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Vor den Iden des März   –   Bienwald Marathon 2012

bwm

Anlässlich der fünften Wiederholung bin ich schon versucht, die Chronistenpflicht zum Bienwald Marathon rasch abzuhaken und meine Laufgeschichte mit ein paar Sätzen und Fakten grob zu skizzieren. Was soll ich denn noch Neues erzählen? Wer eine Streckenbeschreibung sucht, findet sie in den Zeilen der alten Berichte. Und wie gehabt, werde ich auch diesmal auf den langen Geraden im Naturschutzgebiet Bienwald keine der hier heimischen Wildkatzen zu sehen bekommen – jedenfalls keine auf vier Beinen. Nach Genuss einer naturkundlichen Lektüre, die unter anderem das extrem vorsichtige und menschenscheue Verhalten dieser Spezies beschreibt, wurde mir klar, dass sich die grau getigerte Mieze beim Getrappel tausender Läuferfüße in den hintersten Waldwinkel verzieht.

Wie in den Jahren zuvor, mache ich vor den Iden des März in Kandel nur Station. Station auf meinem langen Weg zum jeweiligen Saisonziel. In diesem Jahr, Anfang Juli, werde ich beim Thüringen Ultra (100 km, 2.150 Hm) meine läuferische Visitenkarte abgeben. Der erste Teil meiner sechs Monate umfassenden Vorbereitung endet mit dem Bienwald Marathon. Seit Jahresbeginn lag der Trainingsschwerpunkt auf Tempoarbeit, um mit verbesserter Sauerstoffaufnahmefähigkeit (rel. VO2max) die Grundlage für das eigentliche Ultralauftraining zu zementieren. Ein klassisches Marathontraining also, das zwar lange Läufe enthält, aber eben auch sehr auf Fahrtspiele und Intervallarbeit setzt. Dabei hielten sich die Wochenumfänge für einen Ultraläufer noch in bescheidenem Rahmen. Nach Kandel soll sich das dramatisch ändern: Zwei lange, langsame Läufe pro Woche und erweiterte Dauerläufe im mittleren Tempobereich lassen fortan weniger Spielraum für Tempoarbeit.

Die Iden des März werden in mehreren Sprachen als Gleichnis für drohendes Unheil gebraucht. Der Ausdruck geht zurück auf die Ermordung Julius Cäsars am 15. März des Jahres 44 vor Christus. Entsprechend einer Überlieferung warnte der Augur Titus Vestricius Spurinna Caesar am Tag vor dem Anschlag mit den Worten: „Cave Idus Martias“. Zu deutsch: „Hüte dich vor den Iden des März“. Die Iden bezeichnen römische Feiertage, von denen einer auf den 15. März festgelegt war.

Seit Jahresbeginn unterzog ich mich einem für meine Verhältnisse überaus harten Training, das mich in Kandel nach etwa 3:20 h, höchstens 3:25 h, ins Ziel bringen sollte. Wie jedes Jahr haderte ich mit dem Winter; diesmal weniger vom Schnee, als den sibirischen Kältegraden herausgefordert. Bei anspruchsvollen Fahrtspielen und Intervalleinheiten in bis zu -11°C kalter Luft bleibt die Lauffreude … nein, nicht auf der Strecke, dahin traut sie sich erst gar nicht … bleibt die Lauffreude zu Hause im warmen Wohnzimmer. Dasselbe gilt auf langen Kanten von mehr als 30 km, nach denen erst unter der heißen Dusche meine kältestarren Glieder ihre tatsächliche Größe und Beweglichkeit wiedererlangten. Und das meine ich wortwörtlich. Da läuft dann auch ständig die Angst mit sich zu erkälten oder der Lunge zu viel zuzumuten. Doch nichts kickte mich aus der Bahn, bis – Ironie eines kältegeplagten Schicksals – das Quecksilber endlich wieder über den Gefrierpunkt kletterte. Vor zwei Wochen erwischte mich ein übler Infekt, von dem noch heute verstopfte Nebenhöhlen näselnd erzählen. Selbstredend beendete der krankheitsbedingte Trainingsausfall meine hochfahrenden 3:20h-Träume. Schlimmer als die vier Tage Laufpause, war jedoch der Verlust von etwas, das ich nicht genau beschreiben kann. Ich nenne es mein „läuferisches Gleichgewicht“. Vor der Erkältung war ich extrem angestrengt, oft hundemüde und erschöpft, aber eben „intakt und im Takt“. In der Zeit danach fühlte ich mich kraftlos und völlig außer Form.

Nun stehe ich in der Startaufstellung und weiß auf die wichtigste aller Wettkampffragen keine Antwort: Was geht? Was blieb vom harten Training und in welchem Umfang hat mein Körper die Krankheit bereits abgewickelt? Mein Dilemma: Soll ich zurückhaltend laufen, einen reinen Trainingslauf bestreiten oder wagemutig alles von mir fordern? Seit dem Entschluss eine knappe Sub3:30 h anzuvisieren, will das Gefühl nicht weichen, selbst dieses „Zugeständnis“ meines Ehrgeizes könnte mich schlussendlich in arge Nöte bringen. Sei’s drum! Ich will es zumindest versucht haben. In Höhe des Zugläufers 3:30 h geselle ich mich zu der 1.800 Köpfe umfassenden Läuferschar. Dabei geht es mir nur um die meinem Tempoanspruch entsprechende Startposition; die Dienste des Pacers will ich nicht in Anspruch nehmen. Mike – ein Vereinskamerad und heutiger Mitfahrer – hat mir das zwar empfohlen, wusste aber nichts von meiner Abneigung gegen Pacemaker. Die fußt auf diversen Unzulänglichkeiten von Hasen. In über 80 Marathons erlebt man auch in dieser Hinsicht einiges. Zugläufer, die plötzlich nicht mehr können, solche, die keine Lust mehr haben und andere, „verloren in Zeit und Raum“, die mit der stolzen Armada in ihrem Schlepptau in den Untergang segeln. Zwar gehören solche Totalausfälle nicht zum Marathonalltag, dafür kommen starke Temposchwankungen, die einen früher oder später ebenfalls aufreiben, häufiger vor. „Wir begrüßen auch heute wieder unseren Ministerpräsidenten Kurt Beck!“ tönt es aus den Lautsprechern, wonach sich die bärtige Politiker-Pausbacke die Gelegenheit zu einer kurzen Grußadresse nicht nehmen lässt. In einem früheren Laufbericht unterstellte ich dem tourenden Landesvater Wahlkampfallüren. Doch nicht jedes Jahr wird gewählt und der kreuzt hier mit einer solch hartnäckigen Regelmäßigkeit auf, dass ich fast geneigt bin, ihm Interesse am Laufsport zu attestieren. Aber vielleicht badet er auch nur gern in der Menge seiner pfälzischen Landeskinder …

Countdown, Schuss, vereinzeltes Klatschen von Läufen. Vorrücken, Gehen, nochmals Stehen, schließlich Loslaufen. Uhr abdrücken, Startlinie passieren und Fahrt aufnehmen – aber nicht zu viel. Schon im Aufgalopp zieht der Hase mit seiner Meute eiligen Schrittes davon. Natürlich entwickele ich kurz nach dem Start noch kein verlässliches Laufgefühl. Aber sein Tempo scheint mir dann doch reichlich überzogen. Um meinen inneren „Tacho“ zu eichen, halte ich Ausschau nach der ersten Kilometertafel. Inmitten eines dichten Pulks laufend kann ich sie jedoch nirgends ausmachen. Also erst einmal nichts ändern und auf die Zweite warten. Und die bestätigt dann meinen Verdacht. Ich erreiche den Punkt mehr als 10 Sekunden zu früh und der Zugläufer ist schon ein gutes Stück voraus …

Kandel liegt hinter mir. Wir laufen auf freier Strecke, nähern uns der nächsten Ortschaft. Am Hals zieht es ein bisschen, ansonsten fühle ich mich gut gewappnet. In etwa 8°C morgendlicher Frische lassen sich extrem unterschiedliche Bekleidungskonzepte beobachten: Von luftig – kurze Hose, kurzes Hemd, unbemützt – bis ziemlich abgedichtet – lang, lang, Mütze und Handschuhe – ist alles vertreten. Ich laufe im wärmenden langen Shirt, mit Mütze und Handschuhen, mache aber mit Kurztight dem Frühling ein zaghaftes Zugeständnis.

Ich laufe – hauptsächlich – und ich warte – nebenbei. Man kann warten und ein Ereignis herbeiwünschen, aber auch harren und dabei eine Befürchtung hegen. Und seltsamerweise erfüllen sich überwiegend die Befürchtungen, während die Hoffnungen nur allzu oft wie Seifenblasen zerplatzen. Meine heutige Sorge richtet sich auf die Schulter-Nacken-Partie. Vor Weihnachten und über die Jahreswende stellten sich dort beim Laufen immer wieder Schmerzen ein, Tendenz: heftiger werdend. Bislang widerstand diese Plage jedem Therapieversuch. Und nun ist es auch schon soweit: Hinter Kilometer drei setzt das verhasste Ziehen im linken Schultergelenk ein. Es wird mich nun an- und abschwellend begleiten, sich bald bis zur Halspartie ziehen und auch den Oberarm nicht verschonen. Ich werde es immer wieder für Minuten ausblenden, weil Wahrnehmung und Gedanken in anderen Bahnen verlaufen. Und manchmal werde ich die Schmerzen durch garantiert spastisch aussehende Kompensationsbewegungen für kurze Zeit vertreiben. Erst auf den Schlusskilometern wird dieser Widersacher sich nicht mehr bemerkbar machen. Aber nicht, weil das Scheusal Ruhe gäbe; sein Stimmchen wird dann bloß im Chor der aus Erschöpfung geborenen Ungeheuer nicht mehr zu hören sein … und damit kein Wort mehr zu irgendwelchen Gebrechen.

Nicht jeder Hase ist ein guter Hase! Laufgefühl und objektive Tempokontrolle sind sich einig: Udo hält konstantes Tempo knapp unter 5 min/km. Und trotzdem habe ich die Meute um den gelben 3:30-Ballon bei Kilometer fünf bereits eingeholt. Nicht jeder Hase ist ein gute Hase! Wahrscheinlich hat ihn jemand auf das überzogene Tempo hingewiesen und nun verschleppt er als „Wiedergutmachung“ die Pace. Gefällt mir gar nicht. Nach viermal Bienwald weiß ich, dass dort vorn, hinter der Straßenecke, die erste Tränke steht. Also überhole ich den Tausendfüßler in weitem Bogen, um ohne Behinderung trinken zu können. Derlei Zwischenspurts vermeide ich normalerweise, weil sie unnötig Körner kosten. Reserven, die mir in drei Stunden schmerzhaft fehlen werden.

Mit einem „köstlichen“ Schluck Iso im Bauch verlasse ich die Ortschaft Minfeld. Etwa ein Kilometer freie Wiesen- und Ackerfläche trennt mich noch von den Ausläufern des Waldes. Mein Blick taxiert den Himmel ringsum, sucht nach Wetterzeichen. Helle Flecken im ansonsten geschlossenen Grau versprechen zumindest Trockenheit in den kommenden Stunden. Nach weit gezogenem „S“ auf flacher Staatsstraße tauchen wir per Feldweg und entlang eines Baches im Bienwald unter. Spätwinter oder Vorfrühlung? Außer immergrünem Efeu, sich an Baumstämmen empor Richtung Licht rankend, hat der Wald derzeit keine frischen Farben zu bieten.

Kilometer 7: Lautes Jubelgeschrei brandet uns von der nächsten Wegkreuzung entgegen. „Oh! Ein Stimmungsnest!“ meint da einer neben mir. Um dem baumlangen (!) Mann neben mir ins Gesicht sehen und antworten zu können, muss ich den Kopf in den Nacken legen: „Genieße es! Es wird nicht viele geben im Bienwald!“ Vor zwei bis drei Dutzend Schlachtenbummlern wenden wir uns nach rechts und passieren den Wegweiser zur „Bienwaldruhe“, den ich immer nur verwischt mit der Kamera einfangen konnte. Warum erregt das Ding eigentlich jedes Mal meine Aufmerksamkeit? Habe ich da eine Art Fotowettkampf am Laufen – „Udo contra Mächte der Verwacklung“ –, da mir in vier Anläufen partout kein scharfes Abbild gelingen wollte? Oder ist es, weil mir die Wegweisung zur „Bienwaldruhe“ so ulkig vorkommt. Denn Ruhe findet man doch wohl in jedem Winkel dieses ausgedehnten Forstes.

Zehn Kilometer liegen hinter mir. Die Pace strengt mich an, aber nicht übermäßig. Wie bei jedem Marathon zuvor, fahnde ich tief Drinnen nach Indizien, die eine verlässliche Prognose auf das Finish zulassen. Die vermag ich heute ebenso wenig zu „erspüren“, wie all die Male zuvor. Deswegen bin ich seit langem davon überzeugt: Es gibt sie nicht! Also bleibt dem Marathonläufer nur seine Tagesform selbstkritisch auf Basis des Trainings abzuwägen, daraus ein mögliches Tempo abzuleiten und dies dann konsequent und möglichst konstant abzuspulen.

Längst streben uns Halbmarathonis von der nahen Wende her entgegen. Zuweilen grüßen sich Laufkameraden im Gegenverkehr: „Gut siehst du aus!“ – „Leg noch ’ne Schaufel drauf!“ – „Super!“ – „Halt durch! Du packst das!“ – die altbekannten Sprüche. Rechts und links zieht unablässig Bienwald vorüber, graubraun in Bodennähe, heraus ragend hellbraune Stämme von Kiefern mit dunkelgrünen Kronen. Ab und zu fegt eine kalte Bö durch die von der Straße geschlagene, breite Schneise. Ein Schild kündigt die nahe Wende an. Dahinter wird’s ruhiger, mehr als die Hälfte des Feldes gibt sich mit der halben Distanz zufrieden. Hoppla! Fünf Sekunden zu viel zeigt meine Uhr an der nächsten Kilometertafel. Da habe ich mich wohl vom gleichförmigen Tapp-tapp auf dem glatten Asphaltband einschläfern lassen. Nachjustieren und weiter.

Die nächsten Zwischenzeiten liegen wieder genau im Fahrplan. Trotzdem überholt mich nach einer Weile der 3:30-Zugläufer mit seinen Schäfchen und baut zügig seinen Vorsprung aus. Verunsichert halte ich Ausschau nach der nächsten Kilometertafel und … Alles in Butter. Jedenfalls bei mir. Weshalb überzieht der jetzt wieder? So rasant wie die Distanz zu mir wächst, muss seine Pace unter 4:50 min/km liegen. Damit reibt er jeden auf, dessen Tagesform die Sub3:30h mal gerade so zuließe. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Nicht jeder Hase ist ein guter Hase!

Vor der Ortschaft Schaidt endet der Bienwald und wie immer warten hier Trommler und Fanfarenbläser. Vor ihnen nach rechts, am Waldrand entlang. Es folgt das schlechteste Stück Strecke des ganzen Laufes. Schon im letzten Jahr musste man hier vorausschauend und mit Umsicht laufen, um einen sicheren Kurs zwischen den gewaltigen Schlaglöchern im Asphalt zu steuern. Im Augenwinkel erfasse ich Mike, der mir kurz hinter der Läufertraube seines 3:15h-Hasen entgegen kommt und einen noch völlig unverbrauchten Eindruck macht. Kurzes Handzeichen und weiter.

Die erste Marathon-Wende, Kilometertafel 18, über die stark verwitterte Straße am Waldrand zurück, zuletzt das Tarööööt und Bumm-bumm des Fanfarenzuges, dann ich trabe wieder durch stillen Bienwald. Kilometer 19, Minuten später Kilometer 20. Tempo konstant, wofür ich mich allerdings inzwischen merklich anstrengen muss. Ein solches Empfinden zu dieser Zeit kündet erfahrungsgemäß von Schwierigkeiten in der Schlussphase. Damit entpuppt sich die Option einer etwas schneller gelaufenen zweiten Hälfte schon jetzt als reine Chimäre. Mit 1:44:22 h passiere ich die Zeitmessung für den Halbmarathon direkt hinterm Abzweig von der breiten Fahrstraße. Auf asphaltiertem Waldweg geht’s weiter, nun optisch kurzweiliger, weil der Waldrand näher rückt, die Strecke einen Zickzackkurs beschreibt und bald die Spitze des Marathonfeldes auf Gegenkurs vorbei rauscht.

An einer Verpflegungsstation greife ich mir einen Becher Iso. Unangenehm kalt breitet sich das süße Zeug im Magen aus. Der meckert schon seit einer Weile vor sich hin. Mir bleibt nur zu hoffen, er möge es bei störenden Drohgebärden belassen und nicht – wie immer mal wieder durchlebt – mein Vorhaben mit veritablen Bauchschmerzen erschweren. Mann und Frau auf Gegenkurs. Bekannte Gesichter aus meinem Verein. Wir grüßen uns mit blitzartig versandtem Hallo. Michael und Sonja sind flott unterwegs (und erreichen nach etwas mehr als 3:18 h das Ziel).

Ich vermisse meinen Mitfahrer Mike. Habe ich ihn in einem Pulk übersehen oder ist er langsamer geworden? Eine Weile „scanne“ ich aufmerksam alle vorbeihuschenden Gesichter. Die zweite Wende ist nicht mehr fern, als er mir mit reduziertem Einsatz entgegen trabt. Auf meine Frage hin signalisiert er irgendwelche Probleme. ‚Na toll!’ denke ich bei mir ‚Drei Monate hartes Wintertraining und dann so was …’

Mein „Schicksal“ scheint gleichermaßen unabwendbar. Die Zwischenzeiten der Kilometer 25 und 26 lagen etwa drei Sekunden über Soll. Und nach der Wende, bei 27 und 28, setzt sich diese Tendenz fort. Natürlich könnte ich dagegen halten. Aber ich spüre sehr deutlich, dass meine Reserven nicht einmal für diese Geschwindigkeit reichen werden und nehme die Tempoverschleppung hin.

Ein Stück voraus entdecke ich Mike. Er geht! Oh verdammt! So schlimm? Als ich ihn einhole passt er sich meiner Schrittfrequenz an und berichtet von linksseitig schmerzhaft blockierter Gesäßmuskulatur. Wenn er geht löst sich die Verhärtung, nach wenigen hundert Meter Trab macht der Gesäßmuskel wieder zu. Bevor er zurück bleibt, will er noch wissen wie es um mich steht. Da gibt es nichts zu beschönigen: Mir geht langsam aber sicher der Saft aus …

Zurück auf der breiten Straße im Bienwald. Heute fürchte ich diesen Abschnitt aus mehreren Gründen. Erstens geht es fast sechs Kilometer stumpfsinnig geradeaus. Da überwältigte mich schon im Vorjahr der Eindruck ewig auf der Stelle zu treten. Und heute bin ich vorfristig erschöpft, überschreite das Soll an jeder Kilometertafel schon um 5 bis 10 Sekunden. Dann ist da noch der Wind. Wie bitte? Gegenwind im Bienwald? Der spielte in den Jahren zuvor nie eine Rolle. Wegen des Waldes gilt die Strecke als windsicher. „Egal in welche Richtung ich laufe, der Wind kommt immer von vorn.“ meinte ich vorhin zu Mike, der mir diesen Eindruck bestätigte. Ich kämpfe und das nicht zu knapp. Noch trennen mich 10 Kilometer – das ist unter solchen Umständen astronomisch weit – vom ersehnten Ziel.

Laufen, laufen, laufen. Und denken. Je mehr ich denke, umso weniger kann ich fühlen. Denn „Fühlen“ fühlt sich gar nicht mehr gut an, alles hässlich in mir drin. Dem Verlangen des Körpers nach Ruhe zu widerstehen tut weh. Beobachten und Schlussfolgern sind probate Mittel, um sich abzulenken. Ich sehe Läufer, die gehen müssen (was mir hoffentlich erspart bleibt), andere, die mich leichtfüßig (wie gemein!) überholen. Einer lässt sich per Rad begleiten und betreuen, trabt im rollenden Windschatten seines Helfers. Das ist unfair. Ich kann mich hinter niemand verstecken. Also ganz ehrlich: Im Grunde ist mir das völlig egal. Aber eine Prise Emotion der Marke „Entrüstung“ blockiert für ein paar Sekunden das übrige scheußliche Empfinden. Gut so.

Laufen, laufen, laufen. Und denken. Langsam natürlich, behäbig, beileibe nichts Wichtiges, manchmal sogar völlig sinnfreies oder abstruses Zeug. Ich reime mir zusammen noch unter 3:35 h ins Ziel zu kommen (was alles andere als sicher ist!) und plötzlich sinne ich über ein Verfahren nach exakt mit der Schnapszahl 3:33:33 h zu finishen. Wie könnte ich das hinkriegen? Da ich zugeben muss, damit für die Dauer von 100 Schritten ernsthaft abgelenkt zu sein, kann ich nur an den geneigten Leser appellieren meine geistige Gesundheit nicht in Frage zu stellen …

Aber immerhin bin ich dadurch 100 Schritte weiter. Kilometer 35, 36, 37, Beine schwer wie Blei und katastrophale Zwischenzeiten. Natürlich zähle ich längst rückwärts: Noch 7, noch 6, noch 5. Das Mantra verleiht mir jedoch nicht die gewohnte Zuversicht. Denn genau genommen denke ich so: ‚Noch 5! Was, noch 5!? Das ist endlos weit!’ Parallel zu diesem inneren Wortgefecht stelle ich mir heimische Wegstrecken vor, die derselben Distanz entsprechen und weiß: Fünf Kilometer sind verdammt weit! Das ist der Fluch meiner Lauferfahrung.

X-te Hochrechnung auf das Finish: Unter 3:35 h könnte noch klappen, dann darf ich aber nicht mehr langsamer werden. Und so unternehme ich den Versuch wenigstens dieses Tempo zu stabilisieren. Das ruft mein zweites Selbst, mein oppositionelles Alter Ego, maulend auf den Plan: ‚Und wozu diese Tortur? Wen glaubst juckt es, ob du nun unter oder über 3:35 h durch das dusselige Marathontor rennst? Warum quälst du dich so?’ Darauf gibt es keine rationale Antwort. Hat es noch nie gegeben und wird es nie geben. Ich quäle mich, weil ich es will und weil ich es kann. Und ich weiß, dass ich es kann. Das ist der Segen meiner Lauferfahrung.

Kilometer 39, der Bienwald liegt hinter mir. Es fühlt sich an, als liefe ich kurz vorm Ende meiner Kräfte. Vor Jahrzehnten gab’s beim VW-Käfer oben links im Fußraum einen kleinen Hebel. Wenn das Benzin alle war, konnte man den umdrehen und hatte dann eine kleine Reserve. Dieses Bild schießt mir immer wieder durch den Kopf, wenn ich mich körperlich derart bedrängt fühle. Einfach den Hebel umlegen und weiter laufen. Und ich laufe weiter. Eigentlich nur, weil es keine Alternative gibt. Nicht für mich, nicht akzeptabel.

Vor Kandel nach rechts auf einen Radweg. Es kommt nur selten vor, dass mich jemand überholt. Ich bin langsamer geworden aber eben nicht völlig eingebrochen. Kilometer 40. Was soll jetzt noch passieren? Das Ding ist im Kasten. Also los! Nicht mehr weit! Ich laufe wie am Gummiband, gegen zähen Widerstand. Heftig, hart, gemein, schmerzhaft. Endlich! Ich biege auf die Straße zum Stadion ein und hefte meinen Blick an die nächste Kilometertafel: 41. ‚Okay. Der letzte Kilometer. Jetzt gib alles!’ Ich werde noch einmal schneller. Zumindest vermitteln mir die Beine diesen Eindruck. Linkskurve. Vorbei an der Außenseite des Stadions. Noch 400 Meter (Länger stehe ich das auch nicht mehr durch!). Durch das Stadiontor, auf die Tartanbahn. 300, 200, 100, Zielgerade und dann ist es geschafft – wieder einmal, zum 84. Mal.

 

Ergebnis: 3:34:13 h, Platz 223 von 494 Männern, Platz 11 von 62 in M55

 

„Manöverkritik“

Wenn man an dieser Veranstaltung mit aller Gewalt etwas kritisieren will, dann findet sich einzig das schlechte Straßenstück an der Peripherie von Schaidt. Dieser holprige Abschnitt ist nicht ganz ungefährlich. Andererseits kann man das kaum dem Veranstalten anlasten und wohl auch nicht erwarten, dass er deswegen eine komplizierte Streckenänderung inszeniert.

Alle übrigen Belange wurden – wie jedes Jahr – vom Organisationsteam des Bienwald Marathons vorbildlich bedient. Sicher ist das einer der Gründe, warum diese Veranstaltung jedes Jahr mit hohen Teilnehmerzahlen belohnt wird.

 

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