Born to be wild    –    Schlaubetal Marathon 2010

„Ja hält denn der das durch?“ Die Fragestellerin wohnt in Kieselwitz, etwa eine Laufstunde westlich von Eisenhüttenstadt und steht im Garten ihres schmucken Einfamilienhäuschens. Sie richtet sie an mich und meint Roxi, als wir nebeneinander auf zwei Beinen und vier Pfoten durch den Weiler traben. Mehrmals erntet unsere Marathon laufende Hündin an diesem Tag ungläubiges Staunen bei Zaungästen und Mitläufern. Jener unbekannten Dame entgegne ich ein lapidares „Besser als ich!“. Später, unter der Dusche und in der Umkleide nach Roxi befragt, verdichte ich es zur eigentlichen Wahrheit: „Limitierender Faktor bleibe auf Dauer ich!“

Du magst mir nachsehen, wenn ich einem Laufbericht die Vorstellung unserer Hündin voran stelle. Aber ich werde von einem doppelten Debüt erzählen; von Roxis erstem Marathon, zugleich meinen ersten 42,195 km mit Hund. Und um dich ins geschilderte Szenario einfühlen und das wahre Ausmaß der „Tierquälerei“ beurteilen zu können, brauchst du Roxis Steckbrief: Roxi ist drei Jahre alt und die Folge einer gemischtrassigen Liaison. Papa „Golden Retriever“ schenkte ihr seine Gutmütigkeit (ihr Hundeherz schlägt vor allem für Kinder jeden Alters) und das wilde Wesen stammt von Mama „Australian Shepard“. Als sie mit anderthalb Jahren, bereits ausgewachsen, zu unserem Laufrudel stieß, war sie im besten Hunde-Teenie-Flegelalter. Sie musste sich anpassen, in zahllosen Ausbildungsstunden mit Ines ungemein viel lernen und dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Schnell hatte unser Hundemädchen seinen Spitznamen weg: „Born to be wild“. Wenige werden den gleichnamigen Song der Band „Steppenwolf“ (zugleich Filmmusik im Motorrad-Epos „Easy Rider“) im Ohr haben und darin jene Zeilen, die wie keine anderen Freiheitsdrang und Bewegungscharakter unserer Hündin auf den Punkt bringen:

„Lookin’ for adventure … explode into space … we were born, born to be wild“!

Typische Szene aus unserem Lauftrainingsalltag: Wir verlassen den Wald und kommen an einer Wiese vorbei. Ansatzlos brennt in Roxis Kopf eine Sicherung durch. Wie vom Hundefänger verfolgt, rast sie plötzlich los, mal kläffend mal still und dreht in Höchstgeschwindigkeit eine weite Runde im Gras. Sekunden später zurück vermittelt sie den Eindruck eines über die Maßen glücklichen Hundes …

In kürzeren „Testwettkämpfen“ an Ines’ Seite hat sie Volkslauftauglichkeit unter Beweis gestellt. Ihre wahre Natur konnte das notwendige Erziehungskorsett gottlob nicht antasten. Wie es um Roxis Ausdauer bestellt ist fragst du? Lass es mich so beschreiben: Gemeinsame lange Läufe um die 30 km ermüden mich sehr. Roxi apportiert danach gerne Stöckchen – im Sprint versteht sich.

Heute tritt Roxis Rudel in Eisenhüttenstadt an. 10 Kilometer warten auf Ines, über 42 auf mich und Roxi. Warum eigentlich zum zweiten Mal durchs Schlaubetal, da ich doch grundsätzlich unbekannte Läufe vorziehe, um meine „Sammlung“ zu erweitern? „Laufen bei Freunden“ titelte ich 2007 im Laufbericht. Die Herzlichkeit von Kathrin (-chen) und Bianka (Schnatterinchen), den Organisatorinnen des Schlaubetal Marathons, sowie ihrer vielen Helferinnen, stellvertretend Anett (Erdbeerkeks) und Beate (Laufschnecke), ist unvergessen. Die Aussicht dort auch Tatjana (Tati), Binchen, Jörg und andere Laufbekannte zu treffen war ein weiteres Argument. Den Ausschlag gab letztlich, dass Ines diesmal mit von der Partie ist, um Land und Leute kennen zu lernen.

Grund genug für Hochstimmung während morgendlicher Anreise nach Eisenhüttenstadt. Das famose Wetter eines wunderschönen Oktobertages tut ein Übriges. So kann ich es kaum erwarten, das in leuchtende Herbstfarben getauchte Schlaubetal zu erleben. Nach herzlichem Hallo schon bei der Startnummernausgabe startet Ines um 10 Uhr zur 10 km-Runde. Fünf Minuten später sind wir an der Reihe. Das soll mein Marathon Nummer 64 werden, doch heute ist beinahe alles anders. Die Stunde vor dem Start war von vielen Gesprächen und schwanzwedelnder Unruhe geprägt. Von Besinnung auf die bevorstehende Aufgabe kann keine Rede sein. Für Roxi bedeutet der Lauf kaum mehr als überlanges „Gassigehen“. Darin stimme ich als 2. Rudelvorstand mit der Rudelchefin völlig überein. Aber was wird aus mir im dritten Marathon innerhalb von sechs Wochen? Ein Marathon mit abschnittsweisem Cross-Charakter, der obendrein nicht unerheblich Höhenmeter überwindet. Nach zwei Marathons bei denen ich mich völlig verausgabte, hat Roxi auch die Funktion einer „Ehrgeizbremse“. Ich werde meine Aufmerksamkeit auf sie richten, deutlich langsamer laufen und deshalb Attacken ungesunden Leistungswillens unterdrücken müssen. Ein Finish unter vier Stunden gilt als „Frage der Ehre“, doch ansonsten ist alles offen.

Hund und Mann sind aufgeregt. Welchen Platz einnehmen? Roxi darf niemanden behindern und selbst nicht versehentlich getreten werden. Also nach hinten? Andererseits werden wir schneller unterwegs sein als ein großer Teil des Feldes. Demnach in die Mitte? Jäh unterbricht Hexensabbat meine Überlegungen. Im Kostüm steckt Beate, die für noch mehr Spaß bei Läufern und Zuschauern sorgen soll. Das seltsam ausstaffierte Wesen riecht sympathisch nach Mensch und gewinnt – abrakadabra – mit flugs herbei gehexten Leckerlis eine neue Freundin. Die Zeit wird knapp. Nur noch eine Minute und ich bin unfertig, unentschieden, beinahe konfus. Na gut, erst einmal nach hinten. Dort warten aber schon drei Vierbeiner mit ihren Herrchen auf den Start. So gut die sich untereinander auch vertragen, Roxi betrachten sie als Eindringling. Einer fletscht die Zähne und wirft sich vehement ins Geschirr. Damit habe ich gerechnet, aber nicht mit Roxis Reaktion. Normalerweise lässt sie solche Provokation nicht auf sich sitzen und weist den Angreifer in seine Schranken. Heute reagiert sie mit einem verständnislosen Schwanzwedeln, fühlt sich weder bedroht noch angemacht. Wahrscheinlich ist sie einfach zu fixiert auf das, was sie erwartet: Laufen!

Heute ist alles anders. Auf ausreichend Sicherheitsabstand Mensch-Hund und Hund-Hund bedacht verschlafe ich den Start. Panik! Mein Forerunner konnte seine Satelliten nicht einfangen. Blöde Maschine! Panisch schalte ich sie aus und sofort wieder ein. Meine zornigen Gedankenimpulse scheinen das „Ding“ eingeschüchtert zu haben. Jedenfalls bietet es so rasch wie nie zuvor seine Dienste an. Einige Sekunden zu spät für den Startschuss, aber die Zeit ist heute wurscht und wir haben uns noch keinen Zentimeter von der Stelle bewegt. Aber jetzt! Holterdiepolter lassen wir uns vom Sog mitreißen.

Was für ein wirbelndes Durcheinander in meinen Kopf! Mit Roxi am laaaaaaangen Arm fühlt sich das nach Trainingslauf an, quasi nicht öffentlich und nicht nach Marathon. Und mein Bio-Computer hängt noch in der Endlosschleife „Startvorbereitungen“, während die Füße sich schon in die erste Kurve legen. Ein paar Mal müssen wir außen vorbei, weil langsamere Zweibeiner den Weg verlegen. Müssen wir wirklich? Oder ist das Tempo zu hoch? So perplex war ich nicht mal beim ersten Marathon in Berlin unter 40.000 Läufern. Dafür hat Roxi nicht den mindesten Zweifel, was jetzt zu tun ist. Laufen! Aber he! Vor der Hundenase bewegen sich Beine und das geht gar nicht. Eine Roxi rennt an der Spitze des Rudels („Born to be wild!“). Schon schneidet die dünne Leine in meine Handfläche. „Langsam!“ raune ich ihr zu, bemüht nicht aufzufallen und rucke dazu dreimal kurz am Strick. Für kurze Zeit hängt das Seil durch, bis Roxi inmitten zahlloser Beinpaare vergisst, an wem sie sich zu orientieren hat. „Roxi langsam!“ zische ich ungehalten und rucke fester am Strick, was mir einen zwar aufmerksamen, aber auch etwas ängstlichen Hundeblick beschert.

Zum Auftakt geht’s also mit Zischen und Rucken durch Eisenhüttenstadt, was ich jedoch wegen Vollbeschäftigung nur am Rand notiere. Außer der Dressurnummer mühe ich mich um ausreichend Abstand. Hunde sind in Wettkämpfen grundsätzlich nicht vorgesehen und ich möchte niemanden irritieren oder behindern. Während das Feld wie vorgesehen auf dem Bürgersteig trabt, nutzen wir – so lange irgend möglich – den Fahrbahnrand.

Schon huscht die erste Kilometermarke vorbei. 5:05 min. ‚Zu schnell!’ entscheide ich, rucke am Seil, zische „Langsam!“ und versuche so die sechs Beine einzubremsen. Dringend nötig, denn noch vor der Stadtgrenze steigt der Kurs sachte an. Hinter den letzten Häusern lenke ich Roxi gezwungenermaßen auf den Radweg neben der Straße. Kein Problem in der zwischenzeitlich schon lückenhaften Läuferkette Platz zu finden. Puh! So steil hatte ich diesen Radweg gar nicht in Erinnerung. ‚Langsam!’ zische ich – nein nicht zu Roxi – diesmal in Gedanken zu mir selbst. Bloß nicht schon am Anfang das üble Ende besiegeln. Roxi tippelt im Grunde schon jetzt recht diszipliniert. Trotzdem schneidet der dünne Strick unangenehm ins Handgelenk. Deshalb rucke und zische ich mehr, als sie verdient hätte. Mein schlechtes Gewissen schürt Zweifel, ob das so eine gute Idee war Roxi diesen Kurs und mir selbst den Psychostress „Hundeführer“ zuzumuten.

Der Radweg hat die Hochfläche westlich Eisenhüttenstadt erklommen und wird flacher. In sanftem Auf und Ab zieht Acker um Acker vorbei. Eiskalter Windhauch lässt mich heftig frösteln. Schon hier überholen wir die Nachhut des 10 km-Feldes und ich hoffe inständig nicht zu Ines aufzulaufen. Das brächte meinen Vierbeiner völlig aus dem Konzept. Nach vier Kilometern sortieren menschliche und gemalte Wegweiser den Strom der Wettkämpfer: Alle Marathonis, halbe und ganze, geradeaus. Ich schaue den abzweigenden „Kurzstrecklern“ hinterher, vermag Ines jedoch nirgends auszumachen. Meine Frau scheint heute recht flott unterwegs zu sein. Apropos flott: Mein Schnitt liegt etwa bei 5:20 min/km. Sollte ich noch langsamer …? Mittlerweile friere ich so erbärmlich an den Armen, dass ich den Gedanken schnell verwerfe. Die meisten Mitstreiter haben sich nicht von der Sonne verführen lassen und traben recht zugeköpft durch die Gegend. Wie mein Hund, wenn auch aus einem anderen Grund, sehne ich mich nach Wald …

Hinter der Ortschaft Diehlo, nach gut fünf Kilometern, erfüllt sich unser Wunsch. Vom schmalen Sträßchen halblinks abzweigend tauchen wir im Halbdunkel des Waldes unter. Ich bleibe stehen und befehle „Sitz!“ Dem folgt rasch ein lobendes „Brave Roxi!“. Nach bald einer halben Stunde Zischen und Rucken hat sie sich das mehr als verdient. Ich befreie Roxi von der Leine, verstaue das Seil in meiner Gesäßtasche und trabe mit dem Kommando „Fuß!“ wieder an. Mir ist als könnte ich ihre Enttäuschung fühlen. Und hätte sie menschliche Worte, müsste ich mir jetzt ihr entrüstetes „Was soll denn das? Wir sind doch im Wald!“ anhören. „Geht nicht anders! Sind noch zu viele um uns rum!“ würde ich dann antworten. Rucken kann ich nun nicht mehr und brauche es auch nicht. Ebenso wenig wie Zischen. Die unsichtbare, durch gelegentliche Kommandowiederholung geknüpfte Verbindung Mensch-Hund funktioniert besser als der blöde Strick und fast stressfrei.

Etwa anderthalb Kilometer später kommt es noch besser: Das Gros der Läufer verzweigt nach rechts und folgt dem Halbmarathonkurs. Kaum mehr als eine Handvoll Aufrechter rennt geradeaus weiter. Das „Roxi lauf!“ hat meine Stimmbänder noch nicht richtig verlassen, da sprintet „Born to be wild“ auch schon los. „Jetzt freut sie sich aber!“ meint der Laufkamerad neben mir. „Und sie kann überhaupt nicht begreifen, warum sie so lange darauf warten musste!“ antworte ich gut gelaunt. Roxi hat unterdessen die Vorauslaufenden überholt. Mehrmals schnüffelt sie kurz, unternimmt eilige Abstecher in den Wald und kommt dann zurück, um sich ein bestätigendes „Fein Roxi!“ abzuholen. Wieder verfliegt das Marathon-Gefühl für Augenblicke. Alles wie im Training. Und wie im Training werden ihre Ausflüge länger. Im Bewusstsein alles richtig zu machen, kehrt sie nicht mehr so häufig um, nähert sich auch nur bis Herrchen sicher identifiziert ist.

Der Weg verlangt abschnittsweise mehr Konzentration und Kraft. Sandige Passagen wechseln mit Waldboden oder gehen in einen von schweren Fahrzeugen übel umgepflügten „Acker“ über. In Schlangenlinien, das Ausrutschen jeden Augenblick erwartend, umkurve ich Pfützen von der Größe eines Ententeichs. Auch über ein Stück des gefürchteten groben Kopfsteinpflasters, das sich aus unbearbeiteten Steinen in der Größe von Kinderfäusten zusammensetzt, mal rund, mal kantig, mal eckig, eiern die Füße. Zum Glück lässt sich das Pflaster meistenteils am längst überwachsenen Rand umlaufen.

Für Blicke in den lichten, herrlich stillen Wald auf beiden Seiten habe ich wenig Muße. Die Augen schwenken ruhelos zwischen Bodenbeschaffenheit und Roxi hin und her. Gerade tippelt sie hinter den Fersen eines hageren, hoch aufgeschossenen Läufers, der sich ein paar Mal nach ihr umdreht. Hat er Angst? Ich bin zu weit weg, um das beurteilen zu können, hole Roxi aber zur Sicherheit per Pfiff zurück. Wie kann ich die Situation auflösen? Überholen ist eine einfache, taktisch aber auch unkluge Lösung. Eine Minute volle Fahrt voraus, dann, auf gleicher Höhe mit dem Mann, entlasse ich Roxi demonstrativ in die Freiheit.

Der Wald tritt zurück und die lose Kette wie versprengt wirkender Wettkämpfer rennt auf ein Dorf zu. Wahnsinnig interessant findet Roxi die gepflegten Einfamlienhäuser von Kieselwitz und huscht zu genauerer Inspektion gleich durch ein Gartentor. Zoff mit Bewohnern oder vierbeinigen Wächtern will ich nicht riskieren und pfeife Roxi mit barschen Befehlen zurück. Fuß an Fuß erreichen wir die nächste Verpflegungsstelle unter betagtem, herrlich buntem Eichenbaum. „Roxi sitz!“ Den ersten Becher Wasser leere ich in einem Zug, vom zweiten biete ich Roxi an. Wie erwartet zeigt sie kein Verlangen und dreht den Kopf zur Seite. Na dann weiter. Zwanzig Jahre Nachwendezeit haben in Kieselwitz alle Spuren der einstigen DDR getilgt. Häuser, Gärten, Zäune, Straßen, Bürgersteige – zumindest oberflächlich wirkt alles wie aus dem Ei gepellt. Samstägliche Ruhe, lediglich meine Schritte sind zu hören, kaum Zaungäste. Erst jene eingangs zitierte Frau mit ihrem Zweifel an Roxis Ausdauer vertreibt den Eindruck ein Fremdkörper zu sein.

Entlang der letzten Kieselwitzer Anwesen reicht man uns mit wütendem Gebell von Gartenpforte zu Gartenpforte weiter. Roxi lässt sich davon nicht beeindrucken. Kläffer hinterm Zaun lassen sich weder beschnüffeln, noch braucht man Attacken zu fürchten. Auf harter Betonpiste (doch noch ein Relikt aus alten Tagen) geht’s noch ein wenig hinan und alsbald, zuletzt mit starkem Gefälle hinunter ins Schlaubetal. Unter Hochspannung, weil ich nicht zum ersten Mal hier laufe, erwarte ich jetzt nicht weniger als eine Naturschönheit ersten Ranges, einen Traum aus Farben und herbstlichen Gerüchen. Der Wasserspiegel eines Weihers blitzt durch die Bäume. Einer plötzlichen Eingebung folgend wetze ich in einem Affenzahn an dem Mann vor mir vorbei, nur um Sekunden danach scharf zu bremsen, ihn mit schussbereiter Kamera vor dem Ufer zu erwarten und … klick!

Wer noch nie hier war, den trifft es völlig unvermittelt und mit einer Wucht, die den Mund nicht mehr nur zum Atmen offen hält. Und was ich heute laufend erblicke übertrifft meine Erinnerungen. Das macht die Sonne, die das bunte Laub in allen Tönen von grün, gelb, braun und rot leuchten lässt. Ein Hohlweg bildet den Eingang ins Traumland der Farben, in eine Landschaft, die der Himmlische auf dem Höhepunkt seiner Kunst geschaffen hat. Kein noch so gedrechselter mit Superlativen aufgeladener Satz könnte dir mehr als ansatzweise schildern, was ich sehe … Bäume zum Beispiel: Dünne und dicke, prächtig himmelwärts ragende und tote, von Pilzen befallen mit Moos überwuchert. Buchen und Eichen dominierend, von ein paar Kiefern aufgelockert. Neben mir der Bachlauf: Mal dunkel und langsam fließend mit herrlich ausgefransten Ufern, an denen Farne, Büsche und Gräser sich um die besten Plätze streiten. Dann, für aberhundert Schritte, öffnet sich das Tal zum sumpfigen Becken. Dein Blick findet keine Wasserfläche mehr, streicht dafür über einen wahrhaft geheimnisvollen Ort. Sicher tanzen dort hinten Wassernixen, wenn sie die Abendnebel vor den neugierigen Blicken der Sterblichen verbergen. Und über allem spannt sich schützend ein Dom aus Blättern, schöner koloriert und prächtiger ausgestattet als jedes barocke, von Menschenhand geschmückte Gewölbe.

Dieser Sinnestaumel, die Aneinanderreihung von Schönem, noch Schönerem und Herrlichem dauert erst einmal fünf Kilometer. In Höhe Bremsdorfer Mühle, deren altes Rad du leicht übersiehst, falls du den Kopf nicht zur Seite wendest, scheint die Orgie zu Ende. Ist sie aber nicht. Jenseits der Straße geht die Ekstase weiter, nur anders. Hier speist die Schlaube den Großen Treppelsee, an dessen weitschweifige Ufer sich der Laufkurs für weitere fast fünf Kilometer schmiegt. Wasservögel dümpeln auf dem stumpf-blauen, nur leicht gekräuselten Spiegel des Sees. Ein bunter Fleckenteppich aus Blättern weist dir den Weg durch ein atemberaubendes Ensemble, das Mutter Natur aus den Bausteinen Wasser, Wald und Himmel geschaffen hat. Noch einmal: Ich kann fabulieren wie ich will. Begreifen und ergriffen sein wird nur, wer je sehenden Auges im Herbst dort gelaufen ist …

Roxi habe ich keineswegs vergessen. Die macht ihr eigenes Ding – lookin’ for adventure – und ich lasse sie gewähren. Die 10 km Schlaubetal misst sie mit Sicherheit doppelt ab. Hin und her und wieder hin und wieder her. Der arme Hund müsste nicht so weit rennen, wenn Herrchen nicht so lahmarschig dahin trottete. Roxi ist genauso begeistert vom Schlaubetal wie ich. Diesen Satz meine ich ernst und kann ihn belegen. Vor allem zu Beginn des Blätterteppichs, aber auch später dann und wann, im steten Auf und Ab des Uferwegs, kriegt sie einige ihrer beschriebenen Anfälle der Art „explode into space“. Rast mit irrem Tempo los, um irgendwo weit vorne, oft hinter einer Wegbiegung außer Sichtweite, umzukehren, wenn der Adrenalinstoß abebbt. Natürlich zieht sie auch der Wasserlauf magisch an. Man kann sich die Pfoten kühlen, saufen vom kühlen Nass, auf umgefallenen Bäumen über den Bach balancieren oder einfach nur irgendwelchem Getier am Ufer nachschnüffeln. Schlussendlich flitzt sie lustvoll hinter Herrchen her, am lahmen Jogger vorbei und stürmt zu den nächsten Läuferbeinen voraus.

Ach ja – wir befinden uns in einem Marathonwettkampf. In seltenen Augenblicken bin ich mir dessen bewusst. Dennoch verdienen auch die sportlichen Bedingungen eine Würdigung. Denn die 10 Kilometer Schlaubetal sind wunderschön, aber nicht ungefährlich und – pardon – verflucht aufreibend. Der Blätterteppich schmeichelt dem Auge, verbirgt allerdings zahlreiche Stolperfallen. Steine, Äste und Millionen Wurzeln. Erarbeitete Höhenmeter gehen Sekunden später wieder verloren. Rauf, runter, rauf, runter, mehrfach, wer weiß wie oft. Alles in allem eine Kraft raubende Strapaze für die Laufwerkzeuge. Als wir das Schlaubetal nach gut 23 Kilometern verlassen, schmerzen meine Knie und die fortgeschrittene Ermüdung macht mir Sorgen.

Einstweilen ist Erholung angesagt. Dass ich von Erholung spreche, während es unablässig aufwärts geht, sachte zwar, aber eben rauf, liegt am Untergrund. Der Forstweg ist fest und eben. Ich stelle ein erträgliches Tempo ein und trabe ohne merkliche Richtungsänderung sanft bergan, fünf, zehn, fünfzehn Minuten. Absolvierte Strecke? Tempo? Wahrscheinlich kontrolliere ich dann und wann die Anzeige, sehe natürlich auch die Schilder. Solche über zigtausend Kilometer eingeschliffenen Automatismen funktionieren unbewusst. Aber es interessiert mich nicht die Bohne, hinterlässt keine Spur in meinen Erinnerungen. Die sind randvoll mit Wald. Erst Mischwald und dann ein weiteres, sehr persönliches Geschenk. Eichenwald! Eichen gibt es bei mir zu Hause nur als singuläre Baumgestalten. Hier wächst ein ganzer Wald davon. Tief, so tief wie möglich, atme ich die würzige Luft. Nichts duftet vergleichbar gut, wie feuchter, von Eichenlaub bedeckter Boden. Bilder von Läufen rund um Potsdam steigen in mir auf, damals anlässlich eines Lehrgangs an der ehemaligen, von der Bundeswehr übernommenen Sportschule der NVA. Die gibt es schon lange nicht mehr. Zu teuer …

Roxi ist noch bei mir. Mehr oder weniger. Manchmal eben auch hundert Meter voraus. Ab und zu pfeife ich nach ihr (das Pfeifen wird von mal zu mal leiser …) und gebe ein Kommando, um das Band zwischen Herr und Hund zu erneuern; lasse sie auch mal im „Sitz!“ auf mich warten, weil ich anders keine Chance auf ein Foto „Roxi im Wald“ bekomme.

An einem Verpflegungsstand endet die angenehme Waldpartie. Vorläufig. Von zwei Bechern Cola erhoffe ich mir ein wenig Stärkung. „Roxi Fuß!“ Hinter einem Paar, die führende Frau und ihr Begleiter, schwenken wir auf einen Radweg ein. Nach ein paar Metern lassen sie uns passieren und Roxi darf wieder ihrer Wege ziehen. Meine Füße begrüßen den glatten Asphalt wie einen guten, alten Freund. Aber auch gute Freunde können anstrengend werden. Über mehrere Wellen zieht das Asphaltband fordernd aufwärts, abwärts und zuletzt auf die Ortschaft Fünfeichen zu. Mit Roxi am Fuß begegne ich hier der 30 km-Marke. Sonst oft eine Stelle vorläufiger Bilanz und vorsichtiger Schätzung laufe ich beinahe achtlos dran vorbei. Die Laufzeit ist heute absolut nachrangig. Erstens. Und zweitens kenne ich die tatsächliche Länge der Strecke nicht. Letztes Jahr waren es über 43 km, nach neuerlicher Streckenkosmetik wohl weniger.

Roxi muss am Fuß bleiben. Hinter Fünfeichen bewegen wir uns – wie es sich für Fußgänger gehört – am linken Rand eines schmalen Sträßchens. Mit geringer Neigung abwärts, was mir körperlich gut bekommt. Psychisch streben wir einer kleinen Krise zu, weil es Roxi im Gefälle geradezu magnetisch und eben befehlswidrig von mir wegzieht. Das geht gar nicht! Also herrscht zwischen uns ein Weilchen Zischen mit Knurren und als Folge Zucken mit ängstlich Gucken. Damit kein Zweifel aufkommt: Ich bin geradezu vernarrt in den wilden Charakter unserer Hündin. Aber sie braucht auch immer wieder Führung vom Leitwolf, der klare Grenzen zieht.

Zwei Kilometer später endet die „Erziehungseinlage“, wir dürfen zurück in den Wald. „Lauf!“ Ein nahezu ebener Waldweg, problemlos, harmlos. Das ist gut so, mittlerweile tun mir nämlich alle „Gräten“ weh. Gegen Ende soll es wegen einer Steigung noch mal hart werden. Das stimmt, ist aber maßlos untertrieben. Zumindest für einen, in dessen Treibstofftanks nur noch die Neige schwappt. Jetzt ist Schluss mit lustig! Der Kurs erschöpft in buckligem Auf und Ab, Tendenz aufwärts und hält am Boden alle erdenklichen Bosheiten bereit: Da grinsen Wurzeln mit bleichen, zur Sicherheit weiß gekalkten Gesichtern, tarnen sich Steine, um vielleicht doch eine Fußspitze zum Stolpern zu bringen. Stollen wie Knollen bieten jede Menge Gelegenheit zum Umknicken. Und während du alle diese Prüfungen bestehst, drehen dir kurze, steile Aufschwünge und lockerer Sand langsam den Saft ab. „Feuchtgebiete“ gibt es auch, matschige Rinnen und große Pfützen. Mich zwingen sie zu schlingernden Kursänderungen, Roxi löscht darin ihren Durst: Schlapp, schlapp, schlapp … mit geschickter Zunge schaufelt sie das Nass und flitzt auch schon wieder weiter.

In meiner Erinnerung dehnt sich dieser Abschnitt endlos. Ein kleines bisschen Mutlosigkeit macht sich breit. Wie weit noch? Wie weit bis ich hier raus bin und wie weit überhaupt? Laut rumorendes Motorgeräusch hinter mir. Oh mein Gott! Das auch noch. Sch…fotografen. Nach einem verärgerten „Zu mir!“ und baldigem „Fuß!“ beginnt der Paarlauf von Neuem. Hinter uns blitzt es. ‚Verdammt! Seht zu, dass ihr vorbei fahrt!’ Ich quetsche Roxi an den Rand der Böschung, setze Trippelschritte – um Himmels Willen jetzt nicht stürzen! – dann holpert, dröhnt und stinkt das Quad vorbei. Geknatter mitten im Wald! Wie ich diesen Unfug hasse. Der im Sozius stehende Fotograf richtet seinen Geschützturm auf uns und schießt blitzende Salven. Ich komme mir vor wie die Bismarck im letzten Gefecht, kurz bevor die tödlichen Treffer einschlagen und sie in den eisigen Fluten des Nordatlantiks versinkt.

Der erwartete, bekannte und auf Dauer völlig aussichtlose Kampf dauert an. Immer und immer wieder renne ich gegen Mauern an. Jedes Mal scheinen sie höher und weiter entfernt. Schwäche heißt der Gegner. Keiner kann ihn besiegen. Letzte Reserven und ein starker Wille lassen dich weiter laufen. Fahrgeräusche voraus: „Roxi zu mir!“ Wir überqueren eine Straße und setzen unseren Weg gegenüber fort, auf schmalem Pfad zwischen Waldrand und Feld. Zumindest weiß ich nun wo wir sind: Auf dieser Straße verließen wir Eisenhüttenstadt vor gut drei Stunden. Die Nähe der Stadt verschafft mental Erleichterung. Körperlich bleibt es hart. Der weiter aufwärts ziehende, von grobstolligen Fahrradreifen vertiefte und vom Regen ausgewaschene Pfad fordert volle Konzentration. Roxi? Klar ist die noch da. Übrigens absolut fidel und von dem genialen Mega-Gassi körperlich überhaupt nicht angegriffen. Gerade schnüffelt sie im Zickzack einer Spur hinterher, die Nase nur Millimeter über dem Boden. Ein paar Sekunden gönnt sie mir die führende Position, bricht dann die Spurensuche ab, rast hinterher, vorbei und setzt sich wieder an die Spitze des Rudels (Zur Erinnerung: „Ja hält denn der das durch?“).

Die Stadt! Nicht gänzlich unerwartet, letztlich doch überraschend öffnet sich eine tolle Aussicht über die Dächer bis weit nach Osten. Ich stoppe für ein Foto. Ein, zwei Mitstreiter laben sich am Verpflegungstand nebenan. Ich laufe daran vorbei, passiere den Waldrand und gelange auf einen unter verhältnismäßig hohem Gras kaum sichtbaren Weg. Unsicherheit: Bin ich hier noch richtig? Eine klug gesetzte Markierung räumt meine Bedenken rechtzeitig aus. ‚Wie kommt denn das Auto hierher?’ Die Frau im Auto müht sich mittels undurchschaubarer Manöver vorwärts (?), rückwärts (?), wohin auch immer zu gelangen. „Zu mir!“ und „Fuß!“ Sicher ist sicher, wer kennt schon den Grad der Verzweiflung und die Motive der Dame hinterm Steuer?

Der mit Gras bewachsene Weg zieht in weiter Kurve über eine Höhe und senkt sich am Horizont hinunter nach Eisenhüttenstadt. Zeit könnte ich abwärts kaum aufholen, wenn ich das im Sinn hätte. Meine Knochen tun zu weh und die Gefahr auszurutschen ist mancherorts zu groß. Das muss jetzt sein! Ich bleibe stehen, rufe Roxi und positioniere sie fotogen vor der Tafel mit der „40“. Auch wenn sie nicht kapiert, wozu das gut ist, dem Rudelführer bereitet der Schnappschuss großes Vergnügen.

Runter, runter, zuletzt vorbei an Gartengrundstücken und auf ein schmales Sträßchen. Ein Hinweisschild „HM 19 km“ gibt Aufschluss. Also noch gut zwei Kilometer zu laufen! Auf dem Parkplatz eines Baumarktes ist es mit Roxis Freiheit dann endgültig vorbei: „Zu mir! Fuß!“ Nicht zu früh, denn nun geht es für kurze Zeit auf dem Bürgersteig an der Hauptstraße entlang. Passanten klatschen. Bei vielen erhellt ein Lächeln das Gesicht, wenn sie meinen Begleitschutz sehen. Seite an Seite über die kurzzeitig von Polizei gesperrte Straße, dann traben wir durch einen Park. Ich bin müde und ziemlich fertig, halte ein erträgliches Tempo, von dem ich nicht sagen könnte, ob es noch passabel oder schon schneckenlangsam ist. Aber das ist egal. Gerade passieren wir Kilometer 42 und damit ist die Schlacht geschlagen. Der Rest ist Formsache. Vor allem geht es nun darum Roxi „formvollendet“ ins Ziel zu bugsieren. Das ist schwieriger, als es sich anhört, denn dort wartet Frauchen mit der Kamera. Wir werden eine tolle Figur machen! Das steht außer Zweifel. Dumm ist nur, dass Frauchen ungemein gut riecht und Hundenasen so wahnsinnig sensibel sind. Die Schwierigkeit meiner Aufgabe wird darin bestehen, Roxi am stundenlang entbehrten Frauchen vorbei ins Ziel zu dirigieren!

Menschen sehen besser als Hunde, darum mache ich Ines um einiges früher aus als Roxi. Von diesem Moment an behalte ich ständig sie im Blick und eben nicht das Ziel. Wir nähern uns Frauchen, die sich hinter der Kamera versteckt und plötzlich geht ein Ruck durch den Hundekörper. Alles an Roxi spannt sich und mit den Augen fixiert sie die Stelle wo Ines steht. Leise und jeden dritten, vierten Schritt wiederhole ich das Kommando und sichere mir einen Rest ihrer Aufmerksamkeit: „Roxi Fuß! … Fuß! … Fuß!“ Ihr Kopf schwenkt zur Seite, aber sie gehorcht. Längst ist Frauchen identifiziert! Wir traben vorbei: „Roxi Fuß!“ Ihr Kopf dreht sich nach hinten, aber sie bleibt bei mir.

Wir sind im Ziel. Irgendwann gewesen. Wo genau der Zielstrich war, weiß ich nicht, musste zu sehr auf Roxi achten. Irgendwer drückt mir einen Zettel mit meinem Laufergebnis in die Hand. Man zieht mir den Chip vom Handgelenk, hängt mir eine Medaille um und ein Handtuch über die Schulter. Und Roxi ist weg. Nicht weit. Zehn Meter jenseits des Zieleinlaufs, hinter einem Baum, kann ich schemenhaft erkennen wie sie um Frauchen herum wieselt und wilde Freudensprünge vollführt. Dann sind beide heran und der Zweibeiner empfängt ebenfalls Ines Glückwünsche. Da fehlt doch noch etwas! Bianka, einer der beiden Köpfe der Organisation, ist plötzlich da und hängt auch Roxi eine Medaille um den Hals …

Laufzeit Udo: 3:48:11 h
Platzierung: 33. von 99 Teilnehmern
Platz in M55: 3. von 9 Teilnehmern

Laufzeit Ines (10 km): 58:57 min

 

Fazit zum Schlaubetal Marathon

Da kann ich nur sagen: Hinfahren, sich wohl fühlen, laufen und genießen. Das OrgTeam mit Kathrin und Bianka an der Spitze stellt alljährlich eine Veranstaltung auf die Beine bei der alles klappt, es an nichts fehlt und der Spaß am Laufen im Mittelpunkt steht.

Die Strecke würdigt der Bericht im Detail. Zusammengefasst ist sie unvergleichlich schön und vorzugsweise für LäuferInnen mit guter Ausdauer und sicherem Tritt geeignet. Eine so lange Strecke mit Crosscharakter lässt sich kaum besser sichern, als das in diesem Fall geschah. Hindernisse waren gekennzeichnet. Auf dem anspruchsvollen Schlussteil, wo die Konzentration schon erheblich nachgelassen hat, hatte man viele Stolperstellen mit weißer Farbe markiert.

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