespaßt von Betreuern. Schon tauche ich unter der Eisenbahnbrücke durch und erlebe jenseits, wie sich Spannung aufbaut – zumindest auf den ersten Runden und auch später dann und wann. Spannung, weil mit jedem Schritt in Blickrichtung Süden mehr Einzelheiten der grandiosen Salzburger Altstadt zu unterscheiden sind; zahllose Türme und Kuppeln, darunter jene des Doms und über allem thront die Festung Hohensalzburg.

Bevor ich mir das Panorama einprägen kann, geht’s auch schon über den Müllner Steg auf die andere Uferseite. Sperrgitter auf der modernen, dennoch nicht hässlichen Stahlkonstruktion regeln die Besitzverhältnisse für die nächsten Stunden neu: Großzügige zwei Drittel gehören uns Läufern, Passanten bleibt eine schmale Spur. Drüben scharf ums Eck und sofort beschaulich zurück in Richtung Ziel. Weder Geländer noch Brüstung verwehren den Blick auf die grün-grau-trüben Fluten der Salzach. Drüben zieht die Müllnerkirche, malerisch auf den Ausläufern des Mönchsbergs erbaut, nun alle Blicke auf sich.

Kopf wieder geradeaus gerichtet und … schade: Ein paar Wochen weiter und die Idylle einer vor Grün strotzenden Kastanienallee wäre komplett. Noch geizen die Bäume mit Reizen, winken bedauernd mit spärlichen Trieben von Blattwerk, schämen sich mit ansonsten nackten Ästen für den rigiden Rückschnitt vergangener Jahre. Ruhebänke und hölzerne Liegeflächen laden rechts vom Weg zum Verweilen ein, manche an diesem (Lauf-) Tag von wartenden Betreuern belagert.

„Am Abend liegt die Stätte öd und braun,
Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.“

Nächste Station: Eisenbahnbrücke. Drunter durch und sachte aufwärts, vorbei an einer preisverdächtigen Hässlichkeit allerersten Ranges: Betonwand, mehr als Haushöhe, elend lang, glatt, keinerlei Vorsprünge, an denen sich die Augen festhalten könnten, in Schattierungen von grau belassen, schmucklos, eine visuelle Zumutung. Zweck? Ich spekuliere während meiner neununddreißig Runden, denke mal an Kraftwerk (da auch so etwas wie ein Schornstein aufragt), dann wieder an Fernwärme, was ja letztlich aufs Selbe rauskommt. Gewollte Symbolik oder purer Zufall? Jedenfalls steht ausgerechnet am Fuße dieser städtebaulichen Scheußlichkeit die Stele mit dem Gedicht von Georg Trakl … doch dazu später mehr.

Hab’ jetzt keine Zeit, erreiche binnen Sekunden die Lehener Brücke (benannt nach dem gleichnamigen Stadtteil) und schnüffele mich durch die von Abgasen eines endlosen Autokorsos geschwängerte Luft zur anderen Seite. Zische ums Eck und vollende unsere gemeinsame Runde mit doppeltem Pfeifen der Zeitnehmung.

„Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,…“

Sie steht einfach so da, von allen Seiten frei, beinahe mannshoch und unübersehbar. Tatsächlich entdecke ich den schlanken Quader bereits im ersten Umlauf, während meine Suchoptik fieberhaft nach Motiven Ausschau hält. Eine Stele, die mich an jene aus dem Science Fiction Klassiker „2001: Odyssee im Weltraum“ erinnert. Wieso eigentlich? Im Film war der Quader schwarz und stand auf dem Mond; dieser irdische zeigt sich in gefälligem Beige und Grau. Die Gemeinsamkeit ergibt sich aus Ort und Art der Präsentation. Niemand erwartet dergleichen an so einer Stelle.

Auf der der Salzach zugewandten Seite wurde ein Gedicht von Georg Trakl (1887 – 1914), einem Sohn der Stadt Salzburg, eingraviert: „Vorstadt im Föhn“. Seltsamer Titel für ein Gedicht!? Eine Runde später lese ich die erste Zeile – „Am Abend liegt die Stätte öd und braun, …“ – was gedanklich nicht folgenlos bleibt. Blitzartig drängt sich eine Parallele auf, die sich hoffentlich nicht erfüllt: Mein Abend nach diesem Lauf möge sich bitte nicht „öd und braun“ anfühlen. Welche Art Poesie vermittelt so unschöne Botschaften? Das weckt meine Neugier und lässt flugs die Idee entstehen, den ganzen Reim auswendig zu lernen. Sechs Stunden müssten doch dafür reichen!? Ein paar Mal lasse ich Zeile eins in meinem Kopf kreisen, auf dass sich das Satzmuster in Erinnerung verwandele: „Am Abend liegt die Stätte öd und braun, …“ Doch schon eine Runde und knapp neun Minuten später wird mir das Unsinnge meiner Absicht klar: Ich habe den genauen Wortlaut von Zeile eins vergessen!

Zeit und mit den Stunden schrumpfende Merkfähigkeit werden nicht reichen, um sich auch nur die Hälfte der Verse einzuprägen. Also gut, dann werde ich es eben nur komplett lesen. Nach jeder Runde eine Zeile. Kaum beschlossen huscht die Stele vorbei und ich erfasse Zeile zwei: „Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.“ Sperrige Lyrik in harte und anrüchige Wörter verpackt, provozierend krass, abstoßend. Wirklich interessant und deshalb freue ich mich schon auf die nächste Zeile …

Keine Bange, ich zitiere nun nicht Vers um Vers das komplette Gedicht. Es steht nebenan und jeder mag sich seinen eigenen Reim darauf machen und bei Bedarf auf die angebotene Interpretation zugreifen (Link). Ich brauche schon deshalb nicht alles zitieren, weil mein so forsch begonnenes Studium der Poesie zum Selbstversuch entartet. Empirisch wird die Konzentrationsfähigkeit des menschlichen Gehirns in Abhängigkeit von lang anhaltender Ausdauerbelastung untersucht. Proband Udo hat die Aufgabe etwa alle neun Minuten im Vorbeilaufen eine Gedichtzeile zu lesen und natürlich auch deren vordergründigen Sinn zu verstehen.

39 Runden Zeit für 24 Zeilen und doch scheitere ich kläglich. Mehrmals passiere ich die Stele und nehme sie gar nicht wahr. Das ließe sich noch mit Ablenkung erklären oder einer allgemeinen Form von Zerstreutheit. Doch mit fortschreitender Zeit fällt es mir immer schwerer alle Wörter einer Zeile zu erfassen und die Verzögerung zwischen Lesen und Verstehen wächst. Zuletzt benötige ich gar zwei Umläufe für eine Zeile. Fazit: Nicht nur die Kraft in den Beinen schwindet mit den Stunden der Belastung, auch jene des Geistes – was zu beweisen war.

Vorstadt im Föhn

Am Abend liegt die Stätte öd und braun,
Die Luft von gräulichem Gestank durchzogen.
Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen –
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.

Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut,
In Gärten Durcheinander und Bewegung,
Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,
In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.

Am Kehricht pfeift verliebt ein Rattenchor.
In Körben tragen Frauen Eingeweide,
Ein ekelhafter Zug voll Schmutz und Räude,
Kommen sie aus der Dämmerung hervor.

Und ein Kanal speit plötzlich feistes Blut
Vom Schlachthaus in den stillen Fluß hinunter.
Die Föhne färben karge Stauden bunter
Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.

Ein Flüstern, das in trübem Schlaf ertrinkt.
Gebilde gaukeln auf aus Wassergraben,
Vielleicht Erinnerung an ein früheres Leben,
Die mit den warmen Winden steigt und sinkt.

Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,
Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.
Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern
Und manchmal rosenfarbene Moscheen.


Georg Trakl (1887 – 1914)

Eine Interpretation der Zeilen findest du hier.

„Das Donnern eines Zugs vom Brückenbogen
Und Spatzen flattern über Busch und Zaun.“

Sechs Stunden mehr oder weniger gemütlicher Trab. Da bleibt genug Zeit alle Sinne einzusetzen, zum Beispiel eine Sammlung städtischer Geräusche anzulegen. Mehrfach vernehme ich Geheul von Martinshörnern. Es klingt jedes Mal anders, zumindest bilde ich mir das ein. Polizei? Krankenwagen? Feuerwehr? Was auch immer: Für die Betroffenen erbitte ich einen guten Ausgang.

Immer wieder rollen Züge über die Eisenbahnbrücke und halten auch dort. Sie sind im Rot der ÖBB lackiert oder in den Farben der DB, auch bunte Doppelstockzüge sind darunter. Zuweilen rumpeln Güterzüge vorbei, schwer und träge. Drunter durch und kurz darauf über die Lehener Brücke. Urbaner Unruheherd Nummer eins: Autos brummen hin, Autos zischen her. Unentwegt. Wie es scheint (und riecht), eine der Hauptverkehrsadern dieser Stadt. Was noch?: Hupen, Anfahr- und Bremsgeräusche.

Schon vor und auf der Brücke schallt die Stimme des Kommentators aus dem Zielbereich herüber. Kenntnisreich, was die Dinge des Laufens angeht und auch ansonsten gut informiert. Meiner Startnummer ansichtig werdend, berichtet er auch zweimal über mich. Von Daten und Meriten, die man bei der Anmeldung arglos angeben konnte. Auch wenn ich selbst es weiß und sonst kaum jemand Interesse daran haben wird – es tut gut über Lautsprecher jemanden von sich reden zu hören …

Abseits der Verkehrswege legt sich beredte Stille über den Kurs. Dann höre ich Stimmen von Läufern, Betreuern, Streckenposten und Passanten. Man unterhält sich joggend, bietet Essen und Getränke an und erkundigt sich nach Befindlichkeiten. Fußgänger und Radfahrer werden zur Vorsicht ermahnt, gänzlich Unbeteiligte fragen, was denn hier und heute eigentlich geschieht … Dann und wann bin ich allein auf näherer Flur und vernehme leisere Stimmen. Sie sprechen in vielen unterschiedlichen Sprachen, die ich alle schon einmal hörte, dennoch nicht zuordnen kann. Eine allerdings, keck, laut und sehr melodisch vorgetragen, würde ich unter 1.000 anderen erkennen: Irgendwo da oben im Baum sitzt eine Amsel.

„Bisweilen schwillt Geheul aus dumpfer Regung,
In einer Kinderschar fliegt rot ein Kleid.“

Typ-ologie eines Sinnsuchers: Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen bei Ultraläufen besteht darin die „üblichen Verdächtigen“ zu identifizieren und neue, möglichst bunte Vögel zu sichten. Die Chance zu Ersterem ergibt sich aus der verständlichen Tatsache einer recht begrenzten Gemeinde von Ultraläufern. Auch an die Gestade der Salzach haben sich zwei bekannte, unverwechselbare Charaktere verirrt: Dietmar Mücke zum Beispiel, ständig im Pumuckl-Kostüm unterwegs und … barfuß!!! Dietmar kombiniert seine Laufleidenschaft mit dem Motto „laufend helfen“, unterstützt mit seinem Auftritt also Benefizläufe. Vorwiegend solche – das Kostüm lässt es vermuten –, deren Erlös Kindern zu Gute kommt. Dass er es barfuß tut, können selbst Läufer kaum nachvollziehen, Unbeteiligte versetzt es in ungläubiges Staunen. Seine heute 52 Kilometer mit heilen Füßen zu überstehen setzt natürlich jahrzehntelange Gewöhnung und einen robusten Körper voraus.

Für dich und mich, also für Otto-Normalschuh-Läufer, sollte Dietmars Auftritt ein Grund sein, die Sammlung von Laufschlappen im heimischen Schrank zu überdenken. Nicht umsonst schwappt gerade die Welle des „Natural Running“ mit ihren „Quasi-Barfuß-Schuhen“ über die Laufszene. Studien deuten darauf hin, dass gängige Laufschuhe mit großer Dämpfung, Stabilisierungselementen und erheblicher Fersensprengung (hoher Absatz) für weitgehend gesunde Füße problematisch sind; nicht nur überflüssig, sondern selbst Ursache vieler Laufbeschwerden. Noch ein anderer Läufer mit Quasi-Barfuß-Schuhen fällt mir auf. Seine roten Treter erinnern sehr an Surfschuhe, scheinen demnach kein Fußbett zu besitzen.

Auch der in meinen Augen seltsamste aller Ultras dreht in Salzburg seine Runden. Träfe man ihn ohne Startnummer, glaubte man eher, einen jener bedauernswerten Menschen vor sich zu haben, die nachts auf einer der Uferbänke oder unter der nächsten Salzachbrücke nächtigen. Zerknittertes, unrasiertes Gesicht, den Kopf beim Gehen fast auf der Brust hängend und dabei Selbstgespräche führend, so kenne ich ihn. Stets trägt er Kniebundhosen und geht. Ich habe ihn nie auch nur einen Laufschritt setzen sehen. Er macht das regelmäßig und seit Jahren, auch schon mal einen ganzen Tag lang, wie 2008, als ich meinen bisher einzigen 24-Stunden-Lauf in Berlin erlei… erleben durfte. Gewertet wird er als Läufer, nicht als Walker. Welchen Sinn hat das? Oder zumindest: Welchen Sinn hat das für ihn?

Es gibt keine Antwort auf diese Frage. Kaum jemand weiß das besser als ich. Hundert Motive treiben uns an, wohl nie nur eines allein. Der Sinn unseres Handelns erwächst aus der Freude an der Bewegung, der Befriedigung, allen guten Gefühlen, die wir dabei empfangen. So relativiert sich Zweckfreiheit. Dennoch fremdele ich immer wieder einmal mit extremen Vertretern der Per-Pedes-Zunft.

Auch bei diesem kreischend bunten Paradiesvogel, den ich mehrmals überrunde, meldet sich ein Fragezeichen. Die Dame ist nicht übergewichtig, sie ist dick. Es ist wie es ist und was ich zu sagen habe, wird kein Jota Abfälligkeit enthalten. Über ihre enormen Massen hat sie eine der auffälligsten Staffagen gestreift, die mir je untergekommen sind. Sie leuchtet weithin sichtbar gelb-grün. Anfangs trabt sie langsam. Später geht sie vorwiegend. Die Frage lautet nicht, warum sie Ausdauersport betreibt. Erstens, wegen …: Siehe ein paar Zeilen weiter oben. Und zweitens kann ich mir einen gewichtigen Grund denken, der sie vorwärts treibt. Doch aus welchem Grund bestreitet sie ausgerechnet einen 6h-Wettkampf, den sie in ihrer Augenblicksverfassung nicht mal überwiegend laufend bestehen kann? Und warum presst sie ihre Fülle in eine grelle Montur, die sie inmitten einer Schar meist „verhungert“ aussehender Kämpen der Lächerlichkeit preisgibt? Ich lache nicht und denke nicht negativ. Konnte ich noch nie angesichts eines um Ausdauer bemühten Schwergewichts. Aber verstehen kann ich sie auch nicht …

„Die Föhne färben karge Stauden bunter
Und langsam kriecht die Röte durch die Flut.“

Witterung und was man dagegen tun kann: Es gibt ausdauernde Zeitgenossen, die auf der Stelle treten, wenn sie laufen. Sie ziehen das Laufband dem witterungsabhängigen Draußen vor. Was ist ein Laufband? Für mich, von begründeten, oft therapeutischen Anwendungen abgesehen, eine „materialisierte Instanz dekadenter Sinnentleerung“. Selbst in übelsten Laufmomenten, bedrängt von wütenden Naturgewalten, bisweilen mein Tun verfluchend, käme mir nicht das Laufband als Alternative in den Sinn. Laufen will Distanzen überwinden und das geht nur draußen. Aber dort ist Wetter, oft schlechtes. So wie heute. Obwohl … es regnet nicht, anfangs nicht, nach einer, zwei, drei Stunden immer noch nicht! Ich bin endlos dankbar dafür, auch wenn jetzt etliche Kilo Klamotten im „flotten Tennisranzen“ aussichtslos auf eine Runde Salzburg warten. Kalt isses allerdings schon, vielleicht fünf, sechs Grad zu Beginn. Aber diesem Gegner biete ich in voller Rüstung die Stirn: Lange Lauftight, Fleece-Mütze und Handschuhe. Langes, warmes, am Kragen geschlossenes Hemd, darüber noch ein kurzes zum Angeben (Finisher Shirt 100 km Ulm … das muss ich einfach haben heute … „seht her ihr Ultras, Udo ist schon groß …“). So viel Flausch brächte manch anderen um: Hitzetod! Solche, die in kurz-kurz, ohne was auf’m Kopf und mit bloßen Händen rumrennen. Und das sind nicht nur die schnellen Flitzer der diversen Staffeln.

Mit den Stunden breitet sich meteorologische Entspannung in mir aus. Es wird absehbar auch auf den Schlussrunden trocken bleiben. Lange vor dem Schlusssignal bricht sogar dann und wann die Sonne durch die Wolken (und mir der Schweiß aus). Zeit dem „flotten Tennisranzen“ einen Besuch abzustatten und die Handschuhe loszuwerden. Wirklich wärmer wird es nicht. Sobald der Wolkenschieber den grellen Stern wieder verhüllt, spüre ich den kalten Luftzug wie vordem – ab jetzt besonders intensiv an den Händen. Apropos kalter Luftzug: Mehrmals überdenke ich die Frage, weshalb sich der zeitweilig stramme bis böige Wind kaum störend bemerkbar macht. Vor dem Start richtete er alle Fähnchen in Nord-Süd-, also entgegen der Salzach-Fließrichtung aus. Liegt es am langsamen Tempo oder am häufigen Richtungswechsel, dass ich meinen ärgsten Widersacher fast völlig vergesse?

„Geduckte Hütten, Pfade wirr verstreut, …“

Einer der wichtigsten Gesichtspunkte von Stundenläufen ist die Ver- und Entsorgung. Versorgung mit Trink- und Essbarem, das nicht selten das Aufsuchen von Deckung zum Entsorgen provoziert. Das offizielle Büffet bricht fast unter der Last des üppigen Angebots zusammen. Festes und Flüssiges in mannigfacher Sortierung. Nur leider nicht das Einfachste und zugleich Billigste: Wasser. Sprudel schon, aber eben kein stinknormales Leitungswasser ohne Kohlensäure. Für mich geht es nur um sechs Stunden Lauftraining. Also habe ich nichts Trinkbares dabei. Auch kein Iso, das ebenfalls im Angebot fehlt. Feste Nahrung verschmähe ich ohnehin, die läge mir im Magen als hätte ich Legosteine verschluckt. Ich entscheide mich für eine Mineralwasser-Cola-Mixtur, je ein Becher von beidem pro Boxenstop und hoffe von eruptiv oraler Entleerung verschont zu bleiben. Es klappt, Stunde um Stunde.

Etliche Runden später werde ich leichtsinnig und möchte wissen, ob auch mir Flügel wachsen. Rasch habe ich die Dose aufgerissen und mir zwei Drittel ihres Inhalts unter Anwendung einer Kuhmaulschlucktechnik einverleibt. Der Rest fliegt in den bereit stehenden Container. Empfindungen dabei: Schmeckt immer noch so widerlich das Zeug, wie ich es in Erinnerung hab! – Warum schenken sie es nicht in Bechern aus? Ist ein blödes Gefühl angebrochene Lebensmittel wegzuwerfen (andererseits: Ist die Chemiebrause nicht eher ein Anti-Lebensmittel?). Wieder unterwegs: Von wegen Flügel! Am Rücken und in den Beinen spüre ich nix, dafür drückt der Magen gegen die Bauchdecke, als wollte er raus. Alle paar Schritte diskret rülpsend überstehe ich auch die folgende Runde …

Etliche verlassen sich nicht auf offizielle Labsal. Dem überdachten Büffet des Veranstalters folgen die privaten, von Betreuern bewachten Marketenderstände. Wer keinen Wachposten aufbieten kann, steckt seinen Claim per Startnummer ab oder hofft auf die Ehrlichkeit des Menschen an sich. Manche richten wahre Heerlager ein, als ginge es in den Dreißigjährigen Krieg. Trotzdem fühle ich mich heute nicht als Underdog mit meinem „flotten Tennisranzen“. Das ist das Verdienst einiger Betreuerinnen, die aus bescheidenen Taschen ihren Helden dann und wann eine Stärkung anbieten. Harter Job! Sechs Stunden in der Kälte ausharren, bereit alle paar Minuten – und dann natürlich im richtigen Moment – eine Flasche zu zücken. Hinweis für den Tierschutzverein: Ein Vierbeiner kommt dabei zu Schaden! Frauchen streichelt ununterbrochen, gnadenlos, Runde um Runde, stundenlang; sicher trägt das Tier fellfreie, wunde Blessuren davon …

Oh, wie ich sie hasse, diese elenden Gelasse zur Ausübung des finalen Stoffwechsels. Andererseits gibt es entlang der Strecke kaum Deckung und dem Appell des Veranstalters, der Ärger mit der Stadtverwaltung fürchtet, mag ich mich überdies nicht verweigern. Je eine Box pro Uferseite, nahe der Eisenbahnbrücke für gut zweihundert Teilnehmer. Schlangen entstehen da nicht. Auch, weil einige es nicht lassen können und sich an der Uferböschung Erleichterung verschaffen. Offenbar trinke ich mehr als ich brauche, muss zweimal die zweifelhafte Behaglichkeit der Kunststoffbox in Anspruch nehmen. Im Übrigen versende ich dankbare Impulse an meine Magendarmabteilung, die mich von jedweder Attacke verschont.

„Aus Wolken tauchen schimmernde Alleen,
Erfüllt von schönen Wägen, kühnen Reitern.“

„Neozoon“, Mehrzahl „Neozoen“, ist ein sicher den wenigsten geläufiger Begriff aus der Biologie. Man versteht darunter Tierarten, die durch Unachtsamkeit in Gebiete eingeschleppt werden, in denen sie nicht heimisch sind. Wenn man Pech hat, vermehren sie sich explosionsartig und verdrängen die ursprüngliche tierische Population. Auf jeden Fall stellen sie eine Gefahr für das biologische Gleichgewicht der betroffenen Region und die heimischen Arten dar. Ein bekanntes Beispiel ist das invasive Auftreten einer bestimmten Krebsart in norddeutschen Flüssen.

Ich war auf Unannehmlichkeiten gefasst, als ich las, dass der Wettbewerb auch für Nordic Walker ausgeschrieben war. Immerhin reimt sich „talken“ auf „walken“, und ersteres kann man nur nebeneinander in Vollendung ausüben. Bis heute hält sich hartnäckig das Gerücht, diese Sportart sei von gelangweilten Hausfrauen erfunden worden, die seitdem im unschuldigen, deutschen Wald mit ihren Stecken und in breiter Front verletzungsfreies Überholen erschweren. 99 von 100 Begegnungen mit Nordic Walkern verlaufen erfahrungsgemäß konfliktfrei, erfordern allenfalls einen kleinen Bogen außen ’rum. Aber die Neozoen der Laufstrecke können dir auch gewaltig auf die Nerven gehen und dich mit ihren Armverlängerungen gefährden. Alles erlebt. Sogar bei so renommierten Bewerben wie dem Supermarathon am Rennsteig.

Konflikte und wirkliche Gefahrenmomente erlebe ich in Salzburg nicht. Glücklicherweise sind nur knapp 20 Walker auf dem Kurs unterwegs. Das laute „Klack-klack“ auf Asphalt und „Dong-Dong“ auf dem Korpus des Müllnerstegs warnt mich frühzeitig. Zudem wurden die Walker vor dem Start aufgefordert am Rand und nicht nebeneinander zu gehen. Tatsächlich halten sich die meisten Stöckler daran. Zudem handelt es sich bei den meisten um „Power Walker“, die nicht quatschen, stattdessen gewaltige sportliche Leistungen abliefern. Sogar der Weltmeister der Walker ist unterwegs und nötigt mir gewaltigen Respekt ab. In einer der anfänglichen Runden laufe ich dicht hinter ihm, mit einem Tempo von deutlich unter 6 min/km. Wohlgemerkt bleibe ich mit dieser Geschwindigkeit die komplette Runde hinter ihm! Insgesamt legt er fast 56 Kilometer zurück und damit unwesentlich weniger als ich …

Nebeneinander laufend, im Gespräch vertieft und damit ein Hindernis bildend, war aber auch vertreten. Sie und er, mitten im Laufweg, Motto: Was schert mich der Rest der Laufwelt? Schwatzhaftigkeit Schulter an Schulter kommt auch bei Läufern vor, nur haben die keine Lanzen in der Hand. Es macht mich nicht froh Menschen auszugrenzen, aber Sicherheit ist nun mal das wichtigste Gut einer Veranstaltung und deshalb haben Nordic Walker auf dem Rundkurs eines Stundenlaufs nichts zu suchen.

„Dann sieht man auch ein Schiff auf Klippen scheitern …“

Nach dem Schlusssignal sitze ich mit einem Fläschen Bier in der Hand (beim letzten Durchlaufen der Boxengasse vorsorglich mitgenommen) neben einem Mitläufer auf einer Bank am Flussufer. Wir warten darauf, dass die Distanz der unvollendeten Runde mit einem Messrad aufgenommen wird. Die Schlusströte erwischte mich drei Meter vor der Bank. Dort liegt nun die Startnummer auf dem Asphalt, von einer Flasche Zitronenlimo am Wegfliegen gehindert und ich darf mich ausruhen. Die Beine sind müde, nicht der Mund. Der will nach sechs Stunden resümieren. Der Mann rechts neben mir ist zufrieden, wollte 60 km weit laufen und hat es geschafft. Der Mann links neben dem Mann ist auch zufrieden. Der wollte genauso weit laufen und auch ihm ist es gelungen. Wir warten lange. Zu viele Sätze lang, um sie hier wiederzugeben. Brauche ich auch nicht. Bist du Läufer, dann weißt du was sich zwei Erfolgreiche nach einem Wettkampf zu sagen haben. Bist du kein Läufer, würde dich das Gesprochene ohnehin anöden …

Natürlich behandelt unser Dialog auch das Wetter. Zunächst mit Genugtuung über das Geschenk trocken gebliebenen Asphalts. Und nun wärmt uns die Sonne sogar von hinten den Rücken. Ein bisschen. Wir warten lange, zehn Minuten, dann fünfzehn und beginnen im Wind zu frieren. Nur logisch, dass die Zufriedenheit mit Wetter und Organisation rasch abnimmt. Kurz erörtern wir auch die bei früheren Stundenläufen erlebten Alternativen: Gegenstand mit Startnummer drauf, der in der letzten Runde ausgehändigt wurde und am Zielort verblieb. Oder ein Stück Kreide, mit dem man seine Startnummer auf den Asphalt malen konnte. Natürlich hätte ich mir aus dem „flotten Tennisranzen“ auch die winddichte Jacke mitnehmen können, wenn es mir denn in den Sinn gekommen wäre. Wie so oft ist eigene Gedankenlosigkeit die Quelle des Übels und nicht das Verschulden anderer. Rund um den dicken Stamm eines nahen Uferbaumes finde ich keine windschattige Stelle (In welchem Universum kann Wind zugleich aus allen Richtungen wehen?). Endlich, nach zwanzig Minuten, schnurrt das Messrad herbei und meine zusätzlichen fünfhundert-und-ein-paar-Meter werden notiert. Und nun geschieht das Ungeheuerliche: Um nicht zu erfrieren joggen (!) wir in Richtung Ziel. Die fortgeschrittene Kältestarre hindert zwar beim Laufen, macht dafür den Schmerz in allen Gliedern erträglich …

Fazit zur Veranstaltung

Für einen Stundenlauf bietet Salzburg eine fantastische Strecke. Die Altstadtansicht gibt man sich gerne mehrfach und auch die sonstigen Blickwinkel bieten immer wieder Abwechslung. Ablauforganisatorisch gibt es nicht das Mindeste zu kritisieren. Es wurde alles für eine gute Ultralaufatmosphäre unternommen, damit sich Teilnehmer und Betreuer wohlfühlen.

Kritikpunkte: Auch der flehentlichste Appell wird nicht verhindern, dass Nordic Walker vereinzelt nebeneinander gehen und damit ein gefährliches Hindernis darstellen. Zudem habe ich mehrfach beobachtet, dass die hart eingesetzten Stockspitzen der Power Walker auf dem glatten Asphalt keinen Halt fanden und seitlich nach hinten wegrutschten. Ich hoffe es war nie zufällig ein Fuß oder Schienbein eines Läufers im Weg … Auf der stellenweise engen Rundstrecke eines Stundenlaufes sollte man Nordic Walker nach meiner Auffassung nicht zulassen! – Es sollte Wasser ohne Kohlensäure ausgeschenkt werden.

 

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