Ein Sommernachtstraum   –   100 km durch die Ulmer Laufnacht 2011

Hinweis: Zitate stehen kursiv und stammen aus „Ein Sommernachtstraum“, Komödie von William Shakespeare (geschrieben 1596). In einem Fall stand Hoffman von Fallersleben mit seinem Gedicht über den Mai Pate.

Prolog

Shakespeares Sommernachtstraum handelt von Liebe und der Verwirrung, die sie unter den Menschen stiftet. Bei flüchtiger Betrachtung findet sich im Bühnenspiel kein Bezug zu einem Hundertkilometerlauf. Er thematisiert aber auch die sommernächtliche Sphäre der Elfen und Kobolde, stellvertretend für Einflüsse des sinnlich nicht Fassbaren. Im menschlichen Gefühlschaos, in Schein und Sein, hallt wieder, was ich in meiner Laufnacht erlebe: Verwirrung, Bestürzung, Verzweiflung, Zuspitzung. In der Komödie treiben Naturgeister ihr (Un-) Wesen: Erst zeugen sie Konfusion und Leid, um schlussendlich die Protagonisten in Liebe zu vereinen. Also ein Happy End! Auch mir begegnen in Ulm, um Ulm und um Ulm herum die Geister der Nacht, stürzen mich in Not und inneren Zwiespalt. Mangels Einsicht gesunden Menschenverstandes* bleibt mir nur jenen Schattenwesen die Schuld in ihre nicht vorhandenen Schuhe zu schieben. Schuld wofür? Und ob auch mir ein verträgliches Ende vergönnt war? Du wirst viel Geduld brauchen, willst du dich durch alle Szenen meiner Sommernacht träumen …


*) Soweit man Ultraläufern überhaupt gesunden Menschenverstand zubilligen darf.

Blaustein bei Ulm, Freitagabend 21:45 Uhr

Das Läufer-Briefing habe ich hinter mir, kenne nun zusätzliche Details der Strecke und ein paar Gefahrenquellen. Den Zeiger auf meiner Skala des Unbehagens hat das nur minimal verschoben. Psychische Achterbahnfahrten in Sachen Laufen sind mir nicht neu, aber dermaßen eingeschüchtert ging ich selten in einen Wettkampf. Bis vor ein paar Tagen war ich obenauf. Und wie! Anfang letzter Woche unterzog ich mich einem HM-Test, ganz alleine in meinem Trainingsrevier, schon fordernd, aber ohne mich voll zu verausgaben. Die erreichte Zeit übertrifft das beste Wettkampfergebnis aus dem Vorjahr. Und das abschließende Bergtraining am Sonntag, etwa 90 Minuten und 1.000 Höhenmeter, war nicht mal geeignet mich richtig zu ermüden. Also alles in allerbester Ordnung! Dann kam der Montag mit Kopfschmerzen. Ab diesem Zeitpunkt fühlte ich mich ständig „ausgelutscht“, „irgendwie unwohl“ und die letzten, in Intensität wie Umfang lächerlichen Läufchen waren die schiere Katastrophe. Heute Morgen zwang ich mich länger im Bett zu bleiben. Schlaf auf Vorrat, denn immerhin will ich die kommende Nacht sportlich aktiv verbringen. Davon hatte ich dann vor allem … wieder Kopfschmerzen.

Die 100 Kilometer rund um Ulm markieren meinen Saisonhöhepunkt, auf den die komplette Trainings- und Wettkampfplanung des ersten Halbjahrs abgestimmt war. Acht Marathons, darin die Harzquerung mit 51 Kilometern und der Bergmarathon in Liechtenstein mit knapp 1.900 Höhenmetern als Meilensteine, sollten mir den für hundert Kilometer nötigen Biss garantieren. Sportlich und gesundheitlich stärkten die letzten Wochen mein Selbstvertrauen ungemein. Die Ultralangzeitausdauer ist wieder da und das Schönste: Mein Bewegungsapparat, vor allem mein anfälliger Rücken, tolerierte die vielen Belastungen zuletzt klaglos. Und nun diese absurde Befindlichkeit: Dumpf und unspezifisch, nicht wirklich krank, nicht mal nachweislich schwach, eben nur „irgendwie unwohl“ und mehrfach von Kopfschmerz geplagt. Unterm Strich: Sprünge im Selbstvertrauen und die Erwartung massiver Probleme.

Apropos Erwartungen: Ich bin nicht in der Form des Jahres 2007, als ich in Biel den Hunderter in knapp 9:08 Stunden abspulte und nur das miese Wetter eine Zeit unter neun Stunden verhinderte. Zudem knechtet der Kurs rund um Ulm etwa mit dem Dreifachen der Steigung der Bieler Schleife. Realistisch darf ich hoffen, bei guten Bedingungen und störungsfreiem Verlauf, knapp unter zehn Stunden zu bleiben.

O Nacht, so schwarz von Farb, o grimmerfüllte Nacht!
O Nacht, die immer ist, sobald der Tag vorbei.
O Nacht! O Nacht! O Nacht! ach! ach! ach! Himmel! ach!

Bei fortschreitender Dämmerung und eingeschalteter Deckenleuchte sitze ich im Auto und sortiere meine Siebensachen. Ich habe noch viel Zeit bis zum Start um 23 Uhr und das ist gar nicht gut. Unruhe und Nervosität beherrschen mich, dunkle Vorahnungen lassen sich nicht verscheuchen. Lange vor so einem Termin scheint alles glasklar: Trainingstermine abhaken, aufgeregt, aber mit gutem Gefühl am Abend nach Ulm fahren und mit wenigstens anfänglicher Wonne durch die warme Sommernacht zuckeln. Von wegen gutes Gefühl! Von wegen Wonne! Und von wegen warme Sommernacht! Wir schreiben den 1. Juli und für die Nachtstunden sagen Kachelmanns Erben nur neun (!) Grad vorher. Zumindest Schauer und Gewitter, die den Tag beherrschten, scheinen sich verzogen zu haben. Der Himmel präsentiert sich weitgehend wolkenfrei. Wieder stehe … pardon … sitze ich vor der Frage: Was anziehen? Diesmal hängt viel mehr davon ab, denn mit meiner Entscheidung werde ich zehn Stunden leben müssen. Unten kurz ist fix. Und oben rum? Ich steige kurz aus und fröstele trotz Trainingsjacke. Damit erübrigt sich weiteres Grübeln: Kurzes Unterhemd aus, langärmliges an, Vereins-Shirt mit Startnummer drüber. Startnummer 16. Ist die 16 in meinem Dasein schon mal positiv oder negativ in Erscheinung getreten? Nicht, dass ich wüsste. Eigentlich bin ich nicht abergläubisch, aber es ist fast dunkel, ich bin alleine und vor mir liegt ein Kampf, der mit jeder verstreichenden Sekunde bedrohlichere Dimensionen annimmt.

Nun kommt! Was haben wir für Spiel' und Tänze?(…)
Wo ist der Meister unsrer Lustbarkeiten?
Was gibt's für Kurzweil? Ist kein Schauspiel da,
Um einer langen Stunde Qual zu lindern?

Sitzen bleiben und dösen wäre physisch klug, psychisch eher eine Dummheit. So streune ich rüber ins Stadion und sehe mich um. Am Rande der Tartanbahn intoniert eine Blaskapelle Schmissiges. Fressstände und Zapfstellen für Bier und Wein haben eine erstaunliche Menschenmenge angezogen. Ein Sprecher verkündet das Abschiedsständchen der Musikkapelle. Danach wolle man unverzüglich mit dem Ballonglühen beginnen. Offensichtlich haben sich die Organisatoren einiges einfallen lassen, um die Leute bis zur späten Stunde des Starts auf dem Platz zu halten. Und der eine oder andere Taler bleibt dabei sicher auch noch in ihrer Schatulle hängen. Auf dem Fußballrasen blähen vier Heißluftballons zögerlich die Backen. Flattern erst, wabbeln noch, erheben sich schließlich im Minutentakt zu stattlicher, runder Größe. Immer wieder fauchen die Brenner, halten die dicken Gesellen in Form, lassen ihren Bauch erglühen. Ein Spektakulum: Brot und Spiele fürs Volk; wie wenig sich doch in Wahrheit in den letzten 2.000 Jahren geändert hat. Wir geben uns wahnsinnig aufgeklärt und bedienen uns raffiniertester Technik. Wirklich glücklich aber machen ein voller Bauch, ein gefülltes Glas und ein Schauspiel, um sich daran zu ergötzen. Wirklich schade, dass ich gleich laufen und mich deshalb allen Verlockungen entziehen muss.

Letzte Vorbereitungen am Auto. Ich checke meine Ausrüstung: Stirnlampe auf dem Kopf, Chip am Fußgelenk, Forerunner eingeschaltet, Armgelenktasche mit drei Gelbeuteln angelegt. In der Gesäßtasche den Autoschlüssel, ein weiterer Beutel Gel und die Digicam (Die kann ich bis Tagesanbruch nicht brauchen, denn die Regenflut von Liechtenstein hat den Blitz ruiniert.). 22:45 Uhr. Ich würge zwei Beutel Gel runter und spüle mit ausreichend Wasser nach. Alles erledigt, alles klar. Alles? Eine Entscheidung steht noch aus. Handschuhe, ja oder nein? Ich habe ein paar alte, billige Fleecehandschuhe dabei. „Alt und billig“ geben den Ausschlag. Sollten sie lästig werden, kann ich sie zur Not wegschmeißen. Also warme Handschuhe an und schwupp bin ich bereit für eine deutsche Julisommernacht.

Wieder im Stadion ist von den Heißluftballons nichts mehr zu sehen. Dunkel und verlassen liegt das Spielfeld. 22:50 Uhr. Immer mehr Läufer drängen zum Starttor auf der Laufbahn, sammeln sich. Ich stelle mich nach vorn, aber nicht zu weit. Nach vorn, weil ich mich zu den Schnelleren im Feld zählen muss. Nicht zu weit, da Staffel- und 50 km-Läufer die Dreiviertel-Bahnrunde im D-Zug-Tempo zurücklegen werden. „Die erste, aufsteigende Rakete ist zugleich das Startsignal!“ informiert gerade der Sprecher. Ein paar Sekunden „reflektiere“ ich über den Start einer Silvesterrakete. Vom „Aufsteigen“ bekommt man wenig mit. Erst wenn sie explodiert und ihre gleißenden Lichteffekte in den Himmel malt, ist der Zweck erfüllt. Was sollen wir als Startsignal nehmen: Das „Hochzischen“, den Knall oder das künstliche Meer sprühender Sterne am Nachthimmel? Diese Gedanken irrlichtern nur kurz durch meinen Kopf. In Wahrheit ist mir das völlig egal. Irgendwann werden sie schon loslaufen da vorne und dann renne ich einfach hinterher.

Wir stehen als lockerer Haufen auf der Tartanbahn, die meisten schweigsam, in sich gekehrt. Heiterer Geschwätzigkeit, hie und da zu beobachten, hänge ich sofort das Etikett „Staffelläufer“ um, obschon das sicher nicht durchgängig stimmt. Reden wie ein Wasserfall ist auch ein probates Mittel, um innere Unsicherheit zu überspielen. Und warum sollte es keine Menschen geben, die auch vor einem Hundertkilometer-Ultra locker drauf sind? Zum ich-weiß-nicht-wievielten-Mal fordert der Sprecher dazu auf, bestimmte Bereiche des Stadions aus Sicherheitsgründen frei zu machen, damit der Start pünktlich erfolgen kann. Erste Regentropfen fallen und lassen mich genervt aufstöhnen: „Oh nein! Bitte nicht schon wieder!“ Es ist wie das Jaulen eines einsamen Wolfs, wenngleich nicht in den Nachthimmel, sondern an meinen Nachbarn zur Linken hingejammert. Ganz so, als könne er etwas dafür oder das Unheil gar noch verhindern. Der lächelt mich spitzbübisch an und meint: „Das ist nur die Starttaufe! S’hört gleich wieder auf!“ Um eine grob skizzierte Kurzfassung meines hässlichen Regenmarathons in den Liechtensteiner Bergen kommt er dennoch nicht herum, schließlich will ich nicht als Weichei gelten.

Der Start verzögert sich. Vielleicht steht jemand auf der Leitung oder die Zündschnur der Rakete ist nass oder der Zeremonienmeister hat die Streichhölzer vergessen … Ohne Vorwarnung wird der Regen stärker, zugleich zischt eine Rakete in den Himmel. „Man“ rennt los und ich hinterdrein. In meinem Rücken entschuldigt sich der Sprecher für die Verzögerung. Von links, aus dem Fastdunkel hinter der Absperrung, schallen heftiger Beifall und Jubelrufe herüber und hoch über meinem Kopf zerplatzen weitere Knallkörper, glühen künstliche Sonnen und Sterne am Nachthimmel. Das ist schon mal ganz „nett“, wird aber von der in der Nordkurve und entlang der Gegengerade entfesselten Feuerwalze weit übertroffen: Auf der unteren Etage speien Vulkane meterhohe Feuerfontänen und versprühen Vorhänge aus Licht. Leuchtkugeln ploppen in den Himmel, zerplatzen, tauchen das Stadion in fahles Licht. Hoch droben, in einer nicht enden wollenden Serie und mit ohrenbetäubenden Böllern, detonieren Feuerwerksraketen. Das zerbirst, sprüht, gleißt, blitzt, zischt, wirft Sterne und Leuchtgirlanden in alle Richtungen. Im Allgemeinen lasse ich mich von „menschlichem Blendwerk“ nicht so leicht beeindrucken. Aber dieser Auftakt, mitten in einem völlig unvorbereiteten und eingeschüchterten Geist gezündet, haut mich dann doch aus den Lauflatschen. Wie wollte ein Veranstalter diese Ouvertüre aus Blitz und Donner jemals überbieten?

Unversehrt entkomme ich aus dem Kriegsgebiet durch das südliche Stadiontor, quere den Parkplatz und folge dem Getrappel vieler Füße durch ein Gewerbegebiet. Zuweilen drehe ich den Kopf, um das Verglühen kurzlebiger Sterne zu erleben. Die Stadion-Artillerie schießt Salve um Salve. Wer in Blaustein schon schlief, ist jetzt wieder wach. Nervosität und Furcht sind von mir abgefallen. Das feurige Startprozedere hat geholfen, vor allem aber die Tatsache nun endlich laufen zu können. Auch das rasche Versiegen der himmlischen Brause beim Verlassen des Stadions steigert meine Zuversicht. S’war also doch nur ein Schabernack des für Wasserspiele zuständigen Trolls.

Energiesparen wird die Zukunft entscheiden; die der Industriegesellschaft als Ganzes, aber auch mein Schicksal heute Nacht. Das betrifft zum einen die Batterien meiner Stirnlampe. Selbst wenn ich mich mit einer von fünf möglichen Leuchtdioden bescheide, werden sie keine fünf Stunden durchhalten (um vier Uhr früh rechne ich mit der Dämmerung). Wir haben Neumond, wodurch der Erdtrabant als Leuchtfeuer ausfällt. Ergo schmarotze ich wo immer möglich. Straßenlaternen und lichtstarke Werfer meiner Mitläufer spenden einstweilen genug Helligkeit. Zudem bewegen wir uns meist auf Asphalt, ab und an auf glatten Feldwegen. Die Dunkelheit erschwert die Tempoeinschätzung. Den ersten Kilometer – im Schein einer Straßenlaterne abgelesen – absolviere ich deshalb viel zu schnell. 4:55 min. „Erlaubt“ und nötig, um die Zeitverluste am Berg wieder auszugleichen, ist auf flacheren Stücken eine Pace von etwa 5:30 min/km. Also Energie sparen! Langsamer laufen!, was mir aber nicht so recht gelingen will, zu sehr lasse ich mich im Sog der anderen mitreißen.

Hinter Blaustein nutzen wir einen Kilometer dunkle Feldwege und erreichen die Hauptstraße des Weilers Arnegg. Eine lange Kette von Pylonen teilt uns eine Laufspur zu. Autos fahren hin und her. Schon seltsam, wie viele Menschen zu so später Stunde noch umhergurken. Bald verzweigen wir in eine stille Nebenstraße und haben die Nacht für uns. Vom sorgsamen Studium des Streckenprofils weiß ich, dass uns hinter den letzten Häusern die erste Steigung erwartet, insgesamt 150 Höhenmeter. Dann sind wir raus aus dem Dorf, traben über einen Fahrradweg und von einer Steigung ist nichts zu spüren. Die 5 km-Tafel** passiere ich nach ziemlich genau 26 Minuten. Das ist gleichermaßen alarmierend und beruhigend. Natürlich bin ich noch immer zu flott unterwegs. Aber das wird sich im Anstieg von selbst regeln. Was mich beruhigt ist die Tatsache eines zügigen Laufes ohne spürbare Beeinträchtigung. Sollte das unspezifische, miese Körpergefühl der vergangenen Tage nur Lampenfieber gewesen sein?


**) Alle fünf Kilometer steht eine Markierung, ab Kilometer 90 nach jedem Kilometer.

Wohl denn, wir wachen also. Auf, ihm nach!
Und plaudern wir im Gehn von unsern Träumen.

Immer wieder richte ich den Blick gen Westen. Sterne am beinahe wolkenlosen Himmel nähren meine Hoffnung auf trockene Witterung. Die Steigung hat minimal zugenommen, bremst meinen Lauf allerdings nur unwesentlich. Lichtkegel huschen vor oder neben mir über den Boden. Die einen stetig, ohne merkliche Erschütterung aus Stirnleuchten, hie und da einer wischend und zittrig, von einer Taschenlampe. Ein bleiches Oval auf glattem Asphalt schiebt sich an meine Seite. Der Mann dahinter offenbart sein Mitteilungsbedürfnis, spricht von angenehmen, geradezu idealen Bedingungen. Im Dunkeln bleibt mir sein Gesichtsausdrucks verborgen, als ich meine behandschuhte Linke in den Lichtkegel seiner Lampe halte und mit Worten unterstreiche wie kalt mir ist. „Aber“ lenke ich ein „für die Laufleistung ist kühle Luft natürlich besser.“ Ein paar Schritte später entringt sich seiner Brust ein Stöhnen, gefolgt von der Klage über die endlose Steigung. Hätte ich mit der „Wahrheit“ hinter dem Berg halten sollen? Als ich ihm gut gelaunt klar mache, wie wenig mich die Steigung fordert, dass ich extra einen Bergmarathon zur Vorbereitung einschob, meint er wohl an meiner Seite ins Verderben zu rennen. Er wünscht gutes Gelingen und bleibt zurück.

Zuletzt und für ein paar hundert Meter legt sich der Hügel mächtig ins Zeug und zum ersten Mal spüren meine Beine, wie anstrengend Laufen sein kann. Am Waldrand, kurz vor dem höchsten Punkt der Erhebung, schalte ich mein Stirnlicht ein. Der Feldweg ist nicht mehr asphaltiert und die Kette der Läufer weist schon riesige Lücken auf. Im stockdunklen Wald bestünde die Gefahr in ein Loch zu tappen oder über Äste zu stolpern. Mein Lichtkegel vereinigt sich mit dem eines Laufnachbarn: „Wie weit sind wir denn schon?“ und seine Frage begründend: „Ich hab meinen Entfernungsmesser zu Hause vergessen.“ Ich halte ihm meinen Forerunner unter die Nase und sage: „Neuneinhalb Kilometer glaub’ ich. Kann’s ohne Brille schlecht ablesen. Schau auf das Feld rechts unten!“ Meine Angabe war goldrichtig, denn wenig später, noch unter 55 Minuten, passieren wir die 10 Km-Tafel.

Wald und Kuppe liegen hinter mir; in der Abwärtsbewegung hole ich Zeit auf. Einzelne, lichtumflorte Schemen streben auf das in einer Mulde gelegene Dorf Eggingen zu, wo die erste Verpflegungsstation wartet. Ich schnappe mir zwei Becher Iso, das säuerlich süß schmeckt. Außerdem prickelt es auf der Zunge, als enthielte es minimal Kohlensäure. In der Bewegung trinkend suche ich eine Gasse durch das Knäuel aus wechselbereiten Staffelläufern. Dahinter, beidseits des Weges, wartet das Spalier der Fahrradbegleiter auf Kundschaft. Sie radelten voraus und dürfen sich ab hier (Km 11,5) einreihen. Mit diversen lichtbasierten Taktiken machen die Radler auf sich aufmerksam. Einer hat die Stirnlampe an den Lenker montiert, von wo sie die Startnummer anleuchtet. Ein Zweiter hält beides geduldig harrend vor den Bauch. Ich habe mir nie Gedanken über die Schwierigkeiten der Radbegleitung gemacht. In der Frühphase des Wettkampfs wäre ich noch „zappelig“, würde keine Sekunde beim Rendezvous mit meinem Wohltäter verlieren wollen. So wenig, wie ich mir jetzt die Zeit nehme stehend oder gehend zu trinken.

Über Täler und Höhn,
Durch Dornen und Steine,
Über Gräben und Zäune,
Durch Flammen und Seen
Wandl' ich, schlüpf ich überall,
Schneller als des Mondes Ball.

Hinter Eggingen besichtigen wir etwa drei Kilometer Landwirtschaft. Durch kühle Abendluft zieht der Geruch von Getreidefeldern. Legionen stramm aufrechter Halme formieren sich im Lichtkreis meiner Lampe zum Angriff. Ähren an der Spitze verstärken die Illusion von Lanzen, von Legionären in dicht geschlossener Schlachtordnung. Während ständiger Höhen- und Richtungsänderungen bietet sich mehrfach ein attraktives „Glühwürmchen-Bild“. Radler plus Läufer, auch kleine Gruppen, zeichnen den Streckenverlauf als vergängliche Leuchtspur in die Landschaft. Samt und sonders flüchtige Wahrnehmungen, weil die holprigen Feldwege meist volle Konzentration verlangen. Vom Regen tief ausgewaschene Kiesrinnen wechseln sich mit knubbeligem Grasboden ab. Insbesondere steinige Abschnitte stellen meine Schuhwahl schon jetzt in Frage. Meine Füße stecken in Wettkampfschuhen, deren dünne Sohlen Unebenheiten nur mäßig ausgleichen. Werde ich leichtfüßiges Laufen bald mit wehen Füßen bezahlen?

Apropos Schmerzen: Kaum hat die Iso-Brühe meinen Magen erreicht, da beginnt der ungute Signale zu versenden. Minuten später überschreitet das Magenweh die Schwelle von bloßer Wahrnehmung zur Sorge. Im weiteren Verlauf pflanzt sich die schmerzende „Druckwelle“ durch den kompletten Bauchraum nach unten fort. Ein Malheur, das mir in dieser Ausprägung neu ist.

Eine Mini-La-Ola-Gruppe (dankbares Handzeichen in ihre Richtung, immerhin ist es schon halb eins …) passierend und talwärts renne ich auf die nächste Ortschaft zu. Das muss die Stadt Erbach sein, mit dem laut Läuferbesprechung steilen, dafür kurzen Schlossberg. Es dauert noch ein paar Minuten, dann bremst der angedrohte Buckel alle Schritte. Doch wieder fällt die Steigung weniger heftig aus, als ich befürchtete. Ohne Probleme und mit wenig erhöhtem Puls bewältige ich die etwa dreihundert Meter. Dann nach links und über einen Spazierweg gemütlich bergab. Verlassene Wohnstraßen ziehen vorbei, schließlich überqueren wir die gut gesicherte Bundesstraße 311 in Höhe eines Kreisverkehrs. Ich erkenne die Stelle wieder: Vor ein paar Wochen kamen wir hier auf der Fahrt nach Tuttlingen zum Donautal Marathon vorbei.

Durch Bäume dringt ein Lichtschein, dazu Lärm aus Lautsprechern. Kurz darauf laufe ich über die Tartanbahn des Erbacher Stadions und setze gedanklich einen Haken hinter der 20 km-Marke. Vor der Gegentribüne hat man einen üppigen Versorgungspunkt eingerichtet. Meine Bauchschmerzen sind etwas abgeflaut. Trotz verkorkster Eingeweide zu trinken ist ohne Alternative. 80 Kilometer übersteht keiner laufend ohne Flüssigkeit. Also greife ich wieder zu Iso, trinke auch einen Becher Wasser und esse ein kleines Stück Marmorkuchen. Vielleicht hilft ja ein wenig feste Nahrung!?

Laaaange auf Asphalt geradeaus, dann eine kaum wahrnehmbare Linkskurve und wieder laaange geradeaus. Rechts ein halbhoher Damm, wie von einer Bahnlinie. Ich habe keinen blassen Schimmer, wo ich hier bin. Nach einer Weile kommt mir die Idee an der Basis eines Hochwasserdamms entlang zu laufen, schließlich kann die Donau nicht weit sein. Von der Sorge über die neuerlich heftig aufgeflammten Magenschmerzen abgesehen, bin ich guter Dinge. Wundersamer Weise! Wer mich kennt weiß: Ich mag die Dunkelheit nicht, kämpfte beispielsweise in Biel 2007 gegen depressive Verstimmungen, die erst das Tageslicht verscheuchte. Warum ist das heute anders? Macht das der Sternenhimmel? In Biel war’s regnerisch und stockfinster. Hier laufe ich häufiger durch Ortschaften und manchmal steht auch ein rötlicher Lichtschein der Großstadt Ulm über dem Horizont.

Ich folge den vereinten Lichtkegeln eines laufenden Paares und unterstelle Zusammengehörigkeit, wo gar keine besteht. Als der ältere, hagere Läufer nach einigen Minuten die Dame achtlos hinter sich lässt, erkenne ich meinen Irrtum. Ich bleibe dran, denn sein lichtstarker Strahler macht meine Funzel überflüssig. Seite an Seite laufend scheint er mich zu mustern: „Ah! Da läuft einer mit Handschuhen. Ist ja auch recht kühl heut’ Nacht!“ Ich brumme zustimmend, weil mir keine Idee für eine Konversation in den Sinn kommt und ich momentan an nichts anderes als meinen schmerzenden Wanst denken kann.

Das Ende der langen Gerade liefert die Bestätigung: Via Staumauer überqueren wir die Donau. Deutlich vernehme ich von rechts, aus betonierter Masse des Bollwerks, das Vibrieren der Stromerzeuger. In finsterer Tiefe links rauscht Wasser, das vor Sekunden seine Energie auf Turbinenschaufeln übertragen hat. Unweit des Kraftwerks steht die nächste Tränke: Wieder schütte ich Iso in mich rein und hoffe auf Besserung. Wir überqueren eine vierspurige Straße, ein paar Autos donnern mit einem Affenzahn vorbei. Vergeblich konsultiere ich meine innere Landkarte: Hier gibt’s doch nirgendwo eine Autobahn!? Die A7 verläuft viel weiter im Osten!?

Felder und Waldstücke wechseln sich ab. Die Zeit beginnt sich zu dehnen. Kilometer um Kilometer hinterlässt kaum Erinnerungen – einfach, weil sich außer dem Boden unter meinen Füßen und einem Streifen aschfahler Natur zu beiden Seiten nichts ereignet. Draußen. Drinnen vollführen die Kobolde der Nacht rhythmische Tänze in meinen Eingeweiden. Und immer derselben Choreographie folgend: Brühe rein, dann Magenschmerz, aufwallend, sich nach unten verlagernd, anhaltend, nur langsam abklingend. Verflucht! Ich kann doch keine 70 Kilometer mit solchen Beschwerden laufen, auch wenn sie mich derzeit noch nicht bremsen!?

Nun jag ich euch und führ euch kreuz und quer
Durch Dorn, durch Busch, durch Sumpf, durch Wald.
Bald bin ich Pferd, bald Eber, Hund und Bär,
Erschein als Werwolf und als Feuer bald,
Will grunzen, wiehern, bellen, brummen, flammen
Wie Eber, Pferd, Hund, Bär und Feuer zusammen.

Ich laufe und laufe, meist mutterseelenallein. Längst habe ich mir angewöhnt bei jedem Richtungswechsel nach Markierungen und Pfeilen Ausschau zu halten. Nach minutenlangem Geradeaustrab bin ich auch mal froh über ein gelbes Band an einem Ast, einen Pfeil auf Asphalt oder einen der winzigen orangefarbenen Leuchtkörper im Gras, um die aufwallende Unsicherheit auszulöschen. Mal wieder eine Ortschaft, Unterkirchberg. Von links Remmidemmi, wummernde Musik und wabernde Leuchteffekte in einem Haus. Disco? Private Party? Ein paar Meter weiter wartet Flüssiges. Hinein damit und schon brüllt mein Magen wieder: „Jucheißa, juchhei, wie schön ist der Mai!“

Wieder schwarze Nacht, wieder laufen, wieder und wieder Zweifel auf dem richtigen Weg zu sein. Dann quer über eine gesicherte Straße, vorbei an Stallungen und bergauf … gar nicht mal so sanft. Hinter einer Kehre die Ortstafel: Illerkirchberg. Gut zu wissen, warum so ein Dörfchen den „Berg“ im Namen führt. Höfe ziehen vorbei, liegen verlassen im Schein der Straßenbeleuchtung. Mensch und Tier schläft um zwei Uhr morgens. Nur verirrte Seelen und zwielichtiges Gesindel schleichen um diese Zeit umher. Abzweig links: Schon wieder eine Verpflegungsstelle stöhnt mein Bauch. Hier ist das Angebot größer, also probiere ich es mal mit einer Mixtur aus Cola und alkoholfreiem Bier. Mit dem Becher in der Hand gehe ich ein paar Meter weiter. „Bist du der Udo aus Augsburg?“ Ich gebe mich zu erkennen und mustere den Zuschauer. Hoffnungslos. Entweder hat langes Laufen die Türen zu meiner Erinnerung bereits verriegelt oder ich bin ihm noch nie begegnet. Er gratuliert zur bisher guten Laufzeit und wünscht mir viel Erfolg für den Rest, äußert ansonsten keine Silbe hinsichtlich seiner Identität. Danke! Und ab.

Die Nacht, die uns der Augen Dienst entzieht, Macht, daß dem Ohr kein leiser Laut entflieht.

Laufen … seit geraumer Zeit orientiert sich der Weg am Flussufer. Laufen … Auwald, als schwarze Mauer links, eine dunkle, ziemlich breite Rinne rechts. Laufen … das muss die Iller sein. Von der höre ich dann und wann leises Glucksen, kaum wahrnehmbare Fließgeräusche. Laufen … nicht einen Lichtreflex von bewegten Fluten gönnt sie mir. Laufen … schier end- und lichtlos geradeaus. Laufen … ein Stück der Ewigkeit verrinnt. Laufen … weit und breit kein Mensch. Ich bin allein. ‚Wenn nur diese verfluchten Bauchschmerzen nicht wären! Das muss doch mal besser werden!?’ Laufen … immer weiter laufen. Eigentlich sollte ich auf den nächsten 20 Kilometern, flach an Iller und Donau entlang, das Tempo verschärfen, Kampfgeist entwickeln, mich wie einen Galeerensklaven zu schnellerer Gangart peitschen. Doch dieses ziehende, drückende, blähende Brodeln im Leib zu ertragen verschlingt einen Großteil meiner Willenskraft. Mit dem Rest halte ich Kurs. Laufen …

Noch immer Iller, noch immer Finsternis, noch immer Bauchweh. Kilometer 40 hat den Wettkämpfer in mir besänftigt, mit 3:37 h liege ich blendend in der Zeit. Ein lichtloser Forstweg bringt mich weg vom Fluss. Schön nach längerer Zeit wieder Helligkeit aus fremder Quelle zu sehen. Wenig später schält sich – wie erwartet – die Klosteranlage Wiblingen aus dem Dunkel. Kurz folge ich der mannshohen Außenmauer, gelange alsbald durch das Haupttor in den blendend hell erleuchteten Klosterhof. Fast in der Mitte des großen Areals steht ein Verpflegungsbüffet, verloren wie ein vergessener Flohmarktstand. Ich labe mich stehend, blicke rundum. Das architektonische Zentrum der Klosteranlage bildet die Schmalseite des aus beige-grauen Steinen erbauten Kirchenschiffs. Dessen Dach überragt die eckigen, scheinbar zu kurz geratenen Türme. Eher Erker denn Turm, erwecken sie den Eindruck, als wäre dem Steinmetz beim Bau das Material oder den Mönchen das Geld ausgegangen. Beidseits grenzen in Altrosa getünchte Fronten der Klostergebäude fugenlos ans Kirchenschiff. Hier war ich schon einmal, gleichfalls laufend, anlässlich des Ulm Marathons 2006. Es gelingt mir nicht die blassen Bilder der Erinnerung mit den heutigen zur Deckung zu bringen. Egal. Diagonal über den Klosterhof und durch eine Seitenpforte trabe ich vom Licht ins Beinahedunkel und verlasse die Anlage via Klostergarten.

Wald, Wald und dann zurück ans dunkle Ufer der Iller. Neuerlich laufen, laufen … laufen mit schmerzendem Bauch. Vor mir spannt sich eine Brücke über den Fluss. Ein paar Autos rasen hin, ein, zwei Laster dröhnen her. Drunter durch und weiter. Nächste Brücke, still, verlassen wirkend, kaum erhellt. Ein Lichtschein huscht drüber her und wenig später hieve auch ich mich in steilem Zirkel auf Brückenniveau. Über die Iller und am Ende der Brüstung scharf nach links und hinunter. Bekannt! Auch diesen Weg, mit den gemeinen Kieselsteinen, die meine Füße malträtierten, habe ich 2006 bereits abgemessen. Niemand tat mir seither den Gefallen die Steine auszubuddeln. Also erneuern sie jetzt die exzessive Fußmassage …

Die tolle Jagd, sie macht mir weh und bange;
Je mehr ich fleh, je minder ich erlange.

Unerträglich langsam verrinnt die Zeit und der Uferweg zieht sich wie Kaugummi. Es dauert lange, bis ich die Veränderung realisiere. Nicht Raum und Zeit dehnen sich aus, Schwäche hemmt meine Schritte. Vor längstens einer Viertelstunde war noch alles in Butter. Wahrscheinlich unterdrückte das eklige Bauchweh jede andere Wahrnehmung. Was ist bloß los? Zugegeben: Bisher war ich ziemlich flott unterwegs, erreichte die unsichtbare Marathonmarkierung nach etwa 3:49 h. Sollte mir die schnelle erste Hälfte bei 80, 90 Kilometern den Saft abdrehen, brauche ich nicht nach Gründen suchen. Doch jetzt, kurz hinter Marathondistanz, darf bei dieser Pace noch keine Ermüdung spürbar sein! Was um Himmels Willen ist mit mir los?

Die Mündung ist erreicht. Dreißig Meter querab vereinigen sich Iller und Donau. Längst trabe ich wieder auf glattem Asphalt, alle paar Meter durchzogen von Wellen und Narben. So mengen sich meinem Lauf immer mehr torkelnde, schlingernde Elemente bei. Einmal strauchele ich sogar. Die Schwäche ist keine Sinnestäuschung, sie nimmt zu. Mein Bauch fühlt sich an als stünde er kurz vorm Bersten. Plötzlich ist sie da, die schlimme Idee, zuckt durch meinen wehrlosen Kopf, überrumpelt mich. Ein Gedanke mit dem ich mich bisher nie, nicht mal ansatzweise, zu befassen brauchte: Aufgeben? Im Donaustadion bei Kilometer 50 abbrechen?

Wie matt! wie krank! Zerzaust von Dornensträuchen, Vom Tau beschmutzt und tausendfach in Not: Ich kann nicht weitergehn, nicht weiterschleichen;

Es geht mir schlecht! Aber wie schlecht? Ich verfüge über keine innere Skala an der ich ablesen könnte, wie schwer mein Problem wiegt. Mit der Mischung aus entsetzlichem Bauchschmerz und schlappen Beinen habe ich keine Erfahrung. Stehen die beiden Symptome miteinander in Verbindung? Gibt es eine Abhängigkeit? Wie lange werde ich noch in dem Tempo laufen können? Wie lange überhaupt? Was Ausdauer und Schmerzen beim Laufen betrifft, verfüge ich über eine schier grenzenlose Leidensfähigkeit. Demnach muss es schlimm um mich bestellt sein, wenn sich unvermittelt der Gedanke ans Aufgeben in mein Bewusstsein drängt. Schritt um Schritt stolpere ich in tiefere Verzweiflung.

Zum Glück schenkt mir die Umgebung gerade jetzt ein wenig Abwechslung. Per Fußgängerbrücke gelange ich zum nördlichen Ufer, auf die Ulmer Donaupromenade. Malerisch ducken sich die historischen Bürgerhäuser hinter der schützenden Stadtmauer. Der beleuchtete Turm des Ulmer Münsters überragt die Szene, lugt herüber, als wolle er sich nach meinem Befinden erkundigen. Schlafende Stadt in mildem, heimeligem Licht. Fehlt nur noch ein Nachtwächter mit Laterne und Hellebarde, der mit monotonem Singsang die nächtliche Stunde verkündet. Ein herrlicher Anblick, das alte Ulm. Aber wie hieß es doch bei der Läufereinweisung: „Eine tolle Promenade für alle, die das dann noch genießen können …“ Ich nehme die Bilder auf, speichere sie, aber genießen? Weniger als das: Sie sind mir von Herzen gleichgültig. Das gilt auch für die Donau zu meiner Rechten, deren Fluten nach dem Uferweg und mir zu lecken scheinen. Die ergiebigen Regenfälle der letzten Zeit haben den Pegel bis knapp unter Uferniveau anschwellen lassen. Wilde Wirbel und Stromschnellen beherrschen die trübe Flut. Ein Schwanenpaar mit Jungen dümpelt im ruhigen, ufernahen Wasser, beäugt mich wachsam und mit stummem Unverständnis. Weiter, ich muss weiter, vorwärts.

Denn nie kann etwas ganz und gar verfehlt sein,
Was Einfalt und ein treuer Sinn uns bringt.

Bald werde ich ins Donaustadion einlaufen, den Fünfziger voll machen. Und wieder: Wäre es nicht besser, sinnvoller, gesünder, VERNÜNFTIGER dort aufzuhören. ‚Bestimmt kommen Abbrecher in die 50 km-Wertung. Das ist doch auch was wert!’ Die Überlegung allein ist Beleg für ein wahrhaft dramatisches Problem. Ich erreiche die Stadionstraße; wäre fast geradeaus ins Dunkel weiter getappt; erkenne im letzten Moment die gelben Pfeile auf dem Boden; sie weisen nach links. Ich schleppe mich an der Längsseite des Stadions entlang. Mehrere Leute in Sportbekleidung sind hier unterwegs. „Halbe Distanz geschafft! Super Zeit! Weiter so!“ ruft mir plötzlich einer zu. Wenn der wüsste, wie besch… ich mich fühle. Dann laufe ich seitlich der Haupttribüne ins Stadion, betrete die Tartanbahn und sehe gegenüber den 50 Km-Zieleinlauf, zugleich Wechsel und Verpflegungsstation. Auf der halben Stadionrunde dorthin setzt mir die Verzweiflung gnadenlos zu. Nicht etwa, da der Moment des Scheiterns näher rückt. Vielmehr wird mir auf diesen Metern klar, dass ich genau das nicht tun werde: Aufgeben. Also schnappe ich mir einen Becher, schlucke und setze mich wieder in Bewegung. Wie nennt ihr das? Unvernunft? Sturheit? Durchhaltevermögen? Findet ihr schlimmere Worte?

Vernunft ists, die des Mannes Willen führt. –
Vernunft sagt, dass der Vorrang Dir gebührt!

Ich verlasse das Stadion durch das Marathontor und verstecke mich im Dunkel der parkähnlichen Umgebung. Mir ist als müsste ich mich schämen, als tuschelten sämtliche Kobolde und Elfen ringsum über meine Dummheit. Binnen weniger Minuten erreiche ich das Donauufer und wechsele auf die Neu-Ulmer, die bayerische Seite. Dort ist die Schwerkraft auch nicht niedriger als in Baden-Württemberg. Aber noch laufe ich. Wie lange noch? Einen taktischen Entschluss zu fassen bin ich noch fähig: Erst einmal nichts mehr trinken! Vielleicht beruhigt sich mein Magen dann. Außerdem gilt es sich mit dem Unabänderlichen zu arrangieren und das Ziel neu zu formulieren. Von der angepeilten 10-Stunden-Frist habe ich mich bereits vorzeiten verabschiedet. Aber es wird schlimmer kommen, ich werde gehen müssen. Spätestens hinter Kilometer 60, wenn wieder Höhenmeter anstehen. Gehphasen über mehrere Kilometer scheinen mir zu diesem Zeitpunkt so sicher, wie Hitze im Sommer und Kälte im Winter.

Gut, zieh nur hin! du sollst aus diesem Walde
Nicht eher, bis du mir den Trotz gebüßt.

Einstweilen quäle ich mich vorwärts, bündele alle Willenskraft in einer Pflicht: Weiter laufen, nicht stehen bleiben! Weiter laufen! Weiter laufen! Irgendwann, nach unglaublich langer Zeit, endet das bebaute Donauufer und ich schlüpfe in dichten Uferwald. Schwärze umfängt mich, reißt mich aus der Welt ins Nichts. Wann fühlte ich mich je so verlassen? Wann je so verzweifelt? Und überhaupt: Was für einen Sinn hat das? Warum tue ich mir das an? Stumpf brütend, auf wackeligen Beinen trotte ich durch den Forst. Manchmal denke ich simple Sätze wie „Jetzt muss es bald hell werden!“ oder „Die Stirnlampe hält durch!“ Sie beschreiben positives Geschehen, transportieren ein Quäntchen Zuversicht. Vielleicht brauche ich das, um die Ausweglosigkeit meiner Situation weiter ertragen zu können.

Der verfluchte Uferweg will und will kein Ende nehmen. Steinig ist er, unangenehm zu laufen. Dann und wann habe ich das Gefühl als zöge sich mein Gesichtskreis zusammen, als liefe ich durch eine Röhre oder einen engen Tunnel. Da vorne spazieren zwei. Kobold und Elfe? Nein, Mann und Frau – Läufer. Trabe vorbei und höre: „Na dann noch viel Spaß!“ Ist das ironisch gemeint? Dann ruft mir die Frau noch etwas hinterher. Eindeutig eine Frage. Aber ich verstehe nicht und finde auch keine Kraft, um gegenfragend aufzuklären. Stumm und stur halte ich Kurs. ‚Was müssen die beiden von mir denken? Sie können ja nicht wissen, wie besch… es mir geht!’ Schamvolle Sätze zu denken schaffe ich noch, Scham zu empfinden nicht.

Hier bin ich, und wild wallt mein Blut in diesem Wald ...

Ich weiß nicht, wie ich es zu Wege bringe immer noch zu laufen. Noch weniger, wozu. Wahrscheinlich nur, um mir selbst die Enttäuschung einer Niederlage zu ersparen. Um nicht wochenlange Analysen über die Gründe des Versagens anstellen zu müssen. Ich fände keine Vergleiche, noch Bilder oder Worte, um die Qual dieser Minuten nachfühlbar zu beschreiben. Es ist ganz und gar übel. Getrunken habe ich nicht mehr. Ließ ich zwei Stationen aus, nur eine oder drei? Weiß nicht. Magen und Darm haben sich ein wenig beruhigt und ich beschließe es bei nächster Gelegenheit mit einem meiner Gels und Wasser zu versuchen. Der Entschluss ist kaum gefasst, da stehe ich auch schon vor einem Verpflegungsstand. Mitten im Wald, mitten im Nichts. Wie von der guten Fee mit einem flinken „Poff!“ als einen von drei Wünschen materialisiert. Aber die Fee ist männlich und spricht mit rauer Stimme. Fahrig nestele ich ein Beutelchen hervor, rupfe, reiße, drücke, schlucke. Schnappe einen Becher Wasser, spüle nach, greife mir einen zweiten und trinke im Davongehen. Schließlich trabe ich wieder an, nun schon wie ein alter, fußlahmer Gaul.

Doch zaudre nicht! Sei schnell vor allen Dingen!
Wir können dies vor Tage noch vollbringen.
O träge, lange Nacht, verkürze dich!
Und Tageslicht, laß mich nicht länger schmachten …

Während der nächsten fünf Kilometer vollziehen sich zwei entscheidende Veränderungen. Eine innere, die ich zunächst nicht realisiere und eine äußere, die meine Augen begrüßen. Der neue Tag bricht an. Der ewige Uferlauf endet abrupt vor Kilometer 59. Wenig später finde ich mich auf einem Radweg und am Ortseingang von Oberelchingen wieder. Streckenposten grüßen mit einem freundlichen „Guten Morgen!“. Seltsamerweise grüße ich zurück. Vor einer halben Stunde wäre ich dazu kaum fähig gewesen. Es geht mir besser. Magen und Darm rumoren nicht mehr ganz so schlimm. Wie es scheint war meine Taktik „Trinkpause danach Gel-Wasser-Gemisch“ erfolgreich. Vor allem fühle ich mich kräftiger. Ich trabe durch Oberelchingen, am Fuß jenes Berges, vor dem ich mich seit Stunden fürchte. Hinter Kilometer 62 wird es ernst werden. Rauf und … gehen. Ich denke bewusst daran, wappne mich, weil „Gehen-Müssen“ für mich eine Demütigung bedeutet. Gerade entfaltet der stolze, eitle Vogel aufs Neue seine Schwingen. Da möchte er sie nicht sogleich wieder gestutzt bekommen. ‚Kein Marathon mehr! Nicht mal vierzig Kilometer!’ Der Gedanke macht mir Mut. Vielleicht endet der Wettkampf ja doch nicht im totalen Desaster.

Hinter einer Bushaltestelle nach links und bergwärts. Wenig Steigung zunächst. Kein Problem. Dann nach rechts und … vor mir bauen sich die steilsten zweihundert Meter des ganzen Kurses auf. ‚Lauf! Lauf so lange es geht!’ weise ich mich an. Ich verkürze die Schritte und trabe, verkürze abermals und steppe aufwärts. Es geht! Die Kraft ist wieder da! Vollkommene Verblüffung. Schließlich noch die steilen Serpentinen eines Fußweges hinauf. Unglaublich! Ich schaffe das ohne Probleme LAUFEND!?? Wie kann das sein? Verwirrung und Freude liegen sich in den Armen. Nun zwischen Feld und Wald auf einer grasigen Pfadspur sanft bergan. Auf der Hügelkuppe lugt die Klosterkirche Oberelchingen zwischen Bäumen hervor, noch von Strahlern effektvoll beleuchtet. Augenblicklich fällt mir meine Digicam in der Gesäßtasche wieder ein. Stehen, nesteln, zupfen, zerren, kramen. Ein Bild Richtung Morgendämmerung. Jetzt eins von der Kirche. Nicht zu fassen: Kurz bevor ich die Kamera auf das Objekt richte, erlöscht die Beleuchtung der Kirche. ‚Na dann eben ohne Leuchteffekt!’ denke ich trotzig und drücke auf den Auslöser.

Oberelchingen liegt hinter mir. Von der nahen Autobahn A8 dringt Verkehrslärm durch ein Gehölz, mal stärker, mal schwächer. Um der Liste der Gebrechen ein weiteres hinzuzufügen: Mein linkes Auge „spinnt“ seit einer Weile. Zunehmend trübt sich die Linse ein. Das ist wie der Blick durch eine einseitig verschmierte Sonnenbrille. Allerdings beunruhigt mich der Vorgang nicht, weil ich ihn von einigen früheren Läufen kenne. Eine Augenärztin runzelte seinerzeit ihre gelehrte Stirn, fand im Übrigen jedoch weder eine Erklärung noch krankhafte Veränderungen. Also hinnehmen, aushalten und weiterlaufen. Am Rand des Waldstücks wendet sich der Weg südwärts, talwärts und ich werde schneller. Kilometer 65 und ich liege gut in der Zeit. Wenn es mir gelänge, die restliche Strecke im Sechserschnitt zu absolvieren, käme ich mit etwa 9:50 h ins Ziel. Was soll ich machen? So bin ich nun Mal. Kaum von den Toten auferstanden, fordere ich schon wieder mehr von mir. Skepsis bleibt, aber ich beginne wieder auf eine Laufzeit unter zehn Stunden zu hoffen …

Wir passieren einen großen Aussiedlerhof und verlieren entlang des Ortsrands von Thalfingen rasch an Höhe. Die langen Schritte auf Asphalt tun weh, dennoch zwinge ich mich das Tempo noch zu steigern. Wenn nicht auf solchem Geläuf und abwärts Boden gut machen, wann dann? Kaum unten kämpfe mich am Gegenhang, zunächst im Wald, später durch Fluren, wieder nach oben. Eine sanfte Steigung, das ist gut, aber laaaaang und zehrend, das kostet Körner. Und die Wege sind … na ja … nicht wirklich fußfreundlich. Aber was soll’s: Törichte Zeitgenossen, die zu einem Hundertkilometertrail in Wettkampfschuhe schlüpfen, gehören ohnehin bestraft – eine Art natürliche Auslese. Ich beiße die Zähne zusammen und halte ein beachtliches Tempo. Erstmals seit dem Start wallt auch ein wenig Wärme durch meinen Körper. Kurz entschlossen streife ich die Handschuhe ab und klemme sie hinter den Hosenbund. Dass mich das beulig drüber fallende Träger-Shirt „unvorteilhaft kleidet“, hätte mich gestern Abend noch eitel nach Alternativen sinnen lassen, ist mir jetzt aber schnurz. Elterliche Sparsamkeitserziehung verhindert, dass ich die Dinger augenblicklich wegwerfe, auch wenn sie einst nur fünf Mark gekostet haben.

Die Sonne geht auf! Wolkenformationen zerschnippeln und verdecken den kleinen, roten Ball großenteils, aber ein Foto ist mir dieser wunderbare Moment allemal wert. Einen Steinwurf von der Autobahn entfernt tauche ich unter der stark befahrenen Ausfahrt „Ulm Ost“ hindurch und arbeite mich am Waldrand vorwärts. Im Wald und mit wachsender Entfernung ebbt der Lärmpegel ab. Auf nahezu ebenem Forstweg wird mir bewusst: Der zweite Hundert-Höhenmeter-Anstieg ist geschafft und ich laufe immer noch.

Ort der Szene: Ein Versorgungspunkt zwischen Forst und Wiese, kurz vor Kilometer 70. Requisiten: Ein Auto, ein Campingtisch, diverse Behälter und Flaschen. Darsteller: Ein älterer Herr, ein unbekannter Mitläufer und ich. Handlung: Nach spontanem Entschluss verleibe ich mir eine weitere Ration meiner wertvollen Gel-Reserve ein. Der Helfer reicht mir einen Becher Wasser, danach einen zweiten. Außer zur Entgegnung auf sein freundliches „Guten Morgen!“ kriege ich wieder Mal die Zähne nicht auseinander. Während ich noch trinke und mich bereits zum Gehen wende, kommt ein Mitläufer hinzu und erkundigt sich, ob der Stand „privat“ betrieben wird. Der ältere Herr bejaht und meint: „Das machen wir gern, weil wir wissen, wie hart so ein Lauf ist.“ Wieder ein paar Leute, die sich zum Wohle anderer und für lau die Nacht um die Ohren schlagen und ich Stoffel hätte mundfaul das Weite gesucht. Mit einem ausgesucht freundlichen „Dankeschön!“ lasse ich den Becher in den bereit stehenden Karton fallen und mache mich wieder auf den Weg …

„Sssssttt!“ und „Schschummm!“ … „Schschummm!“ und „ssssttt!“ … das Geräusch vorbei rasender Fahrzeuge schwillt langsam an. Ich halte auf eine Brücke über die A8 zu, bin drauf und drüber weg. Auf schmalem Asphaltband parallel und in Sichtweite zur Autobahn geht’s weiter, sanft auf-, danach flott abwärts. Zum Glück hat der Wind verschlafen, denn hier ungeschützt zwischen Feldern und gen Westen trabend hätte er leichtes Spiel. Übrigens habe ich mir schon vor geraumer Zeit meine Handschuhe wieder über die kältestarren Finger gezogen. Danke Mama! Danke Papa! für die strikte Unterweisung in Sparsamkeit! Dann ein scharfer Knick nach Süden und wieder bremst mich eine mäßige Steigung. Ich weiß, das wird so bleiben. Ebene Abschnitte wird es auf den verbleibenden 25 Kilometern kaum mehr geben. Kurzer Fotostopp: Bäume und Wolken vor tief stehender Sonne. Die Sehstörung auf dem linken Auge nervt inzwischen beträchtlich, der milchige Bereich hat sich erweitert. Egal. Es ist nicht mehr dunkel und ich werde ankommen! Vielleicht sogar laufend und – wer weiß – womöglich unter zehn Stunden.

Zickzack auf der Ulmer Alb, zuletzt über eine Bahnlinie. Schon trabe ich durch das wie ausgestorben wirkende Jungingen. Wer sagt Schwaben seien fleißig? Na gut, Samstagfrüh um halb sieben sitzen auch Schwaben allenfalls beim Frühstück. Apropos Frühstück: Meins besteht heute aus zwei Bechern Cola vor einer Scheune in Jungingen. Offenbar wurde ich mittels Startnummer oder Vereinstrikot identifiziert. „Das ist also der Udo!“ meint ein Mitläufer in roter Jacke. Seite an Seite verlassen wir die Tränke und traben aus dem Ort. Dabei lobt er unsere Internetseite über den Klee, benutzt Superlative, die mir den Morgen noch sonniger gestalten. Ein paar Minuten tauschen wir uns über Zipperlein aus, seine und meine. Und schließlich: „Wirst du noch einen 24-Stundenlauf bestreiten?“ „Ganz sicher nicht dieses Jahr!“ antworte ich wahrheitsgemäß und ergänze ächzend: „Wer weiß ob jemals wieder, wenn ich sehe wie hart das hier schon ist!“

Ein zauberhafter Blick ins Tal, über Ulm und sein spielzeugkleines Münster, schreit nach Fotos und mein Begleiter zieht davon. Wieder allein arbeite ich mich durch ein Gewirr aus Gewerbegebieten, Straßen und Brücken – drüber weg und drunter durch, aufwärts, abwärts, hin und her – und verliere völlig die Orientierung. Unverhofft trabe ich auf ein Bollwerk mit gewaltigen Ausmaßen zu. Gedrungene, monströse Türme – fast so dick wie hoch –, wehrhafte Mauern, davor breite, tiefe Gräben. Es handelt sich um die Wilhelmsburg oder Wilhelmsfeste, Teil der Bundesfestung Ulm. Sagt mir heute und hier gar nix, ist mir heute und hier auch wurscht. Dennoch staune ich heute und hier, dass mir die Existenz einer derart bombastischen Festungsanlage bisher verborgen blieb. Nach Recherchen im Internet staune ich eher über die Naivität der deutschen Krieger des 19. (!) Jahrhunderts, die sich vom Neubau solcher „Burgen“ noch Sicherheit versprachen.

Im Graben vor der Festungsmauer wird die 80 km-Zwischenzeit genommen (7:43:25 h). Hinter der Zeitnahme gibt’s Getränke. Gehend leere ich meinen letzten Becher und schieße ein paar Fotos. „Hallo Udo!“ Plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, steht Flo neben mir. Wir kennen uns vom Schwäbischen Alb Marathon und von vielen E-Mail-Kontakten. Für ein paar Schlucke, diverse Sätze und einige Sekunden marschieren wir gemeinsam durch den Festungsgraben. Flo hat den 50er absolviert (und gewonnen, wie ich zu Hause erfreut feststellen darf). Abschied und antraben. Raus aus der Festung, sofort bergab, bergauf, durch Wald und wieder bergab und wieder bergauf. Mehrmals und anstrengend. Im Streckenplan heißt diese Passage „Achterbahn“. Jetzt weiß ich warum. Was ich nicht weiß, ist, woher ich noch immer die Kraft zum Laufen nehme. Kein Vergleich zum „untoten“ Zustand vor gut zwei Stunden.

Die Achterbahn ist Geschichte. Nach Durchschreiten der Talsohle trabe ich langsam, stetig aufwärts. Anzahl und Höhe der Hänge und Hügel des Schlussteils konnte ich mir unmöglich einprägen. Zu viele stehen mir noch bevor, was meine Zuversicht und mein wiedererstarktes Selbstvertrauen jedoch nicht erschüttert. Was für ein Unterschied zu dem verzagt am Iller- und Donauufer entlang schleichenden Hasenfuß der vergangenen Nacht … Da vorne, am Ortsrand von Lehr steht Ines! Winkt wie wild! Unfassbar! So früh hatte ich sie nicht erwartet. Sie muss mitten in der Nacht aufgestanden und von zu Hause aufgebrochen sein. Fantastisch! Mein Herz schlägt einen Purzelbaum. Ich reiße mir die Stirnlampe vom Kopf und bin das Ding endlich los. Mit kurzen Stakkatosätzen informiere ich: Bauchweh – jetzt besser, aber nicht weg – schlimme Schwäche zwischen 45 und 60 Km – jetzt hart, aber erträglich. „Vielleicht läufst du zu schnell!“ meint Ines besorgt. „Geht schon!“ sage ich nur und laufe beseelt weiter. Alles in Allem setzt die Begegnung ein Energieäquivalent von gut und gerne drei Gel-Portionen in meinem Stoffwechsel frei …

So reiften spät in mir des Geistes Gaben.
Erst jetzt, da ich am Ziel des Mannes bin,
Wird die Vernunft des Willens Führerin

Hinter Lehr aale ich mich in der Morgensonne. Endlich hat sie die Wolkenreste besiegt und wärmt. Die Handschuhe verschwinden abermals und endgültig im Hosenbund. Längst funktioniere ich wieder als Wettkämpfer. In Höhe der 85 Km-Tafel nehme ich die Zeit und überdenke die Chancen: Ungefähr 8:17 Stunden sind verstrichen. Also immer noch 13 Minuten Vorsprung auf den Sechserschnitt. Wenn ich bei 90 Kilometer immer noch knapp drunter liege, werde ich meine Wunschzeit packen! Auch diese Erkenntnis pumpt Adrenalin durch die Adern, lässt mich ein Weilchen fliegen. Zwei Minuten später, in der so genannten „Mördersenke“, stöhne ich schon wieder. Humor haben die Herren Organisatoren reichlich. Jeder Schritt der Schussfahrt auf Asphalt fährt mir durch Mark und Bein. Erst spät erkenne ich die ganze Wahrheit: Senke bedeutet runter und dann wieder … rauf. Und ich wuchte mich rauf, kämpfe hart und weiß längst wieder wofür. Na toll: Jetzt auf steinigen (Aua!), merkwürdig breiten Fahrwegen durch eine ansonsten unangetastete Heidefläche. Breite, stark befahrene Wege in ursprünglicher Natur? Wo gibt’s denn diese Kombination? Ein Truppenübungsplatz der Bundeswehr, was sonst. Eine Kuppe reiht sich an die nächste, booaaah ist das hart. Es ist wärmer geworden und ich beginne tatsächlich zu schwitzen.

Noch ’ne Senke und neuerlich auf eine Ortschaft zu. Mähringen muss das sein. Rein, rechts rum, wieder raus, links rum, wieder rein, rechts rum: Da steht ein Verpflegungsstand, die herrliche 90 Km-Tafel und … Ines! Oh wie schön. Gel und Wasser rein, Handschuhe an Ines übergeben, gute Wünsche empfangen und ab auf die letzten zehn Kilometer. Blick zur Uhr: 8:45 Stunden! Wahnsinn! Es wird klappen und das nach diesem Drama. Alles andere scheint mir dagegen unbedeutend. Müdigkeit und leichte Bauchschmerzen ebenso, wie der Umstand, dass mein linkes Auge sich nun vollständig abgemeldet hat. 91 Kilometer. Ach ja, ab jetzt werden wir alle tausend Schritte mit einer Tafel belohnt. 92 Kilometer. Ich folge einem Läufer, Abstand konstant. ‚Die müssen zuviel Geld in der Gemeindekasse haben!’ Zwischen Feldern und sonst nix, verläuft ein mit Ziersteinen gepflasterter (!) Weg. Unglaublich. Warum nicht gleich eine 24-Karat-Goldauflage? Mann mit Hund (wunderschöner Collie) auf Gassi-Gegenkurs. Auf die Straße, Stückchen dran entlang und kurz vorm Dorf nach links, geehrt von einem Transparent: „Bollingen grüßt die Läufer der langen Ulmer Nacht“.

93 Kilometer, dahinter eine Tränke. Entschluss: Hier noch zwei Becher Cola und dann nix mehr! Die schwierigsten Bodenverhältnisse haben sie uns für den Schluss aufgehoben. Erst knubbeliges Gras – ich torkele wie ein Betrunkener – dann abwärts über einen steinigen Trampelpfad – meine Füße brüllen vor Schmerz – in die Sohle eines Geländeeinschnitts. Das blinde, linke Auge erschwert die Sache ungemein. Mir fehlt die Tiefenschärfe, die dritte Dimension. Kuhlen und Erhebungen erscheinen flacher als sie sind. Darunter leidet die Geschicklichkeit müder Beine enorm. Trotz maximaler Konzentration schlappe, schlurfe, schramme, wanke und stolpere durch diese schwierige Passage.

Drüben – wie könnte es anders sein – wieder aufwärts. Gerade verschwindet ein Radler fluchend im Wald. Ich setze hinterher und überhole, kann einfach nicht fassen, woher die Kraft kommt. Eine entsetzliche Tortur – zugegeben. Mittelalterliche Folter war in Teilen sicher erträglicher. Aber ich laufe noch und es wird auch dabei bleiben. Hundert Meter bergwärts, zweihundert … Ich kämpfe. Ich WILL! Stückweit voraus ein Streckenposten, kommt ein paar Meter entgegen. An einem Abzweig hat auch er seinen ganz privaten Getränkestand aufgebaut, kann aber meine Situation nachfühlen: „Du willst nix mehr! Nur noch ins Ziel!“ Ich nicke und brumme und werde mit Aufmunterung weiter geschickt.

Bergab! Ab jetzt bergab bis ins Ziel! 96 Kilometer. Durch das malerische Kiental strebe ich dem Ziel entgegen. Mehr noch: Ich habe mein Tempo forciert, will es nun wissen, will noch ein paar Sekunden gut machen. 97 Kilometer, wunderbar, wie rasch nun die Kilometer vorbei rauschen. „98“ und ein allerallerallerletztes Mal bergan. Dreißig Meter weit. So egal, so unbedeutend, das ist nichts. Der Radler wieder. Nörgelt und flucht, schiebt seinen Drahtesel über den Buckel. Wenn einer kaputt ist, dann der.

Über die Straße, dann über die Blau. Ein Foto flussab- eines flussaufwärts, so viel Zeit muss sein. Und wieder los. ‚Komm gib noch mal Gas!’ Woher kommt die Kraft? Egal, wichtig ist nur, dass sie fließt. Ein Spazierweg entlang der Blau, asphaltiert und dann die „99“. Tausend Meter noch und ein Verfolger im Nacken. Beides mobilisiert letzte Reserven. Rechts ab Richtung Stadion, die Schritte kommen näher. Der Hintermann ist frischer und zieht vorbei, aber er hat auch noch keine 99 Kilometer in den Beinen. Durchs Tor ins Stadion und auf die Bahn, noch 300 Meter. Ich sehe Ines und Roxi im Innenraum und lege einen Zahn zu. Und das geht!?? Dahinter wartet totale Erschöpfung, aber diesen Endspurt gönne ich mir noch. Mir und den Augenpaaren, die mein Finish verfolgen. Gegengerade, Kurve … ‚Komm zieh durch! Und jetzt gib alles!’ Noch achtzig Meter. Ich werde schneller. Noch 50 Meter. Noch schneller und dann die Erlösung … Nach 9 Stunden, 41 Minuten und 32 Sekunden liegen die 100 Kilometer rund um Ulm hinter mir.

Epilog

Es heißt, Freud und Leid lägen dicht beisammen. Die enormen Dimensionen eines Hundertkilometerlaufs relativieren diese Redensart: Erst Freud, dann stundenlanges Leid, letztendlich freudiges Leiden auf vielen Kilometern – darüber wurde die Nacht zum Tag.

Des Menschen Auge hat nicht gehört, des Menschen Ohr hat nicht gesehen,
des Menschen Hand kann nicht schmecken, seine Zunge kann nicht begreifen,
noch sein Herz berichten, was mein Traum war.

Meine Erinnerung ist widersprüchlich. Die Verdichtung des Erlebten in Episoden konterkariert das Wissen um unsägliches, nicht endendes Ringen gegen innere Widerstände. Man kann das geometrisch deuten, da sich eine Strecke – und sei sie noch so lang – aus unendlich vielen Punkten – selbst ohne Ausdehnung – zusammensetzt. Bemüht man Fantasie steckt vielleicht mehr dahinter …

Wenn wir Schatten Euch missfielen,
Denkt zum Trost von diesen Spielen,
Dass Euch hier nur Schlaf umfing,
Als das alles vor sich ging.
Dies Gebild aus Schaum und Flaum,
Wiegt nicht schwerer als ein Traum...

Sportliches Fazit

Die 100 Kilometer rund um Ulm fügen meinem läuferischen Erfahrungsschatz vor allem ungelöste Rätsel hinzu. Zunächst stellt sich mir die Frage nach der Ursache der Bauchschmerzen. Ein paar Indizien (zum Beispiel ein zu mächtiges Abendessen) gestatten zumindest Mutmaßungen. Dagegen tappe ich hinsichtlich der ausgeprägten Schwäche zwischen Kilometer 45 und 60 mindestens so sehr im Dunkeln, wie in der langen Nacht von Ulm. Anfänglich scheinbar in Normalform, dann für mehr als zwei Stunden im Tal der Tränen, um schließlich wie Phoenix aus der Asche aufzusteigen und ein Happy End zu erleben. Ähnliches habe ich nie zuvor verzeichnet und werde es auch hoffentlich nicht mehr erleben.

Es war gewagt, bei Kilometer 50 weiterzulaufen. Gerne beriefe ich mich auf einen Instinkt, der mich handeln ließ, wie ich handelte. Tatsächlich setzte ich den Wettkampf gegen jede Logik und auch meine Überzeugung fort. Wahrscheinlich hätte ich den Lauf abgebrochen, wäre ich mit weniger Erfahrung unterwegs gewesen. Nunmehr 75 (das Jubiläum habe ich doch glatt verpennt) Marathons und Ultras haben mich allerdings gelehrt, dass Durchhalten auch in schier aussichtsloser Situation letztlich zum Erfolg führt. Solche Standhaftigkeit ist stark personenabhängig. Sie setzt einen robusten Körper und mentale Härte voraus, beides in vielen Feuern erprobt. Jedem anderen würde ich abraten ähnliche Sturheit an den Tag (besser: an die Nacht) zu legen.

Veranstaltungsfazit

Besser vorbereiten und durchführen kann man einen 100 Kilometer Rundkurs kaum. Ein gewaltiges Lob also dem ganzen OrgTeam! Im Vergleich mit Biel schneiden die Ulmer deutlich besser ab. Und in Deutschland ist die Veranstaltung fast konkurrenzlos: Mit dem Thüringen Ultra gibt es lediglich eine weitere Veranstaltung, bei der der Hunderter auf einer Schleife absolviert wird. Mit über 2.000 Höhenmetern fällt der Hunderter in Thüringen allerdings eher in die Katergorie Berglauf/Trail.

Die Strecke ist außergewöhnlich anspruchsvoll. Massenweise Höhenmeter und etliche „fußunfreundliche“ Abschnitte zehren an Ausdauer und „Knochen“ gleichermaßen. Auch was die Attraktivität angeht, schneidet die Runde um Ulm hervorragend ab. Schöne Aus- und Weitblicke, die Wilhelmsburg, das Kiental – das alles bei Tag – und sogar reizvolle Nachtansichten entlang der Donau sprechen für sich.


Ergebnis: 9:41:32 h, Platz 15 von 146, Platz 2 von 10 in M55

Zwischenzeiten und Platzierungen

11 km 1:00:45 h, Platz 20
20 km 1:47:07 h, Platz 18
35 km 3:11:23 h, Platz 18
50 km 4:33:50 h, Platz 15
62,5 km 5:57:44 h, Platz 16
80 km 7:43:25 h, Platz 17
90 km 8:44:24 h, Platz 15

 

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