Da müssen wir eben durch – Alpin Marathon Liechtenstein 2011

Wer sagt, Hölle sei Hitze und Feuer? Kalte Nässe auf der Haut, klamme Finger, Frieren am ganzen Leib, das ist heute mein ganz privates Inferno. Von den Haarspitzen tropft es ins Gesicht. Spüre es kaum noch, alles kältestarr, alles egal. Mit winzigen Schrittchen stemme ich mich gegen den Berg. Kämpfe seit Stunden, am hässlichen Ende der Ewigkeit. Beine schwer wie Marmorsäulen, müde, ausgelaugt. Hab mich dreiunddreißig Kilometer weit und tausendvierhundert Meter hoch geschleppt, bin nur gelaufen, kein Stück gegangen. Stur, verbohrt, an meinem Glaubensbekenntnis festhaltend: Bin Läufer, kein Geher. Und nun? Vor mir erhebt sich ein steiler Hang, grün, schrundig, vereinzelt von Fichten bestanden, läuft oben im hochalpinen Sattel aus. Da muss ich hinauf. Der Pfad wird schmaler, der Untergrund schlechter. In solche Verhältnisse wage ich mich sonst nur in Bergschuhen, zumal bei so einem Dreckswetter. Gehen? Will nicht, kann nicht, darf nicht … Noch ein paar verzweifelte Trippelschritte und dann ist es von einem Moment zum nächsten vorbei. Wahrnehmung mit einem Blick: Pfadspur mehrfach gewunden, glitschig, schlammig, mit Steinen durchsetzt, hohe und höchste Tritte, voraus fünf, sechs andere Läufer und alle gehen. Wahrnehmung gerinnt zu Resignation: Laufen unmöglich! Mein Wille erlahmt, löst sich in Nebel auf, weht davon. Ich … gehe.

Wenn schon gehen, dann richtig. Wie tun’s die anderen, jene mit Erfahrung in Sachen Bergmarathon? Ich schaue und ahme nach. Ist das jetzt ein Ende oder der Beginn von etwas Neuem? Weiß nicht. Weiß nur eins: Muss da hoch, will das packen, will hier raus … ganz bald hier raus!

Vier Stunden vorher

Die Tristheit dieses Morgens in Liechtenstein lässt sich steigern. Grau und feucht war er bereits vor einer halben Stunde, als ich im Startgelände anlangte. Da konnte ich mir noch einreden, die an den Bergen klebenden, fetten Wolken hätten sich über Nacht leer geregnet. Nun trommelt der Regen seit einer ganzen Weile aufs Autodach. Auf der Skala von null bis plus zehn steht meine Stimmung ungefähr bei minus fünf. Bezeichne mich ruhig als Weichei, sollte es dich dazu drängen. Allerdings ist das Wetter nicht der wirkliche Grund für meine „Endzeitstimmung“, höchstens ihr Auslöser. Dahinter verbirgt sich gewaltiges Fracksausen. In ein paar Minuten werde ich mit 600 anderen zum Alpin Marathon Liechtenstein aufbrechen. Kopfzerbrechen bereitet mir dabei nicht die Distanz, sondern vor allem das „Alpin“! Alpin weist auf Höhenmeter hin – 1.870 im Aufstieg und 720 abwärts – und charakterisiert die Wege auf denen gelaufen wird. Als erfahrener Bergwanderer weiß ich zudem, wie sich Regenwetter in alpinen Regionen auf Sicht, Temperatur, Niederschlagsmenge und Wegezustand auswirkt. Damit ist die „Aufgabe“ grob umrissen und nun zu meinen Voraussetzungen: Mein Training fand überwiegend im kaum profilierten Gelände statt. Die Harzquerung mit ihren über tausend Höhenmetern liegt bereits sechs Wochen zurück, kommt als Gewöhnung also kaum mehr in Betracht. Dann passierte das Missgeschick mit dem ausgefallenen Doppel-Marathon-Wochenende. Die Wirkung dieser Trainings-Zweiheit holte ich am vergangenen Wochenende nach. Erst der Marathon in Tuttlingen und am nächsten Tag noch ein flotter Langer über 34 Kilometer im selben Tempo. Das ist vier Tage her und vorgestern hatte ich noch Blei in den Beinen. Im Ziel, so ich es denn erreiche, wird meine Wochenbelastung ungefähr 155 Kilometer betragen.

Welcher Wahnsinnige geht mit solch miserablen Voraussetzungen in einen Bergmarathon? Ich wage nun kaum noch zu ergänzen, dass mich heute die erste ausgesprochen alpine Laufunternehmung erwartet. Dass ich demnach keine Ahnung habe, was die zu erwartenden Bedingungen mit mir anstellen werden. Bergwandern, Bergsteigen, da kenne ich mich aus. Doch dabei handelt es sich um andere Bewegungsformen in robuster, zweckmäßiger Bekleidung. Bin ich mit warmem Langarm-Shirt und Kurztight richtig angezogen? Sollte ich eine Mütze aufsetzen und leichte Fleece-Handschuhe tragen? Werde ich mit bedeckten Armen im 1.100 Meter währenden, ersten Aufstieg den Hitzetod erleiden? Nicht doch besser kurzärmlig laufen? Ich mustere die Bekleidung der anderen, doch der Läufer-Catwalk liefert mir keine entscheidenden Hinweise. Noch zwanzig Minuten. Ich werfe mir eine Kunststoffpelle mit Kapuze über, möchte wenigstens bis zum Start trocken bleiben. Hinterm Starttor herrscht noch gähnende Leere, dafür stehen Trauben von Läufer unter allem, was halbwegs Schutz vorm Regen bietet. „Hallo Udo!“ grüßt Bernie, den ich nur von E-Mails kenne und nun ultrakurz persönlich kennen lerne. Er tritt hier das zweite Mal an, weil beim ersten Versuch das Wetter so schlecht war … Seine unerquickliche „Kernaussage“ wird daher niemanden wundern: „Die schein hier auf Sch...wetter abonniert zu sein!“ Ich brummele irgendwas von wegen „Da müssen wir eben durch“, klinge aber sicher wenig überzeugend.

Dann stehe ich vorm Lkw mit den Kleiderbeuteln. Letzte Möglichkeit meine „Rüstung“ zu korrigieren. Aber es bleibt dabei: Oben lang, unten kurz, keine Handschuhe, keine Kopfbedeckung. Sack auf die Ladefläche und ab. Noch acht Minuten. Ich streune ein wenig umher, wechsele vor dem Starttor die Straßenseite und gehe ein paar Schritte in einen Feldweg, um den Pfützen eine weitere hinzufügen. Langsam füllt sich die Straße. Der Regen wird stärker (oder kommt es mir nur so vor?). Lachen, Scherzen, viele lassen sich ihre gute Laune nicht verderben. Der Frohsinn wirkt nicht ansteckend, weil eine Ahnung mir sagt: Das wird heute richtig übel. Noch eine Minute: Pelle runter, Vorstartfotos, Startschuss.

Zehn Kilometer verläuft die Strecke flach durch die Rheinebene, folgt überwiegend dem Hochwasserdamm. Ab Vaduz beginnt der erste Anstieg von 1.100 Höhenmetern bis etwa zur Halbmarathondistanz. Flach lege ich ein flottes Tempo vor, etwa 5:10 min/km, um aufwärts nicht im eng gestaffelten Hauptfeld laufen zu müssen – so meine entsetzlich blauäugige Vorstellung. Dummerweise verfolgen alle beim Prolog diese Taktik. Konsequenz: Ich falle im Feld immer weiter zurück. Von der Straße geht’s auf einen Feldweg Richtung Rhein. Angesichts zahlloser Pfützen fluche ich still in mich hinein, andere bevorzugen die hörbare Variante. Diese oder jene Lache lässt mir nur zwei Alternativen: Schwimmen oder großräumig ausweichen. Felder, Höfe, Stallungen, kläffende Hunde auf einem Übungsplatz – ich sehe das alles nur aus dem Augenwinkel, bemüht niemandem in die Quere zu kommen und klatschnasse Füße schon in der ersten Viertelstunde zu vermeiden.

Vorm Hochwasserdamm schwenken wir nach links, nutzen einen völlig aufgeweichten Weg. Meine Augen kleben am Boden, um jeder Wasserfalle rechtzeitig auszuweichen. Die Unterschenkel meiner Vorderleute starren bereits vor Dreck. Als Varianten habe ich zu bieten: Graue Spritzer auf nackter Haut, weißen oder schwarzen Kompressionsstrümpfen und Long-Tights in gedeckten Farben.

Marscherleichterung: Über eine Rampe eroberen wir die asphaltierte Dammkrone, außerdem versiegt die himmlische Brause. Doch nicht etwa bis zum Schluss? Hatte nicht Bernie berichtet, das Wetter solle sich bessern? Sofort dreht mein Stimmungsbarometer ein paar Grad nach „schön“. Aber dann schiebt sich ein Zugläufer zentimeterweise an mir vorbei und pflanzt neue Zweifel in meine Läuferseele. „5:00“ steht auf seinem Fähnchen, das er im Laufrucksack auf dem Rücken trägt. Fünf Stunden? Selbstverständlich gehörte zu meiner Vorbereitung auch die Auswertung alter Ergebnislisten, um zumindest einen groben Anhaltswert für die Laufzeit zu haben. Wenn ich mich in die Mitte der Rangliste aus dem Vorjahr projiziere, dann komme ich auf eine Laufzeit von wenig mehr als 4:30 h. Und nun überholt mich der Fünf-Stunden-Pacer? Wahrscheinlich läuft meine realistische Selbstein- auf eine ziemliche Selbstüberschätzung hinaus. Jedenfalls rechne ich ab jetzt nicht mehr damit, dieses Abenteuer in weniger als fünf Stunden zu bestehen …

Ein paar Meter neben und unter mir fließt der Rhein. Hüben Liechtenstein, drüben Schweiz. Mit dem Kurvenlineal gezogene Deiche haben von seiner Ursprünglichkeit kaum etwas übrig gelassen. Flaches, grün-graues Wasser, Kiesbänke, dem Wesen nach ein Gebirgsfluss. Mit dem Rhein, den ich kenne – mehrere hundert Meter breit, reger Schiffsverkehr, überspannt von weit ausladenden Brücken – hat dieses Gewässer nur den Namen gemein.

Was rennt denn der für einen Stiefel? Bei Pacemakern darf man zweierlei voraussetzen: Dass sie nach der vorgesehenen Zeit das Ziel erreichen und diese Aufgabe mit nahezu konstantem Tempo erledigen. Der Fünf-Stunden-Mann rennt mal schneller, mal langsamer, entsprechend schwankt mein Abstand zu ihm. Dem Messias scheint auch nur eine Handvoll Jünger zu folgen. Und die laufen so weit gestaffelt, dass ihre Nähe ebenso zufällig sein könnte wie meine.

Nach neun Kilometern verlassen wir den Damm und laufen frontal auf den Berg zu. Vaduz, Hauptstadt und nächstes Zwischenziel, duckt sich in den Schutz eines Steilhangs. Schon von weitem erkennt man das Schloss der Liechtensteiner Fürsten oberhalb der Stadt. Wie ein Schwalbennest über der Stalltür, klebt der steinern klobige Bau auf felsigem Untergrund. Wenige Meter oberhalb des Schlosses verläuft die Wolkenuntergrenze. Wird es trocken bleiben?

„Die erste Steigung!“ ruft uns ein Zaungast zu und meint damit einen Treppenaufgang, den wir gerade hinter uns gebracht haben. Der ersten folgt noch eine zweite, breite Treppe und von hier oben erschließt sich mir der Sinn dieses Manövers: Per Fußgängerbrücke überqueren wir die Hauptstraße und finden uns in der Fußgängerzone wieder. Die wirkt im ersten Teil wie ausgestorben, obwohl um diese Zeit alle Geschäfte auf Kundschaft warten. Das schlechte Wetter nagelt anscheinend alle 36.000* Liechtensteiner Bürger zu Hause fest. Abgesehen von der kleinen Kolonie, die sich rund um die erste Zeitmessung** versammelt hat. Wen wundert’s, immerhin gibt’s hier Unterhaltung aus Lautsprechern. Ein Moderator müht sich die Leute bei Laune zu halten. Für uns ist exakt ab dieser Stelle Schluss mit lustig. Durch eine Seitengasse verlassen wir die Fußgängerzone und überwinden die ersten echten Höhenmeter …


*) Liechtenstein hatte 2010 ca. 36.000 Einwohner. 12.000 davon sind Ausländer.
**) Zu diesem Zeitpunkt, etwa bei Km 10,3 liege ich auf Platz 297 (von 462 Männern).

Ich habe mich auf diesen Augenblick innerlich vorbereitet und schalte sofort drei Gänge zurück. Schneckentempo ist Pflicht! Ich bin noch frisch und spüre einstweilen wenig von der Steigung. Da hilft nur konzentriertes Laufen, um nicht schneller zu werden. ‚Lauf langsam!’ befehle ich mir mehrmals und halte mich dran. Trotzdem verkürzt sich der Abstand zum Pacemaker. Was nun? Soll ich mir seine Taktik zu eigen machen? Während einiger Meter Unentschlossenheit halte ich mich neben ihm, dann steht fest: Sein Tempo passt nicht zum meinem Rhythmus. Also überlasse ich Schrittlänge und -frequenz ganz dem Laufgefühl und der Zugläufer bleibt zurück. In dieser Entscheidung steckt das Risiko irgendwann einzubrechen und vom Zugläufer geschluckt zu werden. In diesen Minuten scheint mir das sogar wahrscheinlich.

Der Berg gibt sich harmlos auf dem ersten Stück. Vaduz verabschiedet sich mit glattem Asphalt zwischen Wohnhäusern und Weinbergen. Was immer in mein Blickfeld rückt, vermittelt den Eindruck von Wohlhabenheit. Weder in öffentlichen noch privaten Liechtensteiner Kassen mangelt es an Geld, um alles Bestens in Schuss zu halten. Wir erreichen die obere Stadtgrenze und entgehen dem einsetzenden Regen unter uralten Laubbäumen. Auf ebenem, mit Pfützen übersätem Waldweg gönnt das Streckenprofil den Beinen eine kurze Pause. Unerwartet gibt der Wald reizvolle Ansichten des Schlosses frei: Grau und wehrhaft thront es über dem Rheintal, verdrängt jeden Gedanken an filigran verspielte Fassaden von Lustschlössern. Irgendwie passt dieser steinerne Klotz gut in den verregneten Tag.

Ein paar Minuten hinter und über dem Schloss schickt uns ein Streckenposten von der asphaltierten Straße auf einen schmalen, steinigen Bergweg. Der vielfach mit Laubresten gepolsterte, quietschnasse Pfad klettert steil und serpentinenreich im dichten Hochwald empor. Dunkel ist es hier und dampfig, denkbar schlechte Laufbedingungen. Gehende Läufer erschweren das Vorwärtskommen. Bereits hier registriere ich mit gewissem Grimm, wie viel Kraft mein steppender Laufstil kostet und wie wenig Raumvorteil er mir im Vergleich zu „Gehern“ einbringt. Ja, ich weiß: Ab einer gewissen Steilheit, verbunden mit schlechtem Geläuf, ist Gehen ökonomischer. Aber ich will nun mal nicht gehen.

Der Wald bleibt zurück, wesentlich heller wird es trotzdem nicht. Wir stecken jetzt mitten in der am Berghang klebenden Wolke. Der Regen ist nicht stark aber stetig. Almen, Obstbäume, Scheunen, Höfe schälen sich nach und nach aus dem Nebel. Über die Serpentinen eines Bergsträßchens arbeite ich mich aufwärts. Abhängig von der Laufrichtung trifft mich dann und wann ein kalter Windhauch. Längst bin ich klatschnass. Es tropft von den Haarspitzen ins Gesicht, rinnt von den Händen auf nassen Asphalt. Ich wische dagegen an, versuche ansonsten die unangenehmen Empfindungen zu ignorieren. Der heftig fordernde Anstieg hilft dabei. Gespenstisch lautlos vollzieht sich hier ein Marathon. Keine Lunge hat Luft für Gespräche, das generelle Schneckentempo erzeugt kaum Laufgeräusche, den Rest dämpft der feuchte Nebel.

Und dann, nach gerade mal anderthalb Stunden und 500 Höhenmetern, streikt die Kamera. Na toll! Befürchtet habe ich dergleichen schon häufiger, passiert ist es gottlob nie. Aber dieser Dauerregen war ihr dann wohl doch zu viel. Ständig rinnt Wasser von meiner Hand über das Gehäuse und ich habe keinen trockenen Zipfel am Leib, um sie abzureiben. Einschalten, Ausschalten, Funktionen ausprobieren; abgesehen von einer Fehlermeldung auf dem Display und der Selbstabschaltung kann ich dem Elektro-Optik-Schrott nichts mehr entlocken. Mist! Großer Mist! ‚Vielleicht erholt sie sich wieder?’ Seltsam, zu welcher Naivität Menschen in „Notlagen“ neigen. Wider besseres Wissen – jahrzehntelang beschäftigte ich mich von Berufs wegen mit elektronischen Schaltungen – hoffe ich auf eine „Wiedergeburt“, getreu dem Grundsatz: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Wenigstens habe ich keine Probleme mit dem Berg – noch nicht. Gemächlich ziehe ich meine Bahn, setze einen Fuß vor den anderen, tropfe wie ein nasser Lappen, fröstele zuweilen. Wir erreichen den Weiler Triesenberg. Kaum zu glauben, aber einige Bewohner haben ihre Behausungen trotz widriger Witterung verlassen (oder sind es Angehörige der Läufer?). Beifall und Anfeuerungsrufe geleiten uns durch die Gassen, aufwärts, immer weiter aufwärts. Die Steigung wechselt ständig zwischen erträglich und heftig, einstweilen auf Asphalt, was die Sache erleichtert. Gerade stifte ich in Gedanken dem Liechtensteiner Straßenbau eine Dankeskerze, da schickt uns der Streckenposten nach links. Im spitzen Winkel und steil aufwärts zweigt ein Feldweg ab. Hohe Gräser beidseits und zwischen den Fahrspuren freuen sich diebisch ihre triefende Nässe an mir abzustreifen; insbesondere, wenn ich die Spur zum Überholen wechsele, wozu ich öfter gezwungen bin, weil auf dem rauen Steilstück viele gehen. Mein Puls klettert in den roten, beim Marathon verbotenen Bereich. Durch Verkürzen der Schritte steuere ich dagegen. Schließlich taucht der Weg im Wald unter, wird breiter und wieder flacher. Ich starte einen weiteren Versuch der komatösen Digicam Leben einzuhauchen: Pustekuchen!

Am Ende des Waldstücks wird der Blick frei. Nicht nach unten oder in die Ferne, aber immerhin auf die unmittelbare Umgebung. Anscheinend haben wir die fette, untere Wolkenformation durchstoßen. Sattgrüne Almwiesen so weit das Auge reicht. Viele warten noch auf den ersten Schnitt. Ihre langen Halme biegen sich unter der nassen Last und Almblumen, zahlreich wie die Sterne der Milchstraße, halten die Blüten eng geschlossen. Da und dort linst eine aus stückweit geöffnetem Kelch und meint mit resigniertem Schulterzucken: „Schau her, wie schön wir sind! Wie farbenfroh wir für dich leuchten könnten, wenn …“

Masescha heißt der Weiler hier am Berg. Am ersten Haus gibt’s eine inoffizielle Wasserstelle. Pure Begeisterung für Lauf und Läufer trieb die Bewohner vor die Tür, lässt sie im Dauerregen eifrig Becher füllen. Masescha: Kaum drin, bin ich auch schon wieder durch. Ein Stückchen asphaltierte Straße, dann auf den nächsten „verpfützten“ Feldweg, am Ende Abgang über einen schmalen Wanderpfad. Glitschig, spritzig, nass, inzwischen einerlei. Kilometer 18 ist geschafft und endlich gibt’s die ersehnte zweite, vom Höhenprofil versprochene „Ruhepause“. Etwa anderthalb Kilometer trabe ich nun etwa auf gleicher Höhe dahin. 19 Kilometer. ‚Noch zwei bis zum Halben!’ Dort endet der erste gewaltige Anstieg, außerdem geht es danach eine Weile abwärts. An diese Marke klammere ich mich mit Inbrunst seit wir Vaduz bergwärts verlassen haben. In meiner Empfindung wird danach alles leichter. Was für ein Irrtum!

Brutal! Als gälte es die Läufer für ein paar Minuten unbeschwerten Trabens zu bestrafen, folgt eine der bisher heftigsten Rampen und die zieht sich … Wieder pumpt mein Herz mit viel zu hoher Schlagfrequenz und diesmal hilft auch keine Schrittverkürzung. Fast einen Kilometer krieche ich am Berg und verfluche meine Trainingsgestaltung. ‚Warum ein Bergmarathon?’ Natürlich weiß ich warum: Den 100 Kilometern rund um Ulm mangelt es nicht an Höhenmetern. Da empfiehlt sich eben so ein „Knochenjob“ wie dieser als adäquate Vorbereitung. – 20 Kilometer um. Einer noch! Meine Beine packen das. Natürlich fühlen sie sich müde an, schwer, dick, produzieren aber ohne orthopädisches Klagen Laufschritte. Eine Prognose, wie lange sie bereitwillig mitspielen werden, liegt jedoch jenseits meines Erfahrungshorizonts. Ich muss und ich werde es einfach drauf ankommen lassen …

Die ersehnte Tafel mit der „21“! Gleich geschafft. Der Weg – seit einiger Zeit nur noch eine Pfadspur – wird flacher, dann erreichen wir den Kamm des Bergrückens und … platschen ohne Vorwarnung durch sohlentiefen Morast. Ausweichen unmöglich, also mittendurch. Flatsch, platsch, quatsch … 10 Meter, 20, dann wieder festerer Boden. Und abwärts. ‚Reiß dich bloß zusammen! Konzentrier dich! Runter ist saugefährlich bei diesen Verhältnissen!’ Meine Augen kleben am Weg, die Füße auch. Mal „Platsch!“, dann wieder „Flatsch!“ und auch „Quatsch!“. Ich bin nicht alleine: Vor mir „Platsch, flatsch, quatsch“ und auch im Nacken. Ständig ändert der Pfad seine Beschaffenheit, mal erdig nass, mal geröllig, mal „bepfützt“, wieder und wieder Schlamm. Lautsprecherlärm schallt aus dem Tal herauf. Ein Blick aus dem Augenwinkel: Unten im Tal, zwischen Wolkenfetzen erkennbar, stehen Häuser. Immer wieder Matsch. Ich fürchte auszurutschen, finde seltsamerweise aber bei jedem Tritt festen Halt. Dann eine Wiese. Oh Gott! Eine Wiese … Gibt’s was Rutschigeres als nasse Wiesen? Also Tempo raus. Nun auch noch Pampe in der Wiese. Ich tänzele am Rand des Schlammlochs entlang, ein Zuschauer weicht aus (‚Wie kommt der denn hierher?’) und lande ich nach beherztem Satz auf einem Wirtschaftsweg und in Sicherheit.

Immer weiter abwärts und ich bibbere im gefühlt eisigen Wind. Was ist mit meiner rechten Hand los? In den Fingern, die die Kamera umklammern, habe ich kein Gefühl mehr. Ich packe die Kamera linkshändig und versuche die Finger mit kräftigen Greifbewegungen aufzutauen, was mir nach kurzer Zeit gottlob gelingt. Was ist mit meinem Gesicht? Es fühlt sich wie eingefroren an. Sogar ein kurzes Schließen der Augen fällt mir schwer. ‚Verdammter Sch…wind!’ Ein lautloser Fluch. Aufwärts habe ich genug Eigenwärme produziert, drohe nun aber einzufrieren, weil sich Nässe und Kälte in unheiliger Allianz gegen mich verbünden. ‚Hoffentlich zieht es weiter unten nicht mehr so!’

Das Bergdorf Steg liegt vor mir. Rechts ein kleiner See, heute dunkelgrün, bei Sonnenschein sicher türkisblau. Almhütten links, eine kleine Brücke, weitere Almhütten, eine Baustelle. Baustelle? Fahrspuren werden hier wochentags betoniert, nur die Fahrspuren keine komplette Straße. Anscheinend haben Niederschläge den Weg allzu oft weggespült. Mit einem Satz lande ich auf grauem, jungem Beton und trabe stückweit darauf bergwärts. Doch schon nach Sekunden gilt es über angedeutete Stufen im Gras zum Pfad am Wiesenhang zu wechseln. Unter stolzer Aufsicht von Papa, schaufelt ein Mädchen unablässig feinen Schotter auf die Stufen, damit wir nicht abrutschen. Ein kurzer Gewaltakt, dann bin ich auf dem Pfad. Hundert Meter, zweihundert, die nächsten Almhütten. Zuschauer, Getöse, Lärm aus Lautsprechern. Neben mir rast eine grün „Trikotierte“ wie von der Tarantel gestochen los. Verstehe! Das Ziel des so genannten „Halbmarathon Plus“ (ca. 25 km) ist nahe. Tatsächlich taucht weiter vorne eine Matte auf, darunter die Drähte der Zeitmessung. Die Grüne reißt im Finisher-Glück die Arme hoch, uns nasse Hunde – pardon – Marathonis schickt man aus dem Dorf, auf die verbleibenden 17 Kilometer*.


*) Den Abschnitt Vaduz-Steg absolviere ich mit der 204. besten Zeit (von 462 Männern)

Fortwährend auf und ab, länger auf- als abwärts. Wir nutzen einen breiten Wirtschaftsweg, mal durch Bergwald, dann wieder vorbei an Almen. Ich stakse ziemlich gefühllos durch die Gegend, ohne Bezug zu Raum und Zeit. Nicht zum Raum, weil er vollgestopft mit Wolken jede Aussicht verwehrt. Und nicht zur Zeit, weil ich seit dem Halbmarathon die Uhr keines Blickes mehr würdige. Mir ist der Lauf inzwischen ziemlich schnuppe. Das einzige, was zählt, ist weiterlaufen, vorwärts kommen, um irgendwann diesen gordischen Knoten aus Nässe, Kälte und wachsender Müdigkeit zu zerschlagen. Eine warme Dusche und trockene Klamotten beherrschen meine Sehnsucht.

Langsam werden die Finger der linken Hand klamm. Ich starte einen letzten, von null Zuversicht begleiteten Einschaltversuch. Doch das freche Digidings verweigert starrköpfig den Dienst. Kurzer Halt: Gesäßtasche auf, Kamera rein und wieder los. Eine Weile stört das Wippen am Po. Gewöhnung und Gleichgültigkeit machen es aber rasch vergessen. Ein ums andere Mal sind kleine, vom Regen erweckte Bäche zu überwinden. Auch meine Geschicklichkeit hat unter der Kälte gelitten. Ich rutsche von einem Stein und tauche für Sekundenbruchteile mit dem rechten Fuß ins Wasser. Na super! Nass waren die Füße vorher schon, doch nun begleiten mich fürs Erste satte Schmatzgeräusche bei jedem zweiten Schritt …

27 Kilometer, 28, 29 … der wachsenden Unlust vermag ich immer weniger entgegen zu setzen. Was ich hier vollführe hat mit meiner Vorstellung vom Laufen nicht mehr viel zu tun. Ich stolpere verfroren durch die Gegend, sehe wenig und fühle mich absolut besch… Was bleibt ist der Zweck der Übung, der einmal mehr die Mittel heiligen muss. Der Zweck, hartes Training, heute beinahe alleine Sinn stiftend. Was sonst noch? Es ist mein 74. Marathon und wie immer stellt Aufgeben keine Alternative dar! Nie vorher und erst recht nicht hier. Wärme und Trockenheit gibt es nur im Ziel! Der schnellste Weg dorthin ist der auf dem ich unterwegs bin … Es ist düster im Hochtal zwischen den Liechtensteiner Bergen, aber immer noch heller als in mir drin.

30 Kilometer – sonst eine verheißungsvolle Station, nicht mehr so entsetzlich weit vor dem Finish. Da ist das Ende schon absehbar. Und hier? Mittlerweile habe ich trotz nasskalter Verzögerung aller Udo-Funktionen kapiert, dass Kilometermarken auf Strecken wie dieser rein gar nichts besagen. Hier heroben führen Höhenmesser und Streckenprofil ein strenges Regiment. Und sie verlangen noch einen brachialen und diverse kleinere Anstiege vorm ersehnten Zieleinlauf.

32 Kilometer. Die letzten Bäume eines Waldstücks bleiben zurück. Vor mir eine grüne Wanne, der Talschluss, im Halbrund von steilen Hängen begrenzt. Im Normalzustand würde ich mir Sorgen machen, ob das Joch, der Sattel voraus, im Laufschritt überhaupt bezwingbar ist. Nach dreieinhalb Stunden in einem nassen, durchgefrorenen und bereits reichlich erschöpften Körper renne ich emotionslos darauf zu. Mein Kopf formt beim Anblick des Hindernisses zwar mehrmals stumm einen Kraftausdruck. Aber das ist ein Reflex, von keiner inneren Regung begleitet. Das Wort könnte genauso gut die gleichnamigen Tretminen bezeichnen, um die ich hie und da einen kleinen Bogen machen muss.

Rechts oben eine Hütte, der Weg senkt sich kurz, überquert einen Bach und nach zwei Minuten passiere ich eine weitere Behausung am Gegenhang. Zwei Männer in Schutzbekleidung (Feuerwehr? Bergwacht? Sanitätspersonal? Waldarbeiter?) lugen mir mit verhaltenem Interesse entgegen. Vorbei. Die Pfadspur wird steiler, dann noch steiler, meine Beine arbeiten hart am Limit. 33 Kilometer. Vor mir baut sich der Talschluss auf, grün, schrundig, vereinzelt von Fichten bestanden, läuft oben im hochalpinen Sattel aus. Da muss ich hinauf. Der Pfad wird schmaler, der Untergrund schlechter. In solche Verhältnisse wage ich mich sonst nur in Bergschuhen, zumal bei so einem Dreckswetter. Gehen? Will nicht, kann nicht, darf nicht … Noch ein paar verzweifelte Trippelschritte und dann ist es von einem Moment zum nächsten vorbei. Wahrnehmung mit einem Blick: Pfadspur mehrfach gewunden, glitschig, schlammig, von Steinen durchsetzt, hohe und höchste Tritte, voraus fünf, sechs andere Läufer und alle gehen. Wahrnehmung gerinnt zu Resignation: Laufen so gut wie unmöglich! Mein Wille erlahmt, löst sich in Nebel auf, weht davon. Ich … gehe.

Wenn schon gehen, dann richtig. Wie tun’s die anderen, jene mit Erfahrung in Sachen Bergmarathon? Ich schaue und ahme nach. Ist das jetzt ein Ende oder der Beginn von etwas Neuem? Weiß nicht. Weiß nur eins: Muss da hoch, will das packen, will hier raus … ganz bald hier raus!

Keine Chance vom Gehen wieder ins Laufen zu wechseln. Der Pfad bewahrt seinen widerborstigen Charakter und ist von gehenden Läufern blockiert. Der Puls pocht selbst beim flotten Gehen nur knapp unterhalb des Grenzbereichs. Also akzeptiere ich die Situation, wie sie ist. Jetzt. Hier. Zugleich weiß ich sicher: Unter solchen Bedingungen will ich meine Leidenschaft „Laufen“ nicht ausleben. Das nächste Mal werde ich besser vorbereitet sein – in jeder Hinsicht.

Der Pfad mündet in eine grob geschotterte Bergstraße. Es fällt mir schwer, aber ich zwinge mich in schwerfälligen Trab. Streckenposten stehen am Wegrand, versprühen gute Laune. Sinnlos. Ich möchte mir jetzt nicht ins Gesicht sehen müssen. Fühle mich ausgezehrt, müde, kaputt. Jeder Schritt verlangt Überwindung. Bin angeschlagen, wie ein Boxer, der schon mal zu Boden musste. Bin gegangen und das hat meinen mentalen Schutzwall gesprengt. Noch einmal, für vielleicht dreißig Meter, wird der Weg steil und wieder streckt den Boxer ein Hieb zu Boden …

Der Sattel ist erreicht. Eine Verpflegungsstation. Ich muss etwas gegen die Entkräftung tun. Drücke mir widerliches Gel in den Mund, spüle mit ebenso ekliger Iso-Chemie hinterher. Noch ein Becher Wasser zum Verdünnen und weiter. Weiter heißt runter. Runter. Runter. Kilometer 35. Sprachfetzen aus einer Lautsprecheranlage dringen an mein Ohr. Weiter runter. Tauche in ein tief eingeschnittenes Kar, der Lautsprecher verstummt für Minuten. Laufe um die Bergflanke und wieder der bruchstückhaft bis gar nicht verständliche Kommentar. Wer oder was ist das? Kilometer 36. Stimmen hinter mir. Eine „Sie“ und ein „Er“, gut gelaunt plauschend. Mir unverständlich, wie man nach Stunden unter solchen Umständen noch so drauf sein kann. Das geht doch nur, wenn … ach egal. Wenigstens erfahre ich auf diese Weise, dass der Kommentar vom Zielbereich herauf schallt, den man bei gutem Wetter selbstverständlich sehen könnte. Bei gutem Wetter …

„Unten haben wir noch eine halbe Stunde bis ins Ziel!“ meint „Er“ zu „Ihr“. Was es mit „unten“ für eine Bewandtnis hat, bekomme ich nicht mit, begreife es aber umgehend, als ich höchstselbst dort „unten“ ankomme. „Unten“ liegt bei Kilometer 37 und ist ein Synonym für doppelte Grausamkeit: Zum Greifen nah, geschätzte hundert Meter querab, im Dörfchen Malbun, steht der Zielaufbau und wir dürfen in einer weiten Schleife erst noch das komplette Hochtal erobern. Außerdem muss, wer in den Bergen „unten“ steht und vorwärts will, naturgesetzlich fixiert erst wieder rauf. Mir bleibt keine Zeit für inneres Lamentieren, sofort ringe ich wieder mit der Schwerkraft. Tempo strebt gegen Null, Puls gegen Rot, Atem gegen Not. Schrittchen um Schrittchen. Drüben begrüßt der Zielsprecher einen Finisher: „4:18 h! Eine tolle Zeit!“ In Gedanken addiere ich die von „Ihm“ vorhergesagten 30 Minuten und rechne mir eine Endzeit von etwa 4:50 h aus. Der Blick voraus findet kein Ende dieser mörderischen Rampe. Entmutigend. Also hefte ich ihn fest auf den Boden und vergesse die Welt – beinahe. „Sie“ hat „Ihn“ zurück gelassen, bewegt sich auf gleicher Höhe mit mir. Schaut mich an, lächelt, sagt was. Bestimmt kann sie sehen, wie fertig ich bin. Hätte ich noch ausreichend Kraft, würde ich sie dafür hassen … Endlich flacher. Vom breiten Fahrweg nach rechts auf einen Pfad und neuerlich: Runter, rauf, runter, rauf … so, wie Wanderwege in den Bergen nun mal beschaffen sind. ‚Eh schon wurscht …’ denke ich und gehe wieder in steilem Gelände. Das müsste nicht sein, könnte es auch laufend packen. Aber warum soll ich mich nach dem Sündenfall noch kasteien? Adam und Eva haben den verbotenen Apfel nach dem ersten Bissen und der Vertreibung aus dem Paradies sicher mitgenommen und aufgegessen.

Im weiten Bogen umrunden wir den Talschluss. Seit wann regnet es nicht mehr?? Aus dem weiterhin dunkel drohenden Himmel fällt kein Tropfen mehr und der Wind ist eingeschlafen. Ich friere nicht mehr und würde jemand fragen, wie ich mich fühle, müsste ich paradoxerweise sagen: Kräftiger und besser als vor einer Stunde. Noch zwei Kilometer. Ein letzter, steiler Buckel zeigt mir seinen hämisch gereckten Mittelfinger. Was soll’s, auf meinem Rücken klebt das Kainsmal: „Bin gegangen!“. Also kneife ich auch vor dieser letzten Heimsuchung. – Stimmen in meinem Rücken wecken einen Totgeglaubten. Oh nein! Das ist wie in einem der vielen Psychothriller: Nach dem Zweikampf liegt der Mörder erschlagen, erstochen, erschossen am Boden und alle atmen auf. Doch dann erhebt er sich im Rücken des Helden und dein Atem stockt … Mein Ehrgeiz, dieses Mistvieh, zuckt schlussendlich auch wieder. Stimmen im Rücken! Ich will nun nicht mehr überholt werden! Also los: Laufschritt! Vorbei an dem Herrn, den ich schon zweimal sagen hörte: „Geschafft! Jetzt geht’s nur noch bergab!“

Sanft bergab und ich laufe, halte sogar ein beachtliches Tempo. Der unvermeidliche Blick zur Uhr, danach eine kurze, anscheinend gleichermaßen unvermeidliche Kalkulation: ‚Wenn ich die Beine in die Hand nehme, pack ich’s noch unter 4:50 h!’ Total bekloppt! Absicht und Ausführung! Nun rase ich tatsächlich dieses sanfte Gefälle hinunter, so flott es geht. Und ich begreife nicht, weshalb es noch dermaßen schnell geht!? Woher kommt die Kraft? Ich war doch schon fix und alle!? Die ersten Häuser von Malbun, von Schotter auf Asphalt, im Affenzahn um eine Kurve, Tafel 40 Kilometer, 4:49:xx h in der Anzeige meines Forerunners. Endspurt und dann bin ich endlich im Ziel …

Vielleicht wollte ich mich mit diesem überflüssigen und völlig unbedeutenden Schlussgefecht gegen die Uhr als Läufer rehabilitieren. Übrigens vor niemand anderem als mir selbst. Doch nicht einmal diesen winzigen Sieg gönnte mir der Alpin Marathon in Liechtenstein. Leider hatte ich übersehen, dass keine Nettozeit genommen wird. Offizielle Zeit: 4:50:00 h*.


*) Den Abschnitt Steg-Malbun absolviere ich mit der 196. besten Zeit (von 462 Männern)

Persönliches Fazit

Der längste Marathon meines Lebens bescherte mir ein paar unangenehme Stunden. In Nässe und Kälte zu frieren, empfand ich weniger übel, als im Steilhang nicht mehr laufen zu können. Beides vermittelte mir die klare Einsicht, dass ich Marathon auf diese Weise nicht will. Nach einigen Tagen Abstand möchte ich auch dieses Erlebnis nicht mehr missen, es ist Teil meiner Laufgeschichte. An meinem läuferischen Glaubensbekenntnis ändert das jedoch nichts. Künftig werde ich mich vergleichbaren Aufgaben ausgeruht stellen, mit der echten Chance jeden Meter laufend zurück zu legen.

Offen bleibt die Frage, woraus ich die Kraft während der letzten halben Stunde schöpfte. Phoenix aus der Asche kann ich mir nur mit einer „selektiven Erschöpfung“ mangels Bergtraining erklären. Im Flachen und bergab hatte ich noch Reserven. Dafür spricht auch die rasche Erholung nach dem Finish.

Dass ich die Pace im Vergleich zur Konkurrenz grundsätzlich nicht überzog, beweisen die Zwischenzeitnahmen. Während ich den flachen Auftakt nur als 297. beendete, platzierte ich mich auf den Bergpassagen um etwa 100 Plätze verbessert.

Veranstaltungsfazit

Bis auf das Wetter, kann ein Veranstalter alle Bedingungen steuern. Das Wetter war miserabel, der Rest hervorragend organisiert. Meine schönste Erinnerung bildet das Duschzelt: Unablässig sprüht heißes Wasser aus unzähligen Düsen …

Die Strecke in Liechtenstein kann Traum oder Albtraum sein – je nach Wetter, Einstellung und individueller Herangehensweise. In jedem Fall sollte man sie nur gut ausgeruht und bestens trainiert in Angriff nehmen.

 

Ergebnis: 4:50:00 h, Platz 208 von 462, Platz 13 von 43 in M55

 

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